Geschichte von Klassenkämpfen  

Manfred Weißbecker hat eine kurze Abhandlung über die Weimarer Republik vorgelegt  

Phillip Becher 

In: junge Welt online vom 30.03.2015 

 

Geboren wurde die erste Republik in Deutschland aus einer sozialistischen Revolution, deren weitreichende Ziele zwar nicht verwirklicht werden konnten, deren Impulse jedoch eine Wirkung auf den deutschen Staat nach 1918 hatten. Der Jenaer Historiker Manfred Weißbecker hat die Weimarer Republik jüngst unter die Lupe genommen. 

Weißbecker zeichnet das Porträt einer Republik, der die sozialen Träger und politischen Stützen des alten Regimes das Leben schwer machten. Der Autor illustriert mit Auszügen aus Originalquellen (seien es Politikerreden oder Denkschriften von Wirtschaftsverbänden) die unterschiedlichen Interessenlagen. Er zitiert den liberalen Ahnherren Friedrich Naumann (Namensgeber der FDP-nahen Stiftung), der sich an der Diskussion um die Weimarer Reichsverfassung beteiligte. Naumann begründete dabei einen sozialliberalen Integrationsmechanismus, der auch auf Vertreter der Mehrheitssozialdemokratie als Erfüllungsgehilfen bürgerlicher Interessendurchsetzung zurückgriff. Diese Variante der Herrschaftsstrategie beschrieb bereits Karl Marx: »Je mehr eine herrschende Klasse fähig ist, die bedeutendsten Männer der beherrschten Klassen in sich aufzunehmen, desto solider und gefährlicher ist ihre Herrschaft.« 

Ohne Zweifel waren sozialdemokratische Führer wie Reichspräsident Friedrich Ebert bedeutend. Von der beherrschten Klasse hatten sich Politiker dieser Couleur schon längst verabschiedet. Hiervon zeugen nicht nur die Blindheit gegenüber den sich brachial eine Bahn brechenden Gefahren von rechts (Kapp-Putsch, Hitler-Putsch, Fememorde), sondern auch das Vorgehen gegen links: Die SPD/KPD-Landesregierungen in Thüringen und Sachsen wurden 1923 von der unter dem Oberkommando Eberts stehenden Reichswehr auseinandergejagt. Die Geschichte der Weimarer Republik ist deshalb auch ein Lehrstück der Geschichte von Klassenkämpfen. Manfred Weißbecker hat dieses nun meisterhaft beschrieben. Anders als gängige Darstellungen, die das Scheitern der Republik von Weimar auf sekundäre Erscheinungen wie eine zersplitterte Parteienlandschaft zurückführen, benennt Weißbecker klar die Interessenten und die Nutznießer einer gesellschaftlichen Entwicklung, die mit der Weltwirtschaftskrise seit 1929 an Fahrt gewann und mit dem Faschismus schwanger ging. 

Demokratie - diese Erkenntnis kann man aus der Lektüre ziehen - ist kein Zustand, sondern im besten Falle ein Prozess. Einem heutigen Gemeinwesen darf die kritische Frage gestellt werden, wie erfolgreich es tatsächlich sein kann, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen, die das Ende der Demokratie 1932/33 ermöglicht haben, nicht beseitigt sind. Das Material zur Formulierung solcher Fragen hat Weißbecker mit seinem Buch zusammengetragen. 

Manfred Weißbecker: Weimarer Republik. Papyrossa-Verlag, Köln 2015, 138 Seiten, 9,90 Euro (auch im jW-Shop erhältlich) 

 

__________________________