Spielräume der Veränderung  

Trotz mancher Ungereimtheiten ist Christoph Jünke eine produktive Einführung in Leo Koflers Philosophie der Praxis gelungen  

Werner Seppmann 

In: junge Welt online vom 06.08.2015 

 

Christoph Jünke hat mit seiner 2007 unter dem Titel »Sozialistisches Strandgut« veröffentlichten Biographie Leo Koflers Maßstäbe gesetzt. 

Das Buch erschließt dessen theoretische Beiträge und stellt für das Verständnis der Vermittlung marxistischen Denkens in der BRD einen verlässlichen Leitfaden dar. Überzeugend arbeitet Jünke darin den engen Zusammenhang von Gesellschafts- und Theorieentwicklung heraus und entwickelt Grundzüge des Marxschen Denkens. 

Gegenüber der Biographie konzentriert sich die aktuelle Veröffentlichung auf einige zentrale Aspekte des Koflerschen Ansatzes: die praxisphilosophischen Grundprinzipien, den sozialistischen Humanismus, die Analyse des Stalinismus sowie die Ideologiekritik des ästhetischen Modernismus. 

Alle theoretischen Anstrengungen sind bei Kofler, wie Ernst Bloch es formuliert hat, von der Absicht einer »Wiederbelebung einer marxistischen Dialektik« geprägt. Jedoch war die Methodenreflexion für ihn niemals Selbstzweck, sondern diente der Fundierung seiner Beschäftigung mit den aktuellen Machtstrukturen und Klassenverhältnissen. 

Jünke betont, dass diese wechselseitige Durchdringung von theoretischer Grundlagenforschung und soziologischer Detailanalyse mit besonderer Aufmerksamkeit für die Prozesse ideologisch vermittelter Herrschaftsreproduktion, im Marxismus der zweiten Hälfte des 20. 

Jahrhunderts eine fast singuläre Leistung darstellt und »im deutschen Sprachraum an Themenvielfalt und inhaltlicher Radikalität einzig Adorno vergleichbar« ist. Dabei war es Kofler, der zum ersten profilierten Kritiker der Frankfurter Schule avancierte. Er wies nach, dass die »Radikalität« Adornos nur eine geringe »Halbwertzeit« besitzt, weil seine von ihm durchaus geschätzte Gesellschaftskritik den geschichtsphilosophischen Pferdefuß hat, Fortschritt immer mit zivilisatorischen Verfallstendenzen im Bunde zu sehen. Beim Wort genommen, würde eine solche negative Geschichtsspekulation die Auffassung der Vergeblichkeit eines jeden konkreten Veränderungsbemühens unterstützen. 

Kofler entwickelte zu dem von ihm so genannten »Marxo-Nihilismus« der Frankfurter Schule eine sozialtheoretische Alternative, welche nicht bei der Beschreibung von Integrations- und Unterwerfungsprozessen stehenbleibt, sondern die realen Widerspruchstendenzen und Alternativen thematisiert. Auf diese Weise wird deutlich, dass Herrschaft nicht Unterwerfung nach sich zieht, sondern auch Widerspruchshaltungen befördert. 

Der Nachweis, dass Gesellschaft verändert werden kann, bildet den Kern marxistischer Praxisphilosophie. Jünke macht deutlich, dass diese nicht auf den Aspekt konkreter Politik verkürzt werden kann, sondern mehr umfasst. Für den Historischen Materialismus ist die Perspektive der revolutionären Transformation zwar Ausgangspunkt und Motivation, doch geht es zunächst um den Nachweis, dass Gesellschaftsveränderung überhaupt möglich ist. Denn Geschichte ist in dieser Sichtweise nichts anderes als das Produkt menschlichen Handelns. Aus der Erkenntnis, dass die Menschen ihre »Geschichte selbst gemacht« haben (Marx) kann das Verständnis für Spielräume der Veränderung erwachsen. Auch wenn den unmittelbaren Akteuren das Gesellschaftsgefüge als zementiert erscheinen mag. 

Es gibt im neuen Buch Jünkes einige theoretische Ungereimtheiten, wozu die ans Absurde grenzende Behauptung gehört, dass die real-sozialistische Bürokratie prinzipiell »den Schulterschluss mit dem internationalen ›Klassenfeind‹« gesucht hätte. Dem steht jedoch der auf weiter Strecke produktive Charakter dieser Einführungsschrift gegenüber. 

Christoph Jünke: Leo Koflers Philosophie der Praxis. Eine Einführung. 

Laika Verlag, Hamburg 2015, 225 Seiten, 18,90 Euro 

 

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