Ein genialer Theoretiker 

Vor 125 Jahren wurde Antonio Gramsci geboren  

Von Gerhard Feldbauer 

In: unsere zeit online vom 22. Januar 2016  

 

Gramsci-Werke 

Gramscis Arbeiten sind vor allem in seinen Gefängnisheften enthalten. Sie erschienen in Deutsch seit 1991 im Argument-Verlag Hamburg in 10 Bänden. 

An Einzelausgaben sind erschienen: 

- Die süditalienische Frage, Berlin (DDR) 1955 

- Briefe aus dem Kerker, Berlin (DDR) 1956; Frankfurt/Main 1972 

- Philosophie der Praxis, Frankfurt/Main 1967 

- Zur Politik, Geschichte und Kultur, Leipzig 1980, 2. Aufl. 1986 

- Gedanken zur Kultur, Leipzig 1987 

Siehe auch: Gramsci: Kulturelle Hegemonie und „Alltagsverstand" – Von Herwig Lerouge, UZ vom 15.1.2016, S. 10 (Vorabdruck aus den Marxistischen Blättern). 

Wenn wir am 22. Januar den 125. Geburtstag Antonio Gramscis begehen, erinnern zeitgleich zwei historische Ereignisse an sein Wirken als eines herausragenden kommunistischen Theoretikers nicht nur Italiens, sondern der kommunistischen Weltbewegung: Am 21. Januar 1921 entstand die maßgeblich von ihm begründete kommunistische Partei; am 23. Januar 1926 beschloss der illegale Parteitag in Lyon die von ihm ausgearbeitete Strategie zur Erringung der führenden Rolle der Arbeiterklasse im antifaschistischen Kampf als Parteiprogramm und wählte ihn als Nachfolger Amadeo Bordigas, der wegen seines Sektierertums nicht wieder ins ZK gewählt wurde, zum Generalsekretär. Nicht außer Acht lassen kann man aber auch den 31. Januar, an dem 1991 der letzte Parteitag begann, auf dem die Revisionisten in der IKP die von ihm begründete Partei, wie Domenico Losurdo einschätzte, liquidierten, dabei in demagogischer Weise verkündeten, an seinem theoretischen Erbe anzuknüpfen, während in Wirklichkeit die gesamte Linke Italiens in eine bis heute anhaltende tiefe Krise gestürzt wurde. 

Während des Studiums der Philosophie und Geschichte an der Universität in Turin, der Metropole der norditalienischen Arbeiterbewegung, trat das vierte Kind eines Verwaltungsangestellten auf Sardinien 1913 in die Sozialistische Partei (ISP) ein. Im Ersten Weltkrieg vertrat Gramsci aktiv die von der Partei als einziger westeuropäischer Sektion der Zweiten Internationale bezogene Antikriegsposition. 

Sein theoretisches Schaffen weist Gramsci als einen genialen Theoretiker aus, der einen gewaltigen Beitrag zur Verbreitung und schöpferischen Vertiefung des Marxismus-Leninismus leistete. Er war aber ebenso ein Mann der revolutionären Praxis. Im August 1917 gehörte er zu den Organisatoren des Aufstandes der Turiner Arbeiter gegen Hungersnot und für Frieden, die den reformistisch beherrschten ISP-Vorstand absetzten und eine neue Leitung mit Gramsci an der Spitze wählten. 

Beginnend mit ersten grundsätzlichen Gedanken über eine marxistische Konzeption des Kampfes der italienischen Arbeiterbewegung 1916 in der Zeitschrift „La città futura" verfasste er eine Fülle theoretischer Schriften, die von den ökonomischen Analysen (darüber hinaus zum Faschismus), philosophisch-moralischen Abhandlungen („Byzantinismus" und „Scholastizismus") und kulturellen Schriften über seine Definition der Hegemonie der Arbeiterklasse, die Bündnispolitik, eingeschlossen die Süditalien-Frage und den Historischen Block, bis zu den Thesen über den sogenannten Stellungs- und Bewegungskrieg der Arbeiterbewegung reichen. Er lehnte die von der Komintern ausgehende pauschale Diffamierung der Sozialdemokratie als „Sozialfaschismus" sowie die Taktik des Kampfes „Klasse gegen Klasse", die Bündnisse im antifaschistischen Kampf behinderte, ab. 

Theoretisches Gespür bewies Gramsci, als er zur Gründung einer Kommunistischen Partei nicht den direkten Weg des Bruchs mit der ISP einschlug, sondern mit Palmiro Togliatti, Umberto Terracini und Angelo Tasca in der ISP im Mai 1919 die kommunistische Gruppe Ordine Nuovo (Neue Ordnung) und ihre gleichnamige Zeitschrift gründete, um in der Partei den Reformismus zu überwinden, sie revolutionär zu erneuern, um sie in eine „Partei des revolutionären Proletariats", die sich zur „Zukunft einer kommunistischen Gesellschaft" bekennt, umzuwandeln. Grundlage dieser Konzeption war für ihn die Antikriegshaltung der ISP im Ersten Weltkrieg. Lenin stärkte den Ordinuovisten in der Auseinandersetzung mit den Reformisten und Zentristen den Rücken und betonte, „von dem Ausgang dieser Kämpfe, von der Geschlossenheit der Arbeitermassen, von ihrer Diszipliniertheit und Selbstlosigkeit hängen der Sieg über die Bourgeoisie, der Übergang der Macht an das Proletariat" ab. (Über den Kampf innerhalb der Italienischen Sozialistischen Partei, Werke, Bd. 31, S. 385) 

Gramsci suchte auf revolutionären Positionen Kompromisse. So wollte er mit den Zentristen ein Übereinkommen zum Ausschluss der Reformisten schließen. Die Stärke der drei Fraktionen auf dem XVII. Parteitag der ISP in Livorno verdeutlichte, dass seine Strategie Aussicht auf Erfolg hatte. 

„Ordine Nuovo" vertrat 58 783, die Zentristen 98 028, Die Reformisten 14 695 Mitglieder. Der Führer der Zentristen, Giacinto Menotti Serrati, hatte sich für die Trennung von den Opportunisten ausgesprochen. Er war in den meisten Fragen ein revolutionärer Sozialist, hatte als Chefredakteur des „Avanti" konsequent die Antikriegsposition vertreten, sich in Zimmerwald und Kienthal Lenin angenähert. Auf dem Parteitag, der am 15. Januar 1921 in Livorno begann, trat er jedoch nicht konsequent dafür ein, sodass die Zentristen mit dem Argument, die Einheit der Partei zu wahren, den Ausschluss der Reformisten ablehnten. Daraufhin verließen die Ordinuovisten den Parteitag und konstituierten sich am 21. Januar zur Kommunistischen Partei. 

Ende 1923 kehrte Gramsci aus Moskau zurück, wo er seit März 1922 Vertreter der IKP im Exekutivkomitee der Komintern war. Lange vor deren VII. Weltkongress erarbeitete er als Erster Grundsätze einer Analyse des Faschismus und die für seinen Sturz erforderliche nationale Bündniskonzeption und erwies sich damit, wie Domenico Losurdo schrieb, als „ein kommunistischer Führer ersten Ranges" (Der Marxismus Antonio Gramscis. Hamburg 2000). 

Gramsci schäzte ein, dass nach der Machtergreifung des Faschismus die proletarische Revolution zunächst nicht mehr auf der Tagesordnung stand. Die Arbeiterklasse müsse ihre „politische Hegemonie" auf der Grundlage der Freiwilligkeit und Überzeugung erringen. Ihr Masseneinfluss setze voraus, das Sektierertum zu überwinden. Er verband den Kampf für den Sozialismus mit der Verteidigung bzw. der Eroberung der Demokratie. 

Der Blocco storico 

Den Kern der Bündnispolitik Gramscis bildete seine These vom „Historischen Block". Ausgehend vom Bündnis der Arbeiter und Bauern entwarf er ein System von Bündnissen der Arbeiterklasse mit den Mittelschichten und der Intelligenz, in dem er dem Zusammengehen mit den katholischen Volksmassen einen hohen Stellenwert beimaß. Er ging von Lenins Hinweisen für die italienischen Kommunisten auf dem III. KI-Kongress aus, dass die Partei im revolutionären Kampf „nicht nur die Mehrheit der Arbeiterklasse, sondern auch die Mehrheit der werktätigen und ausgebeuteten Landbevölkerung" gewinnt. (LW, Bd. 32, S. 500) Gramsci hielt fest, dass die bürgerlichen Bündnispartner eigene politische Ziele verfolgen, was seitens der KP Zugeständnisse erfordere. In seinen Gefängnisheften präzisierte er später, was oft übersehen wird, es müsse sich um einen „ausgeglichenen Kompromiss" handeln, bei dem die Zugeständnisse der KP „nicht das Wesentliche, nämlich „die ökonomischen Aktivitäten der führenden Kraft", betreffen dürften, worunter er die Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaft und die Errichtung einer sozialistischen Ordnung verstand. 

Unter Bruch seiner Immunität als Parlamentarier wurde Gramsci am 8. November 1926 verhaftet und am 4. Juni 1928 zu 20 Jahren Kerker verurteilt. Im Gefängnis nahm Gramsci auf die weitere Entwicklung der Strategie als auch auf Fragen der aktuellen Politik der Partei aus dem Kerker heraus, den er erst 1937, kurz bevor er starb, todkrank im Ergebnis einer internationalen Protestbewegung verlassen konnte, großen Einfluss. Was er im Kerker erarbeitete, war ein ungeheures Pensum an theoretischen Erkenntnissen, orientiert auf den praktischen revolutionären Kampf. Gramsci, der einen Buckel hatte und von zwergenhafter Gestalt war, litt von früher Kindheit an unter einer schwachen Gesundheit. Im Gefängnis kämpfte er dagegen an und lieferte einen Beweis seiner enormen Energie und Willenskraft. 

Für die Verwirklichung der Konzeption Gramscis reiften in den 30er Jahren die Bedingungen heran, die im Juli 1943 zum Sturz Mussolinis führten. Unter Palmiro Togliatti, seit Gramscis Verhaftung amtierender Generalsekretär und nach dessen Tod 1937 sein Nachfolger, errang die Arbeiterklasse mit der IKP an der Spitze die Führung im antifaschistischen Kampf. Nach dem Sturz des „Duce" schlossen sich die bürgerlichen Parteien dem von der IKP initiierten Nationalen Befreiungskomitee an. Mit der im April 1944 gebildeten Nationalen Einheitsregierung (Wende von Salerno) wurde Gramscis Blocco Storico in einer größeren Dimension verwirklicht, als sein Theoretiker ihn konzipiert hatte. 

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Der postmoderne Gramsci  

Der Revolutionär und Philosoph ist in. Die vorherrschende Interpretation seines Denkens steht allerdings im Widerspruch zu dem, was er intendierte. Zum 125. Geburtstag des italienischen Kommunisten  

Stefano G. Azzarà 

In: junge Welt online vom 21.01.2016 

 

 Ende 2015 wurde in Rio de Janeiro die »International Gramsci Society Brasil« ins Leben gerufen, die brasilianische Abteilung der wichtigsten und weltweit am weitesten verbreiteten Vereinigung zum Studium Gramscis. 

Ihre Gründung ist die Folge eines beständig wachsenden kulturellen Austauschs unter maßgeblichen europäischen und lateinamerikanischen marxistischen Intellektuellen. Und sie ist die Bestätigung eines erneuerten Interesses an Antonio Gramsci, das sich auch anhand der Häufigkeit bemessen lässt, mit der sein Name in internationalen philosophischen und politischen Zusammenkünften und Debatten fällt. Ist es aber auch ein Hinweis auf ein wiederbelebtes allgemeines Interesse am Marxismus insgesamt?  

  Keine Renaissance des Marxismus   Leider nicht. In Zeiten einer tiefgreifenden Krise der modernen Demokratie, in der die herrschenden Klassen das gesellschaftliche Kräfteverhältniss klar dominieren, erfolgt auch die Rezeption und Verbreitung von Gramscis Denken im Kontext einer bestimmten politischen Orientierung. Vor diesem Hintergrund ist die Gründung der »IGS Brasil« der erfreuliche Fall einer gegenläufigen Tendenz. Denn nicht immer geht mit der Beschäftigung mit Autoren, die für besonders »aktuell« gehalten werden, deren tatsächliches Verständnis einher. In diesem Sinn war bereits die Gramsci-Rezeption der vergangenen Jahrzehnte im angelsächsischen und lateinamerikanischen Raum, auf die das gegenwärtige Revival gründet, beileibe nicht frei von Missverständnissen.  

  Im Umfeld der sogenannten Postcolonial Studies zum Beispiel führte die Übertragung von Gramscis Sprache und Thematik auf komplett andere Zusammenhänge nicht selten zu einer erkenntnistheoretischen Verzerrung, etwa dann, wenn eine Analogie zwischen der in den »Gefängnisheften« aufgeworfenen »süditalienischen Frage« und den globalen Unterwerfungsverhältnissen zwischen Süd und Nord nach dem Ende des europäischen Kolonialismus behauptet wurde (man denke da vor allem an Stuart Hall). Derart erscheint Gramsci weniger als Kritiker der Widersprüche der kapitalistischen Modernisierung denn vielmehr als Kritiker der Moderne schlechthin. Oder aber als Gegenspieler einer universalistischen Tendenz, die das westliche Denken – etwa bei Hegel und Marx als Theoretikern des Kolonialexpansionismus! – dahin gebracht habe, der gesamten Welt die eigenen Interessen und den eigenen Standpunkt aufzunötigen, von denen es dann hieß, sie seien mit jenen der gesamten Menschheit identisch. Dies wurde einhellig als Begleitmusik zu imperialistischer Praxis und ihres sozialchauvinistischen Pendants vorgestellt.  

  Genau diese Art des Missverständnisses liegt aber meines Erachtens der gegenwärtigen Beliebtheit gramscianischen Denkens zugrunde. Sie konnte dabei an den überraschenden Erfolg eines Intellektuellen anknüpfen, der schon seit einiger Zeit der Bezugspunkt für zahlreiche kulturelle Strömungen und politische Bewegungen ist, die eine Neudefinition einer neuen globalen Linken anstreben: Ernesto Laclau. Wie ein Blick auf die vorliegende Literatur bestätigt, ist das Gramsci-Revival tatsächlich zu großen Teilen der von Laclau seit Ende der siebziger Jahre besorgten Lesart geschuldet.  

  Dank der von dem argentinischen Philosophen ausgearbeiteten Rekontextualisierung, so wird gesagt, kann Gramsci von den Beschränkungen seiner Zeit befreit und als wahre Inspirationsquelle für eine radikale Transformation des politischen Handelns betrachtet werden. Eine Transformation, in deren Folge die gesellschaftlichen Konflikte und Antagonismen ihre Formen wandelten und auf die Höhe der Probleme des 21. 

Jahrhunderts gehievt würden. Die »hegemoniale Praxis«, also eine nach der gramscianischen Konzeption der Hegemonie gestaltete Politik, wird von Laclau als ein Motor zur »Konstruktion des Volkes« bestimmt; bzw. zur Konstruktion neuer Formen einer flexiblen kollektiven Identität, die gegnerische Subjekte vereinigen sollte, um somit die Lücke zu füllen, die der Verlust eines verschwundenen starren revolutionären Bewusstseins und einer traditionellen (und nunmehr unverständlichen) Symbolik der Arbeiterbewegung hinterlassen habe.  

  Die sozialistische Strategie des 20. Jahrhunderts wird von Laclau auf diese Weise zu einem bestimmten historischen (und damit vergangenen) Moment in einem weitaus komplexeren Kampf um eine radikale Gestalt von Basisdemokratie umgeschrieben. Ein Kampf, der noch immer andauere und weit über das Ziel der Bildung einer kooperativen gesellschaftlichen Produktionsweise hinausgehe, weil er das Wesen der menschlichen Freiheit selbst berühre.  

  Laclaus eigenwillige Lesart   Die wachsende Komplexität der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften bzw. der Welt nach dem Kalten Krieg habe, so erklärte Laclau in einigen wichtigen Texten wie »Hegemonie und radikale Demokratie«, »On populist reason« (»Über populistische Vernunft«) und »Emanzipation und Differenz«, die Geschichtsphilosophie, die der Marxismus von Hegel geerbt hat, definitiv unbrauchbar werden lassen. Diese Geschichtsphilosophie sei zwar bereits auf philosophischem Terrain im 20. Jahrhundert von der Kritik der Metaphysik – von Martin Heidegger hin zu Ludwig Wittgenstein, von Michel Foucault hin zu Jacques Derrida – widerlegt worden, heute aber werde sie auch auf gesellschaftlicher Ebene unbestreitbar dementiert.  

  Denn wo findet die von der Marxschen Theorie der Produktionsweise vorhergesagte gesellschaftliche Polarisierung statt, wenn weltweit allenfalls die Mittelschichten wachsen? Was bleibt von der Unvermeidlichkeit des Sozialismus in einer Epoche, in der ein globalisierter Kapitalismus zu triumphieren scheint, der selbst denjenigen Ländern den Neoliberalismus einpflanzt, die sich zumindest formal auf den Sozialismus berufen? Und wo schließlich ist die Zentralität der Arbeiterklasse noch gegeben, wenn heute die technologischen Innovationen die Notwendigkeit der Handarbeit reduziert haben (eine Arbeit im übrigen, die vor langer Zeit ihr Potential zur Herausbildung von Klassenbewusstsein eingebüßt habe)?  

  Es komme daher darauf an, die Trauer über das Ende einer »historischen Notwendigkeit« zu überwinden – eine Trauer über das Ende der Beruhigung und des Trostes, die in der Vergangenheit jene sozialistische Variante des bürgerlichen Mythos über den zivilen und technisch-wissenschaftlichen Fortschritt auch in ihren Phasen der Niederlage bereitzustellen vermochte.  

  Eine mit Notwendigkeit beseelte Weltgeschichte, die von jener zur universellen Synthese und zur Versöhnung aller Widersprüche, zur Wiedereinsetzung des spezifischen Wesens des Menschen geführt wird, gebe es nicht. Der Wirklichkeit wohne keine Dialektik inne, die in ihrer Bewegung den Keim einer höheren Gesellschaft in sich trägt. Allenfalls eröffne die Geschichte ein unbegrenztes Feld des Möglichen. Und auf diesem Feld seien die historischen Prozesse ganz und gar das Ergebnis der menschlichen Handlungen. Die Praxis sei nicht (auch nicht in letzter Instanz) von irgendeiner tieferen gesellschaftlichen Struktur vorbestimmt, sondern produziere und reproduziere sich fortlaufend innerhalb eines unendlichen Geflechts aus Beziehungen und wechselseitiger Einflussnahme unterschiedlicher Kräfte.  

  Das Funktionieren der gesellschaftlichen Systeme sei, weit davon entfernt, das Resultat einer endogenen Entwicklung der Produktionsweise zu sein, Folge der Fähigkeit derjenigen politischen Akteure, die in jeder historischen Phase die je brennenden gesellschaftlichen Fragen zu stellen und diese zu langen Bedeutungsketten zu schmieden wissen. Daraus ergebe sich eine fundamentale Spaltung der politischen Szene in zwei einander gegenüberstehende Lager. Dieser Vorgang kennt keine privilegierten Momente. Daher kommt dem Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit nach Laclau kein Vorrang gegenüber einer Pluralität von Konflikten zu, die sich öffentlich wie privat zutragen. Und dieser Prozess spielt sich zu großen Teilen in der symbolischen Sphäre ab, bis man den Punkt erreiche, ein »Volk« zu bilden, oder, anders gesagt, eine Front, die sich, quer zu den gesellschaftlichen Klassen stehend, über einen gemeinsamen Namen identifiziert und sich der institutionalisierten Macht gegenüberstellt. 

Diese Front festigt sich um gewisse Losungen herum, mit denen ein Sinn für die Widersprüche des gesellschaftlichen Systems insgesamt ausgebildet werden kann, und schart sich letztlich um einen mit Charisma gesegneten Führer, der die Kommunikation mit den Massen beherrscht. Genau diese Anstrengung, mittels der »Diskurse« die gesellschaftlichen Bedürfnisse und Begehren auszusprechen, konstituiert für Laclau die »Hegemonie«; oder anders gesagt: die politische Fähigkeit, Subjekte zu bilden und Identität zu schaffen.  

  Betrachtet man vor allem das behauptete Primat der Politik gegenüber dem, was in roher und vulgärer Manier »Ökonomie« genannt wird, so lässt sich sagen, dass einige der Positionen, die Laclau einnimmt, durchaus vertretbar sind. Denn tatsächlich bestand die Größe Gramscis in seiner Fähigkeit, entgegen dem Trend vieler Intellektueller seiner Zeit den ökonomistischen Determinismus, der bis dahin den Marxismus gekennzeichnet hatte, hinter sich zu lassen. Nicht zuletzt infolge der Erfahrungen mit Lenin nahm er unter Zuhilfenahme der Begriffe »historischer Materialismus« und »Philosophie der Praxis« dessen vollständige Neudefinition vor. Das hieß, die entscheidende, gänzlich »materielle« Bedeutung der Kultur und des »Überbaus« sowie der Bewusstseinsformen und Weltanschauungen anzuerkennen, die sich, wie Louis Althusser dann erklären wird, in den ideologischen Staatsapparaten verkörperten.  

  Dabei verstand Gramsci die sozialistische Gesellschaft nicht als Abschluss einer Palingenese, die gänzlich mit einer Vergangenheit bricht und Geschichte nur als eine von »Ungeheuern«, als Sündengeschichte der ununterbrochenen Ausbeutung des Menschen durch den Menschen betrachtet. Die sozialistische Gesellschaft war für Gramsci vor allem eine »regulierte Gesellschaft«. Eine Gesellschaft, die die philosophisch-politische Tradition des Bürgertums erben (man denke an die Frage der Beschränkung der Macht und an die formalen Rechte) und sogleich universalisieren würde. 

Eine Gesellschaft, in der Fragen wie der nach der nationalen Identität, dem Staat, den verschiedenen Ausgestaltungen des Marktes und der Rolle der Religion mit historischen und rationalen Begriffen verhandelt werden, ohne die anmaßende Vorstellung zu besitzen, dass der Konflikt gewissermaßen wie von Zauberhand von heute auf morgen verschwinden könne, auf dass dann das Paradies auf Erden herrschte.  

  Letzteres erklärt zu einem guten Teil das Scheitern des Sozialismus im Laufe des 20. Jahrhunderts. Utopistische Elemente und anarchistische Aspirationen waren immer Bestandteil der Praxis der Arbeiterbewegung. Sie war oftmals unfähig, die Balance zwischen der Poesie des revolutionäre Ideals und der Prosa der konkreten Politik zu halten, mit all den Widersprüchen, die das mit sich brachte. Das Erbe Hegels und dessen Historizismus ermöglichten es Gramsci dagegen, einer mechanistischen Version des alten Marxismus der Zweiten Internationale eine Absage zu erteilen und einen modernen Marxismus auszubilden, der den deutschen Idealismus wie alle anderen Höhepunkte der westlichen Kultur in sich aufzunehmen vermochte. Gramsci stattete den Marxismus mit einem Realitätssinn aus und entwickelte daraus sein Konzept der »Hegemonie«, das in Ansätzen bereits bei Lenin präsent ist. »Hegemonie« ist der Primat der Politik gegenüber jedem ökonomistischen Determinismus und die Fähigkeit, einen Konsens jenseits der engen »korporativen« Beschränkungen einer ökonomischen Klasse zu erzielen. Dabei blieb ein Begriff von »Totalität« gewahrt, den nur das dialektische Denken entwickeln kann.  

  Ganz im Gegensatz dazu besteht für Laclau das Verdienst Gramscis darin, die Voraussetzungen für einen Austritt des Marxismus aus dem Flussbett der dialektischen Tradition geschaffen zu haben, bzw. aus der modernen Metaphysik, von der der Marxismus substantielle Anleihen genommen habe. 

Genau davon müsse sich der »Postmarxismus« des 21. Jahrhunderts befreien, da es sich seiner Meinung nach um einen »Essentialismus« handelt, der leicht zu einem dogmatischen Fundamentalismus gerate: Das Bedürfnis nach einem letzten »Grund« reduziere die Pluralität der Gesellschaft ad unum und begründe ein ontologisches Erklärungsprinzip der Geschichte, das Gleichheit auf Kosten von Freiheit und Demokratie realisiere. Und da das erste und letzte Prinzip des Marxismus, von dem man sich zu befreien habe, die Idee von der Zentralität des Klassenkonflikts sei, gerät ihm sein Hegemoniekonzept zu einer Sache, die von Gramscis Hegemoniebegriff grundlegend abweicht. Laclau ist, so lässt sich sagen, weniger ein Interpret als vielmehr ein Kritiker Gramscis.  

  Eingehegt in das Terrain der postmodernen Wende, die Laclau mitgetragen und als große Möglichkeit der intellektuellen Befreiung und der pluralistischen Entwicklung der Demokratie betrachtet hat, wird aus der gramscianischen Hegemonie etwas, das dem sehr ähnlich ist, was Gianni Vattimo »schwaches Denken« (im Gegensatz zu »starkem Denken«) genannt hat. Sie wird, anders gesagt, »Hermeneutik«, Interpretation, Fähigkeit, mittels diskursiver Propagandaoperationen Einfluss zu erlangen und auszuüben, die denjenigen nicht unähnlich sind, die von der Gesellschaft des Spektakels tagtäglich vermöge der Massenkommunikationsmittel in Szene gesetzt werden. Dies ist eine merkwürdige »Hegemonie«, die sich im übrigen gänzlich in der Sphäre der Ideologie abspielt und von jedweder Objektivität abgekoppelt ist.  

  Antikapitalistisch, nicht antimodern   Das ist beileibe nicht die Hegemonie, die Gramsci im Sinn hatte. Die nämlich erwächst aus der rationalen Ausarbeitung eines präzisen politischen Programms, dessen wissenschaftlicher Gehalt in den objektiven Widersprüchen der kapitalistischen Welt wurzelt. Ferner lässt sich sagen, und dies steht ebenfalls im Gegensatz zu dem, was Gramsci beabsichtigt hatte, dass es, ausgehend von den epistemologischen Grundlegungen, wie Laclau sie skizziert hat, für eine heutige Linke weder möglich noch erstrebenswert ist, stabile politische Identitäten auszubilden, die in der Lage wären, fortdauernd die gesellschaftlichen Konflikte auszufechten. Möglich und erstrebenswert seien einzig weiche und prekäre Identitäten, die einem steten Positionswechsel unterworfen seien. Die gegenwärtige Wiederentdeckung des gramscianischen Denkens, betrachtet durch die Brille Laclaus, scheitert an ihren unüberwindbaren Schranken und ist schlichtweg nicht gleichbedeutend mit einem neuerwachten Interesse am Marxismus.  

  Der »linke Postmodernismus«, wie Laclau ihn anbietet, ist eine Anschauungsweise, die heute zumindest in ihren philosophisch-politischen Grundzügen von den überwiegenden Strömungen des kritischen Denkens weltweit geteilt wird. Er kann gleichwohl verstehen helfen, wie sich eine gegenwärtig relevantere, aber auch gefährlichere ideologische Tendenz begründet.  

  Ergibt die Unterscheidung zwischen links und rechts überhaupt noch Sinn? Und beweisen Phänomene wie die kapitalistische Globalisierung und die Schaffung einer von den Trusts und Banken angeführten monetaristischen Europäischen Union nicht etwa, dass die Rechte wie die Linke von den gleichen neoliberalen Axiomen ausgehen? Beweisen sie nicht, dass heute der wahre Konflikt zwischen dem Neoliberalismus auf der einen und allen Formen des Widerstands auf der anderen Seite, die sich ihm unabhängig von aller früheren ideologischen Zugehörigkeit entgegenstellen, ausgetragen wird? Diese Diskussion ist alles andere als neu, man denke da an den französischen Vordenker der Neuen Rechten, Alain de Benoist. Aber man vernimmt sie immer häufiger. Und es will scheinen, dass sie heute stärkeres Gehör findet als in der Vergangenheit, als gefestigte Massenorganisationen die Verbreitung solcher Positionen zu verhindern wussten. Warum geschieht all dies?  

  Die Krise des Marxismus im Westen und das Unvermögen, erneut Bewusstseins- und Identitätsformen auszubilden, die das Universelle zu denken und ein Minimum an Sinn und Kohärenz auf der Ebene des politischen Handelns zu stiften vermögen, hat erhebliche Teile der Intellektuellen anfällig gemacht für ideologische Angebote, die in ihrer Gegnerschaft zum Neoliberalismus, zu postmodernen Denk- und Verhaltensmustern und zu jenem Kulturrelativismus, der sich in der individualistischen Gesellschaft dem Konsum absolut ausliefert, als besonders radikal erscheinen. Die kulturelle Schwäche der Linken und deren Sympathien für die »Gesellschaft des Spektakels« (nach Guy Debord) – Charakteristika, die das missverständliche, von Laclau »foucaultisch« gewendete Hegemoniekonzept Gramscis begünstigt haben – bewirkten eine Aufhebung des Gleichgewichts zwischen der Kritik an der Moderne in ihren kapitalistischen und vorherrschenden Ausprägungen und der Anerkennung derselben Moderne in ihrer Gestalt als bewusster, kollektiver und organisierter Emanzipationsprozess.  

  Der Marxismus hat es in seinem Bemühen, die Widersprüche der Wirklichkeit kritisch und wissenschaftlich zu fassen, bisher verstanden, antikapitalistisch, nicht aber zugleich antimodern zu sein. Der postmoderne und ultrakapitalistische Turn der zeitgenössischen Linken hat dagegen bei einem Teil der Intellektuellen zu einer regressiven Reaktion geführt. Die mit ihr verbundene Haltung nehmen vor allem die jüngeren Generationen ein. 

Sie schämt sich in ihrem Antagonismus gegen die unerträglichsten Ausformungen des Neoliberalismus nicht, sich der Faszination der Stärke hinzugeben, den Werten der Tradition zu huldigen und sich nach einer regressiven Utopie beschränkter nationaler oder lokaler Gemeinschaft zu sehnen, die frei von Konflikten ist. Man macht sich damit typische Merkmale eines feudalen und kleinbürgerlichen Sozialismus zu eigen, den bereits Marx und Engels im »Kommunistischen Manifest« vorbeugend angeprangert hatten.  

  Seit neuestem werden unter dem Vorzeichen einer »Praxis«, die zur »Tat« werden müsse, und unter Berufung auf die angebliche Obsoleszenz der Kategorien rechts und links sowie die vermeintliche Notwendigkeit einer gemeinsamen Front gegen die liberale Gesellschaft die Namen Gramsci und Giovanni Gentile in einem Atemzug genannt. Letzterer war, wohlgemerkt, der wichtigste Theoretiker jenes faschistischen Regimes, das ersteren eingekerkert und seinen Tod zu verantworten hat.  

  Die Niederlage der kommunistischen Bewegung am Ende des 20. Jahrhunderts war auch eine kulturelle Niederlage. Lange hat sich die Linke während der Jahrzehnte, die dem Ende des Kalten Krieges vorangingen, ihre Sprache und ihr Denken vom Gegner diktieren lassen. Sie geriet gar zum wahrhaftigen Laboratorium jener postmodernen Wende, die in der Kunst und in den Geisteswissenschaften den monotonen Takt des Neoliberalismus mit ihrem phantasmagorischen Spektakel der Zerstörung der »großen Erzählungen« (Jean-François Lyotard) und damit jedweden Anspruchs auf das Universelle und auf Gesellschaftsveränderung zum Schwingen gebracht hat. Der bedauerliche Zustand, in dem sich infolgedessen heute große Teile der Linken befinden – das Schweigen zu den entscheidenden Fragen unserer Zeit, zuvorderst zum permanenten Kriegszustand, in dem wir leben –, hat allgemein zur Folge, dass die Intellektuellen heute anfälliger sind als in der Vergangenheit und mit größerer Leichtigkeit von der Rechten vereinnahmt werden können.  

  Unter Berücksichtigung dieses Gesichtspunkts kann die Verbreitung des Denkens von Gramsci betrüblicherweise für sich genommen nichts garantieren. Immerhin heißt es, dass das kritische Denken im generationellen Übergang stets aufs neue zurückerobert werden muss. Davon ausgehend muss sich jede Generation den Sinn der Lehren Gramscis neu aneignen. Und ohne seine Ausarbeitungen zur »Hegemonie«, aber auch zur »passiven Revolution« oder zum »Transformismus« wird es kaum möglich sein, das »Große, Schreckliche und Komplizierte« an jener Welt zu begreifen, der wir gegenüberstehen.  

 

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Kompromiss und Zugeständnis  

Vor 90 Jahren fand der III. Parteitag der Italienischen Kommunistischen Partei statt. Dort wurden die Bündniskonzeptionen Gramscis beschlossen  

Gerhard Feldbauer 

In: junge Welt online vom 23.01.2016 

 

 Im Kampf der italienischen Kommunisten gegen den Faschismus leitete der III. Parteitag der Italienischen Kommunistischen Partei (IKP) die Wende ein. Mit dem »Marsch auf Rom« war im Oktober 1922 der Diktator Benito Mussolini an die Macht gekommen. Die IKP hatte also bereits unter den Bedingungen der faschistischen Herrschaft gearbeitet, als sie von 20. bis 26. Januar 1926 illegal im französischen Lyon tagte. 90,8 Prozent der Delegierten verabschiedeten die von Antonio Gramsci ausgearbeiteten »Thesen von Lyon« als Parteiprogramm. Sie bestätigte Gramsci zudem als Nachfolger des Generalsekretärs Amadeo Bordiga.  

  Bei der Gründung der IKP am 21. Januar 1921 war kein Programm beschlossen worden, da man die Trennung von den Sozialisten nicht geplant hatte. Antonio Gramsci hatte zunächst versucht, mit der kommunistischen Gruppe Ordine Nuovo (Neue Ordnung) und ihrer gleichnamigen Zeitschrift in der Italienischen Sozialistischen Partei (ISP) den Reformismus zu überwinden. Ziel war, die ISP zu erneuern, um sie in eine »Partei des revolutionären Proletariats« umzuwandeln.  

  Die Gruppe bekannte sich zur Oktoberrevolution und zur Kommunistischen Internationalen (Komintern). Sie verlangte den Beitritt der ISP zu dieser. 

Als die ISP im Oktober 1919 in Bologna ihren Parteitag abhielt, setzte der Ordine Nuovo seine Forderungen weitgehend im dort beschlossenen Programm durch. Vom 15. bis 21. Januar 1921 trat die Sozialdemokratie abermals zusammen, diesmal in Livorno. Dort suchten die Anhänger der Gruppe um Gramsci, genannt Ordinovisten, eine Übereinkunft mit den Zentristen der Partei. Sie strebten dabei eine weitere Vertiefung des Programms von Bologna an. Die Zentristen vertraten 98.028 Mitglieder, Ordine Nuovo 58.783, die Reformisten 14.695.  

  Der Führer der Zentristen, Giacinto Menotti Serrati, hatte sich vor dem Parteitag für »die Trennung von den Opportunisten« ausgesprochen. Der Ausschluss der Reformisten wurde jedoch abgelehnt. Angeblich, um die Einheit der Partei zu wahren. Daraufhin verließen die Ordinovisten den Parteitag und gründeten am 21. Januar die Kommunistische Partei. Zum Generalsekretär wählten sie Amadeo Bordiga.  

  Die IKP hielt im März 1922 ihren II. Parteitag ab. Ein Programm kam hier nicht zustande, es bestanden zu große Meinungsverschiedenheiten bei der Einschätzung der faschistischen Gefahr. Bordiga meinte, die Bourgeoisie wünsche keine Änderung ihres politischen Systems und werde »den Parlamentarismus verteidigen«. Gramsci dagegen schätzte den Faschismus als eine »degenerierte Kraft der Bourgeoisie« ein, als eine »bewaffnete Garantie des Klassenstaates« und als »Phänomen der bourgeoisen Reaktion«. Er warnte vor einem »Staatsstreich der Faschisten«.  

  Ende 1923 kehrte Gramsci aus Moskau zurück, wo er seit 1922 Vertreter der IKP im Exekutivkomitee der Komintern war. Früh erarbeitete er eine Analyse des Faschismus – und die für den Sturz dieser Terrorherrschaft erforderliche Bündniskonzeption. Damit erwies er sich als »ein kommunistischer Führer ersten Ranges«, schrieb der italienische Philosoph Domenico Losurdo in seinem Buch »Der Marxismus Antonio Gramscis«. Die Kommunistische Internationale jedenfalls kam erst Jahre später, auf ihrem VII. Weltkongress 1935, zu einer angemessenen Analyse des Faschismus.  

  Gramsci zeigte die Widersprüche innerhalb der herrschenden Kreise auf. 

In den beiden Büchern »Probleme di Storia del PCI« (Rom, 1971) und »La Formazione del Gruppo dirigente del PCI« (Rom, 1962) finden sich zahlreiche Zitate Gramscis, die dessen Konzeption aufzeigen. So definierte er den Faschismus als »Instrument einer Industrie-Agrar-Oligarchie«, die in ihren Händen »die Kontrolle des gesamten Reichtums des Landes« konzentriert. Die herrschende Klasse besitze »in den kapitalistisch hochentwickelten Ländern politische und organisatorische Reserven, die sie z.B. in Russland nicht hatte«. Das bedeute, dass »auch schwerste Wirtschaftskrisen keine unmittelbare Rückwirkung auf das politische Leben haben, sondern die Politik immer eine Verspätung, eine große Verspätung gegenüber der ökonomischen Entwicklung aufweist«.  

  Diese Situation erfordere »von der revolutionären Partei eine sehr viel komplexere Strategie und Taktik, die weit von der entfernt ist, die für die Bolschewiki zwischen März und November 1917 notwendig war«. Nach dem Machtantritt des Faschismus stehe die proletarische Revolution zunächst nicht mehr auf der Tagesordnung. Die Arbeiterklasse müsse ihre »politische Hegemonie« auf der Grundlage der Freiwilligkeit und Überzeugung erringen. Masseneinfluss setze voraus, dass sie ihr Sektierertum überwinde. Auch müsse sie die Eigenständigkeit der Bündnispartner respektieren. Gramsci verband den Kampf für den Sozialismus mit der Verteidigung bzw. der Eroberung der Demokratie.  

  Den Kern der Bündnispolitik Gramscis bildete seine These vom »historischen Block«, die er später aus dem Kerker heraus vervollständigte. »In keinem Land ist das Proletariat in der Lage, allein die Macht zu erobern und aus eigener Kraft zu behaupten. Es muss sich also Verbündete schaffen, das heißt, es muss eine solche Politik betreiben, die es ihm erlaubt, sich an die Spitze der anderen Klassen, die antikapitalistische Interessen haben, zu stellen, und sie in den Kampf zum Sturz der bürgerlichen Gesellschaft führen«. Ausgehend vom Bündnis der Arbeiter und Bauern entwarf er ein System von Bündnissen der Arbeiterklasse mit den Mittelschichten und der Intelligenz, in dem er dem Zusammengehen mit den katholischen Volksmassen einen hohen Stellenwert beimaß. Er ging von Lenins Hinweisen für die italienischen Kommunisten auf dem III. Kongress der Komintern aus: Die Partei müsse im revolutionären Kampf »die Massen« gewinnen.  

  Gramsci hielt fest, dass die bürgerlichen Bündnispartner des »historischen Blocks« eigene politische Ziele verfolgen. Seitens der IKP erfordere das Zugeständnisse. In seinen Gefängnisheften präzisierte er später, es müsse es sich um einen »ausgeglichenen Kompromiss« handeln, bei dem die Zugeständnisse der IKP »nicht das Wesentliche«, nämlich »die ökonomischen Aktivitäten der führenden Kraft«, betreffen dürften. Darunter verstand er die Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaft und die Errichtung einer sozialistischen Ordnung.  

 

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