Früher Widerstand  

Die antifaschistische Einheitsfront in Italien ab 1922  

Gerhard Feldbauer 

In: junge Welt online vom 23.07.2014 

 

In der Reihe »Basiswissen« des Kölner PapyRossa Verlags erscheint in diesen Tagen der Band »Die Resistenza« zum italienischen antifaschistischen Widerstand von seiner Formierung in den 1920er Jahren bis in die Nachkriegszeit. jW veröffentlicht einen leicht gekürzten Auszug aus dem hier in der Unterzeile genannten Kapitel. (jW) 

Als in den revolutionären Nachkriegskämpfen zwischen 1919 und 1921 eine linke Regierungsbildung möglich wurde, übertrugen die reaktionärsten Kreise des Kapitals, die Latifundistas des Südens, der König und das Militär, unterstützt von Papst Pius XI., die Macht an den »Duce del Fascismo«. Am 28. Oktober 1922 schickte (Benito; jW) Mussolini dazu 40000 Mann seiner Sturmabteilungen zum »Marsch auf Rom«. 

Bevor sich Mussolini selbst nach Rom begab, traf er in Mailand mit einer Abordnung des Industriellenverbandes Confindustria zusammen. Nachdem er seine Ziele erläutert und beteuert hatte, daß die Sicherung der Interessen der Wirtschaft und die »Wiederherstellung der Arbeitsdisziplin in den Betrieben« für ihn oberstes Anliegen seien, stimmte der Gummikönig Alberto Pirelli im Namen der versammelten Wirtschaftskapitäne seiner Ernennung zum Regierungschef zu und gab das entsprechende Signal an Vittorio Emanuele III. in Rom. Der Entscheidung folgend, teilte der König die Berufung Mussolinis zum Ministerpräsidenten mit. Während die Sturmabteilungen grölend durch die Straßen der Hauptstadt zogen, plündernd und mordend das Arbeiterviertel San Lorenzo heimsuchten, empfing der Monarch am 30.10. den »Duce« und beauftragte ihn mit der Regierungsbildung. Er übergab die Macht einer Partei, die im Parlament von 508 Sitzen nur 36 belegte. Noch am selben Tag nahmen der König und Mussolini - zum Entsetzen vieler Römer - eine Parade der faschistischen Horden und einer Formation der königlichen Armee ab. 

Am darauffolgenden Tag legitimierten Nationalisten, Liberale und die katholische Volkspartei (PPI) mit ihrem Eintritt in die Regierung den Putsch Mussolinis. Die bürgerliche Parlamentsmehrheit sprach dem faschistischen Regierungschef mit 306 Stimmen das Vertrauen aus. Es gab nur 106 Gegenstimmen, vor allem aus den Arbeiterparteien. Insgesamt kapitulierte der liberale, von Vertretern rechter, nationalistischer Kreise der Bourgeoisie geführte Staat ohne Gegenwehr. Die maßgeblichen herrschenden Kreise sahen nur noch im Faschismus den Garanten ihrer Herrschaft. Da der Einfluß der neu gegründeten IKP wuchs und sich abzeichnete, daß die Sozialisten mit ihr zusammengehen wollten, waren sich die Herrschenden nicht mehr sicher, ob sie ihre Macht unter einer herkömmlichen bürgerlichen Regierung behaupten konnten. 

Konstellation der Klassenkräfte 

Bei seinem Machtantritt mußte Mussolini zwei Kompromisse eingehen: einmal die Monarchie, deren Beseitigung die faschistische Bewegung in ihrem Programm gefordert hatte, anerkennen, da sie zunächst eine wichtige Stütze seines Regimes darstellte; zum anderen den parlamentarischen Rahmen beibehalten. Neben dem König hielten das auch die Confindustria und der Vatikan für angebracht, um die bürgerlichen Parteien zu besänftigen und ihrer Opposition vorzubeugen. Daraus ergab sich, daß die erste Regierung Mussolini, formal gesehen, keine rein faschistische Exekutive darstellte. 

Das verschaffte dem, seinem Charakter nach dennoch faschistischen, Kabinett ein parlamentarisch verbrämtes, bürgerlich-demokratisches Mäntelchen und nährte bei vielen bürgerlichen Politikern, die noch Vorbehalte gegen Mussolini hatten, die Illusion, der »Duce« müsse mit den bürgerlichen Parteien die Macht teilen und könne so unter Kontrolle gehalten werden. 

Dazu trug bei, daß die Parteien zunächst formal weiter bestanden, wenn auch die antifaschistische Opposition, vor allem die Kommunisten, verfolgt wurde. 

Selbst die IKP erkannte den faschistischen Charakter der Mussolini-Regierung zunächst nicht und sah in ihr, wie (Palmiro; jW) Togliatti in seinen »Reden und Schriften« analysierte, eine zwar mit verschärften Repressionsmethoden gegen die Arbeiterbewegung vorgehende, aber herkömmliche bürgerliche Exekutive, »ein internes Phänomen der bürgerlichen Führungsklasse«. Das resultierte vor allem aus der Einschätzung (des damaligen Vorsitzenden und Parteimitbegründers Amadeo; jW) Bordigas, »die Bourgeoisie wünsche keineswegs eine Änderung ihres politischen Systems« und werde »den Parlamentarismus verteidigen«. Nur Antonio Gramsci sah im Faschismus zwar nicht die einzige Herrschaftsform des Kapitals, jedoch eine »degenerierte Kraft der Bourgeoisie«, eine »bewaffnete Garantie des Klassenstaates«, ein »Phänomen der bourgeoisen Reaktion«. Nach den Parlamentswahlen vom Mai 1921 warnte er im Soviet vom 15. Mai 1921 vor einem »Staatsstreich der Faschisten«, der »seit dem Beginn der Legislaturperiode über ihr (der Arbeiterklasse; G.F.) schwebt«. 

Die antifaschistische Bewegung, deren Hauptkräfte aus der Arbeiterbewegung kamen, hatte - bedingt durch die Uneinigkeit aufgrund ihrer Spaltung - die Machtübergabe an Mussolini nicht verhindern können. Der blutige faschistische Terror hatte nicht nur bürgerliche Kreise, sondern auch Arbeiterschichten eingeschüchtert und ihre Widerstandskraft geschwächt. 

Gegen den Faschismus an der Macht leisteten aber neben den Linken auch die bürgerlichen Oppositionsparteien, darunter Vertreter, welche dem Machtantritt untätig gegenübergestanden hatten, einen unvergleichlich stärkeren Widerstand als die entsprechenden Kräfte zehn Jahre später in Deutschland. Die Volkspartei verließ am 23. März 1923 das Mussolini-Kabinett. Der Vatikan mißbilligte den Schritt. Unter seinem Druck löste die Partei sich 1926 auf. Die antifaschistische Haltung bürgerlicher Kreise zwang den Papst zum Lavieren. Verfolgten Funktionären der PPI mußte im Vatikan Zuflucht gewährt werden. Reste der Volkspartei existierten de facto weiter und wirkten unter dem Dach der legalen Laienorganisation Azione Cattolica, in der sich unter dem bedeutenden katholischen Sozialtheoretiker Giorgio La Pira ein starker linker Flügel herausbildete. 

Der katholische Politiker Alcide De Gasperi, der - wiederholt verhaftet - eine Gefängnisstrafe verbüßen mußte, scharte im Vatikan Oppositionelle um sich, die vor dem Sturz Mussolinis 1943 aus den Resten der PPI die künftige großbürgerliche Democrazia Cristiana (DC) gründeten. 

Die ersten Regierungsdekrete Mussolinis verdeutlichten, im Gegensatz zur sozialen Demagogie in der faschistischen Propaganda, welche Interessen sein Regime tatsächlich wahrnahm. Der »Duce« hob die Besteuerung aller Industrie- und Bankwerte der Besitzenden auf und widerrief ein Gesetz, das gestattet hatte, unbebautes Großgrundbesitzerland landlosen und armen Bauern zu übereignen. Beseitigt wurde der Achtstundenarbeitstag, für den die Faschisten sich ebenfalls heuchlerisch ausgesprochen hatten. Die Löhne sanken um 13 Prozent und stagnierten danach. 

Mussolini schränkte das Wirken des Parlaments von Anfang an stark ein. 

Bereits im Dezember 1922 ernannte er einen Gran Consiglio del Fascismo, der Gesetze erlassen und dabei das Parlament übergehen konnte. Um seine Macht zu konsolidieren und sich das Parlament unterzuordnen, bereitete der »Duce« für April 1924 eine betrügerische Scheinwahl vor, die den Faschisten und ihrer Partei, der faschistischen Nationalpartei PNF, zwar eine erdrückende Mehrheit, aber nicht den erhofften Prestigegewinn brachte. Die auf selbständigen Listen angetretenen Parteien erreichten 161 Mandate, von denen 36 auf die Sozialisten und 19 auf die IKP entfielen. Die Volkspartei kam noch auf 39 Sitze. Die Liberalen, vor dem faschistischen Machtantritt die führende großbürgerliche Rechtspartei, stellten nur noch 15 Abgeordnete, ein Zeichen, daß sie von den maßgeblichen Wirtschaftskreisen zugunsten der Faschisten fallengelassen worden waren. 

Die Matteotti-Krise 

Widerstand und Protest wuchsen in der Folgezeit in einem Maße an, wie es das Regime bis dahin nicht erlebt hatte, und stürzten es in eine existentielle Krise, die nach dem Sozialistenführer Giacomo Matteotti benannt wurde. Er hatte gefordert, die Wahl für ungültig zu erklären. In einer Parlamentsrede hatte er vor einer Horde tobender und ihn mit Revolvern bedrohender Schwarzhemden1 deren Verbrechen während der Wahlkampagne enthüllt und angeführt, daß man einen Abgeordneten ermordet hatte, viele Kandidaten ihre Wohnungen wechseln mußten, um Verfolgungen zu entgehen, nirgendwo die oppositionellen Kandidaten eine öffentliche Versammlung durchführen konnten, das Wahlgeheimnis verletzt wurde und von mehr als 100 Bewerbern seiner Partei es zirka 60 nicht möglich war, sich frei in ihrem Wahlkreis zu bewegen. Matteotti wurde am 10. Juni 1924 in Rom auf direkten Befehl Mussolinis von einem Mordkommando überfallen, in ein Auto gezerrt, verschleppt und erschlagen. Die Leiche wurde in der Umgebung der Hauptstadt verscharrt, wo Spaziergänger sie erst am 16. August fanden. 

Der Mord steigerte den Widerstand auf der Straße und im Parlament. Während eines Streiks der Metallarbeiter für die Verbesserung ihrer sozialen Lage kam es in Rom zu Protestdemonstrationen gegen das Regime und seinen Terror. 

Die IKP schlug den Sozialisten und dem Allgemeinen Gewerkschaftsbund einen Generalstreik mit den Forderungen vor: Weg mit der Regierung der Mörder! Entwaffnung der faschistischen Garden! Bildung einer Arbeiter- und Bauernregierung! Der Vorschlag wurde zurückgewiesen. Die Ablehnung wurde dadurch begünstigt, daß die Losung von einer Arbeiter- und Bauernregierung die bürgerliche Opposition faktisch ausschloß, ein Ausdruck dafür, daß das von Gramsci angestrebte nationale Bündnis gegen den Faschismus in der IKP als Forderung noch nicht zum Allgemeingut geworden war. 

Nach dem Mord an Matteotti verließ fast die gesamte Opposition das Parlament, tagte auf dem Aventin, einem der sieben Hügel Roms, und nannte sich nach ihm. Diese bürgerliche Opposition beschränkte sich darauf, die Auflösung der faschistischen Miliz und die Wiederherstellung der Gesetzlichkeit zu verlangen, scheute sich aber, den Rücktritt der Mussolini-Regierung zu fordern. Der Antrag der kommunistischen Fraktion, den Aventin zum Gegenparlament zu erklären, wurde verworfen. Gleichzeitig wandte sich die bürgerliche Opposition unter der Losung »weder Revolution noch Faschismus, weder ein revolutionäres Antiparlament noch ein von der (faschistischen) Miliz überwachtes Parlament« gegen revolutionäre Aktionen der Arbeiter. Nach der Rückkehr des Aventin-Blocks in die Abgeordnetenkammer stimmten jedoch die früheren Ministerpräsidenten Giovanni Giolitti und Vittorio Emanuele Orlando gegen Mussolini. 

Seine Rettung aus der Krise verdankte der schwer angeschlagene Mussolini der Schützenhilfe der Confindustria und des Vatikans. Der Industriellenverband versicherte Mussolini öffentlich seiner »unwandelbaren Treue« und verurteilte scharf die »intrigante Opposition«. Der Vatikan würdigte in seinem Hausblatt Osservatore Romano die »feste Haltung« des »Duce« und wandte sich gegen antifaschistische Aktionen. Er hatte sich der Aufnahme von Konkordatsverhandlungen versichert, die Mussolini schon im Mai 1926 aufnahm. Die 1929 mit dem Heiligen Stuhl geschlossenen Lateranverträge werteten das faschistische Regime innen- und außenpolitisch auf und schwächten die antifaschistische Bewegung. Sie schränkten wesentliche Ergebnisse der revolutionären Bewegung des Risorgimento (zwischen 1815 und 1870 die Bewegung zur Schaffung eines einheitlichen italienischen Nationalstaates; jW) ein und ermöglichten es dem Papst, seine weltliche Herrschaft wieder zu errichten. Rom und der Vatikan nahmen diplomatische Beziehungen auf. Die katholische Religion wurde als »einzige Religion des Staates« festgeschrieben, woraus die Kirche weitreichende Privilegien ableitete. Der italienische Staat zahlte dem Vatikan 750 Millionen Lire als Entschädigung und überwies eine Staatsanleihe von einer Milliarde.2 In den Augen der katholischen Bevölkerung Italiens, aber auch der Christenheit in der ganzen Welt wirkte das Konkordat als päpstlicher Segen für das faschistische Regime und erhob es zur von Gott gewollten Ordnung. Pius XI. 

bezeichnete den Diktator in einer Rede an der katholischen Universität Sacro Cuore in Mailand als »einen Mann, mit dem uns die Vorsehung zusammenführte«. 

In Italien, dem Stammsitz des Katholizismus und seiner staatlichen Institution, der Papstmonarchie, wurde der Vatikan neben dem Industrie- und Bankkapital und den Großagrariern zum wichtigsten Verbündeten des Faschismus und unerbittlichen Feind der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung. Zum 40. Jahrestag von »Rerum novarum«3 erließ Pius XI. am 15. Mai 1931 die Enzyklika »Quadragesimo anno« (Im 40. Jahr), die gegenüber den Kommunisten »eine schonungslose Unterdrückung« forderte und die Untätigkeit bestimmter Regierungen ihnen gegenüber scharf verurteilte. Sie ebneten »auf diese Weise den Weg zum Umsturz und zum Ruin der Gesellschaft«. Unzweideutig brachte der Papst zum Ausdruck, daß die Rettung im Faschismus liege. Ignazio Silone, Mitbegründer der IKP, nannte »Quadragesimo anno« ein »Manifest des katholischen Faschismus«. Es war eine Konzeption, die auch Pius XII. nach dem Sturz Mussolinis 1943 zu verwirklichen suchte. (...) 

Wachsende Opposition 

Dank der von Kurie und Kapital gewährten Hilfe entging Mussolini 1924/25 seinem Sturz und konnte an der Jahreswende 1926/27 die parlamentarisch verschleierte Etappe des Faschismus beenden und seine offene terroristische Diktatur errichten. Die faschistische Parlamentsmehrheit verabschiedete am 9. November 1926 Ausnahmegesetze und annullierte die letzten Mandate der Opposition. Mussolini war als Regierungschef von nun an nicht mehr dem Parlament rechenschaftspflichtig, sondern nur noch dem König, was eine reine Formalität war, da dieser inzwischen keine Macht mehr besaß. 

Regierungsdekrete bedurften keiner parlamentarischen Zustimmung mehr. Alle kommunistischen Abgeordneten, derer die Polizei habhaft werden konnte, wurden verhaftet; alle Parteien und Organisationen außer den faschistischen verboten. Das gleiche Schicksal erfuhren ihre Zeitungen. Der von den Reformisten beherrschte Gewerkschaftsbund CGdL löste sich im Januar 1927 selbst auf. (...) 

Die sozialistischen Parteileitungen verließen nach der Errichtung der offenen terroristischen Diktatur Italien und arbeiteten zunächst in der Schweiz, nach der dortigen Ausweisung in Frankreich. Die IKP setzte in Italien im Untergrund ihre Arbeit fort. Neben einer illegalen Leitung in Italien schuf sie eine Auslandsleitung in Paris. Die Partei ging aus der Matteotti-Krise gestärkt hervor, konnte den Rückgang ihrer Mitgliederzahl aufhalten und sie Ende 1924 auf 20000 verdoppeln. Ihre am 12. Februar 1924 von Gramsci gegründete Zeitung L'Unità erschien illegal weiter. Ein schwerer Schlag war 1928 die Verhaftung der Hälfte ihres Zentralkomitees. 

Die IKP stellte im Kampf um den Zusammenschluß der Antifaschisten das Trennende in den Hintergrund und das Einigende in den Mittelpunkt. Ein wichtiger Schritt war die von ihr am 20. Februar 1927 in Italien organisierte Geheimkonferenz mit Reformisten, Zentristen und Anarchisten aus den früheren Gewerkschaften der Metall-, Bau- und Transportarbeiter, die einen neuen Gewerkschaftsbund gründeten. 

Die bürgerlichen Parteien, ausgenommen Rudimente der katholischen Volkspartei, hörten faktisch auf, zu existieren. Zu den Liberalen, die sich von Mussolini trennten oder den Faschismus auch nur ablehnten, gehörte der bedeutende bürgerliche Philosoph Benedetto Croce. Am 21. April 1925 trat er mit dem Contremanifesto, »Eine Antwort von italienischen Schriftstellern, Professoren und Publizisten auf das Manifest der faschistischen Intellektuellen«, der Rechtfertigung des Mussolini-Regimes durch Giovanni Gentile und weitere Ideologen des Faschismus, entgegen. 

Weltweites Aufsehen erregte in den 1920/30er Jahren der Schriftsteller und Dramatiker Luigi Pirandello, der in seinen Werken die Zwiespältigkeit der spätbürgerlichen Gesellschaft bloßstellte und das Wesen des Faschismus kritisierte (dabei aber selbst eine ambivalente Haltung zum Faschismus einnahm; jW). Seine Dramen, in denen er sich Schein und Sein, Wahn und Wirklichkeit zuwandte, wiesen ihn als Meister der psychologischen Analyse aus. Im tiefen Mitgefühl mit den Menschen wurde ein Grundzug seiner humanistischen Haltung sichtbar. 1934 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Das Regime brüstete sich, daß Pirandello auf seiner Seite stehe. 

Wenn auch zeitweilig eine gewisse Nähe zum Faschismus nicht zu bestreiten ist, enthüllten seine Theaterstücke die Verblendung bürgerlicher Schichten durch den Faschismus. 

1927 bildeten Sozialisten, Republikaner und eine von Liberalen gegründete »Liga für Menschenrechte« eine Concentrazione Antifascista. Die Liberalen gaben ihre ursprünglich monarchistischen Positionen auf und bezogen republikanische. Sie beanspruchten die Führung der antifaschistischen Bewegung und lehnten eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten ab. Da das Gremium keinen Widerhall fand, löste es sich im Mai 1934 auf. 

Einen herausragenden Beitrag zur antifaschistischen Einheit leistete die im Juli 1929 in Paris von Emilio Lussu, Carlo und Nello Rosselli und weiteren Sozialisten mit liberalen Demokraten gegründete Gruppe Giustizia e Libertà (GeL). Die Rosselli-Brüder waren Söhne einer jüdischen Familie aus Florenz, die sich seit der Ermordung Matteottis 1924 aktiv am antifaschistischen Widerstand beteiligten. Carlo hatte in den 1920er Jahren in Italien Politik und Jura studiert, Nello Geschichte. Die Brüder lernten neben Lussu führende Sozialisten wie Pietro Nenni und Sandro Pertini kennen, mit denen sie 1927 die Flucht des Mitbegründers und langjährigen Führers der ISP und Reformsozialisten Filippo Turati nach Frankreich organisierten. Dabei wurden beide verhaftet, Nello zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt, Carlo zusammen mit Lussu auf der Strafinsel Lipari inhaftiert. 1929 gelang ihnen die Flucht nach Frankreich. 

Carlo Rosselli, den die GeL zu ihrem Vorsitzenden wählte, gab das gleichnamige Journal Gerechtigkeit und Freiheit zunächst als Vierteljahreszeitschrift, dann wöchentlich heraus. Es erschien unter der Losung »Non vinceremo in un giorno, ma vinceremo« (Wir werden nicht an einem Tag siegen, aber wir werden siegen). Die Zeitschrift wurde illegal auch in Italien verbreitet. Die Gruppe trat für die Einheit aller antifaschistischen Kräfte unterschiedlicher politischer Ansichten und eine sozialistische Orientierung ein. Eine Mitarbeit in der Concentrazione Antifascista brach die GeL bald wieder ab, da diese im Gegensatz zu ihr eine Zusammenarbeit mit der IKP ablehnte. 1930 organisierte Carlo mit den Piloten Giovanni Bassanesi und Gioacchino Dolci eine kühne Aktion. Am 11. 

Juli starteten beide Flieger vom Schweizer Tessin aus mit einer Sportmaschine zu einem spektakulären Flug und warfen über Mailand Flugblätter ab, die zum Widerstand gegen das Mussolini-Regime aufriefen. 

Viele Mitglieder der GeL gingen 1936 zur Verteidigung der Republik nach Spanien, wo Carlo Rosselli am 13. November über Radio Barcelona für den Kampf der Antifaschisten in Italien die prophetische Losung prägte: »Heute in Spanien. Morgen in Italien«. Carlo wurde zusammen mit seinem Bruder Nello während eines Einsatzes in Frankreich im Juni 1937 von französischen Cagoulards4 in Bagnoles sur L'Orne umgebracht. Zu dem Mord hatten Agenten Mussolinis angestiftet. 

Anmerkungen 

1 Im Unterschied zum Braun der Uniformhemden der Hitler-Partei waren die der Mussolini-Faschisten schwarz. Nach dem Sturz des »Duce« im Juli 1943 wurden die Schwarzhemden der SS gleichgestellt. 

2 Eine Milliarde Lire dieser Zeit entsprechen heute der Kaufkraft von etwa 7,5 Milliarden Euro. 

3 Enzyklika von Papst Leo XIII. von 1891. Rief zum Kampf gegen die marxistische Arbeiterbewegung auf und forderte, der Staat müsse sich zum unerbittlichen Hüter des Privateigentums machen und ihm durch die öffentlichen Gesetze Schirm und Schutz bieten. 

4 Rechtsextremer, dem Ku-Klux-Klan ähnlicher Geheimbund namens »Kapuzenmänner« (nach »Cagoule«, »Kapuze«). Die Bewunderer Mussolinis planten 1936/37 einen Putsch zum Sturz der Französischen Republik. 

Gerhard Feldbauer: Die Resistenza - Italien im Zweiten Weltkrieg, Reihe Basiswissen im PapyRossa-Verlag Köln, 126 Seiten, 9,90 Euro 

- auch im jW-Shop erhältlich. 

 

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