Das Reich der Freiheit  

Vorabdruck. 500 Jahre »Utopia« von Thomas Morus – eine Würdigung aus ökonomischem Blickwinkel  

Holger Wendt 

In: junge Welt online vom 09.11.2015 

 

In dieser Woche erscheint ein neues Heft der Marxistischen Blätter. Im Schwerpunkt geht es um den frühen utopischen Sozialisten Thomas Morus (1478–1535). Im Sommer 1515 erfand er in Antwerpen auf einer Reise in diplomatischen Diensten des englischen Königs Heinrich der VIII. eine Geschichte über Menschen auf einer Insel namens »Utopia«, die ihre soziale Ordnung selbst, also ohne aufgezwungene Herrschaftsstruktur, gestalteten. Wieder zurück in England schrieb er einen zweiten Teil, welcher der phantastischen Erzählung vorausgestellt wurde. In ihm wird die bestehende englische Gesellschaft scharf kritisiert. Der niederländische Humanist Erasmus von Rotterdam gab 1516 in Leuven beide Teile unter dem Titel »Utopia – Von der besten Staatsverfassung und von der neuen Insel Utopia, ein wahrhaft goldenes Büchlein« heraus. jW veröffentlicht die leicht gekürzte Fassung des Eröffnungsbeitrags zum Heftschwerpunkt von Holger Wendt. Der Wirtschaftswissenschaftler lebt im Ruhrgebiet. 

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Der Roman »Utopia« feiert runden Geburtstag. 1515 verfasste Thomas Morus das »zweite« Buch des wahrhaft goldenen Büchleins, im Jahr danach das »erste«. (…) Diejenigen (…), die auf ein Ende der endlosen Greuel der kapitalistischen Epoche hoffen, haben allen Anlass, einen Denker zu ehren, der ihren Ursachen schon in ersten Anfangsstadien auf die Spur kam. Von rechts bis links hält sich das Vorurteil, Morus hätte einen Idealstaat konstruiert, der, je nach Blickwinkel des Betrachters, totalitär, genial, humorvoll oder verschroben sei, der aber wenig bis nichts mit der gesellschaftlichen Realität seiner oder irgendeiner anderen Epoche zu tun habe – ein Traumbild. Der bürgerlich-konservative Ökonom Joachim Starbatty schreibt: »Die ›Utopia‹ ist des Thomas Morus Wachtraum vom idealen Staat. […] ›Utopia‹ heißt – wörtlich aus dem Griechischen übersetzt – ›Nirgendland‹. Schon diese Namensgebung charakterisiert das Imaginäre, das Traumhafte des idealen Staates.«¹ 

Morus’ Zeitgenossen hatten eine gänzlich andere Sichtweise. Die Schilderung der Insel Utopia galt keineswegs als bloß traumhaft oder hoffnungslos unrealistisch. Ganz im Gegenteil, der mit Thomas Morus verbundene Kreis humanistischer Intellektueller schätzte den analytischen Gehalt des Buches. (Der Mäzen und Humanist, jW) Jeroen van Busleyden würdigte Morus als praktischen Denker, empfahl die utopische Verfassung als nützlich und nachahmenswert. Erasmus von Rotterdam schrieb in einem Brief an Ulrich von Hutten, Morus habe »Utopia« veröffentlicht, um die Ursachen der Missstände der Gemeinwesen aufzuzeigen; dabei hätte er insbesondere die englischen Verhältnisse im Blick gehabt, die er so durch und durch kenne und verstehe. Und noch mehr als ein Jahrhundert später, zur Zeit der englischen Revolution, urteilte der junge William Petty – Ökonom, Naturwissenschaftler und Philosoph, Morus’ »Utopia« sei ein exzellentes Buch, das leicht in die Praxis umzusetzen sei. 

Die Bücher der »Utopia«Das erste Buch der »Utopia«, das die Rahmenhandlung für die eigentliche Utopie bildet, schildert eine fiktive Begegnung auf einer wirklichen Reise nach Flandern, die der Autor als Diplomat in königlichen Diensten unternommen hatte: Thomas Morus macht (in seinem Roman, jW) Bekanntschaft mit dem Weltreisenden Raphael Hythlodeus. 

Kernstück des Textes ist die Wiedergabe einer Auseinandersetzung, die Morus’ erdachter Gesprächspartner im Hause des Erzbischofs von Canterbury und späteren Lordkanzlers John Morton geführt haben will. 

Während der Morus des Romans Massenhinrichtungen als probates Mittel gegen Diebstahl rühmt, führt Hythlodeus/Morus die Zunahme der Verbrechen auf die sich ausweitende Armut und soziale Entwurzelung breiter Bevölkerungsschichten zurück. Raphael erörtert sozioökonomische Prozesse, die zu einer massenhaften Verelendung von Menschen führten, die vormals in feudalen Strukturen ein geachtetes und gesichertes Leben führen konnten. Zum einen büßen Angehörige des Dienstpersonals und des Kleinadels im Zuge der Auflösung feudaler Gefolgschaft ihre gesicherte Lebensgrundlage ein, zum anderen verlieren Bauern im Zuge der Verdrängung traditioneller subsistenzorientierter Landwirtschaft durch eine gewinnorientierte Warenproduktion Land und soziale Existenz. 

Die massenhafte Aufzucht von Schafen, deren Wolle der expandierenden Textilindustrie den Rohstoff liefert, wirkt zerstörerisch. »Eigentlich gelten sie [die Schafe] als recht zahm und genügsam; jetzt aber haben sie, wie man hört, auf einmal angefangen, so gefräßig und wild zu werden, dass sie sogar Menschen fressen, Länder, Häuser, Städte verwüsten und entvölkern. Überall da nämlich, wo in eurem Reiche die besonders feine und darum teure Wolle gezüchtet wird, da lassen es sich die Edelleute und Standespersonen und manchmal sogar Äbte, heilige Männer, nicht mehr genügen an den Erträgnissen und Renten, die ihren Vorgängern herkömmlich aus ihren Besitzungen zuwuchsen; nicht genug damit, dass sie faul und üppig dahinleben, der Allgemeinheit nichts nutzen, eher schaden, so nehmen sie auch noch das schöne Ackerland weg, zäunen alles als Weiden ein, reißen die Häuser nieder, zerstören die Dörfer, lassen nur die Kirche als Schafstall stehen und – gerade als ob bei euch die Wildgehege und Parkanlagen nicht schon genug Schaden stifteten! – verwandeln diese trefflichen Leute alle Siedlungen und alles angebaute Land in Einöden.«² 

Beide als Ursachen der Armut ausgemachten Prozesse stehen in Verbindung mit der Verdrängung von gebrauchswertorientierten Formen der Produktion respektive der Ausweitung der Warenwirtschaft. Diese Entwicklung, die durch die brachiale Modernisierungspolitik Heinrichs VIII. verstärkt wurde, führte im 16. Jahrhundert zu einem explosionsartigen Anstieg des Elends. 

Morus erkannte die zerstörerische Kraft, die die entfesselte Dynamik einer an Geld und Gewinn orientierten Wirtschaftsweise entfalten musste. Durch den Mund von Hythlodeus resümierte er die historische Erfahrung: »Freilich, mein lieber Morus, wenn ich dir meine letzte Überzeugung offen sagen soll, so dünkt mich in der Tat: Wo es noch Privatbesitz gibt, wo alle Menschen alle Werte am Maßstab des Geldes messen, da wird es kaum jemals möglich sein, eine gerechte und glückliche Politik zu treiben. Du müsstest es denn für einen gerechten Zustand halten, wenn immer der beste Teil den Schlechtesten zufällt, oder für ein Glück, wenn aller Besitz unter ganz wenige verteilt wird, und auch die nicht einmal in jeder Hinsicht gut daran sind, die anderen aber vollends im Elend stecken.« 

Morus’ Kritik an der englischen Gesellschaft kann durchaus konservativ gelesen werden. Beklagt werden das Überhandnehmen der Geldwirtschaft und die Zerstörung traditioneller Formen der Produktion, die der Masse der Bevölkerung eine ausreichende Versorgung und ein würdevolles Leben gesichert hatten. Die rücksichtslose Gier der Oberschichten wird verantwortlich gemacht für die Zerstörung einer einstmals funktionierenden Ordnung. Dennoch läuft Morus’ Schrift nicht auf die Verherrlichung verflossener bzw. verfließender feudaler Strukturen hinaus. 

Als zentrale Figur des europäischen Humanismus ist er nicht nur ein scharfer Kritiker des aufkommenden Kapitalismus, sondern zugleich Gegner überkommener Verhältnisse, die mit der Antike konfrontiert als defizitär und als tragischer Rückfall hinter einen einstmals bereits erreichten hohen Stand an philosophischer Weisheit, politischer Ordnung und Kultur erscheinen. Die Orientierung an der Antike ist im Kontext humanistischer Literatur weniger wehmütige Erinnerung an ein verlorenes goldenes Zeitalter, die Antike ist lehrreiches Beispiel für eine bessere Zukunft. 

Eine Zukunft, die in Morus’ Vorstellung nicht nur die Herrschaft einer parasitären Feudalaristokratie hinter sich lässt, sondern auch die erst aufkeimende Herrschaft einer entfesselten Geld- und Warenwirtschaft. 

Im bereits 1515 verfassten »zweiten« Buch der »Utopia« findet sich die Beschreibung jener fernen Insel, auf der das gesellschaftliche Leben so viel vernünftiger organisiert ist als im zeitgenössischen Europa. Die Tatsache, dass Morus seine Vorstellungen in der Form eines Reiseberichtes vortrug, sollte nicht trügen: Utopia liegt mitnichten in der neuen Welt. 

Bei genauem Hinsehen entpuppt sich das Land Nirgendwo als ein reformiertes England, dessen Hauptstadt Amaurotum am Flusse Anydrus als die Nebelstadt London am Ufer der Themse. Die gesellschaftlichen Strukturen Utopias sind weitgehend demokratisch organisiert, für eine Adelskaste ist kein Platz. 

Staatliche Funktionsträger werden vom Volk gewählt, auch Frauen sind wählbar. Der Reichtum ist gleich unter alle Angehörigen des Gemeinwesens verteilt, es herrscht eine allgemeine Arbeitspflicht, die nur wenige Ausnahmen kennt. Es herrscht weitestgehende Freiheit in Glaubensfragen, sogar polytheistische Vorstellungen werden toleriert, lediglich Atheismus ist verboten. 

Auch im »zweiten Buch« der »Utopia« nehmen ökonomische Fragestellungen großen Raum ein. Die Darstellung der Funktionsweise des utopischen Wirtschaftssystems geht der Beschreibung der politischen, religiösen und philosophischen Verhältnisse voraus, bildet ihre Grundlage. Die Qualität dieser Ausführungen wird weithin verkannt. Während Thomas Morus als Politiker, Schriftsteller, Philosoph, Staatstheoretiker und Theologe allgemein gewürdigt wird, er als herausragende Persönlichkeit zum Stammpersonal der Geschichtsbücher zählt, wird er als Ökonom ignoriert. 

In der Mehrzahl der Darstellungen ökonomischer Theoriegeschichte fehlt sein Name völlig. Hier widerfährt ihm großes Unrecht; die Bücher der »Utopia« beinhalten ökonomisches Gedankengut, das weit über den Erkenntnisstand seiner Zeit hinausweist. 

 ÖkonomDie im 16. Jahrhundert hegemoniale – erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von der ökonomischen Klassik (Adam Smith, David Ricardo, Jean-Baptiste Say, Thomas Malthus, John Stuart Mill, jW) überwundene – monetaristische bzw. später merkantilistische Vorstellung, der Reichtum der Nationen bestünde in der Masse des von ihren Fürsten oder Bürgern angehäuften Edelmetalls, wird von Morus konsequent demontiert. Das Streben nach Gold und Silber, Kernelement des Wirtschaftsdenkens seiner Epoche, erscheint als lachhafte Torheit. Die Utopier verwenden Gold zur Herstellung von Nachtgeschirren, Kinderspielzeug oder Sklavenketten. 

Der Reichtum der utopischen Gesellschaft besteht aus konkret-nützlichen Dingen, aus Kleidung, Nahrung, Wohnraum etc. Angelpunkt und zentrale theoretische Errungenschaft der ökonomischen Auffassungen Morus’ bildet die systematische Betrachtung nützlicher Güter als Produkte menschlicher Arbeit. Utopia ist ein sehr fruchtbares Land, aber es ist kein Schlaraffenland. Wir befinden uns nicht im Bereich mythischer Südseeinseln, auf denen glückliche Wilde nur die Hand auszustrecken brauchen, um all ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Utopia ist ein literarisch verfremdetes England, hier wie dort ist es die menschliche Arbeit, die der Natur ihren Reichtum erst abringen muss. 

Wenn die jährliche Arbeit eines Volkes die Quelle ist, aus der es ursprünglich mit allen notwendigen und angenehmen Dingen des Lebens versorgt wird, und in diesem Punkt stimmen Thomas Morus und Adam Smith überein, dann muss der Teil der Bevölkerung, der nicht produktiv tätig ist, vom produktiven Teil mitversorgt werden. Die Unterscheidung zwischen produktiven und unproduktiven Bevölkerungsteilen führt in der Konsequenz zur Idee des Mehrprodukts. Schon bei Morus wird diese Konsequenz klar gesehen. Am Ende des »zweiten« Buches, gewissermaßen als Resümee des zuvor Gesagten, lässt Morus seinen Raphael ausführen: »Denn was ist das für eine Gerechtigkeit, dass jeder beliebige Edelmann oder Goldschmied oder Wucherer oder sonst irgendeiner von der Menschenklasse, die überhaupt nichts leistet oder wenigstens eine Beschäftigung treibt, die für den Staat nicht dringend nötig ist, dass der ein üppiges und glänzendes Leben führen darf aus einem Erwerb, den ihm sein Nichtstun oder sein überflüssiges Geschäft einbringt, während gleichzeitig der Tagelöhner, der Fuhrmann, der Schmied, der Bauer mit aller seiner harten und beständigen Arbeit, wie sie kein Zugtier aushalten würde, die so dringend nötig ist, dass ohne sie die Gesellschaft nicht ein Jahr auskommen könnte, sich doch nur ein so knappes Auskommen verdient, ein so erbärmliches Leben führen muss, dass einem die Lage der Zugochsen weit besser erscheinen könnte.« 

Dieser ungerechte Zustand ist überwindbar: »Aber wenn alle die vielen, deren Arbeitskraft jetzt auf brotlose Gewerbe verzettelt ist, und wenn obendrein der Schwarm von Tagedieben, die jetzt in Nichtstun und Langeweile erschlaffen – und von denen jeder einzelne so viel von den Dingen verbraucht, die aus dem Schweiße anderer Leute beschafft werden müssen, wie zwei, die daran arbeiten – wenn also diese alle miteinander zur Arbeit, und zwar zu nützlicher Arbeit angestellt würden: da solltest du einmal sehen, wie wenig Zeit noch reichlich, ja überflüssig genügen würde, um alles das zu beschaffen, was notwendig oder nützlich ist zum Leben.« 

Die ArbeitsmengeAuch die utopische Gesellschaft benötigt Menschen, die von der materiellen Produktion freigestellt sind, ihre gesamte Zeit auf andere Dinge verwenden können. Einige besonders talentierte Männer und Frauen dürfen sich wissenschaftlichen Studien ganz widmen – einer Beschäftigung, die Morus offensichtlich nicht als produktive Arbeit betrachtet. Die staatlichen Funktionsträger und die Priester werden aus diesem Kreis rekrutiert. Diese Menschen sind nützlich, nicht aber produktiv und müssen von den anderen unterhalten werden. Ihre Zahl ist daher so klein wie möglich zu halten: »Denn dort gibt es in einer ganzen Stadt einschließlich ihrer nächsten Umgebung aus der ganzen Zahl der nach Alter und Körperkräften zur Arbeit tauglichen Männer und Frauen kaum fünfhundert, die davon [von der Arbeit] befreit sind.« 

Zur qualitativen Bestimmung der Arbeit als notwendiger Bedingung für die Herstellung nützlicher Dinge tritt ein quantitatives Moment: die Arbeitsmenge bzw. Arbeitszeit. Die Berücksichtigung der zeitlichen Dimension von Arbeit und ihre Messung in Stunden ist ein systematisch durchgehaltenes Motiv der ökonomischen Passagen von »Utopia«. »Weil nämlich die Utopier nur sechs Stunden bei der Arbeit sind, könnte man vielleicht der Meinung sein, es müsse daraus ein Mangel an lebensnotwendigen Arbeitsprodukten entstehen. Weit gefehlt! Im Gegenteil genügt diese Arbeitszeit nicht nur zur Herstellung des nötigen Vorrats an allen Erzeugnissen, die zu den Bedürfnissen oder Annehmlichkeiten des Lebens gehören, sondern es bleibt sogar noch davon übrig.« 

Die Utopier sind zwar mehrheitlich keine Asketen, sie schätzen gutes Essen und niveauvolle Vergnügungen, ihre Bedürfnisse sind aber begrenzt. Daher ist es auch die Arbeitsmenge, die zur Befriedigung dieser Bedürfnisse aufgewendet werden muss. Ziel staatlichen Handelns ist die Herabsetzung der tatsächlichen Arbeitszeit auf das gesellschaftlich notwendige Maß: »Da sie also sämtlich in nützlichen Gewerben tätig sind und in diesen wieder mit weniger Arbeit auskommen, ist es nicht zu verwundern, dass Überfluss an allen Erzeugnissen herrscht und sie von Zeit zu Zeit noch eine gewaltige Menge Arbeiter mit Ausbesserung der öffentlichen Straßen beschäftigen können, wenn sich daran Beschädigungen zeigen, sehr oft aber auch, wenn keinerlei Arbeitsbedarf dieser Art vorliegt, von Staats wegen Herabsetzung der Arbeitszeit verkünden. Denn die Behörden beschäftigen die Bürger nicht gegen ihren Willen mit überflüssiger Arbeit, da die Wirtschaftsverfassung dieses Staates vielmehr in erster Linie das eine Ziel vor Augen hat, soweit es die notwendigen Ansprüche des Staates erlauben, für alle Bürger möglichst viel Zeit frei zu machen von der Knechtschaft des Leibes, für die freie Pflege geistiger Bedürfnisse.« 

Freie Zeit für Familie und KulturHier sind wir an einem Punkt angelangt, der Morus scharf von den späteren Autoren der ökonomischen Klassik trennt. Ehe diese Differenz thematisiert wird, seien jedoch wichtige Übereinstimmungen hervorgehoben. In der nachdrücklichen Betonung der Arbeit als Quelle des gesellschaftlichen Reichtums, in der grundlegenden Unterscheidung produktiver und unproduktiver Bevölkerungsschichten und dementsprechend der Entwicklung des Konzepts »Mehrprodukt« als zentralem Element der Theoriebildung sowie hinsichtlich der Quantifizierung von Arbeitsmengen vermittels der Zeit existieren in der »Utopia« bemerkenswerte Antizipationen (und möglicherweise Quellen) klassischen Gedankengutes. 

Morus’ Zielstellung unterscheidet sich von der ökonomischer Klassiker hingegen fundamental. Der materielle Lebensstandard der Utopier ist hoch, gemessen an dem der arbeitenden Bevölkerung des zeitgenössischen Englands ist er traumhaft, aber er bleibt statisch. Jedes Mitglied der Gesellschaft erhält die Gütermenge, die es vernünftigerweise zu einem guten Leben benötigt. Der Anteil der unproduktiven Gesellschaftsmitglieder wird weitestmöglich eingeschränkt, die Arbeit möglichst gleich verteilt, um die tägliche Arbeitszeit auf ihr zur Gewährleistung dieses – fixen – Standards notwendiges Niveau zu senken. So lässt sich freie Zeit gewinnen für die Pflege von Familienleben, Bildung und Kultur. 

Die bürgerlichen Klassiker, allen voran William Petty, wollten den Anteil der unproduktiven Gesellschaftsmitglieder ebenfalls weitestmöglich einschränken. In schroffem Gegensatz zu Morus fordert Petty aber die Ausweitung der individuellen Arbeitszeiten. Dies ist ihm, neben der konsequenten Förderung wissenschaftlich-technischen Fortschritts, Mittel zur permanenten und prinzipiell schrankenlosen Steigerung des Reichtums der Nation. 

Marx’ Standpunkt kann als Synthese beider Herangehensweisen betrachtet werden: Die Produktivkraftentwicklung bleibt (vielleicht besser: wird) in nachkapitalistischen Gesellschaften Mittel zur schrankenlosen Steigerung der materiellen Versorgung der arbeitenden Menschen. Materieller Wohlstand, befreit von Konsumzwängen und der Irrationalität kapitalistischer Nachfragegenerierung, ist Grundlage der freien Entfaltung des Menschen. 

Zugleich werden Produktivkraftentwicklung und eine rationale Verteilung der Arbeit zum Mittel der Senkung der notwendigen Arbeitszeit. Die Zurückdrängung des Reiches der Notwendigkeit, die Ausweitung des Reiches der Freiheit, ist bei Morus und Marx zentrales Motiv. 

Anmerkungen 

1 Joachim Starbatty: Die »Utopia« des Thomas Morus, in: ORDO, Band 27 (1976), S. 16 

2 Alle »Utopia«-Zitate aus Thomas Morus: Utopia. Aus dem Lateinischen übersetzt von Gerhard Ritter, Reclam Verlag, Stuttgart 2003 

 

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