Die Menschheit, wie sie sein sollte  

Aus dem Frühkommunismus: Waltraud Seidel-Höppners große Biographie über Wilhelm Weitling  

Alexander Brandenburg 

In: junge Welt online vom 30.06.2015 

 

  Der erste große Biograph von Wilhelm Weitling (1808–1871) war Franz Mehring. Er war der Ansicht, dass Weitling »dem ersten Jahrzehnt der deutschen Arbeiterbewegung das geistige Gepräge« gegeben habe – neben Karl Marx versteht sich. Nun hat Waltraud Seidel-Höppner, die große Historikerin des frühen Sozialismus und Kommunismus, eine sehr umfangreiche politische Biographie Wilhelm Weitlings vorgelegt, um dessen Wirken auf zwei Kontinenten neu auszumessen und zu bewerten. Mit Weitling beschäftigt sie sich seit 1960er Jahren. 

  Der 1808 in Madgeburg geborene Schneidergeselle Weitling befindet sich Mitte der 1830er Jahre im Pariser Exil, wo der letzte französische König Louis-Philippe I. regiert und die radikalen Republikaner und Bewegungen der Arbeiter sowohl administrativ (Arbeitsbuchzwang, Koalitionsverbot, Zensur und Einschränkung der Pressefreiheit, Drosselung des Vereinsrechts) als auch militärisch (Niederschlagung der Arbeiteraufstände in Lyon sowie von Streiks und Demonstrationen) bekämpft. Weitling erwirbt im evolutionär-republikanischen »Bund der Geächteten« und durch Lektüre von Rousseau, Fourier, Saint-Simon und Lamennais erste sozialtheoretische Einsichten. Die Arbeiter werden politisiert und die bürgerlichen Demokraten sozialisiert. 

  1836 spaltet sich der »Bund der Gerechten« ab, aus dem rund zehn Jahre später der »Bund der Kommunisten« werden sollte. Der 1838 von Weitling verfasste Text »Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte« ist die erste Programmschrift der deutschen Arbeiterbewegung. Zehn Jahre vor der 48er Revolution und dem »Manifest der Kommunistischen Partei« umreißt er als Ziel des Kampfes der Arbeiter die Errichtung einer sozialen Republik. Seine Forderungen nach verfassungsrechtlich gesicherten gleichen Rechten und Pflichten für beide Geschlechter sowie nach Rechenschaftspflicht und Abberufbarkeit der Gewählten und Beamten stellen dieses Programm nach Ansicht von Seidel-Höppner an die Spitze demokratischer Bestrebungen in der deutschen Geschichte. 

  Seinem fortschrittlich demokratischen Charakter entsprechend lehnt der Bund Maschinenstürmerei, individuellen Terror, Putschismus und Avantgardismus ab, befürwortet eine von Propaganda und Aufklärung vorbereitete Volksrevolution und beteiligt sich 1839 nicht am Pariser Aufstand der von Blanqui und Barbès geleiteten »Gesellschaft der Jahreszeiten«. Hingegen nimmt er an dem großen Schneiderstreik 1840 teil, der für eine Abschaffung der Arbeitsbücher kämpft und der Paris für Wochen in Atem hält. Weitling organisiert in der Pariser Streikleitung Kontakte nach Deutschland und sorgt für die Beköstigung der Streikenden. 

Als Bestandteil der Streikbewegung wird der Bund seinem internationalen Anspruch gerecht. 

  Weitling verfasst zahlreiche Werke, die jeweils in mehrere Sprachen übersetzt wurden und in ganz Europa Verbreitung finden. Zugleich ist er als Journalist tätig und gründet eine Anzahl von überregional beachteten Arbeiterzeitungen. Nach einem Zerwürfnis mit Marx und Engels geht er 1846 nach New York. Für die Revolution von 1848/49 kehrt er nach Deutschland zurück. Wieder in den USA wird er zum Mitintiator der deutsch-amerikanischen Arbeiterbewegung, 1850 initiiert er die »Central-Kommission der vereinigten Gewerbe in New York«, die erste internationale branchenübergreifende vorgewerkschaftliche Organisation dieser Stadt. 

  In der 48er Revolution gibt Weitling der demokratischen Linken wichtige Impulse, die bis heute in der Forschung kaum Beachtung finden. Die Bedeutung seiner theoretischen Überlegungen und politischen Strategien besteht darin, dass sie auf die Gegenwart der arbeitenden Klassen ausgerichtet sind und deren soziale und politische Emanzipation einfordern; anders als Marx und dessen Nachfolger richtet Weitling sein Hauptaugenmerk nicht auf ein sich in Deutschland erst noch in Entwicklung befindliches Fabrikproletariat. Der Weitlingsche Kommunismus muss somit als theoretischer Ausdruck der tatsächlichen proletarischen Klassenbewegung des 19. Jahrhunderts begriffen werden. 

  Besonders aktuell bleibt seine Kritik der Inkompetenz bürgerlicher Vertretungskörperschaften sowie seine Kardinalkritik des bürgerlich-parlamentarischen Systems. Kurz vor seinem Tod am 28. Januar 1871 nimmt Weitling als Ehrengast an dem Verbrüderungsfest der Internationale teil. Er hinterlässt eine achtköpfige Familie in bitterer Armut. 

 

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