Ein Vorläufer der Kommunistischen Internationale 

Vor 100 Jahren formierte Lenin die revolutionäre Zimmerwalder Linke  

Von Gerhard Feldbauer | 

In: unsere zeit Ausgabe vom 4. September 2015  

 

Teilnehmerliste (unvollständig) 

Pavel Axelrod (Russland, Menschewiki) • Angelica Balabanova (Italien)•Jan Antonowitsch Bersin (Russland, Lettland) – Zimmerwalder Linke • Julian Borchardt (Deutschland) – Zimmerwalder Linke • Albert Bourderon (Frankreich) • Lew Dawidowitsch Bronstein (Trotzki) • Ernest Graber (Schweiz) • Robert Grimm (Schweiz) • Joseph Herzfeld (Deutschland) • Zeth Höglund (Schweden) – Zimmerwalder Linke • Adolph Hoffmann (Deutschland) • Wassil Kolarow (Bulgarien)•Constantino Lazzari (Italien) • Georg Ledebour (Deutschland) • Pawel Lewinson (Russland, Polnische Sozialisten) • Ernst Meyer (Deutschland) • Julius Martow (Russland, Menschewiki) • Alphonse Merrheim (Frankreich) • Giuseppe Modigliani (Italien) • Oddino Morgari (Italien)•Charles Naine (Schweiz) • Mark Natanson (Russland, Sozialrevolutionäre) • Ture Nerman (Schweden) – Zimmerwalder Linke • Fritz Platten (Schweiz) – Zimmerwalder Linke • Christian Rakovsky (Rumänien) • Henriette Roland Holst (Niederlande) • Karl Radek (Polnische Sozialdemokratie) – Zimmerwalder Linke • Giacinto Serrati (Italien) • Grigori Jewsejewitsch Sinowjew (Russland, Bolschewiki) – Zimmerwalder Linke • Bertha Thalheimer (Deutschland) •Wiktor Michailowitsch Tschernow (Russland, Sozialrevolutionäre) • Wladimir Iljitsch Uljanow (Lenin) (Russland, Bolschewiki) – Zimmerwalder Linke • Ewald Vogtherr (Deutschland) • Adolf Warski (Russland, Polnische Sozialdemokratie) 

Schon kurz nachdem bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges die übergroße Mehrheit der Führungen der sozialistischen bzw. sozialdemokratischen Parteien Europas auf die chauvinistischen Positionen der Vaterlandsverteidigung ihrer Imperialisten überging und damit die II.(Sozialistische) Internationale zusammenbrach, widmete sich Lenin intensiv der Bildung einer neuen internationalen Organisation des Proletariats. 

„Die proletarische Internationale ist nicht untergegangenen und wird nicht untergehen. Die Arbeitermassen werden trotz aller Hindernisse eine neue Internationale schaffen", schrieb er bereits im Oktober 1914 in seiner Schrift „Der Krieg und die russische Sozialdemokratie", die der Schweizer „Sozial-Demokrat" am 1. November veröffentlichte (Lenin, Werke, Bd. 21, S. 20). Schon diese Worte zeugten von der unerschütterlichen Gewissheit des Führers der Bolschewiki, dass die Arbeiterklasse den Verrätern in ihren Reihen Einhalt gebieten werde. 

Auf einer Beratung der Gruppe der Bolschewiki in Bern vom 6. bis zum 8. September 1914 erläuterte Lenin die nächste Aufgabe: „die wahre Bedeutung des Krieges aufzudecken und die von den herrschenden Klassen, den Gutsbesitzern und der Bourgeosie, zur Verteidigung des Krieges verbreiteten Lügen, Sophismen und ‚patriotischen‘ Phrasen schonungslos zu entlarven." Er hob hervor, „die beiden Gruppen der kriegführenden Länder stehen einander hinsichtlich Plünderungen, Grausamkeiten und endlosen Kriegsgreueln durchaus nicht nach." Die Umwandlung des „imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg" bezeichnete er als „die einzige richtige proletarische Losung". 

Am 14. Oktober sprach Lenin auf einer sozialdemokratischen Veranstaltung in Lausanne über „Das Proletariat und der Krieg". „Hat der Krieg erst einmal begonnen, so ist es undenkbar, ihm auszuweichen. Man muss auch da als Sozialist seine Sache tun". Der Korrespondent des Pariser „Golos", der am 25. und 27. Oktober darüber berichtete, hielt fest, dass die Veranstaltung „außerordentlich stark besucht" war (Werke, Bd. 36, S. 282). 

Entschieden setzte Lenin sich mit dem führenden Opportunisten der zweiten Internationale, Karl Kautsky, auseinander. Dieser suchte seinen Chauvinismus durch eine „mittlere", „zentristische" Linie zu tarnen, die er mit internationalistischen Phrasen verdeckte und seine Fraktion als „marxistisches Zentrum" ausgab. Lenin entlarvte das Kautzkyanertum in seiner im Juli•August 1915 verfassten Schrift „Sozialismus und Krieg", die der Verlag des „Sozial-Demokrat" veröffentlichte, als eine „Verbindung von Treue zum Marxismus in Worten und der Unterwerfung unter den Opportunismus in Taten" (Bd. 21, S. 313). Er unterstrich, die Arbeiterklasse könne ihre welthistorische revolutionäre Mission nicht erfüllen ohne rücksichtslosen Kampf gegen „diese beispiellose theoretische Verflachung des Marxismus." 

Im Sommer 1915 sah Lenin die Bedingungen für eine Konferenz der internationalistischen Sozialisten herangereift. Der Tod von Millionen Menschen, die Zerrüttung des Wirtschaftslebens, Streiks, Antikriegsdemonstrationen und Verbrüderungen an den Fronten zeugten vom beginnenden revolutionären Erwachen der Massen. Der Einladung in das Schweizer Dörfchen Zimmerwald folgten 38 Delegierte aus elf Ländern. Auf der viertägigen Beratung (5. bis 8. September) hielt Lenin Reden, unterhielt sich mit den Delegierten und suchte sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, entschlossen gegen den imperialistischen Krieg und gegen den Sozialchauvinismus zu kämpfen. Es kam zu heftigen ideologischen Auseinandersetzungen zwischen der geschlossenen Gruppe der Internationalisten und revolutionären Marxisten unter Führung Lenins und den Kautzkyanern und den mit ihnen Sympathisierenden mit dem deutschen Sozialdemokraten Georg Lebedour an der Spitze. 

Während der Beratungen bildete Lenin die berühmte „Zimmerwalder Linke", die auf den weiteren Verlauf der revolutionären Antikriegsbewegung großen Einfluss nahm. Dank der Hartnäckigkeit Lenins und seiner Anhänger gelang es, in dem von der Konferenz angenommenen Manifest gegen den Widerstand der Mehrheit Grundthesen des revolutionären Marxismus durchzusetzen. Der Aufruf an die Arbeiter und Arbeiterinnen, sich gegen den Krieg zu erheben, endete mit den Worten: „Proletarier aller Länder vereinigt Euch." Obwohl das Manifest an Inkonsequenz litt (es fehlte die These, dass der Imperialismus der Vorabend der sozialistischen Revolution ist), trat Lenin dafür ein, es zu unterschreiben. Der „Sozial-Demokrat", zitierte seine Begründung in der Ausgabe 45•46 vom 11. Oktober 1915: „Es wäre schlechte militärische Taktik, wollte man es ablehnen, gemeinsam mit der wachsenden internationalen Protestbewegung gegen den Sozialchauvinismus zu marschieren, weil sich diese Bewegung langsam entwickelt, weil sie ‚nur‘ einen Schritt vorwärts macht…" („Ein erster Schritt", Bd. 21, S. 394). 

In Zimmerwald bildeten die Linken ein Büro, dessen Leitung Lenin übertragen wurde. Es gab eine Zeitschrift „Vorbote" heraus. Lenin wertete die Konferenz als einen ersten Schritt beim Aufbau einer internationalen Bewegung gegen den Krieg. In seiner Einschätzung „Die revolutionären Marxisten auf der Internationalen sozialistischen Konferenz", die „Der Sozial-Demokrat" veröffentlichte, war für Lenin der Zusammenschluss der revolutionären Sozialisten „eine der wichtigsten Tatsachen und einer der Größten Erfolge der Konferenz" (Bd. 21, S. 396). 

Der Konferenz in Zimmerwald folgt vom 24. Bis 30. April 1916 eine weitere Tagung im Schweizerischen Kienthal, die die Linie des revolutionären Kampfes gegen den Krieg vertiefte. Nach dem Sieg der Oktoberrevolution spielte die Zimmerwalder Linke eine wichtige Rolle bei der Gründung kommunistischer Parteien in ihren Ländern und bei der Bildung der Kommunistischen Internationale 1919. 

___________________ 

 

Lenin: Die revolutionären Marxisten auf der Internationalen Sozialistischen Konferenz vom 5.–8. September 1915 

In: unsere zeit Ausgabe vom 4. September 2015  

 

Der auf dieser Konferenz geführte ideologische Kampf wurde zwischen einer geschlossenen Gruppe von Internationalisten, revolutionären Marxisten, und schwankenden Beinahe-Kautskyanern ausgetragen, die den rechten Flügel der Konferenz bildeten. Der Zusammenschluss der genannten Gruppe ist eine der wichtigsten Tatsachen und einer der größten Erfolge der Konferenz. Nach einem ganzen Kriegsjahr erwies sich die von unserer Partei vertretene Richtung als die einzige in der Internationale, die mit einer völlig eindeutigen Resolution – wie auch mit einem darauf fußenden Entwurf eines Manifests – hervorgetreten ist und die konsequenten Marxisten Russlands, Polens, Lettlands, Deutschlands, Schwedens, Norwegens, der Schweiz und Hollands um sich vereinigt hat. 

Welche Argumente wurden nun von den Schwankenden gegen uns ins Feld geführt? Die Deutschen gaben zu, dass wir revolutionären Schlachten entgegengehen, aber – sagten sie – solche Dinge wie Verbrüderung in den Schützengräben, politische Streiks, Straßendemonstrationen und Bürgerkrieg dürfe man nicht in alle Welt ausposaunen. Das tue man, aber davon spreche man nicht. Und andere fügten hinzu, das sei Kinderei, das sei Blendwerk. 

(…) Ihr folgt dem schlechten Beispiel Kautskys, antworteten wir den Deutschen: In Worten bekennt ihr euch zur kommenden Revolution, faktisch aber verzichtet ihr darauf, den Massen offen von der Revolution zu sprechen, sie dazu aufzurufen und ganz konkret die Kampfmittel anzugeben, die von der Masse im Verlauf der Revolution erprobt und als richtig anerkannt werden. Vom Ausland her – den deutschen Philistern erschien es entsetzlich, dass man es wagt, vom Ausland her über revolutionäre Kampfmittel zu sprechen! – riefen Marx und Engels 1847 in dem berühmten „Manifest der Kommunistischen Partei" zur Revolution auf, sie sprachen klar und offen von der Anwendung der Gewalt und erklärten, dass sie es „verschmähen", ihre revolutionären Ziele, die Aufgaben und Methoden des Kampfes zu verheimlichen. Die Revolution von 1848 bewies, dass allein Marx und Engels mit der richtigen Taktik an die Ereignisse herangegangen waren. In Russland, mehrere Jahre vor der Revolution von 1905, schrieb Plechanow, damals noch Marxist, in der alten „Iskra" 1901 in einem Artikel, der nicht gezeichnet war, weil er die Auffassung der ganzen Redaktion zum Ausdruck brachte, über den kommenden Aufstand und über solche Mittel und Wege zu seiner Vorbereitung wie Straßendemonstrationen, ja sogar über solche technischen Methoden wie die Verwendung von Draht für den Kampf gegen Kavallerie. Die Revolution in Russland bewies, dass allein die alten „Iskristen" mit der richtigen Taktik an die Ereignisse herangegangen waren. Auch jetzt gilt: eines von beiden. Entweder sind wir wirklich fest davon überzeugt, dass der Krieg in Europa eine revolutionäre Situation schafft, dass die ganze ökonomische und sozial-politische Lage der imperialistischen Epoche zur Revolution des Proletariats führt. (…) Oder wir sind nicht davon überzeugt, daß die Situation revolutionär ist, und dann sollten wir nicht leere Worte vom Krieg gegen den Krieg im Munds führen. Dann sind wir in Wirklichkeit nationalliberale Arbeiterpolitiker von Südekum-Plechanowscher oder von Kautskyscher Färbung. 

(…) Die Frage, mit welcher Schnelligkeit, auf welchem Wege und in welchen spezifischen Formen das Proletariat verschiedener Länder den Übergang zu revolutionären Aktionen zu vollziehen imstande ist – diese Frage wurde auf der Konferenz überhaupt nicht aufgeworfen, und sie konnte auch nicht aufgeworfen werden. Dazu fehlen noch die Unterlagen. Für uns heißt es einstweilen, gemeinsam die richtige Taktik zu propagieren, die Ereignisse werden dann im Weiteren das Tempo der Bewegung und die (nationalen, lokalen, gewerkschaftlichen) Modifikationen der allgemeinen Richtung bestimmen. (…) 

Ein Italiener, der sich gegen unsere Taktik erklärte, meinte: „Eure Taktik kommt entweder zu spät" (denn der Krieg hat schon begonnen) „oder zu früh" (denn der Krieg hat die Voraussetzungen für die Revolution noch nicht geschaffen); und zudem empfehlt ihr eine „Änderung des Programms" der Internationale, denn unsere ganze Propaganda hat sich stets „gegen die Gewaltanwendung" gerichtet. Es fiel uns nicht schwer, darauf mit einem Zitat aus Jules Guesdes „En Garde!" („Auf der Wacht!") zu antworten, wonach kein einziger einflussreicher Führer der II. Internationale jemals die Gewaltanwendung und überhaupt die unmittelbar revolutionären Kampfmethoden negiert hat. Sie alle haben stets erklärt, dass der legale Kampf, der Parlamentarismus und der Aufstand miteinander verknüpft sind und unvermeidlich ineinander übergehen müssen, je nachdem, wie sich die Bedingungen der Bewegung ändern (…) 

Auszug aus dem im „Sozial-Demokrat", Nr. 45•46, 

am 11. Oktober 1915 erschienenen Artikel. Lenin, Werke, Bd. 21, S. 396–400 

___________________ 

 

Nation, Vaterland, Bürgerkrieg  

Lenin formulierte für die Zimmerwalder Konferenz vom September 1915 eine Resolution der linken Kräfte. Sie wurde mit Argumenten zurückgewiesen, die heute wieder im Schwange sind 

In: junge Welt online vom 26.09.2015 

Wochenendbeilage 

 

Vom 5. bis zum 8. September 1915 fand in dem Schweizer Dorf Zimmerwald bei Bern ein Treffen bekannter europäischer sozialistischer Kriegsgegner statt. Lenin formulierte für die Zimmerwalder Konferenz einen »Resolutionsentwurf der linken Sozialdemokraten«, der aber auf den Widerstand derjenigen Teilnehmer traf, die keine Spaltung der Zweiten Internationale und keinen Aufbau einer dritten wollten. Verklausuliert hieß es, Lenins Resolution richte sich »ausschließlich an die organisierten Parteigenossen, nicht an die Massen«. Parallelen zu heutigen Polemiken in deutschen linken Kreisen gegen eine marxistische Haltung zum imperialistischen Krieg und zur Friedensbewegung sind nicht zufällig. 

Der gegenwärtige Krieg ist durch den Imperialismus erzeugt. Der Kapitalismus hat dieses sein höchstes Stadium schon erreicht, denn die Produktivkräfte der Gesellschaft und die Größe des Kapitals sind über den Rahmen der einzelnen Nationalstaaten hinausgewachsen. Daher das Streben der Großmächte nach Versklavung fremder Nationen und nach Raub von Kolonien als Rohstoffquellen und Kapitalanlagegebieten. Die ganze Welt wird zu einem einheitlichen Wirtschaftsorganismus. Die ganze Welt ist zwischen einer Handvoll Großmächte verteilt. (...) 

Von seiten beider Gruppen der kriegführenden Mächte ist dieser Krieg ein Krieg der Sklavenhalter um die Erhaltung und Festigung der Sklaverei: um die Neuaufteilung der Kolonien, um das »Recht«, andere Nationen zu unterdrücken, um die Privilegien und Monopole des Großmachtkapitals, um die Verewigung der Lohnsklaverei mittels Spaltung der Arbeiter verschiedener Länder und Unterdrückung der Arbeiter mit den reaktionärsten Mitteln. 

Deswegen sind die Phrasen von der Vaterlandsverteidigung seitens beider kriegführender Gruppen nur ein Betrug der Bourgeoisie am Volk. Weder der Sieg einer der beiden Koalitionen noch die Rückkehr zum Status quo kann der Mehrheit der Nationen die Freiheit von imperialistischer Unterdrückung durch eine Handvoll Großmächte sichern oder der Arbeiterklasse auch nur ihre jetzigen bescheidenen kulturellen Errungenschaften garantieren. Die Epoche des verhältnismäßig friedlichen Kapitalismus ist für immer vorbei. Der Imperialismus bringt der Arbeiterklasse unerhörte Verschärfung des Klassenkampfes, der Not, der Arbeitslosigkeit, der Teuerung, des Druckes der Trusts, des Militarismus und politische Reaktion, die überall, selbst in den freiesten Ländern, ihr Haupt erhebt. (...) 

Das Basler Manifest von 1912, das von den Sozialisten aller Länder einstimmig angenommen wurde, da man eben einen solchen Krieg zwischen den Großmächten voraussah, wie er jetzt ausgebrochen ist, hat den imperialistischen, reaktionären Charakter dieses Krieges ganz eindeutig festgestellt und erklärt, dass der Kongress es für ein Verbrechen hält, wenn die Arbeiter einer Nation auf die Arbeiter einer anderen Nation schießen; der Kongress hat das Kommen der proletarischen Revolution eben im Zusammenhang mit diesem Krieg proklamiert. Und in der Tat schafft dieser Krieg eine revolutionäre Situation, er hat eine revolutionäre Stimmung und Gärung in den Massen erzeugt, überall in dem besten Teil des Proletariats das Bewusstsein von der Schädlichkeit des Opportunismus geweckt und den Kampf gegen ihn verschärft. (...) Indem die Sozialisten diese Stimmung für die revolutionäre Agitation ausnutzen und dabei keine Rücksicht nehmen auf die mögliche Niederlage des »eigenen« Vaterlands, werden sie die Völker nicht täuschen mit der Hoffnung auf die Möglichkeit eines baldigen, irgendwie dauerhaften, demokratischen, jede Unterdrückung der Nationen ausschließenden Friedens und einer Abrüstung usw. ohne revolutionäre Niederwerfung der heutigen Regierungen. Nur die soziale Revolution des Proletariats macht den Weg frei zum Frieden und zur Freiheit der Nationen. 

Der imperialistische Krieg eröffnet die Ära der sozialen Revolutionen. 

Alle objektiven Bedingungen der jüngsten Epoche setzen den revolutionären Massenkampf des Proletariats auf die Tagesordnung. Die Aufgabe der Sozialisten ist es, ohne ein einziges legales Mittel des Kampfes aufzugeben, alle diese Mittel der Hauptaufgabe unterzuordnen, das revolutionäre Bewusstsein der Arbeiter zu entwickeln, sie im internationalen revolutionären Kampf zu sammeln, jedes revolutionäre Auftreten zu fördern und die Umwandlung des imperialistischen Krieges zwischen den Völkern in den Bürgerkrieg anzustreben, in den Krieg der unterdrückten Klassen gegen ihre Unterdrücker, mit dem Ziel der Expropriation der Kapitalistenklasse, der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, der Verwirklichung des Sozialismus. 

  

 

__________________________ 

 

»Haltet unversöhnlich Gericht«  

Schlussstrich im Schweizer Zimmerwald vor 100 Jahren. Marxistische Sozialdemokraten diskutierten einen internationalen Neubeginn  

Volker Külow 

In: junge Welt online vom 09.09.2015 

 

  Niemand schöpfte in Bern Verdacht, als am 5. September 1915 in der sonntäglichen Morgenruhe früh um zehn Uhr gut drei Dutzend internationale Vogelfreunde in vier Pferdefuhrwerken in das zwölf Kilometer entfernte Bauerndorf Zimmerwald aufbrachen. Nach zwei Stunden Fahrt durch eine idyllische Landschaft erreichte die bunte Truppe, in der sich nur wenige Frauen befanden, den malerisch gelegenen Ort und quartierte sich für die nächsten vier Tage im Hotel »Beau Séjour« (Schöner Aufenthalt) und der benachbarten Pension Schenk ein. Weder der Landjäger Meier, der dem Wirt Anton Eberle lediglich wegen »Überwirtens und unerlaubtem Tolerieren von Tanz« eine Strafe aufbrummte, noch ein anderer Dörfler ahnte, dass sich hinter den fröhlich zechenden Ornithologen eine Versammlung der bekanntesten sozialistischen Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegner Europas verbarg. Das Verdienst der klandestinen Vorbereitung und Durchführung der Zimmerwalder Konferenz – wie sie kurz danach benannt wurde – kam dem Sozialdemokraten Robert Grimm zu, der als Redakteur der Berner Tagwacht und Nationalrat zu den profiliertesten Köpfen im politischen Leben der Schweiz zählte. Sein umfangreicher Nachlass, der sich seit 1959 im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam befindet, kann als das verbürgte Archiv der Zimmerwalder Bewegung bezeichnet werden. 

  An der Konferenz nahmen insgesamt 38 Marxistinnen und Marxisten teil, die offizielle Delegationen der sozialistischen Parteien aus Bulgarien, den Niederlanden, Lettland, Norwegen, Polen, Schweden, Rumänien und Russland repräsentierten. Ohne Mandat waren Vertreter oppositioneller Gruppen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz erschienen. Zu den namhaften Delegierten zählten aus Russland Pawel Axelrod, Lenin, Julius Martow, Grigori Sinowjew und Leo Trotzki. Aus dem Deutschen Reich kamen zehn Teilnehmer – darunter Julian Borchardt, Georg Ledebour, Ernst Meyer, Willi Münzenberg und Bertha Thalheimer – die stärkste Gruppe. Die polnischen Sozialisten hatten Karl Radek geschickt; Angelika Balabanowa und Giacinto Serrati waren für die italienischen Arbeiterpartei erschienen, und die französischen Sozialisten hatten Albert Bourderon und Alphonse Merrheim entsandt. Zu den wenigen Frauen zählte Henriette Roland Holst, die aus den Niederlanden angereist war. 

  Sozialchauvinismus und -patriotismus  Die Konferenzteilnehmer standen vor einer schwierigen Situation. Seit über einem Jahr tobte in Europa der Erste Weltkrieg, der schon unzählige Opfer gefordert hatte und bis 1918 rund 17 Millionen Menschen das Leben kosten sollte. Das bestialische Schlachten war nur möglich geworden, weil nahezu alle in der II. 

Internationale organisierten Arbeiterparteien nach dem 4. August 1914 die früher gefassten Beschlüsse verrieten, zu ihren jeweiligen Regierungen übergelaufen waren und nunmehr aktiv an der sogenannten Vaterlandsverteidigung bzw. am »Burgfrieden« mitwirkten. Der Schock über diesen Verrat saß tief bei allen linken Kriegsgegnern, denn noch bis kurz vor Beginn der Kämpfe hatte es machtvolle Demonstrationen in ganz Europa gegen das drohende Gemetzel gegeben. Im einmütig verabschiedeten Basler Manifest der II. Internationale vom November 1912 hatte es geheißen, dass seitens der Mitgliedsparteien alles zur Kriegsverhinderung getan werden muss. Für den Fall, dass dies nicht gelingt, enthielt das Manifest konkrete Leitlinien für eine eigenständige Außenpolitik und forderte, »die Arbeiter aller Länder auf, dem kapitalistischen Imperialismus die Kraft der internationalen Solidarität des Proletariats entgegenzustellen«. 

  In den ersten Wochen nach der Entfesselung des Krieges herrschten zunächst Ratlosigkeit, Resignation und Wut in den oppositionellen Strömungen der einzelnen Arbeiterparteien. Die schon vor Kriegsbeginn vorhandene Ausdifferenzierung der Parteien in eine rechte und eine linke Strömung sowie ein »Zentrum« vertiefte sich rasch und spürbar. Zu den ersten kämpferischen Wortmeldungen des linken Flügels in der internationalen Arbeiterbewegung zählte das maßgeblich von Lenin verfasste Manifest des Zentralkomitees der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei »Der Krieg und die russische Sozialdemokratie« vom September 1914. Darin hieß es: »Der europäische Krieg, den die Regierungen und bürgerlichen Parteien aller Länder jahrzehntelang vorbereitet haben, ist ausgebrochen. Das Anwachsen der Rüstungen, die äußerste Zuspitzung des Kampfes um die Märkte in der Epoche des jüngsten, des imperialistischen Entwicklungsstadiums des Kapitalismus in den fortgeschrittenen Ländern, die dynamischen Interessen der rückständigsten, der osteuropäischen Monarchien mussten unvermeidlich zu diesem Krieg führen und haben zu ihm geführt« (Lenin, Werke, Band 21, S. 

13). Auch in der von Lenin beeinflussten Resolution der Konferenz von Lugano am 27. September 1914 klangen derartige Töne an. Die Initiative für diese offizielle Tagung ging von den sozialistischen Parteien der neutralen Länder Italien und Schweiz aus und wurde maßgeblich durch die persönlichen Kontakte zwischen Angelica Balabanowa und Robert Grimm getragen. Die hier verabschiedete Resolution enthielt schon wesentliche Punkte des späteren »Zimmerwalder Manifests«. 

  Unter den jetzt herrschenden Kriegsbedingungen rückte die Auseinandersetzung mit dem zunehmenden Sozialchauvinismus und Sozialpatriotismus in der Arbeiterbewegung für Lenin und seine Kampfgefährten in den Mittelpunkt der politischen Arbeit. Das schloss die konsequente Auseinandersetzung insbesondere mit den Wortführern der Vaterlandsverteidigung sowie den international renommiertesten marxistischen Theoretikern Karl Kautsky und Georgi Plechanow ein, die noch immer über großen Einfluss in der weltweiten Arbeiterbewegung verfügten und Illusionen darüber verbreiteten, wie die II. Internationale nach dem Krieg ihre Arbeit angeblich unverändert fortsetzen würde. Bereits im Dezember 1914 erwog Lenin angesichts des beispiellosen Zusammenbruchs der Vorkriegsinternationale hingegen, »zur alten marxistischen Bezeichnung Kommunist zurückzukehren« (LW 21, S. 82). 

  Spaltung oder Wiederbelebung?  Im ersten Halbjahr 1915 spitzten sich die Auseinandersetzungen deutlich zu, nicht zuletzt weil Karl Liebknechts »Nein« zu den Kriegskrediten am 2. Dezember 1914 europaweit Resonanz erhielt. Einerseits entstanden nun immer mehr oppositionelle Gruppierungen in den einzelnen Arbeiterparteien, darunter auch mehrere in Deutschland, wie die »Lichtstrahlen«-Gruppe um Julius Borchardt und die Gruppe »Internationale« um Liebknecht und Rosa Luxemburg, die beide auch mit Grimm in Kontakt standen. Andererseits versuchten die sozialpatriotischen Führer der II. Internationale, aktions- und mehrheitsfähig zu bleiben. In diese Bemühungen ordneten sich auch separate Konferenzen seitens der Entente-Sozialisten insbesondere aus Großbritannien und Frankreich sowie deutscher und österreichischer Sozialdemokraten ein, die naturgemäß keine ernstzunehmende friedenspolitische Wirkung entfalten konnten und wollten. 

  Vor diesem Hintergrund wurde es für die linken Kriegsgegner in der internationalen Arbeiterbewegung immer wichtiger, sich zu verständigen und zu vernetzen. Dabei spielten im Frühjahr 1915 drei Konferenzen eine Rolle, die in Bern unter der maßgeblichen Mitwirkung Lenins stattfanden, darunter die internationale sozialistische Frauenkonferenz unter Leitung von Clara Zetkin und die von Willi Münzenberg organisierte internationale sozialistische Jugendkonferenz. Jetzt kam auch zunehmend Robert Grimm ins Spiel, der ohne Rückendeckung seiner Parteiführung und mit taktischem Geschick im Frühsommer 1915 eine Konferenz der oppositionellen Kräfte gegen die Burgfriedenspolitik anbahnte. Schon zu diesem Zeitpunkt wurde aber ein Hauptproblem der künftigen Zimmerwalder Bewegung deutlich, an dem sich später die Geister scheiden sollten: Spaltung oder Wiederbelebung der II. Internationale. Grimm favorisierte die zweite Option. 

  In mehreren Vorbesprechungen im Juli und August wurde angesichts dieser Fragestellung sowohl um die Einladungsliste als auch die Tagesordnung der bevorstehenden Konferenz hart gerungen. Insbesondere Radek und Sinowjew – letzterer im Auftrag Lenins – drängten darauf, die »prinzipielle Grundlage der III. Internationale« zu erörtern und dementsprechend auch einzuladen. Grimm konnte sich dem Druck der Bolschewiki nicht gänzlich entziehen und beschränkte schließlich im letzten Rundschreiben vor der Konferenz die Teilnehmerzahl aller russischen und polnischen Gruppen auf je einen Vertreter, da der Anschein zu vermeiden sei, »es handle sich lediglich um eine Kundgebung der russischen Emigration«.¹ Grimms »Befürchtung« war nicht ganz unberechtigt, hatte Lenin nach einer anfänglichen Reserviertheit gegenüber dem Vorhaben das Treffen dann doch nicht nur personell, sondern auch programmatisch gezielt vorbereitet. 

Gemeinsam mit Sinowjew verfasste er im Sommer 1915 die Broschüre »Sozialismus und Krieg. Stellung der SDAP Russlands zum Kriege« (LW 21, S. 295–341), die Ende August in russischer und deutscher Sprache im Berner Verlag Benteli erschien und an alle Teilnehmer der Konferenz vorab verteilt wurde. Darüber hinaus versammelte Lenin direkt am Vorabend der Zusammenkunft in Sinowjews Wohnung in Bern sieben Internationalisten, um einen Block zu bilden und die Entwürfe der eigenen Resolution abzustimmen. 

  »Burgkrieg, nicht Burgfrieden!«  Nach diesen langwierigen Vorbereitungen begann am 5. September um 16 Uhr im Hotel »Beau Séjour« endlich die Konferenz, die Grimm mit einem Paukenschlag eröffnete. Unter großem Beifall verlas er eine am 2. September hastig im Zug geschriebene Grußadresse von Karl Liebknecht, der zu diesem Zeitpunkt als Soldat dienen musste und daher nicht anreisen konnte. In dem von dessen Ehefrau Sophie überbrachten Brief benannte er die beiden Hauptaufgaben der Konferenz aus seiner Sicht: »Abrechnung, unerbittliche Abrechnung mit den Fahnenflüchtigen und Überläufern der Internationale in Deutschland, England, Frankreich und anderwärts. Gegenseitige Verständigung, Ermutigung, Anfeuerung der Fahnentreuen, die entschlossen sind, keinen Fussbreit vor dem internationalen Imperialismus zu weichen, mögen sie auch als Opfer fallen.«² Dann folgte die berühmte Aufforderung: »Burgkrieg, nicht Burgfrieden!« Zum Schluss seines Briefes benannte Liebknecht das Credo der künftigen Zimmerwalder Linken: »Die neue Internationale wird erstehen auf den Trümmern der alten; nur auf den Trümmern der alten kann sie erstehen, auf neuen, festeren Fundamenten. Ihr, Freunde, Sozialisten aus allen Ländern, habt den Grundstein heute für die Zukunft zu legen. 

Haltet unversöhnlich Gericht über die falschen Sozialisten!« 

  Lenin war über den Brief derart begeistert, dass er ihn zunächst an sich nahm und auszugsweise abschrieb. Nach dieser Abschrift wurde Liebknechts Schreiben 1930 erstmals veröffentlicht, mit Lenins Unterstreichungen im Fettdruck. Die auf diesem Wege entstandenen Übertragungsfehler wurden in den folgenden Jahrzehnten in allen weiteren Editionen wiederholt. Erst 1967 veröffentlichte Horst Lademacher in seiner zweibändigen, insgesamt 1.500 Seiten umfassenden Edition »Die Zimmerwalder Bewegung. Protokolle und Korrespondenz« den Brief vollständig nach dem Original. 

  Trotz des eindringlichen Appells von Liebknecht war die Konferenz alles andere als ein Heimspiel für Lenin und seine Anhänger, die gemäß einer intern verabredeten Arbeitsteilung öfter als er das Wort ergriffen. Laut Protokoll meldete Lenin sich nur fünfmal und jeweils nur erstaunlich kurz zu Wort. Zum Ende der Konferenz schälten sich entsprechend der drei Strömungen in der Teilnehmerschaft auch drei verschiedene Manifestentwürfe heraus. Der eine stammte von Ledebour, der andere von Trotzki und Henriette Roland Holst und der dritte schließlich von Lenin und Radek, der mit dem programmatischen Satz »Der gegenwärtige Krieg ist durch den Imperialismus erzeugt« begann und ein klares Bekenntnis zum Basler Manifest von 1912 enthielt. 

  Wegweisendes Friedenssignal  Die Debatte um die drei Vorschläge für ein Abschlussdokument verlief sehr heftig. Grimm brachte die Auffassung der Konferenzmehrheit, die vor einem Bruch mit der II. Internationale zurückschreckte, verklausuliert auf den Punkt: »Wollen wir ein Manifest bloß an die Parteigenossen oder an die breiten Massen der Arbeiter? Wollen wir das letzte, so muss der Aufruf einen ganz anderen Charakter tragen. Ich meine, wir sollten einen Aufruf an das gesamte Proletariat erlassen. Also lassen wir zuerst darüber diskutieren, damit wir wissen, was wir wollen. 

Im Betreff auf die Resolution Lenin möchte ich erstens bemerken, dass diese sich ausschließlich an die organisierten Parteigenossen, nicht an die Massen, wendet. Zweitens, dass es unzweckmäßig ist, unsere taktischen Maßnahmen vor dem Gegner zu enthüllen.«³ Ähnlich argumentierten dann auch Ledebour und andere Konferenzteilnehmer, worauf Lenin erwiderte: »Grimm irrt sich, wenn er sagt, unsere Resolution und unser Manifest richten sich nicht an die Massen.«⁴ 

  Nur mit Mühe gelang es, sich am Ende auf eine gemeinsame Proklamation an die »Proletarier Europas« zu einigen, deren Endredaktion in den Händen von Grimm und Trotzki lag. Vorbedingung war, dass eine von Lenin, Sinowjew, Radek und drei weiteren Genossen unterzeichnete Erklärung ins Protokoll aufgenommen wurde, die das Manifest als »nicht vollständig« kritisierten, weil es »keine Charakteristik des offenen wie mit radikalen Phrasen zugedeckten Opportunismus (…) und keine klare Charakteristik der Hauptkampfesmittel gegen den Krieg« enthielt. Ungeachtet dieser Kritik von Lenin, der ein halbes Dutzend Anhänger hinter sich wusste, war das »Zimmerwalder Manifest« ein wegweisendes Friedenssignal der revolutionären Arbeiterbewegung und zugleich der erste und entscheidende Schritt auf dem noch langen und schweren Weg zur Herausbildung einer neuen Internationale. 

  Das Manifest schilderte zunächst eindringlich die Kriegsgreuel in dem »gigantischen Menschenschlachthaus« Europa und bezeichnete diese als »Folge des Imperialismus«. Dann richtete sich die Resolution gegen die Burgfriedenspolitik, erinnerte die internationale Arbeiterschaft an ihre Pflicht zum Klassenkampf und forderte als Hauptziel, »den Frieden unter den Völkern« zu erreichen, einen Frieden auf der Basis der Selbstbestimmung der Völker ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen. 

Der Appell endete mit dem Aufruf aus dem Kommunistischen Manifest »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!«. 

  Das letzte Dokument, das von allen Teilnehmern gemeinsam angenommen wurde, war eine Resolution, die allen Kriegsopfern und verfolgten Kriegsgegnern die moralische Unterstützung der Konferenz versicherte und speziell auf das Schicksal der Polen, Belgier, Armenier und Juden sowie der politisch Verfolgten wie Karl Liebknecht einging. Zum Abschluss wurde die Internationale Sozialistische Kommission zu Bern ins Leben gerufen, deren Sekretariat Robert Grimm übernahm. Ihr Auftrag war es, den Kontakt zwischen den verschiedenen Gruppen zu halten und die Resultate des Treffens zu publizieren. Darüber hinaus sollte von ihr die nächste Zusammenkunft vorbereitetet werden. Am Donnerstag, dem 9. September, früh um 2.30 Uhr, wurde die Zimmerwalder Konferenz durch Grimm beendet. 

  Eine neue Internationale  Die europäische Öffentlichkeit erfuhr offiziell erst am 18. September durch Grimms Berner Tagwacht von der Zimmerwalder Konferenz, nachdem sich die Gerüchte in den Tagen zuvor überschlagen hatten. In den sozialchauvinistischen Parteien verhielt man sich zunächst sehr spöttisch und kritisierte den vermeintlichen »Stilbruch« gegenüber der offiziellen sozialdemokratischen Politik. 

Schon kurze Zeit später empfand man Zimmerwald immer stärker als Ärgernis, denn schnell formierte sich unter Leitung Lenins die »Zimmerwalder Linke« erfolgreich als Keimzelle einer künftigen III. 

Internationale. Mit eigenständigen Publikationen wie den von dem Schweizer Lenin-Anhänger Fritz Platten ab November herausgegebenen »Internationalen Flugblättern« und der ab Januar 1916 von Anton Pannekoek und Henriette Roland Holst redigierten internationalen marxistischen Rundschau Vorbote erreichte man die Öffentlichkeit besser, als den etablierten Parteistrukturen lieb war. Eine wachsende Minderheit in den oppositionellen Strömungen der Arbeiterparteien wechselte zu den internationalistischen Positionen der »Zimmerwalder Linken«, auch wenn nach der zweiten Konferenz in Kiental, ebenfalls im Kanton Bern gelegen, im April 1916 der Konstituierungsprozess der neuen Internationale zunächst erlahmte. 

  Die Abspaltung von den opportunistisch versumpften Parteien der II. 

Internationale verlief komplizierter und widersprüchlicher als zunächst gedacht. An der Entwicklung in Deutschland wurde das besonders deutlich. 

Eine organisatorische Selbständigkeit des deutschen Kommunismus setzte die Spaltung der SPD, die Abtrennung der kriegsgegnerischen USPD voraus, die aber erst im April 1917 erfolgen sollte. Es dauerte dann noch, bis durch die katalysierende Wirkung der Oktoberrevolution 1917 in Russland und den politischen Zusammenbruch vieler Herrschaftsstrukturen im Herbst 1918 die Voraussetzungen für die Gründung der Kommunistischen Internationale im März 1919 in Moskau geschaffen wurden. 

  Zimmerwald 100 Jahre später  Das Dörfchen Zimmerwald fremdelte lange mit seiner weltgeschichtlichen Rolle im Ersten Weltkrieg, auch wenn es auf jedem politischen Atlas zu finden war. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die ersten Touristen kamen und der Ort im sozialistischen Osteuropa einen fast mythischen Ruf als »Lenin-Dorf« erlangte, wurde von der Gemeindeversammlung Anfang der 1960er Jahre zum »Schutz des gesunden Wohnens« der Paragraph 4 a beschlossen, der die Aufstellung von Denkmälern und die Anbringung von Gedenktafeln jeder Art verbot. Zum 50. 

Jahrestag der Konferenz im Jahr 1965 gab es eine Tagung, auf der nur konservative Redner sprachen. Auch baulich blieb vom einstigen Ort des Geschehens nicht viel übrig. Zumindest das ehemalige Hotel »Beau Séjour« gibt es noch, die ebenso wie das ehemalige Küchengebäude in ein Wohnhaus umgewandelt wurde. 

  Nach der Epochenwende veränderte sich auch Zimmerwald. 1990 wurde von Freizeitkickern um den Lehrer Caspar Bieler der »FC Lenin« gegründet, der nach seinem ersten Jahrzehnt von seinen Kollegen einen Pokal mit der anspielungsreichen Inschrift »Die Ornithologen gratulieren dem FC Lenin zum elfjährigen Jubiläum« erhielt. 1996 hob Bieler mit Freunden die Jazzband »Hot Lenin« aus der Taufe. Im gleichen Jahr fand der Festumzug zum 700. Jahrestag der urkundlichen Ersterwähnung des Dorfes statt – mit dabei ein Glatzkopf, der dem berühmtesten Teilnehmer der Zimmerwalder Konferenz verblüffend ähnlich sah. Und der Dorfladen verkaufte, wenn man danach fragte, Ansichtskarten, die Lenin samt der Pension »Beau Séjour« zeigten. So brachte der Kommunist fürs Dorf sogar einen kleinen marktwirtschaftlichen Nutzen. 

  Zum 100. Jahrestag wird die umsichtige Erinnerungspflege in Zimmerwald besonders deutlich. Im Regionalmuseum Schwarzwasser findet noch bis zum 22. 

November die Ausstellung »Grimm und Lenin in Zimmerwald« statt. Mancher Zimmerwalder war auch am 4./5. September zu Gast bei der Tagung »Die Internationale Bewegung der Arbeiter und Arbeiterinnen gegen den Krieg!« im Berner Volkshaus, zu der mehrere Veranstalter, darunter die Robert-Grimm-Gesellschaft, die Marx-Engels-Stiftung und die Rosa-Luxemburg-Stiftung, eingeladen hatten. Last but not least ist in diesen Tagen ein von Bernard Degen und Julia Richers herausgegebenes Buch mit dem Titel »Zimmerwald und Kiental. Weltgeschichte auf dem Dorfe« erschienen, dem eine große Leserschaft zu wünschen ist. 

  Anmerkungen  1 Horst Lademacher: Die Zimmerwalder Bewegung. Protokolle und Korrespondenz. The Hague/Paris 1967, Band 2, S. 97 f. 

  2 Ebd., S. 100 f. 

  3 Ebd., Bd. 1, S. 126 

  4 Ebd., S. 127 

  5 Ebd., S. 154 

  Volker Külow ist Historiker und Marx-Engels-Forscher sowie ehrenamtlicher Vorsitzender der Leipziger Ortsgruppe Die Linke. 

 

__________________________ 

 

Antworten finden  

Syrien, Russland, NATO und EU: Auf der Tagung zur historischen Zimmerwalder Konferenz gab es viel zu besprechen  

Johannes Supe 

In: junge Welt online vom 06.10.2015 

 

Über 100 Menschen besuchten am Sonntag die Veranstaltung »100 Jahre nach der Zimmerwalder Konferenz« in Berlin. Dort wurde darüber diskutiert, wie man den Kriegen in der Ukraine und in Syrien begegnen könne – und welche Bewegung dafür in der Bundesrepublik entstehen müsse (siehe Artikel oben). 

»Es ist bereits Krieg«, sagte die Autorin Christiane Reymann in der Eröffnungsrede. Der Konflikt in der Ukraine sei zudem gefährlich nahe an der Bundesrepublik. Doch an adäquaten Antworten der Friedensbewegung mangele es noch. Überhaupt seien die in der Historie recht verschieden ausgefallen. »Viele der Linken in Zimmerwald verbanden damals die Friedensfrage mit der sozialistischen Revolution«, so Reymann. Zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges habe die Arbeiterbewegung hingegen zuerst auf die Einheits-, später auf die Volksfront gesetzt – also auf breite Bündnisse, die auch jene Bevölkerungsteile einschlossen, die nicht zur Arbeiterklasse gehören. Heute müsse wieder gefragt werden, welche Strategie der Lage angemessen sei. 

Reymann organisierte neben dem Bundestagsabgeordneten Wolfgang Gehrcke (beide Linkspartei) die Tagung maßgeblich mit. Insgesamt luden 31 Personen ein, vor allem aus der Friedensbewegung und der Linken. Zu hören waren Referate verschiedener Wissenschaftler, diskutiert wurde in mehreren Arbeitsgruppen. 

»Die Welt von heute entstand vor einem Vierteljahrhundert«, sagte der Historiker Kurt Pätzold in seinem Referat »Sozialistinnen, Sozialisten und der Frieden heute«. Damals seien die sozialistischen Staaten durch konterrevolutionäre Prozesse in den Kapitalismus zurückgeworfen worden. 

Der Kalte Krieg habe mit einem Sieg des Westens geendet, doch der habe danach nicht abgerüstet. »Man war nicht willens, die NATO aufzulösen«, so Pätzold. Statt dessen sei das Militärbündnis bis nahe an die Grenzen Russlands vorgerückt. »Es reicht ihnen nicht, dass Russland ein kapitalistisches Land wurde, es soll sich der US-Macht fügen.« 

Für einige Diskussionen sorgte Erhard Crome. Der Referent für Frieden- und Sicherheitspolitik am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung führte aus, dass 2013 gut 1.700 Milliarden Dollar für Rüstung eingesetzt wurden. 60 Prozent der Ausgaben entfielen dabei auf die 28 NATO-Mitglieder.Über die Luftangriffe, die Russland auf Bitten der syrischen Regierung im Nahoststaat fliegt, sagte er: »Ich vermag das aus linker Perspektive nicht als fortschrittlich zu sehen.« 

 

__________________________ 

 

Krach in jeder Gruppe  

100 Jahre nach der Zimmerwalder Konferenz streiten Linken-Politiker darüber, wie die Friedensbewegung aufgestellt und ausgerichtet sein muss  

Johannes Supe 

In: junge Welt online vom 06.10.2015 

 

Nein, ein Anhänger der Einheit um jeden Preis war er nicht. Ein Fortschritt sei es, dass man sich »unverkennbar in Richtung auf den Bruch mit dem Opportunismus« zubewege. So urteilte Wladimir Iljitsch Lenin im Nachhinein über die Zimmerwalder Konferenz von 1915. 38 oppositionelle Vertreter sozialdemokratischer Parteien hatten sich vom 5. bis zum 8. 

September im schweizerischen Zimmerwald getroffen, jenem bis heute etwas verschlafenen Nest nahe Bern, um den Kampf gegen den Ersten Weltkrieg zu organisieren. Der Krieg müsse in den Bürgerkrieg umgewandelt werden, hatte der der russische Revolutionär verlangt. Und war damit in der Minderheit – in Zimmerwald wie auch in der internationalen Sozialdemokratie überhaupt. 

Hundert Jahre später kann darüber gescherzt werden. »Lenin hat ordentlich und kräftig gespalten«, sagte Wolfgang Gehrcke, Bundestagsabgeordneter der Partei Die Linke, am Sonntag auf der von ihm mitorganisierten Tagung zur historischen Konferenz. Die Veranstaltung am Wochenende stand unter dem Motto »Imperialismus heute, Differenzen verstehen, Spaltungen überwinden«. 

»Die Position der Partei zum Frieden ist derzeit die zentrale Frage«, sagte Ellen Brombacher von der Kommunistischen Plattform (KPF) in der Linken in einer ersten Diskussionsrunde. Seit den 90er Jahren werde über den Antimilitarismus in der Linkspartei diskutiert. Immer wieder werde versucht, eine Bresche für die Zustimmung zu Auslandseinsätzen zu schlagen. Das sei nötig, um einer etwaigen Regierungskoalition beizutreten. »Das ganze lässt sich reduzieren auf die Frage: Grundsätzliches Nein zu Auslandseinsätzen oder eine ›Einzelfallprüfung‹?« so Brombacher. Wer für letztere einstehe, wolle die Friedenspositionen schleifen. 

Brombacher gegenüber saß Diether Dehm, Bundestagsabgeordneter der Linken. 

Es sei »bitter nötig«, so Dehm, wieder über Lenin zu reden und das Wort Imperialismus in den Mund zu nehmen. Gerade die Rolle der Rüstungsindustrie und ihrer enormen Profite müsse dabei thematisiert werden. 

Auf Nachfrage von jW erklärte Dehm, dass er für eine Einzelfallprüfung bei Militäreinsätzen sei. Doch sei er in dieser Frage überstimmt worden. 

»Für mich gelten Parteitagsbeschlüsse, das wird auch weiterhin so sein«, sagte Dehm. Deshalb votiere er im Bundestag gegen deutsches Militär in fremden Ländern. 

»Die Friedensbewegung muss breit angelegt sein«, sagte Dehm. Eine »Gesinnungspolizei« dürfe man dabei nicht zulassen. Ausdrücklich müssten auch umstrittene Personen wie der frühere Radiojournalist Ken Jebsen, der nun die Website www.kenfm.de betreibt, miteinbezogen werden. 

»Jede sektiererische Enge nützt nur dem Krieg«, so Dehm. Das könne so nicht stehen bleiben, befand Brombacher. Jebsens Äußerungen seien oft antikommunistisch. Er trage Verwirrung in die Bewegung hinein und spalte sie. »Wäre Jebsen wirklich ein Freund der Friedensbewegung, müsste er sich zurückziehen«, so Brombacher. Vielen Linken sei es suspekt, mit ihm und anderen aus den »Montagsmahnwachen« für Frieden gemeinsam zu demonstrieren. Sie blieben den Protesten deshalb fern. 

Hintergrund der Debatte ist die Verknüpfung der genannten Veranstaltungen mit Teilen der Friedensbewegung. Im November 2014 kam man über die Kampagne »Friedenswinter« zusammen. Zuletzt gab es eine gemeinsame Antikriegsdemonstration in Ramstein (siehe jW vom 28. September). In vielen linken Gruppen und auch der Linkspartei wird derweil darüber diskutiert, ob die Montagsmahnwachen nicht Anknüpfungspunkte für rechte Ideologien bieten. 

Heftig wurde darüber auch auf dem Abschlusspodium der Tagung diskutiert. 

Dort beteiligten sich neben Wolfgang Gehrcke auch der stellvertretende Bundesvorsitzende der Linken, Tobias Pflüger, Reiner Braun, Sprecher der »Kooperation für den Frieden« und Pedram Shahyar, Exponent der Mahnwachen und seit Oktober Mitarbeiter von Ken Jebsen. 

Die Beteiligung von früher Tausenden an den Mahnwachen sei ein Zeichen dafür gewesen, dass die »alte Friedensbewegung« verkrustet sei, sagte Shahyar. Deshalb seien die Menschen zu den offenen Treffen gegangen. Wolle man in Zukunft bestehen, brauche es eine »Neukomposition« der »alten mit der neuen Friedensbewegung«. 

»Die Unterscheidung zwischen ›alter‹ und ›neuer‹ Friedensbewegung ist unerträglich«, sagte Wolfgang Gehrcke daraufhin. Das behindere jedes Eintreten gegen Krieg. Außerdem könne er die Selbstgefälligkeit nicht leiden, die Shayar an den Tag lege, sagte Gehrcke. »Da haben Dehm und ich wohl nicht genügend mit dir gesprochen.« Dennoch müsse man gemeinsam etwa für eine andere Politik gegenüber Russland eintreten. »›Macht uns die Russen nicht zu Feinden‹, damit kann man heute Wahlen gewinnen«, meinte Gehrcke. Als Leitlinie müsse dabei gelten, dass ein Nein zum Krieg auch mit einem Nein zu Rassismus und Faschismus verbunden sein muss. 

Tobias Pflüger machte noch einmal deutlich: »Ich habe immer dafür plädiert, dass wir nicht mit Grenzgängern zusammengehen.« Zu viele Anhänger der Mahnwachen kokettierten mit rechten Positionen. Ein »Zusammenschieben« der Mahnwachen mit den Antikriegsaktivisten dürfe es deshalb nicht geben. Vielmehr müsse die bestehende Friedensbewegung mit ihren Inhalten stark werden. Das gelinge etwa bei den jährlichen Protesten zur »Münchner Sicherheitskonferenz«. 

Pflüger hatte zunächst den ersten Aufruf zum »Friedenswinter« unterzeichnet. Dann sei er aber immer wieder auf seine Unterschrift angesprochen worden. »Und mittlerweile gibt es kaum eine politische Gruppe, in der es nicht zu diesem Thema kracht.« Das habe zu Stillstand und Lähmung geführt. Nun müsse man endlich sagen: »Wir lassen es.« 

 

__________________________ 

 

Wunde Punkte  

Revolution und nationale Besonderheiten: Am 11. Oktober 1915 fasste Lenin die Ergebnisse der Zimmerwalder Konferenz zusammen 

n: junge Welt online vom 10.10.2015 

Wochenendbeilage  

 

Der auf dieser Konferenz geführte ideologische Kampf wurde zwischen einer geschlossenen Gruppe von Internationalisten, revolutionären Marxisten, und schwankenden Beinahe-Kautskyanern ausgetragen, die den rechten Flügel der Konferenz bildeten. Der Zusammenschluss der genannten Gruppe ist eine der wichtigsten Tatsachen und einer der größten Erfolge der Konferenz. Nach einem ganzen Kriegsjahr erwies sich die von unserer Partei vertretene Richtung als die einzige in der Internationale, die mit einer völlig eindeutigen Resolution – wie auch mit einem darauf fußenden Entwurf eines Manifests – hervorgetreten ist und die konsequenten Marxisten Russlands, Polens, Lettlands, Deutschlands, Schwedens, Norwegens, der Schweiz und Hollands um sich vereinigt hat. 

Welche Argumente wurden nun von den Schwankenden gegen uns ins Feld geführt? Die Deutschen gaben zu, dass wir revolutionären Schlachten entgegengehen, aber – sagten sie – solche Dinge wie Verbrüderung in den Schützengräben, politische Streiks, Straßendemonstrationen und Bürgerkrieg dürfe man nicht in alle Welt ausposaunen. Das tue man, aber davon spreche man nicht. Und andere fügten hinzu, das sei Kinderei, das sei Blendwerk. (...) 

Ihr folgt dem schlechten Beispiel (Karl) Kautskys (1854–1938, deutsch-tschechischer Philosoph und Politiker, jW), antworteten wir den Deutschen: In Worten bekennt ihr euch zur kommenden Revolution, faktisch aber verzichtet ihr darauf, den Massen offen von der Revolution zu sprechen, sie dazu aufzurufen und ganz konkret die Kampfmittel anzugeben, die von der Masse im Verlauf der Revolution erprobt und als richtig anerkannt werden. Vom Ausland her – den deutschen Philistern erschien es entsetzlich, dass man es wagt, vom Ausland her über revolutionäre Kampfmittel zu sprechen! – riefen Marx und Engels 1847 in dem berühmten »Manifest der Kommunistischen Partei« zur Revolution auf, sie sprachen klar und offen von der Anwendung der Gewalt und erklärten, dass sie es »verschmähten«, ihre revolutionären Ziele, die Aufgaben und Methoden des Kampfes zu verheimlichen. Die Revolution von 1848 bewies, dass allein Marx und Engels mit der richtigen Taktik an die Ereignisse herangegangen waren. (…) Auch jetzt gilt: eines von beiden. Entweder sind wir wirklich fest davon überzeugt, dass der Krieg in Europa eine revolutionäre Situation schafft (…). Oder wir sind nicht davon überzeugt, und dann sollten wir nicht leere Worte vom Krieg gegen den Krieg im Munde führen. 

Dann sind wir in Wirklichkeit nationalliberale Arbeiterpolitiker (…). 

Die französischen Delegierten erklärten gleichfalls, dass ihrer Überzeugung nach die gegenwärtige Lage der Dinge in Europa zur Revolution führen werde. Aber, sagten sie, wir sind nicht hierhergekommen, um »die Formel der III. Internationale zu geben«, das zum ersten; zum zweiten aber: der französische Arbeiter »glaubt niemandem und an nichts«; er ist verdorben und übersättigt durch die anarchistische und herveistische Phrase (nach Gustave Hervé, 1871–1944, französischer Sozialist, der ab 1914 für die Kooperation der Klassen im Rahmen eines »nationalen Sozialismus« eintrat, weil nicht Klassen, sondern die Nation die treibende Kraft der Geschichte sei, später Bewunderer von Benito Mussolini und Adolf Hitler, jW). Das erste Argument ist unvernünftig, da in dem gemeinsamen Manifest, das ein Kompromiss darstellt, immerhin »die Formel« der III. 

Internationale, wenn auch eine inkonsequente, unvollständige, nicht zu Ende gedachte, »gegeben« ist. Das zweite Argument ist sehr wichtig als ein ernsthafter, sich auf Tatsachen stützender Einwand, der die besondere Lage Frankreichs berücksichtigt – nicht im Sinne der Vaterlandsverteidigung und der feindlichen Invasion, wohl aber im Sinne der »wunden Punkte« in der französischen Arbeiterbewegung. Aber daraus ergäbe sich nur, dass die französischen Sozialisten vielleicht langsamer zu den gesamteuropäischen revolutionären Aktionen des Proletariats stoßen könnten, aber keineswegs, dass diese Aktionen unnötig seien. Die Frage, mit welcher Schnelligkeit, auf welchem Wege und in welchen spezifischen Formen das Proletariat verschiedener Länder den Übergang zu revolutionären Aktionen zu vollziehen imstande ist – diese Frage wurde auf der Konferenz überhaupt nicht aufgeworfen, und sie konnte auch nicht aufgeworfen werden. (…) 

Was aber das »Unzeitgemäße« der Revolutionspropaganda betrifft, so beruht dieser Einwand auf einer Begriffsverwirrung, die bei romanischen Sozialisten gang und gäbe ist: Sie verwechseln den Beginn der Revolution mit der offenen und direkten Propaganda der Revolution. In Russland datiert niemand den Beginn der Revolution von 1905 früher als vom 9. Januar; aber die revolutionäre Propaganda im allerengsten Sinne, die Propagierung und Vorbereitung von Massenaktionen, Demonstrationen, Streiks, Barrikaden, wurde schon jahrelang vorher getrieben. 

 

__________________________ 

 

Imperialismus und nationale Frage  

Lenin 1915: Für Marxisten ist die Einteilung in unterdrückte und unterdrückende Nationen entscheidend 

In: junge Welt online vom 17.10.2015 

Wochenendbeilage 

 

Das Zimmerwalder Manifest, sowie auch die Mehrheit der Programme oder der taktischen Resolutionen der sozialdemokratischen Parteien, proklamiert das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. Genosse Parabellum (Pseudonym von Karl Radek, 1885-1939, revolutionärer Journalist und Politiker, jW) erklärt in Nr. 252 und 253 der Berner Tagwacht den »Kampf um das nicht existierende Selbstbestimmungsrecht« für illusorisch und stellt demselben den »revolutionären Massenkampf des Proletariats gegen den Kapitalismus« entgegen, indem er versichert, dass »wir gegen die Annexionen« seien (dieselbe Versicherung ist fünfmal im Artikel des Genossen Parabellum wiederholt), sowie auch gegen alle »nationalen Gewaltakte«. 

Die Motivierung des Standpunktes des Genossen Parabellum reduziert sich darauf, dass jetzt alle nationalen Fragen, die elsass-lothringische, die armenische usw., Fragen des Imperialismus seien; dass das Kapital über den Rahmen der nationalen Staaten hinausgewachsen sei; dass »das Rad der Geschichte zurückzuschieben« zu dem überlebten Ideal des Nationalstaates unmöglich sei usw. 

Wir wollen sehen, ob die Ausführungen des Genossen Parabellum richtig sind. 

Erstens ist es gerade der Genosse Parabellum, der rückwärts und nicht vorwärts schaut, wenn er bei Eröffnung seines Feldzugs gegen die Annahme »des Ideals des Nationalstaates« durch die Arbeiterklasse seine Blicke auf England, Frankreich, Deutschland, Italien richtet, d. h. auf Länder, in denen die nationale Befreiungsbewegung in der Vergangenheit liegt, und nicht auf den Osten, auf Asien, Afrika, auf die Kolonien, wo diese Bewegung nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart und in der Zukunft liegt. Es genügt, Indien, China, Persien, Ägypten zu nennen. 

Weiter. Der Imperialismus bedeutet, dass das Kapital aus dem Rahmen des Nationalstaates hinausgewachsen ist, er bedeutet die Erweiterung und die Verschärfung des nationalen Druckes auf einer neuen historischen Basis. 

Daraus folgt eben – im Gegensatz zu der Auffassung des Genossen Parabellum –, dass wir den revolutionären Kampf für den Sozialismus mit einem revolutionären Programm in der nationalen Frage verbinden müssen. 

Bei Genossen Parabellum kommt es so heraus, dass er im Namen der sozialistischen Revolution das konsequent revolutionäre Programm auf dem Gebiet der Demokratie mit Geringschätzung beiseite schiebt. Das ist nicht richtig. Das Proletariat kann nicht anders siegen als durch die Demokratie, d. h. indem es die Demokratie vollständig verwirklicht, indem es die demokratischen Forderungen in ihrer entschiedensten Formulierung mit jedem Schritt seiner Bewegung verbindet. Es ist Unsinn, die sozialistische Revolution und den revolutionären Kampf gegen den Kapitalismus einer der Fragen der Demokratie, in unserem Falle der nationalen Frage, entgegenzustellen. Wir müssen umgekehrt den revolutionären Kampf gegen den Kapitalismus mit dem revolutionären Programm und mit der revolutionären Taktik in Bezug auf alle demokratischen Forderungen verbinden: die Forderungen der Republik, der Miliz, der Wahl der Beamten durch das Volk, der gleichen Rechte für Frauen, der Selbstbestimmung der Nationen usw. Solange der Kapitalismus fortbesteht, sind all diese Forderungen nur ausnahmsweise und dazu nicht vollständig, nur verstümmelt verwirklichbar. Indem wir uns auf die schon verwirklichte Demokratie stützen, indem wir die Unvollständigkeit der Demokratie unter dem Kapitalismus entlarven, fordern wir die Niederwerfung des Kapitalismus, die Expropriation der Bourgeoisie, als notwendige Basis für die Abschaffung des Massenelends, ebenso wie für die volle und allseitige Durchführung aller demokratischen Umgestaltungen. (…) Es ist ganz undenkbar, dass das Proletariat als eine geschichtliche Klasse die Bourgeoisie besiegen könnte, wenn es dazu nicht vorbereitet wird durch die Erziehung im Geiste des konsequentesten und revolutionär-entschiedensten Demokratismus. 

Der Imperialismus ist die fortschreitende Unterdrückung der Nationen der Welt durch eine Handvoll Großmächte. Er ist die Epoche der Kriege zwischen ihnen um die Erweiterung und Festigung der nationalen Unterdrückung. Er ist die Epoche des Betrugs der Volksmassen durch die heuchlerischen Sozialpatrioten, d. h. durch die Leute, die unter dem Vorwand der »Freiheit der Nationen«, des »Selbstbestimmungsrechts der Nationen«, der »Vaterlandsverteidigung« die Unterdrückung der Mehrheit der Nationen der Welt durch die Großmächte rechtfertigen und verteidigen. 

Eben deshalb muss die Einteilung der Nationen in unterdrückende und unterdrückte den Zentralpunkt in den sozialdemokratischen Programmen bilden, da diese Einteilung das Wesen des Imperialismus ausmacht und von den Sozialpatrioten, Kautsky einbegriffen, verlogenerweise umgangen wird. 

 

__________________________