»Das ist die internationale Diktatur der Konzerne und Banken«

Gespräch mit Alfred Kosing. Über die Aktualität von Lenins Europa-Schrift, die vor 100 Jahren erschienen ist, und den politischen Charakter der EU  

Frank Schumann 

In: junge Welt online vom 22.08.2015 

Wochenendbeilage 

 

Sie leben in der Türkei, blicken also von außen auf die EU und den Nachbarn Griechenland. Hat man da eine andere Sicht? 

Nein. Ich denke, als Marxist hat man sein Wissen und seine intellektuellen Arbeitsinstrumente immer dabei, egal, wo man sein Haupt bettet. 

Wie reflektiert man in der Türkei die Causa Griechenland? 

Aufgrund der geographischen Nähe sieht man hier viel unmittelbarer, welche katastrophalen Folgen die sogenannte Hilfspolitik der EU für die griechische Bevölkerung hatte und hat. Die ursprüngliche Begeisterung der Türken für die EU ist einer sehr skeptischen und überwiegend ablehnenden Haltung gewichen. Vor reichlich zehn Jahren etwa war das noch anders. Ich stieß damals immer auf Unverständnis, wenn ich erklärte, dass der Beitritt zur EU ihnen mehr Nachteile als Vorteile bringen würde. Heute sagen mir dieselben Türken: Ein Glück, dass wir nicht in der EU sind, da kann uns nicht so etwas wie den Griechen passieren. 

Schreckt nur das griechische Beispiel? 

Nicht nur. Ich glaube, dass zu dieser Abkühlung auch das Verhalten der EU-Kommission beigetragen hat, die die Europäische Union nicht als Staatengemeinschaft, sondern offenkundig als Religionsgemeinschaft betrachtet. Und dann war da noch die Aufnahme Zyperns in die EU. Die zuvor gestellte Bedingung lautete, dass das seit 1974 zweigeteilte Land geeint aufgenommen werden sollte. Es gab dazu einen Volksentscheid. Obwohl befürchtet wurde, dass die türkische Bevölkerung sich gegen die Vereinigung aussprechen würde, geschah genau das Gegenteil: Die Griechen auf der Insel lehnten ab, die Türken waren mehrheitlich dafür. Was jedoch machte die EU? Sie nahm 2004 den griechischen Teil auf, der türkische blieb ausgeschlossen. In der Türkei löste das Empörung aus, man fühlte sich beleidigt. 

Das Problem der ungleichen Behandlung und Entwicklung war schon Thema eines Beitrages, der am 23. August 1915 im Schweizer Social-Demokrat erschien. 

Der Exilant Wladimir Iljitsch Lenin schrieb »Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa«. Obgleich sein Text nunmehr 100 Jahre alt ist, wirkt er erstaunlich aktuell. 

Nicht wahr? Das Kapital drängte seit der Jahrhundertwende auf die Beseitigung der nationalen Schranken und forderte volle Bewegungsfreiheit. 

Ideologen und Politiker entwickelten die Idee der »Vereinigten Staaten von Europa«, um dem Monopolkapital durch die Unterwerfung möglichst vieler Staaten bessere Möglichkeiten der Profitmaximierung zu verschaffen. Da diese Entwicklung eine unvermeidliche Folge des Fortschritts der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse war, entstand auch für die revolutionäre Arbeiterbewegung die Frage nach ihrer Haltung zu der Losung der »Vereinigten Staaten von Europa«. Darüber hatte es bereits vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs Debatten gegeben, so insbesondere zwischen Karl Kautsky und Rosa Luxemburg, die ziemlich entgegengesetzte Standpunkte begründeten. Auch die Auslandssektionen der Bolschewiki hatten diese Frage auf einer Konferenz diskutiert und keine abschließende Antwort gefunden. 

Wie Lenin schrieb, stand in der Debatte »einseitig der politische Charakter« der Losung im Vordergrund, während die »ökonomische Seite« vernachlässigt wurde, weshalb beschlossen worden war, eine Stellungnahme zu vertagen, bis auch die ökonomische Problematik gründlicher erörtert worden sei. 

Lenins Mahnung, dass die politische Seite überbetont und die ökonomische Seite vernachlässigt werde, trifft offenkundig auch heute den theoretischen Kern des Problems. Es ist das Grundübel der realen Europäischen Union. Damit meine ich nicht die ungleiche ökonomische Entwicklung der Staaten, die sich aufgrund der Kapitalfreiheit ständig beschleunigt, sondern die Tatsache, dass die sich daraus ergebenden sozialen und anderen Konsequenzen für die Völker nicht bedacht wurden und werden. Oskar Lafontaine erzählte mir unlängst1, wie er als SPD-Vorsitzender und Bundesfinanzminister nur tauben Ohren gepredigt habe: Er sei im In- wie im Ausland kaum Politikern begegnet, die in ökonomischen Zusammenhängen gedacht hätten.  

Wir haben es da mit einem Widerspruch zu tun, auf den schon Lenin hinwies. 

Einerseits drängt die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise objektiv auf Sprengung des nationalen Rahmens. Und da sich in der gesellschaftlichen Entwicklung stets die ökonomischen Interessen durchsetzen, ist diese Tendenz nicht aufzuhalten. Andererseits verhindern die ökonomischen Gesetze des Kapitalismus – Stichwort: Konkurrenz – zugleich, dass eine wirkliche Vereinigung erfolgen kann. Die »Vereinigten Staaten von Europa« im Sinne eines einheitlichen oder föderativen Großstaates wird es darum, so Lenin, nicht geben: »Vom Standpunkt der ökonomischen Bedingungen des Imperialismus, d. h. des Kapitalexports und der Aufteilung der Welt durch die fortgeschrittenen und zivilisierten Kolonialmächte, sind die Vereinigten Staaten von Europa unter kapitalistischen Verhältnissen entweder unmöglich oder reaktionär.« 

Wird Lenin aber nicht durch die Existenz der Europäischen Union widerlegt? Politiker und Medien behaupten doch unablässig, die EU und die gemeinsame Währung seien der größte politische und geschichtliche Fortschritt seit dem Zweiten Weltkrieg. Schließlich habe die Europäischen Union einen maßgeblichen Beitrag für siebzig Jahre Frieden geleistet.  

Die Existenz der EU widerlegt Lenin keineswegs! Er hat ja nicht gesagt, dass die Vereinigten Staaten von Europa überhaupt nicht möglich seien, sondern nur, dass sie »auf kapitalistischer Grundlage unmöglich oder reaktionär« seien, anders ausgedrückt: Wenn sie auf kapitalistischer Grundlage zustande kommen, werden sie reaktionär sein. 

Ist die EU reaktionär? Sie hat immerhin den Friedensnobelpreis bekommen. 

Das will nicht viel besagen, denn den hat auch Barack Obama bekommen, der für Kriege und zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich ist. Dass die EU die Ursache des relativen Friedens in Europa sei, ist eine schöne Legende. 

Sie hat sich von Anbeginn ihrer Existenz sehr aktiv an dem vom US-amerikanischen Imperialismus inszenierten Kalten Krieg gegen den Sozialismus beteiligt. Der wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Beendigung der Ost-West-Konfrontation zwar zurückgefahren und zeitweilig auf Eis gelegt, solange Jelzin mit seinen amerikanischen Beratern die Zerstörung Russlands betrieb, aber er wurde keineswegs beendet. Als Putin dieses Treiben unterband und den russischen Staat wieder zu konsolidieren begann, wurde der Kalte Krieg – zunächst ziemlich leise, aber dann immer vernehmlicher – wieder aktiviert und ist nun in vollem Gange, um Russland politisch aus Europa zu verdrängen. 

Wenn Lenin also recht hatte, wie kann man die Perspektiven der Europäischen Union beurteilen?  

Eine etwas schwierige Frage. Bekanntlich waren die »Väter« der heutigen EU Politiker wie Helmut Kohl und François Mitterrand, und die sind an die Probleme überwiegend politisch herangegangen, indem sie frühere feindliche Haltungen und Vorbehalte aus dem Wege räumten und politische Annäherung und Verständigung, vor allem zwischen Deutschland und Frankreich, forcierten. Ihre Vorstellungen blieben wesentlich im Bereich der politischen Ideologie, und damit folgten sie weitgehend den bereits in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg propagierten Europa-Ideen. 

Die entscheidenden ökonomischen Grundlagen, Triebkräfte und Erfordernisse eines solchen Prozesses der Vereinigung der wichtigsten europäischen Staaten vernachlässigten sie aber, weil sie die allgemeine Existenz kapitalistischer Verhältnisse offenbar für naturgegeben hielten. Sie waren wohl der Auffassung, dass die politische Verständigung primär sei, und wenn dieser Schritt erst einmal getan ist, würden die ökonomischen, finanziellen, verwaltungstechnischen und sozialen Fragen mehr oder weniger automatisch bewältigt werden können. Doch das ist ein großer Irrtum. 

Auf eben dieses Problem wies der damalige Kanzlerkandidat Lafontaine bei der Herstellung der staatlichen Vereinigung der beiden deutschen Staaten hin.  

Ja. Die Politik brachte die materiellen Interessen der imperialistischen Bourgeoisie zum Ausdruck – unter den veränderten Bedingungen nach dem Zweiten Weltkrieg und beim Zusammenbruch des Realsozialismus. Politiker wie Konrad Adenauer und Charles de Gaulle oder Kohl und Mitterrand setzten sich in letzter Instanz durch. Das führte dazu, dass eine Reihe nationaler Beschränkungen für Entwicklung und ökonomische Tätigkeit des Kapitals beseitigt wurden und auf diese Weise ein europäischer Wirtschaftsverbund mit zahlreichen Verflechtungen entstand. Aber das erfolgte auf der Grundlage kapitalistischer Verhältnisse mit all ihren ökonomischen und sozialen Widersprüchen und der Wirkung der ökonomischen Gesetze des kapitalistischen Systems. 

Eben daraus ergibt sich der reaktionäre Charakter dieser Vereinigung, denn ihr Ziel ist keineswegs eine höhere Form gesellschaftlicher Verhältnisse mit mehr demokratischen Rechten und sozialer Gerechtigkeit. Die kapitalistischen Macht- und Ausbeutungsverhältnisse sollen verewigt werden, indem man diese von Beschränkungen und Regelungen durch nationale Regierungen und Parlamente befreit. Mit der EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank wurde eine faktisch über den Parlamenten und Regierungen der Staaten und Nationen stehende diktatorische Exekutive des internationalen Kapitals geschaffen, die keine demokratische Legitimation besitzt, aber in vieler Hinsicht in die Wirtschafts- und Finanzpolitik, sogar in die Sozialpolitik der Staaten eingreifen kann. Das ist keine demokratische europäische Regierung, sondern die internationale Diktatur der Konzerne und Banken über Europa. 

Die Europäische Union steht sowohl in ökonomischer als auch in politischer Hinsicht infolge ihrer kapitalistischen Basis auf sehr wackligen Füßen, Krisen gehören daher zum Konzept.  

Lenin schrieb in seinem Text vor 100 Jahren dazu: »Unter dem Kapitalismus ist ein gleichmäßiges Wachstum in der ökonomischen Entwicklung einzelner Wirtschaften und einzelner Staaten unmöglich. Unter dem Kapitalismus gibt es kein anderes Mittel, das gestörte Gleichgewicht von Zeit zu Zeit wiederherzustellen, als Krisen in der Industrie und Kriege in der Politik.« 

In der EU sind erstens Staaten von sehr ungleicher ökonomischer Leistungsfähigkeit und Wirtschaftskraft vereinigt, was für schwächere Länder schon enorme Probleme in den Handelsbilanzen und Leistungsbilanzen schafft. Zweitens aber verändern sich die ökonomischen Machtverhältnisse innerhalb der EU im Laufe der Zeit durch die ungleichmäßige Entwicklung der Länder. Wenn die Verhältnisse zwischen den großen Mitgliedsstaaten zu Beginn der Entwicklung der EU noch einigermaßen ausgeglichen erschienen, ist inzwischen eine erdrückende ökonomische Übermacht Deutschlands entstanden, durch die die anderen Länder unvermeidlich benachteiligt und in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung beeinträchtigt werden, so dass Gegensätze und Konflikte entstehen. 

Diese Situation wurde durch die Einführung der einheitlichen Währung für einen großen Teil der EU-Länder noch enorm verschärft, wodurch die Krise erheblich vertieft wurde. Seit es keine Golddeckung der Währungen mehr gibt, stand (und steht) der Wert einer nationalen Währung im Vergleich zu anderen Währungen immer in Relation zur ökonomischen Leistungsfähigkeit des jeweiligen Landes, und dieses hat die Möglichkeit, durch Abwertung oder Aufwertung seiner Währung notwendig werdende Anpassungen vorzunehmen. 

Dieses finanzpolitische Instrument besitzen die Staaten im Euro-Raum nicht mehr. Der Wert des Euro wird zentral festgelegt und ändert sich nur im Verhältnis zu anderen Währungen wie etwa dem Dollar. 

Deutschland als Hegemon profitiert am stärksten von dieser sozialökonomischen Differenz zwischen den EU-Staaten. Und Merkels Ruf »Scheitert der Euro, dann scheitert Europa« heißt ja eigentlich »Scheitert der Euro, dann sind Deutschlands Profite dahin«. Aber wir sehen, dass die von Merkel und Schäuble anderen Ländern diktierten Regeln der Wirtschafts- und Finanzpolitik nicht einmal die Symptome lindern. 

Richtig, und deshalb ist Ihre Frage nach einer Perspektive des Euro und der EU schwer oder leicht zu beantworten: Es ist die nach der Quadratur des Kreises. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass beide nicht bleiben werden. 

Die Unterschiede und Gegensätze werden sich vergrößern und verschärfen, sie waren noch niemals so groß wie gegenwärtig, und der Widerstand in den Bevölkerungen vieler Länder gegen die EU-Diktate wächst. Es kann sein, dass der Euro-Raum und nach ihm die EU nach einer noch größeren Erschütterung als der gegenwärtigen Griechenlandkrise sehr schnell aufgelöst werden und das internationale Kapital sich andere Formen sucht, seine Macht zu erhalten. 

Was ist die Alternative? 

Gleichberechtigte solidarische Beziehungen zwischen den Nationen und Staaten, also eine sozialistische ökonomische und politische Grundlage und Struktur. 

Entschuldigen Sie, wenn ich jetzt lache.  

Wegen dieser Alternative? 

Nein, natürlich nicht. Sondern wegen der Realitätsferne des Gedankens und damit der Machbarkeit. Es gibt ja nicht einmal solidarische Beziehungen zwischen europäischen Parteien, die sich als links verstehen. Und die sozialistische Staatengemeinschaft hat, wie wir wissen, auch nicht funktioniert.  

Die Weltgeschichte wäre sehr einfach zu machen, wenn es im voraus Erfolgsgarantien gäbe, hat Marx einmal treffend gesagt. Wir dürfen uns durch den Untergang des Sozialismus in Europa nicht irritieren lassen, denn der Ausweg aus den chaotischen Zuständen des Kapitalismus wird infolge der ökonomischen Entwicklung und ihrer Konsequenzen unvermeidlich zur Überführung der großen Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum führen müssen, damit die Menschheit den damit produzierten gewaltigen Reichtum demokratisch verwaltet und dazu benutzt, allen Völkern ein Leben in Wohlstand und Würde zu ermöglichen, also sozialistische Prinzipien zu verwirklichen. Die Einsicht, dass eine radikale Abkehr von der bisherigen Politik nötig ist, wenn die Menschheit überleben will, setzt sich langsam durch. Nicht nur der Papst ist inzwischen dieser Überzeugung. 

Der kriminelle Kapitalismus vermag es noch immer, die Mehrheit der Menschen emotional und geistig an sich zu binden. Und die Linken unter den Kapitalismusgegnern erschöpfen sich in Ideologiekritik, statt sich mit Klassentheorie zu beschäftigen, sie schwätzen von einer Transformation des kapitalistischen Systems mittels Reformen – also nichts da mit »radikaler Abkehr«. 

Eine Transformation ist nicht möglich. Ich sehe natürlich auch, dass im Gefolge der Niederlage des Sozialismus die kommunistische und sozialistische Bewegung weitgehend zerfallen ist. Doch die Entstehung solcher politischen Bewegungen wie Syriza in Griechenland und Podemos in Spanien zeigt, dass die soziale Basis für eine politische Partei, die ein klares und überzeugendes Programm für die weitere gesellschaftliche Entwicklung auf realistischer Grundlage ausarbeiten kann, durchaus vorhanden ist und genutzt werden muss. 

Von einem klaren und überzeugenden Programm bei Syriza oder Podemos zu sprechen halte ich für ein wenig übertrieben. 

Vorsicht, wir sollten nicht gleich enttäuscht den Stab über sie brechen. 

Die Erfahrungen des verzweifelten Kampfes von Syriza sind sehr lehrreich. 

Sie zeigen, dass es ohne die Entmachtung der herrschenden Konzern- und Finanzoligarchie und ihrer politischen Repräsentanten, ohne die Überführung der Banken und der großen Produktionsmittel in staatliches Eigentum nicht möglich ist, zu einer solidarischen und sozial gerechten Gesellschaft zu gelangen. Tsipras hatte offenbar Illusionen, die an der harten Barriere der Macht des Kapitals zerschellten. Da er vorerst kapituliert und sich dieser Macht gebeugt hat, ist die Zukunft der von ihm begründeten Bewegung ungewiss. Wenn sie stark genug bleibt, um zukünftig nicht nur um kleine Reformen, sondern um eine grundsätzlich Umgestaltung der Gesellschaft zu kämpfen, damit ihre Forderungen eine realistische Grundlage erhalten, kann sie der Beginn einer Bewegung werden, die auch auf andere europäische Länder übergreift. 

Und was machen wir bis dahin? 

Die Tendenz zur Internationalisierung der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse kann nicht mehr zurückgedreht werden. Derartige Versuche wären nicht nur erfolglos, sondern auch ein historischer Rückschritt. Sie bilden vielmehr bereits ein ökonomisches Fundament für den künftigen Sozialismus, und je weiter die Internationalisierung voranschreitet, umso dringlicher wird es auch, die kapitalistischen Grundlagen und Strukturen der EU zu beseitigen, damit nicht nur die ökonomisch Mächtigen davon profitieren, sondern eine echte europäische Gemeinschaft gleichberechtigter Teilnehmer entstehen kann. Die imperialistische EU der Konzerne und Banken muss in der Perspektive durch eine sozialistische EU der werktätigen Bevölkerung der europäischen Länder überwunden werden. Infolge der bereits auf kapitalistischer Grundlage entstandenen engen wirtschaftlichen Verflechtung und Integration wird diese revolutionäre Umgestaltung wohl eher im internationalen Maßstab erfolgen als in einzelnen isolierten Ländern. 

Deshalb sollte die Politik der konsequent sozialistischen Kräfte, die eine solche Entwicklung anstreben, weniger auf eine Abwehrhaltung gegenüber der EU hinauslaufen, vielmehr auf einen aktiven Kampf um demokratische Reformen und soziale Verbesserungen, um größere Mitbestimmungsrechte der Bevölkerung und des Europäischen Parlaments, weil damit die Bedingungen für den Kampf um ein sozialistisches Europa verbessert werden. 

Allerdings wäre es verhängnisvoll, wenn dabei die Illusion genährt würde, dass auf dem Wege solcher Reformschritte bereits eine Transformation der imperialistischen EU in eine sozialistische Gemeinschaft entstehen kann. Nicht zuletzt die gegenwärtigen Erfahrungen der griechischen Syriza zeigen ein übriges Mal, wo die Grenzen des Sozialreformismus liegen und dass sie durchbrochen werden müssen, um den Übergang zu einer echten europäischen Gemeinschaft zu erreichen. 

Das Gespräch führte Frank Schumann 

 

__________________________ 

 

Weltaufteilung und Krieg

Im August 1915 ergänzte Lenin die auch von der russischen Sozialdemokratie propagierte Losung »Vereinigte Staaten von Europa« 

In: junge Welt online vom 22.08.2015 

Wochenendbeilage 

 

In Nr. 40 des Sozial-Demokrat (illegale Zeitung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands von 1908 bis 1917, jW) teilten wir mit, dass die Konferenz der Auslandssektionen unserer Partei (vom 27. Februar bis 4. 

März 1915 in Bern,  jW) beschlossen hat, die Frage der Losung »Vereinigte Staaten von Europa« bis zur Erörterung ihrer ökonomischen Seite in der Presse zu vertagen. 

Die Diskussion über diese Frage hatte auf unserer Konferenz einseitig politischen Charakter angenommen. Das war zum Teil vielleicht dadurch hervorgerufen, dass diese Losung im Manifest des Zentralkomitees (»Der Krieg und die russische Sozialdemokratie«, veröffentlicht am 1. November 1914 im Sozial-Demokrat, abgedruckt in: Lenin Werke Band 21, Seiten 11–21, jW) direkt als politische Losung formuliert ist (»die nächste politische Losung der europäischen Sozialdemokratie muss die Gründung der republikanischen Vereinigten Staaten von Europa sein« – heißt es dort), wobei (…) noch speziell betont wird, dass diese Losung sinnlos und verlogen ist, »wenn die deutsche, die österreichische und die russische Monarchie nicht auf revolutionärem Wege beseitigt werden«. 

Gegen eine solche Fragestellung im Rahmen der politischen Beurteilung dieser Losung zu polemisieren – z. B. von dem Standpunkt aus, dass sie die Losung der sozialistischen Revolution verdunkle oder abschwäche und dergleichen mehr, wäre vollkommen falsch. Politische Umgestaltungen in wahrhaft demokratischer Richtung, erst recht aber politische Revolutionen können keinesfalls und niemals, unter keinen Umständen die Losung der sozialistischen Revolution verdunkeln oder abschwächen. Im Gegenteil, sie bringen sie stets näher, verbreitern ihre Basis, ziehen neue Schichten des Kleinbürgertums und der halbproletarischen Massen in den sozialistischen Kampf hinein. Andererseits aber sind politische Revolutionen unvermeidlich im Verlauf der sozialistischen Revolution, die man nicht als einzelnen Akt betrachten darf, sondern als eine Epoche stürmischer politischer und ökonomischer Erschütterungen, des schärfsten Klassenkampfes, des Bürgerkriegs, der Revolutionen und Konterrevolutionen betrachten muss. 

Ist jedoch die Losung der republikanischen Vereinigten Staaten von Europa im Zusammenhang mit dem revolutionären Sturz der drei reaktionärsten Monarchien Europas, an ihrer Spitze der russischen, völlig unanfechtbar als politische Losung, so bleibt doch noch die sehr wichtige Frage nach dem ökonomischen Inhalt und Sinn dieser Losung. Vom Standpunkt der ökonomischen Bedingungen des Imperialismus, d. h. des Kapitalexports und der Aufteilung der Welt durch die »fortgeschrittenen« und »zivilisierten« Kolonialmächte, sind die Vereinigten Staaten von Europa unter kapitalistischen Verhältnissen entweder unmöglich oder reaktionär. 

Das Kapital ist international und monopolistisch geworden. Die Welt ist aufgeteilt unter ein Häuflein von Großmächten, d. h. von Staaten, die in der großangelegten Ausplünderung und Unterdrückung der Nationen die größten Erfolge zu verzeichnen haben. (...) 

Ferner haben England, Frankreich und Deutschland im Ausland mindestens 70 Milliarden Rubel Kapital untergebracht. Um die »legitimen« Einkünfte aus dieser hübschen runden Summe – Einkünfte von über drei Milliarden Rubel jährlich – einzutreiben, sind die nationalen Millionärsausschüsse da, Regierungen genannt, die über Heere und Kriegsflotten verfügen und in den Kolonien und Halbkolonien die ganze Sippschaft des »Herrschers Kapital« in der Eigenschaft von Vizekönigen, Konsuln, Botschaftern, Beamten aller Art, Pfaffen und sonstigen Blutegeln »unterbringen«. 

So ist in der Epoche der höchsten Entwicklung des Kapitalismus die Ausraubung von rund einer Milliarde Erdbewohnern durch ein Häuflein von Großmächten organisiert. Und unter dem Kapitalismus ist jede andere Organisation unmöglich. Auf Kolonien, auf »Einflusssphären«, auf Kapitalexport verzichten? (...) 

Vereinigte Staaten von Europa sind unter kapitalistischen Verhältnissen gleichbedeutend mit Übereinkommen über die Teilung der Kolonien. Unter kapitalistischen Verhältnissen ist jedoch jede andere Basis, jedes andere Prinzip der Teilung als das der Macht unmöglich. Der Milliardär kann das »Nationaleinkommen« eines kapitalistischen Landes mit jemand anderem nur in einer bestimmten Proportion teilen: »entsprechend dem Kapital« (überdies noch mit einem Zuschlag, damit das größte Kapital mehr bekommt, als ihm zusteht). Kapitalismus bedeutet Privateigentum an den Produktionsmitteln und Anarchie der Produktion. Auf solcher Basis eine »gerechte« Verteilung des Einkommens zu predigen ist Proudhonismus, ist kleinbürgerlicher, philiströser Stumpfsinn. 

 

__________________________