Für und wider Hegel 

Vorabdruck: Die Stellung zum deutschen Philosophen bestimmte innerhalb der Linken stets auch das Urteil in politischen Fragen. Wer jenen ablehnte, irrte meistens bei diesen.  

Von Domenico Losurdo  

In: junge Welt online vom 19,11,2014 

 

In diesen Tagen erscheint im Kölner Papyrossa Verlag die Schrift »Von Hegel zu Hitler? Geschichte und Kritik eines Zerrbildes«. Autor ist der italienische Philosoph Domenico Losurdo. 1989 veröffentlichte dieser eine umfangreichere Abhandlung unter dem Titel »Hegel und das deutsche Erbe: Philosophie und nationale Frage zwischen Revolution und Reaktion«, die nur noch in ausgewählten Antiquariaten erhältlich ist. Der vorliegende Band nun ist die Neuauflage eines größeren Auszugs dieser Schrift – ergänzt um eine eigens dafür angefertigte Einleitung unter der Überschrift »Hegel und Deutschland. Die ›zwei Linien‹ der ›Linken‹«. An dieser Stelle erfolgt der Abdruck der Einleitung, gekürzt um das letzte Unterkapitel. _(jW) 

Auch das deutsche Volk hat seine revolutionäre Tradition. Es gab eine Zeit, wo Deutschland Charaktere hervorbrachte, die sich den besten Leuten der Revolutionen anderer Länder an die Seite stellen können«. So wurde im Jahre 1850 »Der deutsche Bauernkrieg« vorgestellt (Marx-Engels-Werke, Bd. 7, S. 329): Lebendig war die Verbitterung über die von der revolutionären Bewegung erlittene Niederlage, und es war eine Verbitterung, die Gefahr lief, sich in Verzweiflung und Resignation zu verwandeln. Friedrich Engels verspürte das Bedürfnis, auf alles das zu reagieren: Nein, Deutschland war nicht dazu bestimmt, für immer unter dem Joch des alten Regimes zu bleiben, vor allem weil der Kampf gegen dieses Regime gerade in Deutschland mit einer großen Revolution angefangen hatte, die mit Thomas Müntzer schon im 16. Jahrhundert sogar das Schreckgespenst des Kommunismus beschworen hatte. 

Mythos ewiger Identitäten 

Diese Einstellung und diese Argumentation waren keineswegs selbstverständlich, wie es die Ereignisse des darauffolgenden Jahres bestätigen: Am 2. Dezember 1851 führte in Frankreich Louis Bonaparte (Napoleon III., jW) einen Staatsstreich durch, der das Land, das Protagonist einer großen Revolution gewesen war, einer brutalen Diktatur mit starken expansionistischen Tendenzen unterwarf. In einem denkwürdigen Werk lenkte Karl Marx die Aufmerksamkeit auf die dramatische reaktionäre Wende und auf die Gefahr, die sie für Europa darstellte. Doch nicht alle, nicht einmal alle »Linken«, waren mit dieser Warnung einverstanden. Ferdinand Lassalle drückte deutlich seinen Dissens aus: »Eine Besiegung Frankreichs wäre auf lange Zeit das konterrevolutionäre Ereignis par excellence. Noch immer steht es so, daß Frankreich, trotz aller Napoleons, Europa gegenüber die Revolution, Frankreichs Besiegung ihre Besiegung darstellt«. Noch weiter ging Heinrich Heine, der den Machtantritt des Neffens von Napoleon I. als die Vergeltung für Waterloo (und für die Restauration, die auf diese Schlacht folgte), als das »mirakulose Ereignis, dem wir die Befreiung vom Waterloo-Alp verdanken« pries. 

Wie kann man bei so wichtigen Persönlichkeiten der damaligen »Linken« so naive Stellungnahmen gegenüber dem Bonapartismus erklären? Eine wesentliche Rolle spielte zweifellos der Mythos von den ewigen Identitäten: Frankreich, das definitionsgemäß das revolutionäre Land war, stellte man praktisch ein gleichfalls ewiges, aber in diesem Fall ewig konservatives bzw. reaktionäres Deutschland entgegen. Naiv war diese Anschauung, weil sie, wenn auch mit einem entgegengesetzten Werturteil, gerade die Anschauung der »Rechten« und der Reaktion reproduzierte, die die Ideen der französischen Revolution als der deutschen Kultur und dem deutschen Wesen absolut fremd zurückwies. Marx und Engels hatten sich die Lehre Hegels zu gut zu eigen gemacht, um weiterhin dem Mythos der ewigen Identitäten Glauben zu schenken. In Wahrheit war Frankreich, das jahrzehntelang die Revolution angeführt hatte, zum Bezugsland für die internationale Reaktion geworden. Auf der Gegenseite war das Land, das den Bauernkrieg erlebt hatte, der »bürgerlichen Revolution« nicht ferngeblieben, doch diese hatte auf deutschem Boden eine besondere Form angenommen: Sie hatte – notierte Engels im Jahre 1870 in der Vorbemerkung zur neuen Ausgabe von »Der deutsche Bauernkrieg« – zwischen 1808 und 1813 begonnen, Form anzunehmen, und zwar im Verlauf des nationalen Befreiungskampfs gegen die napoleonische Okkupation (MEW, 7, 539). Was die Revolution von 1848 anbetrifft, war sie nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und in ganz Europa besiegt worden. Völlig immun gegen die revolutionäre Welle war nicht nur Russland, sondern auch England geblieben, »jener unerschütterte konterrevolutionäre Fels im Meer«, um es mit Engels zu sagen. Es ist kein Zufall, daß Europa nach dem Sieg der Reaktion »in seine alte Doppelsklaverei zurückfiel, in die englisch-russische Sklaverei« (um diesmal Marx’ Worte zu gebrauchen) (MEW, 5, 359 u. 6, 397). Jedenfalls – unterstrich Engels in den darauffolgenden Jahren – durfte man nicht den großen theoretischen Beitrag aus den Augen verlieren, den Deutschland zur Sache der Revolution geleistet hat: »Die deutsche Arbeiterbewegung ist die Erbin der deutschen klassischen Philosophie« (MEW, 21, 307). 

Engels contra Liebknecht 

Von »deutscher klassischer Philosophie« zu sprechen bedeutete in erster Linie, von Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu sprechen. Leider verbreitete sich die Diffamierung seiner Figur und seines Denkens auch in den Reihen der Arbeiterbewegung. Als einer der Führer der revolutionären Sozialdemokratie, und zwar Wilhelm Liebknecht, einen Text von Engels veröffentlichte, fügte er eine ungeschickte erklärende Anmerkung hinzu, als er auf den Namen Hegels stieß: Der fragliche Philosoph sei als Theoretiker und Lobsinger der »königlich preußischen Staatsidee« berühmt geworden. Äußerst hart reagierte darauf Engels: »Dabei untersteht sich das Vieh, mir Randglossen ohne jede Angabe des Verfassers drunterzusetzen, die reiner Blödsinn sind und die jedermann mir zuschreiben muß. Ich habe es mir schon einmal verbeten […], jetzt kommt der Blödsinn aber so dick, daß es nicht länger geht […] Dieser Ignorant hat die Unverschämtheit, einen Kerl wie Hegel mit dem Wort ›Preuß‹ abfertigen zu wollen […] Ich bin das Ding jetzt satt […] Lieber gar nicht gedruckt, als […] dadurch zum Esel proklamiert«. 

Die scharfe Polemik fand sich in einem Brief an Marx, der ebenfalls seine Entrüstung über den unglückseligen Liebknecht ausdrückte: »Der Mensch ist wirklich dumm«. Und weiter noch: »Ich hatte ihm geschrieben, wenn er über Hegel nur den alten Rotteck-Welckerschen Dreck zu wiederholen wisse, so solle er doch lieber das Maul halten«. 

Die revolutionäre Sozialdemokratie war dabei, sich gerade auf die von dem Historiker Karl von Rotteck und dem Juristen Karl Theodor Welcker formulierten Positionen der liberalen Bourgeoisie abzuflachen. Solche Persönlichkeiten und Kreise beschuldigten Hegel des Etatismus, doch die wirkliche Bedeutung dieser Anklage hat der rheinländische Großindustrielle David Hansemann hervorgehoben, der folgendermaßen die Versuche verurteilt hatte, in den Fabriken eine staatliche Regelung der Arbeitszeit und der Arbeitsbedingungen (besonders für Frauen und Kinder) einzuführen: Absurd und gewissermaßen blasphemisch sei der Anspruch der »Hegelianer und Sozialisten«, die Wärme und Spontaneität der »christlichen Liebe«, die die Beziehungen zwischen dem Arbeitgeber und seinen Beschäftigten kennzeichnen soll, durch die Kälte des Staates und die Künstlichkeit der Rechtsnorm zu ersetzen. 

Aufruf zur Verwestlichung 

Als Reaktion auf das Scheitern der Revolution von 1848/49 rief ein Flügel der deutschen »Linken«, der dem Einfluss der liberalen Bourgeoisie unterlag, Deutschland dazu auf, nach Westen zu blicken, sich zu »verwestlichen«, um sich befreien zu können; und dieser Appell an die »Verwestlichung« ging damit einher, Deutschland Ländern wie Frankreich oder Großbritannien eindeutig negativ gegenüberzustellen. So verhielten sich nach der Niederlage der Revolution von 1848/49 Heine und auch Lassalle (zumindest bis zu seinem Schwärmen für Otto von Bismarck): Sich »verwestlichen« bedeutete in diesem Fall, auf Frankreich als Vorbild zu blicken, auf das Land, das gewiss Protagonist der großen Revolution gewesen war, das aber in der Zwischenzeit die europäische Reaktion anführte! 

Zu ganz anderen Schlussfolgerungen gelangten Marx und Engels. Sie priesen keineswegs Deutschland. Unwiderruflich war ihre Verurteilung des »Bonapartismus« Bismarcks, aber auf diese Weise wurde ein politisches Regime ins Visier genommen, das gewiss nicht Ausdruck eines angeblich ewigen und verderblichen deutschen Wesens war, sondern das hauptsächlich auf die Geschichte Frankreichs verwies. Statt eine unterschiedslose »Verwestlichung« und eine unterschiedslose Verklärung der Geschichte von Ländern wie Frankreich und Großbritannien vorzunehmen, sollte sich Deutschland natürlich offen gegenüber der fortschrittlichsten europäischen Kultur zeigen, aber ohne das zu vergessen bzw. zu verleugnen, was fortschrittlich und revolutionär in seiner eigenen Geschichte war. Auch dank ihrer philosophischen Tradition – schrieb Marx an Engels am 20. Juli 1870 – sei inzwischen »die deutsche Arbeiterklasse theoretisch und organisatorisch der französischen überlegen«; ja, »der Schwerpunkt der westeuropäischen Arbeiterbewegung« habe sich von Frankreich nach Deutschland verlegt (MEW, 33, 5). Das war auch die Meinung von Engels, der sich mit noch größerer Klarheit ausdrückte: Als Anhänger des »wissenschaftlichen Sozialismus« bewiesen die deutschen Arbeiter einen »theoretischen Sinn« und einen beispielhaften revolutionären Ernst, und all das wäre »ohne Vorausgang der deutschen Philosophie, namentlich Hegels« nicht möglich gewesen MEW, 18, 516–517). 

Mechanistischer Materialismus 

Der Zusammenstoß zwischen den beiden Linien der »Linken« wiederholte sich anlässlich des Ersten Weltkriegs. Sein Ausbruch war zur gleichen Zeit das Scheitern einer Revolution: Die Partei, die sie in Deutschland anführen sollte, stimmte, nachdem sie mutig Bismarcks Sozialistengesetz standgehalten und viele Erfolge erzielt hatte, für die Kriegskredite und wurde so mitverantwortlich für das entsetzliche Gemetzel des imperialistischen Krieges. Gleich nach dem Krieg polemisierte Karl Kautsky, ohne auf die Involution der deutschen sozialdemokratischen Partei insgesamt und auf seine persönliche Verantwortung zu verweisen, folgendermaßen gegen Lenin: Es habe keinen Sinn, den Kapitalismus und den Imperialismus schlechthin für die Tragödie unter Anklage zu stellen; Großbritannien, das vor 1914 nur über ein aus Freiwilligen bestehendes Heer bescheidenen Ausmaßes verfügte, könne nicht auf die gleiche Ebene wie Deutschland gestellt werden, das bis an die Zähne bewaffnet und dank der Wehrpflicht permanent und massiv mobilisiert war. Hier wurde die von der Entente propagierte Kriegsideologie wiederaufgenommen. Die Entente hatte sich als Vorkämpfer eines Kreuzzugs präsentiert, der die Sache der Demokratie und des Friedens im Kampf gegen ein Land triumphieren lassen sollte, das Bollwerk der antidemokratischen und militaristischen Reaktion war. 

Konnte sich Deutschland wenigstens einer Tradition kritischen und revolutionären Denkens rühmen, wie Marx und Engels behaupteten? Das war sicher nicht die Meinung der Entente und auch nicht Kautskys, der schon 1888 zu einem entschiedenen Schluss gelangt war: »Die theoretische Revolution Englands und Frankreichs war das Ergebnis des stets wachsenden Bedürfnisses des Bürgertums nach einer ökonomischen und politischen Revolution […] Die theoretische Revolution Deutschlands war das Produkt importierter Ideen«. Der Rückstand Deutschlands auf ökonomischem und politischem Gebiet wirkte sich demnach voll und ganz auch auf philosophischem Gebiet aus. 

Offensichtlich wird der mechanistische Charakter von Kautskys Materialismus. Gewiß war das Land von Martin Luther und Müntzer rückständiger als das Italien der Renaissance (von der sogar das Papat beeinflußt und angesteckt war). Es bleibt jedoch die Tatsache, dass die protestantische Reformation eine wesentliche Etappe für das Aufkommen der Moderne darstellte. Der erste große Staatstheoretiker war Niccolò Machiavelli: Er arbeitete seine Theorie allerdings im Italien des 16. Jahrhunderts aus, das noch keineswegs den Prozess der nationalen Einigung zu Ende gebracht hatte und das diesbezüglich neidvoll auf Frankreich, England und Spanien blickte. Auf industrieller und ökonomischer Ebene viel rückständiger als England, hat Frankreich, Protagonist der großen Revolution, die Probleme der repräsentativen Demokratie und der modernen Bürgerschaft entschieden radikaler durchdacht und in Angriff genommen: Es ist kein Zufall, dass Frankreich das allgemeine Wahlrecht (für Männer) Jahrzehnte früher als Großbritannien eingeführt hat, wo das Oberhaus (eine typische Einrichtung des alten Regimes) fast bis in unsere Tage eine Rolle ersten Ranges gespielt hat. Sich diese Vorgeschichte vor Augen haltend, konnten Marx und Engels ohne Schwierigkeit unterstreichen, dass die von der industriellen Revolution und von der politischen bürgerlichen Revolution aufgeworfenen Probleme von der »deutschen klassischen Philosophie« und insbesondere von Hegel in einem Land besonders tief durchdacht worden sind, das auf beiden Ebenen eindeutig im Rückstand war. 

Der Materialismus Kautskys war nicht nur mechanistisch, sondern auch ziemlich selektiv: Er hob den positiven Einfluss hervor, den die materielle Objektivität der ökonomischen und politischen Entwicklung auf die theoretische Ausarbeitung ausübte, doch er fragte nicht einmal nach den unheilvollen Folgen, die die materielle Objektivität der kolonialen Expansion hervorbrachte. Diesen Punkt hatten Marx und Engels eindringlich behandelt. Brutal und sogar genozidal war die über Irland ausgeübte Herrschaft, und das mußte unbedingt auch das politische Leben Englands vergiften: Der Vorkämpfer des englischen Liberalismus, William E. Gladstone, habe sich in Wahrheit »Polizeiterror« zuschulden kommen lassen, als er dem Widerstand auf der Insel entgegentrat (MEW, 16, 552 u. 18, 136). Leider erhob sich gegen diese Schandtaten nicht einmal die Stimme der Arbeiterbewegung, die selber – so beklagten Marx und Engels – vom Chauvinismus und vom Rassismus der herrschenden Ideologie angesteckt war. Kautsky gebärdete sich als Vorkämpfer der Verwestlichung Deutschlands; er empfahl sie allerdings nicht mehr mit Blick auf Frankreich, sondern vor allem auf England, das von ihm als das Land angegeben wurde, das immun gegen den Militarismus sei, der auf die Katastrophe des Ersten Weltkriegs hinausgelaufen ist. Doch wenn er diese Verklärung vornahm, geriet er in Widerspruch zu den antikonformistischsten Stimmen, die selbst in England laut wurden. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte ein Verfechter des Liberalismus, Richard Cobden, eine mutige selbstkritische Bilanz der Außenpolitik seines Landes gezogen: »Wir waren die aggressivste und kämpferischste Gemeinschaft, die es seit der Zeit des Römischen Reiches gegeben hat. Nach der Revolution von 1688 haben wir hundertfünfzig Millionen [Pfund Sterling, D. L.] für Kriege ausgegeben, von denen keiner an unseren Stränden oder zur Verteidigung unserer Heime und unserer Häuser ausgefochten wurde […]. Diese kriegerische Neigung wurde immer und ausnahmslos von allen erkannt, die unseren Nationalcharakter studiert haben«. 

»Algebra der Revolution« 

Nur wenige Jahrzehnte später hatte Herbert Spencer, ein Autor, der immerhin zum Sozialdarwinismus neigte (was die Interpretation des sozialen Konflikts in der kapitalistischen Metropole betrifft) eine furchtbare Anklagerede gegen den Kolonialismus und besonders gegen England gehalten: Unannehmbar sei das »barbarische Prinzip«, wonach die Stärksten »einen legitimen Anspruch auf alle Gebiete haben, die sie erobern können«. Der Enteignung der Besiegten folgte in Wirklichkeit ihre »Ausrottung«: Die Folgen hätten nicht nur die »Indianer Nordamerikas« und die »Eingeborenen Australiens« zu tragen. In Indien »wurde der Tod über ganze Regimenter verhängt«, deren Schuld darin bestand, »es gewagt zu haben, den tyrannischen Befehlen ihrer Unterdrücker nicht zu gehorchen«. Leider »sind wir in eine Epoche des sozialen Kannibalismus eingetreten, in der die stärksten Nationen die schwächsten fressen«. Man könnte also sehr wohl sagen, daß »die weißen Wilden Europas dabei sind, die farbigen Wilden überall weit zu übertreffen«. In diesem Zusammenhang zeichnete sich unter den »weißen Wilden« vor allem Großbritannien, die größte damalige Kolonialmacht, aus. Wir sind weit entfernt von den provinziellen und gemütlichen Tönen Kautskys. 

Diesem widersetzte sich von links Lenin. Die unerbittliche Verurteilung des Imperialismus Wilhelms II. lief beim russischen Revolutionär nie auf die Kriegsideologie der Entente (und Kautskys) hinaus, wonach Deutschland der Ort der ewigen aristokratischen und militaristischen Reaktion sei. In seiner Konfrontation mit dem Westen sei Deutschland in Wahrheit nicht immer im Unrecht gewesen: »Die Kriege der Großen Französischen Revolution begannen als nationale Kriege und waren auch solche. Diese Kriege waren revolutionär, sie dienten der Verteidigung der Großen Revolution gegen eine Koalition konterrevolutionärer Monarchien. Als aber Napoleon das französische Kaiserreich errichtete und eine ganze Reihe seit langem bestehender, großer, lebensfähiger Nationalstaaten Europas unterjochte, da wurden die nationalen französischen Kriege zu imperialistischen, die nun ihrerseits nationale Befreiungskriege gegen den Imperialismus Napoleons erzeugten«. 

Diese Stellungnahme stammt aus dem Jahre 1916, während der Krieg wütete. Ungefähr zwei Jahre später, zur Zeit des Friedens von Brest-Litowsk, den Lenin für räuberisch hielt, verglich er den Kampf des jungen Sowjetrusslands gegen den deutschen Imperialismus mit dem Kampf, den seinerzeit Preußen unter der Führung der Hohenzollern gegen die Invasion und die napoleonische Okkupation geführt hatte, während es umgekehrt Napoleon ist, der »als ebensolcher Räuber wie jetzt die Hohenzollern« bezeichnet wird. Die von Deutschland geführten »nationalen Befreiungskriege« hatten gewissermaßen einen beispielhaften Wert; sie bildeten einen Bezugspunkt für Sowjetrußland, das damals gezwungen war, sich gegen Deutschland (und später vor allem gegen Großbritannien) zu verteidigen. In jedem Fall folgte Lenin unmittelbar nicht nur Marx und Engels, sondern auch Hegel, wenn er den Mythos der ewigen Identitäten zurückwies. 

Und auf den großen deutschen Philosophen blickte Lenin weiterhin voller Achtung. Wenige Jahre vor Kriegsausbruch hatte er hervorgehoben, daß Marx der Erbe der »deutschen klassischen Philosophie und besonders des Hegelschen Systems« gewesen ist und hatte von Alexander Iwanowitsch Herzen die Definition der »Dialektik Hegels« als die »Algebra der Revolution« übernommen. Der Ausbruch des gigantischen Krieges und das Wüten der Kriegsideologie der Entente hatten Lenins Orientierung nicht geändert. 

Domenico Losurdo: Von Hegel zu Hitler? Geschichte und Kritik eines Zerrbildes, Papyrossa Verlag, Köln 2014, 181 Seiten, 18 Euro, auch im jW-Shop erhältlich 

 

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