Armee des Friedens


 

Einmalige Herausforderung 

60 Jahre sind seit Gründung der Nationalen Volksarmee der DDR vergangen. Sie ist aufgelöst, aber nicht vergessen. Und ihre Existenz wirkt nach 

Klaus Fischer 

In: Armee des Friedens, Beilage der jW vom 24.02.2016 

 

Klaus Fischer ist Diplomökonom, arbeitet als Redakteur der Tageszeitung junge Welt und ist Reserveoffizier a. D. der DDR-Volksmarine 

Am 1. März 1956 wurde die Nationale Volksarmee gegründet. Auch wenn es 60 Jahre her ist und weder sie noch der Staat, den sie schützte, weiter existieren, ist dieses Datum Anlass, unsere Sicht der Dinge zu skizzieren. Denn diese Armee war etwas Besonderes. Nicht in Aussehen oder Bewaffnung. Anders war sie in ihrer Verfasstheit, dem Zweck ihres Daseins. Sie war eine Armee des Friedens. Zwar behaupten alle Streitkräfte und deren Lenker, dass sie ausschließlich diesem Ziel verpflichtet seien. Doch hinter den Phrasen stand und steht das, was Marxisten Klasseninteressen nennen. 

Die NVA war gebildet worden zum Schutz einer Idee, die als Staat konstituiert wurde. Einer der engsten Kampfgefährten von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht war dessen erster Präsident: der Tischler Wilhelm Pieck. Markenkern dieser Ordnung war, dass sie die entscheidenden gesellschaftlichen Produktionsmittel – Land, Fabriken, Werkstätten, Kohle- und Erzminen – vergesellschaftet hatte. Aus Privateigentum wurde Gemeineigentum, »aus Gutshöfen Waisenhäuser« (Reinhold Andert). Eine Revolution, ein frecher Akt der Herausforderung an das globale Kapital, dessen Eigner und Helfer. 

Diese Realität gewordene Idee, vor Roll-Back-Strategen und deren Streitkräften zu schützen, war Aufgabe der NVA, extrem defensiv und ungeheuer aufwendig. Im feindlichen »Brüder- und Schwesternland« sannen nicht nur die dort wieder in Amt und Würden gelangten Altnazis auf Vergeltung. Spätestens seit der Fulton-Rede von Britanniens Premier Winston Churchill 1946 war klar, dass es eine militärische Option gab, den entstehenden realen Sozialismus zu stoppen. Aber da war ja noch der »große Bruder«, die UdSSR. Nur unter ihrem Schutz hatte die DDR entstehen können. Später sollte der Dichter Peter Hacks schreiben: »Die Sowjetmacht, sie schenkte uns das Leben. Sie hat uns auch den Todesstoß gegeben.« 

Dieser frühen Protektion verdanken auch die NVA und deren Vorgängerin, die Kasernierte Volkspolizei, ihre Existenz. Bereits zu Beginn der 50er Jahre schien man im Westen die offene Attacke nicht als einzige Möglichkeit zu betrachten, dem »Gebilde« (wie Konrad Adenauer die DDR nannte) ein Ende zu bereiten. Die Sowjetunion, auch im Besitz von Wasserstoffbomben, konnte die Revanchegelüste der westlichen Herrscher und ihrer Auftraggeber in Palästen und Konzernzentralen zwar dämpfen, aber nicht unterdrücken. 

Was heute »farbige Revolution« genannt wird, waren damals »Volksaufstände« – erdacht und gelenkt von Geheimdiensten und deren Hilfstruppen, begünstigt und zum Teil mitverschuldet durch materielle Not oder Unzufriedenheit in den Staaten, in denen sie stattfanden. 1953 in der DDR und 1956 in Ungarn wurde versucht, diese Länder »zurückzuholen«, ohne den offenen Anschein einer Aggression. Es war schmerzhaft für uns, aber es scheiterte. 

1961 mussten die offenen Grenzen zum Westen geschlossen werden. Die DDR hätte den Exodus abgeworbener Fachkräfte nicht überstehen können. 1962 wurde die Wehrpflicht eingeführt. Leichte Jahre gab es in der 40jährigen Existenz dieses zukunftsorientierten Riesenprojekts auf deutschem Boden nicht. Auch weil der heiße Krieg immer drohte. Das fraß Ressourcen und Nerven, kostete auch Optimismus und ließ manchen ratlos zurück. Der Propaganda- und vor allem der Wirtschaftskrieg gegen die Republik wurde offen und mit gnadenloser Härte geführt. Es war letzterer, der den größten Anteil am Untergang hatte. Die NVA trifft keine Schuld daran. Und sie wird vermutlich noch lange in der Geschichte Bestand haben als jene deutschen Armee, die nie einen Krieg geführt und vor allem keinen begonnen hat. 

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Keine leichte Beute 

Ein Staat muss sich verteidigen können. Die NVA war Teil der militärischen Antwort auf die machtpolitische Herausforderung des Kapitalismus 

Ingo Höhmann 

In: Armee des Friedens, Beilage der jW vom 24.02.2016 

 

Ingo Höhmann ist Mitarbeiter im Verlag 8. Mai, in dem die junge Welt herausgegeben wird. Er war Berufsoffizier der NVA und Bataillonskommandeur. Sein letzter Dienstgrad war Oberstleutnant 

Staaten müssen ihren Schutz organisieren. Das traf in ganz besonderer Weise auf die des realen Sozialismus zu. Die Geschichte der Klassenkämpfe zeigt, dass dies auch eine militärische Komponente hat. Die 1949 gegründete DDR war nicht irgendein Staat. Hier lag erstmals in der deutschen Geschichte die politische und wirtschaftliche Macht in den Händen von Kommunisten und deren Verbündeten. Deshalb wurde dem Schutz des Landes und seines Eigentums von Anfang an große Aufmerksamkeit gewidmet. Im Rahmen des Warschauer Vertragsbündnisses wurde ein umfassendes System der Landesverteidigung der DDR geschaffen; die Nationale Volksarmee (NVA) war deren wichtigster Teil. 

Die Bedrohung seitens der NATO war real. Pläne, Kampfbestand, Einsatzgrundsätze und damit die Möglichkeiten ihrer Streitkräfte zur Aggression waren bekannt. Auch damals führten NATO-Staaten in anderen Teilen der Welt Aggressionskriege. Feindbilder brauchten für die Sowjetarmee und deren Verbündete nicht kreiert zu werden, dafür sorgte der Gegner selbst. 

Eine militärische Auseinandersetzung mit dem Warschauer Vertrag wäre nicht auf Europa beschränkt geblieben. Hier standen sich jedoch die größten Kräftegruppierungen beider Seiten gegenüber. Pläne und Einsatzkonzepte änderten sich im Laufe der Zeit, ebenso die Lage. Die Karte (Bild) zeigt die Einschätzung der militärischen Lage durch das Vereinte Oberkommando für die 80er Jahre. 

Die Abwehr eines Angriffs auf das Territorium der DDR, das war in erster Linie Aufgabe von Soldaten der Sowjetarmee und der NVA. Analysen des Kampfbestands und der Standortverteilung des Gegners sowie der Beschaffenheit des Geländes ergaben, dass bei einer solchen Attacke der NATO-Truppen ein Vorstoß in fünf Richtungen zu erwarten war: auf die Küste, auf Berlin, Magdeburg, Leipzig und Dresden. 

Der westliche Militärpakt konnte gegen die DDR mehr als 40 Divisionen und 2.500 Kampfflugzeuge einsetzen. Panzer und mechanisierte Verbände bildeten den überwiegenden Teil der Truppen (eine NATO-Division umfasste etwa 15.000 bis 20.000 Mann). 

»1. Front« als Prellbock 

Zur militärischen Verteidigung des Territoriums der DDR wurde die »1. Front« geplant und trainiert. Diese umfasste sieben Armeen, davon fünf sowjetische und zwei der NVA. Eine Armee (als operativer Verband) bestand aus drei bis vier Divisionen, meist zusammengesetzt aus motorisierten Schützendivisionen (MSD) und Panzerdivisionen (PD). Eine MSD umfasste etwa 12.000 Soldaten, eine PD 9.000. Operativ sollte die 1. Front den angreifenden Gegner stellen, also ihn nach Möglichkeit stoppen. Zwei Armeen waren als Verstärkung in Reserve vorgesehen. 

Die Landstreitkräfte der NVA bestanden im Frieden aus vier motorisierten Schützen- und zwei Panzerdivisionen. Im Verteidigungsfall sollten fünf mobilgemachte Verbände hinzukommen – diese bildeten laut Plan die 3. und 5. Armee. Die 5. Armee hatte dann die Verteidigung in Küstenrichtung auszubauen. Ihr wäre zusätzlich eine sowjetische Gardeschützendivison unterstellt worden. Die 3. Armee sollte die Dresdner Richtung mit einem Bestand von vier NVA-Divisionen verteidigen. Die 1. Gardepanzerarmee und die 2. Panzerarmee der Sowjetarmee hätten jeweils eine NVA-Division zugeordnet bekommen. Westberlin und die dort stationierten NATO-Kräfte sollten durch die 1. MSD und die Grenzbrigade »13. August« blockiert werden. 

Der operative Aufbau der 1. Front, ausgelegt als strategische Verteidigung, sollte etwa vier Tage vor dem wahrscheinlichen Aggressionsbeginn abgeschlossen sein. Die Truppen der 1. Staffel mussten in der Lage sein, einen zahlenmäßig dreifach überlegenen Gegner abzuwehren und ihm maximale Verluste beizubringen. Im Falle des gegnerischen Durchbruchs wären die 3. und 4. Front in Aktion getreten. 

Fronten, Armeen, Divisionen, Regimenter, Bataillone, Kompanien, Züge und Gruppen – das alles sind Soldaten mit entsprechenden Waffen und Ausrüstungen. Deren Stellungen und Verteidigungsräume wurden auf dem Territorium stützpunktartig in Breite und Tiefe angelegt. Sie mussten eine gute Feuerführung und den Schutz der Truppen vor Luft-und Artillerieangriffen gewährleisten und wurden im wesentlichen mit Infanterie besetzt. Die Infanterie (motorisierte Schützen, Panzergrenadiere) ist die grundlegende Waffengattung der Landstreitkräfte. 

Was hätte das konkret bedeutet? Die Gruppe, kleinste taktische Einheit, verteidigte eine Stellung von bis zu 100 Metern Breite. Sie bestand aus sieben Schützen, einem Schützenpanzer mit Fahrer und einem Richtschützen. Der Zug (drei Gruppen) sicherte einen Zugstützpunkt von 400 Meter Breite und 300 Meter Tiefe. Drei solcher Stützpunkte bildeten den Kompaniestützpunkt (1.500 mal 1.000 Meter). Sechs Offiziere, 25 Unteroffiziere und 70 Soldaten ergaben eine Motorisierte Schützenkompanie. Als Hauptbewaffnung galten die Turmwaffen der zehn Schützenpanzer. Die Kompanie führte dazu neun Panzerbüchsen (RPG-7), 18 leichte Maschinengewehre und ca. 40 Sturmgewehre AK-47 bzw. AK-74 (»Kalaschnikow). Von diesen Soldaten wurde erwartet, dass sie den Angriff eines Panzerbataillons (ca. 40 Panzer) oder eines Infanteriebataillons, verstärkt mit Panzern, abwehren konnten. 

Aufgabe war das Halten des Kompaniestützpunktes und die Verhinderung eines Durchbruchs, festgeschrieben im Gefechtsbefehl. Angenommen wurde, dass die NATO-Aggression in der Regel mit einer einstündigen Artillerie- und Luftvorbereitung beginnt. Unter diesem Schutz hätten sich die gepanzerten Kräfte des Angreifers genähert, zunächst in Kolonnen, ab 1.000 Metern Entfernung in Gefechtsordnung. Wäre der Gegner 4.000 Meter entfernt gewesen, hätte die Bekämpfung mit Panzerabwehrlenkraketen aufgenommen werden können, ab 1.500 Meter Abstand sollte die Turmbewaffnung der Schützenpanzer eingesetzt werden. Ziel war es, durch ein starkes Panzerabwehrfeuer die sich in den gepanzerten Fahrzeugen befindliche Infanterie zum Absitzen zu zwingen. Bei einer Fortsetzung des Angriffes wären die leichten Maschinengewehre und AK-47 zum Einsatz gekommen. Bei Angreifern ab 400 Meter vor der eigenen Verteidigung begann in der Planung dichtes Feuer aller Waffen. Im ungünstigsten Fall hatte demnach eine MSK mit 50 Gefechtsfahrzeugen und 450 bis 500 Infanteristen vor ihren Stellungen zu rechnen, die es aufzuhalten galt. Dieses Höllenszenario soll verdeutlichen, was von Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren verlangt wurde. In einer Schützenkompanie war keiner älter als 25 Jahre. 

Permanent gefechtsbereit 

Natürlich konnten Armeen nicht ständig eingegraben im Gelände warten. Einheitlich war im Bündnis ein mehrstufiges System der Gefechtsbereitschaft geregelt. Es gab die ständige Gefechtsbereitschaft (SG), die erhöhte (EG), die bei Kriegsgefahr (GK) und die volle Gefechtsbereitschaft (VG). Welcher Zustand mit Auslösung einer der Stufen erreicht werden sollte, war jedem Armeeangehörigen für seine Dienststellung bekannt. 

Die SG war permanent und Bestandteil des normalen Dienst- und Ausbildungsbetriebes. Es wurde eine 85prozentige Anwesenheit des Personalbestandes der Einheiten verlangt. Das Verlassen der Objekte der ständigen Standortverteilung hatte, bei Auslösung von GK, innerhalb von 40 Minuten zu erfolgen. Jeden Tag hatte im Rahmen der Kompanie die »Gefechtseinteilung« zu erfolgen. Das sind nur einige Maßnahmen, die täglich unter dem Bereitschaftsbegriff zu realisieren waren. Denn es galt: Ein 22. Juni 1941 (Angriff der Naziwehrmacht auf die UdSSR) sollte sich nicht wiederholen. 

Moderne Bewaffnung, ausgeklügelte Pläne, perfekte Organisation. Was fehlt? Das Wichtigste. »In jedem Krieg hängt der Sieg in letzter Instanz vom Kampfgeist der Massen ab, die auf dem Schlachtfeld ihr Blut vergießen«, schrieb Lenin. Das galt auch für die NVA. 

Der Armeeangehörige war Bürger der DDR. Er unterlag ihren Gesetzen, hatte Rechte und Pflichten, war geprägt durch die Gesellschaft. Die Motivation im Dienst war durchaus unterschiedlich. Das Offizierskorps hatten zumeist ein drei- bis vierjähriges Studium an einer Offiziershochschule absolviert, danach erfolgte die Ernennung zum Leutnant. Hohe Berufsmotivation wurde vorausgesetzt und erwartet, und sie war vorhanden. Unteroffiziere auf Zeit dienten drei Jahre freiwillig. 

Hauptsächlich bestand die Armee aus Wehrpflichtigen, die einen 18monatigen Grundwehrdienst ableisten mussten. Hier war die Motivation ein Spiegelbild derjenigen in der Gesellschaft. Es lag keine Begeisterung vor. Dennoch, die Bereitschaft, »sein Ding schon zu machen« war bei der Mehrheit vorhanden. Die meisten Wehrpflichtigen waren interessiert, unmittelbar nach ihrer Facharbeiterausbildung oder ihrem Schulabschluss (Abitur) einberufen zu werden. Das deckte sich mit den Interessen der Armee, denn die 18- bis 19jährigen waren in der Regel unverheiratet. Sie waren physisch hoch belastbar. Sportunterricht und vormilitärische Ausbildung wirkten noch nach. Es galt, sie zu Kämpfern zu formen. 

Kasernenalltag 

Der Alltag einer motorisierten Schützenkompanie war in Dienstvorschriften geregelt. Für die Ausbildung gab es Programme. Reihenfolge und Abläufe verliefen nach didaktischen Grundsätzen. Die ersten vier Wochen erhielten die Wehrpflichtigen eine Grundausbildung. Es wurde Wert auf eine korrekte Ausführung aller Tätigkeiten gelegt. Bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten wurden bis zur Perfektion trainiert. Ab dem zweiten Monat begann die Gruppenausbildung. Ziel war die Herstellung der taktischen Geschlossenheit der Gruppe. Es folgte die des Zuges und dann der Kompanie. Schon war ein Ausbildungshalbjahr um. 

Höhepunkte der Gefechtsausbildung waren Truppenübungen ab Bataillonsstärke aufwärts. Sie dauerten in der Regel fünf Tage. Die physische und psychische Belastung war hier besonders hoch. Dauerstress, kein Schlaf, den Widrigkeiten des Wetters ausgesetzt. Die Anforderungen blieben ohne Abstriche. Es galt als Ausweis dafür, inwieweit die Einheit zu einer wahren Kampfgemeinschaft zusammengewachsen war. Die mit keiner Note zu bewertende »Kampfmoral« stand hier auf dem Prüfstand. 

Im Innendienst traten eigentlich die größten Probleme auf. Eine Kompanie belegte meist eine Etage in einem Gebäude. Dienstzimmer, Unterkünfte für rund 90 Männer, Lagerräume, Waffenkammer, sanitäre Einrichtungen, Kompanieklub, alles auf einer Flurlänge von etwa 50 Metern. 

Die Einhaltung des Tagesdienstablaufplanes war eine Notwendigkeit, um den auf engstem Raum lebenden Soldaten und Unteroffizieren ein geordnetes Dasein zu ermöglichen. Dazu gehörten peinlichste Ordnung und Sauberkeit. Die Arbeit der Vorgesetzten zur Durchsetzung einer stabilen inneren Ordnung war manchmal aufwendiger als die Gefechtsausbildung. Und sie war Ausgangspunkt zahlreicher Probleme. Es gab Verletzungen zwischenmenschlicher Beziehungen, die vielerorts von den Wehrpflichtigen gepflegte »EK-Kultur«* (»Entlassungskandidaten«) wirkte destruktiv auf Zusammenhalt und Kampfbereitschaft. Hier waren die Offiziere der Einheit gefragt. 

Fazit: Spätestens seit dem verlorenen Krieg in Vietnam war den NATO-Militärs klar, dass ein sozialistisches Land militärisch nicht zu besiegen ist. Nicht ein ominöses Gleichgewicht der Kräfte hat letztlich den Frieden in Europa erhalten, sondern die Tatsache, dass eine NATO-Aggression ein tödliches Risiko für den Angreifer geworden wäre. Es kann auch als Verdienst aller Angehörigen der NVA gelten, dass dem so war. 

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Verteidigungspflicht 

Fragen und Antworten zur Nationalen Volksarmee der DDR 

Uwe Markus 

In: Armee des Friedens, Beilage der jW vom 24.02.2016 

 

jW-Autor Dr. Uwe Markus war Oberleutnant in der Nationalen Volksarmee der DDR. Er diente im Panzerregiment 22 der 9. Panzerdivision. 

Die in vielen historischen Studien und in den Mainstreammedien präsentierten Urteile über die Armee der DDR orientieren sich zumeist am offiziösen Geschichtsbild der Bundesrepublik. Das soll mit verdecktem erzieherischen Anspruch insbesondere den Ostdeutschen vermittelt werden. Doch Bewertungen, die sich an den aktuellen ideologischen Prämissen politischer Akteure der heutigen Bundesrepublik orientieren, haben nichts mit Analyseergebnissen zu tun. Sie erzeugen ein Zerrbild der DDR-Geschichte – was durchaus beabsichtigt ist. Und so stellt sich auch heute noch die Frage nach dem Charakter dieser Truppe, danach, was die Armee im Kern ausmachte und welche Rolle sie in der Gesellschaft spielte. Die Beantwortung ist Teil der Auseinandersetzung um die Deutungshoheit über den Staat, den diese Armee schützte, die Deutsche Demokratische Republik. In dem Zusammenhang ist es hilfreich, den politischen Kontext jener Zeit zu berücksichtigen – vor allem die Entwicklung der DDR-Gesellschaft insgesamt und die wechselnden Herausforderungen infolge der Blockkonfrontation. 

Teil der Gesellschaft 

Ganz sicher ist: Diese Armee war kein Staat im Staate, wie das von gewerbsmäßigen »Aufarbeitern« mitunter dargestellt wird. Sie war integrierter Teil der Gesellschaft. Das galt besonders nach Einführung der Wehrpflicht im Jahr 1962. Die Streitkräfte der DDR waren – positiv wie negativ – ein Spiegelbild des Staates und der gesellschaftlichen Strukturen. Alle sozialstrukturellen Verschiebungen und alle Veränderungen der politischen Stimmung in der Bevölkerung bildeten sich in der NVA konzentriert ab. Solange eine Mehrheit der Bürger für den eigenen Staat eine Perspektive sah und das sozialistische System befürwortete, war auch in den bewaffneten Kräften die Akzeptanz hoch. Mit der allmählichen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und der seit Anfang der 80er Jahre festzustellenden Erosion des politischen Systems sanken auch in der Armee die Zustimmungswerte für die offizielle Politik. Das blieb nicht ohne Wirkungen für die Moral der Truppe und die politische Orientierung ihres Führungskorps. Schon in diesem Sinne war die NVA eine »Volksarmee« und keine elitär geprägte, von der übrigen Gesellschaft abgeschottete Interventions- oder Bürgerkriegstruppe. Genau dies war letztlich der Grund, weshalb die systematische Zerschlagung des Staates und seiner Armee durch die mit erschreckender Willfährigkeit gegenüber Bonn agierende letzte DDR-Regierung überhaupt möglich war. 

Ein souveräner Staat muss die Landesverteidigung gegen mögliche Angriffe von außen organisieren. Dies war allgemein akzeptiert – erklärtermaßen selbst von jenen Oppositionellen, die im Herbst des Jahres 1989 eine politische Erneuerung der DDR und des Sozialismus anstrebten. Daran mag sich mancher Wendepolitiker nicht mehr erinnern. 

Die Aufgabe der militärischen Sicherung des eigenen Landes und des Bündnisses machte – neben ihrer politischen Ausrichtung – im Kern die Identität und die Legitimation der Armee in der Gesellschaft aus. Das war für viele Soldaten – auch für jene im Grundwehrdienst – die Basis ihrer Dienstauffassung und politischen Haltung – jenseits der Politschulungen und Paraden. Mit der ausschließlichen Orientierung auf die Landesverteidigung unterscheidet sich diese klassische Wehrpflichtarmee deutlich von der heutigen, in diverse globale Interventionseinsätze verstrickten Bundeswehr. Die NVA hat im übrigen bis zu ihrer Auflösung mit dafür gesorgt, dass die Bundeswehr an der Trennlinie der Systeme gebunden war und als Hilfstruppe für Militäraktionen der Vereinigten Staaten außerhalb des NATO-Bündnisgebietes nicht zur Verfügung stand. 

Ständige Bereitschaft 

Auch die Mehrheit der Soldaten im Grundwehrdienst hat trotz aller Belastungen den Dienst mit Anstand absolviert, so wie sie ihre Pflicht am zivilen Arbeitsplatz erfüllt hat. Mehr kann ein Staat in Friedenszeiten von seinen Bürgern nicht verlangen. Der Wehrdienst war zwar eine lästige Zäsur, aber doch auch selbstverständlicher Bestandteil des Lebens als Staatsbürger. Er war Teil der individuellen Biographie, auch wenn die damit verbundenen Zwänge und Entbehrungen keine Begeisterung auslösten. Die Soldaten haben ihre militärischen Pflichten erfüllt. Sie taten das trotz oft mangelhafter Unterbringungs- und Verpflegungsbedingungen sowie karger Freizeitangebote in den Standorten. Sie taten es trotz der häufig nervtötenden Langeweile des Kasernenalltags und mancher Auswüchse der sogenannten EK-Bewegung*. Sie erfüllten ihre Pflichten unter den Bedingungen ständiger Gefechtsbereitschaft und ertrugen zähneknirschend die damit verbundenen negativen Konsequenzen für Ausgangs- und Urlaubsregelungen. Damit legitimierten sie zugleich den Staat DDR, der ihnen den militärischen Dienst abverlangen musste. Ohne dieses Pflichtethos der Wehrpflichtigen und Berufssoldaten, ohne ihr Engagement und die Bereitschaft zur Improvisation hätte die Armee im Alltag ihre Aufgaben nicht erfüllen können. Dazu konnte »Volksarmisten« niemand zwingen 

Die gesellschaftliche Einbindung bewirkte, dass die NVA weit mehr war als ein militärisches Machtinstrument: Sie war für Generationen junger Männer eine der wichtigsten Sozialisationsinstanzen. Junge Leute, die gerade die Lehre absolviert oder die Schulbank verlassen hatten, erfuhren hier prägende Eindrücke. Der Dienst in den Streitkräften hat trotz aller Widrigkeiten vielen Soldaten menschliche Reife vermittelt. Sie wurden häufig bis an die individuellen Leistungsgrenzen gefordert. Man lernte etwas über sich selbst und konnte sich beweisen. Das eigene Handeln, die subjektiven Entscheidungen in Extremsituationen waren für den einzelnen und die Truppe, der er angehörte, von Bedeutung. Das formte Charaktere. 

Die Volksarmee war zudem eine Organisation, wo jungen Leuten Verantwortung für Waffen, Kampftechnik und Menschen übertragen wurde. Der Staat hat ihnen damit eine große Last auferlegt und Vertrauen entgegengebracht. Das war ein nicht zu unterschätzender Motivationsfaktor, der die Bindung vor allem der Zeit- und Berufssoldaten an den Staat und das politische System gestärkt hat. Hinzu kam für viele junge Soldaten die oft unpolitische Faszination des Umgangs mit militärischer Technik oder die Tatsache, dass bestimmte Lebensträume nur in militärischen Berufen – etwa als Kampfpilot – zu realisieren waren. Das sind Gründe, warum Soldaten der NVA ihren Dienst im Rückblick in der Regel differenziert und fair bewerten und mit den heute üblichen Pauschalverdammungen dieser Armee wenig anfangen können. 

Als Koalitionsarmee war die NVA ein Garant für die Aufrechterhaltung des militärischen Gleichgewichts im Kalten Krieg. Dieser Beitrag zur Friedenssicherung wird von manchem Kritiker im Rückblick gerne ausgeblendet. Was der Bundeswehr zugebilligt wird – nämlich im Rahmen ihres Bündnisses durch Abschreckung einen Beitrag zur Verhinderung eines Krieges geleistet zu haben – möchte man der NVA nach wie vor absprechen. Hier wird aus ideologischen Gründen mit zweierlei Maß gemessen – ein Verfahren, das die damalige Realität ausblendet. Die DDR war ein Produkt der Auseinandersetzung zwischen den Machtblöcken, zwischen der UdSSR und den USA. Sie hat sich im Rahmen ihres Bündnisses den damit verbundenen Verpflichtungen nicht entziehen können und – oft widerstrebend – wachsende ökonomische und militärische Beiträge für die Bündnissicherheit erbracht. Das Ergebnis war eine hochmodern ausgerüstete, gut ausgebildete Streitmacht, die ihre primäre Aufgabe in der wirksamen militärischen Abschreckung eines potentiellen Angreifers sah. 

Diese Mission hat die NVA mit hoher Professionalität erfüllt. Dafür muss sich niemand entschuldigen. Und es ist in diesem Kontext völlig unerheblich, was aktuell von politisch interessierter Seite an herabwürdigenden und mitunter ehrabschneidenden Wertungen über diese Armee publiziert wird. Wer den Staat DDR delegitimieren will, kommt naturgemäß ohne Angriffe auf ihre Streitkräfte nicht aus. Doch dieser durchsichtige Ansatz (verkündet vom damaligen Bundesaußenminister und früheren Geheimdienstchef Klaus Kinkel, FDP) greift nicht, solange frühere NVA-Soldaten zu ihren Biographien stehen und ihre Lebenserfahrungen weitergeben. Dabei geht es nicht um eine nachträgliche Glorifizierung oder um einen Kult des Militärs, sondern um die Berücksichtigung der Bedingungen des Kalten Krieges. Es geht um die Akzeptanz der unter diesen Bedingungen erbrachten Lebensleistungen. Die Soldaten trugen mit ihrem Engagement dazu bei, dass der damals jederzeit mögliche finale nukleare Schlagabtausch der Militärblöcke nicht stattfand. Die Angehörigen der NVA, Wehrpflichtige, Unteroffiziere, Offiziere, Generale und Zivilbeschäftigte, haben einen Teil ihrer Lebenszeit dieser Aufgabe geopfert. Respekt dafür wird nicht ausgerechnet vom früheren Gegner erwartet. 

*(EK hieß Entlassungskandidat und begründete eine Hierarchie, die von den Soldaten im Grundwehrdienst selbst getragen und »organisiert« wurde. Einberufene begannen auf Druck der dienstälteren Wehrpflichtigen, die Tage bis zur Entlassung zu zählen. Diese »Bewegung« schuf zugleich drei »Klassen« unter den Grundwehrdienst leistenden Soldaten, die weitgehend mit den drei Diensthalbjahren identisch waren. In der Praxis war das – je nach Standort variierend – mit erheblichen Diskriminierungen, wie diversen Schikanen, unnötigen Zusatzdiensten und verpflichtender Unterwerfung unter die vermeintlich Klassenhöheren verbunden. Es störte vor allem den Zusammenhalt der Truppe. jW). 

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Aufgelöst, nicht vergessen 

Die Legende von der Bundeswehr als »Armee der Einheit«: Was wurde tatsächlich aus der NVA? 

Siegfried R. Krebs 

In: Armee des Friedens, Beilage der jW vom 24.02.2016 

 

Bernd Biedermann et al.: Was wurde tatsächlich aus der NVA – Insider blicken zurück. Berlin 2016, 40 S., brosch., 5,00 Euro. Bezug über: info@vtnvagt.de 

Die jW dankt für die Nachdruckerlaubnis dieses Beitrags (mit leichten Veränderungen), er erschien unter www.freigeist-weimar.de am 7.2.2016 

Im TV-Format »Geschichte im Ersten« sendete die ARD am 2. November 2015 eine Dokumentation mit dem Titel »Was wurde aus der NVA?« Darin wollten nach eigenem Bekunden ihre Macher der Frage nachgehen, was mit dem von der Bundeswehr übernommenen »riesigen Waffenarsenal, mit Munition und Ausrüstung der ostdeutschen Warschauer-Pakt-Armee nach dem 3. Oktober 1990 passierte«. Ehemalige Berufsoffiziere der Nationalen Volksarmee fanden dies unzureichend. Sie gaben eine Broschüre heraus, Titel: »Was wurde tatsächlich aus der NVA?« Diese soll hier besprochen werden. 

NVA-Oberst a. D. Bernd Biedermann schreibt: »Während man einer ganzen Reihe von Vertretern der Bundeswehr, die in den Prozess der Auflösung der NVA einbezogen waren, ausgiebig Gelegenheit gab, sich zu äußern, ließ man nicht einen einzigen militärischen Repräsentanten der NVA zu Wort kommen. Allein daran wird das Dilemma der bundesdeutschen Medien deutlich. Aber die Sendung offenbarte noch andere Lücken. (…) Der aufmerksame Zuschauer fragte sich vor allem, warum nicht zuerst der Frage nachgegangen wurde ›Was wurde aus dem Personal der NVA?‹« (S. 5–6) 

Siegermentalität 

Die Fernsehdokumentation war wohl der letzte Anlass für Biedermann und weitere frühere Offiziere, mit Blick auf den bevorstehenden 60. Jahrestag der offiziellen NVA-Gründung am 1. März selbst eine Dokumentation herauszugeben. In deren Titel liegt die Betonung auf »tatsächlich«. 

Warum dies notwendig schien, machen die Autoren gleich am Anfang der Broschüre deutlich: »In den vergangenen Jahren hat es nicht an Versuchen gefehlt, die erste deutsche Armee zu diskreditieren, die zu keiner Zeit an einem Krieg oder einer Intervention beteiligt war und die ihren Verfassungsauftrag bis zuletzt in Ehren erfüllt hat. In den Medien und in einem Teil der Literatur wird die NVA so dargestellt, wie es in die derzeitige Geschichtsschreibung passt. Das darf nicht verwundern, halten sich vermeintliche Sieger doch gewöhnlich für gerecht und tadelsfrei. Die Geschichte lehrt: Sie sind es nicht.« (S. 4) 

Subjekte der Geschichte 

In der Dokumentation gehen die Autoren daher nach dem Auflisten von »Fakten zum Thema« vor allem drei Fragen nach und versuchen, konkrete Antworten zu finden: Was wurde aus den Menschen, die in der NVA gedient hatten? Was wurde aus den Einheiten, Truppenteilen und Verbänden? Was wurde aus der Bewaffnung und Ausrüstung, was aus den Einrichtungen und Immobilien? 

Die Daten zum Personal der Armee und zum Verbleib der rund 50.000 Berufs- und Zeitsoldaten nach dem 3. Oktober 1990 sind weitgehend bekannt. Auf sie soll hier nicht weiter eingegangen werden. Dafür bietet die Broschüre auch Informationen, die der Öffentlichkeit kaum bekannt sein dürften. Beispielsweise: »wie verfuhr man mit den über 160 Generalen und Admiralen der NVA?« 

In der Publikation heißt es dazu: »Laut einem Plan A sollten zunächst 56 Generale und Admirale (in die Bundeswehr) übernommen werden. Für den Fall, dass dieser Plan abgelehnt wird, war ein Plan B vorgesehen, wonach mindestens 24 Generale und Admirale zu übernehmen wären.« Doch daraus wurde bekanntlich nichts. »Auf einer Kabinettssitzung der Koalition aus CDU/CSU und FDP lehnte Hans-Dietrich Genscher (FDP) als Vizekanzler die Übernahme auch nur eines einzigen Generals entschieden ab.« (S. 8–10) 

Offiziere im Generals- bzw. Admiralsrang bilden zahlenmäßig eine nur sehr kleine Gruppe. Wesentlich interessanter dürfte sein, was aus den übernommenen rund 6.000 Offizieren und 11.000 Unteroffizieren wurde, von denen im April 1994 noch etwa 8.500 und im Juni 1999 noch etwa 4.200 Dienst in der Bundeswehr taten. 

Keine »Armee der Einheit« 

»Für diejenigen, die den aktiven Dienst zunächst als Soldat auf Zeit in der Bundeswehr fortsetzten, ergaben sich eine Reihe unangenehmer Realitäten«, schreibt Biedermann zurückhaltend. »Viele mussten eine Herabsetzung im Dienstgrad hinnehmen, mancher sogar um zwei Stufen. Wegen der permanenten Strukturänderungen und häufiger Standortwechsel blieb die Ungewissheit ständiger Begleiter. Zudem fühlte man sich wie ein Soldat zweiter Klasse. Nur in Ausnahmefällen erhielten sie ein selbständiges Kommando«, heißt es weiter. Doch der Eindruck, dass die übernommene Anzahl der meist jüngeren Offiziere und Unteroffiziere politischen Erwägungen geschuldet war, täuscht wohl. »Dass es nach der Vereinigung einige Elemente einer ›Armee der Einheit‹ gab, lag vor allem daran, dass die Bundeswehr mit dem umfangreichen Erbe der NVA gar nicht umgehen konnte. Um die Technik, die Führungselemente und Einrichtungen nutzen zu können, brauchte man diejenigen, die sie bedienen konnten.« 

Fakt ist, dass die NVA mit Wirkung vom 2. Oktober 1990 aufgelöst wurde. Ihre militärische Führung war bereits vorher komplett entlassen worden (unter politischer Verantwortung des letzten DDR-»Ministers für Verteidigung und Abrüstung« sowie früheren protestantischen Pfarrers Rainer Eppelmann; jW). »Die Übernahme ehemaliger Offiziere und Berufsunteroffiziere der NVA in die Bundeswehr entsprach kaum jenen Gepflogenheiten, die man zwischen vermeintlich gleichberechtigten Partnern erwarten kann. Alle militärischen Bestimmungen, Dienstvorschriften etc. einschließlich des Ausbildungssystems der Bundeswehr behielten ihre Gültigkeit. Alle Traditionen der Nationalen Volksarmee und erkennbare Bezüge zu ihrer Geschichte wurden über Bord geworfen, waren politisch nicht gewollt.« (S. 12–14) 

Es gibt eine Ausnahme: Mit Gert Gawellek (geb. 1959), der als erster und bis dato einziger früherer NVA-Offizier hochrangige Kommandoposten erhielt und im Januar 2014 sogar Brigadegeneral (»Ein-Stern-General«) wurde. Es wäre interessant zu wissen, warum man ausgerechnet diesen Mann ausgewählt hat (und ihn 2015 zum Militärattaché in Moskau machen wollte, wo er als NVA-Offizier einst an der Frunse-Militärakademie studiert haben soll. Dummerweise erteilte die Regierung Russlands kein Visum für den früheren KSK-Kommandeur mit Afghanistan-Erfahrungen, so dass er zu Hause bleiben musste. jW

Enorme Beute 

Auf die Frage, was aus den Einheiten, Truppenteilen und Verbänden wurde, soll hier nicht weiter eingegangen werden. Auch nicht auf die nach dem Verbleib von Bewaffnung, Ausrüstung und Immobilien. Zur Beantwortung der letzteren haben Biedermann und Mitarbeiter in der Broschüre eine Vielzahl von Daten zusammengetragen. Gerade diese sollte man sich immer wieder vor Augen führen und selbst weitergehende Fragen stellen. Beispielsweise heißt es da: »Zu vergeben waren 138.000 Hektar militärisch genutzter Flächen, bebaut u. a. mit Kasernen und 66.000 NVA-eigenen Wohnungen. Das Gesamtvermögen der NVA wurde damals von Wirtschaftsexperten mit zirka 200 Milliarden DM bewertet.« 

Aber wie verwertet man das Material einer ganzen Armee? Das war eine spannende Frage. Was faktisch geschah, wurde bis heute nie exakt untersucht – dafür aber in den Medien beliebig verzerrt dargestellt. Grundsätzlich: »Es war Beutegut, und so wurde damit verfahren. Es ging dabei kaum ums Geld, sondern eher um Zeit und schnelles Vergessen. Kenntnisse gewinnen, bereinigen und auslöschen.« (S. 23) Die Autoren listen dann Waffen- und Technikexporte in mehr als 60 Länder der Erde auf und stützen sich auf Informationen, die öffentlich zugänglichen Quellen entnommen werden konnten. Jeder mag auch die wenigen Zahlen und Daten im Kurzkapitel »Die Rechnung« nachlesen, zu deren Bilanz Biedermann nur anmerkt: »Ein Narr, der Böses dabei denkt.« (S. 31) 

Doch wie wird heute das Vermächtnis der NVA bewahrt? Dazu heißt es in der Broschüre u. a.: »Allen Bemühungen zum Trotz ist es nach 1990 nicht gelungen, das Erbe der NVA zu zerstören«. An Versuchen habe es nicht gemangelt. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) beanspruchte den Autoren zufolge zeitweilig die Deutungshoheit, wenn es um die Geschichte der Nationalen Volksarmee ging. Das konnte man trotz eines großen personellen und finanziellen Aufwandes nicht einmal annähernd erreichen. Die zahlreichen Auftragswerke von diversen Historikern liegen seit geraumer Zeit als Ladenhüter in den Buchläden.« 

Dagegen erfreuen sich offenbar andere Texte, die von ehemaligen Angehörigen der NVA veröffentlicht wurden, einer regen Nachfrage. »Man kann mit Fug und Recht feststellen, dass wir unsere Geschichte maßgeblich selbst geschrieben haben. Aber das Schriftgut ist nur die eine Seite. Die andere, ebenso wichtige Seite ist die gelebte Tradition unserer Armee.« (S. 32) 

Das Büchlein von Biedermann und Genossen ist dünn. Doch seine 40 Seiten kommen zur richtigen Zeit. Nicht aus nostalgischen Gründen, sondern vielmehr als ein Beitrag im Ringen um den Erhalt des Friedens. Und wer könnte sich da kompetenter äußern als die ehemaligen Berufsmilitärs der einzigen deutschen Armee, die keine Angriffskriege geführt, sondern sich dem Erhalt des Friedens verschrieben hatte. Siehe dazu auch den Aufruf »Soldaten für den Frieden« (http://kurzlink.de/SoldatenfuerFrieden) 

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Meine Truppe 

Die NVA war Teil des Lebens. Erlebnisse in und mit einer anderen Armee 

Peter Rau 

In: Armee des Friedens, Beilage der jW vom 24.02.2016 

 

Peter Rau ist Diplomjournalist und Kapitänleutnant der Reserve. Er arbeitete von 1966 bis 2015 als Redakteur der jW 

Aus heutiger Sicht ist es zu verschmerzen, dass aus meinem einstigen Berufswunsch nichts wurde: Offizier der NVA. Es wäre nicht so toll gewesen, von den »Siegern« als »gedient in fremden Streitkräften« entlassen und abqualifiziert zu werden, wie es Zigtausenden ergangen ist. 1962 sah das noch ganz anders aus. 

Schon vor dem Abitur 1962 hatte ich mich verpflichtet, einen militärischen Beruf zu ergreifen. Die Seestreitkräfte sollten es sein, die 1960 den Namen »Volksmarine« erhalten hatten. An deren Offiziersschule in Stralsund wurde meine Bewerbung nicht angenommen. Zu den motorisierten Schützen hätte ich ja gehen dürfen, doch ich wollte zur See fahren. So begann ich im Spätherbst 1962 an der Flottenschule Parow eine Ausbildung zum Unteroffizier, unterschrieb die Verpflichtung für wenigstens vier Dienstjahre. Ein Jahr später wurde ich als Maat zur Grenzbrigade Küste versetzt. 

Dieser Verband, nach dem 13. August 1961 aus der Grenzpolizei See hervorgegangen, unterstand operativ der Volksmarine. Ihre seinerzeit etwa 2.000 Angehörigen hatten den Schutz der rund 300 Kilometer langen Seegrenze zu gewährleisten. Wie ihr späterer Kommandeur, Konteradmiral Herbert Städtke, glaubhaft bestätigte, »ist kein Fall bekannt, dass Grenzverletzer durch Schusswaffengebrauch von Angehörigen der 6. Grenzbrigade verletzt oder gar getötet wurden«. Auf See war ohnehin das Feuer »auf Schwimmittel nutzende Personen grundsätzlich verboten«. Die Besatzungen waren angewiesen, diese Personen zu bergen. Wenn es Tote gab, so fielen diese der See oder der Kälte und meist der eigenen maritimen Unkenntnis zum Opfer. 

An der Grenze 

In Tarnewitz an der Wismarer Bucht war eine Grenzbootsabteilung stationiert. Dort wurde ich als Obersteuermann auf dem Küstenschutzboot G 86 eingesetzt. Dessen Besatzung zählte damals knapp 20 Mann. Im Wechsel mit den anderen Booten oblag uns der Schutz der Hoheitsgewässer in diesem – oder auch einem anderen jeweils zugewiesenen – Abschnitt der Seegrenze. So kam es wiederholt zu Einsätzen auch in Seegebieten vor Warnemünde oder dem Darß. Wenigstens zwei solcher Ereignisse sind mir im Bewusstsein geblieben. Zum einen war das die abenteuerlich anmutende nächtliche Verfolgung vermutlicher Grenzverletzer. Die hatten bei Prerow ein Rettungsboot des Roten Kreuzes gekapert und sich damit auf den Weg Richtung Dänemark gemacht. Die Information löste eine entsprechende Fahndung aus, in die wir eingebunden waren. Es gelang, die Flüchtenden zu orten, aufzuspüren und schließlich an Bord zu nehmen. Diese – zwei junge, kaum 18 Jahre alte Binnenländer – hatten ihren abenteuerlichen Fluchtversuch längst bereut und waren froh, in der verregneten Nacht mit bewegter See wieder im Trockenen sitzen zu dürfen. Was weiter mit ihnen geschah, entzog sich unserer Kenntnis. 

Die zweite Begebenheit trug sich nordöstlich von Warnemünde innerhalb der Hoheitsgewässer (Dreimeilenzone) zu. Dort gehörte ich zu einem Prisenkommando, das an Bord eines ausländischen Frachtschiffes ging, welches zuvor havariert war und auf unsere entsprechenden Anfragen nicht reagiert hatte. Die Zustände an Bord des Frachters waren, vom kaum vorhandenen Kartenmaterial bis zum fehlenden Gerät zur sachgerechten Navigation, desaströs zu nennen. Etwa so, wie man sich einen sprichwörtlichen »Seelenverkäufer« vorstellt. Da wir zur Behebung des Schadens nicht beitragen konnten, musste ein Bergungsunternehmen zu Hilfe kommen. Uns blieb nichts, als die Besatzung den damit verbundenen Kosten und ihrem Schicksal zu überlassen. 

Der NVA weiter verbunden 

Vor dem Ende meiner Dienstzeit hatte ich mich beruflich für ein Journalistikstudium entschieden. So wechselte ich das Metier und begann eine Volontärsausbildung bei der in Berlin herausgegebenen Tageszeitung junge Welt, ohne dabei die Vergangenheit gänzlich abstreifen zu können. Im Grunde wollte ich das auch nicht. Nach dem Studium an der Leipziger »Karl-Marx-Universität« habe ich nach 1974 wiederholt auch militärpolitische Themen bearbeitet. Zu diesem Zweck konnte ich diverse Standorte der NVA sowie der Grenztruppen besuchen. Der Weg dorthin führte meist über die Presseabteilung des Verteidigungsministeriums, die diese Reisen genehmigte und ihre Resultate – sowohl Texte als auch Fotos – aus Gründen der gebotenen, wenn auch meist übertriebenen Geheimhaltung begutachtete. 

Gegenstand der Berichterstattung waren in erster Linie Impressionen vom Soldatenalltag bis hin zur Pflege der revolutionären Traditionen, auf die die Truppe eingeschworen war. All das vollzog sich fernab jeglichen militaristischen Geistes, den uns die »andere Seite« immer wieder unterstellte. Aber auch Motive und Beweggründe der nach der Einführung der Wehrpflicht im Jahr 1962 freiwillig Längerdienenden bis hin zu den Berufssoldaten spielten eine Rolle, ebenso Fragen der Verbundenheit der Armeeangehörigen mit der Bevölkerung. Dutzende Reportagen, Porträts, Kommentare und Interviews auch aus meiner Feder waren von diesen Themen geprägt. 

Manche Überschriften von damals sind mir noch immer präsent. »Ein Dorf und seine Grenzer« (1. Dezember 1978), »Wort gegeben – Wort gehalten. Nun gilt es als Berufssoldat« vom 5. September 1980 oder die Serie »Grüße an die Soldaten des Volkes« zum 25. NVA-Jubiläum im Jahr 1981 bzw. »Brandenburg – Streiflichter einer Garnisonsstadt« vom 1. März 1986 seien als Beispiele genannt. Auch die Interviews mit hohen Militärs wie Generaloberst Wolfgang Reinhold, Chef der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung, und Admiral Wilhelm Ehm, Chef der Volksmarine, gehören dazu. Unvergessen bleibt das Gespräch, das ich mit dem langjährigen Verteidigungsminister, Armeegeneral Heinz Hoffmann, über ganze zwei Zeitungsseiten führen konnte. Auch Sigmund Jähn, der Fliegerkosmonaut der DDR, stand mir Rede und Antwort, ebenso wie in der zweiten Hälfte der 80er Jahre der spätere Generalmajor Peter Herrich, der unmittelbar in die laufenden Abrüstungsverhandlungen eingebunden war. 

Zwischenzeitlich war ich zu Beginn der 80er Jahre selbst Reserveoffizier geworden. Während eines Lehrgangs in einem NVA-Truppenteil bei Magdeburg wurde ich mit anderen als Zugführer (Motorisierte Schützen) ausgebildet, anschließend zum Leutnant der Reserve ernannt. Einige Jahre später kam die Beförderung zum Oberleutnant d. R. Im Januar 1988 folgte ein zweiter Lehrgang, diesmal an der Militärpolitischen Hochschule »Wilhelm Pieck« in Berlin. Gemeinsam mit anderen Militärjournalisten wurden wir mit den Anfängen des damals von Michail Gorbatschow ausgehenden »neuen Denkens« und dessen Auswirkungen auf die Militärstrategie vertraut gemacht. Neben der darin explizit enthaltenen Absage an solche Kategorien wie »Gleichgewicht des Schreckens« enthielt diese Fortbildung auch Elemente, die eher an die Ausbildung von Kriegs- bzw. Frontberichterstattern denken ließ. Am Ende stand die erneute Beförderung. 

In einer vor etwa 15 Jahren erschienenen Chronik der NVA wird die Zahl von 2,5 Millionen Menschen genannt, die einst in der Truppe gedient haben sollen. Ob es tatsächlich so viele waren, sei dahingestellt. Fakt ist, dass diese Menschen objektiv zur Sicherung des Friedens in Europa und der Welt beigetragen haben. An sie – diese Armee und ihre Angehörigen – zu erinnern, gibt es viele gute Gründe. Schließlich haben sie dabei geholfen, dass von deutschem Boden – anders als heute – kein Krieg ausgehen konnte. Ungeachtet aller Un- oder auch nur Halbwahrheiten, die seit dem »Ende des Kalten Krieges« im Jahr 1990 verbreitet wurden und werden: Sie alle haben mehr oder weniger bewusst unter den Bedingungen der Ost-West-Konfrontation das friedliche Miteinander der Völker gewährleistet. Darauf können sie, wie ich es tue, stolz sein. 

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Spurensuche in Sachen NVA  

Von den Bauernkriegen bis zum antifaschistischen Widerstand: Traditionsverständnis einer Armee, die nie in einen Krieg verwickelt war  

Peter Rau 

In: junge Welt online vom 01.03.2016 

 

Dieser Tage wird im Osten der Republik an den 60. Jahrestag der Gründung der Nationalen Volksarmee (NVA) am 1. März 1956 gedacht. Dabei wird weniger an die seit 1990 abgewrackte oder verschleuderte Militärtechnik zu erinnern sein, sondern vielmehr daran, dass die NVA als bisher erste und einzige deutsche Armee nie in einen Krieg verwickelt oder an einem solchen beteiligt war. 

Das hat vor allem mit ihrem Selbstverständnis zu tun: mit ihrer zu guter Letzt friedenserhaltenden Rolle unter den Bedingungen des von beiden Seiten erbittert geführten Kalten Krieges. Begibt man sich auf die Suche nach den Ursachen dafür, so findet man eine der gewichtigsten Antworten in den Traditionen, denen diese Armee verpflichtet war. Noch vor der Verabschiedung einer Traditionspflegeordnung über die »Verleihung von Namen an Verbände, Truppenteile, Schulen sowie an Kasernen der NVA« vom 5. März 1964 hatten am 16. Januar 1961 Küstenschutzschiffe der Volksmarine die Namen Karl Marx, Friedrich Engels, Karl Liebknecht und Ernst Thälmann erhalten. 

In der Folgezeit wurden Traditionsnamen an weitere Schiffe und Boote der Seestreitkräfte wie an Truppenteile der anderen Teilstreitkräfte und Lehreinrichtungen der Volksarmee vergeben. Zum 1. März 1967 wurden nach einer damals aufsehenerregenden Tatsachenserie in der jungen Welt über einen Aufruhr in den letzten Tagen der faschistischen Kriegsmarine die Namen von drei der damals zum Tode verurteilten und hingerichteten Meuterer an Landungsboote der Volksmarine verliehen. Aus gutem Grund hieß es etwa in einer vor zehn Jahren in dieser Zeitung veröffentlichten Traueranzeige »Ihr Andenken ist unvergessen: Traditionsnamen der NVA, die in der ›Armee der Einheit‹ null Chancen hatten«. Die darin beispielhaft aufgeführten 84 Namen decken bereits die ganze Palette der in der DDR als traditionswürdig geltenden Personen der jeweiligen Zeitgeschichte ab. 

Geehrt wurden auf diese Weise historische Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung wie August Bebel, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Clara Zetkin und Ernst Thälmann, Widerstandskämpfer gegen den deutschen Faschismus wie Herbert Baum, Arvid Harnack und Julius Fucik oder die sowjetische Partisanin Soja Kosmodemjanskaja und Teilnehmer des Spanischen Bürgerkriegs auf der Seite der Republik wie Hans Beimler. Auch das Verhalten von Soldaten, die sich gegen die eigenen imperialen Kriegsherren erhoben hatten – wie Albin Köbis, der im Ersten Weltkrieg wegen Meuterei gegen die kaiserliche Marine hingerichtet worden war – würdigte die NVA durch Namensgebungen. Zudem bezog sie sich positiv auf Revolutionäre aus der Zeit der Bauernkriege wie etwa Thomas Müntzer. 

Hinzu kamen eigenständige Traditionen der NVA wie der DDR-Geschichte, die über die Namensvergabe hinausgingen. Dazu zählte die Einrichtung von Traditionszimmern und die Tätigkeit entsprechender Zirkel, die Patenschaften der »Freien Deutschen Jugend« oder die Beziehungen zum »Regiment nebenan« und zu Kollektiven in Industrie oder der Landwirtschaft. Nicht zu unterschätzen waren jene militärischen Zeremonielle wie der wöchentliche Große Wachaufzug am Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus in Berlin, das nach dem Ende von NVA und DDR flugs »demokratisch« umgewidmet wurde. Auch öffentliche Vereidigungen oder Ernennungen von Unteroffizieren und Offizieren erfuhren in aller Regel breite Akzeptanz. 

Alles in allem wurden im Bereich des Ministeriums für Verteidigung, zu dem auch die Grenztruppen und die Zivilverteidigung gehörten, nach neuesten Erhebungen mehr als 300 Namen von Persönlichkeiten an Truppenteile, Schiffe und Boote sowie Kasernen verliehen. Dazu zählten allein 235 Menschen, die – wo und in welcher Form auch immer – zwischen 1933 und 1945 am antifaschistischen Widerstand teilgenommen hatten. Mindestens 85 von ihnen hatten dabei ihr Leben verloren. Etliche andere waren später in der DDR führend an deren Aufbau und Entwicklung beteiligt. Dass sie in ihrer übergroßen Mehrheit dabei als Kommunisten agierten, lag in der Natur der Sache. Eine gewisse Einseitigkeit der für die Namensvergabe Verantwortlichen lässt sich nicht leugnen. Aus dem weiten Kreis der Verschwörer des 20. Juli 1944 wurde lediglich der Sozialdemokrat Wilhelm Leuschner für traditionswürdig befunden, und das auch erst am 1. März 1988. Eine in Vorbereitung befindliche Würdigung des Hitler-Attentäters Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg durch eine NVA-Division fand letztlich nicht mehr statt, sieht man von der noch in der Schlussphase der Volksarmee im Jahr 1990 erfolgten Benennung zweier Gebäude im Strausberger Ministerium nach ihm und seinem Gefährten Henning von Tresckow ab. 

Noch bevor am 2. Oktober 1990, 24 Uhr, die Befehlsgewalt der bisherigen NVA-Führung an den damaligen Bundesminister der Verteidigung, Gerhard Stoltenberg überging, hatte sein ostdeutscher »Kollege« Rainer Eppelmann angewiesen, »in allen Führungsorganen, Truppenteilen, Einheiten und Einrichtungen Appelle durchzuführen, auf denen (…) die in Verbindung mit den Traditionen der Nationalen Volksarmee stehende Symbolik zu verabschieden ist«. Gemeint waren die Truppenfahnen wie die Traditionszimmer und –zirkel sowie gegebenenfalls vorhandene Denkmäler und museale Hinterlassenschaften. Damit endete nach mehr als 34 Jahren unrühmlich und würdelos die Geschichte einer Armee, die stets ihrem von der DDR-Verfassung vorgegebenen Friedensauftrag getreu gehandelt hatte. 

 

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Vorbilder und ihre Bedeutung  

Über Traditionsnamen bei der NVA 

In: junge Welt online vom 01.03.2016 

 

 Damit ehren die Angehörigen der NVA Leben und Werk hervorragender Kämpfer für gesellschaftlichen Fortschritt, Sozialismus und Frieden. In deren Handeln hatten sich Liebe zum eigenen Volk mit Freundschaft zu anderen Völkern, Patriotismus mit proletarischem Internationalismus vereint. Davon wollten sich auch die Soldaten und Offiziere der NVA bei der Erfüllung ihres militärischen Dienstes leiten lassen.  

  Aus: Armee für Frieden und Sozialismus. Geschichte der NVA der DDR, Berlin 1985  

  Bekanntermaßen ist es von wesentlicher Bedeutung für eine Armee, mit welchen historischen Ereignissen und Vorbildern sie sich identifiziert. 

Für uns sind das insbesondere die bewaffneten revolutionären Traditionen der deutschen Arbeiterklasse. So tragen unsere Raketen- und Torpedoschnellboote Namen Roter Matrosen bzw. antifaschistischer Widerstandskämpfer.  

  Admiral Wilhelm Ehm, stellvertretender Verteidigungsminister und Chef der Volksmarine, am 21. Februar 1986 in junge Welt  

  Geist und Tradition des Nationalkomitees und der Bewegung »Freies Deutschland« gehören zu den besten Traditionen unseres Volkes und seiner sozialistischen Streitkräfte. Bisher sind an 20 Truppenteile, Einheiten und Einrichtungen der NVA und der Grenztruppen der DDR die Namen von Mitgliedern des Nationalkomitees bzw. von Angehörigen der Bewegung »Freies Deutschland« verliehen worden.  

  Armeegeneral Heinz Keßler, Minister für Nationale Verteidigung der DDR, am 12. Juli 1988  

  Das Traditionsverständnis der NVA unterschied sich gewollt grundsätzlich von dem aller bisherigen deutschen Armeen. (…) Aus der Gesamtheit des deutschen militärhistorischen Erbes wurden für die militärischen Traditionen der NVA solche Ereignisse, Persönlichkeiten, Verhaltensweisen und Leistungen ausgewählt, die den gesellschaftlichen Fortschritt in ihrer Zeit besonders nachhaltig beschleunigt haben. Daher standen der Theologe (Thomas) Müntzer, der königstreue (Gerhard von) Scharnhorst, der Adlige (August Neidhardt von) Gneisenau, der Kapitalist und Sozialist (Friedrich) Engels und andere in einer Reihe im Traditionsverständnis der NVA.  

  Oberst a.D. Wilfried Hanisch, ehemals Abteilungsleiter im Militärgeschichtlichen Institut der DDR, in: NVA – Ein Rückblick für die Zukunft, Köln 1992  

  Als die NVA gegründet wurde, gingen wir ganz bewusst davon aus, dass in der DDR die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz verwirklicht, die Lehren aus zwei Weltkriegen gezogen und die gesellschaftlichen Wurzeln beseitigt worden waren, die zu diesen Aggressionskriegen geführt hatten.  

  Armeegeneral a.D. Heinz Keßler, Exverteidigungsminister, in: Zur Sache und zur Person. Erinnerungen, Berlin 1996  

 

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Zu keiner Zeit an einem Krieg teilgenommen  

Festveranstaltung aus Anlass des 60. Jahrestages der NVA-Gründung  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 29.02.2016 

 

Der Beschluss der DDR-Volkskammer, am 1. März 1956 die Nationale Volksarmee (NVA) in Dienst zu stellen, »war Ausdruck des Selbstbehauptungswillens unseres Staates«. Mit diesen Worten leitete Generaloberst a.D. Horst Stechbarth, von 1972 bis 1989 stellvertretender Verteidigungsminister der DDR und Chef des 1972 gebildeten Kommandos Landstreitkräfte in Potsdam, am Sonnabend sein Referat auf einer Festveranstaltung des Verbandes zur Pflege der Traditionen der NVA und der Grenztruppen der DDR ein. Mehr als 500 Gäste, vorwiegend ehemalige NVA-Angehörige vom Soldat bis zum General, waren der Einladung aus Anlass des 60jährigen Jubiläums nach Demen in Mecklenburg-Vorpommern gefolgt. 

Stechbarth skizzierte die historische Situation, in der sich die DDR und ihre Streitkräfte vor 60 Jahren befanden. Er nannte den Kalten Krieg eine »einmalige Epoche« intensivster Aufrüstung, in der Militärisches ein »erstrangiger Faktor der Politik« gewesen sei. Die Sicherheit der DDR, deren Armee wenige Jahre nach ihrer Gründung in das diensthabende System des Warschauer Vertrages eingebunden wurde, sei durch das Bündnis nur so lange gewährleistet gewesen, wie die Sowjetunion das gewollt habe. Die NVA sei dabei die Armee eines souveränen deutschen Staates gewesen, die »zu keiner Zeit an militärischen Interventionen oder Krieg teilgenommen« habe. 

Der Redner verwies auf das »loyale Verhalten« der Armeeangehörigen in den Jahren 1989/90, obwohl klar gewesen sei: »Wir hatten die Waffen«. Die extrem große permanente Belastung der NVA-Soldaten in ihren Dienstzeiten bezeichnete der Redner als einen Mangel. Er ging auf die hohen Ausbildungsanforderungen ein und benannte die Traditionen, d.h. das Selbstverständnis der ostdeutschen Armee: die preußischen Heeresreformer der antinapoleonischen Kriege, die Kieler Matrosen von 1918, die deutschen Freiwilligen an der Seite der Volksfront-Regierung im Spanien-Krieg und die antifaschistischen Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg. 

Zum Umgang der Bundesrepublik mit den NVA-Angehörigen seit 1990 zitierte Stechbarth den 2015 verstorbenen SPD-Politiker Egon Bahr, der gesagt hatte, »ein symbolischer Akt der Würde« sei verspielt worden, die »Armee der Einheit hat es nie gegeben«. Der 2013 gegründete Verband zur Pflege der Traditionen von NVA und Grenztruppen, so Stechbarth, »kam zu spät«. In einer Zeit, in der Kriege, Gewalt und bewaffnete Auseinandersetzungen wieder Mittel der Politik seien, könne nur resümiert werden, dass die NVA ihren Auftrag in Ehren erfüllt habe. 

In mehreren Reden von Gästen der Veranstaltung und in Grußbotschaften von Militärs aus Russland, Polen und Tschechien wurde die Tatsache, dass es in Europa keinen Krieg gab, solange die NVA existierte, immer wieder hervorgehoben. So wies der frühere DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler, der aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen konnte, darauf hin, dass die NVA »nicht zur Unterdrückung anderer Völker« gegründet oder verwendet worden war. Das ehemalige DDR-Staatsoberhaupt, der langjährige Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates der DDR, Egon Krenz, fragte nach dem »Zukunftswert« von DDR- und NVA-Erfahrungen. Heute werde viel darüber gerätselt, warum die NVA 1989 nicht von ihren Waffen Gebrauch gemacht habe – zu viele Menschen auf den Straßen, Einspruch der Sowjetunion usw. Die »einfache Wahrheit«, dass eine NVA nicht auf die Bevölkerung schießt, werde ignoriert. Dagegen enthalte der Lissabon-Vertrag der Europäischen Union Bestimmungen, die es nach Meinung eines Rechtswissenschaftlers erlaubten, bei einem Aufruhr von einem Umfang wie 1989 in der DDR ohne besonderen Befehl mit Gewalt vorzugehen. 

 

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