Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit

Von JOSEPH DIETZGEN

 

„Das Denken selbst ist in diesem Zeitalter der Arbeitsteilung zu einem besonderen Handwerk geworden und in die elendsten Hände ist dieses Handwerk gefallen – in die unserer Zeitungen."

„Durch ihre Negation der Sinnlichkeit, durch das Bestreben, das Denken von allem sinnlich Gegebenen, gleichsam von seiner natürliche Hülle zu scheiden, legte die Philosophie mehr als jede andere Wissenschaft die Struktur des Geistes bloß. So daß, je älter sie wurde, je mehr sie sich in geschichtlichem Verlauf entwickelte, umso klassischer, frappanter dieser Kern ihrer Arbeit zutage trat. Nach wiederholten Schöpfungen großer Hirngespinste, fand sie ihre Auflösung in der positiven Erkenntnis, daß das reine, philosophische, von jedem gegebenen Inhalt absehende Denken auch ein Denken ohne Inhalt, Gedanken ohne Wirklichkeit, Hirngespinste erzeugt."

Vorrede

Hier dürfte der Ort sein, an den geneigten Leser sowohl wie an den ungeneigten Kritiker einige erläuternde Worte zu richten, welche das persönliche Verhältnis des Verfassers zu seiner Schrift betreffen. Der nächste Vorwurf, den ich antizipiere, ist Mangel an Gelehrsamkeit, der sich mehr noch indirekt, zwischen den Zeilen, als im Werkchen selbst direkt verrät. Wie darfst du, frage ich mich, dem Publikum deine Bearbeitung eines Gegenstandes vorlegen, der von den Heroen der Wissenschaft, unter anderem von ARISTOTELES, KANT, FICHTE, HEGELusw. bearbeitet worden ist, ohne noch alle Werke deiner berühmten Vorgänger gründlich zu kennen? Wirst du nicht, im besten Fall, das längst Getane wiederholen?

Ich antworte: der Same, welchen die Philosophie in das Erdreich der Wissenschaft gepflanzt hat, ist längst aufgegangen und hat seine Früchte getragen. Was die Geschichte zutage fördert, entwickelt sich geschichtlich, treibt, wächst und vergeht, um  in erneuter Form ewig fortzuleben. Die ursprüngliche Tat, das originale Werk ist nur fruchtbar in Kontakt mit den Verhältnissen und Beziehungen der Zeit, welche es geboren hat; schließlich aber wird es zu einer leeren Hülse, die ihren Kern an die Geschichte abgegeben hat. Was die Wissenschaft der Vergangenheit Positives Produzierte, lebt nicht mehr im Buchstaben seines Autors, sondern ist mehr als Geist, ist Fleisch und Blut geworden in der gegenwärtigen Wissenschaft. Um z. B. die Produkte der Physik zu kennen und dazu Neues zu produzieren, ist es nicht erforderlich, erst die Geschichte dieser Wissenschaft zu studieren und die bisher entdeckten Gesetze an der Quelle zu schöpfen. Im Gegenteil, die geschichtliche Forschung dürfte der Lösung einer bestimmten Aufgabe nur hinderlich sein, indem die konzentrierte Kraft notwendig mehr leistet, als die geteilte. In diesem Sinne rechne ich mir den Mangel an anderweitigen Kenntnissen zu gut, weil ich eben dadurch der Erkenntnis meines speziellen Objekts um so entschiedener hingegeben bin. Dieses Objekt zu erforschen und alles zu lernen, was meiner Zeit davon bekannt ist, habe ich mir ernstlich angelegen sein lassen. Die Geschichte der Philosophie hat sich insofern an meiner Individualität wiederholt, als ich mit dem Bedürfnis nach einer kompakten, systematischen Weltanschauung seit früher Jugend zu spekulieren ausging und schließlich die Befriedigung in der induktiven Erkenntnis des menschlichen Denkvermögens gefunden vermeine.

Und es ist nicht das Denkvermögen in seiner mannigfaltigen Erscheinung, es sind  nicht die verschiedenen Weisen  desselben, sondern seine allgemeinste Form,  sein generelles Wesen, was mich befriedigte und was darzustellen mein Zweck ist. Mein Objekt ist demnach möglichst simpel und speziell, so absolut einfach, daß mir seine mannigfaltige Darstellung schwer und häufige Wiederholungen beinahe unvermeidlich wurden. Zugleich ist die Frage nach dem Wesen des Geistes ein populäres Objekt, das nicht nur von Philosophen von Fach, das von der Wissenschaft überhaupt kultiviert ist. Es muß deshalb auch, was zu seiner Erkenntnis die Geschichte der Wissenschaft beigetragen, in der wissenschaftlichen Anschauung der Gegenwart allgemein lebendig sein. An dieser Quelle durfte ich mir genügen lassen.

So mag ich denn trotz meiner Autorschaft bekennen, kein Professor der Philosophie, sondern Profession ein Handwerker zu sein. Denjenigen, welche mir darum die alte Warnung zurufen möchten: „Schuster, bleib bei deinem Leisten!" antworte ich mit KARL MARX: „Euer nec plus ultra [nicht darüber hinaus - wp] handwerksmäßige Weisheit wurde zur furchtbaren Narrheit von dem Moment, wo der Uhrmacher WATT die Dampfmaschine, der Barbier ARKWRIGHT den Kettenstuhl, der Juwelier-Arbeiter FULTONdas Dampfschiff erfunden hat." Ohne mich diesen Größen zurechnen zu wollen, darf doch ihr Vorgang mir zur Nacheiferung dienen. Zudem ist auch die Natur meines Gegenstandes noch besonders auf die Standesklasse angewiesen, der ich anzugehören, wenn nicht die Ehre, so doch das Vergnügen habe.

Ich entwickle in dieser Schrift das Denkvermögen als Organ des Allgemeinen. Der leidende, der vierte, der Arbeiterstand ist insoweit erst der wahre Träger dieses Organs, als die  herrschenden  Stände durch ihre besonderen Klasseninteressen verhindert sind, das Allgemeine anzuerkennen. Wohl bezieht sich diese Beschränkung zunächst auf die Welt der  menschlichen Verhältnisse.  Aber solange diese Verhältnisse nicht  allgemein  menschlich, sondern Klassenverhältnisse sind, muß auch die Anschauung der Dinge von diesem beschränkten Standpunkt bedingt sein. Objektive Erkenntnis setzt subjektiv theoretische Freiheit voraus. Bevor KOPERNIKUS die Erde sich bewegen und die Sonne stehen sah, mußte er von seinem irdischen Standpunkt abstrahieren. Da nun dem Denkvermögen  alle Verhältnisse Gegenstand sind, hat es von  allem  zu abstrahieren, um sich selbst  rein oder wahr zu erfassen. Da wir alles nur mittels Denken begreifen, müssen wir von allem absehen, umd das reine, das Denken im Allgemeinen zu erkennen. Diese Aufgabe war zu schwer, solange sich der Mensch an einen beschränkten Klassenstandpunkt gebunden fand. Erst eine historische Entwicklung, welche soweit fortgeschritten ist, um die Auflösung  der letzten Herr- und Knechtschaft  zu erstreben, kann soweit der Vorurteile entbehren, um das Urteil im Allgemeinen, das Erkenntnisvermögen, die Kopfarbeit wahr oder nackt zu erfassen. Erst eine historische Entwicklung, welche die direkte allgemeine Freiheit der Masse im Auge haben kann – und dazu gehören wohl sehr verkannte historische Voraussetzungen – erst die neue Aera des vierten Standes findet den Gespensterglauben soweit entbehrlich, um den letzten Urheber allen Spuks, um den reinen Geist entlarven zu dürfen. Der Mensch des vierten Standes ist endlich "reiner"  Mensch. Sein Interesse ist nicht mehr Klassen-, sondern Masseninteresse, Interesse der Menschheit. Die Tatsache, daß zu allen Zeiten das Interesse der Masse mit dem Interesse der herrschenden Klasse verbunden war, daß nicht nur trotz, sondern gerade mittels ihrer stetigen Unterdrückung durch jüdische Patriarchen, asiatische Eroberer, antike Sklavenhalter, feudale Barone, zünftige Meister, besonders durch moderne Kapitalisten und auch selbst noch durch kapitalistische Cäsaren die Menschheit stetig „fortgeschritten" – diese Tatsache nähert sich ihrem Ende. Die Klassenverhältnisse der Vergangenheit waren  notwendig für die allgemeine Entwicklung. Jetzt ist diese Entwicklung an einem Standpunkt angekommen, wo die Masse selbstbewußt wird. Die bisherige Menschheit hat sich  mittels Klassengegensatzes  entwickelt. Sie ist damit soweit gekommen, daß sie sich nunmehr  unmittelbar selbst  entwickeln will. Die Klassengegensätze waren Erscheinungen  der Menschheit. Der Arbeiterstand will die Klassengegensätze aufheben, damit die Menschheit eine  Wahrheit sei.

Wie die Reformation von den faktischen Verhältnissen des sechzehnten Jahrhunderts, wie die Erfindung des elektrischen Telegraphen, so ist die Ergründung der Theorie unserer menschlichen Kopfarbeit von den faktischen Verhältnissen des neunzehnten Jahrhunderts bedingt. Insofern ist der Inhalt dieser kleinen Schrift kein individuelles Produkt, sondern ein geschichtliches Gewächs.  Ich fühle mich dabei – mit Verlaub für die mystische Phrase – nur als ein Organ der Idee. Mir gehört die Darstellung,  in Bezug auf welche ich hiermit um freundliche Nachsicht bitte. Ich bitte den Leser, seine stillen oder lauten Einreden nicht gegen die mangelhafte Form, nicht gegen das zu richten, was ich derart sage,  sondern gegen das, was ich  sagen will;  ich bitte, mich nicht geflissentlich im Buchstaben zu mißverstehen, sondern im Geiste, im Allgemeinen das Verständnis suchen zu wollen. Sollte es mir nicht gelungen sein, die Idee mit Erfolg zu entwickeln, sollte auch deshalb meine Stimme auf unserem überfüllten Büchermarkt ersticken müssen, wird doch  die Sache,  dessen bin ich mir sicher, einen talentvollen Vertreter finden.

Siegburg, den 15. Mai 1869

Joseph Dietzgen

Lohgerber

 

I.

Einleitung

Systematisierung  ist das Wesen, ist der generelle Ausdruck für die gesamte Tätigkeit der Wissenschaft. Die Wissenschaft will nichts weiter, als die Objekte der Welt für unseren Kopf in Ordnung und System bringen. Die wissenschaftliche Erkenntnis einer Sprache z. B. fordert ihre Einteilung oder Ordnung in allgemeine Klassen und Regeln. Die Ackerbauwirtschaft will nicht, daß die Kartoffel nur  geraten,  sondern für die Art und Weise des Anbaus die  systematische Ordnung finden, deren Kenntnis instandsetzt  mit Vorausbestimmung des Erfolges  zu bauen. Das ist das praktische Resultat aller Theorie, daß sie uns mit dem System, mit der Methode ihrer Objekte bekannt macht und also befähigt in der Welt mit Vorausbestimmung des Erfolges zu agieren. Erfahrung ist wohl die Voraussetzung dazu; aber allein reicht sie nicht aus. Erst die aus ihr entwickelte  Theorie,  die Wissenschaft, erlöst vom Spiel des Zufalls. Sie verschafft uns mit dem Bewußtsein die Herrschaft über den Gegenstand und unbedingte  Sicherheit  in seiner Handhabung.

Der Einzelne kann nicht  alles  wissen. So wenig wie die Geschicklichkeit und Kraft seiner Hände ausreicht, alles zu produzieren, was er bedarf, so wenig reicht die Fähigkeit seines Kopfes aus, alles zu wissen, was Not tut.  Glaube  ist dem Menschen notwendig. Jedoch nur der Glaube an das, was andere  wissen.  Die Wissenschaft ist ebenso wie die materielle Produktion eine  gesellschaftliche Angelegenheit. „Einer für alle und alle für einen."

Wie es aber leibliche Bedürfnisse gibt, die jeder nur sich selbst besorgen kann und soll, so gibt es auch wissenschaftliche Objekte, die zu wissen von allen  erfordert ist und deshalb nicht irgendeiner besonderen Fachwissenschaft angehören.

Ein solcher Gegenstand ist das menschliche  Denkvermögen:  die Erkenntnis, das Verständnis, die Theorie desselben kann keiner besonderen Zunft überlassen sein. Wohl mit Recht sagt LASSALLE: „das Denken selbst ist in diesem Zeitalter der Arbeitsteilung zu einem besonderen Handwerk geworden und in die elendsten Hände ist dieses Handwerk gefallen – in die unserer Zeitungen." Damit sind wir angewiesen uns diese Bedienung nicht länger gefallen, uns von der öffentlichen Meinung nicht länger haranguieren [aufregen - wp] zu lassen, sondern das  Selbstdenken  wieder aufzunehmen. Einzelne Gegenstände des Wissens oder der Wissenschaft mögen wir Fachleuten überlassen, aber das Denken im Allgemeinen ist eine  allgemeine Angelegenheit,  die niemandem erlassen werden kann.

Vermöchten wir diese Arbeit des Denkens auf ein wissenschaftliches Fundament zu stellen, dafür eine Theorie zu finden, vermöchten wir die Art und Weise zu entdecken, wie die Vernunft überhaupt Erkenntnisse erzeugt oder die Methode zu finden, nach welcher sich die wissenschaftliche Wahrheit produziert, so würden wir auf dem Gebiet des Wissens überhaupt, für unsere Urteilskraft im  allgemeinen  dieselbe Sicherheit des Erfolgs erwerben, welche in  besonderen  Disziplinen die Wissenschaft schon längst erworben hat.

KANT sagt: „Wenn es nicht möglich ist die verschiedenen Mitarbeiter in der Art wie die gemeinschaftliche Absicht verfolgt werden soll, einhellig  zu machen, so kann man überzeugt sein, daß ein solches Studium bei weiterm nocht nicht den  sicheren Gang  einer Wissenschaft eingeschlagen, sondern ein bloßes Herumtappen sei."

Sehen wir uns heute nun in den Wissenschaften um, so finden wir da viele, vornehmlich die Naturwissenschaften, welche der AnforderungKANTs entsprechen, welche mit sicherem Bewußtsein, mit widerspruchsvoller Einhelligkeit bei ihren gewonnenen Erkenntnissen beharren und sie weiter tragen. „Dort weiß man," wie LIEBIG sagt, „was eine Tatsache, ein Schluß, eine Regel, ein Gesetz ist. Für all das hat man Probiersteine, die jeder erst gebraucht, ehe er die Früchte seiner Arbeit in Zirkulation setzt. Die advokatorische Durchführung einer Ansicht oder die Absicht einen anderen etwas Unbewiesenes glauben zu machen, scheitern augenblicklich an der wissenschaftlichen Moral."

Dagegen auf anderen Gebieten, dort wo man die konkreten materiellen Dinge verläßt und sich abstrakten, sogenannten philosophischen Gegenständen zuwendet, in Sachen der allgemeinen Welt- und Lebensanschauung, in den Fragen von Anfang und Ende, von Schein und Wesen der Dinge, ob Ursache oder Wirkung, ob Kraft oder Stoff, ob Macht oder Recht, in Fragen der Lebensweisheit, in der Moral, der Religion, der Politik - da finden wir statt „schlagender beweisender Tatsachen" nur „advokatorische Durchführungen", nirgends ein zuverlässiges  Wissen,  sondern überall nur ein bloßes Herumtappen widersprechender  Meinungen. 

Ja gerade die Koryphäen der Naturwissenschaft bekunden sich durch ihre Mißhelligkeit bei der Berührung solcher Themen als philosophische Pfuscher. Daraus ergibt sich dann, daß die wissenschaftliche Moral, die Probiersteine, deren man für die scharfe Unterscheidung zwischen Wissen und Meinen zu besitzen sich rühmt, nur auf einer  instinktiven Praxis,  aber nicht auf bewußter Erkenntnis, auf keiner förmlichen Theorie  beruhen. Obgleich auch unsere Zeit sich auszeichnet durch fleißige Kultur der Wissenschaft, so bezeugt doch auch wieder ihre vielfältige Meinungsverschiedenheit, daß sie nicht versteht, das Wissen mit Vorausbestimmung des Erfolgs zu handhaben. Woher sonst die Mißverständnisse? Wer das Verstehen versteht, darf nicht mißverstehen. Nur die  unbedingte Sicherheit  der astronomischen Rechnungen zeugt für ihre Wissenschaftlichkeit. Wer zu rechnen versteht, weiß wenigstens zu erproben, ob seine Rechnung wahr oder falsch ist. So muß auch das allgemeine Verständnis des Denkprozesses uns den Probierstein an die Hand geben, das Verstandene vom Mißverstandenen, das Wissen vom Meinen, Wahrheit und Irrtum  allgemein  und unzweifelhaft zu unterscheiden. Irren ist  menschlich,  aber nicht wissenschaftlich.  Da nun die Wissenschaft eine menschliche Sache ist, mögen Irrtümer ewig bleiben, aber daß man dieselben für wissenschaftliche Wahrheiten ausgibt und, noch mehr, sie allgemein dafür akzeptiert, davon wird das Verständnis des Denkprozesses ebensoweit befreien können, wie das Verständnis der Mathematik von falschen Rechnungen befreien kann. Es klingt paradox und ist dennoch wahr: Wer die allgemeine Regel, welche Wahrheit und Irrtum scheidet, so genau kennt, wie die Regel der Sprachlehre, welche das Hauptwort vom Zeitwort trennt, wird dort wie hier mit  gleicher Sicherheit  unterscheiden. Von jeher haben Gelehrte sowohl wie Schriftgelehrte einander in Verlegenheit gesetzt mit der Frage: was ist Wahrheit? Diese Frage bildet seit Jahrtausenden ein wesentliches Objekt, vornehmlich der Philosophie. Sie findet schließlich, wie letztere selbst, ihre Auflösung in der Erkenntnis des menschlichen Denkvermögens. Mit anderen Worten: die Frage nach den Kennzeichen der Wahrheit im allgemeinen ist gleich mit der Frage nach dem Unterschied zwischen Wahrheit und Irrtum. Die Philosophie  ist die Wissenschaft, welche sich darum bemüht hat und mit dem Rätsel zuletzt sich selbst durch endliche klare Erkenntnis des Denkprozesses auflöste. Eine kurze Betrachtung des Wesens und des Verlaufs der Philosophie darf also füglich unserem Thema als Einleitung dienen.

Da das Wort in mannigfaltiger Bedeutung gebraucht wird, sei bemerkt, daß hier nur von der sogenannten  spekulativen  Philosophie die Rede ist. Wir unterlassen dabei das Gesagte mit häufigen Zitaten und Quellenangaben zu belegen, weil das, was wir davon sagen, so offenkundig, so widerspruchslos gilt, daß wir des gelehrten Beiwerks wohl entraten können.

Legen wir den erwähnten Maßstab KANTs an, so erscheint die spekulative Philosophie mehr als Tummelplatz differenter Meinungen, denn als Wissenschaft. Ihre Zelebritäten [Berühmtheiten - wp], ihre klassischen Größen sind nicht einmal einhellig in der Antwort auf die Frage:  was ist, was will die Philosophie?  Deshalb, um die verschiedenen Meinungen darüber nicht noch mit unserer Privatmeinung zu vermehren, lassen wir alles als Philosophie gelten, was sich so nennt und suchen aus dieser reichen Bibliothek dickleibiger Bände – ohne uns vom Besonderen oder Sonderbaren beirren zu lassen – das  Gemeinschaftliche oder  Allgemeine. 

Auf diesem empirischen Weg finden wir dann zunächst, daß die Philosophie  ursprünglich  keine besondere einzelne Wissenschaft ist, neben oder in Gemeinschaft mit anderen Wissenschaften, daß sie vielmehr Gattungsname des Wissens überhaupt, Inbegriff allen Wissens ist, wie die Kunst Inbegriff der verschiedenen Künste. Wer sich das Wissen, wer sich die Kopfarbeit zur wesentlichen Beschäftigung machte - jeder Denker  ohne Rücksicht auf den Inhalt seiner Gedanken war ursprünglich  Philosoph. 

Sobald dann mit der fortschreitenden Bereicherung des menschlichen Wissens sich die einzelnen Fächer von der  mater sapientiae [Mutter der Weisheit - wp] loslösten, vornehmlich seit der Entstehung der modernen Naturwissenschaft, findet sich, daß die Philosophie nicht sowohl durch ihren  Inhalt  als durch ihre  Form  gekennzeichnet ist. Alle anderen Wissenschaften unterscheiden sich durch ihre verschiedenen Gegenstände,  die Philosophie hingegen durch ihre  eigene Methode.  Sie besitzt wohl auch einen Gegenstand, einen Zweck; sie will das Allgemeine, die Welt als Ganzes, den Kosmos begreifen. Aber es ist nicht dieser Gegenstand, nicht das Vorhaben, was sie charakterisiert, sondern die Art und Weise, wie sie es verfolgt.

Alle anderen Wissenschaften beschäftigen sich mit  besonderen Dingen oder Gegenständen und wenn auch mit dem All, mit dem Kosmos, dann immer doch nur in Bezug auf die besonderen Teile oder Momente, woraus sich das Weltall zusammensetzt. ALEXANDER von HUMBOLDTsagt in der Einleitung zu seinem „Kosmos", daß er sich in diesem Werk auf eine  empirische  Betrachtung beschränke, auf die physische  Forschung, welche mittels der Mannigfaltigkeit die Gleichartigkeit oder Einheit zu erkennen suche. So gelangen überhaupt die induktiven Wissenschaften nur aufgrund ihrer Beschäftigung mit dem Einzelnen, Besonderen, sinnlich Gegebenen zu allgemeinen Schlüssen ode Erkenntnissen. Sie sagen deshalb von sich: „Unsere Schlüsse beruhen auf Tatsachen." Umgekehrt verfährt die spekulative Philosophie. Wo auch irgendein besonderes Thema ihr als Gegenstand der Forschung dient, so verfolgt sie es doch  nicht im Besonderen.  Die Offenbarungen der Sinne, die mit Aug’ und Ohr, mit Hand und Kopf gemachte physische Erfahrung, weist sie als trügerische Erscheinung zurück und beschränkt sich auf das  "reine",  von allen Voraussetzungen absehende Denken, um so auf umgekehrtem Weg, mittels der Einheit menschlicher Vernunft die Mannigfaltigkeit des Weltalls zu erkennen. Bei der Frage z. B., welche uns gegenwärtig beschäftigt, bei der Frage: was ist Philosophie? – würde sie nicht von ihrer wirklichen sinnlichen Gestalt, von den hölzernen und schweinsledernen Folianten, von ihren großen und kleinen Abhandlungen ausgehen, um von hier aus zum Begriff zu gelangen. Umgekehrt, der spekulative Philosoph sucht innerlich in sich, in der Tiefe seines Geistes den wahren Begriff der Philosophie, nach dessen Maßstab er dann die sinnlich gegebenen Exemplare als echt oder unecht aburteilt. Mit der Erforschung handgreiflicher Objekte hat sich die spekulative Methode wohl niemals beschäftigt, es sei denn, daß wir in jeder unwissenschaftlichen Naturanschauung, welche die Welt mit Hirngespinsten bevölkerte, die Manier der Philosophie wiedererkennen. Die Anfänge der wissenschaftlichen Spekulation forschten wohl auch nach Sonnen- und Weltenlauf. Seitdem jedoch die induktive Astronomie diese Gebiete mit größerem Erfolg kultiviert, beschränkt die Spekulatioin sich ganz und gar auf Behandlung mehr abstrakter Themen. Hier ist sie denn, wie überhaupt, charakterisiert durch Erzeugung ihrer Resultate aus der Idee oder dem Begriff. -

Für die empirische Wissenschaft, für die Methode der Induktion ist die erfahrene Mannigfaltigkeit das Erste und das Denken das Zweite. Dagegen will die Spekulation  ohne Hilfe der Erfahrung  die wissenschaftliche Wahrheit erzeugen. Die philosophische Erkenntnis soll sich nicht auf vergängliche Tatsachen stützen, sondern  absolut,  über Raum und Zeit erhaben sein. Die spekulative Philosophie will keine physische Wissenschaft, sie will  Metaphysik  sein. Ihre Aufgabe besteht darin, rein aus der Vernunft, ohne Beihilfe von Erfahrung ein System zu finden, eine Logik oder Wissenschaftslehre, mittels deren sich die Wissenswürdigkeiten logisch oder systematisch abwickeln lassen, ähnlich, wie wir grammatisch aus dem gegebenen Stamm eines Wortes seine verschiedenen Formen abzuwickeln vermögen. Die physischen Wissenschaften agieren unter der Voraussetzung, daß unser Erkenntnisvermögen – um bekannte Bilder zu gebrauchen – einem Stück weichen Wachses ähnlich sei, welches seine Eindrücke von der Außenwelt empfange oder einer leeren Tafel, die von der Erfahrung beschrieben wird. Die Philosophie hingegen setzt angeborene Ideen voraus, welche mittels des Denkens aus den Tiefen des Geistes zu schöpfen und produzieren sind.

Der Unterschied zwischen  spekulativer  und  induktiver Wissenschaft beruth auf dem Unterschied zwischen  Phantasie  und gesundem Menschenverstand.  Letzterer zeugt seine Begriffe mittels der Außenwelt, mittels der Erfahrung, während die Phantasie ihr Produkt aus der Tiefe des Geistes, mit sich selbst, von innen heraus zeugt. Jedoch ist diese Zeugung nur scheinbar einseitig. Sowenig der Maler übersinnliche Bilder, übersinnliche Gestalten zu erfinden weiß, sowenig vermag der Denker außerhalb der Erfahrung liegende, übersinnliche Gedanken zu denken. Wie die Phantasie aus der Zusammensetzung von Mensch und Vogel „Engel" schafft oder aus Fisch und Weib „Sirenen", in derselben Art sind alle ihre anderen Produkte obgleich scheinbar Erzeugnisse ihrer selbst, doch in der Tat nur willkürlich geordnete Eindrücke der Außenwelt.  Der Verstand, die Vernunft bindet sich an Zahl und Ordnung, an Zeit und Maß der Erfahrung, während die Phantasie das Erfahrene ungebunden, in willkürlicher Form reproduziert.

Der Drang nach Wissen hat von jeher veranlaßt, auch schon dort, wo wegen Mangel an Erfahrung und Beobachtung keine induktive Erkenntnis möglich war, dennoch die Erscheinungen der Natur und des Lebens aus dem menschlichen Geist, d. h. spekulativ zu erklären. Man suchte die Erfahrung durch Spekulation zu ergänzen. In einer folgenden, durch Erfahrung bereicherten Zeit erkannte man gewöhnlich die vorhergegangene Spekulation als Irrtum. Aber dennoch bedurfte es tausendjähriger angehäufter Wiederholung dieses Enttäuschungsaktes einerseits und der zahlreichsten eklatantesten Erfolge induktiver Methode andererseits, bevor man diese spekulative Liebhaberei verlassen mochte.

Gewiß ist auch die Phantasie ein positives Vermögen und sehr oft geht die spekulative, durch Analogie erworbene Ahnung der erfahrungsmäßigen induktiven Erkenntnis voraus. Nur sollen wir klar, bewußt sein, was und wieviel Vermutung und was und wieviel Wissenschaft. Bewußte Ahnung fordert zu wissenschaftlicher Forschung auf, während vermeintliche Wissenschaft der induktiven Forschung die Türe schließt. Die Erwerbung eines klaren Bewußtseins über den Unterschied zwischen Spekulation und Wissen ist ein geschichtlicher Prozeß, dessen Anfang und Ende mit Anfang und Ende der spekulativen Philosophie zusammenfällt.

Im Altertum arbeitete der gesunde Menschenverstand mit der Phantasie, die induktive Methode mit der spekulativen gemeinschaftlich und unentzweit. Die Auseinandersetzung beider beginnt er mit Erkenntnis der mannigfachen Täuschungen, welchen bis zur neueren Zeit das noch ungeübte Urteil unterlegen hatte. Statt nun die erfahrenden Täuschungen aus dem Mangel an Verständnis herzuleiten, schrieb man sie der Mangelhaftigkeit der Sinne zu, schalt die Sinne Betrüger und die sinnliche Erscheinung unwahr. Wer kennt nicht das alte Lamento über die Unzuverlässigkeit der Sinne? Die Mißverständnisse der Natur und ihrer Erscheinungen dienten vorerst zum völligen Zerwürfnis mit der Sinnlichkeit. Man hatte  sich getäuscht  und glaubte  getäuscht worden zu sein.  Der Unmut darüber verkehrte sich zur totalen Mißachtung der sinnlichen Welt. Ebenso kritiklos gläubig wie man bis dahin das Scheinbare für Wahrheit angenommen, ebenso unkritisch im Zweifel verwarf man jetzt den Glauben an die sinnliche Wahrheit ganz und gar. Die Forschung wandte sich von der Natur, von der Erfahrung weg und begann mit  reinem Denken  die Arbeit der spekulativen Philosophie.

Doch nein! So ganz ließ sich die Wissenschaft niemals vom Weg des gesunden Menschenverstandes, von der Wahrheit der sinnlichen Welt abbringen. Die  Naturwissenschaft  trat bald dafür ein und ihre glänzenden Erfolge erwarben der induktiven Methode das Bewußtsein der Fruchtbarkeit, während andererseits die Philosophie nach einem System forschte, mittels dessen sich die großen allgemeinen Wissenswürdigkeiten ohne Forschung  en detail,  ohne sinnliche Erfahrung und Beobachtung  mit der Vernunft allein erschließen.

Solcher spekulativen Systeme besitzen wir nun eine mehr als hinreichende Zahl. Messen wir dieselben mit dem erwähnten Maß der Einhelligkeit, so findet sich die Philosophie nur einig in einer allgemeinen Uneinigkeit. Die Geschichte der spekulativen Philosophie besteht dann auch nicht, wie die Geschichte anderer Wissenschaften, in der allmählichen Ansammlung von Kenntnissen, sondern in einer Reihe mißglückter Versuche mit der puren Denkkraft, ohne Hilfe der Objekte oder der Erfahrung davon, die allgemeinen Rätsel der Natur und des Lebens erforschen. Den kühnsten Versuch, den künstlichen Gedankenbau vollendete HEGEL zu Beginn unseres Jahrhunderts, welcher, einer Redensart nachzusprechen, in der wissenschaftlichen Welt eine Berühmtheit erlangte, wie NAPOLEON in der politischen. Aber auch die HEGELsche Philosophie hat die ihr gestellte Probe nicht bestanden. „Sie ist, wie HAYM („Hegel und seine Zeit") sagt, durch den Fortschritt der Welt und durch die lebendige Geschichte beseitigt worden."

Das Resultat der Philosophie bis dahin war also die Unfähigkeitserklärung ihrer selbst. Jedoch werden wir nicht verkennen, daß einer Arbeit, welche Jahrtausende lang die besten Köpfe beschäftigte, wohl etwas Positives zugrunde liegt. Und in der Tat, die Philosophie besitzt eine Geschichte, – eine Geschichte nicht nur im Sinne einer Reihenfolge mißglückter Versuche, sondern auch eine Geschichte im Sinne einer lebendigen Entwicklung. Aber es ist nicht der Gegenstand, nicht das gesuchte logische Weltsystem, welches sich mit ihr entwickelt, sondern die Methode. 

Jede positive Wissenschaft besitzt ein sinnliches Objekt, einen äußerlich gegebenen Anfang, eine Voraussetzung, auf welche sich ihre Erkenntnis versteift. Jeder empirischen Wissenschaft unterliegt ein sinnliches Material, ein gegebener Gegenstand, infolgedessen ihr Wissen abhängig, unrein ist. Die spekulative Philosophie sucht ein  reines, totales, absolutes  Wissen. Sie will ohne Material, ohne Erfahrung, aus "reiner"  Vernunft erkennen. Sie entspringt aus dem begeisterten Bewußtsein von der überlegenen Vortrefflichkeit der Erkenntnis oder Wissenschaft über die empirische sinnliche Erfahrung. Sie will deshalb ganz und gar über die Erfahrung hinaus, zu einer  totalen, reinen Erkenntnis.  Ihr Gegenstand ist die Wahrheit, aber nicht die besondere, nicht die Wahrheit dieser oder jener Sache, sondern die Wahrheit im Allgemeinen, die Wahrheit „an sich„. Die spekulativen Systeme suchen an einem voraussetzungslosen Anfang, an einem unbezweifelbaren sich selbst tragenden Standpunkt, um von hier aus das überhaupt Unbezweifelbare zu bestimmen. Die Systeme der Spekulation sind  ihrem eigenen Bewußtsein nach  vollkommene, abgeschlossene,  in sich selbst begründete  Systeme. Jedes spekulative System fand seine Auflösung in der nachfolgenden Erkenntnis, daß seine Totalität, seine Selbstbegründung, seine Voraussetzungslosigkeit  vermeintlich  war, daß es sich wie andere Erkenntnisse äußerlich, empirisch hat bestimmen lassen, daß es kein philosophisches System, sondern eine relative empirische Erkenntnis ist. Die Spekulation löste sich schließlich in die Wissenschaft auf, daß das Wissen an sich oder im Allgemeinen  unrein  ist, daß das Organ der Philosophie, das Erkenntnisvermögen ohne  gegebenen  Anfang nicht anfangen kann, daß die Wissenschaft der Erfahrung nicht total, sondern nur insoweit überlegen ist, als sie  zahlreiche Erfahrungen zu organisieren  vermag, daß also nur insoweit eine allgemeine, objektive Erkenntnis oder die Wahrheit „ansich" Gegenstand der Philosophie sein kann, als man aus  gegebenen besonderen Erkenntnissen oder Wahrheiten die Erkenntnis oder Wahrheit im Allgemeinen  zu charakterisieren, zu erkennen vermag. Schlicht gesprochen reduziert sich die Philosophie auf die unphilosophische Wissenschaft des  empirischen  Erkenntnisvermögens, auf die Kritik der Vernunft.

Von der Erfahrung des Unterschieds zwischen Schein und Wahrheit geht die neuere, die bewußte Spekulation aus. Sie negiert jede sinnliche Erscheinung, um, von keinem Schein betrogen, die Wahrheit durch Denken  zu finden. Im Verlauf erkennt der folgende Philosoph jedesmal, daß die derartig gewonnenen Wahrheiten der Vorgänger nicht das sind, was sie zu sein prätendieren, sondern ihrem positiven Gehalt nach sich darauf beschränken, die Wissenschaft des Erkenntnisvermögens, des Denkprozesse gefördert zu haben. Durch ihre Negation der Sinnlichkeit, durch das Bestreben, das Denken von allen sinnlich Gegebenen, gleichsam von seiner natürliche Hülle zu scheiden, legte die Philosophie mehr als jede andere Wissenschaft die Struktur des Geistes bloß. So daß, je älter sie wurde, je mehr sie sich in geschichtlichem Verlauf entwickelte, umso klassischer frappanter dieser Kern ihrer Arbeit zutage trat. Nach wiederholten Schöpfungen großer Hirngespinste, fand sie ihre Auflösung in der positiven Erkenntnis, daß das reine, philosophische, von jedem gegebenen Inhalt absehende Denken auch ein Denken ohne Inhalt, Gedanken ohne Wirklichkeit, Hirngespinste erzeugt. Der Prozeß der spekulativen Täuschung und wissenschaftlichen Enttäuschung setzte sich fort bis in die neueste Zeit, wo endlich die Lösung der Gesamtfrage, die Auflösung der Spekulation mit den Worten LUDWIG FEUERBACHs beginnt:  „Meine Philosophie ist keine Philosophie." 

Die lange Rede der spekulativen Arbeit reduziert sich auf die Erkenntnis des Verstandes, der Vernunft, des Geistes, auf die Enthüllung jener geheimnisvollen Operationen, welche wir  Denken  nennen.

Das Geheimnis der Art und Weise, wie sich die Wahrheiten der Erkenntnis erzeugen, die Unkenntnis der Tatsache, daß jedes Denken eines Objekts, einer Voraussetzung bedarf, war die Ursache jener spekulativen Irrung, welche in der Geschichte der Philosophie enthalten ist. Dasselbe Geheimnis ist heute die Ursache jener vielen spekulativen Irrungen und Widersprüche, welchen wir  en passant  [so nebenbei - wp] in den Worten und Werken unserer Naturforscher begegnen. Das Wissen und Erkennen ist dort weit gediehen, jedoch nur soweit, als man greifbare  Gegenstände behandelt. Bei irgendeinem Thema anderer, abstrakter Art, finden wir anstelle „beweisender Tatsachen", „advokatorische Durchführungen", weil man, wenn auch im Besonderen, wenn auch instinktiv, so doch nicht im Allgemeinen, nicht mit Bewußtsein, nicht theoretisch weiß, was eine Tatsache, ein Schluß, eine Regel, eine Wahrheit ist. Die naturwissenschafltichen Erfolge haben gelehrt das Instrument des Wissens, den Geist, instinktiv zu handhaben. Jedoch fehlt die systematische Erkenntnis, welche mit Vorausbestimmung des Erfolgs agiert. Es fehlt das Verständnis für die Arbeit der spekulativen Philosophie.

Unsere Aufgabe wird nun darin bestehen, das, was die Philosophie positiv Wissenschaftliches langstylig [weitläufig - wp] und größtenteils unbewußt gefördert hat, durch eine kurze Rekapitulation zu Bewußtsein zu bringen, d. h. die allgemeine Natur des Denkprozesses zu enthüllen. Wir werden sehen, wie uns die Erkenntnis dieses Prozesses das Mittel an die Hand gibt alle die allgemeinen Rätsel der Natur und des Lebens wissenschaftlich zu lösen, wie somit jener fundamentale Standpunkt, jene systematische Weltanschauung gewonnen ist, welche das langerstrebte Ziel der spekulativen Philosophie war.

LITERATUR – Joseph Dietzgen, der deutsche Arbeiterphilosoph: Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit, dargestellt von einem Handarbeiter [Eine abermalige Kritik der reinen und praktischen Vernunft], Hamburg 1869

 

 

JOSEPH DIETZGEN, der Arbeiterphilosoph. Karl Marx sagte über Dietzgen: „Das ist unser Philosoph". Joseph Dietzgen wurde am 9. Dezember 1828 in Stadt Blankenberg, heute Stadtteil von Hennef im Rhein-Sieg-Kreis, gestorben ist er am 16. April 1888 in Chicago.

Dietzgen leistete wichtige Beiträge zum dialektischen Materialismus und das anfangs parallel zu Marx und Engels, denen er sich dann aber anschloss.

Er wird bis heute von vielen Philosophieprofessoren nicht zu ihrer Zunft gehörig angesehen – er hatte nie an einer Universität studiert; er war einfacher Lohgerber. Das hinderte aber Ludwig Feuerbach, Karl Marx und Friedrich Engels nicht daran, in engen Kontakt zu Dietzgen zu treten und auch Lenin hat sich in seinen philosophischen Schriften auf Dietzgen berufen.

Als nach dem 1. Mai 1886 die gesamte Führung der Arbeiterbewegung in Chicago verhaftet und einige später zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden, ging Dietzgen nach Chicago um dort die Herausgabe der anarcho-syndikalistischen deutschsprachigen Zeitung Arbeiterstimme zu zu leiten, deren Redakteure im Gefängnis waren. siehe und siehe. Er starb dort im Jahr 1888

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