Alles geht weiter?!  

geschrieben von Antifaschistische Linke Berlin  

http://www.antifa.de/cms/content/view/2383/1/ 

 

Zur Auflösung der Antifaschistischen Linken Berlin [ALB] 

 

Hiermit geben wir bekannt, dass sich im August 2014 die Antifaschistische Linke Berlin [ALB] aufgelöst hat. Zu unserer Geschichte, den Gründen und der politischen Perspektive wollen wir in diesem kurzen Papier ein paar Worte verlieren.  

 

Wo sind die Falter in meinem Bauch… 

 

Im Augenblick unserer Auflösung blicken wir zurück auf die letzten 11 Jahre, in denen wir linksradikale und antifaschistische Politik in Berlin und in der Bundesrepublik mitgestaltet haben. Zusammen mit euch haben wir gegen den G8-Gipfel im Jahr 2007 demonstriert, sowohl auf der teilweise militanten Großdemonstration am 2. Juni 2007 in Rostock als auch wenige Tage später in den Feldern von Heiligendamm. Wir sahen uns jedes Jahr im November im Gedenken an Silvio Meier und alle anderen Opfer von neonazistischer Gewalt auf der Straße in Friedrichshain. Zusammen mit euch haben wir in endlosen Buskolonnen nach Dresden gesessen, die Nacht vorher vor Aufregung kaum geschlafen, Polizeiketten durchflossen und den größten Neonazi-Aufmarsch in Europa blockiert und unmöglich gemacht. Wir waren auf der Straße gegen die Einführung der Arbeitsmarkt-Reform Hartz IV, haben dort Neonazis von den Demos geworfen, haben x-mal gegen Gentrifizierung, gegen Zwangsumzüge und gegen die soziale Misere hier und in Europa protestiert. Mit Blockupy versuchten wir in Frankfurt mit vielen Anderen, ein wirkungsvolles Zeichen gegen die EZB zu setzen. Wir haben mit Zeitzeug*innen gesprochen und sie von ihrem Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Deutschland, Italien, Spanien und Jugoslawien berichten lassen. Wir haben in Veranstaltungsreihen zum Neonazi-Netzwerk NSU versucht, das Unglaubliche, nämlich mordende Neonazi mit Unterstützung des deutschen Staates und seiner Behörden, in Worte zu fassen. In Berlin und darüber hinaus schmiedeten wir Bündnisse gegen Neonazi-Großaufmärsche – so zum 1. Mai 2010 oder zum 8. Mai 2005. Wir sahen uns staatlicher Repression ausgesetzt, weil wir versuchten, in der Presse die Zusammenhänge von kapitalistischer Unterdrückung und dem militanten Widerstand dagegen zu erklären. Wir haben Angriffe gegen unsere Gruppe und gegen Aktivist*innen der linksradikalen Szene zusammen mit Anderen entschlossen abgewehrt. Wir haben mit der LL-Demonstration jedes Jahr im Januar versucht, eine eigene linke Geschichtsschreibung zu etablieren und zu reflektieren. Wir scheuten uns nicht vor großen Bündnissen, beispielsweise gegen Neonazis und soziale Ausgrenzung, und haben in diesen Bündnissen versucht, radikale Standpunkte und Aktionsformen zu vertreten und wirksam werden zu lassen. Wir haben versucht, über die Verbindung von Kultur und Politik, Menschen außerhalb unserer Bewegung für linksradikale und antagonistische Politik zu begeistern und zu politisieren. Wir haben jedes Jahr wieder am 1. Mai in Kreuzberg für die Rechte der Arbeiter*innen, gegen Krieg, gegen Unterdrückung und den kapitalistischen Normalzustand demonstriert. Vieles andere mehr haben wir zusammen mit euch geträumt und organisiert: Deswegen sind an dieser Stelle auch nur ein paar Schlaglichter niedergeschrieben.  

 

Das Maß scheint voll und das Glas ist scheinbar leer… 

Unsere Gruppe war nie ein homogener Zusammenschluss, wie es vielleicht für Außenstehende aussah. Was einerseits Stärke ausmachte, brachte durchaus auch Probleme und Differenzen mit sich. Wir haben uns nicht im Streit zur Auflösung der [ALB] entschlossen, doch mittlerweile sind die Ideen, Strategien und Ziele zu unterschiedlich, die wir hinsichtlich einer linksradikalen Praxis, Organisierung und Perspektive haben. Organisierung und Organisation erfordern Verbindlichkeit und bedürfen Zeit und Aufwand, mitunter brauchen sie auch inhaltliche Korrekturen und zähe Debatten - um den richtigen und falschen Begriff vom Kapitalismus, um die Ausrichtung der Aktionen, um die Politik gegen die Festung Europa und gegen Neonazis, um die „Farbe der Regenjacke", um die Notwendigkeit linksradikaler Aktionsformen und ihre Vermittelbarkeit. Festhalten können wir, dass wir es bereits seit einiger Zeit nicht mehr geschafft haben, die unterschiedlichen Antworten auf diese Fragen in Kraft und Enthusiasmus zu kanalisieren, sondern leider in Ratlosigkeit, Resignation und Austritten.  

Dies ordnet sich unseres Erachtens in einen größeren Zusammenhang ein: Die radikale Linke in Deutschland und weiten Teilen Europas scheint sich in einer Krise zu befinden. Ehemals bewährte Konzepte und Ansätze eignen sich nur noch bedingt für die politischen Fragen unserer Zeit. Bei manchen Entwicklungen - vor allem Flüchtlingsproteste, Krieg und Frieden und Überwachung - befindet sich die radikale Linke in einer Schockstarre, und braucht manchmal Wochen, um sich überhaupt zu äußern. Und ob auch dann die passende Antwort und Anschlussfähigkeit gefunden wird, sei dahingestellt.  

Symptomatisch wollen wir in diesem Zusammenhang einige Punkte kurz erwähnen, die uns als [ALB] in der letzten Zeit bewegt haben: 

Als [ALB] haben wir uns politisch vor allem in den Bereichen Antifaschismus und soziale Kämpfe verortet.  

Unseres Erachtens befindet sich die klassische Antifa-Bewegung in einer Krise. Auch hier müssen neue Perspektiven entwickelt werden. Der Rassismus der Mitte, der europaweite Erfolg rechter und rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen und auch der Sozialchauvinismus in weiten Teilen der Bevölkerung bedürfen neuer Ansätze und Antworten durch die antifaschistische Bewegung. Das alte „Antifa heißt Angriff" ist in diesem Zusammenhang eher als Stillstand und Phrasendrescherei zu werten. Auch hier greifen tradierte Konzepte nur noch bedingt. Ebenso spielt der Wandel in Teilen der extrem rechten Bewegung dabei eine Rolle: Die Fokussierung auf den Kameradschafts- und NPD-Nazi bedarf in Berlin und in anderen Großstädten teilweise einer Neubewertung. Außer Acht gelassen werden darf diese Formierung innerhalb der neonazistischen Szene natürlich nicht. Eine Antifa-Bewegung, die erfolgreich sein will, muss sich in einen Reflexionsprozess begeben und ihre Aktionen und Aktionsformen an eine veränderte extreme Rechte anpassen. Der Kongress „Antifa in der Krise" im Frühjahr des Jahres 2014 zeigte diese Entwicklung. Leider konnten wir, trotz richtiger Fragestellung und Problembewusstsein, keine adäquate Antwort im Sinne einer politisch-organisatorischen Perspektive entwickeln.  

Mehr noch als vor einigen Jahren gibt es derzeit die Möglichkeit, aktuelle selbstorganisierte Geflüchteten-Proteste zu unterstützen und zusammen mit den Refugees den Kampf gegen gesellschaftlichen Rassismus und das europäische Grenzregime zu führen. Hier liegt derzeit ein zentrales gesellschaftliches Konfliktfeld, wo es die Perspektive geben könnte, als radikale Linke wieder wirkungsmächtig zu werden. Es bietet sich für die radikale Linke die Möglichkeit, an entscheidenden Fragen der Zeit zu intervenieren und größere Zusammenhänge – beispielsweise zu imperialer Politik, zum Militarismus des Westens, zu Neokolonalismus, zu Sozialchauvinismus und kapitalistischer Ausbeutung – zu erklären. Das haben wir – und viele andere – verpasst. Auch hier bedarf es neuer Ansätze, Aktionsformen und Diskussionen. Der Enthusiasmus, das Aktionswissen und auch die Fähigkeit, unsere Positionen in breiten Bündnissen auf weitere gesellschaftliche Akteure zu übertragen und damit gesellschaftlich wirksam zu werden, die wir in linksradikalen und antifaschistischen Bündnissen in den letzten Jahren etabliert haben, hätten wir hier intensiv nutzen müssen.  

Gerade im Bereich der sozialen Kämpfe, dem zweiten für uns zentralen Arbeitsfeld, gibt es zurzeit gesellschaftliche Bruchstellen. Hier muss die radikale Linke versuchen zu intervenieren, eigene Positionen zu beziehen und Perspektiven aufzuzeigen. Dabei muss über die Szene hinaus mobilisiert und analysiert werden. Das passiert leider immer noch viel zu wenig. Auch haben wir es letztlich nicht geschafft, wirkungsvolle Sozialproteste zusammen mit den Betroffenen der Krise zu formulieren. Auch Blockupy erschien zuletzt Einigen von uns in diesem Zusammenhang mitunter mehr als eine richtige Fragestellung denn als eine wirkungsmächtige Antwort. So konnten in den letzten Jahren zwar mehrere tausend Menschen mobilisiert, ein europäisches Netzwerk aus Aktivist*innen errichtet und verschiedene Aktionen organisiert werden, die sich trotz Repression nicht von Staat und Polizei die Spielregeln haben diktieren lassen. Doch bezüglich der eigentlich wichtigen Frage, wie zukünftig nachhaltige und wirksame soziale Kämpfe auch lokal und im Alltag organisiert werden können, haben wir keine gemeinsamen Antworten finden können.  

All diese Aspekte und Entwicklungen zeigen uns, dass ein „Weiter so" als [ALB] keine gemeinsame Perspektive mehr darstellt. Mehr denn je bedarf es für die radikale Linke einer Neubewertung der Verfasstheit ihrer Strukturen, ihrer Wirkungsmacht und einer linksradikalen Perspektive, die ihren Namen noch verdient.  

the show must go on… 

Eigene Genoss*innen werden sich weiter in der Interventionistischen Linken (IL) organisieren. Anderen Genoss*innen ist derzeit dieser Ansatz nicht radikal und antagonistisch genug. Einige Genoss*innen aus unserer Struktur wollen einen neuen Zusammenhang gründen und an typische Aktionen und „Politikstil" anknüpfen. Einige Genoss*innen werden sich bestehenden linksradikalen Strukturen anschließen. Die allermeisten von uns wollen auch weiterhin politisch aktiv sein! 

Wir wünschen allen ehemaligen Mitgliedern der [ALB] viel Erfolg, Kraft und Mut - sei es in der „postautonomen" Großorganisation, in der klassischen linksradikalen Gruppe oder in anderen autonomen, antifaschistischen oder linksradikalen Zusammenhängen.  

Zum Abschluss: Wir möchten am 2.Oktober 2014 mit Freund*innen und Genoss*innen in Kreuzberg im Clash feiern und für einen würdigen Abgang sorgen. Das Geld geht an vier Antifaschist*innen, die 2013 versuchten, einen Naziaufmarsch in Berlin mittels einer Betonpyramide zu stoppen. 

In diesem Sinne:  

Ever tried. Ever failed.  

No matter. Try again.  

Fail again. Fail better. 

(Samuel Beckett) 

Antifaschistische Linke Berlin [ALB],  

September 2014 

 

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Denen, die kämpfen  

Die Antifa macht angeblich Feierabend, doch Bernd Langer führt seine »Herbstkampagne« durch 

In: junge Welt online vom 19.09.2014 

 

Wo sind die Falter in meinem Buch...«, fragte sich die Antifaschistische Linke Berlin in ihrer Auflösungserklärung Anfang des Monats. Tschüssikowski Schwarzer Block - manche Medien taten so, als privatisiere die Antifa nun in Richtung Freizeitpark und Schöner Wohnen. Zugegeben, die Auflösungserklärungen von RAF und RZ lasen sich literarisch wie politisch interessanter. Aber das waren ja auch ganz andere Zeiten und Ansätze. Von der Aufösungserklärung der ALB kann man sich zwei Worte merken: »Krise« (die Antifa) und »Perspektiven« (bitte entwickeln). Diese Worte hat sich noch jede politische Gruppe ins Rettungsboot gepackt und dabei meistens die Ruder vergessen. 

»Daß sich die ALB aufgelöst hat, ist schade, und ich will auch ihre Bedeutung und Leistung nicht schmälern, aber aus dem Ende der ALB zu folgern, daß die rAntifal Feierabend macht bzw. abdankt, ist vermessen und schlägt den vielen Aktivisten, die nach wie vor die Antifa ausmachen, Demonstrationen und Aktionen organisieren, ins Gesicht« sagt der Künstler, Drucker und Historiker Bernd Langer. Er fragt: »Was soll diese defätistische Propaganda, die nur zur Entmutigung der Mutigen beitragen kann?« 

Der freundlich-drahtige Bernd Langer ist eine Art Henry Rollins der bundesdeutschen Autonomenszene, geraderaus, aber bei vollem historisch-materialistischen Bewußtsein. Was viele nicht wissen: Die Antifa gab es schon Ende der Weimarer Republik, gegründet von der KPD. Die Geschichte dieser politischen Bewegung erzählt Langer in seinem neuen Buch »Antifaschistische Aktion«, das im Oktober im Unrast Verlag erscheint. 

Jetzt, da die ALB sich aufgelöst hat, beginnt er damit eine Lesereise, die er »Herbstkampagne« nennt. Dabei präsentiert er auch seine früheren Arbeiten über »Kunst und Kampf«, über den kommunistsischen Widerstand im KZ und über »Die Revolution und bewaffnete Aufstände in Deutschland 1918-1923«. Sein neues Buch hat er »denen, die kämpfen« gewidmet. Langer weiß: »Die ALB war nicht die rAntifal. Das Rückgrat der Bewegung sind die vielen kleinen Gruppen und regionalen Zusammenschlüsse die nach wie vor aktiv sind.« (jW) 

22.9. Bitterfeld, AKW (Thema: »Revolution und bewaffnete Aufstände in Deutschland 1918/23«); 23.9. Plauen, Projekt Schuldenberg (Thema: »Offensiv, autonom, militant - wie die Antifa entstand«); 24.9. 

Sulzbach-Rosenheim, Jugendclub Bureau (»Offensiv...«); 28.9. Schropfheim, Café Irrlicht (»Offensiv...«); 29.9. Offenburg, Alarmraum (»Offensiv...«); 30.9. Stuttgart, Zentrum Lilo Hermann (Thema: »Ein schmaler Grat: Widerstand im KZ Buchenwald«); 1.10. Karlsruhe, Planwirtschaft (»Ein schmaler...«), 2.10. Heilbronn, Zentrum Käthe (»Offensiv...«); 3.10. 

Kaiserslautern, Roachhouse (»Ein schmaler...«); 4.10. Speyer, Eckpunkt, (Thema: »Berauscht am Klang der Waffen - Kunst im 1. Weltkrieg«); 6.10. 

Siegen, VEB (»Offensiv...«); 7.10. Gießen, Kongreßhalle-Vortragsraum (»Offensiv...«) 

 

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Aus Leserbriefen an die Redaktion

Debattenaufruf ernst nehmen

In: junge Welt online vom 27.09.2014

- Zu jW vom 10. September: »Antifa packt ein« und jW vom 22. September: »Nur noch Event«

Die bemerkenswert offene, nachdenkliche und solidarische Erklärung zur Auflösung der Antifaschistischen Linken Berlin sollte, wie von ihr gefordert, zu einem kollektiven Nachdenken über die Ursachen der von ihr zu Recht konstatierten »Krise der radikalen Linken in Deutschland und weiten Teilen Europas« führen, für die - leider - die Krise der »klassischen Antifabewegung« nur ein Mosaikstein ist.

Der Kern unserer Krise liegt meines Erachtens darin, daß beide Bewegungen die tiefgreifenden Veränderungen, die sich gegenwärtig im Kapitalismus vollziehen, noch nicht hinreichend analysiert, geschweige denn auf den Begriff gebracht haben. In gewisser, wenn auch dumpf-ahnender, Weise sind faschistische Kräfte da schon weiter. Es muß doch nachdenklich stimmen, daß Faschismus in den 30er Jahren vor allem »Lebensraum im Osten« auf seinen Fahnen stehen hatte, jetzt aber »Deutschland den Deutschen«. Das eine ist rassistisch-dumpf-dumm-offensiv, das andere rassistisch-dumpf-dumm-defensiv. Dieser Wandel des Faschismus selbst bildet den Epochenbruch des Kapitalismus ab, der, nachdem er im Zuge der Konterrevolution nach 1989 ein einheitliches Weltsystem geworden war, nun von seiner expansiven in seine ökonomisch kontraktive Phase übergegangen ist. Dieser Epochenbruch verändert alle Koordinaten unserer politischen Begriffswelt - ob den der Kriege, die seitdem einen grundlegend anderen Charakter haben, oder den des Faschismus und folglich auch des Antifaschismus. Solange wir darüber keine analytische Klarheit haben, werden wir uns noch über viele Auflösungserklärungen hinweg an diese Klarheit herantasten müssen, wie ein Wanderer, der im Nebel ohne Kompaß unterwegs ist.

Manfred Sohn, Gleichen

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Nur noch Event  

Die Antifaschistische Linke Berlin hat sich aufgelöst. Ihr Abgang fällt in eine Krisenperiode der radikalen Linken. Der Exitus könnte auch Chance für neuen Aufbruch sein  

Thomas Eipeldauer 

In: junge Welt online vom 22.09.2014 

 

Die Antifaschistische Linke Berlin (ALB) ist Geschichte. Am 8. September verabschiedete sich die von Freunden wie Feinden als eine der einflußreichsten Gruppierungen der deutschen Antifabewegung angesehene Organisation mit einem Auflösungspapier unter dem Titel »Alles geht weiter?!« und erklärte: »Wir haben uns nicht im Streit zur Auflösung der ALB entschlossen, doch mittlerweile sind die Ideen, Strategien und Ziele zu unterschiedlich, die wir hinsichtlich einer linksradikalen Praxis, Organisierung und Perspektive haben.« Man habe in den entscheidenden Debatten keine produktiven Antworten mehr gefunden, Austritte und Resignation hätten dazu geführt, daß man sich gezwungen sah, den Laden zu schließen (siehe jW vom 10. September 2014). 

Nun sind Auflösungen von Antifagruppen im allgemeinen nicht von sonderlich großem nachrichtlichen Wert. Ein Problem der Szene ist, daß ohnehin nur die wenigsten dieser Gruppen eine Halbwertzeit haben, die ihnen ein Mindestmaß an theoretischer wie praktischer Kontinuität sichert. Das Ende der ALB ist allerdings anders, denn es betrifft nicht nur eine Gruppe, die von einiger bundesweiter Relevanz war, sondern fällt auch in eine Periode allgemeiner Krisenstimmung in der radikalen Linken. Mit der ALB ist, so nehmen es viele wahr, nicht nur eine Gruppe an sich selbst gescheitert, sondern ihr Niedergang ist Ausdruck einer notwendigen konzeptuellen Neuformierung der außerparlamentarischen, sich als revolutionär verstehenden Linken. 

In ihrem Auflösungspapier benennt die ALB zwei Problemfelder, die sie für zentral hält und auf deren Fragestellungen sie keine adäquaten Antworten mehr formulieren konnte. Zum einen sei zu überdenken, wo der Schwerpunkt antifaschistischer Politik angesichts veränderter Kräfteverhältnisse und Konzepte auf Seiten der Rechten zu liegen habe: »Die Fokussierung auf den Kameradschafts- und NPD-Nazi bedarf in Berlin und in anderen Großstädten teilweise einer Neubewertung.« Zum anderen sei es nicht gelungen, ausreichend in »soziale Kämpfe« zu »intervenieren«. Ideen, warum das so ist, werden nicht präsentiert. 

Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte: Für den »revolutionären Antifaschismus« der 1990er Jahre war, ebenso wie für seinen zwar weder bruch- noch kritiklos aufgenommenen Vorgänger, die »Antifaschistische Aktion« von 1932, klar, daß der Kampf gegen den Faschismus eingebettet ist in eine generell gegen Imperialismus und Kapitalismus gerichtete Strategie. 

Zudem wurde antifaschistische Mobilisierung als untrennbar verbunden mit der sozialen Frage verstanden. »Ausgehend von der Organisierung der Tageskämpfe der Betriebsarbeiter, der Erwerbslosen und Mieter ist die Einheitsfront der Arbeiter so zu festigen, daß sie imstande ist, den politischen Massenstreik gegen das faschistische Diktaturregime und all seine Unterdrückungsmaßnahmen siegreich durchzuführen«, hieß es in einer Erklärung des Reichseinheitsausschusses der Antifaschistischen Aktion vom 25. November 1932. 

Die Formulierung mag wenig charmant klingen, inhaltlich weist sie in die richtige Richtung. Antifaschismus hat seine Basis da, wo aus den »Tageskämpfen« - von Arbeitskämpfen über Stadtteilarbeit bis zum Refugee-Streik - die Bevölkerung organisiert wird. Diese Aufbauarbeit ist weiten Teilen der Antifabewegung abhanden gekommen. Man widmet sich zwar den Themenfeldern, allerdings nicht in kontinuierlicher Weise, sondern durch ihre öffentliche Inszenierung als »Event«. Großveranstaltungen wie »Blockupy« bleiben, so schön sie sein mögen, Eintagsfliegen, über die keine reale Gegenmacht formiert wird. 

Weil man sich nicht mehr zutraut, sich wirkliche Verankerung in Betrieben, Stadtteilen oder gesellschaftlich relevanten Milieus zu erarbeiten, und es deshalb kaum noch versucht, bezieht man seinen Nachwuchs aus der zur »Szene« herabgesunkenen Antifasubkultur. Zwar weiß man irgendwie, daß es wichtig ist, »über die Szene hinaus« (wie es nicht nur im ALB-Abschiedsbrief, sondern in zahllosen Erklärungen der radikalen Linken gebetsmühlenartig heißt) zu handeln, man verschleiert aber damit das eigentliche Problem. Denn es geht nicht darum, auch »über die Szene hinaus« zu mobilisieren, es geht darum, aufzuhören, eine »Szene« zu sein. 

Eine »Szene« ist keine politische Bewegung, sondern deren Gegenteil. An die Stelle theoretischer Verständigung und ideologischer Debatten tritt eine diffuse Zugehörigkeit, gestiftet nicht durch ein gemeinsames Projekt, sondern durch Kleidung, Habitus und einen Verhaltenskodex. Nicht die Vermittlung revolutionärer Inhalte dort, wo die alltäglichen Sorgen und Nöte der Bevölkerung sich abspielen, ist wichtig, sondern eine moralinsaure Distanz vom »Mob«. Man bleibt unter sich, der Pöbel muß draußen bleiben. 

Der Exitus der ALB samt der dadurch angestoßenen Debatte kann eine Chance sein, aus der Lethargie dieses Daseins in einer Szene zu entkommen. »Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten«, haben Ton Steine Scherben gesungen. Sie ist schon relativ tief, also darf man hoffen. An Themenfeldern, die eine revolutionäre antifaschistische Linke geradezu fordern, fehlt es jedenfalls nicht: Vom in die Weltpolitik zurückkehrenden deutschen Imperialismus über die Kämpfe der Geflüchteten bis zum vom Westen geförderten Faschisierungsprozeß in der Ukraine dürfte für jeden Geschmack etwas dabei sein. 

 

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Ausweg Bewegung?  

Tom Eipeldauer 

In: junge Welt online vom 22.09.2014 

 

Der Wegfall der Antifaschistischen Linken Berlin (ALB) wird voraussichtlich zu einer weiteren Stärkung der Rolle der Gruppierung »Interventionistische Linke« (IL) in Berlin führen. In einem Kommentar in der Tageszeitung Neues Deutschland erklärte Maike Zimmermann, daß sich »Antifa« als politisches Konzept erschöpft habe, man nun mit »liebgewordenen Traditionen« brechen und sich in Gruppen organisieren müsse, die Antifaschismus als einen Teil des Kampfs ums Ganze begreifen (ND vom 17.9.2014). »Die Umstrukturierung der Interventionistischen Linken (IL), in der ja auch Teile der ALB weiterarbeiten wollen, deutet in eine solche Richtung.« 

So richtig die Analyse ist, so zweifelhaft bleibt die Schlußfolgerung. Die IL ist ein bundesweiter Zusammenschluß vieler - zum Teil ideologisch ziemlich heterogener - Gruppen, der sich auf dem Weg hin zu einer bundesweiten gemeinsamen Gruppe begreift. Man kann sicher ohne Untertreibung sagen, daß der Organisation gerade in der gegenwärtigen Periode der Krise der radikalen Linken ein nicht zu unterschätzendes Verdienst zukommt, da sie mit professionellen und wirksam inszenierten Kampagnen und Events Themen zu setzen und einigermaßen sichtbar zu machen versteht. 

Hiermit sind allerdings auch schon ihre Grenzen benannt. Sie bleibt innerhalb des Paradigmas einer jeden »bewegungslinken« Struktur ohne theoretisches Fundament und weitgehend ohne Basisverankerung - außer vielleicht an Universitäten. Wenn Zimmermann am »Konzept Antifa« - zu Recht - bemängelt, daß dahinter »keine besonders pfiffige Gesellschaftsanalyse« stand, so ist deren Existenz bei der IL erst recht zu bezweifeln. Wichtig ist ihr vor allem die »Breite«, auch wenn es nur die simulierte Breite punktueller und isolierter Großereignisse ist. Für die organisiert man - auch das kein Bruch mit dem, was die »Szene« ohnehin eh und je tat - Großevents, mit denen man in eine politische Debatte »intervenieren« will. 

Klare Positionen zu Themen, die kontrovers sind, können nicht formuliert werden, finden sich innerhalb der Struktur doch zu viele Gruppen mit einander entgegengesetzten Positionen: Einige vertreten einen klassenorientierten politischen Ansatz, andere lehnen das ab. Einige befürworten die Unterstützung der FSA-Opposition in Syrien, andere lehnen sie ab. Einige nahmen an den neurechten Montagsdemonstrationen teil, andere lehnten das ab. Und so weiter. 

Zugleich stellt man sich in immer deutlicherer Nähe zur Partei Die Linke auf, Doppelmitgliedschaften und der Broterwerb in der Partei oder ihr nahestehenden Stiftungen sind weit verbreitet, woraus ein tendenziell unkritisches Verhältnis zwischen außerparlamentarischen Postautonomen und parlamentarischem Reformismus entsteht. 2012 unterzeichneten namhafte Mitglieder der IL dann konsequenterweise auch ein Papier, in dem betont wird, wie sehr man als außerparlamentarische Linke doch auf die Linkspartei angewiesen sei. Der Hinweis, den man sich genötigt sah, ans Ende der Erklärung zu kleben, entbehrt nicht einiger Komik: »Wir betonen ausdrücklich: Uns geht es nicht um Ämter und Funktionen in einer möglichen neuen Linken. Dafür geben wir unser Ehrenwort, wir wiederholen: unser Ehrenwort.« 

»Einige Genoss*innen werden sich weiter in der IL organisieren. Anderen Genoss*innen ist derzeit dieser Ansatz nicht radikal und antagonistisch genug«, kündigt die ALB in ihrem Auflösungspapier an. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die »anderen Genoss*innen« recht behalten. 

 

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Pressestimmen 

In: junge Welt online vom 22.09.2014 

 

»Pop-Antifa«, »rabiate Gruppe« 

taz (9.9.2014): (...) Dabei war der Start der ALB »ein hoffnungsvoller. 

Schon 1993 gründete sich in Berlin ihr Vorgänger, die »Antifaschistische Aktion Berlin« (AAB). Das war auch ein Befreiungsversuch. Die Vermummung der klassisch Autonomen wurde gelüftet: Man wollte raus aus der Szene, ansprechbar sein. Es gab Pressesprecher - ein Novum. Und auf Demos knarzten nicht mehr Ton Steine Scherben aus alten »Lautis«, sondern Techno von Trucks. Es durfte getanzt werden, der Berliner Autonome trug nun auch Jeans statt nur schwarz. Schnell hatte die Gruppe ihr Label weg: »Pop-Antifa«. 

(...) 

Neues Deutschland (17.9.2014): (...) Antifa war immer dann stark, wenn es darum ging, Neonazis auf der Straße zurückzudrängen. Dann konnten nicht nur viele Menschen mobilisiert werden, sondern es gelang, etliche von ihnen über antifaschistische Politik an linke Inhalte heranzuführen. (...) Gar keine Frage: Antifaschistische Arbeit ist nach wie vor richtig und wichtig. 

Das zeigen nicht zuletzt die Analysen und Recherchen, die antifaschistische Initiativen und Netzwerke im Zusammenhang mit der Aufarbeitung des NSU vorlegen. Auch bleibt es notwendig, Neonazis nicht unwidersprochen die Straße zu überlassen. (...)Trotzdem schadet es nicht, sich irgendwann von liebgewordenen Traditionen zu trennen. Die Umstrukturierung der Interventionistischen Linken (IL), in der ja auch Teile der ALB weiterarbeiten wollen, deutet in eine solche Richtung. 

Tagesspiegel (9.9.2014): Die ALB war die rabiateste Gruppe der linken Szene Berlins. (...) Der Berliner Verfassungsschutz reagiert kühl. Die Auflösung komme nicht überraschend, sagt der Chef der Landesbehörde, Bernd Palenda. 

Die zuletzt auf 30 bis 40 Mitglieder taxierte Gruppe sei nach internen Zerwürfnissen und einem »Spitzelvorwurf« bereits 2012 zeitweise handlungsunfähig gewesen. (...) Zerbrochen sei die ALB an der Uneinigkeit darüber, ob man eine autonome Gruppierung mit dem Schwerpunkt »Antifa« bleibe oder versuche, mit einem weniger martialischen Auftreten »die gesellschaftliche Isolation traditioneller Autonomer zu überwinden«. 

Palenda spricht von »postautonomen Organisierungsstrategien« (...). Auch nach dem Ende der Gruppe erwartet der Verfassungsschutz nicht, daß die linksextreme Szene schlagartig geschwächt ist. (...) 

 

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Antifa hat sich als Bewegung erschöpft 

Mit der ALB erklärt eine der ehemals wichtigsten Gruppen der linken Szene Berlins ihre Auflösung 

Von Peter Nowak 

 

1. Mai, Dresden und Luxemburg-Liebknecht-Gedenken: Lange war die Antifaschistische Linke Berlins (ALB) eine relevante politische Gruppe. Zuletzt war sie aber nur noch ein Schatten ihrer Selbst. 

»Hiermit geben wir bekannt, dass sich im August 2014 die Antifaschistische Linke Berlin [ALB] aufgelöst hat.« Angesichts der Entwicklung der vergangenen Jahre scheint dieser Schritt, der am Dienstag bekannt[1] gegeben wurde, indes konsequent. Zwar billigen Freunde und Gegner der ALB zu, in den vergangenen zehn Jahren einigen Einfluss in der außerparlamentarischen Linken in Berlin und darüber hinaus gehabt zu haben. Doch seit vier Jahren gingen die Aktivitäten der Gruppe immer weiter zurück. Viele Mitglieder sahen die Zukunft eher im bundesweiten linksradikalen Bündnis Interventionistische Linke (IL), was den Auflösungsprozess weiter verstärkte. 

In: Neues Deutschland online vom 10.09.2014 

Weiter unter:  

Links: 

    1. http://www.antifa.de/cms/content/view/2383/1/

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/945279.antifa-hat-sich-als-bewegung-erschoepft.html 

 

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Organisiert undogmatisch 

Avanti wird in der IL aufgehen, feiert vorher aber noch einmal seine Unabhängigkeit 

Von Maike Zimmermann 

 

Linksradikal und bündnisfähig, das zeichnet postautonome Gruppen wie Avanti aus. Der 25. Geburtstag wird zugleich ein Abschied sein: Die Eigenständigkeit will Avanti aufgeben, zentrale Grundsätze nicht. 

»Wir sind schon manchmal ein bisschen norddeutsch drög«, meint Christoph Kleine. Vielleicht ist das aber auch nur der Ruf, der den Leuten von »Avanti - Projekt undogmatische Linke« zuweilen vorauseilt, die in der Provinz gestartet sind und optisch eher weniger Wert auf linkes Hippstertum legen. Am kommenden Sonnabend feiert die älteste postautonome Organisation der Bundesrepublik Geburtstag, auf der Stubnitz im Hamburger Hafen. 25 Jahre gibt es den Zusammenschluss von acht vor allem norddeutschen Ortsgruppen dann schon. Überregional dürfte Avanti allerdings erst seit 2007 und den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm bekannter sein: Bei der Kampagne »Block G8«, die die Massenblockaden der Zufahrtsstraßen organisierte, spielten die Aktivisten eine zentrale Rolle. Seither ist Avanti bei jeder größeren linken Mobilisierung in der Bundesrepublik dabei. 

In: Neues Deutschland online vom 24.09.2014 

Weiter unter:  

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/946924.organisiert-undogmatisch.html  

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Scheitern als Chance 

Die Antifabewegung ist in der Krise. Und das ist weniger schlimm, als es klingt 

Von Maike Zimmermann 

 

Die Auflösung der ALB besiegelt das Scheitern eines Konzepts: Mit Antifa kann man eben nicht die Welt erklären. Aber man kann linke Politik machen, die schon von Haus aus immer auch antifaschistisch ist. 

»Die Tonangeber sind verstummt« hieß es in der vergangenen Woche in Nachrufen auf die Antifaschistische Linke Berlin (ALB). »Die Szene«, so wurde behauptet, »wandelt sich grundlegend«. Aber stimmt es, dass mit der Auflösung der ALB die antifaschistische Bewegung in ihrer bisherigen Form Geschichte geworden ist? Soviel ist sicher: In den letzten elf Jahren, also in der Zeit ihres Bestehens, war die ALB im Bereich Antifa eine feste Größe. Bundesweit waren es jedoch vor allem die großen Bündnisprojekte, in die sie sich gemeinsam mit anderen linken und antifaschistischen Gruppen einbrachte – Heiligendamm, Dresden, Blockupy. 

In: Neues Deutschland online vom 17.09.2014 

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Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/946124.scheitern-als-chance.html 

 

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