Manfred Weißbecker 

Faschismus und Antifaschismus - Tatsachen, Trugbilder und Tendenzen 

 

Vortrag in Heidenau/Dresden am 24.01.2015 anlässlich des Jahrestages der Machtübertragung an die NSDAP 

 

Es ist die unaufhörlich notwendige Erinnerung an den 30. Januar des Jahres 1933, die zur heutigen Veranstaltung den Anlass bot. Dankbar nahm ich die Einladung an, hier Überlegungen vortragen zu können, die dem geschichtlichen Ort der Errichtung des hitlerfaschistischen Regimes sowie faschismustheoretischen Aspekten, aber auch höchst unterschiedlichen Deutungen in den Reihen von Antifaschistinnen und Antifaschisten gelten.  

Wer sich in unserer Gegenwart, speziell sogar am Beginn des Jahres 2015 mit dem Thema befasst, steht gewiss noch unter dem Eindruck der geschichtspolitischen Dominanz des Themas "Erster Weltkrieg" in den vergangenen Monaten. Er steht aber auch vor sorgenvollen Fragen: Wohin können die neuen Bewegungen nach dem Dresdener Pegida-Muster führen? Und wie wird - auch in diesem Zusammenhang außerordentlich aktuell - demnächst der 70. Jahrestag des 8. Mai 1945 behandelt bzw. richtiger formuliert: misshandelt werden? 

Das Thema ist umfangreich, die Zeit begrenzt, Ihr/Euer Diskussionsbedarf sicher sehr groß. Daher sei mir gestattet, lediglich etwas zu fünf Problemfeldern zu sagen, dies vorwiegend thesenartig und mitunter auch ein wenig zugespitzt. 

Behandeln will ich: 

1.) Kontinuitätserscheinungen auf dem Weg zum 30. Januar 1933,  

2.) einige der wesentlichsten faschismustheoretischen Streitfragen,  

3.) das schwierige Thema: "Massenanhang" der Nazis, 

4.) die zentrale Rolle der Kapitalismus-Faschismus-Relation sowie schließlich 

5.) nach einigen Schlussfolgerungen für den heutigen Antifaschismus fragen. 

  

Ich beginne mit einer kleinen Episode: Ausgerechnet am 30. Januar 1933 wurde in Hamburg eine an sich harmlose Offenbach-Operette aufgeführt. Ihr Titel: "Die Banditen". Ihr Finale: Ein Fürst, der bestohlen werden sollte, begnadigt die Räuber und ernennt sie am Ende freundlich zu Polizisten seines Landes. Ein Zufall, gewiss, doch von symbolischer Kraft und dennoch meilenweit von geschichtlicher Bedeutsamkeit entfernt. Was da an diesem Tag vor 82 Jahren über die Berliner politische Bühne ging, das benannte Franz von Papen – im Januar 1933 neben Hindenburg die zentrale Figur im Schacher um Hitlers Kanzlerschaft - als eine "große" Lösung: Die Republik erhob ihre schlimmsten Gegner zu Machthabern. Und das geriet so groß und so verhängnisvoll, dass sich das Datum unauslöschlich in das Gedächtnis der Zeitgenossen und der Nachgeborenen eingrub. Bis zum heutigen Tag spüren wir noch immer arge Nachwehen und neuerliche Missgeburten.  

Verständlich, dass die Fragen nicht verstummen, was dazu geführt hat. Drittes Reich, Zweiter Weltkrieg und rassistischer Genozid an Juden, Slawen, Sinti, Roma usw. lassen sich nicht abkoppeln von dem Davor. Jede verabsolutierende Trennung in das angeblich "Gute" zuvor und das "Böse" danach lässt sich nicht anders als ahistorisch kennzeichnen. Entscheidend - auch für eine erfolgreiche Strategie antifaschistischen Wirkens - bleiben Fragen, wie es geschehen konnte, welche Schritte die Deutschen wann und wie hin zum 30. Januar 1933 gingen, worin längerfristig wirksame, Kontinuität bezeugende Wurzeln bestanden, die aus der Tiefe deutscher Geschichte rührten, worin auch die ebenfalls bedeutungsvollen mittelfristig und unmittelbar wirkenden Faktoren.  

Das führt zum ersten Problemfeld: 

1.) Kontinuitätserscheinungen auf dem Weg zum 30. Januar 1933 

Manche Erklärung lässt sich beim Blick in der Tiefe der deutschen Geschichte finden. Trotz aller Veränderungen seit 1914 bzw. 1918: Kontinuität wirkte von spät entstandenem Kaiserreich und Erstem Weltkrieg her, vom imperialen Ringen um den deutschen "Platz an der Sonne" sowie um ein Reich, dessen Grenzen nicht allein von der Maas bis zur Memel, vom Etsch bis zum Belt, sondern weit darüber hinaus reichen sollten. Der Krieg ging zwar verloren, doch ihre Kriegsziele aufzugeben waren konservative Eliten in Industrie- und Finanzkapital, Großagrarier und Militärs nicht bereit. In ihrem Interesse wurden nationalistische und völkisch-rassistische Parolen aller Art verbreitet, die sich gegen den "Versailler Schmachfrieden" und ebenso gegen die "jüdisch-bolschewistische Gefahr" richteten. Lautstark erhobene Forderungen nach einer Revision der Kriegsergebnisse gingen Hand in Hand mit dem Anspruch, so weit wir möglich und nötig auch die in der Novemberrevolution erreichten parlamentarisch-demokratischen Verhältnisse zu beseitigen. Von den Repräsentanten Weimarer Republik nahezu ungehindert grölten die Nazis "Deutschland erwache!", und jeder konnte "Juda verrecke!" hören, was zum Macht-Kalkül den nützlich-rechtfertigenden Wahn hinzufügte. 

Bereits in den ersten Jahren der Republik war jener Weg eingeschlagen worden, der zum schmählichen Ende führen sollte. Schon damals begannen Vorstöße gegen jene parlamentarische Demokratie, die in revolutionärer Zeit Eingang in zahlreiche Bestimmungen der Verfassung gefunden hatte; letzteres übrigens gegen den erbitterten Widerstand der konservativ-protestantischen Deutschnationalen Volkspartei, der Deutschen Volkspartei und auch einer Reihe von Politikern der katholischen Zentrumspartei, ale heutzutage oftmals als "Parteien der Mitte" deklariert. Keineswegs zufällig hatte sich während der Vorbereitung und im Verlauf des Kapp-Putsches vom März 1920 eine neue politische Strömung bemerkbar gemacht: Erstmals waren da auch faschistische Organisationen und Politiker in Erscheinung getreten, in starkem Maße gefördert von Reichswehr-Offizieren, die u.a. in München bekanntlich einen V-Mann namens Hitler förderten. Konservativ-nationalistische und national-liberale Kräfte ließen die Nazis gern in ihren Forderungen und Wünschen noch viel weiter als üblich gehen, man unterstützte, wie ein allgemeines reaktionäres Gedankengut ins Extrem gewendet wurde, und freute sich, wie Nazis die taktierende, außenpolitischen Bedingungen geschuldete Vorsicht der Regierenden vermieden. Nach den Vorstellungen deutsch-völkischer und bald auch nationalsozialistischer Kräfte sollte künftig Politik in erster Linie auf eine terroristisch-präventive Ausschaltung der organisierten Arbeiterbewegung sowie auf eine demagogisch-chauvinistische Unterordnung der Massen zielen. Was die NSDAP erkämpfen zu wollen vorgab, stand auch auf den Wunschlisten anderer: So tönte beispielsweise der Vorsitzende des außerordentlich einflussreichen Reichsverbandes der Deutschen Industrie, Carl Duisberg, es dürfe "nicht halbe, es muss ganze Arbeit sein, die gemacht wird. Kompromisse helfen nicht mehr. Es geht ums Prinzip, ums ganze System." Erinnern wir uns: Bei den Nazis hieß es konform: "Alles oder nichts"! Und wenn bei ihnen "Großdeutschland" bzw. "Lebensraum" im Programm stand, dann kann parallel dazu gelesen werden, dass der RDI in seinen Veröffentlichungen vom Oktober 1929, also vor dem New Yorker "Schwarzen Freitag", die deutsche Regierung aufforderte, ein "Großraum-Wirtschaftsgebiet" zu schaffen, denn nur so sei - ich zitiere wieder - "etwaigen Wirtschaftskrisen und sozialen Erschütterungen wirksam zu begegnen." In diesem Macht- und Profitstreben - man könnte auch sagen: in den wirtschaftlich rationalen Handlungsmustern von Unternehmern - sehe ich den generell wirksamen, den kapitalistischen Nährboden faschistischer Ideologie, faschistischer Politik und faschistischer Kriegführung. 

Des weiteren lassen sich mittelfristig und kurzfristig wirkende Faktoren vor allem in den Jahren der Weltwirtschaftskrise sowie in den letzten Monaten und Wochen vor dem 30. Januar 1933 erkennen. Ein Faktor bestand - sicher einer unter vielen anderen, aber bedeutungsvoll - bestand in der vielgestaltigen direkten oder indirekten Unterstützung und Förderung der NSDAP durch Großindustrielle, Großagrarier, Reichswehrgenerale, hohe Staatsbeamte und Führer bürgerlicher Parteien. Beispiele für das verhängnisvolle Zusammengehen konservativ-deutschnationaler und völkisch-rechtsextremer Kräfte finden sich zuhauf. Einiges will ich anführen, übrigens auch in der Gewissheit, dass jeder leicht Aktuelles mitdenken wird. Alles vollzog sich damals nach dem Modell, das 1924 vom Münchener Volksgericht geliefert worden war: Es bedachte bekanntlich den putschenden Hochverräter Hitler mit einem Urteil, in dem selbst bei bestem Willen keine Strafe zu erkennen war. Dann kam 1929 die von den Deutschnationalen eingefädelte, gegen den Young-Plan gerichtete Kooperation mit der NSDAP, die dieser Hof- und Salonfähigkeit einbrachte und ihr rasch über den zugedachten Status eines "Juniorpartners" hinaus zu kommen half. Man denke schließlich an das Konzept, das unter den Stichworten "Einrahmung" und "Zähmung" in die Geschichte rechtskonservativ-nationalsozialistischer Bündnispolitik einging. Insbesondere diese Duldung sowie Unterstützung chauvinistischer und rassistischer Forderungen sowie der Versuch, diese zu legalisieren und - je nach Möglichkeit und Erfordernis - für eigene Zwecke zu instrumentalisieren, erhoben den völkisch und braun gefärbten Rand der Gesellschaft in den Rang von Normalität. Grundsätzliche Demokratie-Feindlichkeit und tagespolitische Einträglichkeit wurden zum obersten politischen Prinzip erhoben, propagierte Werte leichtfertig, aber zweckdienlich über den Haufen werfend.  

Was auch immer die Reichskanzler von Hindenburgs Gnaden - Brüning, Papen und Schleicher - unternahmen, bewirkte eine Stärkung der NSDAP. Selbst wo sie in mancher Situation die eigenen Interessen starke Worte gegen die braunen Terroraktionen finden ließen oder selbst Verbote ausgesprochen wurden - immer blieben Hintertüren offen. Niemals riss der Gesprächsfaden ab, mit deren Hilfe um gemeinsame Positionen gegen die Arbeiterbewegung gerungen wurde. 

Was sich dann unmittelbar vor dem 30. Januar abspielte, kann nur als ein Gestrüpp aus Winkelzügen und Intrigen bezeichnet werden. Spätestens in den ersten Januar-Wochen 1933 waren alle Weichen gestellt. Was am vierten Tag des neuen Jahres im Hause des Bankiers Kurt von Schröder begonnen hatte, fand rasante Fortsetzung und führte zu neuen Attacken großagrarischer und großindustrieller Kreise gegen Schleicher. Ihren Grundtenor formulierte Hitler: "Marxismus muss niedergeknüppelt werden". In den fieberhaft geführten Besprechungen und Treffs ging es nur noch um die Frage, wie ein neues Kabinett beschaffen sein und wie es geschaffen werden könnte. Unter dem Druck vieler, wenn auch gewiss nicht aller ökonomisch und politisch Mächtigen des Landes, lief das Ganze auf eine Wiederholung der "Harzburger Front" auf höherer Ebene hinaus, auch wenn beide Partner sich nicht gern daran erinnern wollten, war man doch nach dem Oktober 1931 mit Hauen und Stechen, in gegenseitig zur Schau gestelltem Zorn auseinander gegangen. Am Ringen um den Kanzlerstuhl hatten sich ebenso Politiker der Zentrumspartei und der Bayerischen Volkspartei beteiligt. Auch sie verhandelten mit den Nazis über eine grundsätzlich für möglich gehaltene schwarz-braune Koalitionen. Allerdings verloren sie am Ende, was die einflussreiche katholische "Kreuzzeitung" jedoch überhaupt nicht daran hinderte, schließlich die am 30. Januar erfolgte "große Lösung" bourgeoiser Krisenprobleme zu bejubeln: "Welch bessere Regierung hätte ein Volk in unserer Lage sich wünschen und finden können?" Nebenbei: Mir ist nicht bekannt, dass die bundesdeutsche Nachfolgepartei dies jemals "aufgearbeitet" oder gar sich dafür "entschuldigt hätte ... 

Wohin jener Tag geführt hat, der den Deutschen eine von Hitler geleitete "Regierung der nationalen Konzentration" beschert hat, ist bekannt: Es entstand eine terroristisch-rassistische Diktatur sondergleichen, gerichtet gegen alle anders Denkenden, gegen alle Menschen anderer Herkunft oder Hautfarbe, gegen andere Völker, denen im geplanten Großgermanischen Reich Vertreibung oder Ermordung, allenfalls eine Existenz als auszubeutende Arbeitssklaven zugedacht worden ist. Die Großverbrechen Zweiter Weltkrieg und der Genozid an den europäischen Juden markieren einen, wenn nicht sogar den absoluten Tiefpunkt des "Jahrhundert der Extreme". Im negativen Urteil der Völker, auch in dem der Geschichtsschreiberzunft besteht nahezu Einhelligkeit über den Faschismus an der Macht. Weitgehende Übereinstimmung gibt es in der Ablehnung aller Versuche alter und neuer Nazis, eine solche Herrschaft grundsätzlich zu rechtfertigen oder gar ihre Erneuerung anzustreben - von bestimmten Ausnahmen natürlich abgesehen. 

Was dem 30. Januar 1933 vorausging, ist hinlänglich bekannt. Alles darf als gründlich erforscht und vielfach dargestellt gelten. Neue Quellen werden kaum noch zu erschließen sein. Hingegen unterscheiden sich die Meinungen über die Ursachen von Entstehung, Aufstieg und Charakter des Faschismus in außerordentlich hohem Maße. Heftig wird um die Frage gestritten, wie es geschehen konnte und welchen Platz der Faschismus in der Geschichte einnimmt.  

Damit bin ich bei Punkt zwei angelangt: 

 

2.) Faschismustheoretische Streitfragen 

Die Zahl der Erklärungs- und Interpretationsversuche ist außerordentlich hoch. Die der Streitpunkte ebenfalls. Einige Debatten scheinen sich schier endlos um sich selbst zu drehen und, so sie unter Linken geführt werden, das zu klärende Gesicht eines Antifaschismus des 21. Jahrhunderts eher zu belasten als zu fördern. Wie auch immer im einzelnen - fast alle Auseinandersetzungen berühren Fragen, deren unterschiedliche Beantwortung jeweils nicht ohne Folgen bleiben kann für die Bestimmung dessen, was Antifaschisten hätten beachten müssen bzw. in unserer Zeit zu beachten haben. Es steht fest: Ohne Faschismustheorie konnte – ich setze hinzu: kann - Antifaschismus nicht bestehen, kann weder Faschismus verhindert noch überwunden werden. Allein die Tatsache, dass es eine Vielzahl von Theorien über den Faschismus gibt, verlangt Nachdenken auch über unterschiedliche Antifaschismen sowie über deren notwendiges Zusammenwirken. Klärungsbedarf beginnt bereits da, wo unterschieden werden muss zwischen Faschismus erstens als Ideologie, zweitens als Bewegung und Partei oder drittens als Herrschaftsform. 

Klar dürfte sein, dass keine politische Bewegung oder Organisation auf ihre Ideologie reduziert werden darf, klar auch alles, was den Faschismus an der Macht betrifft. 

Aus meiner Sicht kulminiert in unserer Gegenwart die Suche nach einer Faschismustheorie in jenen Fragen, die immer und immer wieder im Zusammenhang mit dem 30. Januar 1933 gestellt werden: 

- Wie konnten faschistische Bewegungen entstehen, wie sich entfalten oder gar siegen. Welche Rolle spielten dabei die herrschenden Eliten, welche deren unterschiedlichen Strömungen und Gruppen. In wessen Interesse lag die Zerstörung der Weimarer Republik, vollendet durch eine Partei, die sich selbst mit dem tarnenden "Firmenschild" Nationalsozialismus versah?  

- Konnte die NSDAP dank ihres Bündnisses mit konservativen Parteien aufsteigen und erfolgreich an die Macht gebracht werden oder hat sie die Macht hauptsächlich aus eigener Kraft "erobert"? 

- Sind die Bemühungen, mit autoritären Präsidialregimes zu herrschen, als Wegbereitung des 30. Januar 1933 oder als eine, wenn auch misslungene Verteidigung der Weimarer Republik zu bewerten?  

- Scheiterte Weimar, wie gern und oft behauptet wird, sowohl am rechten wie am linken "Extremismus"? 

- Welchen Platz nahm die finanzielle Förderungen der NSDAP durch Großindustrielle, Großagrarier, Militärs und Staatsbürokratie in deren generell vorhandener und am Ende der Weimarer Republik ausgebauter Einflussnahme auf die Politik bürgerlicher Parteien ein?  

- Welchen Platz nahm die finanzielle Förderungen der NSDAP durch Großindustrielle, Großagrarier, Militärs und Staatsbürokratie in deren generell vorhandener und am Ende der Weimarer Republik ausgebauter Einflussnahme auf die Politik bürgerlicher Parteien ein?  

- Wurde die NSDAP von den Massen getragen und gewählt? Verwirklichte Hitler den nationalistisch-rassistischen Volkswillen? War Faschismus nichts anderes als ein Pakt von Mob und Eliten? So meint z.B. Götz Aly, die "kleinen Leute" seien nicht nur Nutznießer von Diktatur, Krieg und Judenmord, sondern dank einer "sozialen Aufwärtsmobilisierung" die "zentrale Triebkraft des Nationalsozialismus" gewesen. Oder war demgegenüber die breite Zustimmung einer Mehrheit der Deutschen doch das Ergebnis von ideologischer Beeinflussung, terroristischer Angst-Erzeugung und zeitweiliger Erfolgs-Bestechung sowie Ausdruck einer sich über Jahrhunderte erstreckender Kontinuität nationaler Überhebung und Gewalt-Akzeptanz gegenüber anderen Völkern? 

- War deutscher Faschismus nichts anderes als purer "Hitlerismus", wie Guido Knopp zu suggerieren sich so intensiv, mediengerecht und leider auch erfolgreich bemüht hat? 

- Lässt Faschismus sich als eine Variante des sogenannten Totalitarismus verstehen und seine Deutung sich unabhängig vom gesellschaftlichen Kontext auf den Gegensatz zwischen diktatorischen und parlamentarisch-demokratischen Herrschaftsformen beschränken? 

- In welchem Zusammenhang stehen die imperialistischen Großmachtbestrebungen, die angestrebte "Ausrottung des Antimarxismus" und der rassistische Antisemitismus der Nazis? Oder war Letzterer gar, wie oft zu lesen ist, der eigentliche Kern des Faschismus? 

- Und letztlich: Liegen die Wurzeln des Faschismus in der bürgerlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung oder handelt es sich um eine nichtkapitalistische bzw. sogar um eine antikapitalistische Erscheinung?  

Auf solche und viele andere Fragen gab und gibt es unterschiedliche Antworten in großer Zahl. Die Suche nach Erklärendem, nach Deutung und Definition der neuen Bewegungen sowie deren Gesinnung und Politik, nach dem Erhellen ihrer Ursachen begann sofort mit ihrem Auftreten nach dem Ersten Weltkrieg sogleich. Wie auf allen Erkenntniswegen gab es dabei Fortschritte, auch Irrwege und Rückschläge. Gleich ob punktuell zutreffende oder etwas verwirrend oder gar abwegig - alle Theorien über den Faschismus, so meine These, entfalteten sich einerseits vor einem bestimmten sozialen Hintergrund und dienten andererseits bestimmten politisch-ökonomisch-geostrategischen Absichten. Sie dienten also grundsätzlichen Interessen und historisch gesehen in jeweiligen Phasen jeweiligen Machtambitionen einzelner Gruppen, Parteien, Strömungen in der Gesellschaft. 

Zu zwei besonders wichtigen und zudem aktuellen Streitthemen sei hier etwas mehr gesagt, d.h. sowohl zum Massenanhang der Nazis und seiner Rolle sowie zu den Grundlagen und zum Charakter des Faschismus. 

 

3.) Bemerkungen zum Massenanhang der deutschen Faschisten 

In der Tat: 1933 galt einer großen Zahl von Mitgliedern und Wählern der NSDAP die wirtschaftliche Situation nicht länger als ausweglos. Der befürchtete totale Niedergang Deutschlands, von der rassistisch-friedlosen Propaganda der Nazis seit langem als Menetekel propagiert, schien verhinderbar. Alltägliches, mit Gewohntem behaftetes Denken - gemäß etwa der Liedzeile Deutschland, Deutschland über alles, gemäß der Zielstellung, am deutschen Wesen solle die Welt genesen, und gemäß aller Losungen, die das angeblich naturgegebene Recht des Stärkeren preisen - versperrte die Sicht auf Realität und Menschlichkeit. Nach alternativen und vor allem nach gemeinsam zu begehenden Wegen zu suchen, überforderte viele innerhalb der nicht-nationalsozialistischen Mehrheit der Deutschen. Geschickt hatte es die NSDAP zudem verstanden, ihre aufgeplusterten und dennoch nicht ganz der Wahrheit entbehrenden Argumente gegen das "System", gegen Parlamentarismus und Parteienwesen mit dem Konzept einer "deutschen Volksgemeinschaft" zu verbinden, die sowohl "national" als auch "sozialistisch" orientiert sei und für alle einen hohen Lebensstandard bringen werde. Und nach dem 30. Januar - wie so oft und auch jüngst in der Geschichte - beeilten sich schließlich zahlreiche Karrieristen und Postenjäger, Ehrgeizlinge und opportunistische Wendehälse, gefällige Musterschüler und Nutznießer des neuen Regimes zu sein. Die nationalistische Euphorie der Massen, einmal geweckt, trug ihrerseits erheblich dazu bei, das Regime zu stabilisieren. 

Bis heute sind manche Fragen nach den Denk- und Verhaltensstrukturen der Deutschen im Dritten Reich noch nicht schlüssig beantwortet. Erklärungsversuche, wie sie Wilhelm Reich in seinem Buch "Die Massenpsychologie des Faschismus" oder Erich Fromm 1941 im Buch "Die Furcht vor der Freiheit" unternommen haben scheinen von Antifaschisten wenig berücksichtigt, unterschätzt oder ihnen gar unbekannt zu sein. Natürlich wird von Herrschenden viel dafür getan, dass die Massen das tun wollen, was sie tun sollen. Dies belegt jeder alltägliche Blick in den kapitalistischen Wirtschaftsbetrieb: Nicht ohne Grund gilt Werbung als sein unentbehrliches Schmiermittel. Ohne Reklame sei er nicht in Gang zu halten, heißt es. Und ebenso unverblümt wird gefordert, potenziellen Kunden geschäftstüchtig ins Gehirn - ich zitiere - zu "kriechen" und möglichst viele Menschen - ich zitiere erneut - mit "schnellen Schüssen ins Gehirn" für den Erwerb eines bestimmten Produkts zu bewegen. Reklame, Suggestion, Gehirnwäsche, Gleichschaltung, Seelenmassage usw. - so lauten landläufig verwendete Begriffe, mit denen zweckorientiertes mediales Dauerfeuer und systematisch betriebene Manipulation umschrieben wird, in welchem Bereich des Lebens der Gesellschaft auch immer. 

Indessen funktioniert Manipulation nicht ohne die bewusste oder auch unbewusste, zumeist nur psychoanalytisch zu erfassende Bereitschaft, sich manipulieren zu lassen. Das aber wird wiederum von einigen Historikern genutzt, sich gesellschaftskritischen Fragen nach den Ursachen von Faschismus zu entziehen und stattdessen z.B. alles einem "Raubtierinstinkt der menschlichen Natur" zuzuschreiben, von "archaisch" oder "ethnisch" begründeter Gewalt zu reden sowie auf Phobien, Angstvorstellungen und Feindbilder zurückzuführen. So lässt es sich dann auch leicht von Paranoia, von unglücklichen Verläufen, Versagen, Unfähigkeit, Leichtsinn und von Ängsten faseln, die sich Bahn gebrochen hätten.  

Psychosozialen Thesen und Fragestellungen hängen auch heute einige Historiker, mehr noch historisierende Publizisten an, die - immer noch oder erneut - einzig und allein dem "Hitler in uns" oder dem "Führer" in den Köpfen aller nachspüren möchten, den so genannten kleinen Leuten eine ausschlaggebende Rolle unterstellend. Verknüpft zeigt sich das erwartungsgemäß mit der Aussage, es sei unter Hitler eben nicht um den "Vorteil von Junkern und Monopolisten" gegangen. Der "Führer" sei als ein "Sachwalter der kleinen Leute" und "Membran des Zeitgeistes" zu sehen. Oder es wird verkündet, die Herrschenden hätten gar nicht anders handeln können, sie hätten dem Denken und den Wünschen der Massen Folge leisten müssen. 

Zugleich werden elitär abschätzige Urteile gefällt: So wurde damals und wird auch heute vom "Massenmenschen" gefaselt, der gegen die Vernunft, Freiheit, Humanität oder gegen die "Moderne" aufgestanden sei. Es gehöre nun einmal, so hatte der bekannte Nationalökonom Wilhelm Röpke verkündet, Intoleranz zum Charakter des Massenmenschen; dieser sei auch nicht geneigt, in Diskussionen einzutreten, er folge mehr dem Gefühl als dem Verstand und habe für den Gedanken der Humanität nur ein geringfügiges Lächeln übrig. Alles Übel komme also von der Masse, von menschlichen Eigenheiten und unbewusstem Wollen. Auch solche Sprachformeln sollen glauben machen, es sei nun einmal die Macht der Obrigkeit nötig gegen alle von unten her drängende Gewalt. 

 

4.) Zur Kapitalismus-Faschismus-Relation  

Hinsichtlich der Zuordnung von Faschismus zum Kapitalismus wäre zu sagen, dass eine kritische und komplexe Sicht auf das reale Geschehen, vor allem die auf die letzten Jahre der Weimarer Republik hinreichende Schlussfolgerungen auf den Nährboden des Faschismus zuließ. Bei Kommunisten führte sie - allerdings mit dem speziellen Blick auf den Faschismus an der Macht, nicht mit dem auf seine Ideologie und Bewegung - zur sogenannten Dimitroff-Definition (sogenannt, weil sie nicht von diesem bulgarischen Politiker stammt und allzu oft völlig sinnentstellt marxistischer Faschismustheorie entgegengestellt wird). Andere, darunter damals die meisten Sozialdemokraten und viele bürgerliche Demokraten, kamen zu dem Ergebnis, das da mit den Worten Max Horkheimers lautete: Wer vom Kapitalismus nicht reden wolle, müsse zum Faschismus schweigen. Noch heute führt kein Weg daran vorbei, trotz aller Versuche, wahrheitswidrig Um- und Irrwege zu Entlastung und Beschönigung des Ersteren zu konstruieren.  

Auszugehen wäre von der Tatsache, dass der deutsche Faschismus - zunächst als Ideologie und als Bewegung - nach dem Ersten Weltkrieg auf dem Boden kapitalistischer Wirtschafts- und Gesellschaftsverhältnisse entstand und auf diesem Boden wirksam wurde. Niemals verfolgte er das Ziel, erst recht nicht, als er an die Macht gelangt war, diese anzutasten oder auch nur in Frage zu stellen. Im Gegenteil: Er tauchte auf in einer von mächtigen sozialen und nationalen Bewegungen erschütterten Zeit und war seinem tiefsten Wesen nach gegenrevolutionär; letzteres nicht allein im Blick auf das Jahr 1917/18/19, sondern auch auf das Jahr 1789. Und nach dem 30. Januar 1933 blieben die privaten Eigentumsrechte gesichert, da boten sich den Unternehmern weitgehende Entscheidungsspielräume, da lief auch in der stark staatlich regulierten Rüstungswirtschaft alles zumeist zu Gunsten unmittelbarer und langfristiger Handlungsperspektiven der Wirtschaft. 

Insofern handelte es sich aus meiner Sicht bei den faschistischen Bewegungen in vielen Ländern Europas und des Aufstiegs einiger davon zur Macht  

- um einen unter mehreren Versuchen, immanente ökonomische oder/und politische Krisen mit allen Mitteln dauerhaft durch eine, wie es Marx formulierte, extrem "gewaltsame Ausgleichung" vorhandener Widersprüche zu bewältigen, 

- um eine der möglichen Folgen des generell vorhandenen Dranges ökonomisch und politisch Mächtiger nach Maximalprofit und Expansion,  

- um eine in ihren konkreten Erscheinungsformen der damaligen Zeit zuzuordnende Ausgeburt der bürgerlichen Gesellschaft.  

Kurzum: Die allgemeinste Bedingung für den Aufstieg des Faschismus in Deutschland und seinen Einstieg in die Staatsmacht war "das verbreitete Bedürfnis der Oberschichten der Gesellschaft nach dauerhafter Stabilisierung der Kapitalmacht, die nach innen wie nach außen neue Bewegungsfreiheit schaffen sollte."  

Dies schloss letztlich auch ein, für eine verbrecherische und völkerrechtswidrige Politik auch Kriege betreiben zu wollen. Es bedeutete ebenso, die ursprünglich aufklärerisch-humanistischen Anliegen des Bürgertums und alle im Laufe der Zeit insbesondere von der Arbeiterbewegung durchgesetzten Beschränkungen der Macht der Bourgeoisie aufzuheben. Dass sich die Nazis selbst als "revolutionär" bezeichneten und als "sozialistisch" ausgaben oder dass dies vielfach so dargestellt wird, ändert nichts an den getroffenen Feststellungen. Historische Erscheinungen charakterisieren selten ihr Wesen in Selbstbezeichnungen. 

Es muss in keiner Weise überraschen, dass dieses eindeutig existierende Beziehungsgeflecht zwischen kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsverhältnissen einerseits und faschistischer Ideologie, faschistischen Bewegungen und Parteien andererseits im Zentrum aller Auseinandersetzungen steht, und das seit eh und je, gleich ob offen formuliert oder unausgesprochen. Mehr noch: Wird im normalen Wissenschaftsbetrieb bei anderen Themen Streitkultur gewahrt und kann da den Beteiligten ein demokratisches Pluralismus-Verständnis zugesprochen werden, so scheiden sich die Geister, sobald der Nährboden Kapitalismus erhellt werden soll. Da wird rasch mit Haken und Ösen jongliert, da setzen selbst schlichteste Normen wissenschaftlichen Arbeitens keine Grenzen mehr für mitunter sonderliche Behauptungen, Verdrehungen und regelrechte Geschichtsfälschungen. 

Etwas vornehmer gesagt: Im Deutungsstreit um die Ursachen von Aufstieg und Sieg der Nazis am 30. Januar 1933 wird in der hierzulande gängigen Literatur und noch mehr in den bürgerlichen Medien gern der wechselseitige Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus in Frage gestellt. Da wird von den an letzterem schuldlosen, in ihn lediglich "verstrickten" Unternehmern, von deren unbedeutenden finanziellen Leistungen für die NSDAP oder von "überforderten Demokraten" gesprochen. Beliebt ist auch die Methode, Deutungen in der Schwebe zu halten. Manches wird benannt, aber zugleich mit einem Fragezeichen versehen. In einer 2006 erschienenen Arbeit über den bekannten Düsseldorfer Industrieklub - verfasst im Auftrag dieses Treffpunkt bourgeoiser Eliten - wird auch über die mittlerweile schon legendär zu nennende Rede Hitlers zu Beginn der 1930er Jahre erwähnt, jedoch nur als Beispiel für die "höchst ambivalente Position der deutschen Eliten gegenüber dem Nationalsozialismus". Das Thema sei immer noch mit einem Fragezeichen zu versehen ist. 

Alles das dient der Verschleierung und Leugnung bourgeoiser Schuld und Verantwortung. Ein amerikanischer Historiker brachte es auf den Punkt: Sollte die Verantwortung des Kapitalismus für den Faschismus erwiesen sein, wäre er nicht mehr zu rechtfertigen. Übrigens: Henry Ashby Turner jr. war es auch, für den sich die NSDAP ganz und gar erwiesen habe "als erster Vorläufer der komplexen, sich finanziell selbst tragenden Organisationen, die seitdem zu einem vertrauten Bestandteil demokratischer Gesellschaften geworden sind." Diese Worte darf man sich ruhig auf der Zunge zergehen lassen; die "Bimbes"-Hinundherschieber der Bundesrepublik, die Spendenfreudigen und die das Sponsoring-Geschäft Betreibenden sowie jene, die ein Ehrenwort gegenüber ihren Geldgebern über die Normen des Grundgesetzes stellen, können sich über solche verdummende Schützenhilfe freuen.  

Nein, die Schuld großer Teile der Herrschenden lässt sich nicht vertuschen. Die Tatsachen sprechen eine andere Sprache. Und notwendigerweise verbindet sich die Erinnerung daran mit dem Blick auf heutiges Geschehen. Auch wenn vieles anders ist - auffällige, strukturell bedingte Duplizitäten historischer und aktueller Erscheinungen sind nicht zu übersehen. Eine wirklich menschliche, humane Forderung kann daher nur lauten: "Nie wieder Faschismus!" 

Das indessen war nur ein Teil des bekannten Buchenwald-Schwures. Der andere lautete: "Nie wieder Krieg!" Damit benannten die befreiten Häftlinge den aus meiner Sicht unauflöslichen Zusammenhang von Faschismus, Kriegsbereitschaft und Kriegführung. Der zeigte sich nicht erst 1939 bis 1945. Alle faschistischen Bewegungen und Parteien kamen in Europa aus dem Ersten Weltkrieg, dem bis dahin extremsten Austragungsfeld kapitalistischer Konkurrenz. Sie lebten vom ungebändigten, sich nach Krieg und trotz Revolution in große Teile der Gesellschaft hinein fressenden Militarismus der Freikorps und sogenannter Kriegerverbände. Sie profitierten von einer vielgestaltigen Verherrlichung des Krieges und der Krieger, konnten selbst für ihren ausgeprägten Terrorismus die allgemeine Akzeptanz eines Denkens nutzen, welches das Leben als "Kampf um das Dasein" deutet, das "Recht des Stärkeren" sowie den Krieg als angeblich unabänderliche Erscheinung menschlichen Zusammenlebens nicht hinterfragt.  

Krieg könnte also als ein Lebenselexier von Faschismus - gleich ob in seiner Ideologie, ob in seinen organisierten Erscheinungsformen oder als der an der Macht - verstanden werden. Absolut menschen- und menschenrechtsfeindliche Zwecke heiligten den Einsatz aller verfügbaren Mittel je nach politischen, wirtschaftlichen oder militärischen Erfordernissen. Eine alles andere negierende nationalistische Staats- und Militärdoktrin führte zu den massenhaften Kriegsverbrechen und zum Völkermord während des Zweiten Weltkrieges. Alles Ringen um die Verhinderung von Kriegen oder um deren rasche Beendigung stellt nach meiner Auffassung ein zentrales Anliegen von linker Politik und generell von allen Antifaschismen dar – heute wie gestern.  

Hier meint das Wort "gestern" zunächst die Zeit vor 1945, blickt man aber auf die Zeit seither, da wäre eher zu sagen: heute wieder mehr als gestern. Vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten haben sich erschreckende Veränderungen vollzogen. Es sind neue Kriege um Rohstoff- und Absatzmärkte entfesselt worden, die Vielzahl von Kriegstypen hat sich erweitert, und die zunehmende Computerisierung von Kriegshandlungen birgt mehr als früher unkalkulierbare Risiken.  

5.) Einige Schlussfolgerungen für den heutigen Antifaschismus 

Was wäre aus all dem Gesagten für einen zeitgemäßen Antifaschismus zu schlussfolgern? Also für einen, der (noch?) nicht einem Faschismus an der Macht gilt, sondern dessen Vorstufen und Voraussetzungen, dessen Förderern und Wegbereitern sowie dessen denkbarer Ermöglichung durch einen Blick in die Geschichte, der relativieren, verharmlosen und revidieren soll?  

Auch heute wäre, so meine ich, bei einer Analyse aller Erscheinungen von Neonazismus, Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Antidemokratismus und Antiparlamentarismus vor allem nach den sie ermöglichenden gesellschaftlichen Verhältnissen zu suchen. Und es muss zugleich um eine tiefgründige Analyse der kapitalistisch dominierten Welt von heute gehen. Anderenfalls könnte wieder passieren, was Lion Feuchtwanger 1933 meinte, als er in seinem Roman "Die Geschwister Oppermann" von einem Marathonläufer erzählte. Dieser habe eine Kapsel überbringen sollen, doch diese war leer. Sie enthielt keine Botschaft, weder Warnendes noch Weisendes, weder Mahnendes noch Orientierendes. Damit sei des Läufers anstrengender, kräftezehrender Einsatz vergebens und verfehlt, missglückt und erfolglos gewesen. An dieses Bild zum Versagen der Antifaschisten von 1933 lässt sich anknüpfen und fragen, welche "Botschaft" wir der Gesellschaft bieten sollten. Dies wäre ein eigenes Thema, wobei ich hier nur zweierlei sagen möchte: Alles, was uns heute begegnet, am traditionellen Faschismus und in Bundesdeutschland am Nazifaschismus zu messen, ist richtig und notwendig. Daran bleibt nichts zu deuteln. Das ist das eine, das andere aber sollte die Erkenntnis sein, dass ein solches Messen nicht zum wichtigsten oder gar alleinigen Kriterium gemacht werden darf. Dies kann in die Irre führen, weil es dazu verleitet, die Analyse neuer gesellschaftlicher Situationen zu unterschätzen. Es nützt heutigem Antifaschismus wenig, die in der historischen Faschismusforschung gewonnenen Begriffe und Erklärungsmuster wie schlichte Etiketten auf neue Erscheinungen anzuwenden.  

Die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse, die zu untersuchen für antifaschistische Wegbestimmungen vorrangig zu untersuchen wären, sind zweifellos kapitalistisch geprägt, auch wenn der Kapitalismus von heute in vieler Hinsicht ein anderer ist als der von gestern. Vielleicht könnte man sogar sagen, dass die kapitalistische Wirtschaftsordnung überhaupt erst jetzt zum vollen Durchbruch gelangt zu sein scheint und sich ihre negativen Seiten wie nie zuvor entfalten. Stück für Stück wird zurück genommen, was bislang an politischem Fortschritt erreicht worden ist: Erbarmungslos triumphiert Geschäftemacherei über jedwede Brüderlichkeit. Sie orientiert sich nahezu ausschließlich an ökonomischen Effektivitätskriterien und wird zudem oft an der Grenze der Kriminalität betrieben. Profitstreben obsiegt über das Gleichheitsprinzip in Recht und demokratischer Verfasstheit, schrankenloser Konkurrenzkampf hintertreibt jeden der verbal verkündeten Ansprüche auf Freiheitsrechte und Menschenwürde.  

Hinzu kommt, dass diese Bestrebungen eingebettet erscheinen in weltweite Globalisierungsprozesse. Immer stärker werdende Multis und Mächte unterwerfen sich immer größere Teile der Welt, dabei weder brutale Gewalt, offenen Terror noch Kriege aller Art scheuend, sicherheitspolitische Erwägungen und Standortkriterien über demokratische Rechte und Freiheiten stellend. Zugleich wollen mehrere Großmächte bzw. überregionale Machtzentren gegeneinander hegemoniale Ansprüche durchsetzen und suchen dafür überkommene nationalstaatlich-egoistische Interessen zu regenerieren. Birgt dies nicht manches in der Welt von heute möglicherweise noch viel größere Risiken in sich, als sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts über die Welt gebracht worden sind? Sind heute nicht noch furchtbarere und globalere Folgen für die Menschheit denkbar, etwa die eines dritten bzw. vierten Weltkrieges, von Kriegen um Wasser und Nahrungsmittel, geführt mit gentechnischen Massenvernichtungswaffen u.ä.m.? Mit welchen neuen Erscheinungen einer Entmenschlichung, einer Entmoralisierung ist angesichts des anhaltenden, zum Teil sogar ganz bewusst vorangetriebenen Differenzierungsprozesses zwischen Arm und Reich zu rechnen? Ist nicht heute schon der Bau sogenannter Kapselstädte geplant, in denen das Überleben ausschließlich einiger Weniger in kommenden Klimakatastrophen gesichert werden soll? Ist nicht in vielen Ländern die Verödung von Peripherien gegenüber den Zentren bereits weit verbreitet? Was besagt es, wenn der Soziologe Wilhelm Heitmeyer kürzlich auf das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage verweisen musste, derzufolge 61 Prozent der Befragten beklagen würden, "dass man zu viele Schwache mitschleppe"? Und wenn die These stimmt, wofür vieles spricht, dass künftig 20 Prozent der Erdbevölkerung genügen, um alles herzustellen, was gebraucht wird, dann geht es in irgendeiner der weiteren großen Wirtschaftskrisen – und die kommen ganz gewiss - nicht nur um die existenzielle Unsicherheit sogenannter Unterschichten, sondern um das Dasein der leicht als "überflüssig" zu diskreditierenden 80 Prozent. Wie wird sich dann das zu Beginn meines Vortrages erwähnte explosive Gemisch von Macht-Kalkül und nützlichem Wahn entäußern? 

Die Barbarei im Umgang von Menschen mit "anderen" Menschen - gleich ob als rassisch definiert, als dumm diffamiert oder als sozial minderwertig und entbehrlich angesehen - sie könnte ein neues, dann wohl aber endgültiges Maximum finden. Um doch beim Thema zu bleiben - dies könnte dann vielleicht als ein sich immer weiter faschisierender Faschismus bezeichnet werden. Wird für dieses dem 21. Jahrhundert gemäßes Phänomen irgendein anderer, ein treffenderer Begriff gefunden werden, so könnte das dennoch am humanistischen Geist des historischen und gegenwärtigen Antifaschismus nichts ändern, erst recht nicht im Erinnern an den zeitweiligen, aber weltgeschichtlich leider so bedeutsam gewordenen Triumph der Nazis über alle Antifaschisten.  

Zu suchen, zu diskutieren und zu prüfen sind allerdings neue politische Inhalte und Kampfformen, neue Lösungen für jene Probleme, die unser heutiges Dasein bestimmen und - sollten diese nicht bewältigt werden - alle menschliche Zukunft mehr als düster erscheinen lassen.  


 

Bleibender Forschungsauftrag  

Zum 80. Geburtstag von Manfred Weißbecker  

Phillip Becher 

In: junge Welt online vom 07.02.2015 

 

Wer in der DDR eine Ausbildung zum Historiker genoss, der wurde mehr als ein Geschichtsschreiber. Namen wie Dietrich Eichholtz, Ludwig Elm, Kurt Pätzold oder Werner Röhr stehen für eine Linie, die die Historie nicht nur als Chronologie längst vergangener Daten oder als Instanz der Moralvermittlung auffasst, sondern als Quelle der Erkenntnis in die Bewegkräfte gesellschaftlicher Prozesse begreift. Der KPD-Führer Ernst Thälmann brachte die Dialektik dieses erkenntnistheoretischen Zusammenhangs einst in populären Worten auf den Punkt: »Politik, das ist die sich in der Gegenwart vollziehende Geschichte.« 

Zu den Vertretern dieser Denkrichtung gehört ganz ohne Zweifel auch Manfred Weißbecker. Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen Anfang der 1990er Jahre nach der Herstellung der staatlichen Einheit von den Herren des Landes aus politischen Gründen in den »Ruhestand« versetzt, durfte und darf er zwar seine akademischen Titel weiterführen, der Professur für Geschichte, die er an der Universität Jena innehatte, ging er jedoch verlustig. Seinem Forschungsprogramm, das er in den 1960er Jahren mit seiner Promotion über den antifaschistischen Widerstandskampf der Thüringer Kommunisten begonnen hatte, blieb er auch ohne Lehrstuhl treu. 

Diesem Ansatz verpflichtet war auch die gemeinsam mit Kurt Pätzold verfasste und erstmals 1981 publizierte »Geschichte der NSDAP«, der bis heute einzigen deutschsprachigen Monographie, die eine Gesamtdarstellung der Entwicklung der faschistischen Partei Deutschlands liefert. Eine weitere Veröffentlichung, an deren Entstehung Weißbecker beteiligt war, ist das vor kurzem in digitalisierter Form wieder aufgelegte vierbändige Lexikon zur Geschichte bürgerlicher Parteien und Interessenverbände. Das unter der Leitung Dieter Frickes produzierte Mammutprojekt nötigt auch nicht-marxistischen Gesellschaftswissenschaftlern noch immer den gebührenden Respekt ab. 

Jüngst erschien ein Buch aus Weißbeckers Feder zur Weimarer Republik, das in konziser Form Ausgangsbedingungen, Strukturschwächen und Gründe des Scheiterns der ersten bürgerlichen Demokratie auf deutschem Boden aufbereitet. Als Gegengift zur dominanten Extremismusdoktrin, die die Republik als zwischen radikalen politischen Rändern aufgerieben versteht, eignen sich diese knapp 140 Seiten hervorragend, da sie in allgemeinverständlicher Form auch das Drehbuch eines - keineswegs unabwendbaren - autoritären Krisenlösungsversuchs, der dem Faschismus zur Geburt verhalf, nachzeichnen. In Zeiten frischer Massenbewegungen von rechts erhält diese Sezierung von dem Faschismus zuträglichen, historischen Prozessen neue Aktualität. 

Ähnlich gegenwartsbezogen liest sich eine Broschüre Weißbeckers aus dem Jahr 2010, in der er »Aversionen gegen das Parteienwesen in Deutschland vor 1933« dokumentierte. Die von Wirtschaftsbossen, Militärs und Intellektuellen vorgebrachten Vorschläge zur Neuordnung der staatlichen Verhältnisse, die besonders zum Ende der Weimarer Periode virulent wurden, richteten sich zunächst gegen die politischen Parteien als Ausdruck von (auch subalternen) Partikularinteressen und schließlich gegen die Demokratie überhaupt. Sie nehmen die Agitation heutiger Epigonen einer »konservativen Revolution« gegen den »Parteienstaat« inhaltlich vorweg. 

Schon 1980 hielt Weißbecker in einem Aufsatzes über den »Faschismus in der Gegenwart«, der in dem von Dietrich Eichholtz und Kurt Gossweiler herausgegebenen Sammelband »Faschismusforschung« erschien, fest: Extrem rechten Bewegungen hilft »jede Art von Abbau der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie, jeder Schritt zu einer weiteren Beschneidung sozialer Errungenschaften und politischer Freiheiten, jede rTendenzwendel und Schwenkung nach rechts«. 

Sein Referat auf einer Tagung zu »Neofaschismus und Krise« an der Universität Siegen im November 2012 ließ er mit einem Hinweis auf den kurz zuvor verstorbenen britischen Historikerkollegen Eric Hobsbawm enden. 

Dieser hatte am Ende seines bekannten Werks zum »Zeitalter der Extreme« die »Finsternis« als das wahrscheinliche Ergebnis einer Fortschreibung von Vergangenheit und Gegenwart markiert. Weißbecker folgert hieraus den Schlusssatz: »Neu also muss die Zukunft gestaltet werden.« Am Sonntag vollendet Manfred Weißbecker sein 80. Lebensjahr. Alles Gute nach Jena. 

 

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