»Vertiefen, begründen, festigen«  

Georg Lukács’ Rolle bei der Entwicklung des Marxismus – anlässlich des 130. Geburtstags des Philosophen und Kommunisten. Ein Interview mit Erich Hahn Erich Hahn 

In: junge Welt online vom 13.04.2015 

 

Georg Lukács gehört zu den wichtigsten marxistischen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Mit seiner frühen Aufsatzsammlung »Geschichte und Klassenbewusstsein« (1923) und seinem Spätwerk zur »Ontologie des gesellschaftlichen Seins« (1972/1984) löste er intensive Diskussionen aus - weit über die kommunistische Bewegung hinaus. Über Werk und Leben von Lukács sprachen wir mit Erich Hahn. Der Philosoph und Soziologe war von 1971 bis 1990 Direktor des Instituts für marxistisch-leninistische Philosophie der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Berlin/DDR. 

Seit 1993 ist er Mitglied der Leibniz-Sozietät in Berlin. (jW) 

  

Vor wenigen Wochen begingen Sie Ihren 85. Geburtstag. Nachträglich herzlichen Glückwunsch. Vor 130 Jahren wurde Georg Lukács geboren. Dies soll uns Anlass sein, über dessen Lebenswerk und Ihre Beschäftigung mit dieser theoretischen Leistung zu sprechen. Besonders soll es um Bruch und Kontinuität in dessen Werk gehen. In Ihrer Publikationsliste stehen Arbeiten zu Lukács ab 2001. Heißt das, wenn wir von Brüchen reden, dass Lukács erst nach 1989 für Sie interessant geworden ist? 

Nein. Bekanntgeworden bin ich mit Lukács durch unseren Dozenten für Historischen Materialismus an der Humboldt-Universität, durch meinen Lehrer Hermann Scheler. Er hielt 1953 oder 1954 entsprechende Vorlesungen. Damals gab es ja kaum Bücher. Er aber hatte ein altes Exemplar von »Geschichte und Klassenbewusstsein«. Das heute für mich Verblüffende ist, dass er auf die philosophischen Fragen, um die der Streit nach Erscheinen dieser Schrift im Jahr 1923 sofort eingesetzt hatte, überhaupt nicht einging. Er sprach allein über die Parteitheorie - und zwar so positiv, so pragmatisch, dass uns das so eingängig wie ein Lehrbuch über die Dialektik des Klassenbewusstseins der Arbeiterklasse erschien: Das Klassenbewusstsein sei weder eine Summe des Empirischen, dessen was die Proletarier alltäglich im Kopf haben, noch existiere es jenseits realer Bewusstseinsprozesse. Es bildet sich, indem die sozialistische Theorie durch die Aktivität der kommunistischen Partei mit dem tatsächlichen Bewusstsein, den Erfahrungen der Arbeiterklasse, vermittelt wird. Das ist uns damals so klar gemacht worden, dass es für mich daran nie Zweifel gab. Ich habe dann als Propagandist gearbeitet; da war das Studium eine sehr glückliche theoretische Untermauerung. 

Nach dieser Euphorie über Lukács haben wir von ihm »Der junge Hegel« und die »Zerstörung der Vernunft« verschlungen. Auch weil es nicht allzuviel Literatur gab. Ja und dann kam 1956 - also Lukács' Engagement in der Regierung von Imre Nagy. Die Stimmung unter uns Studenten am Institut für Philosophie war so, dass einige sich daranmachten, eine Brigade zur Unterstützung der ungarischen Kommunisten gegen die Konterrevolution in Budapest zu bilden. Unverständnis, Enttäuschung, Zorn war unsere Haltung gegenüber Lukács. Das alles bekam noch einmal einen Auftrieb während der 68er-Ereignisse. Rudi Dutschke mühte sich vergeblich ab, Lenin »auf die Füße zu stellen«, und berief sich dabei auf Lukács, insbesondere auf »Geschichte und Klassenbewusstsein«. Mit Dutschke wurden Leute in der westdeutschen außerparlamentarischen Bewegung maßgebend, die gegen die kommunistische Partei eingestellt waren und sich als Alternative zu ihr und im Grunde zur organisierten Arbeiterbewegung verstanden. Sie haben aus Lukács herausgeholt, was sie wollten. In der Regel funktionierte das allein durch Abstraktion und Verdrehung. All das jedenfalls hat noch einmal Fragezeichen hinter das Werk des Ungarn gesetzt. 

Dann kam eine Pause. Ich bin 1966 zur Soziologie gewechselt und hatte andere Aufgaben. Nach 1989 bin ich auf Lukács durch einen Vortrag des Philosophiekollegen Helmut Seidel gestoßen. Er hielt auf der ersten großen Marxismus-Konferenz in Hannover 1997 einen glänzenden Vortrag, durch den ich auf Lukács' »Ontologie« aufmerksam wurde. Da begann meine eigentliche und anhaltende Beschäftigung mit ihm. 

So gab es also bei Ihnen auch durch Hinwendung, Abwendung und erneute Hinwendung Brüche in der Beschäftigung mit seiner Philosophie. Würden Sie bei ihm nur den biographischen Bruch sehen, als er sich von seinem großbürgerlichen Elternhaus abwandte? Oder gibt es auch Brüche in seinen Werk? 

Das ist sehr schwer in einem Zug zu beantworten. Zunächst einmal hat sich der Bruch, von dem die Rede ist, über Jahre hingezogen. Eine gewisse Distanz dem Elternhaus gegenüber ergibt sich bereits in seiner frühesten Jugend. Er protestiert gegen Rituale, gegen Umgangsformen, die in der großbürgerlichen Familie praktiziert wurden. Es geht auch um Heuchelei. Er erfährt eine menschliche Distanz, verstärkt durch Erlebnisse in der katholisch dominierten Schule. Er lässt sich nicht alles bieten und gilt als aufmüpfig. Er liest Bücher, aus denen sich Widersprüche zur Moral und zu den Normen seiner Umwelt ergeben. Also der Bruch ergibt sich vor allem aus seiner Enttäuschung über die kulturelle Verfasstheit des damaligen Budapest. Das ist der erste, über das Familiäre und das unmittelbare Milieu hinausgehende Anlass für einen größeren Zwist. 

Zu einer großen Erschütterung kommt es mit dem Ersten Weltkrieg, der ihn tief trifft. Bis dahin hat er in seinen kunsttheoretischen Arbeiten, so im Buch »Die Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas« von 1907 und in Aufsätzen zwischen 1910 und 1912 immer wieder eine kritische, ablehnende Haltung gegenüber dem bürgerlichen Kulturbetrieb eingenommen. In seiner Autobiographie »Gelebtes Denken« schreibt er sinngemäß: Jetzt, also 1914/15, müsse Position bezogen werden, jetzt müsse man reagieren und nicht alles so weitergehen lassen wie bisher. 

Parallel vollzieht sich seine Wendung von Kunst und Ästhetik zur Ethik. Die lässt sich nicht nur an diesem oder jenem Jahr festmachen. 1911, im Essayband »Die Seele und die Formen«, ist von Ethik erstmals explizit und vordergründig überschwenglich die Rede. Anlass war der Selbstmord seiner Freundin und eine damit verbundene schwere persönliche Krise. Mit dem Ersten Weltkrieg wird das Interesse an Fragen zum gesellschaftlichen Charakter des menschlichen Daseins verstärkt. Lukács betreibt keine formale »Buchstabenethik«, ihn bewegen Lebensfragen. 

Der Weltkrieg als Rückfall in die Barbarei weckt zugleich das Interesse an der Politik. Bis dahin gibt es organisatorisch keine Beziehung zu linken Gruppen. Nun setzt sie ein; zunächst zur anarchosyndikalistischen Gruppe um Ervin Szabó. Das ist um 1914. Dann wendet er sich noch einmal zwei Jahre lang der Ästhetik zu. Schließlich vollzieht er den endgültigen Bruch - nicht nur mit dem Elternhaus, sondern mit der gesamten bürgerlichen Kultur, mit der kapitalistischen Gesellschaft. Das kommt wie ein Schwall. Die Sprache ändert sich. In seinen Werken wird Marx zunehmend erwähnt, zitiert und kommentiert, allerdings zunächst noch mit einer gewissen nachdenklichen Distanz. Die Zustimmung überwiegt aber: Da ist eine Theorie, die mir helfen kann. Dieser Prozess setzt 1915 mit den ethischen Notizen, mit »Dostojewski. Notizen und Entwürfe«, ein und wird 1918 mit seinen ersten politischen Artikeln fortgesetzt. Das ist dann das, wovon er selbst am Ende seines Lebens sagt: Die größte Wendung in meinem Leben war der Entschluss, mich dem Kommunismus zuzuwenden. Freunde sagten, in einer Woche im Dezember 1918 habe er sich entschieden, Mitglied der KP zu werden. 

Aber spielte da nicht auch die Oktoberrevolution eine Rolle? 

Selbstverständlich. Darüber äußert er sich allerdings nicht ausführlich. 

Wir sind jetzt in einer Phase des intensiven Überlegens. Überhaupt schreibt er in dieser Zeit erstmals direkt zu politisch-theoretischen, zu marxistischen Fragen. Lukács spricht vom Bolschewismus in dem Artikel »Der Bolschewismus als moralisches Problem« (1918). Darin stellt er sich den Ereignissen in Russland und in Ungarn. Er meint, dass es in der bolschewistischen Position ein unlösbares moralisches Problem gebe, sie basiere nämlich auf der »metaphysischen Annahme, dass aus dem Schlechten Gutes stammen« könne. Es gibt da eine schöne schlimme Bemerkung: »Der Bolschewismus stellt sich nicht ausreichend den moralischen Problemen einer proletarischen Revolution.« 

Die proletarische Revolution kann sich vor das Problem gestellt sehen, den Sozialismus unter der Bedingung einzuführen, dass sich ihm außer den Kommunisten eher wenige Menschen anschließen. Auf jeden Fall muss der Bolschewismus damit rechnen, dass er mit einer Minderheit in die Revolution eintritt. Daraus ergibt sich jetzt ein Dilemma: Entweder er setzt sich gegen die Mehrheit der Bevölkerung durch, was in letzter Konsequenz auch Terror bedeutet, oder er wartet, bis eine ausreichende Mehrheit mit dem Sozialismus einverstanden ist. Das kann sehr lange dauern. Kommt es so, dann ist er zu Kompromissen gezwungen, dann werden sich Verwässerungen der Prinzipien einstellen. Dann kann es passieren, dass die Zielvorstellungen der Revolution aus dem Auge geraten. Das ist Lukács' Dilemma. Er kann sich nicht für den Bolschewismus entscheiden, er ist für das demokratische Abwarten. Aber er ist sich bewusst, dass bei beiden Entscheidungen außerordentlich schwere Probleme zu bewältigen sein werden. 

Sie sagten vorhin, Lukács hat mit dem Bürgertum gebrochen, aber dialektischer wäre es ja zu sagen, es sei in seinem Schaffen aufgehoben. 

Völlige Zustimmung. Ich betone den Einfluss der deutschen sogenannten Geisteswissenschaft auf Lukács, also seine Beschäftigung mit führenden Vertretern der »Südwestdeutschen Schule« (eine Mischung aus Lebensphilosophie und Neukantianismus; jW), mit Georg Simmel, Heinrich Rickert, Wilhelm Windelband und mit Emil Lask. Deren Orientierung auf ein idealistisches Verständnis der Geschichte, auf Geistesgeschichte, ist mehr oder weniger eine Reduktion, mindestens was ihre Triebkräfte betrifft. 

Diese Schule steht in einem ignoranten Gegensatz zum Marxismus, immerhin mindestens ein halbes Jahrhundert nachdem der in diesen Fragen vollendet war, und stellt jegliche materiellen Triebkräfte der geschichtlichen Entwicklungen in Abrede. Marxismus kommt nur vereinzelt vor. 

Das Positive aus diesem geisteswissenschaftlichen Fundus ist eine akribische Beschäftigung mit dem geistigen Leben: Geschichte der Weltanschauung, Probleme der Ästhetik, auch Probleme der Ethik, das ganze Problem der Wertung. Es ist anzumerken, dass dies Spuren in seinen Schriften hinterlässt - bis an sein Lebensende. Peter Ludz, Herausgeber von Lukács' Schriften zur Ideologie und Politik, hält fest, dass das Bewusstsein in den Überlegungen des ungarischen Philosophen immer eine große Rolle gespielt hat. 

Sein Werk entsteht und erscheint, nachdem die Grundlagen des Marxismus geklärt sind. Die Fragen, die von ihm gestellt werden, sind im Prinzip von Marx und Engels schon bedacht worden. Er konfrontiert immer wieder Versatzstücke des Marxismus, Teile desselben mit historischen Ereignissen, mit Einschnitten, mit politischen Zäsuren, mit Siegen und Niederlagen der Arbeiterbewegung. Er klopft den Marxismus darauf ab: Welche Schlussfolgerungen hat der Marxist aus einer bestimmten Entwicklung der gesellschaftlichen Praxis zu ziehen? So geht er in bezug auf die Bewertung künstlerischer Prozesse, auf die Bestimmung des Basis-Überbau-Verhältnisses immer wieder mit Marx neue Wege, obwohl dazu von den Begründern des Marxismus Verbindliches geschrieben worden ist. Das hängt mit seiner geistigen Vergangenheit zusammen. 

Eine besondere Rolle in der Anwendung und Weiterentwicklung des Marxismus spielen die berühmten »Altersbriefe« von Engels, in denen der historische Materialismus notwendige Ergänzungen gegenüber den früheren Arbeiten von Marx und Engels erfährt. Engels wirft das Problem auf: Der Materialismus erkläre völlig zutreffend, dass das gesellschaftliche Bewusstsein vom gesellschaftlichen Sein, der Überbau von der Basis, die Ideologie vom täglichen Klassenkampf usw. bestimmt wird. In der damaligen Frontstellung zum Idealismus hätten Marx und er völlig zu Recht auf die materialistische Herleitung der Ideen das Schwergewicht gelegt. Das Eigenleben des Bewusstseins, der Ideologie, nach dem es bzw. sie entstanden ist, die Rückwirkung des Ideellen blieb unterbelichtet. Im Moment der Entstehung wirkt Ideologie bereits. Sie entsteht nicht erst als System und wirkt dann. 

Hier setzt Lukács mit seiner Ontologie, also seiner Theorie vom Sein des Seienden, deutlich einen neuen Akzent. 

Ich nenne ein Beispiel. Wir haben im Rahmen des Marxismus-Leninismus oft um die Frage nach der Entstehung und der Wirkung von Ideologie diskutiert. Wir gingen im Grunde schematisch vor: Ideologien entstehen aus den ökonomischen, politischen, sozialen Prozessen. Wie erklärt sich aber ihre Rückwirkung? Eigentlich widerspricht sie doch dem Materialismus, eigentlich ist das doch eine umgekehrte Wirkung. Hier macht Lukács in seinem Spätwerk einen Schnitt, indem er zwei Gesichtspunkte unterscheidet: das Problem der Wahrheit und das der Wirkung einer geistigen Gegebenheit. Er sagt, ersteres ist eine erkenntnistheoretische Frage. Was ist wahr? Das andere ist eine Frage der Ontologie. Warum wirkt etwas wie? Er tut alles, um das mögliche Missverständnis auszuräumen, es seien dies zwei Wissenschaften oder zwei Denkweisen. Er ist sich der Relativität dieser Unterscheidung bewusst. Ich halte das für eine geniale Entdeckung. Denn prinzipiell wirkt auch falsches Bewusstsein. Nicht nur die Wahrheit wirkt, nicht nur wahre Einsichten wirken in der Geschichte. Dass Falsches wirkt, kann man nicht einfach als einen Fehltritt oder einen Zufall aus irgendwelchen anderen Umständen erklären. Hier geht Lukács tatsächlich einen Schritt weiter. Man könnte es etwas dialektischer fassen, eventuell mit dem Begriffsinventarium von Hans Heinz Holz. 

Vieles sei schon durch Marx und Engels geklärt worden, Lukács habe es in seine Zeit nur thematisch variiert, stellten Sie fest. Ein Einwand ist: Die qualitative Veränderung ist das imperialistische Zeitalter mit seinen entsprechenden irrationalistischen Reflexionsweisen, auf die Lukács eingeht und deshalb auch den Marxismus weiterdenkt. 

Was ich gesagt habe, vollzieht sich im rein philosophisch-systematischen Bereich. Aber selbstverständlich - und darin liegt die Größe seines Denkeinsatzes als marxistischer Philosoph - verfasst Lukács wohl keine größere Arbeit, von den kleineren Arbeiten ganz zu schweigen, die nicht an Problemen der gesellschaftlichen Praxis festgemacht sind. Er spinnt an keiner Stelle eine theoretisch aufgeworfene Frage akademisch weiter. 

Ausgangspunkt seiner theoretischen Überlegungen ist die historische Praxis. 

Das trifft besonders auf die »Zerstörung der Vernunft« zu bzw. auf seine Arbeiten zur faschistischen Ideologie. Man soll nicht die Vorarbeiten zur »Zerstörung der Vernunft« von 1933 - also zu der Frage, wie die faschistische Ideologie in Deutschland entstanden ist, oder die Streitschrift »Hotel Abgrund« - unberücksichtigt lassen. Darin begründet er aus einer antifaschistischen Haltung heraus seine Entscheidung für Marxismus und Sozialismus, wendet sich mit starken Worten an seine ehemaligen Freunde und Lehrer und warnt sie davor, dem Zeug auf den Leim zu gehen und in dieselben Fehler zu verfallen. Er rechnet dabei auch mit sich selbst ab; das sind sehr starke Passagen in seinem Werk. 

Ich sehe in seinem antifaschistischen Engagement eine Wiederaufnahme dessen, was der Erste Weltkrieg bei ihm zeitlebens bewirkt hat. Das geht bis in seine Formulierungen, natürlich auf einem ganz anderen Niveau. Die Erschütterung des Ersten Weltkrieges war eine sehr persönliche, momentane und weniger philosophisch reflektierte. Viel Protestpotential hat sich in ihm zwischen 1914 und 1917/18 angesammelt. Nun ging es auch darum, einen Weg von der Kunst zur Ethik und von der Ethik zur Politik zu finden. Mit »Geschichte und Klassenbewusstsein« ist Ethik im unmittelbaren Sinne für eine lange Zeit erst einmal erledigt. Direkt werden von ihm Fragen dazu erst wieder am Ende seines Lebens aufgenommen - in der »Ontologie«. 

Wie kommt es dann zu einem Bruch innerhalb des antifaschistischen oder sozialistischen Lagers? Warum betrachten Funktionäre und Wissenschaftler der DDR Lukács plötzlich als Revisionisten? Natürlich wirft man ihm sein Engagement in der Regierung von Imre Nagy vor. Aber man beginnt auch, innerhalb seines Werks einen Revisionismus zu entdecken. Wie ist das zu erklären? 

Ich möchte zunächst zwischen den Debatten innerhalb des antifaschistischen Lagers und dem Revisionismusvorwurf im engeren Sinne unterscheiden. Die Erstgenannten zu behandeln würde den Rahmen dieses Gesprächs übersteigen. 

Der Revisionismusvorwurf im engeren Sinne beginnt mit der Kritik Sinowjews an Lukács 1924/25 im Kontext des V. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale. Er fand Fortsetzungen in den zwanziger und dreißiger und dann noch einmal in den sechziger Jahren. In seinem Zentrum standen philosophische Probleme des bereits erwähnten Buches »Geschichte und Klassenbewusstsein«, seinem bekanntesten und umstrittensten Werk. 

Der unmittelbare Grund für die außerordentliche Wirkung dieses Textes, allerdings eher in der westlichen Welt, war, dass er erstmals - so sieht er es in seinem Vorwort zur Wiederveröffentlichung der Schrift im Rahmen der Werkausgabe von 1967 - für die marxistische Bewegung das Problem der Entfremdung kritisch revolutionstheoretisch aufgeworfen hat. Mit der Akzentuierung der Entfremdung hatte er das Empfinden und Denken breitester Kreise bürgerlicher Intellektueller angesprochen. Mit dem Begriff »Entfremdung« konnten sie etwas anfangen. Es wurde deutlich, dass der Kapitalismus nicht nur für die Arbeiterklasse, sondern für alle Klassen und Schichten eine unheilvolle Bedrohung darstellt. Lukács war nicht der erste, der darüber geschrieben hat. Sein Ansatz besteht darin, die Frage nach dem Bewusstsein, nach dem subjektiven Faktor zu stellen, die Frage nach einer Kraft, die die Entfremdung aufheben kann. Lukács hat sich - so Frank Benseler, der spätere Herausgeber seiner Werke - mit »Geschichte und Klassenbewusstsein« das Ziel gestellt, das historische Subjekt zu bestimmen, das mit der Entfremdung Schluss machen kann. Das gehe nur über eine proletarische Revolution. Das ist Lukács' Denkeinsatz. Er entwickelt Begriffe und Theorien, die die Marxschen Entdeckung der Arbeiterklasse vertiefen, begründen, festigen usw. 

Woher kommt das historische Subjekt, das Proletariat? Tritt es in »Geschichte und Klassenbewusstsein« nicht unvermittelt auf wie ein »Deus ex machina«? 

Das ist ein gängiger Einwand. Ich bin anderer Meinung. Ich erwähnte bereits, dass Lukács Vieles von Marx und Engels voraussetzt. Etwa ihre historisch-ökonomische Herleitung der historischen Rolle des Proletariats. 

Dafür spricht, dass er eine berühmte Bemerkung aus der »Heiligen Familie« als Motto eines der wichtigsten Beiträge des Werkes nutzt: »Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst dass ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird« (MEW, Band 2, Seite 38). Das ist eine erzmaterialistische und konsequent historische Herleitung - freilich auf abstrakte Weise. 

Lukács vollzieht das nach, indem er die objektiv mögliche Einsicht des Proletariats in seine eigene historische Situation und Perspektive und die der gesamten Gesellschaft zeigt. All das fußt letztlich auf den ökonomischen Analysen von Marx und Engels. 

Wir waren ja beim Revisionismusvorwurf gegen Lukács. Wie kam es denn dazu? 

Ich beziehe mich oft auf Arbeiten von Jörg Kammler, einem Schüler und Mitarbeiter des Marburger Soziologen Wolfgang Abendroth. Kammler setzt sich mit all jenen auseinander, die diese Debatte auf eine rein theoretische oder rein weltanschauliche Auseinandersetzung reduzieren wollen oder bloß Ideologiekritik an Lukács üben. Kammler hebt gesellschaftliche Ursachen für das Entstehen einer solchen Kritik hervor: In den dreißiger Jahren bestand für die Sowjetunion auf Biegen und Brechen die Aufgabe, eine bäuerliche Bevölkerung sozusagen in die Zwänge einer kapitalistischen Industriegesellschaft zu bringen mit allem, was dazu gehört. Auch die Unvermeidlichkeit einer »Erziehungsdiktatur« wird von ihm in die Diskussion eingebracht. Letztlich ging es freilich, wie sich wenige Jahre später erweisen sollte, um den ideologischen Rahmen von Existenz oder Nichtexistenz der Sowjetunion. Dies hat Lukács noch kurz vor seinem Tod mit Nachdruck betont. 

Dazu konnte man - anscheinend - keine theoretischen Fisimatenten gebrauchen, sondern handhabbare Konzepte: Was ist wie und warum? Was man brauchte, war einheitliches Handeln auf der Grundlage einer einheitlichen ideologischen Orientierung. So ging es uns dann auch 1945. Ich verdanke erste Einsichten darüber, was Faschismus bedeutet und was Kriege verursacht, den vereinfachenden materialistischen Ansätzen aus dem »Kurzen Lehrgang der KPdSU (B)«. 

Insofern ist Kammler zuzustimmen, dass es bei der Kritik an »Geschichte und Klassenbewusstsein« nicht nur um einzelne philosophische Auffassungen oder Begriffe ging (Materialismus, Hegelianismus, Dialektik in der Natur, Abbildung), sondern um den Charakter des Leninismus nach Lenins Tod. Diese Auseinandersetzung wurde auf dem V. Weltkongress geführt. Soll man sich den Leninismus als ein starres System von Leitsätzen im eben angedeuteten Sinn vorstellen oder geht es darin in philosophischer Hinsicht um eine materialistische Denkmethode als »revolutionäre Dialektik«? Ansätze zu einem derartigen Projekt skizziert Lukács schon 1924 in einer kleinen Abhandlung »Lenin«. Ihm geht es um eine Theorie und Methode, die vornehmlich darauf zielt, konkrete Probleme der historischen Praxis philosophisch zu bewältigen. Deshalb hatte er auch mit dem kritisierten Buch das Problem der Dialektik zum Gegenstand einer Diskussion machen wollen. 

In solchen Debatten kommt die Sprache natürlich auch auf die 1960 in der DDR erschienene Publikation »Georg Lukács und der Revisionismus«. Das in unserem Gespräch Gesagte gilt auch in diesem Zusammenhang. Nicht nur die DDR-Autoren lassen keinen Zweifel daran, dass die Publikation eine politische Reaktion auf Lukács' Position in Budapest im Herbst 1956 war. 

Dem ist die theoretische Argumentation oft untergeordnet. Das gilt nicht nur für diese Veröffentlichung. 

Zugleich ist um der Wahrheit und der Zeitläufte willen festzuhalten, dass dieses Buch nicht das letzte Wort der DDR zu Lukács war. Den Instituten für Philosophie und für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR und der Ungarischen Volksrepublik kommt das Verdienst zu, aus Anlass des 100. Geburtstags von Lukács 1985 in Berlin ein internationales Symposium veranstaltet zu haben. Seine Bedeutung und sein Einfluss sollten gewürdigt und die »kritisch-konstruktive Aneignung« seines Werkes befördert werden. Auch und gerade aus heutiger Sicht ist anzumerken, dass Verlauf und Veröffentlichung dieser Tagung als eine hervorragende, differenzierte, gründliche und korrekte Auseinandersetzung mit dem ungarischen Philosophen gewertet werden muss. Selbstkritik wurde nicht ausgeblendet. 

Gesagt werden muss auch, dass Arbeiten von Werner Mittenzwei und anderen Gelehrten dazu wichtige Voraussetzungen geschaffen haben. Damit wird eine Brücke zu der großen Leistung von Wolfgang Harich geschlagen. Der hatte bis 1956 im Aufbau-Verlag das Erscheinen von mehr als einem Dutzend grundlegender Werke von Lukács in der berühmten »Blauen Reihe« in die Wege geleitet. 

Das Interview führten Daniel Bratanovic und Andreas Hüllinghorst 

 

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„Die Abkehr von der Manipulation ist ein Gerichtetsein auf die Wirklichkeit"  

Vor 130 Jahren wurde der marxistische Philosoph und Literaturwissenschaftler Georg Lukács geboren  

In: unsere zeit online vom 10.04.2015 

 

Georg Lukács, geboren am 13. April 1885 in Budapest, kämpfte zeit seines Lebens gegen alles, was der Mensch an Unmenschlichkeiten sich selbst zufügt, ob im Kapitalismus, Faschismus oder auch Sozialismus. Er nannte alle menschlichen Entfremdungen deutlich beim Namen, was vielen, die ihn als Revisionisten beschimpften nicht gefiel – nur weil er mit Marx sagte, dass „proletarische Revolutionen … grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche" kritisieren müssen. 

Sein Werk „Geschichte und Klassenbewusstsein", das 1923 erschienen war, beeinflusste später maßgeblich die 68er-Bewegung in Westeuropa. Über 40 Jahre nach seinem Erscheinen ergriff dieses Buch mit seiner These, dass das über ein entsprechendes Bewusstsein verfügende Proletariat in dem Augenblick die Macht erringe, da es erkenne, dass es zur Erlösung der Welt berufen ist, die westeuropäische Studentenbewegung. Dieses „messianische Sektierertum", so Lukács kurz vor seinem Tod, sei für den Erfolg von „Geschichte und Klassenbewusstsein" in Westeuropa verantwortlich gewesen (vgl. Lukács, Gelebtes Denken, Frankfurt 1981, S. 126). 

Lukács hatte sich zu dieser Zeit längst von seinem Frühwerk distanziert und beobachtete dessen Einfluss mit großer Skepsis. Darin, so Lukács, fehle die Universalität des Marxismus, die aus der anorganischen Natur die organische ableite und aus der organischen Natur, vermittelt durch den Prozess der Arbeit, die Gesellschaft. Auf die bürgerlichen Intellektuellen hätten gerade diese Mängel des Buches – das Fehlen des ontologischen Marxismus – überzeugend gewirkt. In einem Brief an Lukács bestätigt Frank Benseler diese Einschätzung. „Im Grunde ist das die Situation der gesamten fortschrittlichen bürgerlichen Intelligenz. 

Sie alle wünschen Gerechtigkeit; glauben dies aber denkend erreichen zu können durch geistige Formen usw.; sie scheuen vor den Konsequenzen des wahren Engagements zurück" (Benseler an Lukács am 6.12.1961, aus: Objektive Möglichkeiten, Opladen 1995). 

Entideologisierte Intelligenz In seinem Essay „Grand Hotel Abgrund" (1933) schreibt er, die Intellektuellen seien „gebannt im Zauberkreis der Ideologie" und reagierten auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen „mit einem falschen Bewusstsein", das nicht einfach vom Himmel falle oder auf einen bösartigen Charakter zurückzuführen sei. „Die gesellschaftliche Arbeitsteilung bringt es notwendig mit sich, dass die Ideologen stets an die unmittelbar vorangegangenen und zeitgenössischen Ideologen anknüpfen, dass sie ihre Kritik der Gegenwart stets in der Form einer Kritik der gegenwärtigen und vergangenen Ideologien vollziehen." Sie bezögen sich nicht auf die Wirklichkeit, sondern auf Theorien über diese Wirklichkeit, zitierten Nietzsche, Heidegger oder Sartre. Für Lukács ist die Ideologie aber nicht mit der Wirklichkeit identisch, sondern ihre Aufgabe sah er darin, „die von der Ökonomie im gesellschaftlichen Leben ausgelösten Konflikte bewusst zu machen und auszufechten." (Lukács, Ontologie, Bd. 

I, S. 201) Da die Intelligenz aber die Ideologie selbst schon als Wirklichkeit einstufe und sich als geistige Elite für völlig unideologisch ansehe, könne sie nicht den „Kernpunkt des Klassenkampfes, die Scheidung der Klassen, von Revolutionen und Konterrevolutionen: die Frage der Ausbeutung klar" erblicken. Dreißig Jahre später (1963) bezeichnet Lukács diese Eigenschaft der Intelligenz als fehlendes „ontologisches Bewusstsein", womit er ein anderes meinte als das Klassenbewusstsein, das er 1923 in „Geschichte und Klassenbewusstsein" beschrieben hatte. 

Die bürgerliche Intelligenz beziehe sich – bedingt durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung, in der sie Produktion und Propaganda der Ideologie als Lebensbeschäftigung, als geistige und materielle Basis der eigenen Existenz betreibe – auf die eigenen Ideen und glaube so tatsächlich an die eigene gesellschaftliche Führerrolle, deren Bewusstsein das gesellschaftliche Sein präge. „Der faschistische Mythos als Gedankenform einer Ideologie wird verächtlich abgelehnt." (Lukács, Ontologie, Bd. II, S. 696) Daraus werde die Negation jeglicher Ideologie abgeleitet und der „Entideologisierung" das Wort gepredigt, die den Einzelmenschen auffordere, rein rational zu handeln. 

Um echten Konflikten den Nährboden zu entziehen, komme es nur darauf an, sich rein „sachlich" durch rationelle Vereinbarungen und Kompromisse zu einigen. In so genannten Weiterbildungsseminaren wird diese Form der „Entideologisierung" heute in allen Betrieben und Institutionen trainiert. Die Entideologisierung bedeute „die unbeschränkte Manipulierbarkeit und Manipulation des gesamten Menschenlebens" (ebenda). 

Diese „entideologisierte" Einstellung zur Wirklichkeit, so Lukács, nehme nur den einzelnen Menschen zur Kenntnis, nicht aber das gesellschaftliche Sein, das unabhängig vom Einzelmenschen existiere, das dieser bei Geburt vorfindet und in das er sich so oder so fügen muss. Der Fetisch der Freiheit, der auf dieser Basis der „Entideologisierung" gedeihe und den Lukács als in den USA vorherrschend kritisierte, sei ein „höchst ideologischer" Begriff, der die Menschen mit falschem Bewusstsein fülle, indem er sie von ihrer Gattungsmäßigkeit isoliere. Die Fetischisierung der Freiheit frage nicht nach dem sozialen Gehalt der menschlichen Beziehungen, sondern „partikularisiere" den Menschen zu einem simplen Bedürfnisatom. 

Von der Ästhetik zur Ontologie Nachdem Lukács in seiner Ästhetik die Bedeutung der verschiedenen Medien und Signalsysteme für das menschliche Bewusstsein und Selbstbewusstsein analysiert hatte, untersuchte er in seiner Ontologie das Sein, besonders das gesellschaftliche Sein, das, im Gegensatz zum Natursein, der Mensch mit seiner Arbeit selbst geschaffen habe. 

„Das Wesen der menschlichen Arbeit beruht aber darauf, dass sie erstens inmitten des Kampfes ums Dasein entsteht, zweitens, dass alle ihre Etappen Produkte seiner Selbstständigkeit sind." (Lukács, Ontologie, Bd. II, S. 9) So ist die Form der kapitalistischen Arbeits- und Produktionsweise auch nur eine Etappe dieser Selbstständigkeit, bei der die Aneigner des durch ständigen Fortschritt der Vergesellschaftung der Arbeit (Technik, Kommunikationssysteme etc.) produzierten Reichtums den Widerspruch zum einzelnen Menschen auf die Spitze treiben. Allerdings geschieht auch dies im Prinzip ohne böse Absicht der einzelnen Akteure. 

Sozialismus ist totale Demokratie Der Ruf nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" der bürgerlich-demokratischen Revolutionen schuf die politische Gleichheit der Menschen und beseitigte aristokratische Privilegien. 

„… dass damit die ökonomischen und sozialen Privilegien unangetastet blieben", so Lukács 1942, „dass die faktische ökonomische und soziale Nichtgleichberechtigung der Menschen erst in der vollendeten Demokratie der bürgerlichen Gesellschaft ihre Widersprüche in reiner Form, auf höchster Stufe entfaltet hat, bildet das große Problem des Weitergehens der Menschheit über die politische Demokratie." (Lukács, Zur Kritik der faschistischen Ideologie, S. 365) Die „bürgerliche Art der Demokratisierung", schrieb er 1968 in Anlehnung an Marx, führe dazu, dass für den Menschen die anderen „Menschen nicht die Verwirklichung, sondern vielmehr die Schranke seiner Freiheit" bilden. 

Im Alltag sind die Menschen arbeitende, sich reproduzierende und genießende. Anders als die „politische Demokratie" der bürgerlichen Art, sei die „sozialistische Demokratie" unmittelbar und total. Sie grenze die Felder der Arbeit nicht aus, wie die „politische" oder die „repräsentative Demokratie", die sich in die Ökonomie und die Verwertung der Arbeit nicht einmischt. 

„Die sozialistische Demokratie basiert auf dem tätigen realen Menschen, wie er wirklich ist, wie er in seiner eigenen Alltagspraxis zu wirken gezwungen ist – verwandelt in ihrer äußeren und zugleich inneren Entfaltung vom Menschen unbewusst (oder mit falschem Bewusstsein) hervorgebrachte Produkte in zielbewusst für den Menschen selbst geschaffene Gegenständlichkeiten, deren Hervorbringen mithin der subjektiven Tätigkeit einen Sinn, eine Erfüllung verleiht, die damit den daran mitwirkenden Mitmenschen aus einer Schranke des eigenen Seins, der eigenen Praxis in deren unentbehrlichen und als solchen bejahten Mitarbeiter und Helfer verwandeln." (Lukács, Sozialismus und Demokratisierung, S. 74) Die Rätebewegung, entstanden 1871 in Paris, neu erweckt 1905 und 1917 in der russischen Revolution, war für Lukács ein Beispiel für diese „neue" Form der Demokratie, die nicht die Erfindung einzelner Revolutionäre sei, sondern die das Volk selbst auf die Tagesordnung der Geschichte setze. Da dieser demokratische Prozess erlernt werden müsse, forderte Lukács dazu auf, sich aktiv in die Formen der bürgerlichen Demokratie einzumischen und deren Möglichkeiten demokratisch auszudehnen. „Denn so sehr es richtig ist", sagte er 1970 anlässlich der Entgegennahme des Goethepreises der Stadt Frankfurt, dessen gesamte Geldsumme er für die „Aktion zur Rettung von Angela Davis" spendete, „dass die Entfremdung des Menschen nur im Sozialismus aufgehoben werden kann, so müssen doch die ersten Schritte im Kampf gegen eine manipulierte Demokratie und für eine wirkliche Demokratie, die noch nicht sozialistisch ist, innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft unternommen werden". 

Sozialismus ist eben nicht einfach die Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, sondern Sozialismus ist die totale Demokratie, mit deren Mitteln der Widerspruch von einzelnem Menschen und dessen Gattungsmäßigkeit in ein bewusstes Verhältnis gerückt wird, das sich nicht mehr unbewusst hinter dem Rücken der Menschen, nur auf einem abstrakten Markt, nur zu einem falschen, weil partikularen Bewusstsein entwickeln lässt. 

Utopie oder ein „Prinzip Hoffnung" findet sich im späten Werk von Lukács nicht. Sein Blick auf die konkrete Wirklichkeit der Menschen, ihrer Planungs-, Produktions-, Aneignungsweise ihrer Arbeit und ihres Bewusstund Selbstbewusstseins, war „unbarmherzig" gegenüber jeder Form von Romantik oder Wunschvorstellung. 

Die „Renaissance des Marxismus" forderte Lukács nicht um reformistische Illusionen und Utopien zu schüren, wie dies leider vom Vorstand der „Internationalen Lukacs Gesellschaft" gern ins Bild gerückt wird. Denn „Natürlich sind die Imperialisten Imperialisten geblieben" (Sozialismus und Demokratisierung, S. 122). Er forderte sie, um den dialektischen Materialismus als Grundlage in einer konkreten Analyse einer konkreten Situation entfalten zu können. Jürgen Meier 

 

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