Strategie gegen Hitler

Im Oktober 1935 suchte die KPD auf der »Brüsseler Konferenz« einen Weg, in Nazideutschland die Initiative zu übernehmen

Jürgen Lloyd

In: junge Welt online vom 17.10.2015

Von 422 Funktionären, die auf zentraler Ebene für die KPD tätig waren, arbeiteten nach zweidreiviertel Jahren faschistischer Herrschaft noch 138.

Dreizehn von ihnen waren in den Grenzen des Deutschen Reichs tätig, 125 emigrierten. Die übrigen waren verhaftet (219) oder ermordet (24) worden, 41 hatten die Partei verlassen. Diese Bilanz zur Lage des eigenen Leitungspersonals zog Wilhelm Pieck, Mitglied des Zentralkomitees, in seinem Referat auf der 4. Parteikonferenz der KPD, die vom 3. bis zum 15.

Oktober 1935 – der ersten nach der Machtübertragung an die Faschisten – in der Nähe von Moskau stattfand. Die Tagung, die aus konspirativen Gründen als »Brüsseler Konferenz« bezeichnet wurde, war die erste einer kommunistischen Partei nach dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (KI), der eineinhalb Monate zuvor ebenfalls in Moskau geendet hatte.

Viele der deutschen Delegierten zum Weltkongress waren in der sowjetischen Hauptstadt geblieben und nahmen nun auch an der KPD-Konferenz teil. Die auf der KI-Tagung erarbeiteten Einsichten für die Arbeit der KPD nutzbar zu machen, war daher auch der wesentliche Inhalt der Referate und Diskussionen der »Brüsseler Konferenz«. Insbesondere ging es dabei um die Einheits- und Volksfrontpolitik, um die Arbeit auch in den faschistischen Massenorganisationen und um die genauere Bestimmung des Verhältnisses der unmittelbaren Ziele – Sturz des faschistischen Regimes und Verhinderung eines Kriegs – zum revolutionären Endziel: Überwindung des Kapitalismus.

Sektiererische FehlerZugleich war es notwendig geworden, ein inneres, organisatorisches Problem der KPD auf dieser Konferenz anzugehen: Nach der Verhaftung von Ernst Thälmann im März 1933 und der Gefangennahme und Ermordung seines Nachfolgers John Schehr durch die Nazis kam es in der KPD-Führung zu Auseinandersetzungen über die weitere Politik. Das wirkte sich desorientierend und lähmend auf die Arbeitsfähigkeit der illegal kämpfenden Partei aus. Im Januar 1935 fasste daher das Politsekretariat des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) einen Beschluss, in der die KPD-Führung verpflichtet wurde, »in den Reihen der ganzen Stufenleiter der Gesamtpartei einen entschlossenen Kampf gegen das Sektierertum und das linke ›Doktrinärtum‹ zu beginnen«. Die konkreten Erscheinungsformen des Übels sollten aufgedeckt werden, und die Partei sollte für die tatsächliche Durchführung der taktischen Linie der KI im Kampf um die breiten Massen mittels Anwendung der Einheitsfronttaktik mobilisieren. Gleichzeitig war die Auseinandersetzung mit den rechten Opportunisten (»Versöhnlern«) zu führen, »die die sektiererischen Fehler führender Parteigenossen zu ihren parteifeindlichen Zwecken ausnützen wollen«. So heißt es in dem Beschluss »Über die sektiererischen Fehler der KPD«. Die Vorbereitung der Parteikonferenz solle dazu genutzt werden, all dies zu überwinden und eine klare Orientierung wieder herzustellen.

Die Parteikonferenz begann mit 34 Delegierten. Weitere KPD-Mitglieder sowie Gäste anderer kommunistischer Parteien und Vertreter der KI ließen die Teilnehmerzahl auf rund 50 Genossinnen und Genossen steigen. Das Hauptreferat mit dem Titel »Erfahrungen und Lehren der deutschen Parteiarbeit im Zusammenhang mit den Beschlüssen des VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale« hielt Pieck. Der Mitbegründer der KPD hatte zuvor auch eines der Referate auf dem VII. Weltkongress gehalten und war dort als Sekretär der KI gewählt worden. Er zeigte zuerst die Themengebiete und Fragen auf, um die es bei der Ausrichtung von Strategie und Taktik der Kommunisten gehen müsse, gab dann eine ausführliche Einschätzung der Lage in Deutschland, um daraus die Konsequenzen für die Orientierung der Parteiarbeit zu ziehen.

Zusammenfassend beschrieb er die Orientierung so: »Die Hauptaufgabe der Kommunistischen Partei besteht bei dieser Perspektive der Zuspitzung des Klassenkampfes und der Verschiebung der Klassenkräfte darin, die Initiative zur Erfassung aller mit dem faschistischen Regime und mit ihrer Lage unzufriedenen Kräfte zu ergreifen und ihre vereinigten Anstrengungen auf ein Ziel zu richten – auf den Sturz der Hitlerdiktatur. Das bedeutet natürlich keineswegs die Zurückstellung des revolutionären Endzieles, das wir uns mit der proletarischen Revolution, mit dem Sturz des kapitalistischen Systems und der Aufrichtung der Sowjetmacht gestellt haben. Wir müssen verstehen, dass die Erreichung dieses Zieles nur durch die Heranführung der Massen an den Kampf um dieses Ziel auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen und der Erkenntnis von der Notwendigkeit dieses Zieles möglich ist.« Die auf dem VII. Weltkongress erarbeitete Strategie beruhte darauf, wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung – deren Ausmaß allerdings falsch eingeschätzt wurde – zu einer Kampffront zu bündeln.

Die Kämpfe sollten so geführt werden, dass sie sich gegen den Klassenfeind und seine Herrschaft richten. Dieser Kampf zum Sturz des Faschismus wurden gleichzeitig als Weg hin zur Überwindung des kapitalistischen Ausbeutersystems verstanden. Diese Strategie etablierte sich in »Brüssel« als Generallinie der Partei.

ÜberzeugungsarbeitWie groß die Schwierigkeiten waren, diese Linie bei den Genossinnen und Genossen durchzusetzen, wird beim Nachlesen der teilweise heftig ausgetragenen Debatten deutlich. Wenn dies dennoch gelang, hatte es wohl damit zu tun, dass allen Delegierten klar war, welche Verantwortung sie für den Kampf in ihrer Heimat hatten.

In der verabschiedeten Resolution der Konferenz formulierten sie: »Der Kampf gegen die Abweichungen von unserer revolutionären Linie, vor allem gegen das in der Partei noch tief eingewurzelte Sektierertum, gegen das Unverständnis für die Notwendigkeit der neuen taktischen Orientierung in unserer Massenarbeit, gegen den Rechtsopportunismus muss mit aller Gründlichkeit und Beharrlichkeit geführt werden. Dabei soll die Methode der kameradschaftlichen Überzeugung und nicht die Methode der Abstoßung von Kräften, die zur Zerreißung und Gefährdung unserer inneren Geschlossenheit führt, angewandt werden. Jedem Genossen, der einen Fehler machte und ihn anerkennt, soll die Gelegenheit gegeben werden, seinen Fehler durch die Arbeit für die Partei zu korrigieren. Schonungslos müssen aber jene bekämpft werden, die hartnäckig an ihren Fehlern festhalten und die Partei zu desorganisieren versuchen.«

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