Ferrari in Garage  

Die Troika vernichtet das griechische Gesundheitssystem. Das erleichtert kriminellen Geschäftemachern das Handwerk  

Hansgeorg Hermann 

In: junge Welt online vom 17.03.2014 

 

Zwei Meldungen ließen am Wochenende die Athener aufhorchen. Im sogenannten Frühstücksfernsehen erfuhren sie am Samstag morgen, daß die Gefangenen in der Krankenstation des »Korydallos«, der größten Vollzugsanstalt Griechenlands, einen langen Hungerstreik endlich abgebrochen hatten. Die linksgerichetete Zeitung Avgi (Der Morgen) berichtete am selben Tag über die Festnahme eines betrügerischen Unternehmers im Stadtteil Glyfada, dem es gelungen war, den Krankenhäusern der Hauptstadt Medikamente und Ausrüstung zu Wucherpreisen anzudrehen. Zwei Ereignisse, die angesichts der Not im Land von hohem Symbolwert sind. 

Das »Korydallos« ist ein Gefängnis, das die Militärdiktatur zu Beginn der siebziger Jahre bauen ließ, weil die Zellen der alten Haftanstalt »Averoff« die Menfge verurteilter politischer Gegner nicht mehr faßte. Nach dem Fall des Regimes saßen in dem Neubau dann die verurteilten Diktatoren selbst. 

Nicht nur die nach wie vor grausigen Haftbedingungen der Anstalt standen bis in die Gegenwart hinein immer wieder im Mittelpunkt internationaler Kritik - in dem für 650 Personen konzipierten Bau vegetierten bisweilen mehr als 2000 Häftlinge. Aufmerksamkeit erregte vor allem die Krankenabteilung des Gefängnisses, in der den Griechen vor einigen Tagen der völlige Zusammenbruch des staatlichen Gesundheitssystems in drastischen Bildern sichtbar gemacht wurde. Einem Gefangenen war es gelungen, heimlich in der Station gemachte Videoaufnahmen und Fotografien an die Presse weiterzureichen, um auch dem in ungläubigem Staunen verharrenden europäischen Publikum zu zeigen, »wie wir hier im Dreck verrecken«. 

Grundversorgung weg 

Die Troika, die seit nunmehr vier Jahren an Volkes und Regierung Statt die griechische Politik bestimmt, hat nicht nur im Knast von »Korydallos« ganze Arbeit geleistet. Ein jüngst von Forschern der Universitäten London, Cambridge und Oxford in der medizinischen Fachzeitschrift Lancet veröffentlichte Studie beweist, daß die von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel angeführte EU-Kommission, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB) durchgesetzte Austeritätspolitik zu verheerenden Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung insgesamt geführt hat (siehe Artikel unten). 

Seit der griechische »Gesundheitsminister« Adonis Georgiadis im Februar auf Anweisung der Troika rund 350 Polikliniken schließen ließ - Stationen zur weitgehend kostenfreien ambulanten Behandlung -, ist die primäre ärztliche Grundversorgung des Landes faktisch zusammengebrochen. Von einem Tag auf den anderen ließ Georgiadis, übrigens der vierte Chef des Ressorts innerhalb nur eines Jahres, mehr als 8000 Ärzte und Pfleger entlassen, die ihre Arbeitsplätze zunächst besetzt hielten und ohne Lohn weiterarbeiteten. 

Ein in der Tat unbezahlbarer Dienst an einer Gesellschaft, in der - nach offiziellen Angaben - rund 30 Prozent (inoffizielle Schätzungen gehen von bis zu 50 Prozent aus) der Menschen ohne Krankenversicherung leben müssen. 

Diktat der Troika: Wer nach zwei Jahren ohne Anstellung keine Arbeit gefunden hat, verliert alle Sozialleistungen, also auch die medizinische Versorgung auf Rezept. 

Eine Delegation deutscher Ärzte, die zu Beginn des Monats nach Griechenland gereist war, bestätigte die Lancet-Studie in der Ärztezeitung vom 5. März. 

»Die Situation der breiten Bevölkerung ist durch massive Verarmung gekennzeichnet«, klagte der Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie, Bernhard Winter. »Beschäftigte und Renter haben die Hälfte ihres Einkommens verloren. Mehr als ein Drittel der Griechen existiert am Rand oder unterhalb der Armutsgrenze. Allein in Athen leben rund 30000 Menschen auf der Straße.« Als Folge der sogenannten Sparpolitik, zitiert die Zeitung die Ärztin Nadja Rakowitz, seien gegenwärtig rund drei Millionen Griechen ohne Versicherungsschutz. 

Hilfe finden versicherungslose Kranke nur noch in »Solidarischen Kliniken«, in denen Mediziner und Pfleger ehrenamtlich arbeiten. Eines der größten dieser Behandlungszentren ist die »Solidarische Klinik Ellinikon«, die auf dem ehemaligen US-Militärgelände am Rande des alten Athener Flughafens eingerichtet wurde. Die im Herbst 2011 gegründete Station registriert inzwischen bis zu 20000 Patientenkontakte pro Jahr, das »Personal« rekrutriert sich nach Angaben der Ärztezeitung aus 250 medizinisch ausgebildeten ehrenamtlichen Helfern, unter ihnen 160 Ärzte, Therapeuten und Pharmazeuten. 

Systemerhalt 

Vornehmste Aufgabe der Troika ist es bekanntlich, das finanzkapitalistische System in Europa und anderswo zusammenzuhalten und einen der Pfeiler dieser Ordnung, die gemeinsame Währung Euro, zu retten. Wie die Kräfte dieses Systems schon im kleinen wirken, zeigte nun der Fall, von dem die Zeitung Avgi am Wochenende berichtete: Der 55 Jahre alte Händler aus Glyfada hatte den Krankenhäusern unter anderem dringend benötigte blutstillende Mittel zum Preis von 500 Euro pro Packung verkauft. Wie sich herausstellte, hatte er sie in Tschechien für 3,50 Euro pro Einheit aus Restbeständen erworben. 

In seiner Garage fanden die Ermittlungsbeamten einen Ferrari. Geschätzter Wert: 200000 Euro. 

 

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Elend ohne Ende

Hansgeorg Hermann 

In: junge Welt online vom 17.03.2014 

 

Die zu Beginn des Monats von der griechischen Regierung unter dem rechtskonservativen Ministerpräisdenten Antonis Samaras vollzogene Schließung von rund 350 sogenannten Polikliniken stürzt die breite, in wachsendem Maße von Arbeitslosigkeit betroffene Bevölkerung in neues Elend. 

Die Polikliniken sind vom staatlichen Träger »EOPYY« (Nationale Organisation für Gesundheitsdienste) betriebene ambulante Stationen, in denen bisher die primäre ärztliche Versorgung sichergestellt wurde. Sie waren als gesonderte Abteilungen in staatlichen Krankenhäusern untergebracht oder funktionierten im Rahmen ärztlicher Gemeinschaftspraxen. 

Die Schließung dieser Einrichtungen betrifft nach den Patienten auch das Personal. Die Angaben über die Zahl der »eingesparten« Angestellten schwanken. Gewerkschaftsfunktionäre sprechen von rund 5500 Ärzten sowie 3000 Pflegern und Krankenschwestern. Diese Beschäftigten hatte zum Teil zwei Arbeitsstellen - in den erwähnten Polikliniken und in privaten Arztpraxen. Wie das zuständige Ministerium wissen ließ, habe man die Angestellten vor die Entscheidung gestellt, sich für eines von beiden zu entscheiden. Sprecher der Berufsverbände erkennen hinter diesen Maßnahmen die klare Absicht der Troika, das Gesundheitswesen des Landes vollends privatisieren zu lassen. 

Nach Regierungsangaben soll die Schließung der Polikliniken befristet sein, die Stationen würden nach Monatsfrist, also im Mai, wieder geöffnet. Kenner griechischer Regierungspolitik bezweifeln diese Aussage. Sicher ist, daß nach Schließung der Stationen nun die bereits völlig überforderten und nahezu mittellosen Krankenhäuser des Landes die Last zusätzlich schultern müssen. Von den ursprünglich 183 öffentlichen Krankenhäusern Griechenlands wurden seit Beginn der sogenannten Krise schon 100 geschlossen. Die Budgets der übriggebliebenen, am Rande des finanziellen und personellen Kollaps arbeitenden Kliniken sind seither um mehr als ein Viertel gekürzt worden. 

Problematisch ist für die medizinischen Einrichtungen vor allem die Beschaffung von Medikamenten und Ausrüstung wie Spritzen, Verbandzeug oder Infusionsschläuchen. Pharmakonzerne in der Schweiz und in Ländern der EU haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder geweigert, Griechenland zu beliefern. Die dortigen Krankenhäuser könnten ihre Rechungen nicht mehr bezahlen. 

Wissenschaftler haben in einer Studie für die medizinische Fachzeitschrift Lancet darauf hingewiesen, daß es auch anders geht: Island habe sich während seiner Wirtschaftskrise im Jahr 2008 geweigert, dem »Rat« des IWF zu folgen und mit schweren Einschnitten in den Sozialhaushalt die Gesundheitsversorgung des Landes zu zerstören. Das gilt, unabhängig von den Erkenntnissen der britischen Forscher, auch für Kuba. Der Karibikstaat schloß während seiner schweren Wirtschaftskrise zu Beginn der neunziger Jahre nicht ein einziges Krankenhaus und hilft heute in mehr als 70 Ländern mit medizinischem Personal aus. 

 

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Lancet-Studie: Leugnung der Fakten  

Hansgeorg Hermann 

In: junge Welt online vom 17.03.2014 

 

Eine von Forschern der britischen Universitäten London, Cambridge und Oxford am 22. Februar in der medizinischen Fachzeitschrift Lancet veröffentlichte Studie zum griechischen Gesundheitswesen kommt zu erschreckenden Ergebnissen: Tuberkulose, Säuglingssterblichkeit und Suizide - die von der europäischen »Solidargemeinschaft« gegen den Partner Griechenland durchgesetzte Austeritätspolitik hat die Menschen dort nicht nur in wirtschaftlich-soziales, sondern auch in physisches Elend gestürzt. 

Die Studie unter dem Titel »Griechenlands Gesundheitskrise: Von der Austerität zur Leugnung der Fakten« berichtet darüber, »wie Sparmaßnahmen die Gesundheit der griechischen Bevölkerung und ihren Zugang zu öffentlichen Gesundheitsdiensten beeinträchtigt haben« und »untersucht die politische Antwort auf die Gesundheitstragödie« des Landes. 

Wie sie schreiben, haben Streichungen dazu geführt, daß das Land inzwischen von allen alten EU-Staaten (vor 2004 Mitglied) am wenigsten Geld für die Gesundheit bereitstellt. Die Regierung in Athen habe 2012 die von der Troika geforderten Kürzungen sogar überboten, ihr damals verantwortlicher Minister Andreas Loverdos gar geprahlt, seine Verwaltung benutze »Schlachtermesser«, um den Gesundheitsetat zu beschneiden. In der Tat seien die Ausgaben von 4,37 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf 2,88 Milliarden 2012 und 2014 auf zwei Milliarden gekürzt worden. 

Die Folgen seien verheerend. In erster Linie treffe die Zerstörung des Gesundheitssystems Kinder und alte Menschen. Die seit 2009 immer schneller wachsende Arbeitslosigkeit habe Hunderttausenden ihren Versicherungsschutz genommen - er erlischt nach zwei Jahren ohne Beschäftigung - und damit den Zugang zu medizinischer Versorgung. Mehr als ein Drittel aller Kinder des Landes könnten in ihren Familien nicht mehr ausreichend ernährt werden. 20 Prozent aller Neugeborenen kämen mit Untergewicht zur Welt, die Zahl der Totgeburten sei auf 21 Prozent angewachsen. Die Säuglingssterblichkeit sei in den vergangenen vier Jahren um 43 Prozent angestiegen. Geradezu explodiert sei die Zahl der Suizide. Sie stieg seit Beginn der griechischen »Krise« um rund 45 Prozent. Malaria kehre zurück, Tuberkulose breite sich vor allem unter den Alten aus. »Offizielle leugnen, daß sozial schwache Gruppen vom Zugang zu Gesundheitseinrichtungen ausgeschlossen sind«, heißt es in der Studie. Das Verweigern von öffentlicher Anerkennung dieser Tatsachen durch die griechische Regierung und internationale Institutionen sei »bemerkenswert«. 

 

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