Widerstand in jeder nötigen Form 

In: junge Welt online vom 14.11.2014 

 

Der deutsche Staat weigert sich nach wie vor beharrlich, materielle Rechtsansprüche von Naziopfern anzuerkennen. Das zeigt das Beispiel des Vernichtungslagers Sobibór. Ein Auszug aus dem Buch »Der Zug der Erinnerung, die Deutsche Bahn und der Kampf gegen das Vergessen« 

 

Von Hans-Rüdiger Minow 

Als ein Massentransport mit 1.145 Kindern in 46 Reichsbahn-Waggons das Lager Sobibór am 11. Juni 1943 erreichte, wurde eine 27jährige Deutsche Zeugin der Verbrechen. Sie wusste, auf welchem Weg die Waggons in das besetzte Polen geschleust worden waren und kannte die Umstände der Verschleppung. Gertrude Poppert-Schönborn gehörte selbst zu den Deportierten. Drei Wochen zuvor, an einem Dienstag, hatte sie das NS-Sammellager Westerbork in den besetzten Niederlanden verlassen und nach 72 Stunden die Selektion auf der Rampe von Sobibór über sich ergehen lassen müssen. 

Bei der Ankunft waren sie und ihr Ehemann Walter Poppert der sofortigen Erschießung oder der Erstickung in »Lager 3« aus unbekannten Gründen entgangen. Wahrscheinlich konnten beide ihr Leben retten, weil es einen Bedarf an sogenannten Arbeitsjuden gab, todgeweihten Gefangenen, denen eine letzte Frist eingeräumt wurde, sofern ihr Gesundheitszustand Schwerstarbeit oder Handlangerdienste erlaubte. Nur wenige Männer, denen die sofortige Ermordung erspart blieb, wurden unter Bewachung der ukrainischen Posten als Handwerker eingesetzt oder einem »Waldarbeiterkommando« zugeordnet, so wie Walter Poppert. 

Gertrude 

Vor ihrer Heirat hatte Gertrude Schönborn im Ruhrgebiet gelebt und war dort auch aufgewachsen. Die Rassengesetze der Nazis machten sie zur »Halbjüdin«, da nur der männliche Elternteil einen passenden Stammbaum vorweisen konnte. Gertrudes Vater war Katholik; die Herkunft ihrer Mutter Selma, geborene Rosenbaum, ließ das Mädchen zum Angriffsziel der Antisemiten werden. 

Kaum volljährig geworden, emigrierte Gertrude aus Deutschland und suchte Zuflucht in den Niederlanden, wo sie 1938 heiratete. Zwei Jahre später marschierte die Wehrmacht in Holland ein. Dem jungen Ehepaar Poppert-Schönborn blieben nur noch zwei weitere Sommer, bevor es seinen Landsleuten zum Opfer fiel, die Amsterdam »durchkämmten«. Von den Besatzern verhaftet, schlossen sich hinter Gertrude und Walter die Tore jenes Lagers, das SS-Obersturmführer Albert Konrad Gemmeker in den Niederlanden kommandierte, um jeden Dienstag das Füllen der Güterwaggons anzuordnen: mit immer neuen Gefangenen von Westerbork für die Fahrt durch Deutschland nach Sobibór. 

Die Rekonstruktion einiger weniger handschriftlicher Sätze auf einer Postkarte von Gertrude aus Sobibór lässt den Schluss zu, dass sie dort im Freien arbeitete, an einem nicht näher bezeichneten Ort »bei den Kaninchen«. Auf der von der SS zensierten und zur Täuschung der Adressaten bestimmten Postkarte ist dies der einzig glaubhafte Hinweis auf ihre Lebensumstände. Wahrscheinlich standen die Kaninchenställe im »Lager 2«, das Ausblick auf mehrere Entkleidungsplätze für die eintreffenden und zur sofortigen Ermordung bestimmten Deportierten bot. In einer Entfernung von etwa 50 bis 80 Metern zu dem stacheldrahtgesicherten Schlauch, der in die Gaskammern führte, konnte Gertrude beobachten, was geschah. 

Ihre Eindrücke vertraute sie einem Mithäftling an: »Weißt du, wo ich arbeite? Ich arbeite in dem Feld bei den Kaninchen. Es ist von einem Holzzaun umgeben. Durch die Ritzen kann man die nackten Männer, Frauen und Kinder sehen, wenn sie zu Lager 3 geführt werden. Ich sehe das, und es schüttelt mich wie im Fieber, aber ich kann dann die Augen nicht abwenden. Manchmal rufen einige: ›Wohin bringt man uns‹, als würden sie wissen, dass sie jemand hört und ihre Fragen beantworten kann. Ich zittere dann und bleibe stumm. Schreien? Ihnen zurufen, dass sie in den Tod geführt werden? Wem würde das helfen? Im Gegenteil. So gehen sie, ohne zu weinen, ohne vor Entsetzen zu schreien, ohne sich vor ihren Mördern zu demütigen. Aber es ist so fürchterlich Sascha, so fürchterlich.« 

Wer war Sascha? 

Sascha 

Alexander Aronowitsch Petscherski wurde am 22. Februar 1909 in Krementschuk am Dnjepr geboren. Der Ort liegt etwa 300 Kilometer südöstlich von Kiew und war damals Teil des zaristischen Russland. Von den 63.000 Einwohnern der Hafen- und Handelsstadt gehörte fast die Hälfte zur jüdischen Bevölkerung, die in Krementschuk unter den Werftarbeitern und den Lastfuhrleuten stark vertreten war. Alexanders Vater arbeitete als Rechtsanwalt. 

Wie viele andere litt auch die Familie Petscherski unter den antisemitischen Pogromen, die seit 1905 das Leben in Krementschuk gefährlich machten. An mehreren Tagen im Oktober jenes Jahres hatten Plünderer jüdische Wohnungen und Geschäfte gestürmt, oft mit Billigung oder sogar unter Anleitung von 800 ukrainischen Kosaken und eines Infanterieregiments. Eine jüdische Siedlung auf der anderen Seite des Dnjepr wurde dem Erdboden gleichgemacht, Juden wurden erschlagen, weil sie mit den revolutionären Aufständen gegen das Zarenhaus in Verbindung gebracht und angeblicher Kontakte zu dessen ausländischen Feinden verdächtigt worden waren. 

Spätestens als Alexander im ersten Jahr zur Schule ging, erhielt dieser Verdacht Nahrung. In Krementschuk, in anderen Städten der Ukraine und in Rostow am Don, wohin die Familie Petscherski inzwischen verzogen war, tauchten 1915 verstärkt Flugblätter auf, in denen zum aktiven Widerstand und zur Rache für die Pogrome aufgerufen wurde. Aber was wie die Geburt einer entschlossenen Bewegung zionistischer Kreise in Russland aussah, die gegen die zaristische Unterdrückung revoltierten, hatte seinen Ursprung in Berlin. 

Seitdem das deutsche Kaiserreich mit Russland im Krieg lag, befeuerte das Auswärtige Amt die Proteste. Die deutschen Diplomaten meinten, ein »Werkzeug von unschätzbarem Wert für den Nachrichtendienst und unsere Agitationstätigkeit im Ausland« gefunden zu haben, »besonders für das Gebiet des Russischen Reiches«. An den Juden in der Ukraine und an allen revolutionären Umtrieben im gesamten östlichen Feindesgebiet unter Moskauer Herrschaft zeigte Deutschland starkes Interesse. Finanzielle Zuarbeit leistete das Auswärtige Amt auch für den »Bund zur Befreiung der Ukraine«, um »das fetteste Stück, (…) die Lende des russischen Bären aus dem Körper zu schneiden«. Nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal im 20. Jahrhundert, gerieten die russischen Juden und mit ihnen auch Alexander Petscherski in das Aufmarschgebiet der deutschen Ostpolitik. 

Als deutsche Truppen 1918 Rostow am Don besetzten, wo die Familie Petscherski seit drei Jahren eine neue Heimat gefunden hatte und Alexander gerade die Schule abschloss, war Berlin dem »Körper des russischen Bären« bereits näher gerückt. Alexander konnte die deutschen »Aspirationen« aus der Nähe erleben. Dies war die zweite Begegnung mit den imperialen Aktivitäten der Deutschen in Russland und endete für Alexander glimpflich, da das deutsche Kaiserreich in der Folge zusammenbrach und Rostow von sowjetischen Truppen zurückerobert werden konnte. 

Der deutschen Ostpolitik begegnete Alexander Petscherski zum dritten und entscheidenden Mal, als das Deutsche Reich im Juni 1941 die UdSSR überfiel. Alexander war gerade 32 Jahre alt geworden und gehörte jener Bevölkerungsgruppe an, die in der Sprache der NS-Angreifer als »jüdisch-bolschewistische Intelligenz« bezeichnet wurde. Ihr galt ein Krieg, den der Oberkommandierende der Wehrmacht Wilhelm Keitel zwecks »Vernichtung einer Weltanschauung« zu führen befahl. Militärische Träger dieser Weltanschauung seien nach der Gefangennahme erst »abzusondern« und dann »sofort mit der Waffe zu erledigen«. 

Petscherski meldete sich zum Militär und wurde im Bereich der Dritten Armee eingesetzt. Es herrschte Chaos. In der Nähe von Mogiljow, am nördlichen Dnjepr und kurz vor Smolensk, wo sich die 176. Division der Roten Armee den vorrückenden Deutschen entgegenstellen sollte, notierte der Kriegsberichterstatter Konstantin Simonow im Juli 1941, dass es an allem fehle. Wenig später, im September 1941, hatte die deutsche Heeresgruppe Mitte die Städte Mogiljow und Smolensk bereits überrannt und rückte auf Moskau vor. Petscherski kämpfte in den Einheiten, die in der Nähe von Wjasma standen, 250 Kilometer vor der sowjetischen Hauptstadt. Auch Wjasma fiel. Alexander Petscherski geriet in deutsche Gefangenschaft. 

Da seine jüdische Herkunft nicht sofort bemerkt wurde, brachten ihn die Deutschen in ein rückwärtiges Gefangenenlager nach Smolensk. Er versuchte zu fliehen, wurde aber entdeckt und in das Straflager Borissow überstellt. In Borissow hatte der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) »Judenerschießungen« durchgeführt. Das SD-Einsatzkommando 8 der Einsatzgruppe B konnte bis zum 20. August 1941, also binnen zwei Monaten nach Beginn der Erschießungen, auf eine Mordstrecke von 6.842 Menschen verweisen. Bei einer medizinischen Untersuchung in Borissow wurde entdeckt, dass Alexander beschnitten war. Als Jude gebrandmarkt, aber als Kriegsgefangener im Rang eines Ersten Leutnants der Roten Armee in den Listen geführt, bedurfte sein Status der Klärung. Die sofortige Tötung wurde aufgeschoben und Petscherski nach Minsk überstellt. Bis zur Entscheidung der Besatzungsbehörden musste Alexander in einem Lager an der Schirokaja-Straße arbeiten, das in den Stadtgrenzen von Minsk dem dortigen Ghetto benachbart war. 

Bei einem geplanten Raumbedarf von 1,5 Quadratmetern pro Person hätte das Ghetto etwa 60.000 Menschen aufnehmen können, aber es wuchs auf bis zu 80.000 Gefangene an, da die Wehrmacht und die Einsatzgruppen dem kleinen Minsker Stadtbezirk ständig neue Menschen zutrieben. Um Platz zu schaffen, jagte die SS in unregelmäßigen Abständen mit Rollkommandos durch das Ghetto und ließ die Gefangenen außerhalb von Minsk erschießen. Im November 1941 starben bei diesen Morden 12.000 Menschen. Ihr Tod bereitete das Ghetto auf die Ankunft mehrerer Reichsbahn-Züge mit rund 7.000 Deportierten aus Deutschland und Österreich vor. 

Die aus Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Berlin und Wien eintreffenden Massentransporte waren von der Reichsbahn-Direktion Mitte in den Osten geschleust worden und erwiesen sich für die logistischen Mordbeihelfer der Bahn als mehrfach profitabel: einerseits wegen der Kilometergelder für 7.000 Menschen und andererseits wegen des Bedarfs an billigen Arbeitskräften. Mehrere hundert der deutschen und österreichischen Juden wurden nach ihrer Ankunft zu Zwangsarbeiten bei der Reichsbahn in Minsk kommandiert. 

Als die Deportationen aus Deutschland die Aufnahmekapazitäten des Ghettos erneut zu sprengen drohten, schlugen Sicherheitspolizei und SD der Reichsbahn-Direktion Mitte am 23. Mai 1942 Beihilfe bei einem beschleunigten Mordverfahren vor. Demnach sagte die Reichsbahn zu, die Menschentransporte »auf ein Gleis (zu) führen, das das Heranfahren« der vom SD »eingesetzten Lastwagen ermöglicht«. Bei den Lastwagen handelte es sich um mobile Tötungsstätten, die bereits während der Krankenmorde in Deutschland erprobt worden waren und die jeweils etwa 60 Personen aufnehmen konnten, um sie in kürzester Zeit mit den Motorabgasen zu ersticken. Andere Lastwagen fuhren von den Reichsbahn-Gleisen zu einem 13 Kilometer entfernten Waldstück, wo die Verschleppten sofort erschossen wurden. Minsk hatte sich in ein Schlachthaus der rassistischen deutschen Ostpolitik verwandelt. 

Alexander Petscherski entging diesen Tötungsverbrechen nur durch Zufälle und Glück. Im September 1943, nachdem auch die Kinder im Waisenhaus und die Behinderten im Invalidenheim ermordet worden waren, so dass der endgültigen Liquidierung des Ghettos und der Juden in der Schirokaja-Straße nichts mehr entgegenstand, entkam Petscherski dem Tod erneut. Zusammen mit 1.500 Mitgefangenen, darunter Frauen und Kinder, wurde er am 20. September 1943 um vier Uhr morgens in einen Reichsbahn-Transport gezwängt, der angeblich nach Deutschland zur Zwangsarbeit fahren sollte, aber dessen wirkliches Ziel ganz woanders lag. Der Zug fuhr nach Sobibór. 

Nach fünfhundert Kilometern erreichten die Waggons das Vernichtungslager am 23. September 1943. Da die Selektion und anschließende Ermordung der für das Gas bestimmten Mehrzahl der Menschen schnell gehen musste und sowohl die deutschen Aufseher wie auch die ukrainischen Antisemiten überforderte, »wurden rund fünfzig vorwiegend junge (jüdische) Männer ausgewählt, um die noch anfallende Arbeit zu erledigen«. Andere Gefangene wollten die Deutschen als Schreiner, Schneider oder Schmiede einsetzen. Wer für diese spontan zusammengestellten Kommandos bestimmt wurde, konnte sein Leben um Stunden, vielleicht um Tage oder Wochen verlängern. Alexander Petscherski, der mit 32 Jahren noch immer jugendlich aussah und kräftig wirkte, gewann diesen unbestimmten Zeitraum. Er fand sich in der kleinen Gruppe der sogenannten Arbeitsjuden wieder. 

Am Tag nach der Ankunft notierte Alexander in seinem Tagebuch: »Wir sind im Lager Sobibór, wir stehen um fünf Uhr morgens auf, bekommen einen Liter warmes Wasser, aber kein Brot. Um 5.30 Uhr ist Zählappell, um sechs Uhr marschieren wir in Dreierreihen zur Arbeit, die russischen Juden vorn, dann Polen, Tschechen und Niederländer.« 

Die Ankunft der russischen Kriegsgefangenen machte auf die übrigen Häftlinge großen Eindruck. Die meisten von ihnen waren Zivilisten aus Westeuropa, die sich den militärisch gedrillten Deutschen und ihren bewaffneten ukrainischen Hilfstruppen hilflos ausgeliefert fühlten. Aber jetzt waren Mitgefangene im Lager, die in diesem Krieg gekämpft hatten und ebenfalls mit Waffen umzugehen wussten. Petscherski und seine russischen Kameraden »wurden von Männern und Frauen bestürmt, die uns klarmachten, dass sie dieser Hölle entkommen wollten«. 

Er begab sich an die Arbeit, um einen Plan zu entwerfen und holte bei den Mitgefangenen Informationen ein. Petscherski beschloss, eher stehend zu sterben, als kniend vor den Nazis zugrunde zu gehen. Um die Besprechungen zu tarnen, fanden sie in der Frauenbaracke statt. Dort begegnete Alexander einer jungen Jüdin, deren Alter er auf 18 Jahre schätzte, die jedoch bereits 27 war. Außer Deutsch sprach sie nur Holländisch. Die ersten Kontakte stockten, da Petscherski nur Russisch und Jiddisch verstand. Alexander nannte das Mädchen Luka, Gertrude Poppert-Schönborn sprach ihn mit dem Namen an, den ihm seine Kameraden gegeben hatten: Sascha. 

Der einzige Weg zu überleben 

Wer in Sobibór eher stehend sterben wollte, als auf dem Weg in das Gas vergeblich zu flehen, hatte keine Wahl. Sie oder er musste kämpfen. Zwar war erörtert worden, ob die Flucht durch einen Tunnel aussichtsreicher wäre als die Überwindung der Wachen und der Minenfelder am hellichten Tag, aber Petscherski verwarf das unterirdische Graben. Der Ausbruchversuch, den er verfolgte, sah die Bewaffnung einiger Gefangener, die Täuschung der Deutschen und einen geordneten Abzug der Befreiten durch das Lagertor vor, dessen Öffnung von Häftlingen in SS-Uniformen angeordnet werden sollte. In dem militärischen Plan des Ersten Leutnants Petscherski durfte dabei auf das Leben der Wachen und ihrer ukrainischen Helfer keine Rücksicht genommen werden. Der Widerstand würde auf beiden Seiten Opfer kosten. 

Der Zug der Erinnerung, der seit dem Frühsommer 2013 endlich wieder durch Deutschland fuhr, stellte diesen Widerstand in das Zentrum seiner Ausstellung. Auf die jugendlichen Besucher, die 70 Jahre nach dem Kindertransport vom Juni 1943 täglich zu Hunderten vor den Tafeln mit den Fotos der Opfer und Täter von Sobibór standen, nahm die Darstellung Rücksicht. In welcher Weise Petscherski damals versucht hatte, Widerstand zu leisten, wurde nicht im einzelnen behandelt, jedoch angedeutet. Die Notwehr der Gefangenen bei der Überwältigung der Wachen war mit Äxten, Messern, Spitzhacken und Werkzeugen jeder Art ausgetragen worden. 

Sascha hatte sich am 14. Oktober 1943 um 16 Uhr mit Luka verabredet, um ihr den Ausbruch anzukündigen: »Die (SS-) Offiziere werden in Kürze tot sein, mach dich für die Flucht bereit.« Er trug das in Handarbeit gefertigte Hemd, das ihm Luka am Vortag geschenkt hatte. Die Frau zitterte. Sascha versuchte, ihr Mut zuzusprechen: »Was wir tun, ist der einzige Weg zu überleben; wir haben nicht das Recht aufzugeben. Wir müssen uns rächen.« 

Um 16.30 Uhr wurde das Telefonkabel durchgeschnitten und zugleich die Stromzufuhr unterbrochen, die ein Aggregat geliefert hatte. Es schien alles nach Plan zu verlaufen, aber kaum waren die ersten SS-Männer ausgeschaltet worden, brachen sich die aufgestauten Gefühle einiger Gefangener Bahn. In wahnsinniger Wut und Verzweiflung töteten sie mehrere ihrer Peiniger, noch ehe das Signal zum Aufstand gegeben worden war. 

Daraufhin mussten Petscherski und die Gruppe der Verschwörer improvisieren. Für die beabsichtigte Täuschung der Wachen mit entwendeten SS-Uniformen war es zu spät. Was Petscherski befürchtet hatte, trat ein: Die Ruhe im Lager wiederherzustellen erwies sich als unmöglich. Etliche der Gefangenen, die in den Plan aus Sicherheitsgründen nicht eingeweiht worden waren, reagierten gelähmt oder panisch. Hunderte Häftlinge rannten auf die Stacheldrahtverhaue zu, in denen sich viele verfingen und von den ukrainischen Wachen erschossen wurden. Wer die Zäune überwinden konnte, hatte mehrere Minenfelder vor sich. Die ersten wurden zerrissen, die folgenden setzten ihre Füße auf die Leichen, die ihnen Sicherheit boten und den Weg in die Freiheit wiesen. 

Während im inneren Lager noch gekämpft wurde, hatte die vorderste Gruppe hinter den Minen den Waldrand erreicht. In dem Durcheinander konnte Sascha Luka nicht ausmachen. Er schlug sich in Richtung Osten durch, zumeist bei Nacht, und fragte bei Begegnungen mit anderen Befreiten nach der jungen Deutschen. Etwa 365 Häftlingen war die Flucht gelungen. 

Am achten Tag nach dem Ausbruch hatten Sascha und seine kleine Einheit den Fluss Bug bereits hinter sich gelassen und mehr als 200 Kilometer zurückgelegt. Zu fünft stießen sie in der Nähe von Lemberg (Lwiw) auf eine Partisanengruppe, aber waren noch nicht in Sicherheit. Zwei Jahre zuvor, im Sommer 1941, hatte die Terrororganisation OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) im Gebiet um Lemberg ein antisemitisches Pogrom begangen, das mehrere tausend Tote forderte; anschließend war eine unbekannte Anzahl weiterer jüdischer Opfer von der Einsatzgruppe C der SS ermordet worden. Auf der Jagd nach ukrainischen Juden waren auch Spezialisten des Deutschen Auslandsinstituts (Stuttgart). Die Befreiten von Sobibór mussten mit Überfällen rechnen. Unter diesen Umständen Luka zu finden war aussichtslos. 

Alexander Petscherski und 46 andere Häftlinge erlebten das Kriegsende. Sascha suchte über mehrere Jahrzehnte nach Luka, doch Luka, die 27jährige Gertrude Poppert-Schönborn aus Dortmund, war irgendwo zwischen den Stacheldrahtverhauen von Sobibór und den ersten Bäumen des schützenden Waldes zurückgeblieben. 

Der Widerstand hatte Hunderte Opfer gekostet, aber bei der Sobibór-Fahrt im Zug der Erinnerung konnte er trotz allem Mut machen. In einem entschlossenen Kampf war es damals gelungen, den rassistischen Terror zu brechen und aus eigenen Kräften gegen eine Übermacht zu bestehen, selbst unter Bedingungen, die im Oktober 1943 aussichtslos erscheinen mussten. Der Plan der NS-Verbrecher, sämtliche Zeugen zu beseitigen und nur noch Tote zu hinterlassen, scheiterte. Infolge des Aufstands befahl der Reichsführer SS die Schließung des Vernichtungslagers Sobibór, das dem Erdboden gleichgemacht wurde, um die Mordspuren zu verwischen. 

Diese Niederlage, so unbekannt sie im Oktober 1943 an den Fronten des Krieges gewesen war, kündigte damals das nahende Ende der Mordfabriken und ihrer Erbauer an. Sie hatten sich vorgenommen, mit den europäischen Juden auch die slawische Bevölkerung des Kontinents auszulöschen. 

 

Hans-Rüdiger Minow: Der Zug der Erinnerung, die Deutsche Bahn und der Kampf gegen das Vergessen, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2014, 448 Seiten, 24,80 Euro. 

 

_______________________