Rechtes Sammelbecken

Analyse. Entwicklung, Programmatik und Personal der Partei »Alternative für Deutschland«

Phillip Becher

In: junge Welt online vom 30.08.2013

Mitte August dominierte für einen Tag die Farbe Blau, flankiert vom Rot eines umfunktionierten alten Löschwagens mit der Aufschrift »Eurowehr«, das Bild der Hamburger Innenstadt. Die im Frühjahr gegründete Euro-kritische »Alternative für Deutschland« (AfD) lud zur Großdemonstration. Glaubt man den Zahlen der Veranstalter folgten dem Aufruf 1000 Anhänger. Ausgestattet waren sie mit Partei-T-Shirts, Fahnen und Plakaten in der Farbe, die in der Vergangenheit von den rechten »Republikanern« in Anspruch genommen worden war. Was sich auf den ersten Blick überschaubar ausnimmt, muß im Verhältnis gesehen werden. Unter der Voraussetzung, daß die von der AfD offiziell verkündete und mit 15000 bezifferte Mitgliederzahl der Realität entsprechen würde, hätte sich immerhin jeder fünfzehnte AfDler an der Demonstration beteiligt. Zum Vergleich: Würde beispielsweise die SPD ähnlich große Anteile ihrer Mitgliedschaft mobilisieren, könnten circa 30000 Sozialdemokraten auf die Straße gehen. An Motivation scheint es den Protagonisten der als Protestpartei auftretenden »Alternative« also nicht zu mangeln.

Die AfD und ihre Fans

Daß diese Motivationslage sehr bemerkenswert ist, deutet auch Thomas Schmid, seines Zeichens Herausgeber der Welt, an. Er äußert sich in der aktuellen Ausgabe vom 1. Juli 2013 des von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik veröffentlichten Journals Internationale Politik zur AfD, deren Mitglieder er in der Mehrzahl für »durch und durch vernünftige (...) Leute« hält. Weiter schreibt er: »Sie sind in ihrer Mehrheit zweifellos Bürger, eher steifleinene zudem. Auch wenn sie in diesen Monaten ab und an etwas lauter werden, ändert das nichts daran, daß sie eigentlich den Kammerton und das gepflegte Gespräch im kleinen Kreis vorziehen. Schaut man sich Versammlungen der rAlternative für Deutschlandl (AfD) an, dann blickt man in die Gesichter vieler Männer und etlicher Damen, denen das Versammlungswesen - schon gar, wenn es den Ruch der antiinstitutionellen Zusammenrottung hat - ziemlich fremd ist.«

Die Welt gehört zu denjenigen »Qualitätsmedien«, die - trotz kaum verhohlener Sympathie für den Fortbestand der schwarz-gelben Koalition - die Positionen der AfD regelmäßig zu Wort kommen lassen. Es war wieder Schmid, der die Partei dort am 29.7.2013 gegen einen vom ihm ausgemachten »Bannstrahl des Neulingsmalus« verteidigte und es als »undemokratisch« bezeichnete, »die AfD vorab zu verteufeln«. Zudem bringt er den jüngsten organisatorischen Zuwachs im deutschen Parteienspektrum gegen »Angela Merkels TINA, there is no alternative« in Stellung. Hierbei ist der Versuch einer bemerkenswerten diskursiven Verschiebung zu beobachten. War doch das TINA-Prinzip einst von der konservativen britischen Premierministerin Margaret Thatcher geprägt worden, um die angebliche Alternativlosigkeit ihrer neoliberalen Politik herauszustellen. Von einigen Beobachtern, allen voran dem Soziologen Stuart Hall, wurden daher Überschneidungen zu einem autoritären Populismus festgestellt. Ungefähr drei Jahrzehnte später nimmt nun der Herausgeber einer der wichtigsten konservativen Zeitungen der Bundesrepublik die AfD als Bollwerk gegen selbiges Prinzip, das nun allerdings mit der Euro-Politik der Bundesregierung identifiziert wird, in Schutz. Schmid suggeriert mit seinem Fokus auf die Euro-Frage zudem, daß die Programmatik der AfD keine weiteren besonderen Punkte aufzuweisen hätte.

Immer auf der Suche nach parteipolitischen Alternativen zur Etablierung einer herbeigesehnten rechten Tendenzwende, streckt die Neue Rechte ihre intellektuellen Fühler auch in Richtung der AfD aus. Ein im Mai dieses Jahres publiziertes Sonderheft der vom neurechten Institut für Staatspolitik herausgegebenen Zeitschrift Sezession trägt dementsprechend den Titel »Alternativen für Deutschland«. Neben der betont bürgerlichen AfD beschäftigt sich das Heft auch mit der straßenaktivistischen »Identitären Bewegung«. Nils Wegner, Autor für die Junge Freiheit und die Blaue Narzisse, sieht beispielsweise die Fixierung der öffentlichen Wahrnehmung auf die Forderung der AfD nach einem Austritt aus der europäischen Währungsunion, wie sie eben auch von Thomas Schmid befördert wird, als Deckung vor der angeblichen »Faschismuskeule«. Der verantwortliche Sezessions-Redakteur Götz Kubitschek, der ganz nebenbei auch noch seine Bewunderung für Casa Pound, Italiens »Faschisten des dritten Jahrtausends«, kundtut, schreibt über die AfD, sie sei »der bisher weiteste Vorstoß, der etwas mit uns zu tun hat und uns einen Resonanzraum verschafft«.

Prinzipiell sekundiert ihm hierin auch Junge Freiheit-Chefredakteur Dieter Stein, der in der genannten Sezession-Ausgabe im Interview erklärt, daß »eine Alternative, die Chancen haben will, die Schweigespirale zu durchbrechen, aus der rMitte der Gesellschaftl kommen mußte, und daß Akteure auftreten werden, mit denen bis dahin keiner rechnete. Die Lage ist jetzt da.«

Daß die Sympathie der Neuen Rechten für die AfD keine unerwiderte Zuneigung sein dürfte, zeigt der politische und publizistische Hintergrund einiger prominenter AfD-Politiker. Da wäre zunächst Joachim Starbatty zu nennen, seines Zeichens emeritierter Wirtschaftsprofessor an der Universität Tübingen, an dessen rechtsgerichtetem politischen Wirken kein Zweifel bestehen kann. Irritierenderweise wird er aber sogar von manch einem Linken für seine »Fachkompetenz« gelobt. Starbatty, der in Berlin die Landesliste der AfD zu den Bundestagswahlen anführt, ist nicht nur Mitglied mehrerer wirtschaftsliberaler Stiftungen und beteiligt sich als Vorsitzender der »Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft« an der Verbreitung neoliberaler Positionen. Zudem schrieb er in der Vergangenheit unter anderem für die Junge Freiheit und das bis 2005 erschienene Magazin Criticón, welches vom Jenenser Historiker Ludwig Elm als »Forum für geistig-kulturelle Hegemonie der Rechten« charakterisiert worden ist. Ein anderer Autor der Criticón, das ehemalige CDU-Mitglied Alexander Gauland, schrieb vor seiner Zeit als AfD-Vorständler im Tagesspiegel vom 23.7.2013 unter anderem über einen »diffuse (n) Ganzkörperpazifismus«, den er der Bevölkerung in Deutschland attestierte. An gleicher Stelle plädierte er für die Reaktivierung des Bismarckschen Credos, wonach »die großen Fragen der Zeit« nicht »durch Reden und Majoritätsbeschlüsse«, sondern durch »Eisen und Blut« zu bewältigen wären.

Personelle Zusammensetzung

Auch der starke personale Zuschnitt auf Parteisprecher und Spitzenkandidat Bernd Lucke dürfte Deutschlands Salon-Rechten gefallen. Lucke geißelte 2005 in seiner Funktion als Professor für Makroökonomie im Rahmen eines »Hamburger Appells« das angebliche »Hochlohnland« Deutschland. Die Organisation des Gründungsparteitages am 6. Februar 2013 in Berlin, bei dem im Schnelldurchlauf und ohne lange Diskussion die programmatischen Dokumente beschlossen wurden, deutet darauf hin, was vom lautstarken Lamento der AfD über Demokratieabbau in diesem Lande tatsächlich zu halten ist. Applaus erhalten die AfD und ihr Chef jedoch nicht nur von Intellektuellen und Publizisten. Als Bernd Lucke am 25. Juni in Frankfurt am Main beim Wirtschaftsclub Rhein-Main auftrat, erhielt er, wie ein von der Partei selbst auf YouTube eingestellter Videomitschnitt zeigt, bereits Beifall allein für die Ankündigung, daß er seine Partei auf dem besten Wege sehe, in den Bundestag einzuziehen.

Fehlen auch bisher genauere Daten über die soziale Zusammensetzung von Anhänger- und Mitgliedschaft der Partei, dem Vorwurf eine Professoren- und Unternehmerpartei zu sein, kann sich die AfD jedenfalls mit Hinblick auf ihre Führungsgremien und Wahllisten nicht entziehen. Von den 16 Landeslisten zur anstehenden Bundestagswahl werden fünf von Professoren, darunter vier Wirtschaftswissenschaftler, angeführt. Weitere fünf Spitzenplätze sind Beamten vorbehalten. Den restlichen Kandidatenlisten stehen Unternehmer, Personen aus dem Bereich von Publizistik und Journalismus sowie ein Architekt und eine Bauingenieurin vor. Daß die Klientel der Partei generell eher zu den finanzstarken Teilen der Gesellschaft zu zählen ist, zeigt sich auch an anderer Stelle. So attestiert der zuständige Online-Shop der AfD, eine Art Rekord beim Eintreiben von Spenden für Großwandplakate aufgestellt zu haben.

Trotz der oben genannten Bemühungen eines Thomas Schmid und der Hoffnungen eines Nils Wegner konnte der Eindruck nie verschwinden, daß mit dem Aufkommen der AfD auch die Möglichkeit der Formierung einer rechtspopulistischen Partei in Deutschland verbunden ist. Auf entsprechende inhaltliche und rhetorische Überschneidungen hat insbesondere Alexander Häusler von der Fachhochschule Düsseldorf hingewiesen. Eine von der deutsch-französischen Firma Linkfluence durchgeführte und jüngst publizierte Studie wird nun als Entlastungsmaterial zugunsten der AfD ins Feld geführt. Das Ergebnis knapp zusammengefaßt: Obschon die Forscher selbst die Politikansprache der Partei vermutlich nicht für komplett unproblematisch halten, scheint die AfD beziehungsweise ihre im Web 2.0 aktive Anhängerschaft nicht rechts zu sein, da im Vergleich mit den Facebook-Fans der NPD mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten bestünden.

Oliver Tabino von Linkfluence wird in der Wirtschaftswoche vom 26.8.2013 mit den Worten zitiert: »Sieht man Facebook-Likes als Ausdruck von Lebenswelten und Präferenzen, gibt es zwischen den Anhängern von AfD und NPD wenig Schnittmengen.« Ungeachtet eines naheliegenden methodischen Einwands, wieso ausgerechnet der Vergleich mit einem so spezifischen Segment der extremen Rechten wie der NPD und ihrem Umfeld aufschlußreich sein soll, läßt sich der Hauptbefund der Studie angeblich daran festmachen, daß die persönlichen Interessen der Anhänger der NPD unter anderem bei Bier, Kleidung der Modemarke »Thor Steinar« und sowohl Wehrmacht als auch Bundeswehr liegen. Demgegenüber befürworten die AfD-Fans die direkte Demokratie und bewundern mutmaßliche Querköpfe wie Friedrich Merz, Peter Gauweiler oder Henryk M. Broder. »Nonkonform vielleicht, aber rechts?« mag manch einer fragen. Anzumerken bleibt, daß mit naheliegenden Interpretationen der Studie zugleich das elitäre Klischeebild eines vermeintlichen Unterschichtennazis mit einschlägigem Modegeschmack gezeichnet werden kann, während die Debütanten der AfD als arrivierte Bürger daherkommen. Daß man beispielsweise Militarismus auch ohne »Liken« der Bundeswehr transportieren kann, zeigen gerade die oben zitierten Ausführungen Alexander Gaulands, immerhin Staatssekretär a.D. Sie illustrieren zudem, daß eine pseudo-phänomenologische Suche politisch rechter Inhalte kaum zielführend ist.

Programmatische Ausrichtung

Schaut man sich die Programmatik der Partei an, zeigt sich, daß eben diese Inhalte gar nicht so neu sind. So wird darin Bildung als »Kernaufgabe der Familie« definiert, die durch Kindertagesstätten und Schulen sinnvoll zu ergänzen sei. Dies ist eine bemerkenswerte Mischung aus familienzentriertem Konservatismus, staatsfernem Libertarismus und (implizit) der Verstetigung des bürgerlichen Bildungsprivilegs. Denn wenn die Familien zum Hauptgaranten für die Bildung der Heranwachsenden werden, ist die drastische Verschärfung der ohnehin vorhandenen sozialen Unterschiede, die sich in den unterschiedlichen Bildungserfolgen innerhalb der Gesellschaft niederschlagen, die Konsequenz.

Auch aus anderen Programmfeldern lassen sich deutlich Motive der Besitzstandswahrung herauslesen. So werden fiskalpolitisch Schuldenabbau und eine »drastische Vereinfachung des Steuerrechts« gefordert, wobei dem Modell nach Paul Kirchhoff das Wort geredet wird. Das sorgte bereits im Bundestagswahlkampf 2005, damals allerdings noch auf dem Tableau von CDU/CSU, für Furore. Der kritische Internet-Blog NachDenkSeiten faßte den Gehalt des nun von der AfD wieder zum Recycling angebotenen Modells bereits vor Jahren als »radikale Steuerentlastung für die Superreichen« zusammen.

Schließlich tut sich die AfD auch mit der Ablehnung einer »ungeordnete (n) Zuwanderung in unsere Sozialsysteme« hervor, womit sie ein Thema gefunden zu haben scheint, das sie als politisch besonders zugkräftig erachtet. So prangt auf einem Teil der Großwandplakate im Wahlkampf neben dem Konterfei von Parteisprecherin Frauke Petry der Slogan »Einwanderung braucht strikte Regeln«.

Der für sich selbst reklamierte und grundsätzlich geforderte »Mut zur Wahrheit« kann als eine Art Leitmotiv der Wahlkampagne der Partei gesehen werden. Der Slogan ist mehrdeutig genug, um die AfD für diejenigen, die es möchten, als eine politische Kraft erscheinen zu lassen, die ein vermeintliches Schweigen zu angeblich brennenden Themen bricht. Ganz im Sinne dieser Vorstellung fand sich im ursprünglichen Beschlußentwurf für das Bundestagswahlprogramm das Inkriminieren einer »Gängelung der öffentlichen Meinung unter dem Deckmantel der sogenannten rpolitical correctnessl«.

Diese Formulierung wich in der vom Gründungsparteitag beschlossenen Fassung allerdings einer weicheren Wortwahl. Nunmehr heißt es, sollten »auch unkonventionelle Meinungen im öffentlichen Diskurs ergebnisoffen diskutiert werden«. Der klassisch rechtspopulistische Topos der Ablehnung einer »political correctness« findet sich so - verklausuliert - in der Programmatik wieder.

Perspektive der Partei

Die Anhängerschaft der AfD wähnt sich bereits, wie sich beispielsweise anhand der Kommentarspalten des Facebook-Auftritts der Partei ablesen läßt, kurz vor einem Sensationsergebnis bei der bevorstehenden Bundestagswahl.

Diese Annahme ist offensichtlich beflügelt von einer Mischung aus purer Wunschvorstellung und Überbewertung von für die eigene Seite positiven Ergebnissen von nicht-repräsentativen Online- und Teletextumfragen. Die Zahlen der Demoskopen sprechen zur Zeit aber eine andere Sprache: Die letzte seriöse Umfrage, die die AfD mit fünf Prozent an der Schwelle zum Einzug in den Bundestag sah, datiert auf Ende April. Seither sieht es so aus, als ob sich eine Tendenz in der Wählermeinung verfestigt hat, die der selbsternannten »Alternative« keine allzu großen Chancen auf eine baldige parlamentarische Präsenz einräumt. War der Gründungskongreß der AfD im Rahmen des Webauftritts der Partei noch als »Deutschlands erster Frühlingstag« bezeichnet worden, scheint sich der von den Akteuren wohl erhoffte politische Jahrhundertsommer nicht richtig eingestellt zu haben.

Es sei denn, es bewahrheitet sich die Vermutung von Forsa-Chef Manfred Güllner. Er hält es für möglich, daß die jüngsten Äußerungen von Finanzminister Wolfgang Schäuble bezüglich eines weiteren sogenannten Rettungspakets für Griechenland Wasser auf die Mühlen der AfD sein könnten.

Sollte der Formation Ende September das Überspringen der Sperrhürde nicht gelingen, hätte sie dennoch bereits jetzt eine sehr spezifische Funktion erfüllt: Kurz nach der letzten Bundestagswahl bezeichnete Daniel Bratanovic die FDP in den Marxistischen Blättern als »Generalstab« in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. In diesem führten die »Leistungsträger« einen bewußten ideologischen Klassenkampf gegen die als anmaßend empfundenen Unterklassen und warnen vor den als überbordend wahrgenommenen Lasten der Finanzierung sozialstaatlicher Leistungen. Dieses Urteil läßt sich nunmehr auch auf die AfD übertragen. Sie hat organisatorisch zusammenwachsen lassen, was zusammen gehört: Neoliberale, die nach den sozialen Einschnitten der letzten Jahre nun auch mit voller Kraft in Richtung »marktkonformer Demokratie« segeln möchten; Libertäre, deren Staatsfeindlichkeit zwar skurrile Blüten treibt, aber nichtsdestotrotz keineswegs als harmlose »Spinnerei« unterschätzt werden sollte; Konservative, denen der »stete Verrat an sich selber«, wie der Soziologe Leo Kofler das Wesen des Konservatismus einmal vor dem Hintergrund der ständig notwendigen Anpassung an die ideologischen Bedürfnisse der Kapitalverwertung treffend charakterisiert hat, zu weit geht; Rechtspopulisten, die nach der kurzen Halbwertszeit von Organisationen wie der streng am Vorbild des niederländischen Politikers Geert Wilders orientierten Partei »Die Freiheit« inzwischen auf ein anderes Pferd gesattelt haben; schließlich Mittelständler und große Unternehmer mit Furcht vor einer europäischen »Transferunion«, die nun nach Besitzstandswahrung trachten und darauf hoffen, vermittels der Vorschläge der AfD besser zum Zuge zu kommen.

Als Massenbasis sollen dann, ungeachtet der real zuwiderlaufenden objektiven Interessenlagen, die aus verschiedenen Gründen von der herrschenden Politik Enttäuschten aus allen politischen Lagern eingesammelt werden. Sollte ein Scheitern bei der kommenden Wahl der Organisation auch das Leben aushauchen, es wäre nicht die erste »Newcomer«-Partei, der ein ausbleibender Erfolg zu einem schnellen Ende verhelfen würde - neue Verbindungen sind jedenfalls geknüpft oder bestehende verstärkt worden. In ähnlicher Form läßt sich das Erbe des in den 1990er Jahren aktiven »Bundes Freier Bürger« (BFB) bezeichnen, der ebenfalls seinerzeit als eine Art »Professorenpartei« wahrgenommen wurde. Ein Teil der damals für den BFB Aktiven hat sich nun bei der »Alternative für Deutschland« versammelt.

Die nächste Rechtspartei - falls nach einem denkbaren Scheitern der AfD nötig - kommt also bestimmt. Vermeintliche »Originale« wie die selbsternannte »Bürgerbewegung pro Deutschland« von Manfred Rouhs, die bei dieser Bundestagswahl in dreizehn Bundesländern auf dem Stimmzettel auftauchen wird, stehen bereit, um etwaige Scherben aufzusammeln.

Denkfabriken wie die »Zivile Koalition« der Beatrix von Storch (siehe jW vom 14.8.2013) oder der »BürgerKonvent« werden ihr Wirken mal mehr, mal weniger prominent fortsetzen, um den inhaltlichen Boden weiter zu bereiten.

In diesem Lichte besehen wird auch klar, zu welcher »Wahrheit« die AfD auf ihren Plakaten »Mut« einfordert: Eingedenk der Brechtschen Mahnung von den »Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit«, wonach die selbige »nicht etwas Allgemeines, Hohes, Vieldeutiges sein« dürfe, da die Unwahrheit gerade »von dieser allgemeinen, hohen, vieldeutigen Art ist«.

Die angemahnte »Wahrheit« ist, wie hier gezeigt, eine solche, die sich zwar in die Form demokratischen Protests kleidet, aber faktisch den gesellschaftlichen Rückschritt vorwegnimmt.

Phillip Becher arbeitet als Sozialwissenschaftler an der Universität Siegen. Von ihm erschien im Frühjahr in der Reihe »Basiswissen« im PapyRossa-Verlag der Band »Rechtspopulismus« - auch im

jW-Shop

 erhältlich

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Wahlkampfauftritt mit Folgen

Anzeigen gegen islamfeindliche Partei »Pro Deutschland«: 17jähriger Kritiker attackiert und verletzt

Reimar Paul

In: junge Welt online vom 30.08.2013

Ein Wahlkampfauftritt der islamfeindlichen Kleinpartei »Pro Deutschland« am vergangenen Samstag in Göttingen und die Proteste dagegen haben ein juristisches Nachspiel. Ein 17jähriger Schüler hat über seinen Rechtsanwalt Rasmus Kahlen Strafanzeige gegen Unbekannt »wegen aller in Betracht kommenden Delikte« erstattet. Der Göttinger Bundestagskandidat der Partei Die Linke, Gerd Nier, zeigte »Pro Deutschland« zudem wegen Volksverhetzung an. Der Geschäftsführer von »Pro Deutschland«, Lars Seidensticker, hatte gleich drei Kundgebungen in der Universitätsstadt angemeldet und - mit Auflagen - genehmigt bekommen: Zwei vor Moscheen und eine am »Roten Zentrum«, in dem Die Linke und andere Gruppen ihre Büros und Versammlungsräume haben. Rund 600 Menschen protestierten schon gegen den ersten Auftritt. Mehrere dutzend Aktivisten setzten sich vor dem Fahrzeug von »Pro Deutschland« auf die Straße. Die Polizei räumte die Blockade und setzte dabei auch Schlagstöcke und Hunde ein, mehrere der Gegendemonstranten wurden verletzt. Mit der Frage, ob er auch etwas sagen wollte, überreichte Seidensticker dem neben dem Lautsprecherwagen stehenden Schüler bei der zweiten Kundgebung das Mikrofon. Der 17jährige nutzte die Gelegenheit, den Abzug der Rechten aus Göttingen zu fordern. Daraufhin griffen Seidensticker und weitere »Pro Deutschland«-Wahlkämpfer den Jugendlichen an. Laut Augenzeugen wurde er geschlagen und getreten, trug Hämatome und Schürfwunden davon.

In der Nähe stehende Polizisten hätten den Schüler zunächst als Beschuldigten behandelt und abgeführt, erklärte Rechtsanwalt Kahlen am Mittwoch. Dieses Mißverständnis habe durch einen weiteren Beamten aufgeklärt werden können. Statt dessen erteilte die Polizei Seidensticker einen Platzverweis und schloß ihn so von seiner eigenen Kundgebung aus.

»Die Bürgerbewegung Pro Deutschland beruft sich in ihrem Programm explizit auf die Meinungsfreiheit«, kommentierte der Schüler selbst das Vorgefallene. »Wie die Anhänger dieser Partei offenbar tatsächlich mit Andersdenkenden umgehen, hat sich im Rahmen der Kundgebung anschaulich gezeigt.«

Gerd Nier ist aufgestoßen, daß bei den »Pro Deutschland«-Auftritten in Göttingen auch eine in eine Burka gehüllte Person mitwirkte. »Das beleidigende, unwürdige und häßliche Auftreten einer in eine Burka gehüllten Frau, die wie eine Marionette herum hampelte und mit der Menschenrechtsdeklaration herumfuchtelte in direkter Nachbarschaft einer Moschee, ist für mich längst nicht mehr durch das Recht auf Meinungsfreiheit abgedeckt, sondern stellt einen Aufruf zum Rassenhaß dar«, sagte Nier. Ungeachtet dieser Zwischenfälle werten die Organisatoren der Gegendemonstrationen diese als Erfolg. Gleichzeitig kritisierten Autonome und Grüne die Polizei. Deren Einsatz habe sich »teilweise als unverhältnismäßig herausgestellt«, sagte Marie Kollenrott, Sprecherin des Grünen Kreisverbandes. Besonders der Einsatz von Hunden, die in Demosituationen nicht kontrollierbar seien und auch ernsthafte Verletzungen verursachen könnten, erscheine »nicht als gerechtfertigt«

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