Der Unbeugsame 

In: unsere zeit online vom 11. März 2016  

 

In Erinnerung an den Kommunisten, Antifaschisten und Widerstandkämpfer Peter Gingold, der am 8. März 100 Jahre alt geworden wäre, dokumentieren wir Auszüge aus seiner Eröffnungsrede zum Parteitag der DKP 2005. 

Liebe Genossinnen und Genossen, dass ich den ehrenvollen Auftrag erhalten habe, den Parteitag zu eröffnen, betrachte ich als Würdigung der Kommunistinnen und Kommunisten meiner Generation, die gegen Faschismus und Krieg alles hingegeben haben. Für sie möchte ich sprechen, zumal unser Parteitag in dem Jahre stattfindet, in dem sich zum 60. Mal die Befreiung Europas von der Terrorgewalt des Nazifaschismus jährt – in erster Linie war er der Sieg der Sowjetunion über die Hitlerarmee. 

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In der Erinnerung der Bevölkerung an ihre Befreiungskämpfe gelten die Kommunisten als die Patrioten ihres Landes, bis in die Gegenwart hochgeachtet. Hier, in diesem Land, sind sie diskriminiert und ausgegrenzt. Im öffentlichen Bewusstsein existiert der deutsche Widerstand fast nur in Form des „20. Juli", allenfalls wird noch die „Weiße Rose" der Geschwister Scholl genannt. Der eigentliche Widerstand der einfachen Frauen und Männer, vorwiegend aus der Arbeiterbewegung, die meisten Kommunisten, wird bis in die jüngste Zeit verschwiegen. 1933 gab es 360.000 organisierte Kommunisten, jeder zweite wurde irgendwie belangt, verfolgt, verhaftet, gefoltert, Zehntausende waren in Zuchthäusern und KZs, Tausende kamen zu Tode. Dokumentarisch ist es belegt: Von den Menschen im Widerstand waren 85 Prozent Kommunisten, zwölf Prozent Sozialdemokraten, drei Prozent kamen aus bürgerlichen Kreisen. 

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Lassen wir nicht in Vergessenheit geraten, die KPD vor 1933 war die einzige Partei, die am klarsten die drohende Gefahr des Faschismus einschätzte und den Zusammenhang von Faschismus und Krieg herstellte. In meiner Erinnerung lebt, wie ich als Jungkommunist mithalf, mit Flugblättern, mit großen Lettern an den Wänden zu warnen: „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!" und „Hitler bedeutet Krieg!". In dem oft gesungenen Lied vom roten Wedding heißt es: „drohend stehen die Faschisten/drüben am Horizont". Hatte doch der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann in den letzten Jahren der Weimarer Republik versucht, die verhängnisvolle „Sozialfaschismusthese" aus der Partei zu bringen und leidenschaftlich, jedoch vergeblich die Aktionseinheit mit den Sozialdemokraten angemahnt. Bei allen Irrungen und Fehlern – Irren und Fehler gehören zum Leben – wäre die Politik der KPD gefolgt, was wäre der eigenen Bevölkerung und der Welt erspart geblieben! 

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»Unser Traum erfüllte sich nicht«  

Über ein antifaschistisches Deutschland nach 1945. Anlässlich seines 100. Geburtstages: Eine Rede von Peter Gingold aus dem Jahr 2005 Peter Gingold 

In: junge Welt online vom 08.03.2016 

 

Peter Gingold wurde am 8. März 1916 in Aschaffenburg als Sohn einer aus Polen emigrierten jüdischen Familie geboren. Er organisierte sich mit Beginn seiner kaufmännischen Ausbildung in einer Gewerkschaftsjugendgruppe sowie im Kommunistischen Jugendverband (KJVD) und beteiligte sich an antifaschistischen Widerstandsaktionen. Nach einer ersten Verhaftung im Jahr 1933 folgte er seiner Familie ins Exil nach Paris. Zusammen mit seiner Frau Ettie Gingold kämpfte er nach der Besetzung großer Teile Frankreichs durch die deutschen Truppen im Jahr 1940 mit der französischen Widerstandsbewegung in der Résistance. Nach der Befreiung vom Faschismus gehörte er in Frankfurt am Main zu den Mitbegründern der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes). Seine Lehre aus dem Kampf gegen den Faschismus, die Notwendigkeit eines entschlossenen Zusammenstehens gegen jedwede faschistische Entwicklung vermittelte er vor ungezählten Schulklassen und Jugendgruppen, auf Demonstrationen und Kundgebungen. 

Die junge Welt erinnert an seinem 100. Geburtstag mit dem Abdruck einer Rede Gingolds, die dieser im Jahr 2005 in Duisburg zur Eröffnung des Parteitages der DKP, gehalten hatte deren Mitglied er seit ihrer Gründung 1968 war. Die Ettie-und-Peter-Gingold-Erinnerungsinitiative und die VVN-BdA Frankfurt am Main laden am 13. März 2016 zu einer Matinee ein (www.gingold-initiative.de). (jW) 

Liebe Genossinnen und Genossen, dass ich den ehrenvollen Auftrag erhalten habe, den Parteitag zu eröffnen, betrachte ich als Würdigung der Kommunistinnen und Kommunisten meiner Generation, die gegen Faschismus und Krieg alles hingegeben haben. Für sie möchte ich sprechen, zumal unser Parteitag in dem Jahre stattfindet, in dem sich zum 60. Mal die Befreiung Europas von der Terrorgewalt des Nazifaschismus jährt – in erster Linie war er der Sieg der Sowjetunion über die Hitlerarmee. Die meisten Menschen verbinden mit dem 8. Mai lediglich das Ende des Zweiten Weltkrieges. Wer weiß schon, dass die Antihitlerkoalition im Zusammenwirken und mit Unterstützung der antifaschistischen Widerstands- und nationalen Befreiungsbewegungen die Hitlerwehrmacht vernichtend besiegte. In diesen Befreiungsbewegungen der Völker waren die Kommunisten die bestorganisierten, zuverlässigsten und aufopferungsvollsten Kräfte. Dies ebenso im deutschen antifaschistischen Widerstand, der gemessen an Leiden und Opfern ebenbürtig zur europäischen Résistance gehört. 

In der Erinnerung der Bevölkerung an ihre Befreiungskämpfe gelten die Kommunisten als die Patrioten ihres Landes, bis in die Gegenwart hochgeachtet. Hier, in diesem Land, sind sie diskriminiert und ausgegrenzt. 

Im öffentlichen Bewusstsein existiert der deutsche Widerstand fast nur in Form des »20. Juli«, allenfalls wird noch die »Weiße Rose« der Geschwister Scholl genannt. Der eigentliche Widerstand der einfachen Frauen und Männer, vorwiegend aus der Arbeiterbewegung, die meisten Kommunisten, wird bis in die jüngste Zeit verschwiegen. 1933 gab es 360.000 organisierte Kommunisten, jeder zweite wurde irgendwie belangt, verfolgt, verhaftet, gefoltert, Zehntausende waren in Zuchthäusern und KZs, Tausende kamen zu Tode. Dokumentarisch ist es belegt: Von den Menschen im Widerstand waren 85 Prozent Kommunisten, zwölf Prozent Sozialdemokraten, drei Prozent kamen aus bürgerlichen Kreisen. »Sie gehörten in Deutschland zu den Edelsten, was in der Geschichte der Völker je hervorgebracht worden ist, einzig getrieben von der Unruhe ihres Gewissens.« Ein Ausspruch vom britischen Premier Winston Churchill im Jahre 1945. 

Niederlage statt BefreiungDie Tragik des deutschen Widerstandes: Er führte nicht zum Aufstand. Er konnte allenfalls etwas Sand in die Getriebe der Mordmaschine streuen, aufhalten konnte er sie nicht. Unsere Vision, unser Traum, unsere Hoffnung war es, der Widerstand könnte Massen der deutschen Bevölkerung zum Aufstand führen, um aus eigener Kraft mit Hitler und dem Krieg Schluss zu machen. War denn nicht der Erste Weltkrieg mit einer Volkserhebung, mit einer Revolution beendet worden? Unser Traum erfüllte sich nicht. An der Gedächtnisstätte des Preungesheimer Gefängnisses in Frankfurt am Main, an der Stelle, an der die Guillotine stand, mit der Hunderte Antifaschisten enthauptet wurden, stehen die Worte der Schriftstellerin Ricarda Huch: »Ihr, die das Leben gabt für des Volkes Freiheit und Ehre. Nicht erhob sich das Volk, euch Freiheit und Leben zu retten.« Ich füge hinzu: auch nicht als Millionen deutsche Soldaten fielen, die deutschen Städte sich in Trümmerlandschaften verwandelten mit Hunderttausenden Toten. 

Das Erlebnis, wie ich es im Aufstand der Pariser Bevölkerung haben konnte, dann inmitten von zwei Millionen jubelnden, sich gegenseitig umarmenden Menschen, die Paris selbst befreit haben, und auch später inmitten des Aufstandes der norditalienischen Bevölkerung, dieses Erlebnis gab es nicht in Deutschland. Der 8. Mai vor 60 Jahren, Deutschland und Europa vom Nazifaschismus befreit, die menschliche Zivilisation gerettet, das Morgenrot der Menschheit, dieser Jubel, der an diesem Tag ganz Europa, ja, fast die ganze Welt erfasste, den gab es in Deutschland nicht. Wenn auch die deutsche Bevölkerung das Kriegsende so sehr herbeisehnte, sie empfand es nicht als Befreiung. 

Errettet, erlöst, befreit, dieses Glück empfanden nur die Überlebenden des Widerstandes, der Nazikerker, der KZ, die im Exil überlebten; schließlich alle, die im Innern Gegner des Naziregimes blieben. Als ich anlässlich des 60. Jahrestages der Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 auf Einladung von Frankreichs Präsidenten Jacques Chirac an der deutsch-französischen Begegnung in Anwesenheit des Bundeskanzlers Gerhard Schröder teilnahm, kam ich ins Gespräch mit ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht, die der Bundeskanzler mitgenommen hatte. Als ich ihnen sagte, ich bin hier in Vertretung von Deutschen, die an der Seite der Résistance kämpften, sagten sie mir: Da haben sie gegen Deutschland gekämpft. Als ich antwortete: Wir haben dazu beigetragen, Frankreich von der Hitlerokkupation zu befreien. Zugleich war es für uns ein Kampf für Deutschland, Deutschland von Hitler und Krieg zu befreien. Dann kam wortwörtlich die Entgegnung: Wir wollten ja nicht befreit sein. 

Tatsächlich: Sie wollten nicht befreit sein. Damals hatten sie wohl aufgeatmet, endlich Friede. Doch als Befreiung war es nicht wahrgenommen worden, sondern als Katastrophe, als Zusammenbruch, besiegt zu sein, den Krieg verloren zu haben, die Niederlage des Nazireichs empfanden sie als ihre Niederlage. 

Heutiger AntikommunismusSo war dann der reibungslose Übergang vom »Dritten Reich« in die Bundesrepublik möglich. Ehemalige hohe Funktionäre, die ihre Fähigkeiten dem »Führer« und der SS zur Verfügung gestellt hatten, bekamen in die höchsten Posten. Der von Hitler propagierte Antikommunismus wurde ebenfalls zur Staatsdoktrin gemacht, allerdings ohne Antisemitismus. Wohl nicht mehr der Judäo-Bolschewismus, nur noch der Bolschewismus war die Bedrohung. Dies erklärt, warum wie in keinem anderen Land auf der Erde, hier der Antikommunismus so tief verankert ist, so dass er latent und alltäglich in Westdeutschland die dominierende Mentalität blieb. Er formierte die politische Mitte, was den braunen Sumpf Urständ feiern lässt. Während in allen anderen Ländern die Kommunisten als die Patrioten ihres Landes gelten, haftet den Kommunisten in diesem Land der Geruch des Landesverrates an, weil sie auf der Seite des Siegers gestanden haben. 

Lassen wir nicht in Vergessenheit geraten, die KPD vor 1933 war die einzige Partei, die am klarsten die drohende Gefahr des Faschismus einschätzte und den Zusammenhang von Faschismus und Krieg herstellte. In meiner Erinnerung lebt, wie ich als Jungkommunist mithalf, mit Flugblättern, mit großen Lettern an den Wänden zu warnen: »Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!« und »Hitler bedeutet Krieg!«. In dem oft gesungenen Lied vom roten Wedding heißt es: »drohend stehen die Faschisten / drüben am Horizont«. 

Hatte doch der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann in den letzten Jahren der Weimarer Republik versucht, die verhängnisvolle »Sozialfaschismusthese« aus der Partei zu bringen und leidenschaftlich, jedoch vergeblich die Aktionseinheit mit den Sozialdemokraten angemahnt. Bei allen Irrungen und Fehlern – Irren und Fehler gehören zum Leben – wäre die Politik der KPD gefolgt, was wäre der eigenen Bevölkerung und der Welt erspart geblieben! 

 

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»Ihr müsst die Kirchen dabeihaben«  

Der Theologieprofessor Heinrich Fink über den Antifaschismus seines Freundes und Mitkämpfers Peter Gingold Mathias Meyers 

In: junge Welt online vom 08.03.2016 

 

Wann haben Sie Peter Gingold kennengelernt? 

Ich habe ihn nach 1990 kennengelernt. Wir sind uns vorher schon einige Male begegnet, hatten miteinander gesprochen. Ich habe immer gedacht: Was ist das nur für ein wunderbarer Mensch, und er hat so ein wunderbares Lächeln. Nach 1990 haben wir uns beide für die Zusammenarbeit und schließlich die Vereinigung der antifaschistischen Organisationen von West und Ost eingesetzt. Peter hat dabei mit seiner Autorität eine wichtige Rolle gespielt. Er mahnte uns alle zur Einheit und trat gegen die auf beiden Seiten existierenden Vorbehalte auf. Für mich war Peter ein Mahner – aus seiner eigenen Erfahrung heraus. 

Eine unserer letzten Begegnungen fand 2005 in Buchenwald statt. Es regnete und Peter fror. Auf dem Ettersberg bemerkte er mit leiser Stimme: »Wir frieren hier an einem kühlen Sommertag. Was müssen unsere Kameraden bei Frost, Schnee und bitterer Kälte beim stundenlangen Stehen auf dem Appellplatz gelitten haben.« Wir gingen in den Zellenbau. Dort blieb er vor der Zelle von Paul Schneider1 stehen und sagte: »Pfarrer Paul Schneider erinnert mich an ein Versagen unserer antifaschistischen Arbeit. 

Wenn wir Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre uns zusammengefunden, ein Bündnis aller Kritiker des Faschismus geschaffen hätten, dann hätten wir vielleicht die Machtübertragung an die Nazis verhindern können. Dass wir den Widerstand nicht koordinierten, das war unser großes Versäumnis.« Wir diskutierten die Gründe. Peter nannte den Antikommunismus, der tief im deutschen Volk verwurzelt war, als ein Hindernis für die Einheit. Er benannte aber auch Fehler seiner Partei. Vor der Todeszelle von Ernst Thälmann2 im KZ Buchenwald wiederholte er noch einmal sein Bedauern: »Warum haben sich Ernst Thälmann, Paul Schneider, Rudolf Breitscheid3 und Dietrich Bonhoeffer4 nicht vorher kennengelernt, warum hat die Kommunistische Partei keinen Kontakt zur Bekennenden Kirche gesucht?« Dieses folgenschwere Versäumnis hat sie dann alle vier in dieses KZ gebracht. 

Die Mahnung zur Einheit im heutigen antifaschistischen Kampf wiederholte er immer wieder in seinen Gesprächen mit Jugendlichen. Er leitete dabei seine Haltung aus seinen eigenen Erfahrungen ab – dadurch wirkte er auf so überzeugende und mobilisierende Weise. 

Was verschaffte Ihrer Meinung nach Peter Gingold die Autorität, von der Sie sprachen, wieso konnte er so mobilisierend wirken? 

Während unseres Aufenthalts in Buchenwald besuchten wir Jugendliche, die dort ein antifaschistisches Workcamp organisiert hatten und bei der Erhaltung der Gedenkstätte halfen. Peter berichtete ihnen von seiner antifaschistischen Arbeit in seiner kommunistischen Jugendgruppe, seiner ersten Verhaftung schon 1933, seiner Emigration nach Frankreich und der Fortsetzung des Kampfes als Mitglied der KPD im Exil. Ihm gelang es durch seine lebendige Art der Schilderung, den Jugendlichen seine eigenen Unsicherheiten, aber auch seine Entscheidungen und klaren Haltungen in allen Phasen seines Lebens zu vermitteln. Er erzählte von der starken Solidarität unter den Antifaschisten, und er berichtete von seiner Verhaftung, der im Gestapo-Gefängnis in Paris erlittenen Folter durch die Faschisten und von seiner wagemutigen, gelungenen Flucht. Wenn er von seiner Beteiligung am Aufstand zur Befreiung von Paris berichtete und vom 8. Mai 1945, dem Tag des Sieges über den Faschismus, den er mit italienischen Partisanen in Turin erlebte, wurde den Jugendlichen auch sein nächster Schritt erklärlich: sofort zurück nach Deutschland zu gehen und sich zusammen mit seiner Frau Ettie mit aller Kraft für ein neues, ein antifaschistisches und wirklich demokratisches Deutschland zu engagieren. 

Die erneute Verfolgung nach dem Verbot der KPD 1956, die zeitweise Aberkennung der Staatsbürgerschaft oder das Berufsverbot für ihre Tochter konnten Ettie und Peter nicht davon abhalten, ungebeugt und in fester Überzeugung ihren Kampf fortzusetzen. 

Peters Botschaft an die Jugendlichen lautete auch an diesem Tag in Buchenwald: Wir dürfen niemals resignieren! Wir müssen im Scheitern hoffen, dass wir die besseren Argumente haben und weiter kämpfen. Wir haben die Aufgabe, die Welt zu verändern. 

Peter Gingold beschreibt in der Rede das Phänomen, dass in allen Ländern Europas, die vom Faschismus befreit wurden, die Kommunisten nach der Befreiung eine gebührende Anerkennung für ihren Beitrag im antifaschistischen Kampf erfuhren. Nur in Westdeutschland nicht. 

Das ist sehr deutlich geworden, als Peter 2004 zum 60. Jahrestag der Landung der Westalliierten in der Normandie von der französischen Regierung eingeladen war. Er hat sich am Rande der Feierlichkeiten mit alten Kämpfern der Wehrmacht, die im Gefolge des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder anwesend waren, bekanntgemacht und ihnen von seiner Beteiligung am Kampf der Résistance gegen die deutsche Besatzung erzählt. 

Die Wehrmachtsveteranen, also die ehemaligen Besatzer, stellten dann, erstaunt über die Anwesenheit eines Widerstandskämpfers, fest: »Aber dann haben Sie ja gegen uns gekämpft?« Und Peter sagte dann: »Ja!« Das finde ich phantastisch. 

In der Bundesrepublik wurden die antifaschistischen Widerstandskämpfer, insbesondere die kommunistischen, von Beginn an an den Rand gedrängt. Sie galten als »Vaterlandsverräter«, und die alten Faschisten kamen vielfach wieder in die entscheidenden Positionen im Land. Nach dem KPD-Verbot wurden Kommunisten erneut zu Gefängnisstrafen verurteilt, teilweise von den gleichen Richtern, die während des Faschismus jeden Widerstand mit Haft, KZ und Tod bestraft hatten. Peter hat oft auf die Folgen des Antikommunismus hingewiesen, der in der BRD bruchlos übernommen wurde. 

Wozu würde Peter Gingold angesichts solcher Entwicklungen wie sie mit dem NSU und den Verbindungen staatlicher Organe zu militanten faschistischen Gruppen oder mit Pegida, AfD etc. sichtbar werden, heute raten?  

Wehrt euch! Wehrt euch dagegen und klärt auf! Die große Hoffnung, mit der Peter lebte, lautete: »Wider das Vergessen aufzuklären und Menschen zu überzeugen, dass es möglich ist, die Welt zu verändern«. Er jedenfalls hat Menschen mit seiner Kraft verändert, vielen immer wieder Mut gemacht. 

Wir sollen die Mahnung von Peter, die er immer hatte, so beherzigen, dass wir uns nicht in irgendeiner Weise beeindrucken lassen, von all dem, was diese Mahnung in Frage stellen könnte. Eine der wesentlichen Fragen für ihn war: Wie verbünden wir uns? Der Bündnischarakter des Antifaschismus war seine ständige Mahnung gewesen. Er hat z.B. immer bei Kampagnen für ein Verbot der NPD gesagt: »Ihr müsst die Kirchen dabeihaben. Es muss Unterschriften und Unterstützung etwa von Bischöfen geben«. 

Menschen anderer politischer Überzeugungen dazu zu bewegen, ihre antifaschistische Position für eine gemeinsame Forderung, in eine gemeinsame Bewegung einzubringen, ist Peter oft gut gelungen. Das war eine seiner Lehren, vielleicht seine wichtigste Lehre aus dem historischen antifaschistischen Widerstand. 

Peters Rede auf dem Parteitag der DKP ist daher sehr stark. Er konzentriert sich auf den Kern – auch was seine eigene Geschichte betrifft. Er sagt: Findet zu den Wurzeln des Kommunismus, zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zurück. Die müssen eure Beweggründe sein. 

Als wir am 11. November 2006 im Gewerkschaftshaus in Frankfurt am Main Abschied von Peter nahmen, war dies die Manifestation eines breiten Bündnisses von Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen und Juden, von autonomen und traditionellen Antifaschisten, von alten und jungen Kämpferinnen und Kämpfern gegen Rechtsentwicklung und Faschismus. Und alle waren sich einig, Peters Kampf fortzusetzen. 

Anmerkungen 

1 Paul Schneider, 1897–1939, Evangelischer Pfarrer und Gegner des Faschismus, Mitglied der Bekennenden Kirche, 1937–1939 Häftling im KZ Buchenwald, dort durch die Überdosis eines Herzmedikamentes vom Lagerarzt ermordet 

2 Ernst Thälmann, 1886–1944, ab 1925 Vorsitzender der KPD, im März 1933 verhaftet und nach mehr als elf Jahren Einzelhaft im August 1944 im KZ Buchenwald ermordet 

3 Rudolf Breitscheid, 1874–1944, SPD-Mitglied, vor 1933 zeitweise Vorsitzender der SPD-Reichstagsfraktion, ab Herbst 1943 Häftling im KZ Buchenwald, dort im August 1944 infolge eines alliierten Luftangriffs um Leben gekommen 

4 Dietrich Bonhoeffer, 1906–1945, Evangelischer Theologe, Vertreter der Bekennenden Kirche, aktiv im antifaschistischen Widerstand, im April 1943 verhaftet und am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg erhängt 

 

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