Unser Freund und Genosse  

In: unsere zeit online vom 20.03.2015 

 

Robert Steigerwald wird 90 Robert wurde am 24. März 1925 in Frankfurt/M geboren. Wie in vielen Arbeiterfamilien jener Zeit widerspiegelte sich die Spaltung der Arbeiterbewegung auch in seiner Familie, die teils sozialdemokratisch, teils kommunistisch geprägt war. 

Ende Mai 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft geflohen, war er zunächst in der SPD aktiv, wurde hessischer Vorsitzender der „Falken" und Vertreter im Bundesvorstand. Robert wurde sowohl Zeuge des Bemühens von Kommunisten und Sozialdemokraten um die Arbeitereinheit wie auch der massiven Abwehr dieser Bestrebungen durch die SPD-Führung. 

Der Antikommunismus Kurt Schumachers führte letztlich zum Bruch mit der SPD. Auf Roberts besorgte Frage an Schumacher, wo denn angesichts der vom Kapitalismus ausgehenden Kriegsgefahr die SPD stehe, antwortete dieser: „Was soll die Frage? Es wird zum Krieg kommen. 

Da werden wir auf der Seite der Engländer stehen, die Kommunisten auf der Seite der Russen." Das war der auslösende Moment für Roberts Übertritt in die KPD. 

Robert studierte an der Karl-Marx-Hochschule der SED, wo er auch einige Zeit als Philosophielehrer wirkte. Der Philosophie gehörte fortan seine besondere Neigung. In Büchern und Zeitschriften, in Vorträgen und Artikeln, in Parteiprogrammen und Streitgesprächen leistet er bis heute seinen Beitrag, um die Ideen von Marx, Engels und Lenin auf alle Wissensbereiche anzuwenden und um sie zur zeitgemäßen Richtschnur in den Klassenkämpfen von heute zu nehmen. Robert hat sich weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus einen Namen als marxistischer Philosoph gemacht. 

In das Bild eines sich im Elfenbeinturm abschließenden Gelehrten, das man sich häufig gerade von Philosophen macht, passt Robert allerdings ganz und gar nicht. Robert war und ist ein Mann der Wissenschaft wie der praktischen Parteiarbeit. Er war stets bereit, dort zu arbeiten, wo seine Partei ihn brauchte: in der Sozialdemokratischen Aktion (SDA), als Agit/Prop-Sekretär in Hessen, als Redakteur der Parteizeitung oder als Abteilungsleiter für Theorie und Bildung in der Zentrale der illegalen KPD. Von der Klassenjustiz wurde er dafür verfolgt. Mit insgesamt fünf Jahren Haft gehört er zu denjenigen Kommunisten, die in der Zeit des Kalten Krieges am längsten eingekerkert waren. 

Nach der Konstituierung der DKP hat Robert in verschiedenen zentralen Funktionen auf dem Gebiet der marxistischen Bildungsarbeit gewirkt: als Vorsitzender der Marxistischen Arbeiterbildung (MAB), als Abteilungsleiter für marxistische Theorie und Bildung des Parteivorstands der DKP. Von der Grundsatzerklärung des Essener Parteitags 1969 über die Düsseldorfer Thesen und das Mannheimer Parteiprogramm von 1978 hat er maßgeblich an allen programmatischen Dokumenten der DKP mitgearbeitet. Robert war zwei Jahrzehnte Mitglied des Parteivorstands und gehörte zeitweilig auch dessen Sekretariat an. In den Büroräumen des Parteivorstands war Robert allerdings nur schwer zu halten. Sein Element waren öffentliche Versammlungen und besonders Streitgespräche mit Vertretern anderer politischer oder ideologischer Positionen. 

Bis heute wirkt Robert als Mitglied der Redaktion und des Herausgeberkreises der Marxistischen Blätter sowie in der Marx-Engels-Stiftung mit, deren Vorsitzender er mehrere Jahre war, soweit es die inzwischen angeschlagene Gesundheit zulässt. Er ist Ehrenvorsitzender der Marx-Engels-Stiftung. 

Lieber Robert, wir danken Dir für Dein fast sieben Jahrzehnte währendes unermüdliches Wirken in der kommunistischen Bewegung. Wir wünschen Dir gute Genesung von Deiner Erkrankung und noch ein paar schöne gemeinsame Jahre mit Deiner Frau, unserer Genossin Annemarie, die Dir in guten und schweren Zeiten zur Seite gestanden und keinen geringen Anteil an dem hat, was Du unserer Bewegung gegeben hast. 

Deutsche Kommunistische Partei Parteivorstand Bezirksvorstand Hessen Kreisvorstand Main-Taunus SDAJ Bundesvorstand Marx-Engels-Stiftung Redaktion Marxistische Blätter CommPress Verlag und Redaktion der UZ 

 

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Patrik Köbele würdigt Robert Steigerwald 

Rede des Vorsitzenden der DKP auf der Festveranstaltung zum 90. Geburtstag Robert Steigerwalds 

(In gedruckter Form erscheint dieser Text in den Marxistischen Blättern im Mai 2015. Wir veröffentlichen ihn hier vorab.) 

Liebe Freundinnen und Freunde, 

liebe Kolleginnen und Kollegen, 

liebe Genossinnen und Genossen, 

ich wollte heute Lenin zitieren, „Aufgaben der russischen Sozialdemokratie" so passend zu Robert. Ich war am Überlegen, meinen Beitrag zu beenden entweder mit Lob des Lernens, Lob der Dialektik, Lob des Revolutionärs oder Lob des Kommunismus oder am besten mit allen Vieren, verdient hätte Robert das. Ich wollte Clausewitz zitieren, von wegen dem Schlachtross und dann, dann war mein Text zu lang – Ihr müsst das Nachlesen, aber das tut Euch ja auch gut. 

Wie ist das? Darf man sich als Kommunist geehrt fühlen, sich darüber freuen, wenn man Schlachtross genannt wird? Na, wie bei Robert typisch, es kommt die Dialektik daher. Auf das historische Umfeld und auf denjenigen, der diesen widersprüchlichen Titel verleiht, kommt es an. 

In diesem Fall war es die Zeitung, der ein alter Nazi den Marketing-Slogan verpasst hatte, dass hinter ihr immer ein kluger Kopf stecken würde. Richtiger ist wohl, sie als, oft kluges, Sprachrohr der Teile des bundesdeutschen Kapitals zu bezeichnen, die eher zu den expansionistischen und auch nach innen aggressiveren gehören. Wenn diese Zeitung am 12.2.90, also in einer Situation, als die Niederlage des Sozialismus in Europa entschieden, aber noch nicht vollständig vollzogen war, über Robert schreibt, dass er „eines dieser alten Schlachtrösser (sei)", die „in ihrem verstockten Sinne ehrlich gesagt (haben, dass das), was in der DDR vorgeht ein konterrevolutionärer Prozess (sei)", dann ist das schon ein Lob. 

Wenn dieses Wort dann noch von dem Genossen aufgegriffen wird, mit dem Robert am engsten und über Jahrzehnte zusammengearbeitet hat, und die beide die Programmatik und die ideologische Arbeit meiner Partei über Jahrzehnte geprägt haben, dann ist da erst recht ein Lob. Willi Gerns, Ihr wisst alle, dass Willi dieser Genosse ist, kommentierte die Zusammenarbeit über 3 Jahrzehnte, die gemeinsame Arbeit auch in der gemeinsamen Wohnung in Düsseldorf, dem damaligen Sitz des Parteivorstands der DKP so, dass man in Willi Gerns ein Stück Robert Steigerwald findet und umgekehrt. Konkret hiess das, so manche Debatte über Dokumente der Partei, auch programmatische, wurde abends fortgesetzt, dass Diktiergerät (für die Jüngeren unter uns: der steinzeitliche Vorgänger der Aufnahmefunktion des Smartphones) wechselte manchmal im Satz, der eine hatte den Satz begonnen, der andere führte ihn zu Ende. 

War das Robert in die Wiege gelegt? Keineswegs. Ohne zu übertreiben kann man anders herum sagen, dass Robert tatsächlich ein Beispiel dafür ist, wie die Kombination von Proletariat und wissenschaftlicher Weltanschauung zur Herausbildung einer allseitig entwickelten Persönlichkeit beitragen kann. Denn Robert, den wir heute als Philosophen, als Parteiarbeiter, als Wissenschaftler, als Redakteur und Herausgeber der Marxistischen Blätter, als ehemaligen Vorsitzenden der Marx-Engels-Stiftung kennen, wurde 1925 in Frankfurt als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. 

Die Arbeiterbewegung war gespalten. Spätestens 1914, mit der Zustimmung zu den Kriegskrediten – man kann da durchaus Rückschlüsse auf heutige Prozesse ziehen- , hatte sich die deutsche Sozialdemokratie von einer revolutionären Partei zum Arzt am Krankenbett des Kapitalismus/Imperialismus gewandelt, zur Jahreswende 1918/1919 hatten die revolutionären Kräfte um Luxemburg und Liebknecht zu spät, aber richtig und notwendig, den Bruch vollzogen und die KPD gegründet. Solch ein Bruch ist nicht einfach, er hat eine Vorgeschichte und er wirkt lange nach. Nicht alle, die beim Arzt am Krankenbett bleiben sind Kapitalistenknechte, nicht alle, die den Bruch vollziehen, bleiben Revolutionäre. Das alles prägte Roberts Familie. Die Großmutter war Mitbegründerin der KPD, der Großvater ging später als Kommunist im Faschismus in den Knast und ins KZ. Roberts Mutter kam aus einer SPD-Familie, ihre Brüder waren bekannte Sozialdemokraten in Frankfurt. 

Robert wurde als junger Mann noch in die Reichswehr gepresst und kam in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Er floh Ende Mai 1945 und begann seine politische Arbeit in der Jugendarbeit der Sozialdemokratie. Er bewies Talent, wurde nach Zulassung der Falken deren Lizenzträger, hessischer Vorsitzender und Vertreter im Bundesvorstand. Unser gemeinsamer verstorbener Freund Hans Heinz Holz erzählte immer gerne über die Zusammenarbeit zwischen den jungen Kommunisten in Frankfurt und den Falken mit Robert. Im historischen Rückblick wird da ja gerne idealisiert, was sich in der Erzählung im 21. Jahrhundert nach Zusammenarbeit anhörte, war wohl damals doch eher Konkurrenzkampf und über mache Kampfformen ist es sicher auch besser heute den Mantel des Schweigens zu breiten. Wahrscheinlich Schlachtrösser auf beiden Seiten. 

Offensichtlich war mit Robert bereits als junger Mensch eines nicht zu machen, das Umschlagen der notwendigen Disziplin einer proletarischen Organisation hin zum Kadavergehorsam. Oder, anders ausgedrückt, möglicherweise war ihm die philosophische Kategorie des Widerspruchs noch nicht bewusst, aber er lebte sie. 

Als immer deutlicher wurde, dass die West-SPD unter Schumacher weder die Einheit der Arbeiterbewegung anstrebte noch bereit war, den Antikommunismus zu Gunsten des Kampfes gegen die Kriegsgefahr zurückzustellen, da traf Robert auf Schumacher. Er fragte ihn, wo denn angesichts der vom Kapitalismus ausgehenden Kriegsgefahr die SPD stehe. Die Antwort, was soll die Frage? Es wird zum Krieg kommen, da werden wir auf der Seite der Engländer stehen, die Kommunisten auf Seite der Russen. Drei Monate später trat Robert in die KPD ein und verlor auf Anordnung der britischen Besatzungsbehörden seine Arbeit beim hessischen Jugendfunk. 

Robert hatte an der Universität Frankfurt ein Studium begonnen, konsequent, wie er war, und man darf sicher davon ausgehen, dass hier auch die Partei Recht hatte, wurde dieses Studium an der Karl-Marx-Hochschule der SED fortgesetzt. Und wie Recht hier die Partei hatte. Seit dort gehörte Roberts Neigung der Philosophie, er studierte dort und er war einige Zeit als Lehrer eingesetzt. Diese Vermittlung der Philosophie, das Weitergeben, des Erarbeiteten, das kennen wir bis heute und es redet auch ein Ergebnis dessen zu Euch. Natürlich mag man streiten, ob dies ein gelungenes Ergebnis ist, aber meine Hinführung zur marxistischen Philosophie begann mit Roberts Buch zur Einführung in dieselbe für die Jugend, erschienen Anfang der 80 iger Jahre im Verlag Marxistische Blätter. Da wurden die Grundsätze vom Umschlagen von Quantität in Qualität, von der Negation der Negation, da wurde Dialektik so erklärt, dass es kein auswendig lernen von Stehsätzen, sondern ein Vermitteln von Instrumenten zum Erkennen der Welt war. 

Nichts war Robert ferner, als die Tendenz zum Elfenbeinturm. Sicherlich hilfreich, dass er kein Intellektueller im bürgerlichen Sinn war, seine berufliche Entwicklung begann er übrigens mit einer Schriftsetzerlehre. Er war und ist also im besten Sinne ein kommunistischer Intellektueller, also ein Theoretiker der Praxis und ein Praktiker der Theorie. Das war und ist für seine Genossinnen und Genossen auch nicht immer widerspruchsfrei, man munkelt, dass er als Abteilungsleiter beim Parteivorstand der DKP manchmal Konflikte auszutragen hatte, weil er das Büro doch oft gerne von hinten sah, um sich in den Gruppen und Kreisen, auf Veranstaltungen den Auseinandersetzungen mit Freund und Feind zu stellen. 

Der Klassengegner mag es ja nun auch nicht, wenn Genossinnen und Genossen wie Robert die Ideen von Marx, Engels und Lenin nicht nur kennen, sondern auch verbreiten. Das hatte er im Kalten Krieg getan und zwar dort, wo ihn seine Partei hinstellte, in der Sozialdemokratischen Aktion (SDA), als Agit-Prop-Sekretär in Hessen, als Redakteur der Parteizeitung oder als Abteilungsleiter für Theorie und Bildung in der bereits wieder illegalen KPD. 

Ja, tatsächlich, die älteren Genossinnen und Genossen wissen das natürlich, aber man muss es heute immer wieder sagen, 6 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus wurde die Freie Deutsche Jugend verboten und 11 Jahre nach der Befreiung die KPD. Also die Partei, die am konsequentesten den Widerstand gegen den Faschismus in Deutschland organisiert hatte, die Partei, die die Wahrheit gesagt hatte: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt den Krieg." Die Partei, die ohne Wenn und Aber an der Seite der Kraft stand, die die Hauptlast im Kampf gegen den Faschismus getragen hatte, die Sowjetunion, das sowjetische Volk, die Rote Armee und die KPdSU. Unvorstellbar. Und unvorstellbar die Gründe des Verbots: Marxismus-Leninismus sei zwar als Weltanschauung nicht zu verbieten, aber als Grundlage einer Partei nicht erlaubt, der Willen zur revolutionären Überwindung des Kapitalismus auch nicht und der Kampf gegen die Remilitarisierung und gegen die Spaltung Deutschlands quasi landesverräterisch. Das traf nicht nur die Partei, dass traf auch Zehntausende, nicht nur Mitglieder der KPD, aber die am härtesten und darunter Robert. Fast 5 Jahre saß er im Knast, nicht wegen eines Verbrechens, er hatte noch nicht mal eine Enteignung in die Tat umgesetzt, nein, weil er Kommunist war und als solcher handelte. 

Das KPD-Verbot entwickelte sich auch für die Herrschenden zum Anachronismus, einerseits, weil der Versuch die sozialistischen Länder zu isolieren nicht durchhaltbar war und andererseits, weil auch die Ruhe nach innen bröckelig wurde. Andere Formen der Herrschaftsausübung mussten her. Natürlich ging es den Herrschenden bei der Wahl einer sozialdemokratischen Variante immer noch um die Sicherung der bestehenden Machtverhältnisse, natürlich ging es auch der deutschen Sozialdemokratie nicht um grundlegende Änderungen der Machtverhältnisse, es ging um eine Anpassung an eine veränderte weltweite Realität und es ging darum, diejenigen, die sich auf den Marsch durch die Institutionen begeben hatten, in diesen auch sicher wieder einzufangen. Das erforderte Zugeständnisse, auch die Zulassung einer kommunistischen Partei. Keinesfalls wollten Sie aber das KPD-Verbot aufheben, das sollte weiter als Druckmittel existieren. Die illegale KPD musste entscheiden, die gegebenen Spielräume ausnützen, um mit einer legalen Partei in die aufflammenden Kämpfe der Arbeiter-, der Studenten-, der Lehrlingsbewegung einzugreifen und dabei Flexibilität im Umgang mit den Herrschenden, aber nicht mit den Prinzipien der Partei an den Tag legen, oder eben nicht. Sie tat das richtige, die Zulassung der KP als Wiederzulassung der DKP wurde erkämpft, auch, wenn das in programmatischer Hinsicht, wie Robert es sagt, an einzelnen Stellen zur „Sklavensprache" zwang. Robert hat an allen programmatischen Dokumenten der DKP von ihrer Gründung bis zu den Hamburger Thesen von 1986 mitgearbeitet. Ich bin mir auch sicher, dass er auch beim letzten Programmentwurf der KPD, der noch während der Illegalität vorgestellt und von den Herrschenden beschlagnahmt wurde, mitgewirkt hatte. 

Damit wurde er natürlich zum Angriffsziel für diejenigen, die damals Revolution mit drei R und viel Blut buchstabierten und später dann unter anderem als Berater im deutschen Außenministerium des Angriffskriegs gegen Jugoslawien landeten. Er wurde verschrien als Gralshüter des Revisionismus, aber er wurde vor allem gefürchtet. Denn er stellte sich immer und immer wieder in Streitgesprächen – und schlimmer noch für seine Gegner, er überzeugte, siegte mindestens nach Punkten. Rosa Luxemburg bringt es beim Gründungsparteitag der KPD schön auf den Punkt: „Wahrer Marxismus kämpft auch gegen jene, die ihn zu verfälschen suchten, er wühlt wie ein Maulwurf in den Grundfesten der kapitalistischen Gesellschaft." 

Die Angriffe gegen Robert haben im neuen Jahrtausend nicht aufgehört: Bedient man heute die große Datenkrake Google und sucht nach Robert, dann wird man noch aus dem letzten Jahrzehnt Aussagen finden, dass er für die dem Jahr 89 folgenden Jahre am Revisionismus der DKP schuld habe, weil er ja das Programm BRD 2000 in der DKP beschließen ließ. Eine zweifache Lüge, denn dieses Programm wurde nie beschlossen und auch, wenn sich im Parteivorstand damals nur ein Genosse gegen die Veröffentlichung des Entwurfs aussprach, so gehörten doch Robert und Willi zur inhaltlichen Opposition. Damit auch zur Opposition gegen den im Rückblick sogenannten „Reformflügel" der SED, der kräftig an der damaligen reformistischen Erneuererströmung in der DKP zog und seine Handschrift in diesem Dokument hinterlassen hatte. 

Dies ist auch spannend, weil die vorangegangenen programmatischen Dokumente, die Grundsatzerklärung, die Thesen des Düsseldorfer Parteitags, das Mannheimer Programm von 1978 und die Hamburger Thesen von 1986 keineswegs Ergebnisse einer Moskauer oder Berliner Fernsteuerung waren. 

Hier sticht sicherlich eine Überlegung als wirklich große programmatische, strategische Leistung hervor, das sind die Überlegungen zur antimonopolistischen Strategie und das ist die Überlegung zur antimonopolistischen Demokratie. 

Es geht um nichts Geringeres als darum, von Lenin zu lernen, der zwischen der Februarrevolution und der Oktoberrevolution mit den Bolschewiki eine Politik entwickelte um im sozialen und demokratischen Kampf Bündnisse der Arbeiterklasse zu schmieden, die Herrschende Klasse zu spalten und Zwischenschichten auf die Seite der Arbeiterklasse zu ziehen – also eine Strategie der proletarische Revolution, sich zuerst gegen den Zarismus zu richten, um die politische Macht dann zu nutzen der Bourgeoisie und den Kulaken die Produktionsmittel und das Land als Quelle ihrer Macht zu entreißen. 

Das solche Überlegungen des Heranführens an die Revolution notwendig sind, das zeigen alle erfolgreichen sozialistischen Revolutionen, in China, in Kuba, in den osteuropäischen Ländern. Das solche Phasen der Heranführung keineswegs stabil sind, dass das Kräfteverhältnis auch zu Gunsten der Konterrevolution kippen kann, das zeigen solche geschichtlichen Beispiele wie Chile 1973. Genau in solch einer Phase scheint mir heute, mit allen Hoffnungen und mit allen Risiken, auch Venezuela zu stecken. Darf ein Revolutionär aber, aus Kenntnis der Risiken, auf solche Überlegungen verzichten? Niemals! Es wäre, wie aus Angst vor dem Tod Selbstmord zu begehen. Natürlich wäre es genauso falsch, die Risiken zu übersehen oder gar aus dieser Phase eine eigenständige gesellschaftliche Formation zu machen und damit auf die politische Macht der Arbeiterklasse zu verzichten. Weder das eine noch das andere fand sich aber jemals in den beschlossenen Programmen der DKP. Natürlich war ein Eckpunkt dieser Überlegungen auch das weltweite Kräfteverhältnis und natürlich hat sich das mit der Konterevolution von 89/90 grundsätzlich geändert. Das heißt für die heutige Generation, neu überlegen, aber eben auf dem Fundament der programmatischen Entwicklung der DKP. 

Die DKP hat Robert also unendlich viel zu verdanken. Seine Mitwirkung in der Programmentwicklung, seine Überlegungen zur Strategie, seine Arbeit bei der Vermittlung unserer Weltanschauung als Mittel zum Erkennen der Welt und natürlich auch seinen ideologischen Straßenkampf in und außerhalb der DKP. 

Beim Letzteren hat Robert keinesfalls nur mit Wattebäuschken geworfen. Hat er dabei immer die Richtigen getroffen? Schwer zu sagen, ein paar härtere Bäuschchen habe ich auch mal abgekriegt. Sicher liegt aber der Prozentsatz der berechtigten Treffer bei über 90 %. Und mögliche Fehler? D K P – Das Kann Passieren. Was Robert dabei auszeichnete, war immer die Parteilichkeit und, wenn es Fehler gab, dann auch die Fähigkeit zur Selbstkritik. 

An einem Punkt bin ich aber, nicht nur wegen der heute immer geforderten Ausgewogenheit, ein großer Kritiker von Robert. Man kann nicht auf der einen Seite immer richtig auf die Bedeutung der Persönlichkeit in der Geschichte hinweisen und gleichzeitig, wo es um Persönliches geht, meist mauern. Auch Revolutionäre können mal schlapp sein, ja Sie können sogar krank werden, das ist nicht nur eine infame Lüge des Klassengegners. Und Revolutionäre sollen das auch zugeben, sollen darüber reden. 

Und wir wissen, wie wichtig Robert und Annemarie ihre Liebe und ihre Familie ist. Und Robert weiß und wir wissen, dass das alles ohne diese Liebe und ohne die Familie gar nicht gegangen wäre. Und wir wissen, dass Robert diese Liebe auch zeigt, seiner Annemarie und seiner Familie. Nur, heute würde man sagen, er lässt darüber uns gegenüber nichts raus. Das ist falsch, dafür gibt’s Kritik, das musst Du ändern – aber wenn Du, lieber Robert das zu Recht als Parteiauftrag verstehst – dann, ja dann gibt es Hoffnung. 

Lieber Robert, ich verneige mich vor Deiner Lebensleistung für die Kommunisten, für die KPD und für die DKP. Wir sagen Danke, Dir Robert, Dir, Annemarie und der ganzen Familie. 

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Robert Steigerwald wird 90 

Am 24. März feiern wir den 90. Geburtstag von Robert Steigerwald. 

In: unsere zeit online vom 20.03.2015 

 

Ich sah und hörte ihn vor vielen Jahren zum ersten Mal auf einer Tagung des Zentralinstitutes für Philosophie (ZIPh) der Akademie der Wissenschaften der DDR, an dem ich seit 1973 arbeitete. Ich kannte zu diesem Zeitpunkt bereits einige seiner wissenschaftlichen Arbeiten und politischen Streitschriften. 

Kennengelernt habe ich ihn aber erst, als ich Mitglied der DKP wurde und im Parteibildungsbereich zu arbeiten begann, in der Redaktion der Marxistischen Blätter und der Marx-Engels-Stiftung. 

Ob bei der Durchführung des Fernstudiums der DKP, das wir 1999 starteten, mit Vorträgen oder Bildungsberatungen: Wann immer es ihm möglich war half Robert. So auch oft bei Bildungsthemen der Partei mit Kritik, aber vor allem mit Rat und Tat. Und wenn ich mal Fragen zu einem UZ-Artikel von ihm hatte, war er stets für Vorschläge offen … Robert wurde am 24.3.1925 in Frankfurt am Main geboren. Vater und Mutter waren kommunistisch organisierte Hilfsarbeiter. Robert war aber nach der Flucht aus Kriegsgefangenschaft zuerst bei den sozialdemokratischen Falken und der SPD organisiert, 1948 wurde er Mitglied der KPD. Nach seinem Eintritt in die KPD verlor Robert seine damalige Arbeit beim Rundfunk. Er absolvierte ein zweijähriges Studium an der Parteihochschule „Karl Marx" der SED in Berlin und war er anschließend Lehrer für Philosophie. 1951 kehrte er in die Bundesrepublik zurück. Wegen Aktivitäten bei der Volksbefragung gegen die Remilitarisierung Deutschlands (im Jahre 1951) vom Bundesgerichtshof in Karlsruhe als Rädelsführer in einer staatsgefährdenden Organisation verurteilt. „Hochverrat", „Staatsgefährdung", „Geheimbündelei" hieß das damals – Jahre vor dem KPD-Verbot 1956. Insgesamt war Robert fünf Jahre in Einzelhaft. 

Nach der Entlassung aus der Haft wurde er Abteilungsleiter im Zentralkomitee der illegalen KPD. 

Später promovierte und habilitierte er in Philosophie am Zentralinstitut der Akademie der Wissenschaften, Berlin. 

Nach der Neukonstituierung der DKP gehörte er dem Parteivorstand der DKP an und war Leiter des Referats Theorie und marxistische Bildung. Er war unter anderem Vorsitzender der Vereinigung marxistischer Bildungsgemeinschaften der BRD (MAB) und langjähriger Chefredakteur der Marxistischen Blätter, später auch Vorsitzender der Marx-Engels-Stiftung, deren Ehrenvorsitzender er bis heute ist. 

Lieber Robert, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Nina Hager 

 

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Robert Steigerwald zum 90. Geburtstag 

Von Alfred Kosing 

In: In: junge Welt online vom 24.03.2015 

  

Heute begeht Robert Steigerwald, einer der bekanntesten marxistischen Theoretiker und Politiker in Deutschland, seinen 90. Geburtstag. Er stammt aus einer Arbeiterfamilie. Sein Weg führte ihn – widerwillig – in den Waffendienst. Er wurde Kampfpilot und war ein halbes Jahr im Einsatz. Aus diesem unmittelbaren Erlebnis wuchs die Erkenntnis, dass die friedliche Zukunft der deutschen Bevölkerung nur gesichert werden kann, wenn nicht nur ein demokratischer, sondern auch ein sozialistischer Weg beschritten wird. Daher schloss er sich der SPD an und wurde Vorsitzender ihrer Jugendorganisation Die Falken. Zugleich legte er an der Abendschule das Abitur ab und begann ein Studium der Geschichte und Philosophie. Während seiner Studentenzeit erhielt er bereits eine Anstellung beim Hessischen Rundfunk als Jugendredakteur. 

Erste politische Erfahrungen und das Studium des Marxismus führten ihn bald zu der Einsicht, dass der SPD-Vorstand zwar häufig von der Notwendigkeit des Sozialismus redete, ihre praktische Politik aber in den alten reformistischen Bahnen verblieb, die immer nur zur Stabilisierung des Kapitalismus geführt hatten. Eine Konsequenz dieser Erkenntnis war sein Eintritt in die KPD. Dieser Schritt hatte allerdings eine unerwartete Wirkung: Er wurde vom Hessischen Rundfunk entlassen; der gerade beginnende Kalte Krieg hatte somit unmittelbare Auswirkungen auf sein Leben. 

Der Verlust der Arbeitsstelle führte dazu, dass er sein Studium nicht beenden konnte. Dafür erhielt er aber die Möglichkeit, 1949/1950 ein Studium an der Parteihochschule »Karl Marx« der SED in Kleinmachnow zu absolvieren. Nachdem er dort einige Zeit als Lehrer gewirkt und Philosophie unterrichtet hatte, kehrte er in die BRD zurück. Hier war der Kampf gegen die Remilitarisierung zu einer entscheidenden Aufgabe geworden. Bald wegen »Rädelsführerschaft in einer staatsgefährdenden Organisation« angeklagt, wurde er von ehemals faschistischen Richtern zu fünf Jahren Haft verurteilt. 

Nach der Haftentlassung arbeitete Steigerwald in verantwortlicher Funktion im Zentralkomitee der inzwischen illegalen KPD. 1968 gründete sich die DKP, in der Steigerwald Mitglied des Parteivorstandes wurde und für den Bereich Theorie und Bildung verantwortlich war. In seiner Funktion als Chefredakteur machte er die Zeitschrift Marxistische Blätter zu einem Organ revolutionären Denkens. 

Steigerwald nahm darin nicht nur zu vielen aktuellen Fragen der Theorie und Politik Stellung, er veröffentlichte auch zahlreiche Bücher, darunter Einführungen in die marxistische Philosophie, die sich durch Verständlichkeit und Lebendigkeit auszeichnen und vielen jungen Genossen halfen, sich marxistisches Grundwissen anzueignen. In seiner Dissertation »Herbert Marcuses dritter Weg«, mit der er 1968 zum Doktor phil. promovierte, entwickelt Steigerwald die Grundlinie seines Marxismusverständnisses, die von großer Bedeutung für die politischen Auseinandersetzungen und Richtungsbestimmungen in der Arbeiterbewegung und darüber hinaus im gesamten linken politischen Spektrum war und es teilweise immer noch ist. 

Das trifft ganz besonders für die Zeit nach dem XX. Parteitag der KPdSU im Jahr 1956 zu, als die Kritik an dogmatischen Auffassungen Stalins, des von seinen Anschauungen geprägten Marxismus-Leninismus und seiner Politik nicht nur zu notwendigen Korrekturen in der Theorie und Politik kommunistischer Parteien führte, sondern auch revisionistischen und opportunistischen Tendenzen Aufwind gab. Diese artikulierten sich in verschiedenen Formen und Strömungen, sie waren überwiegend antikapitalistisch, und insofern auch progressiv. Aber sie distanzierten sich mehr oder weniger stark vom realen Sozialismus in der Sowjetunion und besonders von dem in der DDR, übten eine ahistorisch-abstrakte Kritik an seinem damaligen Erscheinungsbild. Als theoretisches Fundament derartiger Auffassungen diente meist eine revisionistisch verstümmelte Form des Marxismus, oft verbunden mit Elementen des Neukantianismus und des modernen Positivismus oder auch der Lebensphilosophie. Die kritische Analyse derartiger Anschauungen sowie eine überzeugende Auseinandersetzung mit ihnen war also eine wichtige Aufgabe des ideologischen Klassenkampfes. Auf diese streitbare Weise wahrte und verteidigte er stets unverzichtbare Grundpositionen des Marxismus. Das machte ihn zu einem anerkannten Diskussionspartner für Marxisten mehrerer Generationen, die nicht Mitglied der DKP waren. 

Alfred Kosing 

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Über unsere Epoche 

Der Kapitalismus soll als unüberwindlicher Endzustand menschlicher Geschichte hingestellt werden 

Von Robert Steigerwald 

 

Zu Ehren von Robert Steigerwalds Geburtstag soll ein Beispiel seiner argumentativen Stärke gegeben werden. jW veröffentlicht aus der Einleitung in sein Buch »Marxismuskritik heute« einen Auszug zur Epochenfrage. Es erschien 1986 im Verlag Marxistische Blätter in Frankfurt am Main. 

Es ist das Kennzeichen wirklich bedeutender Philosophie, Gesellschaftstheorie, Dichtung, dass sich in ihr Epochenfragen spiegeln. Die Epochenfrage stellt sich aber heute, da es um die Ablösung eines ganzen Typus von Gesellschaftsformen geht, weit prinzipieller und schärfer als jemals zuvor: Jener Typus, der bestimmt ist durch das Privateigentum an den Brot- und Lebensquellen des Volkes, also an den Produktionsmitteln, jener Typus, der deshalb auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, der Spaltung des Volkes in antagonistische, sich bekämpfende Klassen beruht und darum den Staat als Herrschaftsinstrument der bestimmenden Ausbeuterklasse über die ausgebeuteten Volksmassen nötig hat, wird vom völlig anders gearteten Typus von Gesellschaft abgelöst, der auf dem Gemeineigentum an den Produktionsmitteln aufbaut, darum Ausbeutung, Klassen, Klassenspaltung und Unterdrückung überwindet. 

Das klassische bürgerliche Denken und Dichten fordert noch sein »Jahrhundert in die Schranken« (Schiller). Es wollte wissen, »was die Welt im Innersten zusammenhält« (Goethe) und versuchte, diese gemäß dem »Anspruch der Vernunft« (Kant, Fichte, Hegel) zu gestalten. »Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit« durchzusetzen, dem »Wahren, Schönen, Guten« (Goethe) zum Siege zu verhelfen, war sein Ziel, und es arbeitete ein Menschenbild heraus, das auf die Spießermoral »höchstes Glück der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit« die Antwort formulierte: »Ja, so sagte man, doch ich bin auf anderer Spur« (Goethe). Wobei diese Spur dann dahin führte, im Menschen »ein Kollektivwesen« (Goethe) zu entdecken. Das wollte – »mit freiem Volke auf freiem Grunde stehend«, »nicht sicher zwar, doch tätig frei« lebend – im »Gemeindrang« (Goethe) den Stürmen und Schwierigkeiten der Natur die Bedingungen menschlichen Lebens abtrotzen. Und dazu, zu diesem Prozess schöpferischer Gemein-Freiheit, sagte es, dieses Bürgertum, »Verweile doch, du bist so schön!« (Goethe). 

»Sozialistischer« Anstrich 

Marx, der Marxismus traten dieses Erbe an. Zugleich drang Marx zu einem qualitativ anderen Verständnis der Epochenfrage vor. Er entdeckte, dass dieses menschliche Leben von jenen Mitteln abhängt, die der Mensch in der Auseinandersetzung mit der Natur schafft und nutzt, von welcher Art diese Mittel, ihr Gebrauch durch die Menschen sind. Da gibt es unterschiedliche Epochen, und an ihrer Grenzscheide brechen Revolutionen auf. Wir aber leben jetzt in einer Zeit, da wir an der Grenzscheide eben zweier solcher Epochen stehen, der bürgerlichen und der proletarischen. Das Reich der Vernunft, der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, des Wahren, Schönen, Guten – es ist erst 1917, unter großen Schmerzen geboren worden, es ist kein bloßes Schemen mehr. Grundlegende Probleme unserer Zeit zeigen, dass die Überwindung gesellschaftlicher Zustände auf der geschichtlichen Tagesordnung steht, unter denen der gesellschaftliche Fortschritt darauf beruht, dass die Reichen und Mächtigen »ihren Nektar aus den Schädeln Erschlagener« (Marx) saugen: Wenn die Brot- und Lebensquellen aller – in deren Besitz sich die Reichen und Mächtigen brachten und womit sie anderen ihren Willen aufzwingen konnten und können – zum Besitz aller werden, so kann der schöne humanistische Traum der Klassik Wirklichkeit werden. Dann wird die klassische Schönheit nicht mehr – wie in Hans Castorps Traum in Thomas Manns »Der Zauberberg« – aus einer Kelter gespeist, deren Saft das Blut ausgepresster Sklaven ist. Dies zu ändern, genau das ist – letztlich – der Sinn und Inhalt der heutigen Epochenfrage. Sie hat einen Namen, und der heißt Sozialismus/Kommunismus. 

Dass in unserer Zeit der Übergang zum Sozialismus weltweit auf der Tagesordnung steht, behaupten wir Kommunisten mit guten Gründen. Wir werden darin bestätigt durch solche Tatsachen: Sieht man von einigen Ideologen in den USA ab, so sind selbst die hartgesottensten bürgerlichen Ideologen und Medien nicht mehr bereit, ihre – d. h. die kapitalistische! – Gesellschaftsordnung bei ihrem wahren Namen zu benennen. Alles soll sie sein: nivellierte Mittelstands-, Industriegesellschaft usw., nur nicht kapitalistisch. Es ist wie im Märchen: Sobald man weiß, wer und was Rumpelstilzchen ist, geht es mit ihm zu Ende. Wo sich Protest nennenswerter Art entfaltet, führt er meistens – ob zu Recht oder Unrecht, sei dahingestellt – das Wort »sozialistisch« wenigstens in seinem Namen. Imperialistische Demagogie gibt sich gerne einen »sozialistischen« Anstrich. 

Dass der Übergang zum Sozialismus der Inhalt unserer Zeit ist, spiegelt aber der Bourgeoisie die Bedingungen ihres eigenen Untergangs wider. Diese Entwicklung nicht wahrhaben zu können, zu wollen und zu dürfen – daraus entsteht, darin liegt die »wichtigste« Aufgabe aller spätbürgerlichen Weltanschauung. Was heißt das? Dass sie auf den Charakter der Zeit, in der wir leben, reagiert. Sie verliert immer mehr ihren einstmals führenden Einfluss. Der ist auf die Weltanschauung jener Klasse übergegangen, die im Mittelpunkt dieser Zeit des Übergangs steht, auf die marxistische Philosophie der Arbeiterklasse. 

Im Gegensatz zum klassischen bürgerlichen Denken und Dichten hat die heutige Bourgeoisie, der die Arbeiter- und antiimperialistische Bewegung das Ganze, die Welt streitig macht, völlig andere Erkenntnisinteressen: »Nie sollst du mich befragen, noch Wissenssorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam’ und Art!« (so Lohengrin in Richard Wagners gleichnamiger Oper; jW) Gefragt sind jetzt Lehren, welche das Erkennen und Wirken nur noch innerhalb der Grenzen dieser bürgerlichen Welt ermöglichen. Der Schritt über diese Grenzen hinaus wird bestritten. Das Erkennen und Wirken soll in den Kapitalismus eingefügt bleiben. 

Wie macht man das? Man verwandelt die Krise des Bürgerlichseins zu einer Krise des Menschenseins. Und man sagt, diese Krise folge z. B. – denn es gibt auch andere »Grenzen«, etwa solche der »Natur« –, aus der angeblichen Begrenztheit unseres Erkenntnisvermögens. Also: ob es ein Jenseits des Kapitalismus gebe und wenn es das gebe, was dies gegebenenfalls sei, soll unerkennbar sein. Mit anderen Worten: Der Kapitalismus wird als unüberholbarer Endzustand menschlicher Geschichte hingestellt. Der reale Sozialismus soll nur eine möglichst rasch zu beseitigende Fehlentwicklung sein. (…) 

Heutige Marxismuskritik 

Dies wird nun durch zwei Richtungen angestrebt, die sich im spätbürgerlichen Denken als bestimmende durchsetzen (sie existieren nämlich bereits seit den Anfängen des bürgerlichen Denkens). Die eine nennen wir die lebensphilosophische, die andere die positivistische. Beide sind sowohl philosophisch im engeren Sinne als auch gesellschaftspolitisch orientiert. Was ist mit beiden gemeint? 

Lebensphilosophie und Positivismus – in diesem Sinne als grundlegende Denkrichtungen – sind beide idealistisch. Das heißt, beide beantworten die »erste Seite« der philosophischen Grundfrage – die nach dem Verhältnis von Materiellem und Ideellem – so, dass die Welt nichtmateriellen Ursprungs sei. Beim Positivismus folgt dies daraus, dass er in der Regel bei den Sinnesdaten (bei einer Verabsolutierung des idealistisch gedeuteten Empirismus) stehenbleibt. Wenn die letzte uns gegebene Wirklichkeit unsere Sinnesdaten wären, müsste es das Subjekt sein, das sich seine »Wirklichkeit« daraus erzeugt (»konstituiert«). Bei der Lebensphilosophie folgt dies aus einem im Wesen gleichen Ansatz: Wenn wir Marxisten die Welt außerhalb und unabhängig unseres Bewusstseins eben genau so sehen, wie sie ist, ohne fremde Zutat eines angeblichen (geistigen) Schöpfers, so wendet die Lebensphilosophie bisweilen, in scheinbarer Anknüpfung an Marx, ein: Ihr denkt falsch, »entfremdet«, »verdinglicht«. Ihr überseht, dass die Dinge nicht für sich existieren, sondern entweder durch uns oder durch ein objektiv geistiges Wesen erzeugt worden sind. Was ihr für materiell haltet, ist in Wahrheit Geistiges.Wir haben es mit einer zur Materialismuskritik pervertierten Version von Momenten der Marxschen Entfremdungskonzeption zu tun. 

Die Welt erscheint der positivistischen Denkrichtung als eine Anhäufung von Zufälligem. Denn warum unsere Sinnesdaten entstehen, wie sie entstehen usw. ist uns danach unerklärlich. Der Positivismus bestreitet also, dass die Welt ein zusammenhängendes Ganzes sei. So etwas, wie das System, das »Ganze« namens Kapitalismus, sei eine Schimäre! Wenn es ein Ganzes nicht gibt, kann es sich auch nicht entwickeln. Also gibt es auch keinen Weg von dem, was es nicht geben soll – dem Kapitalismus – zu dem, was es angeblich auch nicht geben kann: dem Sozialismus. Die positivistische Denkrichtung klammert also notwendige Entwicklung aus. Sie rechtfertigt gedanklich den »Abschied von der Geschichte«. Sie entspricht also haargenau der bürgerlichen Angst vor der Zukunft. Sie lässt ebenfalls eine »Stückwerktechnologie«, einen staatsmonopolistischen Reformismus zu. 

Die lebensphilosophische Denkrichtung enthält »Wirklichkeit« und appelliert an »Wirklichkeit«, sie beschränkt sich dabei nicht auf Sinnesdaten. Aber ist diese »Wirklichkeit« die objektive Realität? Zunächst ist »Wirklichkeit« bei ihr austauschbar mit »Leben«. Schauen wir aber genauer hin! Dieser Begriff des Lebens hat in aller Regel nichts mit Leben im biologischen Sinne zu tun. Wilhelm Dilthey (1833–1911), Georg Simmel (1858–1918), Martin Heidegger (1889–1976) sind Repräsentanten der lebensphilosophischen Denkrichtung, aber ganz a-biologistisch. Die politisch aggressivsten Varianten »biologisieren« geradezu Gesetze des Kapitalismus: Leben ist Leiden! Friss oder werde gefressen! Der sogenannte Sozialdarwinismus wurzelt hier. Leben ist tragisch. Es gibt immer Opfer. Die (sozialistische) Rebellion dagegen ist widernatürlich, lebensfeindlich (Friedrich Nietzsche, 1844–1900). »Leben« erweist sich so als Sammlung ideologischer Denkmuster der Bourgeoisie. »Leben«, »Wirklichkeit« täuschen somit zwar objektive Realität vor, sind aber in Wahrheit entweder offenkundig nur Nichtmaterielles, nämlich Mystifizierungen bürgerlicher Ideologie, oder – sozialdarwinistisch interpretierte »Natur«. 

Die lebensphilosophische Denkrichtung kann – so scheint es zunächst – im Unterschied zum Positivismus Entwicklung bejahen. Aber die Täuschung offenbart sich rasch, denn alles vollzieht sich hier wenigstens im Rahmen der zu »biologistischen« Denkmustern überhöhten kapitalistischen Ausbeutungs- und Konkurrenzgesetze. Und zweitens gibt es allenfalls gleichmäßig organisches Wachstum, ohne »lebensfremde« Revolution. Oder es wird das »katastrophische« Element als Scheinrevolution eingeführt (so z. B. der junge Herbert Marcuse im Gefolge Heideggers). Vom Kapitalismus zum Sozialismus führt kein Weg. So ist auch die »Wirklichkeit« der Lebensphilosophie letztlich ohne Entwicklung, wie beim Positivismus. 

Kapitulation vor der Erkenntnisfrage 

Lebensphilosophie und Positivismus kapitulieren beide vor der Erkenntnisfrage. Natürlich ist der Kapitalismus als Gesamtsystem in dem Sinne irrational, dass sein Gesamtprozess nicht planbar ist. 

Anders steht es um seine Teilbereiche, etwa den Betrieb. Da wird geplant und organisiert. Der Positivismus macht daraus eine Tugend. Er lässt Oberflächen- und Teilrationalität, Teilerkenntnis, Teilplanbarkeit gelten. Er erweist sich so – etwa in Gestalt der »Sozialtechnologie« von Edward O. Wilson (geb. 1929) bis John M. Keynes (1883–1946) und Karl Popper (1902–1994) – als staatsmonopolistischer Reformismus. So dient er verschiedenen Fraktionen des Großkapitals. Eine das Ganze durchwaltende erkennbare Gesetzmäßigkeit und damit Geschichte des Kapitalismus bestreitet er jedoch und ideologisiert so nur den anarchischen Prozess der kapitalistischen Wirtschaft. Aber wenn der Kapitalismus als Ganzes nicht planbar ist, wenn also er die Grenze von Erkenntnisfähigkeit darstellt, dann muss er ersetzt werden durch eine gesamtgesellschaftlich plan- und erkennbare, eben die sozialistische Ordnung. 

Die Lebensphilosophie kritisiert bisweilen, auch in ihren linken Varianten (etwa der »Frankfurter Schule«) scheinbar den Positivismus. Sie sagt, jene Oberflächen- und Teilrationalität des Positivismus sei »szientistisches Herrschaftswissen«, diene der Stabilisierung des Spätkapitalismus. Also selbst dieser beschränkte, kastrierte, halbierte Rationalismus geht solchen lebensphilosophischen Varianten zu weit. Solches »szientistische Herrschaftswissen« sei durch künstlerisch-ästhetische Geistesformen, durch Absage ans begriffliche Denken, durch »Komponieren« (Theodor W. Adorno, 1903–1969) zu ersetzen. Auch eine Theorie vom gesellschaftlichen Ganzen (das Ganze ist das Unwahre, sagt Adorno) sei solchem szientistischen Herrschaftswissen (Oskar Negts u. a. These von der angeblichen Legitimationstheorie) verpflichtet, also abzulehnen. So verschwindet solches Philosophieren im Dunkel des Irrationalismus. 

Lebensphilosophie und Positivismus sind also beides Absagen an den Materialismus, die Dialektik, die Vernunft. Der Positivismus »halbiert« (Jürgen Habermas) die Vernunft, indem er sie in das Bezugssystem des Kapitalismus einschränkt. Für ihn ist »das Ganze« ins Reich der sinnlosen Rede zu verweisen. Die Lebensphilosophie denunziert, Nietzsche folgend, jegliche Rationalität als Herrschaftsmittel und geht von der Rationalität über zum spätbürgerlichen Mythologisieren. 

Lebensphilosophie und Positivismus bleiben so beide der Oberfläche der kapitalistischen Erscheinungsweise verhaftet. Der Unterschied ist nur der, dass sie innerhalb einer komplementären Beziehung die einander ergänzenden Pole sind: Die Lebensphilosophie mystifiziert diese kapitalistische Welt. Der Positivismus »entmythologisiert« sie. Er sagt: Sucht nicht weiter, die Welt ist so, wie ihr sie wahrnehmt. (Insofern ist ihm die Erkenntnisfrage sinnlos.) Und wenn es noch anderes geben sollte, ist dieses nicht erkennbar. Gebt euch damit zufrieden. Richtet euch in dieser Welt ein. Reformiert sie, wo sie erkennbare Mängel hat. Aber eine bessere Welt gibt es nicht. Beide beantworten damit auch die zweite Seite der philosophischen Grundfrage, die der Erkennbarkeit, falsch, nämlich letztlich agnostizistisch. 

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Ein Durchhalter 

Am Sonnabend fand in Eschborn eine Festveranstaltung zum 90. Geburtstag des marxistischen Philosophen Robert Steigerwald statt 

  

So viele Rote habe der Sitzungssaal des Rathauses von Eschborn noch nie gesehen, meinte der Stadtverordnete Thomas Matthes (Fraktion Die Linke). Er begrüßte etwa 130 Gäste, die am Sonnabend zu einer Festveranstaltung für den Bürger der Stadt, den Kommunisten und Philosophen Robert Steigerwald, der am heutigen Dienstag seinen 90. Geburtstag begeht, gekommen waren. Eingeladen hatten die Linke in der Stadtverordnetenversammlung, die DKP und die Marx-Engels-Stiftung Wuppertal. Erich Schaffner (Gesang) und Beate Jatzkowski (Akkordeon) trugen Lieder von Brecht und Majakowski vor. Eschborns Bürgermeister Mathias Geiger, der einer der reichsten Gemeinden der Bundesrepublik vorsteht, würdigte den Jubilar als einen »Durchhalter«, dessen politische Auffassungen er in vielen Belangen nicht teile. Der Landtagsabgeordnete Willi van Ooyen (Die Linke) erinnerte an gemeinsame Demonstrationen und Kundgebungen wie die zum 30. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus 1975 auf dem Römerberg in Frankfurt am Main und an Robert Steigerwalds wichtige Rolle in der Friedensbewegung. 

Den Krieg verhindern war und ist neben der Philosophie eines der Lebensthemen Steigerwalds. Er wurde 1945 Mitglied der SPD, trat aus ihr 1948 wieder aus und in die KPD ein, als ihm der Parteivorsitzende Kurt Schumacher auf eine entsprechende Frage geantwortet hatte, selbstverständlich werde es Krieg geben, und »wir« würden dann an der Seite der Westmächte gegen die Russen stehen. Steigerwald flog aus dem Hessischen Rundfunk, absolvierte ein Studium an der SED-Parteihochschule, wurde dort Verantwortlicher für Philosophie und kehrte bald in die BRD zurück. Seine Arbeit für die ab 1956 verbotene KPD brachte ihm insgesamt über fünf Jahre Haft ein. Ab 1961 war er in Ostberlin und in Westdeutschland für die illegale Partei tätig, hob die Zeitschrift Marxistische Blätter, deren Chefredakteur er später wurde, 1963 mit aus der Taufe und legte eine viel beachtete Dissertation über »Herbert Marcuses dritten Weg« vor. Seit 1967 wohnt er mit seiner Familie in Eschborn und wurde in Auseinandersetzungen mit den verschiedensten Trupps linker Antikommunisten, denen er als »Gralshüter des Revisionismus« galt, ein gefürchteter Polemiker. Seine Hauptarbeit galt, in enger Zusammenarbeit mit Willi Gerns, der darüber am Sonnabend berichtete, den Grundsatzdokumenten der 1968 gegründeten DKP. Gerns und nach ihm der DKP-Parteivorsitzende Patrik Köbele erinnerten an die Würdigung der »politischen Zwillinge« Gerns und Steigerwald durch die FAZ am 12. Februar 1990 als »zwei dieser alten Schlachtrösser«, die »in verstocktem Sinne ehrlich« die Ereignisse in der DDR als »konterrevolutionären Prozess« bezeichneten. Köbele übersetzte das mit den Worten: ein kommunistischer Intellektueller, dem nichts ferner lag als der Elfenbeinturm, der sich statt im Büro lieber in Debatten aufhielt. So skizzierte es auch in einem launigen Grußwort der Vorsitzende des Deutschen Freidenkerverbandes Klaus Hartmann, der Steigerwald für seine profunden Arbeiten zur Religion und zum Bündnis mit Gläubigen dankte. 

Die theoretische Seite im Werk Steigerwalds würdigten die Philosophen András Gedö (Budapest), der sich mit der Postmoderne und ihren wirkungsvollen, aber wenig ertragreichen Versuchen, den Marxismus zu töten, auseinandersetzte, und Alfred Kosing (Alanya), der Ursachen für das Scheitern des realen Sozialismus skizzierte. Der Sozialwissenschaftler Manfred Lauermann (Hannover) erläuterte, warum Hegel nach und mit Marx und Lenin im Sinne der Arbeiten Steigerwalds heute aktuell sei, die Ökonomin Gretchen Binus (Berlin) beleuchtete den Funktionsmechanismus des staatsmonopolistischen Kapitalismus, der Historiker Heinz Karl (Berlin) würdigte Steigerwalds klare marxistische Position in den Diskussionen um »Friedensfähigkeit« des Imperialismus sowie um den Weg der kommunistischen Bewegung nach dem XX. Parteitag der KPdSU. jW-Chefredakteur Arnold Schölzel nannte den Kommunismus ein Grundproblem der bürgerlichen Gesellschaft, das in ihr seit ihren Anfängen »rumort«. Die Beiträge der Konferenz werden in einer Festschrift publiziert. (jW

  

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„Die rätselvolle Materie"  

Wir dokumentieren im Folgenden aus dem Buch von Robert Steigerwald „Abschied vom Materialismus?"  

In: unsere zeit online vom 20.03.2015 

 

Auszüge aus dem Abschnitt „Die rätselvolle Materie", die sich mit dem Wesen und der Rolle von Philosophie beschäftigen: (…) (S)eit menschlicher Geist zum Bewusstsein erwacht ist, will er wissen, was es mit dem Sein und Werden auf sich hat. Dies nicht aus purer Neugier – die übrigens vom Ursprung her dem Bemühen um Orientierung geschuldet ist –, sondern um der Lebensmeisterung willen. Bedingung des Lebens und Überlebens ist Orientierungsfähigkeit, also Antwort auf Fragen der Art: Wer bin ich? Was kann ich wissen oder erkennen? Was soll oder muss ich tun? Wie kann, muss, soll ich leben? Wer sich in der Geschichte der Philosophie auskennt, weiß natürlich, dass ich mit diesen Fragen anknüpfe an I. Kants Feststellung, Philosophie habe es damit zu tun, diese Fragen zu beantworten. Freilich sind nicht alle Antworten auf solche Fragen bereits Philosophie. Zur Philosophie werden sie erst unter bestimmten Bedingungen. Philosophie redet in begründender, in rationaler Weise, also mittels Begriffen, Urteilen, Schlüssen, Theorien, Hypothesen über das Ganze der unserem Erkennen zugänglichen Realität, was auf die Formulierung und Begründung der allgemeinsten Entwicklungsgesetze von Natur, Gesellschaft und Denken hinausläuft. Und sie entsteht erst, nachdem sich bestimmte gesellschaftliche Bedingungen herausgebildet haben. 

Die Kulturgeschichte aller Völker zeigt uns, dass der Mensch – um ein schönes Wort Goethes, aus einem seiner Gespräche mit Eckermann, zu benutzen (…) – ein Kollektivwesen ist. Gemeinsam mit anderen nur kann er leben, arbeiten, sich verteidigen, kämpfen. 

Das heißt aber auch, dass nicht nur der Einzelne, sondern das ihm zugehörige Kollektiv Orientierungswissen von der oben angedeuteten Art braucht. Es ist intellektuelle Begleitmusik und Bedingung geistiger und materieller Aneignung von Wirklichkeit und damit Leben. 

So weit wir zurückblicken, hat die Menschheit stets kollektive Formen von Orientierungswissen – selbstredend unterschiedlicher Qualität – besessen: Erst den Mythos und die Religion, später auch die Philosophie. 

Wahrscheinlich sind erste Formen dieser Art von kollektivem Orientierungswissen Totemismus und Tabu gewesen. Sie sind – in der Terminologie des historischen Materialismus formuliert – Frühformen des ideologisch-politischen Überbaus. (…) Wesentlich ist, ob solches Ideologische zur Zeit seines Aufkommens der Orientierung dienen sollte und konnte. Dass es sich dann, im Laufe der Geschichte, mit dem „Verwelken" der geschichtsbestimmenden Kraft des Kollektivs, dem solches Orientierungswissen diente – was in aller Regel auch mit dem Gewinn neuen Wissens, und damit neuer Orientierungsmöglichkeiten verbunden war –, in Trugbilder, in Idole verwandeln konnte, steht auf einem ganz anderen Blatt. 

Dabei zeigt es sich (…), dass immer die Fragen des Seins und des Werdens im Mittelpunkt der Erörterungen standen. Goethe meinte einmal, im letzten Grund gehe es immer nur um die Frage Herakliteer oder Eleaten, also um die Frage, ob die Welt als ewig Werdende zu verstehen sei oder ob wir uns zur völligen Negierung des Werdens durchringen müssten. Was ist Sein? Gibt es überhaupt Sein oder sind das alles nur Halluzinationen? Was ist Werden? Findet überhaupt Werden statt? Und wenn ja, warum wird etwas oder: warum ist etwas? Fragen dieser Art sind vielfach variierbar, aber letztlich ist alle Philosophie um solche Fragen abgelagert. 

(…) Die Philosophie selbst ist ein Produkt der Klassengesellschaft. In einer in Klassen gespaltenen Gesellschaft kann sie, die Philosophie, selbst nicht einheitlich sein. Wie sich durch die Geschichte der Klassengesellschaft der Klassenkampf hindurchzieht, so auch letztlich durch die Geschichte der Philosophie der Gegensatz zweier großer Philosophiesysteme. 

(…) Obgleich sich auch in der Philosophie soziale Widersprüche widerspiegeln, lässt sich der Gegensatz von Materialismus und Idealismus daraus allein nicht erklären. 

Die Sklaven konnten (so lange sie Arbeitssklaven waren) keine eigene Philosophie entwickeln, auch nicht die Leibeigenen. Die Bauern Thomas Müntzers waren Revolutionäre, aber sie hatten eine religiöse, das heißt idealistische Weltanschauung. 

Darum spiegelt der Gegensatz Materialismus- Idealismus in den vorkapitalistischen Gesellschaftsordnungen nicht einfach den Gegensatz zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten wider. 

Wohl ist der Klassengegensatz entscheidend, aber der weltanschauliche Gegensatz erschöpft sich nicht im Klassengegensatz. 

Der Streit zwischen Materialismus und Idealismus in der antiken Philosophie widerspiegelt zum Beispiel nicht den Kampf zwischen den Sklavenhaltern und den Sklaven, sondern jenen zwischen den verschiedenen Teilen der besitzenden Klassen. 

Gäbe es keine Klassen, dann gäbe es zwar keine soziale Basis für verschiedene philosophische Anschauungen, aber dennoch erkenntnistheoretische Gründe ihrer Entstehung: die Verselbständigung und Verabsolutierung von Elementen – etwa solche rationaler Art – des einheitlichen Erkenntnisprozesses. 

Um die einzelnen philosophischen Richtungen zu verstehen, muss man also sehr differenziert die gesellschaftlichen Verhältnisse und Hintergründe untersuchen, unter denen eine bestimmte philosophische Richtung entstanden ist. 

Da die gesellschaftlichen Klassenverhältnisse in der Vergangenheit recht kompliziert waren, ist es nur natürlich, dass auch der Streit zwischen materialistischer und idealistischer Philosophie oft sehr komplizierte Formen angenommen hat. So gibt es philosophische Systeme, die in ihrem Ausgangspunkt, in ihrem Grundprinzip durchaus idealistisch sind und doch gleichzeitig starke materialistische Züge aufweisen: Und umgekehrt gibt es in ihrem Ausgangspunkt materialistische philosophische Systeme, die dennoch starke Elemente idealistischen Denkens enthalten. 

Ganz allgemein kann jedoch festgehalten werden, dass die materialistische Richtung fortschrittliche Tendenzen der sozialen Entwicklung ausdrückt. Aber der Fortschritt der Philosophie ist nicht einfach gleichzusetzen mit dem Fortschritt der materialistischen Auffassung und ihrer Erfolge beim Kampf gegen den Idealismus: Platons und Hegels Werk, übrigens auch das des Thomas von Aquin, sollte vor einer solchen Vereinseitigung unbedingt warnen. 

Man könnte nach dem Gesagten einige vorsichtige, auf Europas Geschichte der Philosophie bezogene Orientierungspunkte benennen: 1. Philosophie ist ein Typus von Wissen über das „Ganze" der objektiven Realität, der sich rationaler, begrifflicher, urteilender, schließender Methoden bedient, sich um Befreiung von mythologisch- anthropomorphisierenden Typen von Weltbildern bemüht, Weltorientierung von begründender und beweisender, statt auf Glauben beruhender Art ist. Dies prägt sogar die philosophischen Formen des Idealismus. 

2. Philosophie bestimmt das allgemeine geistige Verhältnis von sozialen Kräften, in der Klassengesellschaft eben auch von Klassenkräften zur Natur, Gesellschaft und zum Erkennen, womit sie auch die Stellung des Menschen in Natur, Gesellschaft und das Wesen seiner Erkenntnis definiert. 

(…) 3. Die Philosophie entstand in Indien, China und Griechenland nach der Herausbildung der Klassengesellschaft, als ein Element dieser Gesellschaft, mit Funktionen im Kampf der Klassen. 

Die Entstehung der Klassengesellschaft stellt einen solchen großen Einschnitt in der Entwicklung des Menschen dar, dass ein neuer Typus von Weltsicht entstand. Hinfort wird mit jedem neu in die Geschichte eintretenden historischen Subjekt ein neues Verhältnis zur Welt entstehen. Dabei ist das jeweils Wesentliche die Neubestimmung des Verhältnisses dieses historischen Subjekts zur Natur, Gesellschaft und Erkenntnis. 

4. Zu den Bedingungen des Entstehen von Philosophie gehört ferner die gesellschaftliche Arbeitsteilung, insbesondere die in Hand- und Kopfarbeit – weil nur spezifische Kopfarbeiter Fähigkeiten und Muße zur philosophischen Arbeit entfalten konnten –, eine gewisse Entwicklung des Warenaustauschs als Grundlage dafür, im Verschiedenen Gemeinsames aufzudecken, was für begriffliches Denken wesentlich ist. 

5. Die Philosophie entstand des weiteren in den Zentren der wirtschaftlichen, politischen und allgemein-kulturellen Blüte, was gegen die These vom Ursprung der Philosophie lediglich im Kopf großer Geister spricht. Folglich muss Philosophie- Geschichte untersucht werden in ihrer Einbettung in die allgemeine Geschichte 6. Freilich verhält es sich auch mit der Philosophie so, dass sie, einmal entstanden, eigene Entwicklungsbedingungen, Züge einer eigenen Entwicklungslogik (etwa im Kampf beider Grundrichtungen. 

6. Freilich verhält es sich auch mit der Philosophie so, dass sie, einmal ntstanden, eigene Entwicklungsbedingungen, Züge einer eigenen Entwicklungslogik (etwa im Kampf beider Grundrichtungen. im Sich-Aufeinander-Beziehen von Philosophen, im Streit untereinander) herausbildet, was zu einer gewissen geistigen Tradition führt, die indessen nicht verselbständigt werden darf. (…)  

 

Robert Steigerwald, Abschied vom Materialismus? 

Pahl-Rugenstein-Verlag, Bonn 1994 

 

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„Steigerwald, zähm‘ dein Mundwerk"  

Erst Kampfpilot, dann Hoffnung der SPD, Entscheidung für die Kommunisten  

Interview mit Robert Steigerwald  

In: unsere zeit online vom 20.03.2015 

 

  

UZ: Du wirst in diesem Jahr 90, und gleichzeitig feiern wir 70 Jahre Befreiung. Was hast du an deinem 20. Geburtstag gemacht?  

Robert Steigerwald: Im März 1945, da war ich noch Pilot. Am 24. März hatte ich Geburtstag, am 27. April bin ich freiwillig über die Elbe in Gefangenschaft gegangen, um nicht nach Berlin zu müssen, ins letzte Gemetzel. Also, an meinem 20. Geburtstag war ich noch Soldat. 

UZ: Aber du kommst aus einer antifaschistischen Familie. 

Robert Steigerwald: Aus einer kommunistischen Familie. Ich war eigentlich bis zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag in allen entscheidenden Dingen für die Partei – als junger Bub für die Interbrigaden in Spanien, gegen den Angriff Mussolinis in Abessinien, und dann kommt so ein Nichtangriffsvertrag. Ich habe mich gefragt: Mein Gott, wenn Hitler und Stalin zusammengehen, warum sollte ich denn da so ein entschiedener Antifaschist? Meine Mutter, die nie ein Buch gelesen hat, merkte: Der Junge geht in Richtung der Nazis. Und um mich davor zu bewahren, fragte sie eines Tages: Weißt du eigentlich, dass du einen jüdischen Großvater hattest? Das wusste ich nicht. Das war die beste Immunisierung, die ich kriegen konnte. 

Von dem Zeitpunkt an war alles klar, und von dem Zeitpunkt an war ich auch daran interessiert, alles zu tun, um nicht als Stoppelhopser an die Ostfront zu kommen. Deshalb habe ich mich zur Luftwaffe gemeldet, bin nach dem Abitur eingezogen worden und zur Unteroffiziersausbildung in Frankreich geschickt worden. Danach Segelflugausbildung in Dänemark, dann Kriegsschule in Berlin. Und so bin ich bis fast ans Kriegsende heran nicht an irgendeine Front gekommen. 

Meine Spekulation hat sich als zutreffend erwiesen. 

UZ: Wie hat denn die Nazipropaganda auf dich als jungen Menschen gewirkt?  

Robert Steigerwald: Ich wurde also als Offizier ausgebildet. Zum Abschluss meines Lehrgangs auf der Kriegsschule musste ich einen Vortrag halten – „Volkstum und Rassegedanke". Ich, der einen jüdischen Großvater hatte, was aber niemand außer mir wusste. 

Also, dass ich das wusste hat mich wirklich gegen die Nazipropaganda immunisiert. Ich habe dann mittags mit dem Kommandeur der Kriegsschule beim Essen gesessen, weil ich der beste Lehrgangsteilnehmer war. 

Und am anderen Morgen hat er mir gesagt: Steigerwald, zähm dein böses Mundwerk, das könnte mal gefährlich werden. Dieser Mann war schon vor 1933 Nazi-Parteimitglied, das war mein Kompaniechef. Und ich hatte ab und zu meinen Mund schon mal spazieren gehen lassen, weil ich gemerkt hatte, der kann das ertragen. 

UZ: Aber später bist du noch als Pilot eingesetzt worden?  

Robert Steigerwald: Ja, das letzte halbe Jahr war dann doch noch Luftkampf. 

Da hatte ich die Schnauze auch voll. Ich sollte die Amerikaner daran hindern, Bomben über Deutschland abzuwerfen. Hat nicht geklappt. 

UZ: Und dann bis du in Gefangenschaft gegangen?  

Robert Steigerwald: Ja, um nicht ins Gemetzel zu müssen. Ich bin bis zum 12. Mai in dem Gefangenenlager geblieben, dann bin ich geflohen. Unter den Soldaten und Offizieren, da war die Nazibeeinflussung immer noch groß. Obwohl die natürlich auch froh waren, dass der Krieg vorbei war. Am 8. Mai Kriegsende, am 12. Mai geflohen, am 25. Mai zu Hause. Ich war der erste aus der Familie, der heimgekommen ist. Ich habe dann meinen sozialdemokratischen Lieblingsonkel gefragt – der war Betriebsratsvorsitzender in der größten Schriftgießerei der Welt in Frankfurt – den habe ich gefragt: Onkel Willi, was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen euch und den Kommunisten? Und er hat geantwortet – 1945, ein führender Sozialdemokrat! –: Die wollen beide dasselbe. Wir auf dem demokratischen Weg, die Kommunisten auf diktatorischem Weg. Das Ziel, hat er gesagt, ist dasselbe, nur der Weg ist unterschiedlich. 

Ich war für den demokratischen Weg und trat in die SPD ein. 

UZ: Wie standest du denn in dieser Zeit zu den Kommunisten?  

Robert Steigerwald: Ich war zunächst ein überzeugter Antikommunist. 1946 habe ich in einer SPD-Versammlung gesagt: Wenn es gegen die Russen geht, nehme ich das Gewehr freiwillig. 

Das hatte ich von Bebel übernommen, nur hatte der das in einer ganz anderen Zeit gesagt. Und neun Monate später bin ich in die KPD eingetreten. 

UZ: Du hast dich also einerseits in die Arbeiterbewegung eingebracht und dich andererseits auch ideologisch immer mehr dem Marxismus angenähert. 

Robert Steigerwald: Sofort. Ich bin ja ein verkopfter Mensch. Also, mein Vater war ein in der Wolle gefärbter Kommunist, aber ohne theoretische Kenntnisse. Er hatte zu den Mitbegründern der KPD in Frankfurt gehört. 

Wir haben viel Streit gehabt, solange ich noch Sozialdemokrat war. 

Einer seiner Klassenkameraden war auch in der SPD, der hat sich immer Luxemburgist genannt. Der hatte wohl den Eindruck, dass man mit mir was anfangen könnte. Der wollte mich also für eine – wie soll ich sagen – Führungtätigkeit ist zuviel gesagt, für die Arbeit in der SPD gewinnen. Ich habe dann am 1. Juli 1945 angefangen, Antifa- Jugendarbeit zu machen. Aber die Buben waren entweder tot oder in Gefangenschaft oder im Lazarett. 

Wenn ich jemanden ansprechen wollte, habe ich nur Mädchen erwischt. 

Die wollten aber mit mir nicht über Jugendarbeit reden. 

In den Arbeiterstadtteilen in Frankfurt, die vor 1933 sozialdemokratische Hochburgen gewesen waren, gab es noch Reste der Sozialdemokratie, und deren Kinder bildeten auch Gruppen. Ich habe diese Gruppen geleitet, ich habe dann auch die Lizenz für die Falken bekommen von den Amerikanern. Also, ich war in Frankfurt und Hessen von der SPD erkoren, die leitende Rolle in der Jugendarbeit zu spielen. Ich bin dann zum Rundfunk gekommen – das ist auch so eine Geschichte. Da an der Wand hängt dieses Bild … UZ: … eine Gruppe von jungen Leuten …  

Robert Steigerwald: … das sind die Falken. 

UZ: Im Hintergrund Trümmer. Und du stehst und hältst einen Vortrag. 

Robert Steigerwald: Über Heinrich Heine. Ich liebte Heine sehr, ich kannte aber nur die Gedichte. Ich habe also in der Jugendgruppe gesagt: Wir machen einen Heine-Nachmittag. Die waren alle dafür, und ich habe rezitiert und so weiter, und irgendwann kam die Frage: Hat Heine nur Gedichte geschrieben? Und ich habe gesagt: Na ja, der hat auch Prosa geschrieben, aber das ist nicht so bedeutend. Das war hochgestapelt, ich hatte keine Ahnung. 

Das ist also auf diesem Bild, das haben die Falken später meinetwegen nie mehr veröffentlicht. 

Na ja, der Fotograf war wohl Genosse, und der hat dem Hans Mayer – ein wichtiger Literaturwissenschaftler und -kritiker – davon erzählt. Und Hans Mayer sagte: Den Heine-Nachmittag, den bringen wir im Rundfunk. 

Und der wurde gebracht, und auch meine Bemerkung über Heines Prosa. Hans Mayer hat daran einen Kommentar angeknüpft: Da haben wir nun junge deutsche Sozialdemokraten, die möchten etwas über Heine wissen. Und dann weiß der Junge, der das macht, noch nicht mal, dass das Beste, was Heine geschrieben hat, seine Prosaschriften waren. So stieß ich auf die Prosaschriften von Heine. 

Und danach hat der Chef des Rundfunks mich gefragt, ob ich bei ihnen arbeiten würde, und ich habe gesagt: Gern. 

UZ: Und du hast begonnen, die marxistische Literatur zu studieren. 

Robert Steigerwald: Ich war 1944 zu Weihnachten auf Dienstreise und bin noch für zwei Tage zu meiner Familie gefahren. Und da passierte folgendes: Bei meinem Onkel auf dem Nachttisch lag ein Buch – Franz Mehring, Deutsche Geschichte vom Ausgang des Mittelalters. Ich habe meinem Onkel gesagt: Wenn ich heil nach Hause komme, ist das das erste Buch, das ich lese. Das war es auch. Und dann gab mir jemand von Plechanow „Grundprobleme des Marxismus". Diese Bücher waren für mich ein solcher Erkenntnisgewinn, das kann man nicht mehr nachvollziehen, wenn man so eine Situation nicht kennt. Ich habe die Theorie aufgesaugt. Ich bin über den Kopf Kommunist geworden – ich war Jugendfunkredakteur, ich verdiente doppelt so viel wie mein Vater, ich hatte keine materiellen Gründe, Kommunist zu werden. 

UZ: Aber vorher waren einige führende Leute in der Sozialdemokratie der Meinung, dass du in der SPD zu Höherem berufen wärst …  

Robert Steigerwald: … unter anderem Kurt Schumacher. Ich war Mitglied des Vorstands der Falken für die drei Westzonen. Die erste deutsche Jugenddelegation, die nach dem Krieg ins Ausland geschickt wurde, war natürlich eine sozialdemokratische, natürlich nach Schweden, wo die Sozialdemokraten regierten. Ich wurde mitgeschickt, aber vorher habe ich zu meinen Leuten gesagt: Ich werde nicht mehr kandidieren. Ich stimme mit der Politik der Partei nicht mehr überein. 

In Stockholm kam dann Kurt Schumacher, der SPD-Vorsitzende, zu mir und fragte: Was ist los mit dir? Ich habe ihn gefragt: Es herrscht Kriegsgefahr. 

Wo stehen wir? Und da sagte er: Wir bilden das Lager der dritten Kraft. Und ich sagte: Was ist denn das? Dann sagte er: Hier, in Skandinavien, ist alles mit absoluter Mehrheit sozialdemokratisch regiert, die Labour Party regiert in England, und in allen elf westdeutschen Ländern stellen wir den Wirtschaftsminister. Du als Marxist musst wissen, was das heißt. Da sagte ich zum Schumacher: Es herrscht Kriegsgefahr. Sie geht vom Kapitalismus aus. Meine Frage bleibt: Wo stehen wir? Und da sagte er: Es wird zum Krieg kommen. Dann werden wir an der Seite der Engländer, die Kommunisten an der Seite der Russen stehen. 

Was soll diese Diskussion? Ich bin nach Hause gefahren und bin im Januar 1947 aus der SPD ausgetreten und im Februar in die KPD eingetreten. 

Im März bin ich beim Rundfunk entlassen worden. 

UZ: Nun gab es ja nicht nur die rechte Führung in der Sozialdemokratie, sondern auch viele Sozialdemokraten, die mit den Kommunisten zusammenarbeiten wollten. 

Robert Steigerwald: Ja, deshalb bin ich auch nicht gleich öffentlich in die KPD eingetreten. Ich wurde vom Parteivorstand der KPD delegiert, um diese oppositionelle sozialdemokratische Gruppierung ideologisch anzuleiten. 

Das habe ich auch getan, aber ich muss ehrlich sagen: Die meisten davon waren es nicht wert. Die hatten eher aus persönlichen Gründen Probleme mit ihrer Partei. Nur ganz wenige haben sich uns angeschlossen – aber die wurden dann Mitglied unserer Partei und blieben es auch. 

Das war spannend, aber nicht sehr ertragreich. 

Der Antikommunismus war schon wieder so tief verwurzelt, dass du Schwierigkeiten hattest, mit Sozialdemokraten noch politisch vernünftig reden zu können. 

UZ: Heute wird ja oft gesagt, dass es unter jungen Menschen große Vorbehalte gibt, sich in Parteien zu organisieren. 

Du bis als Jugendlicher in die KPD eingetreten und Mitglied der kommunistischen Partei geblieben. 

Robert Steigerwald: Ich verstehe die jungen Leute, die erlebt haben, wie Parteien disziplinierend, zwingend, organisierend ins Leben von Jungen eingreifen können. Ich habe das ja erlebt. 

Und ich verstehe auch, dass Junge damit nicht zufrieden sind. Dass es also eine Form des Widerstandes gegen Organisation in Parteien gibt, erst recht im deutschen Parteitypuss. Der hat etwas Preußisches drin. Was ich nicht so negativ finde. Also, einerseits kann ich das nachvollziehen, andererseits geht es ja nicht anders. Wie willst du denn bestimmte Arbeiten machen, wenn du nicht gut organisiert bist? Nur ein Beispiel: Die Volksbefragung gegen die Wiederbewaffnung, die haben wir ja illegal durchgeführt. Die Adenauer-Regierung hatte verboten, dass die Leute über die Politik der Wiederbewaffnung befragt werden. Und wir haben eines Tages gesagt: Jetzt machen wir diese Befragung im ganzen Land. Ich habe im Parteivorstand den Auftrage bekommen, bestimmte Bezirke abzufahren und zu sagen: Dann und dann geht es los. Das kannst du ohne eine solche Partei nicht machen. Eine illegal organisierte Volksbefragung, da kann nicht alles diskutiert werden. Da muss es gehen: Die Partei hat entschieden. 

Und es ging ja. 

Mit Robert Steigerwald sprach Olaf Matthes  

Fortsetzung in den nächsten UZ. 

 

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Ein Durchhalter  

Am Sonnabend fand in Eschborn eine Festveranstaltung zum 90. Geburtstag des marxistischen Philosophen Robert Steigerwald statt 

In: junge Welt online vom 24.03.2015 

 

So viele Rote habe der Sitzungssaal des Rathauses von Eschborn noch nie gesehen, meinte der Stadtverordnete Thomas Matthes (Fraktion Die Linke). Er begrüßte etwa 130 Gäste, die am Sonnabend zu einer Festveranstaltung für den Bürger der Stadt, den Kommunisten und Philosophen Robert Steigerwald, der am heutigen Dienstag seinen 90. Geburtstag begeht, gekommen waren. 

Eingeladen hatten die Linke in der Stadtverordnetenversammlung, die DKP und die Marx-Engels-Stiftung Wuppertal. Erich Schaffner (Gesang) und Beate Jatzkowski (Akkordeon) trugen Lieder von Brecht und Majakowski vor. 

Eschborns Bürgermeister Mathias Geiger, der einer der reichsten Gemeinden der Bundesrepublik vorsteht, würdigte den Jubilar als einen »Durchhalter«, dessen politische Auffassungen er in vielen Belangen nicht teile. Der Landtagsabgeordnete Willi van Ooyen (Die Linke) erinnerte an gemeinsame Demonstrationen und Kundgebungen wie die zum 30. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus 1975 auf dem Römerberg in Frankfurt am Main und an Robert Steigerwalds wichtige Rolle in der Friedensbewegung. 

Den Krieg verhindern war und ist neben der Philosophie eines der Lebensthemen Steigerwalds. Er wurde 1945 Mitglied der SPD, trat aus ihr 1948 wieder aus und in die KPD ein, als ihm der Parteivorsitzende Kurt Schumacher auf eine entsprechende Frage geantwortet hatte, selbstverständlich werde es Krieg geben, und »wir« würden dann an der Seite der Westmächte gegen die Russen stehen. Steigerwald flog aus dem Hessischen Rundfunk, absolvierte ein Studium an der SED-Parteihochschule, wurde dort Verantwortlicher für Philosophie und kehrte bald in die BRD zurück. Seine Arbeit für die ab 1956 verbotene KPD brachte ihm insgesamt über fünf Jahre Haft ein. Ab 1961 war er in Ostberlin und in Westdeutschland für die illegale Partei tätig, hob die Zeitschrift Marxistische Blätter, deren Chefredakteur er später wurde, 1963 mit aus der Taufe und legte eine viel beachtete Dissertation über »Herbert Marcuses dritten Weg« vor. Seit 1967 wohnt er mit seiner Familie in Eschborn und wurde in Auseinandersetzungen mit den verschiedensten Trupps linker Antikommunisten, denen er als »Gralshüter des Revisionismus« galt, ein gefürchteter Polemiker. Seine Hauptarbeit galt, in enger Zusammenarbeit mit Willi Gerns, der darüber am Sonnabend berichtete, den Grundsatzdokumenten der 1968 gegründeten DKP. 

Gerns und nach ihm der DKP-Parteivorsitzende Patrik Köbele erinnerten an die Würdigung der »politischen Zwillinge« Gerns und Steigerwald durch die FAZ am 12. Februar 1990 als »zwei dieser alten Schlachtrösser«, die »in verstocktem Sinne ehrlich« die Ereignisse in der DDR als »konterrevolutionären Prozess« bezeichneten. Köbele übersetzte das mit den Worten: ein kommunistischer Intellektueller, dem nichts ferner lag als der Elfenbeinturm, der sich statt im Büro lieber in Debatten aufhielt. So skizzierte es auch in einem launigen Grußwort der Vorsitzende des Deutschen Freidenkerverbandes Klaus Hartmann, der Steigerwald für seine profunden Arbeiten zur Religion und zum Bündnis mit Gläubigen dankte. 

Die theoretische Seite im Werk Steigerwalds würdigten die Philosophen András Gedö (Budapest), der sich mit der Postmoderne und ihren wirkungsvollen, aber wenig ertragreichen Versuchen, den Marxismus zu töten, auseinandersetzte, und Alfred Kosing (Alanya), der Ursachen für das Scheitern des realen Sozialismus skizzierte. Der Sozialwissenschaftler Manfred Lauermann (Hannover) erläuterte, warum Hegel nach und mit Marx und Lenin im Sinne der Arbeiten Steigerwalds heute aktuell sei, die Ökonomin Gretchen Binus (Berlin) beleuchtete den Funktionsmechanismus des staatsmonopolistischen Kapitalismus, der Historiker Heinz Karl (Berlin) würdigte Steigerwalds klare marxistische Position in den Diskussionen um »Friedensfähigkeit« des Imperialismus sowie um den Weg der kommunistischen Bewegung nach dem XX. Parteitag der KPdSU. jW-Chefredakteur Arnold Schölzel nannte den Kommunismus ein Grundproblem der bürgerlichen Gesellschaft, das in ihr seit ihren Anfängen »rumort«. Die Beiträge der Konferenz werden in einer Festschrift publiziert. (jW) 

 

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Ein Theoretiker der Praxis und ein Praktiker der Theorie  

In unsere zeit online vom 27.03.2015 

 

Ehrung zum 90. Geburtstag von Robert Steigerwald in Eschborn Die Stadthalle in Eschborn bot am vergangenen Sonnabend einen würdigen Rahmen: Mehr als 130 waren in den Ratssaal gekommen, um Robert Steigerwald anlässlich seines 90. Geburtstages zu ehren – darunter Genossinnen und Genossen der DKP aus Hessen und anderen Bundesländern, Mitglieder der Partei „Die Linke", Weggefährten, alte Freunde. Eine PowerPoint-Präsentation zeigte Etappen seines Lebens und des Kampfes von KPD und DKP. Erich Schaffner begleitete die Ehrung mit Liedern und Rezitationen. 

H Eingangs fand der Bürgermeister der Stadt Eschborn, Mathias Geiger, herzliche Worte. 

Und nicht nur der Vorsitzende der DKP, Patrik Köbele, sondern auch Willi van Ooyen, Landtagsabgeordneter der Partei „Die Linke" und Fraktionsvorsitzender im hessischen Landtag sowie seit vielen Jahren in der Friedensbewegung aktiv, gratulierten. 

Van Ooyen kennt – wie viele andere – Robert Steigerwald nicht nur als marxistischen Theoretiker: „Du warst immer ein Theoretiker der Partei – aber kennengelernt habe ich dich auf der Straße." Und Willi van Ooyen versprach – wohl auch mit Blick auf die Blockupy-Proteste der Woche und die folgenden Angriffe aus CDU/CSU und SPD gegen die Partei „Die Linke": „Wir werden uns nicht im Parlament verstecken, sondern weiterhin auf die Straße gehen." Patrik Köbele würdigte nicht nur den Lebensweg von Robert Steigerwald, sondern betonte unter anderem auch: „Er war und ist … im besten Sinne ein kommunistischer Intellektueller, also ein Theoretiker der Praxis und ein Praktiker der Theorie. Das war und ist für seine Genossinnen und Genossen auch nicht immer widerspruchsfrei, man munkelt, dass er als Abteilungsleiter beim Parteivorstand der DKP manchmal Konflikte auszutragen hatte, weil er das Büro doch oft gerne von hinten sah, um sich in den Gruppen und Kreisen, auf Veranstaltungen den Auseinandersetzungen mit Freund und Feind zu stellen." Die DKP habe Robert „unendlich viel zu verdanken. 

Seine Mitwirkung in der Programmentwicklung, seine Überlegungen zur Strategie, seine Arbeit bei der Vermittlung unserer Weltanschauung als Mittel zum Erkennen der Welt und natürlich auch seinen ideologischen Straßenkampf in und außerhalb der DKP." Für die Freidenker überbrachte ihr Vorsitzender Klaus Hartmann herzliche Grüße. 

Nachlesenswert sind auch die Beiträge* der anderen Gratulanten – unter ihnen leider nur eine Frau: Von Willi Gerns zu „Robert Steigerwalds Beitrag zur Herausarbeitung der strategischen Orientierung des Kampfes um antimonopolistische Übergänge auf dem Weg zum Sozialismus", Andras Gedö (ungarischer marxistischer Philosoph) zu „Postmoderne Marxismen", Arnold Schölzel zu „Marxismus und die Ursprünge der Frankfurter Schule", Manfred Lauermann zu „Hegel nach Marx". Gretchen Binus, Politökonomin, Mitglied des Ältestenrates der Partei „Die Linke" und des „Marxistischen Forums" sprach „Zum staatsmonopolistischen Funktionsmechanismus unter dem Zwang internationaler Kräfteverschiebungen" und bot viele Ansatzpunkte zu weitergehenden Diskussionen über „Imperialismus heute". Der marxistische Philosoph Alfred Kosing stellte die Frage „Wie sozialistisch war der reale Sozialismus" und verwies in seinem Beitrag dabei vor allem auf die Entwicklungen in den ersten beiden Jahrzehnten der Sowjetmacht. 

Der Historiker Heinz Karl vom Marxistischen Arbeitskreis zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bei der Partei „Die Linke" machte auf wichtige Denkanstöße Robert Steigerwalds im Zusammenhang mit Geschichtsfragen aufmerksam. 

Robert bedankte sich bei allen Rednerinnen und Rednern, erklärte aber auch mit einem Schmunzeln, so viel Lobendes höre man sonst nur auf Beerdigungen, er aber lebe noch – und werde sich weiter einmischen … Nina Hager * Die Beiträge werden Ende Juli als Festschrift in der Edition Marxistische Blätter veröffentlicht. 

 

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