Blind für Widersprüche  

Heute vor 75 Jahren starb Rudolf Hilferding. In seiner Hauptschrift »Das Finanzkapital« erfasste er mit seiner bloß empirischen Darstellung des Geldbildungsprozesses nicht dessen zwiespältiges Wesen  

Gerfried Tschinkel 

In: junge Welt online vom 11.02.2016 

 

 Er war ein genialer Ökonom und dennoch geriet er in seinen Schlussfolgerungen oft auf Abwege. Sein Werk bleibt unvergessen. Rudolf Hilferding, am 11. Februar 1941 im Pariser Gestapo-Gefängnis gestorben, gilt als der Wirtschaftstheoretiker unter den Austromarxisten.1 Bis heute wird er als der »führende marxistische Ökonom seiner Zeit« betrachtet.2 Besondere Aufmerksamkeit verdient nach wie vor sein theoretisches Werk. Die Arbeit »Das Finanzkapital«, 1910 erschienen, verstand Hilferding als Versuch, »die ökonomischen Erscheinungen der jüngsten kapitalistischen Entwicklung wissenschaftlich zu begreifen«. Darunter fallen »jene Konkurrenzvorgänge, die einerseits in der ›Aufhebung der freien Konkurrenz‹ durch die Bildung von Kartellen und Trusts, andererseits in einer immer innigeren Beziehung zwischen Bankkapital und industriellem Kapital erscheinen«. So steht es im ersten Band der 1973 in Frankfurt am Main erschienenen Ausgabe von »Das Finanzkapital«. Auf diese Edition werden sich auch die weiteren Verweise im Text beziehen.  

  Hilferding als Finanzminister 1923   Zweimal wurde der Sozialdemokrat Hilferding Finanzminister zu Zeiten der Weimarer Republik. So von 13. 

August bis 6. Oktober 1923, während der Inflation. Der Wert der Mark fiel in dem Jahr im Verhältnis zum US-Dollar rapide. Kostete ein Dollar zunächst 17.000 Mark, waren es im November bereits 4,2 Trillionen Mark. 

»Sparguthaben und Schulden lösten sich in nichts auf, der Lebensstandard von Beamten und Angestellten und von Teilen der Arbeiterschaft sank drastisch. Die Preise für Verbrauchsgüter, besonders für Lebensmittel, stiegen rapide und verursachten Einkommensverluste selbst bei solchen Industriearbeitern, bei denen die Löhne an die Inflationsrate gekoppelt waren. In der zweiten Jahreshälfte nahm die Arbeitslosigkeit drastisch zu. 

Die unkontrolliert ansteigende Inflation drohte die gesamte Wirtschaft lahmzulegen.« Das schrieb 1998 William Smaldone, Professor in den USA für Europäische Geschichte, in seinem Buch »Rudolf Hilferding, Tragödie eines deutschen Sozialdemokraten« (deutsch: 2000).  

  Um die Inflation zu beenden, wollte Hilferding eine goldgedeckte Mark einführen. Sein ursprünglicher Plan zur Stabilisierung der Währung sah vor, dass die Regierung ihren Haushalt sowohl durch Ausgabenkürzungen als auch durch Steuererhöhungen ausgleichen sollte. Die Notenpresse hätte gleichzeitig gestoppt werden sollen. Zudem hätte das Kabinett die Reichsbank zu einem verlässlichen Mittel ihrer Politik machen sollen, um so die Goldreserven zu mobilisieren. Schließlich hätte dann eine neue goldgestützte Mark eingeführt werden sollen.  

  Hilferdings Plan stieß jedoch auf heftigen Widerstand und wurde in dieser Form nicht umgesetzt. Ein neues Programm für eine Währungsreform wurde im September 1923 vorgelegt. Doch das Kabinett um Gustav Stresemann (DVP) brach Ende desselben Jahres zusammen, der Vorschlag gelangte nicht mehr zur Abstimmung. Smaldone urteilte über den gescheiterten Finanzminister: »Für Hilferding war die Ursache der Inflation nicht der organisierte Kapitalismus selbst, der, wie er glaubte, weniger krisenanfällig war als der Kapitalismus früherer Entwicklungsstadien, sondern die kriegsbedingte Wirtschaftspolitik und ebenfalls auf den Krieg zurückgehende politische Widersprüche. Diese Krise, so glaubte er, stelle eine anomale Situation dar, die durch finanztechnische Mittel beendet werden könne (…).«  

  Vom »Generalkartell«   Hilferdings Illusionen über den Imperialismus und seine opportunistische politische Haltung sind nicht verwunderlich. Sie resultieren aus Schlussfolgerungen, die bereits im »Finanzkapital« angelegt sind. Hilferding neigt dazu, die Widersprüche des Kapitalismus zu übergehen. Er nimmt an, dass der Konzentrationsprozess und die Kartellbildung zu einer bewussten Regulierung der Gesellschaft, zur Herausbildung eines »Generalkartells« führen könnten, zumindest gebe es dazu die ökonomische Möglichkeit. In diesem großen Zusammenschluss wäre dann die spontane Preisbildung ausgeschaltet. Die Tendenz zur Herausbildung eines Generalkartells und die Schaffung einer Zentralbank fallen für ihn zusammen. Aus ihrer Vereinigung erwachse die gewaltige Konzentrationsmacht des Finanzkapitals.  

  Hilferding war davon überzeugt, dass das Finanzkapital zumindest eine Milderung der Krisen bewirkt. Denn mit der Entstehung der Großbetriebe bleibe ein Teil der Produktion auch während der Depression bestehen. Mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktion wachse absolut und relativ der Umfang des Teils der Produktion, der unter allen Umständen fortgesetzt werde. Damit wachse auch der Umfang der Warenzirkulation, der während der Krise unberührt bleibe. Diese Überlegungen führt der Ökonom im zweiten Band seines »Finanzkapitals« aus. Das Ignorieren der dem Kapital eigenen Widersprüche ist bereits in seiner, der Analyse des Finanzkapitals zugrunde gelegten Geldtheorie angelegt. Von ihr bemerkte der sozialdemokratische Theoretiker Karl Kautsky, sie sei eine »akademische Schrulle«. Tatsächlich ist sie der Ausgangspunkt von Hilferdings Ansichten über die Möglichkeiten einer bewussten Regelung der Gesellschaft und über die Allmacht von Zentralbank und Staat.  

  Hilferding begann seine Untersuchung des Finanzkapitals mit einer Begründung der Notwendigkeit des Geldes im Kapitalismus. Karl Marx legte hier eine logische Analyse der Wertformen vor. Hilferding ersetzte diese durch eine historisch-empirische Darstellung des Tausch- und Geldbildungsprozesses. In dieser führte er bereits das Kapitalverhältnis ein. Doch das müsste eigentlich von der grundlegenden Analyse des Tausches auch in historischer Hinsicht getrennt werden. Ihm entgingen zudem die wesentlichen Widersprüche, die im Tauschzusammenhang schlummern. Während Marx durch die Analyse des Tauschprozesses auf den Widerspruch von Gebrauchswert und Wert stieß, bewegte sich Hilferding an der Oberfläche der Zirkulation. Er fragte nicht danach, warum die Waren überhaupt gegeneinander getauscht werden können. Das setzte er einfach voraus. Dabei betonte der Ökonom, dass das Geld selbst Ware sei. Von den Warenbesitzern werde es aber als besondere Ware ausgeschlossen, um sodann als »Mittler« des Austausches zu dienen. Mit der Entstehung des Geldes aus den Widersprüchen des Austausches setzte sich Hilferding nicht auseinander. 

Die Waren gingen ihm zufolge von vornherein als »Verkörperung gesellschaftlicher Arbeitszeit« in den Tausch ein. Den qualitativen Aspekt des Problems vernachlässigte er. Die Waren sind nämlich erst miteinander vergleichbar durch ihre Beziehung auf dieselbe gesellschaftliche Einheit: abstrakte, gleiche menschliche Arbeit – also unter Absehung von ihrer besonderen Verausgabung als bestimmte nützliche Gegenstände erzeugend.  

  Doch Hilferding interessierte sich nur für die quantitativen Beziehungen der Waren zueinander. Dies machte es ihm unmöglich, den qualitativen Unterschied von abstrakter und konkreter Arbeit zu begreifen. Er spricht statt dessen von »konkreter Arbeitszeit«, die sich in »abstrakte Arbeitszeit« verwandle. So sind alle Unwetter aus der Warenzirkulation verbannt, wonach sich die Waren erst als Gebrauchswerte bewähren müssen, damit der Warenbesitzer den Wert der Ware realisiere. Dieses »Realisierungsproblem« ist zumindest aus dem Blick verloren. Dabei ist es dem Kapitalismus immanent und zeigt sich immer wieder in Form regelmäßiger Krisen.  

  Definition ohne Inhalt   Da sich Hilferding vornehmlich an die Erscheinungsform des Kapitalismus hielt, war er nicht in der Lage, zu dessen Wesen, zu seinen inneren Zusammenhängen vorzudringen. Dies durchzieht seine ganze Arbeit am »Finanzkapital«. Ihn interessierten nicht die Produktionsverhältnisse und nicht die grundlegenden Eigentumsbeziehungen. Hilferdings Aufmerksamkeit galt den neuen Formen, in denen sich das Geldkapital bewegt. Im ersten Band seines Werks schreibt er: »Also nicht in die kapitalistische Fabrik mit ihren Wundern der Technik geht der Weg, sondern der Eintönigkeit des ewig gleichen Marktvorganges muss sich unsere Betrachtung zuwenden, wo Geld in Ware und Ware in Geld in formell stets gleicher Weise sich wandelt. Nur die Hoffnung, dass auf diesem Wege es möglich ist, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, wie aus den Zirkulationsvorgängen selbst jene Macht erwächst, die als kapitalistischer Kredit schließlich die Herrschaft über die gesellschaftlichen Vorgänge erhält, mag den Leser ermutigen (…).«  

  Hilferding untersuchte den Kapitalismus und dessen neue Erscheinungen von der Seite der Zirkulation. Und so suchte er das Verhältnis von Industrie- und Bankkapital vor allem in den Kreditbeziehungen und in der Rolle des Aktienkapitals. Weil die Banken den Unternehmen im wachsenden Maße Kapitalkredit gewähren, sind sie an den Ergebnissen der Industrie dauerhaft interessiert. Im zweiten Band seines Werks steht: »Ein immer wachsender Teil des Kapitals der Industrie gehört nicht den Industriellen, die es anwenden. Sie erhalten die Verfügung über das Kapital nur durch die Bank, die ihnen gegenüber den Eigentümer vertritt. Andererseits muss die Bank einen immer wachsenden Teil ihrer Kapitalien in der Industrie fixieren. Sie wird damit in immer größerem Umfang industrieller Kapitalist. Ich nenne das Bankkapital, also Kapital in Geldform, das auf diese Weise in Wirklichkeit in industrielles Kapital verwandelt ist, das Finanzkapital.« Und weiter heißt es: Finanzkapital ist »Kapital in der Verfügung der Banken und in der Verwendung der Industriellen«.  

  In dieser Definition wird das Finanzkapital so beschrieben, als sei es identisch mit dem Bankkapital. Es ist daraus nicht ersichtlich, worin die neue Bedeutung des Finanzkapitals besteht. Dessen Qualität als eigene Kapitalkategorie ist darin überhaupt nicht herausgearbeitet. Hilferding tendierte dahin, eine Dominanz des Bankkapitals zu unterstellen. So wachse die Macht der Banken, die zu Beherrschern der Industrie würden. Sie rissen die industriellen Profite als Finanzkapital an sich.  

  Dies sollte nicht verwundern, bestand doch zur Zeit des Erscheinens von »Das Finanzkapital« ein entschiedener Einfluss der Banken auf die Industrie. Ab etwa 1870 hatten in Deutschland vor allem die »Berliner Aktienbanken ein solches Engagement im Industriegeschäft sowohl als Teilhaber als auch im Kreditgeschäft [entwickelt], dass sie im Zusammenwirken mit alteingesessenen Privatbankiers das industrielle Finanzierungsgeschehen weitgehend kontrollierten«.3 Ab 1880 hatte die Industrie an Selbständigkeit gewonnen. Der Konzentrationsschub brachte Unternehmensgrößen hervor, welche die Banken dazu veranlassten, sich in Syndikaten zusammenzuschließen. Ihr Einfluss blieb erheblich, wenngleich sie das Geschehen in der Industrie nicht diktieren konnten. Zum Ersten Weltkrieg hin beschleunigte sich die industrielle Akkumulation. Die Industrie war von den Diensten der Banken abhängig, da die Profite nicht ausreichten, um die Investitionen zu tragen.  

  Es wäre jedoch überzogen, von einer Herrschaft der Banken über die Industrie zu sprechen.4 »Der Konzentrationsgrad im deutschen Bankenwesen hatte ohne jeden Zweifel vor dem Ersten Weltkrieg ein sehr hohes Niveau erreicht, wobei die Berliner Großbanken als Kristallisationspunkte großdimensionaler Zentralisationsbewegungen fungierten und eine dominierende Stellung in vielen Bereichen des Kapitalmarktes erreicht hatten. (…) Die Entwicklung und Auffächerung des industriellen Geschäftes schufen über den regulären Bankenverkehr hinausgehende Tätigkeitsfelder – insbesondere das industrielle Emissionsgeschäft –, welche wegen der zu mobilisierenden Kapitalmassen hochkonzentrierte einzelne Bankinstitute voraussetzten und in vielen Fällen darüberhinaus deren Kooperation, vor allem in Form von Konsortien, erforderten.«5  

  In den finanzkapitalistischen Beziehungen kann einmal das Bankkapital und ein anderes Mal das Industriekapital dominieren. Das ändert aber nichts daran, dass das Finanzkapital die Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital ist. Erst Lenin definierte diese neue Qualität in seinem Werk »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus«. Er schrieb: »Konzentration der Produktion, daraus erwachsende Monopole, Verschmelzung oder Verwachsen der Banken mit der Industrie – das ist die Entstehungsgeschichte des Finanzkapitals und der Inhalt dieses Begriffs.« Hier erst ist das Finanzkapital von den Produktions- und Eigentumsverhältnissen her definiert, als Resultat des Konzentrations- und Zentralisationsprozesses des Kapitals. Erst dadurch erlangt der Begriff seine eigentliche Bedeutung und dringt von der Oberfläche der Verhältnisse zum Wesen der Sache vor.  

  Die neue Macht des Monopols   Viele linke Ökonomen verstehen heute unter dem Begriff Finanzkapital einfach das zinstragende Kapital, also Geld, aus dem dank Zins mehr Geld wird. Damit verbleibt aber der Unterschied zur vormonopolistischen Periode des Kapitalismus im dunkeln. Das Finanzkapital ist nicht einfach nur zinstragendes Kapital, auch wenn es die Bewegung desselben vollzieht (G – G’). Es stellt gegenüber dem zinstragenden Kapital eine neue Qualität dar. Das Finanzkapital ist, wie gesagt, die »Verschmelzung« oder »Verwachsung« von Industrie und Bank, von Industriekapital und Bankkapital. Unter letzterem werden all jene monopolistische Institutionen subsumiert, wie etwa Banken, Fonds, Versicherungen etc., welche das Geldkapital zentralisieren. Die Verschmelzung mit dem Industriekapital bedeutet dann nicht das Zusammengehen der Institutionen oder institutionellen Funktionen des Kapitals. Vielmehr bezieht sie sich auf die Monopolisierung des Eigentums. 

Die Trennung von Funktion und Eigentum ist eine Bedingung für die Herausbildung des Finanzkapitals.  

  In seiner Imperialismus-Schrift formulierte Lenin: »Die Trennung des Kapitaleigentums von der Anwendung des Kapitals in der Produktion, die Trennung des Geldkapitals vom industriellen oder produktiven Kapital, die Trennung des Rentners, der ausschließlich vom Ertrag des Geldkapitals lebt, vom Unternehmer und allen Personen, die an der Verfügung über das Kapital unmittelbar teilnehmen, ist dem Kapitalismus überhaupt eigen. Der Imperialismus oder die Herrschaft des Finanzkapitals ist jene höchste Stufe des Kapitalismus, wo diese Trennung gewaltige Ausdehnung erreicht.«  

  Im Industriemonopol ist das industrielle Kapital konzentriert, und im Bankmonopol ist das Geldkapital zentralisiert. Das industrielle Kapital übernimmt etwa die Organisation der Produktion nach den jeweiligen Bedingungen des Marktes. Auch das Geldhandlungskapital hat eigenständige Funktionen, beispielsweise muss es Zahlungsströme in Übereinstimmung bringen. Demgegenüber ist das Finanzkapital allein auf Verwertung ausgerichtet, um einen Profit zu erzielen, der oft auch den gesamten industriellen Profit, also Zins und Unternehmergewinn, verschlingen kann. 

Dies zeichnet das Finanzkapital als neue Kapitalsorte aus. Es ist als eine Kategorie des Monopolkapitalismus zu begreifen, eben als Verschmelzung von Industrie- und Bankmonopol in der Form des zentralisierten Eigentums.6  

  Verstärkt seit den 1970er Jahren hat sich mehr und mehr ein hochkonzentriertes finanzielles Anlagekapital herausgebildet. Die Trennung von Bank- und Industriekapital wird zusehends im finanzkapitalistischen Monopol aufgehoben. Das Monopol – sei es Produktionsmonopol, Handelsmonopol oder Bankmonopol – ist vermehrt in verschiedenen Kapitalanlagesphären tätig. So haben Banken etwa mittels Aktienbesitzes einen Anspruch auf Teile des Unternehmergewinns. Produzierende Unternehmen, wenn sie nicht sogar selbst bestimmte Bankfunktionen ausüben, können durch Verbriefung und den Kauf von Wertpapieren auf Basis gebündelter Kredite am Kreditgeschäft teilnehmen. Alle diese Einkünfte werden nur noch bezogen in Form des Zinses.  

  Das finanzkapitalistische Monopol realisiert sowohl industriellen Profit als auch Bankprofit, sowohl Unternehmergewinn als auch Zins und Spekulationsgewinne, sowohl Grundrente als auch kommerziellen Profit. 

Allerdings löst sich das enge Beteiligungsnetzwerk zwischen Großunternehmen und Banken teilweise auf. Dies steht nur scheinbar im Widerspruch zu der immer dichter werdenden Verwachsung von Industrie- und Bankkapital, zumal die Finanzinvestitionen über die internationalen Finanzmärkte an Bedeutung gewinnen. Einerseits sind große produktive Konzerne verstärkt an den Finanzmärkten engagiert. Anderseits wenden sich auch die Banken immer mehr den internationalen Finanzmärkten zu. 

Verglichen mit den nationalen Beteiligungen in der Industrie, zeigte sich, dass das Ausweichen auf die globalen Finanzmärkte, den Banken bei weitem rentablere Rückflüsse sichert.  

  Wer heute vom Finanzkapital spricht, sollte sich wieder auf Lenin besinnen. Der bezog sich zwar positiv auf die Arbeit des österreichischen Ökonoms, doch ohne Lenin wäre der Begriff des Finanzkapitals ein leere Hülle geblieben. Hilferdings Arbeit zum Finanzkapital hätte nie die Bedeutung erlangt die sie heute noch hat, hätte sie Lenin nicht aufgegriffen und bereichert.  

  Anmerkungen  

  1 Hilferding entwickelt 1904 diese Ausrichtung des Marxismus mit den Sozialdemokraten Max Adler und Rudolf Bauer. Dialektisches Denken wird durch ein bloß auf Gegensätze und Wechselwirkung beruhenden Neukantianismus ersetzt. Dementsprechend reduziert sich die politische Praxis der Arbeiterbewegung auf einen typischen Reformismus: Man versucht, eine parlamentarische Mehrheit zu finden, um einige Nöte der Arbeiterklasse zu lindern.  

  2 Reinhard Pirker/Engelbert Stockhammer: Zur Aktualität austromarxistischen ökonomischen Denkens: Max Adler und Rudolf Hilferding, in: Kurswechsel, Heft 4/2006, S. 31  

  3 Hans E. Büschgen: Banken und Industrie in Deutschland, Frankreich und England, in: Mitteilungen und Berichte des Instituts für Bankwirtschaft und Bankrecht an der Universität zu Köln, 1999  

  4 Vgl. Volker Wellhöner: Großbanken und Großindustrie im Kaiserreich. 

Göttingen 1989,  

  5 Ebd.  

  6 Vgl. Peter Hess: Das Finanzkapital – Eigentumsform der Produktivkraftentwicklung im gegenwärtigen Kapitalismus, in: IPW Berichte 9/1989, S. 20 ff.  

 

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