Wochenendbeilage

Rolf Hecker

»Marx gehört uns!«

Das Karl-Marx-Jahr 1933 und das Ende der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe

In: junge Welt vom 08.03.2003

 

»Marx gehört uns!« Unter diesem Motto kann die Kampagne der Kommunistischen Internationale im allgemeinen und die der deutschen und russischen Kommunistischen Partei im besonderen zum 50. Todestag von Karl Marx im Jahre 1933 gesehen werden. Es ist der Titel eines in der Verlagsgenossenschaft Ausländischer Arbeiter in Moskau erschienenen Sammelbandes mit Aufsätzen u.a. von Wilhelm Knorin und Fritz Heckert. Darin wurden der »Marxismus-Leninismus« und die »Einheit der internationalen Arbeiterbewegung« gegen den Sozialdemokratismus und die »reine Demokratie Kautskys und Co.« beschworen und geschrieben: »Die Komintern, die kommunistische Weltpartei, und ihre führende Sektion, die KPdSU(B) mit dem Führer des Weltproletariats Genossen Stalin an der Spitze, sind die Verkörperung der Marxschen Theorie von der Partei als Avantgarde der Arbeiterklasse.«

Auch die Sozialistische Internationale und die SPD hatten sich auf das Jubiläum vorbereitet. Ihr Sammelband stand unter dem Thema: »Karl Marx, der Denker und Kämpfer«. Weitere Schriften im J. H. W. Dietz Nachf. Verlag behandelten verschiedene Seiten des Marxschen Schaffens: Karl Kautsky die historischen und ökonomischen Lehren, Max Adler »Marx als Denker« und Heinrich Cunow die Marxsche Geschichts-, Gesellschafts- und Staatstheorie. In einer Werbeannonce des Verlags hieß es dazu: »Karl Marx seit fünfzig Jahren tot. Ist er wirklich tot? Die Erde deckt seinen Leib, aber sein Geist lebt. Die Welt des Kapitals zittert vor ihm, sein Name schon setzt sie in Schrecken. Und mit seinem Geist verbindet sich die Welt der Arbeit. Ihr gehört die Zukunft.«

Die von SPD und KPD geplanten Veranstaltungen und Publikationen konnten nur noch zum Teil verwirklicht werden, ihr Hauptfeind wurde am 30. Januar 1933 in Deutschland an die Macht gehievt. Am 5. Mai 1933 brannten die Bücher von Marx und Engels auf faschistischen Scheiterhaufen.

In der Sowjetunion wurde der 50. Todestag von Karl Marx mit »allen Ehren« begangen. Das XII. Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) hatte im September 1932 über die Vorbereitung des »Marx-Jahres« einen Beschluß gefaßt. Am 14. März 1933 fand im Moskauer Bolschoj-Theater die zentrale Festveranstaltung statt, auf der D. S. Manuilski über den Marxismus als Lehre von der proletarischen Kultur sprach und Wladimir W. Adoratski, der Direktor des Marx-Engels-Lenin-Instituts (IMEL), über die Herausgabe von Marx’ literarischem Nachlaß informierte. Als Leitfaden für die ideologische und propagandistische Arbeit der KPdSU(B) hatte das Institut 35 Thesen in einer Auflage von über 200000 Exemplaren veröffentlicht. In allen Parteieinrichtungen, in den Bildungseinrichtungen, in den zentralen Institutionen der KPdSU, des Sowjetstaates, der Regierung, der Gewerkschaften und Massenorganisationen fanden im März und April 1933 Vorträge, Kolloquien und Festveranstaltungen statt.

Das IMEL war 1931 aus der Zusammenlegung des Marx-Engels- und des Lenin-Instituts entstanden. Zuvor war das Marx-Engels-Institut »gesäubert« worden, 131 von 243 Mitarbeiter wurden entlassen. Der langjährige Direktor, David Borissowitsch Rjasanow, war auf Befehl Stalins verhaftet worden. Unter seiner Leitung waren seit 1927 die Bände der Marx-Engels-Gesamtausgabe erschienen, ihm war es zu verdanken, daß der Marx-Engels-Nachlaß im SPD-Archiv vollständig kopiert werden konnte. Die Herausgabe der MEGA wurde großzügig durch das Frankfurter Institut für Sozialforschung unterstützt. Mit der »Säuberung« des Marx-Engels-Instituts war das Ende der ersten MEGA vorbestimmt.

Unmittelbar nach dem Beschluß des EKKI-Plenums wurde Mitte Oktober 1932 auf einer Beratung mit Mitarbeitern des IMEL, an der u.a. die deutschen Kommunisten Horst und Golda Fröhlich, Karl Schmidt und Walter Haenisch teilnahmen, sowie mit Vertretern der deutschen, englischen und französischen Sektion der KI und Vertretern der Agitprop- und Verlagsabteilung (u.a. Frida Rubiner) des EKKI der Editionsplan für 1933 besprochen und eine Kommission zur Koordinierung der Aufgaben gebildet. Die Liste der Massenausgaben von Marx und Engels in deutscher Sprache, die 1933 erscheinen sollten, umfaßte 26 Titel. Die Ausgaben sollten »populär« sein in »Anbetracht der neuen breiten proletarischen Leserschichten«.

In Vorbereitung auf das »Marx-Jahr« wurde großer Wert darauf gelegt, die Maßnahmen gegen das »parteischädigende Verhalten« Rjasanows zu rechtfertigen. Höchste Priorität gewann dafür der Band »Karl Marx/Friedrich Engels: Briefe an A. Bebel, W. Liebknecht, K. Kautsky und andere. Teil I 1870–1886«. Auf dem Umschlag zusätzlich der Hinweis: »Unveröffentlichte Briefe an die Führer der deutschen Sozialdemokratie«. Nachgewiesen werden sollte, daß Rjasanow wichtige Dokumente, deren Kopien er in den 1920er Jahren erworben hatte, »versteckt« und gegenüber der Partei »verheimlicht« hätte. Außerdem sollten die Briefe von Marx und Engels die These bestätigen, daß die »heutigen Sozialdemokraten, sofern sie sich nicht ganz offen von Marx lossagen, mit allen Kräften seine Lehre zu entstellen, die revolutionäre Idee unglaublich zu verflachen und zu verstümmeln und Marx und Engels in Liberale zu verwandeln [suchen]«.

Eine 1932/33 in Moskau edierte Volksausgabe aller drei »Kapital«-Bände richtete sich mit scharfer Polemik gegen die Volksausgabe von Karl und Benedikt Kautsky. Das Erscheinen mußte beschleunigt werden, nicht nur, weil die Meißnersche Originalausgabe vom »Kapital« vergriffen war, sondern, so Adoratski, weil die von Kautsky veranstaltete Ausgabe »einen unzuverlässigen Text« und den Marxismus »grob fälschende Vorworte« enthalte. In der Vorbemerkung der Redaktion zum dritten Band werden die Verdienste von Engels herausgestellt und keine Zweifel an der von ihm geleisteten redaktionellen Arbeit gehegt. Mit dieser Ausgabe wurde somit über Jahrzehnte die Unantastbarkeit der Engelsschen Edition und die »untrennbare theoretische Einheit« aller drei Bände festgeschrieben.

Ein weiteres wichtiges Projekt des IMEL war die »Biochronik«, die quellenmäßig belegte Zusammenstellung aller Daten aus dem Leben und Schaffen von Marx. Daran hatte bis Ende 1930 bereits Frida Rubiner mitgewirkt. Im Februar 1932 nahm Walter Haenisch die Tätigkeit in der »Sektion für wissenschaftliche Biographie von Marx und Engels« auf. Unter der Leitung von Ernst Czóbel entstand die Druckfassung sowohl in deutscher wie in russischer Sprache. Gabriele Stammberger, die Ehefrau Haenischs, berichtete, daß sie das Manuskript im Januar 1933 nach Berlin mitnahm, um es dem Marx-Engels-Verlag zu übergeben. Gleichzeitig wurde ein »Probeexemplar« der russischen »Biochronik« hergestellt, um es Stalin auf der Festveranstaltung zu übergeben. Das Erscheinen der beiden Ausgaben verzögerte sich allerdings bis 1934. Die »Biochronik« war ein erster Versuch, chronologisch etwa 3000 Daten zu erfassen und mit kurzen Angaben die Ereignisse zu schildern, wie sie besonders aus dem Briefwechsel von Marx mit Engels und anderen Korrespondenzpartnern hervorgehen, ohne sie einer eingehenderen Wertung zu unterziehen.

Zu einem »Highlight« sollte die Ausstellung der Werke von Marx im IMEL gestaltet werden. Nach einem namentlich nicht gekennzeichneten, aber in deutscher Sprache abgefaßten Exposé sollte die Ausstellung so konzipiert werden, daß einigen hunderttausend (!) Besuchern in »eindringlicher und überzeugender Form der Triumph des Marxismus« vermittelt wird. Da dafür der Institutskonferenzsaal zu klein sei, wurde vorgeschlagen, die Ausstellung in den Räumen des benachbarten Puschkin-Museums der bildenden Künste einzurichten: »Unser Institut als das leitende, wissenschaftliche Institut des Marxismus-Leninismus, das internationale Bedeutung hat, kann sich unmöglich mit einem Ausstellungsraum begnügen, der selbst den kommunistischen Parteien der großen kapitalistischen Länder in ihrer Hauptstadt zu klein wäre.«

Das Exposé enthielt auch konkrete Gestaltungsvorschläge, die z.T. an die Moskauer Avantgardekünstler anknüpften: »Als Zentrum der Ausstellung, zur Illustration der Aktualität des Marxismus, seiner Bestätigung durch die Geschichte, ein Stapel von einzelnen Werken von Marx, vergrößerte Attrappen, auf denen eine überlebensgroße Büste von Marx steht. Von den Büchern gehen eine Vielzahl von Fäden aus, an deren Enden Zitate folgenden Inhalts in großen Buchstaben in der Luft schweben: a) Über den Sozialismus: darunter in Pappe plastisch Magnitogorsk, Dneprstroi und eine Kolchose nebst Traktorenstation. Eine Universität mit einströmenden Besuchern. Ein Bauer, der eine Binde von den Augen nimmt (Beseitigung des Analphabetismus). Unter alles die entsprechenden Zahlen. b) Über den Kapitalismus: absolute Verelendung (geschlossene Fabrik, Wohnungsnot, Kinderelend, Lohntüten, Versteigerung eines Bauernhofes). Eine geschlossene Schule, Dekrete von Papen, faschistischer Terror. c) Über die proletarische Revolution und die Diktatur des Proletariats: darunter Bilder der Pariser Kommune, der Oktoberrevolution, der Sowjets, der Aburteilungen von Schädlingen, der Roten Armee, der GPU. d) Über die Rolle der Partei und der Internationale: Bilder aus der Tätigkeit der III. Internationale und ihrer Sektionen nebst Zahlen ihres Umfangs und Einflusses. e) Über den Übergang des Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Imperialismus: darunter die Darstellung des Monopolkapitalismus (Weltkarte farbig die Aufteilung der Erde unter die Großmächte dargestellt, auf Karte dargestellt die Herrschaft der Trusts, Bilder ihres Besitzes etc.).« Den Abschluß sollten »drei Rotationsrollen« bilden, »die sich ununterbrochen drehen, mit den wichtigsten Zitaten aus Marx, Engels, Lenin und Stalin«.

Wahrscheinlich lagen diese Gestaltungsvorschläge außerhalb der materiellen und organisatorischen Möglichkeiten des IMEL, denn die Ausstellung fand im eigenen Gebäude statt, und verwendet wurden die vorhandenen Vitrinen. Man mußte sich auf die vorhandenen Ressourcen beschränken: Mehr als 1 500 Bücher, etwa 500 Handschriften und eine große Anzahl von Porträts und Abbildungen illustrierten die wichtigsten Momente in der Entwicklung von Marx’ Lehre. Im Mittelpunkt wurde das Buch als bibliophile Rarität, als Teil einer unikalen Sammlung präsentiert. Zugleich wurde deutlich gemacht, daß die Schriften von Marx nicht nur wissenschaftliches Werk sind, sondern »auch immer Parteidokument und direkte Anleitung zum Handeln«. So umfaßte die Ausstellung Marx’ Werke, beginnend mit der »Deutschen Ideologie«, dem »Elend der Philosophie« und dem »Kommunistischen Manifest« bis zum »Kapital«, von dem 65 verschiedene Ausgaben in 23 Sprachen vorgestellt wurden. Einige Vitrinen waren der Tätigkeit von Marx in der I. Internationale und seinem umfangreichen Briefwechsel gewidmet. Abschließend wurden Lenins Lehre des proletarischen Staats und die Verwirklichung des Sozialismus in der UdSSR unter Führung Stalins dargestellt.

Das »Marx-Jahr« erbrachte auch für die Bibliothek des IMEL einen reichhaltigen Materialzufluß. In den Regalen des Lesesaals wurden kontinuierlich die Neuerwerbungen vorgestellt, die aus dem In- und Ausland eintrafen. Darunter waren naturgemäß auch jene Publikationen, die nach der internen Ordnung mit einem Sperrvermerk für die Öffentlichkeit versehen werden mußten und nur bestimmten Mitarbeitern zugänglich waren (eine Praxis, die bis 1990 weitgehend durchgehalten wurde). Möglicherweise erfolgte die Auswahl für den Lesesaal nicht sorgfältig genug, jedenfalls regte sich ein Institutsmitarbeiter am 2. Juni 1933 in einer Aktennotiz an die Direktion darüber auf, daß er solche Zeitschriften wie Arbeit und Wirtschaft, Organ der österreichischen Sozialdemokratie mit Aufsätzen von Renner, Kautsky und russischen Menschewisten, Süddeutsche Monatshefte, »antisowjetisches faschistisches Journal« und De Nieuwe Weg, »Organ der holländischen Trotzkisten« mit Aufsätzen von Trotzki, Korsch u.a. vorgefunden habe.

So sind die Ergebnisse des Karl-Marx-Jahres 1933 recht vielfältiger Natur. Trotz Machtantritt des Faschismus gab es im ersten Halbjahr in Deutschland noch einige Versuche, Marx in geeigneter Weise zu gedenken. Besonders intensiv gestaltete sich die ideologische Offensive aus Moskau, die sich nicht gegen die Naziherrschaft in Deutschland, sondern gegen die deutsche Sozialdemokratie richtete. Es war aber auch das letzte Mal, daß Marx in dieser Weise in die Öffentlichkeit rückte, seinen Platz nahm in den folgenden Jahren Stalin ein. Das hatte zur Folge, daß die erste MEGA, von der bis 1935 dreizehn Bände erschienen sind, analog zum physischen Terror gegen die Mitarbeiter, »eingeschläfert« wurde.

* Dem Marx-Jahr ging 1931 die Tschistka im Moskauer Marx-Engels-Institut voraus: David B. Rjasanow, Leiter des Instituts und Schöpfer der ersten MEGA, wurde am 15. Februar 1931 verhaftet, seine Mitarbeiter Isaak I. Rubin und Wassili W. Scher im Schauprozeß gegen das »Unionsbüro der Menschewiki« als »Lakaien der internationalen Konterrevolution« angeklagt, 131 von 243 Mitarbeitern entlassen.

Rolf Hecker ist Vorsitzender des Berliner Vereins zur Förderung der MEGA-Edition e.V. Das Marx-Jahr 1933 hat er ausführlich behandelt im abgebildeten Sonderband 3 der Beiträge zur Marx-Engels-Forschung Neue Folge: Stalinismus und das Ende der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe (1931-1941), hg. von Carl-Erich Vollgraf, Richard Sperl und Rolf Hecker. Argument, Hamburg 2001, 460 S., 20,50Euro

Siehe auch: www.marxforschung.de

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