(Re)Produktionsverhältnisse  

Kritisches Potential: In Berlin fand am vergangenen Wochenende ein internationaler Kongress zu »Wegen des Marxismus-Feminismus« statt  

Rahel Wusterack 

In: junge Welt online vom 27.03.2015 

 

Die Stimmung im voll besetzten Münzenberg-Saal der Rosa-Luxemburg-Stiftung zum Tagungsauftakt am Freitag morgen in Berlin war heiter. Katja Kipping, Bundesvorsitzende der Linkspartei, berichtete in ihrer Eröffnungsrede, wie die Idee zum Internationalen Kongress »Die Kraft der Kritik - Wege des Marxismus-Feminismus« entstand: Die Redaktion des Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Marxismus (HKWM) stritt darüber, ob es den Begriff »Marxismus-Feminismus« überhaupt gebe und ob man ihn aufnehmen solle. 

Jemand warf ein, das sei doch »dieses Hobby von Frigga Haug«. Die Soziologin und Philosophin Haug habe sich daraufhin genötigt gesehen, einen Kongress zu veranstalten, um seine Existenz ein für alle mal zu beweisen. 

Doch was genau ist dieser feministische Marxismus oder Marxismus-Feminismus? Die Teilnehmerinnen der dreitägigen Konferenz versuchten, sich einer systematischen Antwort zu nähern. Ausgangspunkt ist das immer wieder beschworene Mantra: »Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse« und die Ergänzung des marxistischen Produktionsbegriffs um den Begriff der Reproduktion. Reproduktion bezeichnet alle zur Wiederherstellung der Arbeitskraft notwendigen Tätigkeiten. Diese werden überwiegend von Frauen geleistet und sind schlecht oder gar nicht bezahlt. In den aktuellen Debatten werden sie meist unter dem Begriff der »Care-Arbeit« zusammengefasst. 

Für den Kapitalismus ist die reproduktive Arbeit nicht verwertbar, weil sie nicht seiner Logik der Zeiteinsparung folgt. Daraus schließt Haug auf einen engen Zusammenhang zwischen kapitalistischer Produktionsweise und Frauenunterdrückung. Doch nicht nur Frauen leiden unter der Zeitlogik der kapitalistischen Produktionsweise: Das Ausfüllen des Tages mit Lohnarbeit führe zu politischer Unmündigkeit und kultureller Rückständigkeit in der Bevölkerung, sagte die Philosophin in ihrem Einführungsreferat. 

Der Marxismus-Feminismus strebt die Aufwertung der Reproduktion und ihre organische Zusammenführung mit der Produktion an. Auf diesem Weg sollen sowohl humanitäre als auch ökologische Krisen gelöst werden. Als Leitfaden zur Bewältigung dieses Projekts schlägt Haug ihre »Vier-in-einem-Perspektive« vor, eine radikale Arbeitszeitkürzung für alle, um anderen Lebensbereichen genügend Zeit einräumen zu können. 

Im Zeitalter globaler Produktions- und Konsumzusammenhänge kann das Projekt des Marxismus-Feminismus natürlich nur international umgesetzt werden. Dem trug das Organisationsteam Rechnung, indem es Referentinnen aus zahlreichen Ländern einlud. Sie vermittelten einen Eindruck der Heterogenität marxistisch-feministischer Bewegungen und ihrer Kämpfe. 

Mehr Klassenbewusstsein 

So berichteten Eva Palomo und Lina Theodorou von den verheerenden Folgen der europäischen Austeritätspolitik in Spanien und Griechenland: Die wachsende Armut gehe mit einem Anstieg der Gewalt gegen Frauen einher. Palomo zufolge nehmen in den spanischen Medien antifeministische Propaganda und die Darstellung von Gewalt gegen Frauen zu. Gerade junge Frauen würden durch das frauenfeindliche Klima und die Angst vor Arbeitslosigkeit in die wachsende Sexindustrie gedrängt. Diese Entwicklungen sowie die wieder wachsende Popularität der Hausfrauen- und Mutterrolle infolge des Abbaus des Wohlfahrtsstaats stellten zwar Rückschläge für die feministische Bewegung in Spanien dar. Doch die in den letzten Jahren ausgefochtenen feministischen Kämpfe haben Palomo zufolge auch zu einem Zusammenrücken der zersplitterten Gruppen geführt. Außerdem sei durch die prekären ökonomischen Zustände das Klassenbewusstsein gestärkt geworden. 

Shahrzad Mojab, gebürtige Iranerin und Professorin an der Universität Toronto, beschäftigt sich unter anderem mit den Auswirkungen von Kriegen auf Frauen. Exemplarisch für den »Horror unserer Zeit« seien die gescheiterten Revolutionen im Mittleren Osten und in Nordafrika, die zwischen den Fronten des westlichen Imperialismus und des religiösen Fundamentalismus zerrieben worden seien. Um den verheerenden Zustand dieser Gesellschaften zu beenden, seien umfassende Revolutionen nötig. Mojab hält den Kapitalismus angesichts des globalen Ausmaßes von Ausbeutung und Zerstörung für nicht reformierbar. Sie kritisierte die in weiten Teilen der linken Bewegung herrschende Überzeugung, dass Revolutionen unnötig seien, da der Kapitalismus sich selbst unterwandere. 

»Ein-Prozent-Feminismus« 

Den Mainstream-Feminismus bezeichnete Hester Eisenstein als »hegemonialen Feminismus«. Die in New York lehrende Professorin kritisierte mit beißendem Humor selbsternannte Feministinnen wie Sheryl Sandberg, derzeit Geschäftsführerin von Facebook. Diese verkörpere einen zynischen Ein-Prozent-Feminismus, dessen Hauptziel es sei, möglichst viele Frauen in bezahlte Arbeit zu bringen und einige wenige in Machtpositionen. Diese bürgerliche Frauenbewegung werde von Regierungen und Unternehmen vereinnahmt, um die neoliberale Wirtschaftsordnung zu stützen. 

Eisenstein fragte, was daran feministisch sei, in korrupten kapitalistischen Systemen Karriere zu machen. Ein Konzern wie Monsanto bleibe Monsanto, auch wenn 30 Prozent seiner Topmanager Frauen seien. 

Eisensteins Sicht machte deutlich, dass ein Feminismus ohne marxistische Grundlage für die meisten Frauen kaum von Nutzen ist. 

Immer wieder tauchte das Thema der »Intersektionalität« auf. Dieses zielt auf das Sichtbarmachen des gleichzeitigen Wirkens verschiedener Unterdrückungsmechanismen entlang der Kategorien Geschlecht und Klasse, aber auch »Rasse«, Religionszugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Alter, Behinderung etc. Es wurde gefordert, dass der Marxismus-Feminismus neben den beiden erstgenannten Kategorien auch die anderen stärker in sein Theoriegebäude einbetten müsse. 

Tucker Pamella Farley (USA) warb für die Queer-Theory, die Werkzeuge für das Infragestellen selbstverständlich erscheinender Realitäten liefere. 

Eine weitere drängende Frage war die Einbeziehung ökologischer Themen in marxistisch-feministische Betrachtungen. Nora Räthzel (Schweden) wies auf den grundsätzlichen Konflikt zwischen Natur und Arbeit hin, der bisher kaum angemessen reflektiert würde. 

Der Kongress endete am Sonntag nachmittag mit einer Arbeitssitzung und der Frage, wie die Arbeit am Projekt fortgesetzt werden könne. 

Diskussionsgrundlage war ein Zwischenbericht von Frigga Haug mit 14 Thesen. 

Diese sollten die Grundlage für ein Manifest bilden, das unter Beteiligung aller Kongressbesucherinnen bis zur Folgekonferenz 2016 in Schweden ausgearbeitet werden soll. Deutlich wurde, dass der Marxismus-Feminismus ein riesiges Forschungsfeld ist, das historisch und kulturell konkretisiert werden muss. Einigkeit besteht in dem von Karl Marx formulierten Anspruch, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.« 

Von der Existenz des Marxismus-Feminismus konnte inzwischen offenbar auch die HKWM-Redaktion überzeugt werden: Im jüngst erschienenen Band 8/II wurde der von Haug verfasste Artikel »Marxismus-Feminismus« aufgenommen. 

 

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