Beilage

„Antifaschsimus"

der jW vom 05.09.2015 


 

Kunst in Aktion 

Die Lage am Brandort Deutschland zwingt zur Auseinandersetzung, lässt aber auch Raum für Kreativität. Vom Ölgemälde bis zur Kommunikationsguerilla: Die Gegenkultur ist ausbaufähig 

Claudia Wangerin 

Beilage „Antifaschsimus" der jW vom 05.09.2015 

 

Viele linke Aktivisten haben 2015 bisher als ein Jahr erlebt, in dem sie bestenfalls »Feuerwehr« spielen können: Reagieren auf rechte Massenmobilisierungen und Anschläge auf Flüchtlingsheime, reagieren auf pöbelnde Rassisten und »Nein zum Heim«-Initiativen »besorgter Bürger«, in denen sich organisierte Neonazis wie Fische im Wasser bewegen. Antifaschisten konnten in den letzten Monaten immer dorthin fahren, wo der Mob sich gerade versammelt hatte, um seinen Frust über die eigene Perspektivlosigkeit in Freital oder Heidenau gegen traumatisierte Menschen zu richten, die aus Kriegs- und Krisengebieten geflohen waren. Eine begrenzte Zahl unermüdlicher Aktivisten war ständig unterwegs, um gegen die medial als »Asylkritiker« verniedlichten Demagogen und Verhetzten zu protestieren. Tausende Freiwillige versorgten bundesweit ankommende Flüchtlinge mit Lebensmitteln und Sachspenden. Manche taten sogar, was die Hetzer polemisch von allen verlangen, die gegen rigorose Abschottung sind: Sie nahmen Asylsuchende bei sich zu Hause auf. Musiker und Filmstars positionierten sich gegen Rassismus – und irgendwann fasste sich sogar die etablierte Politik ein Herz und schlug sich zumindest mit Lippenbekenntnissen auf die Seite der Flüchtlinge, die es bis nach Deutschland geschafft hatten. So auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD), die gerade erst im Schuldenstreit um das EU-Spardiktat für Griechenland deutlich gemacht hatten, dass sie Demokratie und soziale Menschenrechte nicht für »must haves« halten, sondern für etwas, das man sich leisten können muss – und dass Empathie für notleidende »Ausländer« fehl am Platz ist, solange sie im Ausland leben. 

Wenn sich der Mangel an Empathie aber mitten im »Standort Deutschland« vor den Asylunterkünften manifestiert, gibt sich die etablierte Politik entsetzt: Gabriel nannte die randalierende »Nein zum Heim«-Fraktion sogar »Pack«. Ist Antifaschismus nun Mainstream? Verpflichtet sich der Vizekanzler, nie wieder Gastkommentare für die Bild zu schreiben, in denen er »die deutschen Arbeitnehmer und ihre Familien« gegen links wählende, sparunwillige Südeuropäer ausspielt? Lehnt er jetzt Waffenexporte an Golfmonarchien ab, damit in Zukunft weniger Menschen aus der Region fliehen müssen? Bekommt Griechenland endlich Reparationen für deutsche Kriegsverbrechen, statt von BRD-Politikern im Zusammenspiel mit Europäischer Zentralbank, Internationalem Währungsfonds und EU-Kommission weiter als Protektorat betrachtet zu werden? Muss der deutsche Inlandsgeheimdienst endlich seine Rolle im Dunstkreis des Rechtsterrorismus offenlegen? Natürlich nicht. Und Flüchtlinge, die es nicht bis »Kerneuropa« schaffen, sind der Bundesregierung weiterhin egal. 

In diese Wunden müssen unabhängige Antifaschisten ihre Finger legen, wenn sie nicht nur Feuerwehr sein wollen. Kreative und Aktionskünstler, um die es hier gehen soll, tun es schon. Zum Teil als Profis, was schwer ist, weil eine tragfähige, linke Subkultur fehlt, die weniger bekannten Künstlern die Existenzangst nimmt, wenn sie sich klar positionieren, zum Teil als politische Menschen anderer Berufsgruppen, die Aktionskunst und Kommunikationsguerilla als Ausdrucksformen entdeckt haben. Auf diesem Gebiet hat sich 2015 viel getan – die wohl meistdiskutierte Aktion ging vom »Zentrum für politische Schönheit« aus, das im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge zur Bestattung nach Deutschland brachte. Der Liedermacher Konstantin Wecker weist unterdessen auf den Zusammenhang von sozialen Verwerfungen, aggressiver deutscher Außenpolitik und dem frustrierten Mob vor den Flüchtlingsheimen hin. Staatliche Verstrickungen in den organisierten Rechtsterrorismus haben sowohl professionelle Theatermacher als auch kreative Aktivisten aufgegriffen. 

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Kreative Eingreiftruppe 

Existenzangst und politische Reinheitsapostel hindern linke Künstler daran, klare Kante zu zeigen. Das muss nicht so bleiben 

Leander Sukov 

Beilage „Antifaschsimus" der jW vom 05.09.2015 

 

Früher war manches besser. Tatsächlich. Zum Beispiel die linke Subkultur. Man konnte beim linken Bäcker Brötchen kaufen, im linken Plattenladen musikalische Kampfunterstützung und im linken Buchladen Theorie und Fiktion. Die Konzerte linker Musiker, viele von ihnen mittlerweile vergessen, waren leidlich besucht; Bücher gingen gut weg, misst man’s an heutigen Verkaufszahlen, Ausstellungen wurden frequentiert, und politische Kunst konnte, mit etwas Einsatz, Glück und Selbstvertrauen, Frau und Mann ernähren. Man befand sich sozusagen im sozialen Netz der Linken – von Jungsozialisten bis zur Marxistischen Gruppe. 

Die Wahlerfolge linker Parteien waren marginal, nirgendwo saß eine in einem Landesparlament, aber die Subkultur war stark. Jetzt ist es andersherum. Die Linkspartei sitzt in vielen Landesparlamenten und im Bundestag. Aber eine starke linke Subkultur? Nada. 

Und das merken die Künstler. Es gehört, im Gegensatz zu den Siebzigern und Achtzigern des 20. Jahrhunderts, Mut dazu, sich deutlich und vielleicht sogar tagespolitisch links zu äußern. Die Feuilletons erwarten, dass man als Künstler nach allen Seiten offen, also nicht ganz dicht ist. 

Klare Positionierung verstört. Überall ist Biedermeier – in den Köpfen und in den Werken. Wer klare Kante gegen Neonazis fordert, darf »Linksextremisten« nicht zu nahestehen; wer sich kritisch gegen die USA äußert, muss sich ebenso kritisch über China äußern, sonst ist er untendurch. Allerseits wird ein »Sowohl als auch« erwartet. Es ist zum Kotzen. Und es liegt – auch – begründet im Fehlen eines subkulturellen Netzes, das die Sicherheit bietet, auch dann als Künstler überleben zu können, wenn man aus dem bürgerlichen Kulturbetrieb herausfällt. So wie es den Liedermachern Hannes Wader und Franz Josef Degenhardt, aber auch anderen, ging, die trotzdem, manchmal gerade deshalb, von einer weitläufigen und starken linken Kulturszene gestützt wurden. 

Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb sich Künstler, von denen viele in der Tendenz eigentlich links sind, uneindeutig präsentieren. Ein anderer sind wir. Das heißt jene von uns, die vor dem Internet nicht auffielen, weil sie nur nach Sitzungen oder Demos am Tresen schwadronierten. Die, welche auf sämtliche Lebensereignisse mit einem passenden Lenin-Zitat antworten können, auf jedes unstimmige Wort mit einem langweiligen Gerede über die Welt antworten und dabei die Welt überhaupt nicht sehen, die außerhalb ihrer Gruppenabende und ihrer Scheuklappenexistenz besteht. Sie hauen dem »Zentrum für politische Schönheit« ihre gesammelten pathologischen Systemverwerfungen um die Ohren. Sie wollen jedes Mal aufs neue debattieren, wieviel Marx und Engels wohl auf eine Nadelspitze passt. Auch das Abschreckungspotential der Reinheitsapostel hat mit dem Mangel an linker Subkultur zu tun. Bestünde diese kulturelle Basis – die Vertreter der reinen Leere würden als Pausenclowns und nicht als überaus nervige Existenzbedrohung wahrgenommen. 

Die politische Plakatkunst war, spätestens seit den Rostra-Fenstern im revolutionären Russland und den politischen Plakaten in der Weimarer Republik (Wladimir Majakowski, Max Pechstein, John Heartfield), ein fester Bestandteil der Kunst von links. Und die Künstler, die sie in verschiedenster Weise herstellten, konnten sie verkaufen: über Postshops und auf Straßenfesten, auf Parteisitzungen und Gewerkschaftstagungen. Belletristik zu lesen, gehörte für Jahrzehnte zum guten Ton. Und die Autoren, von Pablo Neruda bis zu Ronald M. Schernikau, hatten eine Lebensbasis durch den Verkauf ihrer Produkte, die linken Verlage folglich auch. Schöngeistige Literatur wurde nicht als Nebensache, als Zeittotschlagen, sondern als Teil der Gesamtkultur wahrgenommen. Diese Zeiten scheinen mir vorbei zu sein. Man hat es als Maler, Schriftstellerin, Bildhauer oder Musikerin per se schwer; sein Einkommen innerhalb der Linken zu erzielen, ist unmöglich. Es ist keine Basis dafür vorhanden. 

Die prekäre Situation, in der Künstlerinnen und Künstler leben, ist hanebüchen. Sehr viele Schriftsteller, Maler, Bildhauer und Liedermacher beziehen Hartz IV. Die Alimentierung ihrer Arbeit nehmen sie zwar hin, aber es kann ja nicht das Lebensziel sein, mit der Drangsalierung durch Jobcenter und dem Antragslotto für Stipendien und Stiftungszuwendungen zu überleben. Für diese Künstler steht die Lebensperspektive auf dem Spiel, sobald sie sich politisch eindeutig äußern. Wird man sie dann noch für die nächste Ausstellung in öffentlichen Räumen buchen? Werden sie weiterhin ihre Kolumne in der Regionalzeitung schreiben? Wird das nächste Buch dann noch an entscheidender Stelle besprochen werden? Wenn sie sich bekennen, gehen sie ein erhebliches Lebensrisiko ein. 

Sie können zu Recht erwarten, dass zumindest das Feedback wohlwollend oder kritisch-solidarisch ist und nicht voller Vorwürfe mit dem Ziel der Aus- und Abgrenzung daherkommt. 

Wenn von Künstlern, deren Prominenz sie vor solchen Auswirkungen schützt, eindeutige Aussagen kommen, stünde es der Linken gut an, sie positiv aufzugreifen und den Kontakt zu diesen Leuten zu suchen. Auch deshalb, weil man dringend wieder eine Kunstbasis bracht, die auch diejenigen trägt, deren Bekanntheit nicht so hoch ist, dass sie das Risiko minimiert. 

Die vielen Festivals, vom Paradiesvogelfest auf Schloss Weitersroda in Thüringen und »Jamel rockt den Förster« an der Ostseeküste bis zu den »Umsonst und draußen«-Festen, und die vielen Künstler, die sich für Flüchtlinge engagieren, von den 21 Unterzeichnern des Aufrufs »Schleift die Festung Europa« bis zu Til Schweiger, Jan Delay oder Udo Lindenberg – sie könnten der Ausgangspunkt einer künstlerischen Eingreiftruppe sein. 

  

Leander Sukov ist Autor von Romanen, Essays und Gedichten. Die meisten seiner Werke sind im Kulturmaschinen-Verlag erschienen.  

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Aus der Bewegung für die Bewegung 

Die Initiative »Kunst und Kampf« ist eine Art kulturelles Gedächtnis der Autonomen Antifa. Ihr Ansatz bleibt aktuell 

Markus Bernhardt 

Beilage „Antifaschsimus" der jW vom 05.09.2015 

 

»Antifa ist mehr als gegen Nazis sein«, war nicht nur in den 1990er Jahren eine gängige Auffassung unter linksradikalen Aktivistinnen und Aktivisten. Tatsächlich zeichnete sich deren Praxis vor Beginn der inzwischen zutage getretenen existentiellen Krise der Autonomen Antifabewegung durch Vielfältigkeit aus. Neben – zum Teil militanten – Protesten gegen neofaschistische Aufmärsche widmete sich das Gros der Antifagruppen dem Kampf gegen deutsches Großmachtstreben, Angriffskriege und rassistische Hetze, die wie heute sowohl am rechten Rand als auch in der Mitte der Gesellschaft verortet wurde. Neben Demonstrationen und Aktionen, die regelmäßig stattfanden, existierte ein dichtes Netz von Autonomen Zentren und selbstorganisierten Freiräumen. In diesem Zusammenhang spielte antifaschistische Kunst und Kultur eine nicht zu unterschätzende Rolle. So gehörten Ausstellungen und Agitprop-Aktionen genauso zum gängigen Repertoire der Antifa wie Konzerte und Lesungen. Dieses Zusammenspiel von Aktion, Agitation und (Sub-)Kultur hat seither zumindest in der autonomen antifaschistischen Szene an Bedeutung verloren. Ihre Zentren und subkulturellen Treffpunkte existieren nur noch in einigen Metropolen und größeren Städten. Die vormals starke und schlagkräftige Antifabewegung ist durch eigene Widersprüche und Befindlichkeiten sowie fehlenden Mut zu ideologischer Klarheit massiv geschwächt. Einst überregional aktive Antifagruppen wie etwa die Antifaschistische Linke Berlin (ALB) haben kapituliert und sich aufgelöst. 

Wer aber eine ernstzunehmende Alternative zum vorherrschenden Betrieb der Kultur- und Belanglosigkeiten bieten und damit vor allem auch auf junge Menschen attraktiv wirken will, wird – fernab von Massenblockaden und Demonstrationen – um antifaschistische Kunst und Kultur nicht herumkommen. Die Initiative »Kunst und Kampf« (KuK) des Antifaschisten Bernd Langer scheut eben diese Auseinandersetzung nicht, sondern befördert noch heute die Debatte um ein antifaschistisches Selbstverständnis und eine eigene, hausgemachte Kultur. Bereits Mitte der 1980er Jahre hatte Langer mit einigen Genossen die Initiative KuK ins Leben gerufen, die einen neuen Kunstbegriff vertrat. »Kunst aus der Bewegung für die Bewegung«, das sei der Anspruch von KuK, heißt es etwa auf der Internetseite der Initiative. »Aus einer avantgardistischen Position heraus wird der Bruch mit den Konventionen propagiert und die Verschmelzung mit der radikalen Bewegung. Die individuelle Kunsturheberschaft wird durch die Behauptung ersetzt, dass die kämpfende Bewegung aus sich heraus eine eigene Ästhetik schafft«, heißt es dort. Zugleich bleibe aber künstlerisches Schaffen auch »ein subjektiver Akt«. Nicht das anonyme Kollektiv, sondern die Individuen machten schließlich die Kunst. 

Bernd Langer, der bereits seit 1977 mit der autonomen Szene verbunden ist, engagiert sich nach wie vor in Sachen antifaschistische Kultur. Viele Publikationen zum Thema Widerstand, zur Organisierung und Geschichte der Antifabewegung gehen auf sein Konto. Im Rahmen der Initiative »Kunst und Kampf« entstanden zahlreiche Plakate und Ölgemälde sowie Aktionskunstkonzepte. Langer, der in den 1990er Jahren bekanntes Mitglied der Autonomen Antifa (M) in Göttingen und des Organisationsversuchs Antifaschistische Aktion/Bundesweite Organisation (AA/BO) war, kann für seine unermüdliche Arbeit nur gedankt werden. Man muss nicht im Detail alle seiner Einschätzungen und Erfahrungswerte teilen – und doch hat er durch seine kontinuierliche Arbeit die bisherigen Vermächtnisse der Autonomen Antifabewegung vor dem Vergessenwerden bewahrt. Dies ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil nicht nur Langer selbst, sondern auch die Organisationen und Initiativen, in denen er sich engagierte, mehrmals staatlichen Kriminalisierungsversuchen und Repression ausgesetzt waren. So ermittelte die Staatsanwaltschaft in den 1990er Jahren gegen Aktivisten der Autonomen Antifa (M) nach den Gesinnungsparagraphen 129 und 129a, die gegen mutmaßlich kriminelle bzw. terroristische Vereinigungen angewendet werden, und erhob Anklage. Dabei bezog sich die Verfolgungsbehörde unter anderem auf ein Plakat von KuK, das sogenannte Weiterstadt-Plakat. Die Parole »Freiheit für alle Gefangenen aus RAF, Widerstand und Antifa!« wurde im Zusammenhang mit dem Sprengstoffanschlag der Roten Armee Fraktion (RAF) auf einen Gefängnisneubau in Weiterstadt als Werbung für eine terroristische Vereinigung interpretiert. 

Die versuchte Kriminalisierung von KuK ist vor allem in der Ausstellung »Kunst als Widerstand« dokumentiert worden. Eine überarbeitete Fassung der Ausstellung wurde nach 1994 unter dem Titel »Verbotene Kunst« mehr als 35 mal im In-und Ausland gezeigt. 

Die heute noch in autonomen Antifagruppen Aktiven täten sicher nicht falsch daran, sich wieder verstärkt der eigenen Geschichte zu widmen und aus vor allem auch hausgemachten Fehlern zu lernen. Eine schlagkräftige Antifabewegung, die in der Lage und auch Willens ist, den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Krieg zu erläutern und Faschisten und Rassisten den Garaus zu machen, ist mit Blick auf die pogromartige Stimmung gegen Flüchtlinge aktuell notwendiger denn je. 

www.kunst-und-kampf.de 

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Gelebte Humanität 

Konsequenter Antifaschismus darf auch die Diktatur der Banken und Konzerne und die aggressive deutsche Außenpolitik nicht tolerieren 

Konstantin Wecker 

Beilage „Antifaschsimus" der jW vom 05.09.2015 

 

Es ist schon interessant: während die EU unter dem Tarnbegriff »Austeritätspolitik« an der Wiege der europäischen Demokratie Massenelend in unfassbarem Ausmaß produziert, mit Deutschland an der Spitze dieser Politik, gehört das Reden von Demokratie und Toleranz zum guten Ton in aufgeklärten Kreisen. Einerseits besteht dort anscheinend Konsens über die Verurteilung hasserfüllter Internetpöbeleien verblödeter Neonazidumpfbacken – und das ist ja auch gut so. Andererseits scheint das antidemokratische Verhalten gegen Griechenland keines Aufschreis wert zu sein. 

Meines Erachtens gehört zur Faschismusprävention endlich wieder eine Sozialpolitik, die ihren Namen verdient, nicht zuletzt im Falle Griechenlands. Es gehören Reparationszahlungen dazu, die wenigstens als Geste den griechischen Opfern von einst deren Würde zurück geben, es muss Schluss gemacht werden  mit der brutalen Austeritätspolitik, die ganze Staaten in den Abgrund treibt. Zu einer umfassenden Faschismusprävention gehört auch unabdingbar, wieder und wieder, Tag für Tag, eine in allen Lebensbereichen warmherzig praktizierte Humanität, eine gelebte Mitmenschlichkeit, die verhindert, dass erneut aus geschundenen Menschen Befehlsempfänger werden, wie sie das »Dritte Reich« kannte. 

Antifaschismus darf sich demzufolge  nicht darauf beschränken, nur gegen pöbelnde und randalierende Neonazis Position zu beziehen.  

Wenn ein Prozent der Menschheit so viel besitzt wie die übrigen 99 Prozent, dann ist diese Ungerechtigkeit der Schoß, aus dem ein faschistischer Putsch geboren werden kann. Also ist es auch notwendig immer wieder auf die Verursacher dieser Ungerechtigkeit hinzuweisen. 

Innenminister de Maizière will Flüchtlingen das Taschengeld kürzen, Populisten der CSU greifen wieder zur »Asylmissbrauch«-Keule – wer aus rein wirtschaftlichen Gründen das Recht auf Asyl als Einwanderungsrecht missbrauche, müsse Deutschland zügig wieder verlassen, so die Christsozialen. Das ist im wahrsten Sinn des Wortes ein Spiel mit dem Feuer. 

»Wenn wir in Europa unter einem Defizit leiden, dann ist es ein Defizit an Demokratie. Die Institutionen, die über das Leben der Menschen entscheiden, ändern wir in demokratiefreie Zonen. Davon profitieren schwarze Mächte, die Demokratie und Menschenrechte aushöhlen wollen.« Das sagte Gianis Varoufakis in einem Stern-Interview am 11. Februar 2014. 

Und während in bizarrer Unmenschlichkeit gnadenlose Finanzmärkte Griechinnen und Griechen, die nie auch nur ein Cent von den hochgelobten Hilfsgeldern erreicht hat, kaltschnäuzig verbluten lassen, während wir jetzt alle gebannt auf diese fast unglaublichen Ereignisse starren, beschloss fast klammheimlich die große Koalition eine Verschärfung des Asylrechts, die auf eine Kriminalisierung fast aller Flüchtlinge hinausläuft, und zwar inklusive der umgehenden Inhaftierung. 

Das ist die gängige Methode: Dramatischen Geschehen nutzen, um weiter die Daumenschraube anzuziehen, die man der Demokratie schon seit längerer Zeit angelegt hat. Öffentlich auf Pegida schimpfen, aber heimlich sich dem Druck der xenophoben Nationalisten zu beugen. 

»Das ist kein Zufall, eine neonationalistische Stimmung breitet sich aus, in Politik, Medien und Bevölkerung. Es ist akzeptabel geworden, ›Deutschland zuerst!‹ nicht nur zu denken, sondern auch zu schreien…«, schreibt Sascha Lobo zu Recht. 

Man stelle sich vor, Griechenland gerät in ein wirtschaftliches Chaos, wird unregierbar und in eine Militärdiktatur zurückverwandelt und hierzulande wird gleichzeitig einem Neonationalismus der Weg bereitet. Passiert das nur einfach so? Ist das beabsichtigt? 

Wir dürfen Protest nicht den Rassisten überlassen. Man kann sich nicht lautstark für Flüchtlinge positionieren und gleichzeitig deutsche Waffenexporte, die ja mitverantwortlich sind für Fluchtursachen, gutheißen. 

Antifaschismus darf nicht nur Lippenbekenntnis sein, sondern bedeutet eben auch, die Ursachen des Elends in unserem herzlosen und zutiefst ungerechten Gesellschaftssystem zu benennen. Für jeden klar denkenden Menschen muss offensichtlich werden, dass jemand, der sich bereichert, weil er aus Geld mehr Geld macht oder bei der Ausbeutung von Arbeitskraft mit allen Tricks und »Outsourcing« in Billiglohnländer gewerkschaftliche Mindeststandards unterläuft, schlicht zu den Strauchdieben unserer Gesellschaften zählt. 

Weshalb es auch eine Riesensauerei ist, die Armen, die Flüchtlinge, die Arbeitslosen und wen auch sonst noch mit derartigen Vorwürfen zu überziehen – gipfelnd in Entmenschlichungsvokabeln wie »Schmarotzer« oder »Parasiten«. 

Nennen wir sie daher ruhig beim Namen, diese wirklichen Wegelagerer: Es sind die Großkonzerne der Welt, die zahlreiche Länder der »Dritten« und »Vierten« Welt derart brutal zugrunde richten, dass den Menschen dort keine andere Rettung mehr möglich ist als die Flucht zu uns. Es sind – im Bündnis mit den Großkonzernen – die Finanzspekulanten, die das Geld als Waffe benutzen, um anderen, den arbeitenden Menschen, das eigentlich Wohlverdiente zu klauen. Es ist die Rüstungsindustrie, ohne deren Geschäftsmodell Krieg als Fluchtursache undenkbar wäre. 

Wer meint, Deutschland sei mit der so verursachten »Asylantenflut« überfordert, wo doch schon Alteingesessene die Existenzangst plagt, der hat nicht nach unten zu treten, also nicht vor Flüchtlingsheimen zu demonstrieren, sondern vor den Hochburgen der Großkonzerne und Großbanken dieser Welt. Dort, bei den Renditeraubrittern, sind die Urheber der planetaren Verelendungsprozesse zu Hause, nicht in den Unglücksunterkünften, die Asylbewerberheime genannt werden. 

  

Revolution 

Ich würd ihnen den Reichtum gerne lassen, 

die schicken Autos und ihr lautes Prassen, 

nur leider kaufen sie sich unsre Erde   

und unser Land mit protziger Gebärde 

und machen sich an schönsten Flecken breit 

und rauben denen, die seit langer Zeit 

das Land mit andern teilen, 

das Recht, dort weiter zu verweilen. 

Nur weil sie ärmer sind, auch oft verlieren 

und nicht mit Lebensmitteln spekulieren. 

Und glaubt mir, Freunde - sollt ich's nicht erleben 

dann will ich's gerne meinen Kindern weitergeben: 

Seid wachsam, tapfer, haltet euch bereit, 

man muss das Pack enteignen seiner Zeit! 

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»Die Realität hat uns eingeholt« 

Von der Schwierigkeit zu überspitzen und der künstlerischen Freiheit, Fragen aufzuwerfen: Rechtsterrorismus als Theaterstück im öffentlichen Raum. Ein Gespräch mit Christiane Mudra. 

Interview: Claudia Wangerin 

Beilage „Antifaschsimus" der jW vom 05.09.2015 

 

Christiane Mudra ist Schauspielerin, Autorin und Theaterregisseurin. In ihren Stücken verarbeitet sie Themen wie Krieg und Medien, Überwachung, Rechtsterrorismus und Geheimdienstskandale. Ihr neuestes Werk »Wir waren nie weg. Die Blaupause« wurde in diesem Sommer als »heimattreuer Western« an Originalschauplätzen im öffentlichen Raum Münchens aufgeführt. Es war als erster Teil einer Trilogie angekündigt. Eine aktualisierte Fassung von Teil eins soll es 2016 geben. Die Förderung ist noch ungewiss. 

Die Idee zu einem Theaterstück über Rechtsterrorismus und staatliche Verstrickungen kam Ihnen als Zuhörerin im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München. Das Ergebnis handelt aber nicht nur vom »Nationalsozialistischen Untergrund«. Wann haben Sie beschlossen, einen Bogen vom Oktoberfest-Attentat 1980 dorthin zu schlagen?  

Die Parallelen zum Oktoberfest-Attentat habe ich eigentlich schon recht früh gesehen, aber bei dem Kinofilm »Der blinde Fleck«, der auf den Recherchen Ulrich Chaussys zu diesem Terroranschlag beruht, ist mir dann so richtig das Blut gefroren. Gerade beim Stichwort »Einzeltäter«, denn der NSU wurde immer wieder als isolierte Kleingruppe und abgeschottetes Trio dargestellt. Die Idee, all das zu bündeln, ist also etwa eineinhalb Jahre alt. 

»Wir waren nie weg« spielte größtenteils nicht im Theater, sondern führte als Abendspaziergang mit Westernfiguren und Klezmer-Band zu Originalschauplätzen in München – etwa zum Mahnmal für die Toten des Oktoberfest-Attentats auf der Theresienwiese und zum Tatort des Mordes an Theodoros Boulgarides, der 2005 erschossen wurde. Gab es Reaktionen von Opferangehörigen, die das Stück gesehen haben? 

Yvonne Boulgarides, die als Witwe Nebenklägerin im NSU-Prozess ist, hat es gesehen und fand es sehr gut. Ob Überlebende des Oktoberfest-Anschlags im Publikum waren, weiß ich nicht, da hat sich mir niemand zu erkennen gegeben. Allerdings gab es jede Menge begeisterten Zuspruch von Migranten aus den Communities der NSU-Mordopfer. Einige haben sich gerade darüber gefreut, dass mal diese Orte aufgesucht wurden – mit all der Wut, die dahintersteht. Es gab viele positive Reaktionen von Menschen, die sich schon länger mit diesem Thema beschäftigen und es gut fanden, auch mal Durchschnittsbürger dorthin zu führen. Und das macht ja etwas mit den Zuschauern, das habe ich an den vielen, zum Teil sehr ausführlichen E-Mails im Nachgang gemerkt. Die Leute wollten uns ihre Gedanken dazu mitteilen oder sich einfach bedanken. Das ist ungewöhnlich für ein Theaterstück. 

Wie hat das Zufallspublikum auf der Route durch München reagiert, das den Showdown im Theater nicht gebucht hatte? 

Sehr unterschiedlich. Es gab einige Leute – auch schon während der Proben –, die lange stehengeblieben sind, um zuzuhören; und auch lange Wegstrecken an der Theresienwiese mitgelaufen sind. Es gab aber auch die eine oder andere irritierende Reaktion – zum Beispiel von Leuten, die mich ansprachen und meinten, wir sollten doch jetzt bitte mal die Leichen im Keller ruhen lassen und uns lieber um die linke oder die islamistische Gefahr kümmern, die sei doch im Moment viel evidenter. Rechtslastige Leute fühlten sich von uns gestört. Jemand aus der Nachbarschaft des ehemaligen Neonazitreffs in der Herzog-Heinrich-Straße, den wir als Schauplatz hergerichtet hatten, sprach uns sogar mehrmals an. Er meinte, wir sollten da doch mal Gras drüber wachsen lassen, das sei doch eh alles vom Verfassungsschutz inszeniert gewesen. 

Zum Teil war es das ja auch – und genau das haben Sie thematisiert. 

Eben. Das habe ich ihm auch gesagt. Aber er war trotzdem der Meinung, wir sollten die Leichen im Keller lassen. 

Statt dessen schlüpften Schauspieler in die Rollen von V-Leuten aus der Neonaziszene, deren Lebensläufe bekannt sind. Sie haben aber zusätzlich die Hypothese in den Raum gestellt, dass auch die Hauptangeklagte im NSU-Prozess V-Frau gewesen sein könnte: Der Sheriff kommt mit erhobenem Zeigefinger, als Beate Zschäpe auspacken will. Wurden Sie dafür als Verschwörungstheoretikerin beschimpft? 

Das haben wir quasi vorweggenommen, indem wir dieses Wort in dem Stück so inflationär benutzt haben. Darauf wurden wir dann nicht mehr ernsthaft angesprochen, das war eher ein Running Gag. Das Stück besteht ja zu großen Teilen aus Originalzitaten, die in Untersuchungsausschüssen gefallen oder bei den Ermittlern aktenkundig geworden sind. Beate Zschäpe wurde von Polizeibeamten mit den Worten zitiert, sie sei niemand, der nicht zu seinen Taten steht. Und im Prozess schweigt sie seit mehr als zwei Jahren. Da gibt es eben einfach ein paar Fragezeichen. Es geht darum, diese Fragen – zum Beispiel, ob sie V-Frau war – auf den Tisch zu bringen, bis es eine Antwort darauf gibt. Mehr will ich ja gar nicht. 

Neonazis und V-Leute wurden zum Teil von Schauspielern mit Migrationshintergrund dargestellt. Wie wirkte das auf Ihr Publikum und speziell auf die Communities? 

Eigentlich kam es durch die Bank sehr gut an. Das Experiment, gerade sie das spielen zu lassen, war auch eine Chance, sich mit solchem Propagandamaterial auseinanderzusetzen. Diese Aussagen sind ihnen am Anfang natürlich ein bisschen im Hals steckengeblieben. Wie ich sehen konnte, hatte es dann aber auch eine befreiende Wirkung. Außerdem waren dadurch auch sehr laute Äußerungen auf der Straße möglich, bei denen ich sonst Bedenken gehabt hätte. Allerdings scheint es manchen Leuten völlig egal zu sein, wer solche Parolen verbreitet: Als Murali Perumal in der Rolle des Neonazigangsters sehr lautstark Michael Kühnen rezitiert hat, kam plötzlich jemand vorbei und hat den Hitlergruß gezeigt. 

Am Anfang hatte ich aber noch gar nicht darüber nachgedacht, wer wen spielt. Ich wollte gute Schauspieler und habe – wie immer – darauf geachtet, dass es ein deutsch-migrantisches Ensemble wird, ungefähr fifty-fifty. Aber bei der konkreten Rollenbesetzung hat das eine Bedeutung bekommen. Es war ja auch eine Anspielung auf die Fehlbeschuldigungen, die es während der NSU-Mordserie gegeben hatte. Die Täter wurden ja zuerst im migrantischen Milieu gesucht. 

Sie haben die Schauspieler während der Proben mit in den Gerichtssaal genommen. Wie haben sie auf das NSU-Prozessgeschehen reagiert? 

Der Schock war groß. Wir haben auch einen Tag erwischt, an dem der Verfassungsschützer Andreas Temme da war, der angeblich am Tatort eines Mordes nichts gehört und nichts gesehen hat. Es sind auch Begriffe im Gerichtssaal gefallen, die die Schauspieler aus dem Stück kannten. Es wurde laut von Verschwörungstheorien gesprochen, es fiel auch der Begriff »Omertà«. Das mafiose Schweigegebot hatte ich eher provokant in dem Stück erwähnt. An manchen Stellen wollte ich etwas überspitzen, aber die Realität hat uns eingeholt: So war es ja mit den Ermittlungen gegen Journalisten wegen Landesverrats, die nach unserer ersten Spielwoche in München bekannt wurden. In der zweiten hat es die Zuschauer wirklich gerissen. Wir haben den Unterschied bei den entsprechenden Szenen gemerkt, da gab es entgleiste Gesichter. Vorher hatten mich die Schauspieler gefragt, warum ich das denn reinschreibe, ob das nicht etwas überzogen ist. 

Sind Sie mit Blick auf den NSU-Prozess froh, keine Journalistin zu sein, weil Sie die Möglichkeit haben, Informationen zu bündeln und künstlerisch zu verdichten, statt tagesaktuell über eine Verhandlung zu berichten, die ständig zwischen den Tatkomplexen hin und her springt? 

Manchmal habe ich es bedauert, keine Journalistin zu sein, weil man da einfach schneller ist und auch schneller sein muss. Das ist wieder die Kehrseite der Medaille. Inzwischen genieße ich es, dass ich über einen längeren Zeitraum an dem Thema arbeiten kann. Es sind journalistenähnliche Recherchen, aber die Kunstfreiheit lerne ich gerade sehr zu schätzen, weil man wirklich andere Dinge darf. 

Reich werden Sie von einem Stück mit so viel Vorarbeit sicher eher nicht. Haben Sie dabei draufgezahlt?  

Dieses Stück war mit einer realistischen Förderung durch das Kulturreferat der Stadt München bedacht, da haben alle halbwegs normal verdient. Allerdings während der Produktionsszeit. Die monatelangen Recherchen waren mein Privatvergnügen. 

Was denken Sie über die Frage, ob Theater grundsätzlich politisch sein soll? 

Leichte Unterhaltung hat schon ihre Existenzberechtigung. Daran beteilige ich mich als Schauspielerin auch ab und zu. Im Grunde steckt in sehr vielen Stücken Politik, das wird nur oft weginszeniert. Aber was ich selber schreibe und inszeniere, ist bewusst politisch. Da habe ich zur Zeit auf nichts anderes Lust. Ich genieße es auch, beim Recherchevorlauf selbst etwas dazuzulernen. 

www.christianemudra.de 

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Verlierer im Blick 

Aufklärung ist mehr als die Abgrenzung von den Dummen. Anna Seghers, Bertolt Brecht und Klaus Mann wussten das. Heute wird oft elitär verkürzt 

Claudia Wangerin 

Beilage „Antifaschsimus" der jW vom 05.09.2015 

 

Viele Prominente haben in den letzten Monaten ihre Stimme gegen Rassismus erhoben. So auch Farin Urlaub, Sänger der etablierten Punkband Die Ärzte. Sein Statement war an der Oberfläche so richtig, wie es in der Tiefe falsch war. »Solange es Leute gibt, die nichts können, nichts wissen und nichts geleistet haben, wird es auch Rassismus geben«, sagte der 51jährige dem Hallenser Magazin Frizz im April 2015 in einem Interview, über das in »sozialen Netzwerken« noch im August diskutiert wurde. »Denn auch diese Leute wollen sich gut fühlen und auf irgendwas stolz sein«, so der Leistungsträger mit dem Künstlernamen Urlaub. Richtigerweise betonte er, dass zum Deutschsein keine eigene Leistung nötig sei und der Stolz darauf »bekloppt«. 

Allerdings schien er vergessen oder nie erlebt zu haben, wie das bürgerliche Leistungsideal auch jugendlichen Antifaschisten unter die Nase gerieben wird, die unverschämterweise demonstrieren, statt erst mal arbeiten zu gehen – oder gar Punks, die nicht das Glück haben, von ihrer Band leben zu können, aber wegen ihrer Ecken und Kanten auch keinen Ausbildungsplatz finden. Dagegen sind es nicht selten rechte Demagogen mit Uniabschluss und hochdotierten Jobs oder eigenen Unternehmen, die im Gegensatz zum niederen »rechten Mob« tatsächlich von dem profitieren, was sie vertreten, die dieses Leistungsideal als Waffe gegen politische Gegner einsetzen. Ob man zwangsläufig Rassist werden muss, wenn man auf dem Arbeitsmarkt als »überflüssig« gilt und weder einer Subkultur angehört, die das trotzig zu romantisieren versucht, noch in linken Gruppen aktiv ist, weil man vielleicht in einem trostlosen Kaff lebt, in dem es beides nicht gibt, spielt bei der Ursachenforschung des Ärzte-Sängers keine Rolle. 

Die Antwort lautet: Nein, muss man nicht. Die antifaschistische Literatur des 20. Jahrhunderts kannte nur zu gut die proletarische Familie, in der ein Spross bei der SA landete und der andere im Widerstand – sie nahm also den Unterprivilegierten und der Arbeiterklasse keineswegs die Verantwortung für das eigene Tun ab. Noch weniger allerdings den machtbewussten Opportunisten und interessengeleiteten Profiteuren des Faschismus, die persönlich vielleicht gar nicht vom Rassenwahn überzeugt waren, aber aus kalter Berechnung nicht auf Sündenböcke verzichten wollten oder dies als Schönheitsfehler eines Systems akzeptierten, das ihnen Vorteile verschaffte. 

Überzeugte Nazis aus den unteren Etagen der Gesellschaft waren dagegen bei Anna Seghers, Bertolt Brecht oder Klaus Mann in der Regel Verlierer. Sie konnten zu Tätern werden und schwerste Verbrechen begehen, aber sie hörten dabei nie ganz auf, politische Missbrauchsopfer zu sein. Sie waren Kanonenfutter, für die Drecksarbeit da und am Ende meistens genauso tot wie einige, die ihr Leben für eine bessere Sache verloren hatten. Und das war realistisch. 

Brecht schrieb deshalb das Horst-Wessel-Lied der SA um und machte aus dem Refrain: »Der Metzger ruft: Die Augen fest geschlossen / Das Kalb marschiert mit ruhig festem Tritt. / Die Kälber, deren Blut im Schlachthof schon geflossen / Sie ziehn im Geist in seinen Reihen mit.« Und als SA-Chef Ernst Röhm in der »Nacht der langen Messer« 1934 entsorgt worden war, ließ Brecht den vermeintlichen »Nationalrevolutionär« in einem Spottlied als Gespenst am Bett des Reichskanzlers auftauchen: »Falscher Adolf! Junker und Barone / Sitzen nun bei dir, wo ich einst saß. / Adolf, was wird jetzt aus meinem Lohne? / Wart’ vergebens unter grünem Gras.« 

Anna Seghers ließ später in ihrem Roman »Die Toten bleiben jung« die Nebenfigur des Kleinbauern Wilhelm Nadler frustriert und verschuldet aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehren und zum brutalen SA-Schläger werden, der nebenbei seine Frau misshandelt. Im Zweiten Weltkrieg meldet er sich freiwillig an die Front, wo Partisanen seiner traurigen Existenz ein Ende setzen. 

Aber nicht immer bleiben die Dummen, Verblendeten und Ratlosen dumm. Klaus Mann schilderte 1936 in »Mephisto« nicht nur, wie ein machtbewusster Opportunist, der einst linke Phrasen gedroschen hatte, zum obersten Hofschauspieler des »Dritten Reiches« wurde, sondern auch, wie sein junger, darbender, am Anfang reichlich verblendeter Kollege kurz nach der Machtübertragung aufhörte, ein Nazi zu sein. Wut und Tränen steigen in Hans Miklas auf, als er merkt, dass er betrogen wurde und die »Bonzenwirtschaft«, die er bekämpfen wollte, keineswegs dem »verjudeten Milieu« geschuldet war, sondern von den neuen Machthabern auf die Spitze getrieben wird. Als Miklas dazu laut seine Meinung sagt und aus der Partei austreten will, wird er erschossen. Aber er stirbt nicht dumm. 

Der erfolgreiche Schauspieler, Exlinke und Staatstheaterintendant Hendrik Höfgen (angelehnt an Gustaf Gründgens) treibt sich dagegen bald auf prunkvollen Parties herum – mit Nazigrößen und der Gattin eines rheinischen Waffenfabrikanten, die »den lebhaften deutschen Kriegsvorbereitungen« all ihre Juwelen verdankt. Klaus Mann, der sich explizit nicht als Kommunist verstand, sah diese Kriegsvorbereitungen und ihre Profiteure glasklar – mindestens zwei Jahre vor dem als »Münchner Frieden« bezeichneten Abkommen über die Abtretung des Sudetenlandes, das 1938 zu Lasten der Tschechoslowakei von Großbritannien, Frankreich und Italien mit dem »Deutschen Reich« geschlossen wurde. 

Soviel politische Weitsicht können Antifaschisten heute nicht von jedem Unterhaltungskünstler erwarten, der sich dankenswerter Weise gegen Rassismus ausspricht. Aufatmen können sie aber auch nicht, wenn dabei elitär verkürzt wird und im Zweifel nur die schuld sein sollen, die »nichts können, nichts wissen und nichts geleistet haben«. Und wenn der Schauspieler und Filmemacher Til Schweiger für Empathie mit Flüchtlingen wirbt und sich kurz darauf mit Vizekanzler Sigmar Gabriel verbrüdert, dann ersetzt das keine aufklärerische antifaschistische Kunst. Denn der SPD-Politiker Gabriel hat zwar kein Problem mit Lippenbekenntnissen gegen den Hass auf Asylsuchende, steht aber zugleich für eine Waffenexportpolitik, wegen der Krieg als Fluchtursache an Bedeutung gewinnt. Und im Gegensatz zum Auftreten halbwegs geschickter rechter Demagogen haben sich der Charakter und die Interessenlage der deutschen Rüstungsindustrie in den letzten 100 Jahren kaum verändert. 

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»Wie bei mafiosen Organisationen üblich« 

Neonaziterror ist ein ernstes Thema. Die Naturfreunde Berlin setzen bei ihrer Kampagne »Blackbox Verfassungsschutz« gerade deshalb auf Satire und Kommunikationsguerilla 

Interview: Gitta Düperthal 

Beilage „Antifaschsimus" der jW vom 05.09.2015 

 

George Kaplan ist einer der Aktivisten der Naturfreunde Berlin, die im Frühjahr die Kampagne »Blackbox Verfassungsschutz« gestartet haben. Als Konsequenz aus der Mordserie des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) fordern sie die Abschaffung des Inlandsgeheimdienstes.  

Sie treten im Zusammenhang mit der Satirekampagne »Blackbox Verfassungsschutz« der Naturfreunde Berlin stets unter dem Decknamen George Kaplan auf. Auch im Interview verraten Sie Ihren richtigen Namen nicht. Was hat es damit auf sich? 

Es ist so zu verstehen: Bei der Kampagne geben wir uns als fortschrittliche Verfassungsschützer aus, die im Fall der NSU-Morde für Aufklärung sorgen wollen. George Kaplan ist unser Kollektivpseudonym, darunter treten wir alle auf, wenn wir zu diesem Thema sprechen. Wir haben uns gedacht, ein zentrales Problem bei Mitarbeitern des Verfassungsschutzes in diesem Zusammenhang ist: Sie agieren niemals mit Klarnamen, sie berufen sich permanent auf genehmigte Aussageverweigerung; sie sind weder als Personen noch als Institution greifbar. Davon wollen wir nicht abweichen, um realistisch darzustellen, was systematisch die Aufklärung der Morde behindert: Genau dieses Verhalten ist für die Beteiligung der Geheimdienste daran sowie deren anschließendes Vertuschen signifikant. Deshalb nennen wir uns alle in dieser Angelegenheit George Kaplan. Der Name stammt aus Alfred Hitchcocks »Der unsichtbare Dritte« und bezeichnet dort eine pure Erfindung des Geheimdienstes. Durch eine Verwechslung gerät die Hauptfigur in den Verdacht, dieser Kaplan zu sein. So wollten wir der Presse einen kleinen Hinweis geben, was wir vorhaben. Die meisten Journalisten verstanden ihn allerdings nicht. (Lacht) 

Die Naturfreunde Berlin haben die Kampagne gestartet, um so auf den deutschen Inlandsgeheimdienst und dessen Verstrickung in den Neonaziterror aufmerksam zu machen. Ist Satire das richtige Mittel? 

Machen Sie sich selber ein Bild: Zunächst waren wir überrascht, wie leichtgläubig die meisten hochkarätigen Hauptstadtjournalisten auf unsere Show eingegangen waren. Wir hatten am 7. April zur Pressekonferenz eingeladen, um mitzuteilen, dass sich ein Arbeitskreis kritischer Verfassungsschützer gegründet hat – der nun aussagen will, was im Zusammenhang mit den NSU-Morden wirklich geschehen ist. Das Ganze hatte in einem Dunkelrestaurant in Berlin stattgefunden. Für diesen Anlass hatten wir reale Zitate von Verfassungsschützern aus Untersuchungausschüssen und Akten zusammengeschnitten und vorgetragen. Wir wollten verdeutlichen: Selbst die Erwartung ist eine reine Illusion, dass der Geheimdienst interessiert sein könnte, zur Aufklärung über sein eigenes Tun beizutragen. Zu unserem Erstaunen hatten aber die meisten Pressevertreter geglaubt, dass so etwas möglich wäre: Sie wollten Informationen aus dem Bundesamt und den 16 Landesämtern haben. Weil wir davon ausgehen, dass dies absurd ist, weil es kritische Verfassungsschützer gar nicht geben kann, hatten wir den Namen George Kaplan eingeführt: Es kann sich nur um eine Verwechslung handeln. Satire beinhaltet einen ernsten Kern: Wir haben über dieses dunkle Kapitel im Zuge der Kampagne auch einen alternativen Verfassungsschutzbericht verfasst und vorgestellt. 

Wie haben die Pressevertreter reagiert? 

Ein Positivbeispiel: Ein Journalist hatte unsere Aktion zum Anlass genommen, das Schreddern von Akten über polizeiliche V-Leute anzusprechen, um zu verdeutlichen, dass die Verquickung mit den NSU-Morden längst weitere Kreise gezogen hat und nicht nur den Verfassungsschutz betrifft. Manche haben geschmunzelt, nachdem sie gemerkt hatten, wen sie vor sich hatten. Sie meinten aber, es sei schwierig, das Thema in den Redaktionen unterzubringen. Die meisten waren allerdings empört, als ihnen klarwurde, dass wir keine »echten Verfassungsschützer« sind. Es gab Ablehnung und Abwehr. Eine Journalistin vom Deutschlandfunk verließ unsere Pressekonferenz Türen knallend und vor sich hin schimpfend: »Bloß irgendwelche Antifaaktivisten.« Sie war sauer, weil wir ihre Zeit verschwendet hätten. Man muss sich vorstellen: Hätten hier Verfassungsschützer sich von einer dubiosen Andeutung zur nächsten gehangelt oder auch gar nichts gesagt, wäre sie vermutlich geblieben. Das zeigt, wie Medienlogik funktioniert. 

Hat Ihre Aktion zum Nachdenken angeregt? 

Indirekt schon: Auf unsere Ankündigung der Pressekonferenz hin hatte uns das »Morgenmagazin« der ARD eingeladen. Dort war man richtig scharf darauf, einen Verfassungsschützer in der Sendung zu haben. Nach drei Tagen aber hatten die Redakteure kalte Füße bekommen, journalistische Ethik war durchgebrochen: Besser machen wir es doch nicht, hieß es. Weil sie verstanden hatten: Wenn jemand seinen echten Namen nicht sagen will, kann von ihm keine echte Aufklärung ausgehen. Genau das wollten wir mit der Aktion verdeutlichen. 

Warum hatten Sie als Umweltschutzorganisation überhaupt die Idee zu dieser Kampagne? 

Die Umwelt ist nur ein Aspekt, mit dem wir uns beschäftigen; uns interessiert Gesellschaftspolitik: Mit den NSU-Morden haben wir die größte rassistische Mordserie seit 1945 erlebt. Zugleich beschränken sich Versuche zur Aufklärung weitgehend auf einige bei den Landesparlamenten angesiedelte Ausschüsse. Vor Gericht stehen wenige Angeklagte. Die eigentliche Frage, inwieweit Behörden, Polizei und Staatsanwaltschaft verquickt sind, taucht nur am Rande auf. Vor allem ist es aber Zeit, die Geheimdienste aufs Korn zu nehmen. Wir wollten uns so an der Debatte über das neue Verfassungsschutzgesetz beteiligen, die daraus resultierende Konsequenz nach den Morden ist erschreckend: Ausgerechnet die Institution, die auf ganzer Linie versagt, erhält Millionen Euro mehr, ihre Befugnisse werden gestärkt; V-Leute können in einem gewissen Rahmen Straftaten begehen. 

Sie sind bei weiteren Aktionen als Verfassungsschützer mit Schlapphüten und Sonnenbrillen aufgetreten – wie haben Sie die Anlässe dafür ausgewählt?  

Wir haben diese Verkleidung genutzt, um beim Münchner Prozess zum NSU-Skandal am 21. April Zeugen symbolisch zu begleiten: zum Beispiel Gordian Meyer-Plath, der im August 2013 zum Präsidenten des sächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz aufgestiegen ist. So wie bei mafiosen Organisationen üblich: Die Familie kommt mit zum Prozess, damit der Zeuge nicht aussagt. Wir hatten auch einen Reißwolf mitgebracht, um belastende Dokumente im letzten Moment vernichten zu können. So hat er sich dann  auch im Prozess verhalten. Wir hatten ihn hinterher gefeiert und bejubelt, weil er nichts verraten hat. Die Nebenklageanwälte fanden es gut, dass wir den Prozess kritisch begleitet hatten. 

Welche Schlüsse ziehen Sie aus Ihrer Kampagne?  

Der Verfassungsschutz hat die Gefahr des Rechtsradikalismus verharmlost, Strafverfolgung und anschließende Aufklärung behindert, Millionenbeträge in die rechtsextreme Szene geschleust – und  gibt sich unbelehrbar: Thüringen hatte – als Konsequenz aus der NSU-Affäre – angefangen, V-Leute auszuschalten; prompt wollte man dort mehr Geld für Telefonüberwachung haben. Die Naturfreunde Berlin sind der Ansicht, dass es eine Illusion ist zu glauben, nun würde das Notwendige passieren: die Abschaffung der Inlandsgeheimdienste. Aufklärung wird es vermutlich auch nicht geben. Zu viele Akten wurden geschreddert. In der Berichterstattung gibt es unterbelichtete Bereiche: Stimmen der Opfer kommen kaum vor. Auch Rassismus in staatlichen Behörden und die Beteiligung der Geheimdienste an den NSU-Morden werden kaum thematisiert. Das Trio, das als Kern des NSU gilt oder laut Bundesanwaltschaft der ganze NSU war, hatte die Möglichkeit, lange unterzutauchen, Ermittlungen sind ins Stocken geraten durch das Vernichten wichtiger Beweismittel. Dabei konnten sich die Akteure auf die große Staatsgläubigkeit von Journalisten verlassen, denen ein kritisches Verständnis gegenüber Institutionen und Diensten fehlt. Viele meinen, es gäbe kein strukturelles Problem, es sei bloß »etwas schiefgelaufen«. Darüber wollen wir eine öffentliche Debatte anregen. 

Welche Alternativen sehen Sie? 

Geheimdienstbefugnisse dürfen nicht auf die Polizei übergehen, weil auch dort Missbrauch droht. Aus unserer Sicht sollten Antifaorganisationen und wissenschaftliche Institute die Aufgabe übernehmen, zu recherchieren und aufzuklären, was im rechtsextremen Lager geschieht. 

Ihre Kampagne ist nicht beendet – was planen Sie noch? 

Das verraten wir nicht. 

www.blackbox-vs.de 

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Das »Dorfdeppenphänomen« 

Über den Rassismus der Provinz und vermeintliche Patentrezepte aus der Großstadt, wo radikale Abgrenzung leichter fällt 

Christian Stahl 

Beilage „Antifaschsimus" der jW vom 05.09.2015 

 

Viel haben wir über sie diskutiert. Über die Marzahner und Hellersdorfer, Bewohner von Berlins Neubaugebieten, oder die Freitaler, die zehn Kilometer von Dresden entfernt wohnen. Die Menschen aus den Randbezirken der Großstädte und diejenigen, die in Gegenden leben und aufgewachsen sind, wo die Träume und Wünsche, die uns jeden Tag von den Medien unter die Nase gerieben werden, nicht wahr werden. Wo man sein Geld zusammenhält, sparsam lebt und wo auf den Wasserrohrbruch im Badezimmer doch der Schlag in die Fresse folgt. Diejenigen, die nach Schuldigen für ihre beschissene Situation gesucht haben und diese – angetrieben durch Springer-Presse, NPD, Die Rechte und das Stammtischgelaber in der Eckkneipe – in den Asylsuchenden, die nun zu allem Übel auch noch in der Nachbarschaft wohnen, gefunden haben. Diejenigen, die nicht in der Lage sind, den richtigen Feind zu entdecken und stattdessen ohnehin schon entrechtete Menschen zu Sündenböcken machen. 

Doch drängt sich uns ein ganz anderes Problem auf. Freital stand in diesem Sommer repräsentativ für offen zur Schau gestellte rassistische Hetze, ehe es von Heidenau abgelöst wurde. »Freital wehrt sich« – mit Eiern, Böllern und widerlichen Pöbeleien gegen Asylbewerber. Ein 39.000-Einwohner-Kaff als Symbol für die Beschissenheit der Dinge. Wird ungeschminkter Rassismus heute Stück für Stück zum Problem der kleineren Städte und Dörfer, in denen die Menschen nicht seit Jahrzehnten Tür und Tür mit Migranten leben? 

Eins ist klar: Das Problem ist nicht die Größe der Stadt und sicherlich auch nicht, dass heutzutage die Käffer voll von sogenannten Ausländern wären. Vielmehr ist das Problem, dass dort viel zu wenige Ausländer leben. Studien belegen, dass gerade dort Fremdenhass aufkommt, wo besonders wenig Kontakt zu »Fremden« besteht. Gerade dort schustern sich die Menschen, fehlgeleitet von irgendwelchen bescheuerten Internet-Blogs und Artikeln von verbitterten, rassistischen Demagogen, ein Bild vom »Ausländer« zusammen, das mit der Realität nichts zu tun hat. 

Arrogant und träge 

Ich selbst bin in einer Kleinstadt groß geworden. Knapp 30.000 Einwohner leben dort. Eine Kirche, mehrere Bäcker, Supermärkte, kleine Läden, die obligatorische Sunpoint-Filiale und ein paar Kneipen. Das war’s auch schon im Großen und Ganzen. Die Hecken sind gestutzt, der Familienwagen steht in der Einfahrt, der Nachbar grüßt – so weit, so unspektakulär. Doch was passiert wenn diese scheinbare Idylle von Menschen durchbrochen wird, die so gar nicht in das Bild einer durchschnittlichen deutschen Kleinstadt passen wollen? An dieser Stelle packt uns wohl vor allem eins: Die Wut und Empörung darüber, wie man nur auf die Idee kommen kann, Flüchtlinge würden freiwillig ihr Leben aufs Spiel setzen, nur um die Idylle einer beschissenen Kleinstadt in Sachsen zu stören. Wir folgen dem Impuls, mahnend unsere Finger zu erheben und mit Abscheu über die kaltherzigen Dorfdeppenfaschos herzuziehen. Doch genau da liegt unser Fehler. 

Wir sind arrogant und träge geworden  und betrachten aus der heimeligen Ruhe unserer eigenen Kieze was »da draußen« alles geschieht, sitzen mit unseren Genossinnen und Genossen beisammen und schütteln die Köpfe über die widerwärtigen Bilder, die Tag für Tag aus Freital oder sonstwo rüberschwappen. Eine Lösung dafür haben wir allerdings bisher nicht parat. 

Das liegt zum einen an der fehlenden Auseinandersetzung mit dem, was sich da »weit draußen« vor unseren Augen abspielt. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein. Eine wichtige Rolle spielt sicherlich die enge Verflechtung mit dem eigenen Viertel. Dort leben die Meisten schon seit Jahren Tür an Tür mit Migranten. Wir haben gemeinsame soziale Kämpfe geführt uns eine eigene, nicht völkische, Heimat gebildet. Dadurch fehlt oftmals die Bereitschaft, langfristig Arbeit in kleinen Orten zu leisten, die so gar nicht unseren Idealvorstellungen entsprechen. Einmal hin um denen zu zeigen wie’s läuft reicht ja auch aus. Mehrmals in der Woche raus in die Dörfer, um die Bauernschaft davon zu überzeugen, dass Asylbewerber keineswegs in ihr Örtchen eingefallen sind um ihre Kinder auf dem Schulweg zu erschrecken? Klingt nicht sehr populär. Doch nur so kann und darf strukturelle antifaschistische Arbeit aussehen. 

Unheimliche Nachbarn 

Nun stellt sich für uns die Frage, wie wir diesem »Phänomen«, das sich raus aus den Vierteln der Großstädte in die kleinen Orte zieht, entgegentreten können. Wie können wir diejenigen antirassistischen Kräfte in den Dörfern unterstützen, die sich vielleicht gar nicht trauen, den Mund aufzumachen, weil diejenigen, die ihnen gegenüber stehen, ihre eigenen Nachbarn sind? 

In den Großstädten fällt uns eine radikale Abgrenzung zu rassistischen Strukturen deutlich leichter. Wir können rausgehen, gegen eine Neonazidemo protestieren und den Leuten dort die wildesten Beschimpfungen zuwerfen, ohne das diese unsere Adressen kennen oder vor uns in der Schlange beim Bäcker stehen. 

In unseren Vierteln leben Migranten teils seit vielen Jahren mit uns Tür an Tür. Im Idealfall haben sich durch diesen Zustand Vermischungen von Kulturen ergeben, die uns eine eigene, vielfältige Identität geschenkt haben. Gemeinsame soziale Kämpfe sind entstanden, wie im Falle des Kreuzberger Gemüsehändlers Ahmet Caliskan, dessen Laden »Bizim Bakkal« der Gentrifizierung zum Opfer fallen sollte. Der Kiez wehrte sich, Deutsche und Migranten standen gemeinsam auf der Straße um dafür zu sorgen, dass ihr Viertel nicht von noch mehr beschissenen Handelsketten vereinnahmt wird – Und siegten. Bizim Bakkal durfte bleiben! Das heißt noch lange nicht, dass sich offen gezeigte Rassismus in der heutigen Zeit zu einem reinen »Dorfdeppenphänomen« entwickelt hat. Auch in den Großstädten tragen Menschen rassistischen Müll in ihren Köpfen. Dennoch müssen wir unseren Fokus verstärkt auf die kleinen Orte legen, in denen sich antirassistische Kräfte einer schieren Übermacht gegenüber sehen und sich teils gar nicht mehr trauen, das Wort zu ergreifen. 

Raus in die Käffer 

Wir müssen unsere großstädtische Arroganz ablegen und herausfahren in die so unpopulären Ortschaften, wo um die Ecke keine Adana-Spieße, sondern höchstens eine Krakauer an der Imbissbude auf uns warten. Da, wo Menschen aufgrund ihrer Abgrenzung von rassistischer Hetze tagtäglich mit Problemen kämpfen müssen. Natürlich fällt es uns leicht von unserem hohen Ross aus zu sagen, dass sich in den Dörfern der Widerstand formieren muss, dass man auf seine rassistischen Nachbarn scheißen sollte. Doch damit ist es noch lange nicht getan. Wir müssen mit den Erfahrungen durch jahrelanges Zusammenleben mit Migranten und Migrantinnen, dort Aufbauarbeit leisten, wo dies bislang unserer Ansicht nach gar nicht nötig war. Und wir müssen den Menschen, die nun in der beschissenen Situation sind in einer Umgebung voll von Fremdenhass einen Neustart zu versuchen zur Seite stehen. 

Strukturen müssen entstehen, Soforthilfe geleistet und Grundlagen für die Zukunft geschaffen werden. Denn eine Fahrt aufs Dorf mit den Genossen und Genossinnen aus dem eigenen Stadtteil um »denen da« mal aufzuzeigen, was sie doch für fehlgeleitete Vollidioten sind, reicht bei weitem nicht aus. Die Menschen, die dort Tag für Tag rassistische Hetze betreiben oder ihr auf den Leim gehen, leben seit vielen Jahren Tür an Tür miteinander und werden sich nicht durch einen Aufmarsch schwarzgekleideter Antifa-Kids aus der Großstadt beeindrucken oder gar überzeugen lassen. Viel mehr müssen wir nach Multiplikatoren suchen auf die wir aufbauen können. Menschen die dort schon bemüht sind, Arbeit zu leisten und wiederum auf welche zurückgreifen können die dies vielleicht gerne tun würden, sich aber einfach nicht trauen aus Angst vor Isolation in ihrem sozialen Umfeld. Es müssen Strukturen geschaffen werden, die die Gründe für einen solchen Ausbruch beleuchten, um diesem auch nachhaltig entgegenzuwirken. Wie genau diese Strukturen auszusehen haben und was die Arbeit mit sich bringen wird – Bislang muss ich auch nach langer Überlegung eingestehen, dass eine riesige Portion Ratlosigkeit bleibt. Aber statt lange zu diskutieren und zu hadern hilft wohl nur eins: Runter von den Couchen, rein in die schmucken Regionalzüge und ab in die Käffer liebe Antifa — Es gibt einiges zu tun! 

 

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»Elitäre Sicht auf die soziale Frage«  

Viele Antifagruppen lösten sich auf, andere fühlen sich gern überlegen – »see red!« stellt Rassismus Klassensolidarität gegenüber. 

Markus Bernhardt 

In: junge Welt online vom 09.09.2015 

 

Mischa Aschmoneit ist Sprecher der Gruppe »see red!« in der Interventionistischen Linken Düsseldorfjkk 

Am 11. September feiert Ihre Gruppe ihr fünfjähriges Bestehen. Während sich autonome Gruppen vielerorts in der Bundesrepublik auflösen, arbeiten Sie kontinuierlich weiter. Worin liegt das Erfolgsgeheimnis?  

Es gibt nichts Geheimnisvolles bei uns, aber tatsächlich kleinere Erfolge. 

Unsere Gruppe ist zwar erst fünf Jahre alt, aber wir haben die positiven Errungenschaften der 2012 aufgelösten lokalen Koordinierungskreises antifaschistischer Gruppen, kurz »Antifa-KOK«, bewahrt. Insofern können wir auf die Erfahrungen von deutlich mehr als 20 Jahren radikal linker Aufbauarbeit in Düsseldorf zurückgreifen. Politische Arbeit braucht Zuverlässigkeit und Kontinuität. Wir haben diese Verbindlichkeit sowohl innerhalb unserer Gruppe als auch im Umgang mit unseren Bündnispartnerinnen und -partnern. Nur so kann langfristig Vertrauen aufgebaut werden. Wir arbeiten beteiligungsorientiert und legen zugleich großen Wert auf Handlungsfähigkeit. Wir machen eine Politik, die sich an die Gesellschaft richtet und betreiben eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit. 

Im Gegensatz zu einigen anderen Antifagruppen hat »see red!« sich stets nicht nur gegen Neonazis engagiert, sondern auch gegen Kapitalismus und Krieg. Könnte auch das Auswirkungen auf ihre Beständigkeit gehabt haben?  

Ja, es gibt ein Verständnis von Antifapolitik, das mit anderen Themenbereichen nichts zu tun haben will oder sogar eine verächtliche und elitäre Sicht auf die soziale Frage beinhaltet. Das ist aber weder unser Verständnis noch das der antifaschistischen Gruppen, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir richten unsere Politik zwar zunächst an die Menschen, die wie wir bereits interessiert sind. Darüber hinaus wissen wir aber, dass sich in dieser Welt erst dann grundsätzlich etwas ändert, wenn Menschen sich massenhaft für ihre Interessen einsetzen. Für uns sind die Interessen derjenigen Menschen von Bedeutung, die von Ausbeutung und Unterdrückung betroffen sind. Deshalb waren antikapitalistische Politik, die Berücksichtigung der Dialektik von Reform und Revolution, aber auch antimilitaristische und internationalistische Politik immer integraler Bestandteil unsere Arbeit. 

Die außerparlamentarische Linke ist nach wie vor im Umbruch. Ihre Organisation hat sich dem bundesweiten Netzwerk »Interventionistische Linke« (IL) angeschlossen. Dort gelten Sie schon jetzt als Linksaußenflügel. Wie lange kann diese Zusammenarbeit funktionieren?  

Ich weiß nicht, bei wem wir als linker Flügel gelten, aber es stimmt, wir gehören zu denjenigen, die dafür werben, dass die Interventionistische Linke eine Selbstorganisation von radikalen Linken wird, die auf den Bruch mit dem Kapitalismus hinarbeitet. Damit sind wir nicht allein, sondern diese Position wird von vielen IL-Genossinnen und -genossen geteilt und findet sich auch im IL-Zwischenstandspapier wieder. Es gibt viele Gemeinsamkeiten, aber auch einige deutliche Unterschiede, die auch nicht unter den Tisch gekehrt werden, zum Beispiel in der Frage der Mosaik-Linken oder der Charakterisierung von Syriza. Wir gehen von einem gemeinsamen Lern- und Klärungsprozess in all diesen Fragen aus und freuen uns auf eine größer, klüger, aktiver und attraktiver werdende Interventionistische Linke. 

Und doch sehen andere Mitglieder der IL diese als eine außerparlamentarische Stütze eines von ihnen ausgemachten vermeintlichen »Rot-rot-grünen«-Reformprojektes …  

Eine solche Position wäre in der IL nicht mehrheitsfähig, allerdings haben entsprechende Think-Tanks der Rosa-Luxemburg-Stiftung oder des Instituts für Solidarische Moderne natürlich einen gewissen Einfluss auf linke Bewegungen. In der IL gibt es genügend Genossinnen und Genossen, die schon seit langem den Verlockungen des Parlamentarismus und des Reformismus widerstehen, so dass ich optimistisch bin, was die weitere Entwicklung angeht. 

Was sind ansonsten die politischen Herausforderungen, vor denen Sie sich in den kommenden Jahren sehen?  

Ohne der bevorstehenden Jahresplanung vorzugreifen, werden wir in den Bereichen Antirassismus und Flüchtlinge sowie Antifaschismus und Antikriegspolitik mehr zu tun bekommen. Die schwierigste Frage wird jedoch sein, wie es uns gelingen kann, einen Beitrag zur Überwindung der relativen Ruhe bei den sozialen Kämpfen, beim Klassenkampf von unten zu leisten. Wir brauchen die Selbstermächtigung der Ausgebeuteten und Unterdrückten – und dafür müssen wir sowohl das theoretische Begreifen der bestehenden Verhältnisse und der Auswege vorantreiben als auch in der Praxis beweisen, dass unsere theoretischen Vorstellungen von Weg und Ziel etwas taugen. 

anti-kapitalismus.org 

 

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Verlorenes Wir-Gefühl 

Robert Foltin schlägt eine weiten Bogen, um die Geschichte der Autonomen zu erzählen, bleibt aber eine griffige Definition der Bewegung schuldig 

Von Florian Schmid 

 

Während über das vermeintliche Ende der Antifa diskutiert wird und sich Postautonome zur Großgruppe Interventionistische Linke zusammenschließen, erlebt die linke Szene ihre Historisierung in Buchform. 

Bücher über die Geschichte der linksradikalen Bewegung zu schreiben, erfreut sich derzeit großer Beliebtheit. Ob das an dem immer wieder konstatierten vermeintlichen Ende der Antifa-Ära, einer generellen Neuausrichtung linker Bewegungspolitik angesichts der kapitalistischen Krisenagenda oder den Neuorganisierungen von weiten Teilen der Postautonomen liegt, sei dahingestellt. Bernd Langer widmete sich unlängst in seinem gleichnamigen Buch der Geschichte der »Antifaschistischen Aktion«. Der Berliner Ulrich Peters spürte in »Unbeugsam und Widerständig« auf umfangreichen 600 Seiten detailliert den letzten zweieinhalb Jahrzehnten linksradikaler Bewegungsgeschichte hierzulande nach. Und nun hat der Wiener Robert Foltin mit »Autonome Theorien - Theorien der Autonomen?« ein weiteres Buch vorgelegt, das auf ganz ähnliche Weise eine historisierende Introspektive linksradikaler Bewegungsgeschichte bietet. 

In: Neues Deutschland online vom 09.09.2015 

Weiter unter:  

Robert Foltin: Autonome Theorien - Theorien der Autonomen?, Mandelbaum-Verlag, 192 S., 15 €. 

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/983878.verlorenes-wir-gefuehl.html 

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