»Alle hatten Anekdoten parat« 

Ein Film über das Handrührgerät RG28 aus dem Elektrogerätewerk Suhl beschäftigt sich mit Nachhaltigkeit von Produkten und Wertschätzung von Arbeit. Gespräch mit Bert Göhler  

Claudia Wrobel 

In: junge Welt online vom 18.02.2016 

 

Die erste Frage drängt sich auf, wenn man hört, jemand dreht einen Film über ein Handrührgerät aus DDR-Produktion: Sind Sie verrückt, oder warum machen Sie einen Film über das RG28? 

Wir wollten etwas über das Elektrogerätewerk Suhl machen, das zu DDR-Zeiten eine Riesenbude war, in der alles mögliche hergestellt wurde. 

Dabei sind wir über das RG28 regelrecht gestolpert, als wir altes Filmmaterial entdeckten. Da wurde das Gerät in einem Studio aufgebaut, und es wurde vorgestellt, was man damit alles machen kann. Mein erster Gedanke war: Das ist ja ein abgefahrenes Teil. Bei Gesprächen in meinem Freundeskreis wurde die Idee dann zum Selbstläufer. Ich habe davon erzählt und ganz viele Reaktionen bekommen. »Ich habe auch noch so ein Ding zu Hause«, sagte der eine. Einer bedauerte, er habe seinen gerade erst weggeworfen. Sofort ist man in tollen Gesprächen, wenn jemand sich erinnert, wie er seinen zur Hochzeit geschenkt bekam. 

Aber alle konnten was damit anfangen. 

Zumindest hatten sie davon schon mal gehört – und bei vielen hat es tatsächlich ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Wenn man vom RG28 erzählt hat, kam so eine besondere Begeisterung von innen nach außen. 

Einen ganzen Film trägt ein Handrührgerät aber dann doch nicht. Über etliche Umwege kamen wir zusätzlich zum Thema Nachhaltigkeit. Das Gerät hat uns quasi eingeflüstert: »Ich lebe immer noch!« Da hat es gut gepasst. Es geht um viele Fragen, die schon zig mal gestellt worden sind und meiner Meinung nach auch schon zig mal beantwortet wurden. Der Unterschied ist, dass sie diesmal zur richtigen Zeit kommen. 

Konnten Sie über diese konkrete Begeisterung für einen orangefarbenen Mixer auch der Nachhaltigkeit auf die Spur kommen, oder sind für diese Schwerpunktsetzung andere Aspekte nötig? 

Das hat einen Prozess bei uns selbst bewirkt: Alle, die sich über den Film damit beschäftigt haben, sind bis heute anders in Kontakt mit den Dingen, die sie umgeben, und überlegen, was sinnvoll ist und was nicht. Sie denken beispielsweise zweimal nach, ob sie etwas kaufen oder nicht, oder ob sie wirklich so viel brauchen, wie sie bisher gebraucht haben. Das ist interessant zu beobachten. 

Erhoffen Sie sich solche Reaktionen auch beim Publikum? 

Schon beim Trailer haben wir festgestellt, dass Menschen sofort in Gespräch kommen. Aber nicht über unseren Film, sondern über sich selbst, ihr Konsumverhalten und ihr Verhältnis zu ihren Dingen. In unserem ersten Gespräch haben Sie ja auch gesagt, dass Sie Ihren uralten Mixer zu Hause in einem ganz anderen Licht sehen, nachdem Sie den Trailer gesehen haben. 

Bei unseren Probevorführungen in Berlin – absichtlich weit weg von Suhl, wo alle irgendeine Beziehung zu dem Werk haben – fanden sowohl Menschen, die das Gerät kannten, als auch solche aus dem Westen, die davon noch nie gehört hatten, das Projekt interessant. Auch hier wieder: Danach hat niemand über unseren Film geredet, sondern alle über ihren Umgang mit den Dingen. Insofern haben wir unsere Ziel erreicht. 

Haben Sie Unterschiede bemerkt, zwischen dem Ost- und dem Westpublikum, also je nachdem, ob man das konkrete Produkt kennt oder eben nicht? 

Die Westdeutschen haben natürlich sofort gesagt: Wir hatten auch solche Geräte. Ansonsten kann man sagen, dass unser Beispiel bei Ostdeutschen mehr Emotionen hervorgerufen hat. Alle hatten Anekdoten parat. Die weitere Beschäftigung mit dem Thema war entsprechend bei den Westdeutschen rationaler. Man trifft beide Gruppen einfach an unterschiedlichen Punkten. 

Letztlich waren sich aber alle einig, dass das Thema wichtig ist. Wir erzählen im Prinzip nichts Neues, aber der Film stellt wichtige Fragen, ohne Antworten zu geben. Das finde ich gut, denn die muss jeder für sich selbst finden. 

Seit etlichen Jahren geistert durch die Landschaft der Begriff der »geplanten Obsoleszenz«, also der absichtlich herbeigeführten Verkürzung der Lebensdauer von Produkten durch den Hersteller, etwa durch Sollbruchstellen oder ähnliches. Da sind sich einige sicher, dass es im Kapitalismus so ablaufen muss, andere halten dies für eine Verschwörungstheorie. Sind Sie bei der Frage weitergekommen? 

Die geplante Obsoleszenz hat jeder unserer Interviewpartner unterstellt. Da waren Geistliche drunter, Psychologen, Ökonomen, aber auch Menschen, die damals mit dem konkreten Thema Umgang hatten und den auch heute haben, etwa der Chefredakteur einer Fachzeitschrift. Die haben auch andere Beispiele gebracht. So gab es zu DDR-Zeiten etwa Trinkgläser, die sie ruhig fallen lassen konnten, ohne dass etwas passiert ist. Solche Produkte, die nicht kaputtzukriegen waren, waren zu DDR-Zeiten das erklärte Ziel. Heute ist das genaue Gegenteil der Fall. Wir müssen uns da nichts vormachen: Damals standen keine ökologischen Gründe im Vordergrund, sondern finanzielle. 

Man hat trotzdem wahrscheinlich ein anderes Verhältnis zu Dingen, wenn alles immer verfügbar und ersetzbar ist, oder wenn ich mich lange arrangieren muss. 

Interessant ist, was uns eine Psychologin erzählt hat, die über die Ursachen redet, warum wir Dinge kaufen oder warum wir uns von ihnen trennen. Im Prinzip hat das unheimlich viel mit uns selbst zu tun: Wenn wir unbedacht Dinge kaufen und schnell wieder wegwerfen, dann schätzen wir nicht nur die Arbeit derer, die sie hergestellt haben, nicht sehr wert, sondern oftmals auch uns selber. Man kann nicht mehr benötigte Dinge ja auch verschenken, oder sonst wie weitergeben. Das ist dann etwas anderes. 

Worum geht es also? 

Um die Muster: Was bedeutet es, wenn wir keine Beziehung zu den Dingen mehr aufbauen? Welche Beziehung haben wir noch zu den Menschen, die sie hergestellt haben, und welche Beziehung haben diese noch zu ihrem Produkt, wenn sie wissen, dass es ein Wegwerfartikel ist? Das war – da schließt sich der Kreis – bei dem Elektrogerätewerk Suhl offensichtlich anders. 

Viele Menschen berichteten von einem sehr kollegialen Zusammenarbeiten. Ein Mann erzählte sehr gerührt und fast unter Tränen davon. Seine Worte: »Es ging eben nicht gegeneinander, sondern miteinander.« 

Solche Arbeitsbedingungen sind heute in der Herstellung kaum vorstellbar, denken wir nur mal an die Modeindustrie. Ich gehe fast täglich an einem Primark vorbei, dem Textildiscounter, bei dem die billigen T-Shirts wirklich Wegwerfartikel sind. Da sieht man die Menschenmassen schwer beladen aus dem Geschäft strömen … 

Es verändert den Menschen, wenn er sich nur mit so etwas umgibt. Er nimmt das in Kauf. Eine interessante Formulierung, die man mal näher betrachten kann. Alles was mit dem Produkt zusammenhängt – die Freude, das Leid, die Ausbeutung – nimmt er in Kauf, wenn er es erwirbt. 

Für welchen Umgang plädieren Sie statt dessen? 

Als Beispiel bringen wir in dem Film einen Töpfer, der seine Waren wirklich mit der Hand herstellt. Dafür verwendet er viel Aufmerksamkeit. 

Auch das kauft man mit – und würdigt es dabei. Da traut man sich gar nicht, den Preis in Frage zu stellen. Das hat uns noch mal gezeigt, wie es mit der Wertschätzung den Dingen gegenüber aussieht. Und natürlich gibt es so etwas noch. Es ist ja nicht so, dass die Welt völlig lieblos geworden ist, aber das hat sich in Nischen zurückgezogen. 

Hinzu kommt aber immer die Frage: Kann ich mir das leisten, beziehungsweise wer kann sich das überhaupt leisten? Also keine Sache des Wollens, sondern ganz banal des Könnens – oder eben auch nicht. 

Auch über den Punkt haben wir geredet, unter anderem mit einem Geistlichen. Der vertrat den Standpunkt, als Gesellschaft können wir es uns leisten, Dinge von Wert zu produzieren und zu kaufen. Aber wir glauben immer, dass wir im Mangel leben. Wir sprechen hier von einem der reichsten Länder der Welt. Aber dabei ist immer der Vergleich mit anderen implementiert. Vielleicht geht es darum. 

 

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Studie: Kürzere Nutzungsdauer, mehr Neuverkäufe 

Wegwerfgesellschaft – zumindest was Elektrogeräte angeht, trifft das zu. 

In: junge Welt online vom 18.02.2016 

 

Die meisten elektronischen Geräte werden immer kürzer genutzt. Das zeigt eine Studie des Öko-Institut e. V. und der Universität Bonn im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA), die am Montag vorgestellt wurde. Untersucht wurde nur die Nutzung durch den ersten Verbraucher. 

Gerade im Bereich der Unterhaltungselektronik und Informationstechnik sind Technologiesprünge und der Wunsch nach einem neuen Gerät häufig Auslöser für einen Neukauf. Selbst bei Haushaltsgroßgeräten wie Kühlschränken ist bei einem Drittel der Befragten der Wunsch nach einem besseren Gerät ausschlaggebend. Gleichzeitig stieg beispielsweise der Anteil der Haushaltsgroßgeräte, die aufgrund eines Defekts bereits innerhalb der ersten fünf Jahre ersetzt wurden, von 3,5 Prozent im Jahr 2004 auf 8,3 Prozent im Jahr 2013. 

Ein Ergebnis ist, dass die Hersteller mit einer bestimmten Produktlebensdauer kalkulieren, die sich auch nach Zielgruppen, Einsatzbereichen und Produktzyklen richtet. Im Bereich der Fernsehgeräte beispielsweise wird unterstellt, dass die Verbraucher innerhalb eines Jahres neue Entwicklungen erwarten. Dieser kurze Innovationszyklus könne zu Lasten der Qualität gehen. So würden manche Geräte nur noch auf bekannte Schwachstellen und nicht mehr umfassend getestet. Für das Umweltbundesamt unterscheidet sich dieses Vorgehen dennoch von der sogenannten geplanten Obsoleszens, also einer gezielte kurzen Produktlebensdauer, die die Hersteller mittels eingebauter Mängel erzeugen. Diese könne nicht nachgewiesen werden. 

»Problematisch ist die mangelnde Transparenz für die Verbraucherinnen und Verbraucher. Man sieht dem Produkt nicht an, für welche Lebensdauer es konzipiert wurde. Auch der Preis ist da nicht immer ein zuverlässiger Indikator. Im Sinne der Verbraucher und der Umwelt wäre eine Kennzeichnung, die beispielsweise die voraussichtliche Lebensdauer eines Geräts in Nutzungsstunden angibt«, schlug UBA-Präsidentin Maria Krautzberger vor. Dabei bestehe allerdings noch Forschungsbedarf, da nicht für alle Produktgruppen vergleichbar darstellbar sei, welchen Zeitraum sie genutzt werden könnten. Schneller umsetzbar wäre ein anderer Vorschlag Krautzbergers, die dafür plädierte auf Reparierbarkeit zu setzen. Das bedeutet beispielsweise bei einem Handrührgerät keine verklebten Gehäuse, sondern Schrauben, die ein Öffnen des Körpers ermöglichen. 

Aber halt – das gab es ja alles schon mal. (cwr) 

 

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