Fetischkritik statt Klassenkampf  

Karl Reitter hat ein Buch zur Kritik der »Neuen Marx-Lektüre« herausgegeben  

Christian Stache 

In: junge Welt online vom 16.04.2015 

 

Das im Mandelbaum Verlag publizierte Buch »Karl Marx. Philosoph der Befreiung oder Theoretiker des Kapitals?« ist eine Kampfansage an die Vertreter der derzeit im deutschen Sprachraum dominanten Lesart des Werks von Karl Marx und Friedrich Engels. Diese Interpretationsstrategie taufte Hans-Georg Backhaus, einer ihrer Exponenten, einst auf den Namen »Neue Marx-Lektüre« (NML). 

Dem Herausgeber des 316 Seiten starken Sammelbands, Karl Reitter, war der russische Ökonom Issak Iljitsch Rubin der »Wegbereiter« der NML. Über Georg Lukács' Arbeiten, die traditionelle Kritische Theorie Adornos und Horkheimers, die Arbeiten der Adorno-Schüler Hans-Georg Backhaus und Helmut Reichelt führte die Linie zur heutigen Generation populärer Marx-Exegeten wie Ingo Elbe und Michael Heinrich. 

Die Mehrheit der elf Autoren des Buchs befasst sich nicht ausschließlich mit den zeitgenössischen Positionen der »beiden Flügel« der NML, »dem Hegelmarxismus von Backhaus und Reichelt« und »dem von Althusser inspirierten Zugang«, sondern auch mit der »Wertkritik«. Zu dieser Spielart des Marxismus zählt Jürgen Albohn in seinem Beitrag vor allem die Krisis-Gruppe des verstorbenen Robert Kurz und deren Spaltprodukt, das Projekt »Exit« um Ernst Lohoff und Norbert Trenkle, sowie Moishe Postone und die Initiative Sozialistisches Forum (ISF). 

Die inhaltlichen Gemeinsamkeiten der zwei »teilweise seelenverwandten« (Reitter) Traditionslinien rechtfertigen zweifellos diese Anlage des Buchprojekts - im Grunde eine Fortsetzung und inhaltliche Vertiefung der 2008 von Karl Reitter und Gerhard Hanloser veröffentlichten Streitschrift »Der bewegte Marx«. 

Einige der wesentlichen Charakteristika der NML arbeitet der Grazer Soziologe Tobias Brugger in seinem Beitrag allgemeinverständlich heraus. 

Der Kapitalismus werde als eine sich verselbständigt habende und geistig nahezu undurchdringbare Struktur interpretiert, als ein laut Ingo Elbe »gesellschaftliches Verhältnis der Sachen«. 

Die Existenz der Klassen werde, so Reitter im Vorwort, nur als »Binnenphänomen des Kapitalismus« und der Klassenkonflikt laut Brugger »grosso modo als systemimmanenter Prozess verstanden«. »Herrschaft wird in der Auffassung der NML vom rautomatischen Subjektl ausgeübt, (...) von einer verselbständigten sachlichen Form der Vergesellschaftung mittels Warenproduktion. Ob Kapitalist oder Lohnarbeiterin - beide werden in dieser Sichtweise gleichermaßen von einer ihnen nicht zugänglichen Logik unterworfen.« 

Marx' Werk, insbesondere »Das Kapital«, stelle für die NML, so Brugger weiter, eine »Kritik der gesellschaftlichen Verkehrung« dar. Statt des antagonistischen Verhältnisses von Kapital und Arbeit würden »Fetischismus und die durch das Kapitalverhältnis erzeugten Mystifikationen (...) zum zentralen Moment der kapitalistischen Synthesis auserkoren«. Die kapitalistische Produktionsweise werde dadurch zu einem Problem der philosophischen Erkenntnis statt Gegenstand des Klassenkampfes. 

Es komme, konstatiert Albohn in seinem Essay zur Wertkritik, zu einer »Fetischisierung des Fetischkapitels bei Marx«. Für Brugger wird »die NML durch ihre Hypostasierung des Fetischcharakters selbst ideologisch« und zum »Totengräber radikaler Kritik«. Georg Klauda schreibt in seinem Artikel über die Kritische Theorie als Vorläufer der NML, dass es sich bei letzterer um eine »Revision der Marxschen Theorie« handele. Sie komme, heißt es bei Brugger, »der herrschenden Klasse geradezu entgegen«. Denn der Schritt zurück von der Theorie des Kapitals zur Praxis ist verstellt, wenn nicht mehr die Ausbeutung in der gesellschaftlichen Praxis das Kernproblem marxistischer Theorie bildet, sondern die Interpretationen der bürgerlichen Produktionsweise. 

Dass Verfechter der NML Popularisierungsversuche des Marxschen Werkes als »Vulgarisierung« (Backhaus) oder gleich als Remystifizierung (Stichwort »verkürzte Kapitalismuskritik«) denunzieren, ist naheliegend. 

Johann-Friedrich Anders zeigt in seinem Essay, dass Marx diese Positionen nicht geteilt hat und dass es innerhalb der NML zu keiner ernsthaften Auseinandersetzung, weder mit Marx' noch mit anderen popularisierten Darstellungen der kapitalistischen Produktionsweise gekommen ist. 

Die Autoren des Sammelbands thematisieren zwar die neuralgischen Punkte der NML und der Wertkritik. Das zweite Vorhaben des Herausgebers, nämlich »den Weg für eine emanzipatorische Marxinterpretation« zu ebnen, bleibt aber unerfüllt. 

  

Reitter, Karl (Hg.): Karl Marx. Philosoph der Befreiung oder Theoretiker des Kapitals? Zur Kritik der »neuen Marx-Lektüre«. Mandelbaum Verlag, Wien 2015, 316 Seiten, 19,90 Euro 

 

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