Zur Vereinigung von Gotha 1875  

Widersprüchlichkeiten und immenser Kraftzuwachs  

Von Marga Beyer 

In: unsere zeit online vom 22.05.2015 

 

Einigungs- und Vereinigungsbestrebungen begleiten die Arbeiterbewegung seit mehr als 120 Jahren. 

Stets wurden sie von Zeitzeugen und Zeitgenossen voller Anteilnahme und unterstützender Zustimmung wahrgenommen. 

Doch lagen Besorgnis, Freude und kritische Anteilnahme an derartigen Vorgängen nahe beieinander wie andererseits oberflächliche Betrachtungsweisen und Gegnerschaft zu Unverständnis, zur Ablehnung bis hin zu bösartigsten Verleumdungen führten – dies also nicht nur Begleiterscheinungen im 20. Jahrhundert In den Jahren 1874/75 vollzogen sich erstmalig in der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung Vorgänge, die den über Jahrzehnte dauernden Prozess zur Herausbildung einer einheitlichen Arbeiterpartei auf dem Boden des Deutschen Reiches abschlossen. 

Zweifellos gab es dafür günstige Voraussetzungen. Die Arbeiterbewegung hatte im Fermentierungsprozess kapitalistischer Verhältnisse eine Anzahl demokratischer Organisationen gebildet, die in den sechziger Jahren zur Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins und 1869 zur Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei führten. 

In der Mitte der siebziger Jahre führten im ADAV die Lassallesche Sektenideologie, die negative Haltung zu den Gewerkschaften, die Einbettung in die preußisch-deutschen Verhältnisse, um nur einiges zu nennen, zu Stagnations- und Zerfallserscheinungen Die SDAP, seit ihrer Gründung von marxistisch-proletarischen Anschauungen geprägt, drängte im Gegensatz zum ADAV in immer stärkerem Maße zur Zusammenfassung aller proletarischen Kräfte. Der Widerhall unter den Arbeitern war dann am stärksten, wenn SDAP und ADAV geschlossen auftraten – so während des Deutsch-Französischen Krieges und bei Aktionen zur Unterstützung der Pariser Kommune. 

Das machten auch die gewerkschaftlichen Kämpfe seit 1870 deutlich. Dem konjunkturellen Aufschwung der Gründerjahre setzten die Arbeiter ihre Forderungen nach höherem Lohn und Verkürzung der Arbeitszeit entgegen. 

Antimilitaristische Aktionen trugen zur Verbreitung marxistischer Auffassungen in der Staatsfrage bei. Die Losung „Diesem System keinen Mann und keinen Groschen" charakterisierte 1874 eine gemeinsame Protestkampagne gegen eine Militärvorlage und die zunehmende Militarisierung des Deutschen Reiches. Gemeinsame Aktionen trugen also bereits im Vorfeld des Einigungsprozesses zur Herausbildung eines Vertrauensverhältnisses von Mitgliedern beider Organisationen bei und bildeten eine wichtige Voraussetzung auf dem Wege zur Einheit der Arbeiterbewegung. 

Im ersten Halbjahr 1874 berieten ADAV und SDAP auf ihren jeweiligen Jahrestagungen über das Verhältnis beider Organisationen zueinander. Auf der Generalversammlung des ADAV vom 26. Mai bis 5. Juni in Hannover und auf dem Coburger Kongress der SDAP vom 18. bis 21. Juli zogen sie über den erreichten Stand ihrer Organisationsentwicklung Bilanz. 

Die Lassallesche Vereinsführung geriet angesichts zunehmender Einheitsgedanken immer mehr unter Druck ihrer Mitglieder. Diese forderten, auf die Angebote der DSAP einzugehen und drängten auf eine rasche Überwindung der Spaltung der Arbeiterbewegung. 

Auf der Generalversammlung in Hannover wurden 13 Anträge aus der Mitgliedschaft unterbreitet, die ein Zusammengehen oder die Vereinigung mit der SDAP nachdrücklich wünschten. Eine Debatte darüber wurde jedoch verhindert. 

Statt dessen setzten spalterische Elemente die nochmalige Bestätigung eines Beschlusses vom Vorjahr durch, der die Einigungsangebote der SDAP rigoros zurückgewiesen hatte. 

Dennoch wurde es im Sommer 1874 zur Gewissheit, dass die Einigung der Arbeiterbewegung unmittelbar bevorstand. 

Auf dem Kongress der SDAP in Coburg befassten sich die Delegierten intensiv mit den Problemen zur Schaffung einer einheitlichen revolutionären Partei. Wilhelm Liebknecht als Referent erläuterte, dass Vereinigung „Verschmelzung einer Organisation" bedeute. 

„Nun wissen wir aber, wie fest die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins an ihrer Organisation hängen, die sie für unfehlbar halten, während wir sehr viele Fehler darin sehen, das Autoritätsprinzip, auf dem sie beruht, prinzipiell verurteilen und auch nicht glauben, dass sie ernstliche Stürme bestehen kann. Und nicht bloß die Organisation trennt uns von den Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, sondern auch das Programm. 

In der Verschiedenheit der Organisation drückt sich die Verschiedenheit der Prinzipien aus." Der Parteitag unterschied deutlich zwischen den Begriffen „Vereinigung" und „Einigung" Er erklärte in einer Resolution, „der Einigung der beiden deutschen Arbeiterfraktionen zugeneigt zu sein". Das entsprach einer Annäherung beider Organisationen, die durch gemeinsame Aktionen vorbereitet werden sollte. Er verwarf aber eine vorschnelle „Vereinigung" als noch nicht gegeben, da sie die Zurückdrängung des Lassalleanismus zur Voraussetzung haben musste. Der von Liebknecht in Coburg ausgegebene Leitsatz „Zunächst ist aber die Losung: Einigung, nicht Vereinigung"1 orientierte darauf, dass eine Vereinigung aller organisierten Arbeiter in einer einheitlichen Partei nur auf der Grundlage der wissenschaftlichen Theorie der Arbeiterklasse erfolgen könne. 

Nur wenige Monate waren seit der ADAV-Generalversammlung in Hannover vergangen, und es wurde offenkundig, dass der Zerfallsprozess des ADAV nicht mehr auf zuhalten war Die Führer des ADAV wandten sich in mehreren Gesprächen an die Funktionäre der SDAP und forderten die sofortige Vereinigung beider Organisationen. 

Wilhelm Liebknecht hielt sich korrekt an die Coburger Beschlüsse und berichtete darüber dem eingekerkerten August Bebel: „Dass wir nicht gleich einen Einigungskongress auf den 15. November berufen wollten, war ihm (Carl Wilhelm Toelcke – M. B.) eine bittere Enttäuschung und noch mehr meine Erklärung, dass wir unmöglich den Rückschritt zu dem Lassalleschen Programm, auch einem reformierten, machen konnten."2 Sowohl Liebknecht in Leipzig als auch August Geib in Hamburg wandten sich gegen eine übereilte Vereinigung. Am 2. November 1874 fand die erste offizielle Beratung zwischen Vertretern der SDAP und des ADAV in Berlin statt. Eine zweite Konferenz tagte am 15. Dezember 1874. 

Beide Organisationen bekundeten in Erklärungen, die veröffentlicht wurden, ihren Willen zur Einheit der Arbeiterbewegung. 

Das waren die ersten offiziellen Verlautbarungen der ADAVFührer, in denen sie sich zur Einheit der Arbeiterbewegung bekannten. 

Der Appell an die Mitglieder blieb nicht ungehört. In einer Vielzahl von Mitgliederversammlungen, die gemeinsam von SDAP und ADAV organisiert und besucht wurden, bekannten sich vom Dezember 1874 bis Mai 1875 Zehntausende Arbeiter zur Einheit der Arbeiterbewegung. Die Mitglieder beider Organisationen fanden den direkten Kontakt zueinander, bauten Vorbehalte ab, klärten Meinungsverschiedenheiten und fanden sich in gemeinsamen Aktionen zusammen. Anfang 1875 erreichte die systematische und bewusste Zusammenarbeit einen ersten Höhepunkt. 

Ein entscheidender Fehler bestand zu diesem Zeitpunkt darin, dass der Aufruf an die Mitglieder, der organisatorischen Vereinigung zuzustimmen, die programmatischen Fragen, auf welchem Boden die Vereinigung vollzogen werden sollte, unbeachtet ließ. Es setzte eine breite Welle von Zustimmungserklärungen zur Einigung ein, ohne dass zugleich deren ideologische Grundlagen diskutiert wurden. Das nutzten die Führer des ADAV aus, um Vorbedingungen zugunsten des Lassalleanismus zu stellen. Die Verhandlungsführer des ADAV wichen als orthodoxe Lassalleaner von ihren mündlichen Zusagen vom Oktober und November 1874 ab. Am 10. Januar 1875 wandte sich der Vereinspräsident Hasenclever in einer offiziellen Bekanntmachung an die ADAVMitglieder: „Die Lassalleaner sind mit geringen Ausnahmen für eine Vereinigung, sie wollen aber die Anschauungen und Forderungen Lassalles in das gemeinsame Programm aufgenommen haben und bestehen bei der Organisation einer einheitlichen Partei auf straffer Zentralisation."3 Die Entscheidung fiel auf der Vorkonferenz in Gotha am 14. und 15. Februar 1875, auf der die Beratungen über die grundlegenden Dokumente für die Vereinigung stattfanden. Die ADAVUnterhändler gaben einem Statut ihre Zustimmung, dem die Prinzipien des demokratischen Zentralismus zugrunde gelegt waren. Sie stellten aber in der Programmfrage ultimative Forderungen. 

Liebknecht berichtete am 21. April 1875 Friedrich Engels, dass die Lassalleaner „unmittelbar vorher Vorstandssitzung gehabt" hätten und „in Bezug auf einige spezifische anstößige Punkte mit gebundenem Mandat" gekommen wären." Jedenfalls stand die Sache so: Entweder dieses Programm oder keine Einigung."4 Mitte Februar 1875 einigten sich die Unterhändler beider Organisationen auf einen Programmentwurf, der den unwissenschaftlichen und von der Praxis widerlegten Lassalleschen Auffassungen das Übergewicht sicherte. 

Die Vertreter der SDAP stimmten einem Kompromiss zu, der für die weitere Entwicklung der Arbeiterbewegung schädliche Folgen hatte. Sie ließen die Aufnahme überholter, von ihnen bereits theoretisch widerlegter Programmpunkte zu. Erst jetzt, nachdem der Kompromissvorschlag mit den Unterschriften aller Kommissionsmitglieder vorlag, konnten die Mitglieder in die Debatte eingreifen. Aber für grundlegende Änderungen war es zu spät. 

Die Widersprüchlichkeit in diesem komplizierten Einigungsprozess verdeutlichen Aussagen von führenden SDAP-Mitgliedern. Sie, wie auch Wilhelm Liebknecht, gingen von ihren bisherigen Erkenntnissen nicht ab und fassten ihre Kompromissbereitschaft nicht als eine Absage an den Marxismus auf. So sprach August Geib in Berlin am 7. Februar 1875 vor 800 Personen gegen eine Überbewertung Lassalles in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. 

Die Arbeiterbewegung in Deutschland gehe nicht auf Lassalle und den ADAV, sondern auf Marx und Engels und den Bund der Kommunisten zurück. „… Anfang der vierziger Jahre wurde vorzüglich von Marx und Engels viel für den wissenschaftlichen Ausbau des Sozialismus getan und dadurch der Boden gegeben, auf dem sich die Sektenbewegung zur Klassenbewegung entwickeln konnte."5 Auf dem Gothaer Parteikongress Ende Mai 1875 berieten 56 Delegierte der SDAP und 73 des ADAV. Sie vertraten mehr als 25 000 politisch organisierte Arbeiter. Sie kamen mit dem Ziel zusammen, die Einheit der Arbeiterbewegung zu proklamieren Nur mit einer Gegenstimme nahm der Kongress einen von August Geib und anderen vorgelegten Antrag an: „Der Kongress erklärt, mit der Vereinigung der zum Kongress eingeladenen sozialdemokratischen Fraktionen prinzipiell einverstanden zu sein, und schreitet daher unverzüglich zur Beratung des Programm- und Organisations-Entwurfes."6 Dreiundvierzig Redner beteiligten sich an den Programmdebatten. Wilhelm Liebknecht bemühte sich in seinem Referat, einige notwendige Programmvorschläge von Karl Marx zur Änderung des Entwurfs einzubringen. 

Doch alle Einwände, auch die anderer Delegierter, wurden zu spät vorgebracht, sie konnten den Grundgehalt des Gothaer Kompromissprogramms nicht mehr verändern. Nur in einem wichtigen Punkt erhielt Liebknecht die Zustimmung des Kongresses. Die Änderung betraf die internationale Stellung der deutschen Sozialdemokratie. 

Der von Marx kritisierte enge nationalistische Standpunkt, der seine Wurzeln in den opportunistischen Auffassungen des Lassalleanismus hatte, konnte überwunden werden. 

Wie sich noch während und vor allem nach dem Kongress herausstellte, legten sowohl viele Delegierte als auch Mitglieder und ausländische Sozialisten das so hart umstrittene Kompromissprogramm im vorwärtsweisenden Sinne aus. Friedrich Engels schätzte in einem Brief vom Oktober 1875 an Wilhelm Bracke ein: „Glücklicherweise ist es dem Programm besser gegangen, als es verdient. Arbeiter wie Bourgeois und Kleinbürger lasen das hinein, was eigentlich drin stehen sollte, aber nicht drin steht Das hat es uns möglich gemacht, zu diesem Programm zu schweigen." 7 Es gab in diesem Programm trotz seiner großen theoretischen Schwächen Forderungen, in denen viele Arbeiter ihre sozialistischen Vorstellungen verkörpert sahen. So enthielt es den Nachweis, dass die ökonomische und politische Abhängigkeit der Arbeiterklasse von der Kapitalistenklasse ihre Ursache im Privateigentum an den Produktionsmitteln habe. Erstmalig fand in einem Programm der deutschen Sozialdemokratie (sieht man vom Bund der Kommunisten ab) die Forderung nach Umwandlung der kapitalistischen Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum Aufnahme. Die vereinigte Partei formulierte in ihrem Programm, dass die Befreiung von kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung nur das Werk der Arbeiter sein kann. Nicht zuletzt proklamierte es als das Ziel der Arbeiterbewegung „die Aufhebung der Ausbeutung in jeder Gestalt, die Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit"8. 

Des Weiteren entsprachen eine Reihe Arbeiterschutzforderungen dem dringenden Anliegen der Arbeiter: gesetzlich geregelter Arbeitstag, Verbot der Sonntagsarbeit und andere. 

Zur Verbesserung der politischen Lage der Arbeiterklasse waren in dem Programm solche Forderungen enthalten wie die nach unbeschränktem Koalitionsrecht, Ausdehnung der politischen Rechte und Freiheiten. Das klare Bekenntnis zum proletarischen Internationalismus war eine Garantie für die Fortsetzung einer revolutionären Politik. 

Der Gothaer Kongress zog mit der Annahme marxistischer Organisationsprinzipien den Schlussstrich unter das Sektenwesen des ADAV. Ein spezieller Beschluss zu den Gewerkschaften bedeutete ebenfalls ein Bekenntnis zum marxistischen Standpunkt. Der Gothaer Parteikongress schuf die Grundlage für das gemeinsame Handeln aller bewusst organisierten Arbeiter. Er machte damit den Weg frei für die Gewinnung breitester Arbeiterschichten und für deren Einbeziehung in die sozialen und politischen Kämpfe jener Jahre. Mit der Vereinigung wurde die organisatorische Arbeitereinheit geschaffen, es blieb noch viel zu tun, um die wissenschaftliche Lehre vom Sozialismus in der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands durchzusetzen – und dies musste gegen opportunistische Grundthesen im beschlossenen Parteiprogramm erfolgen. 

Die organisatorische Spaltung in der Arbeiterbewegung war überwunden, ein neuer Kampfboden bildete sich heraus. Neue Möglichkeiten für die Verbreitung des Marxismus führten in den folgenden Jahren zu einem enormen Aufschwung in der Arbeiterbewegung. 

Zurückblickend schrieb Friedrich Engels später, dass die sozialistischen Kräfte seit ihrer Verschmelzung „nicht nur einen immensen Kraftzuwachs, sondern, was mehr war, die Fähigkeit zum Einsatz dieser ganzen Kraft gegen den gemeinsamen Feind erhielten. Die Sozialistische Partei in Deutschland war im Begriff, rasch zu einer Macht zu werden." 9 1 Protokoll über den sechsten Congress der Sozial-demokratischen Arbeiterpartei, abgehalten zu Coburg am 18., 19., 20. und 21. Juli 1874, Leipzig 1874, S. 90, 91, 92. 

2 August Bebel: Aus meinem Leben, Berlin 1983, S. 408. 

3 Neuer Sozial-Demokrat, Nr. 6, 13. Januar 1875. 

4 Institut Marxismus-Leninismus (IML), Zentrales Parteiarchiv (ZPA), Moskau, F. 1, op. 5, Nr 3504. 

5 Der Volksstaat, 24. Februar 1875 6 Protokoll des Vereinigungs-Congresses der Sozialdemokraten Deutschlands. Abgehallen zu Gotha vom 22. bis 27. Mai 1875, Leipzig 1875, S 32 7 Marx/Engels: Werke, Bd. 34, S. 156 8 Protokoll Gotha 1875, a. a.O., S. 54/55. 

9 Marx/Engels: Werke, Bd. 22. S. 287 (Dr. Marga Beyer ist Historikerin und lebt in Berlin, der Beitrag beruht auf einem Vortrag, der zum 120. Jahrestag des Gothaer Parteitages im Oktober 1995 in der „Geschichtskorrespondenz" erschien) 

 

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