Mythenkonstrukt  

Domenico Losurdo untersucht in seinem neuen Buch Widersprüche und politische Funktion von Gewaltlosigkeitskonzepten  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 02.03.2015 

 

Der Begriff »Gewaltlosigkeit« gehört zu denen, die sich scheinbar selbst erklären. In Wirklichkeit öffnet er eine Interpretationssphäre voller Widersprüche. Ein Meisterstück war die Erfindung »humanitärer Interventionen« durch USA und NATO in den 90er Jahren, ein besonders hemmungsloses Exemplar beim jähen begrifflichen Wenden ist der amtierende Bundespräsident, der aus angeblich christlicher Gesinnung heraus mehr deutschen Krieg verlangt. 

Merkwürdigkeiten dieser Art bilden den Stoff, den der italienische Philosoph und Historiker Domenico Losurdo in seinem Buch »Gewaltlosigkeit. 

Eine Gegengeschichte« in geradezu chirurgischer Manier seziert. Er geht historisch vor und widmet sich den gewaltlosen Bewegungen gegen Sklaverei in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den USA, vor allem aber bekannten Vertretern des Konzepts wie Leo Tolstoi, Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder dem Dalai-Lama. Kurz gestreift werden viele andere Theoretiker, die sich zur Gewalt in der Geschichte äußerten, wie Simone Weil, Dietrich Bonhoeffer oder Reinhold Niebuhr, aber auch Karl Marx, Friedrich Engels und Wladimir I. Lenin, Georges Sorel und Frantz Fanon. 

Leider fehlt eine Analyse der Politik Nelson Mandelas und des ANC. Der Band erschien vor fünf Jahren in Italien mit dem Untertitel »Eine Geschichte jenseits des Mythos«. Das ist genauer als »Eine Gegengeschichte« in der deutschen Ausgabe, die kürzlich veröffentlicht wurde (siehe Vorabdruck in jW vom 3.1.). Die knüpft damit allerdings an einen »Klassiker« Losurdos an: »Freiheit als Privileg. Eine Gegengeschichte des Liberalismus« (deutsche Ausgabe 2010). 

Wie dort geht der Autor von der realen sozialen Grundlage neuzeitlicher, »liberaler« Demokratien, vornehmlich der USA, aus: Von Sklaverei beziehungsweise »terroristischer rassistischer Herrschaft« bis heute, Kolonialismus und Neokolonialismus. Also dem permanenten Krieg, der den Erklärungen der Menschenrechte, den bürgerlichen Revolutionen des 18. 

Jahrhunderts und den mit ihnen verbundenen heroischen Illusionen folgte. In zehn Kapiteln analysiert der Autor Bewegungen, die sich gegen Völkermord, Greueltalten des Kolonialmilitärs, Strafexpeditionen, Ausgrenzung und Unterdrückung wandten. Für alle ihre Vertreter - mit Ausnahme der Marxisten - gilt: In bestimmten historischen Konstellationen hielten sie trotz ihres pazifistischen Ansatzes die Anwendung von Gewalt nicht nur für geboten, sondern für verpflichtend. So riefen etwa christliche Gegner der Sklaverei in den USA während des Sezessionskrieges zum Kampf gegen die Südstaaten auf. Am bemerkenswertesten ist wahrscheinlich das Material, das Losurdo zu Gandhi, King und dem Dalai-Lama zusammengetragen hat. Gandhi unterstützte z. B. sowohl im Burenkrieg wie im Ersten Weltkrieg das britische Empire. 

Die brutale Unterdrückung eines Zulu-Aufstandes rechtfertigte er damit, das afrikanische Volk könne nicht mit dem indischen verglichen werden, »das der arischen Rasse angehöre, eine alte Kultur im Hintergrund habe und im Krieg Mut und Männlichkeit bewiesen habe«. Erst nach dem Massaker der Briten in Amritsar 1919 wurde seine Propaganda für Gewaltlosigkeit als Herausforderung für die Kolonialmacht populär. 

Losurdos vorläufiges Resümee lautet: Die Vorkämpfer der Gewaltlosigkeit verbanden ihre Konzepte immer wieder mit Antikolonialismus und widersprachen oft nicht der Anwendung von Gewalt - so z. B. King in bezug auf die »dritte Welt« und speziell den Krieg der USA in Vietnam. (Er wurde dafür, wie Losurdo zeigt, auf unsägliche Art von der Philosophin Hannah Arendt kritisiert.) Letztlich betraf der Unterschied zu den revolutionär-sozialistischen Bewegungen, insbesondere zu den Bolschewiki und der Oktoberrevolution, nicht die Anwendung von Gewalt, sondern das Ziel. Gandhi und die anderen wollten »Kooptation«, die Marxisten »Emanzipation«. 

Anders, so der Autor, verhält es sich in der Gegenwart: »Die rGewaltlosigkeitl ist nunmehr ein wesentliches Element der psychologischen Kriegführung und des Great Game«, d. h. etwa der Zerteilung Chinas nicht zuletzt mit Hilfe der Tibet-Propaganda. Der Westen erkläre sich umstandslos zum Verfechter von Gewaltlosigkeit, die Bestandteil seiner Kriegsideologie sei. Das »Streben nach kultureller und gar rassischer Kooptation in den Westen« werde nun ermutigt. Analog erklärten sich auch die Organisatoren von »bunten Revolutionen« für gewaltlos. Aus der Empörung Gandhis über die kolonialistischen Verbrechen des Westens sei so eine »neue und zu fürchtende Kraft der Manipulation« geworden. Losurdo plädiert für eine Wiederbelebung des Antimilitarismus und die Demokratisierung der internationalen Beziehungen. Das stelle aber die Frage nach der Überwindung der Gesellschaftsordnung, die Raub und Eroberung ständig neu hervorbringe. 

Und, ließe sich ergänzen, die dazugehörigen Mythen. Zu deren aufklärerischer Kritik bietet Losurdos Buch eine Grundlage. 

Domenico Losurdo: Gewaltlosigkeit. Eine Gegengeschichte. Aus dem Italienischen von Erdmute Brielmayer. Argument-Verlag, Hamburg 2015, 270 Seiten, 33 Euro (auch im jW-Shop erhältlich) 

Der Autor stellt sein Buch am Dienstag, dem 10. März, um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie vor (Torstr. 6, 10119 Berlin) 

 

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