Objektive Geschichtsschreibung sieht anders aus

Denunziation der DDR-Kulturpolitik im Begleitbuch zur Ausstellung „Ostdeutsche Arbeitswelt im Wandel"

Von Rüdiger Bernhardt

In: unsere zeit online vom 12. Februar 2016

Arbeit! Ostdeutsche Arbeitswelt im Wandel 1945–2015

Begleitbuch zur Ausstellung

Hrsg. von Paul Kaiser in Zusammenarbeit mit der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft und dem Dresdner Institut für Kulturstudien e. V., Dresden 2015, 326 S., 400 Abb., 35.- Euro

Vom Oktober bis zum Dezember 2015 gab es in Dresden die Ausstellung „Arbeit! Ostdeutsche Arbeitswelt im Wandel 1945–2015". Die Veranstalter, das Dresdner Institut für Kulturstudien e. V. und die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft, gaben dazu eine respektablen, reich illustrierten Begleitband (Hrsg.: Dr. Paul Kaiser) heraus, der Beachtung verdient. Das betrifft insbesondere Bewertungen der Veränderungen von 1989. Bereits im Grußwort machen die Verfasser darauf aufmerksam, dass es sich in der Folgezeit „um einen dramatischen Sonderfall der Deindustrialisierung in einem hochindustrialisierten Land" gehandelt habe. Der Begriff der Deindustrialisierung wird mehrfach in dem Band verwendet und als Ausgangspunkt der „extrem rasanten Verdrängung" der Arbeiter aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit benannt (Michael Hofmann, Dieter Rink). In einem bemerkenswerten Beitrag weist Wolfgang Engler nach, dass die Folgen gravierend waren und „noch heute wahrnehmbar" seien. Nachdem die DDR zusammenbrach und die Ostdeutschen fast ihr „Herrschaftssystem in die Knie" gezwungen hätten – was allerdings nicht nur auf die Ostdeutschen zurückging, sondern auch von geplanten Aktionen anderer Art begleitet wurde –, hätten sie nicht verstehen können, wie sie, „Weltgeschichte schreibend", unmittelbar danach in die „Rolle von Zaungästen des Geschehens, von Klienten des Sozialstaates" verdrängt worden wären.

Sie hätten es begreifen können; oft genug hatten kluge Köpfe darauf hingewiesen, zuletzt am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz. Aber als Heiner Müller klarsichtig auf die kapitalistische Zukunft mit ihren katastrophalen Folgen verwies, schlug ihm „der Unmut der Massen" (Engler) entgegen.

Stefan Wolle, der sich nach einer Relegation in der Produktion bewähren musste, es dann aber bis zum promovierten Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften der DDR schaffte – was für ein schreckliches Land, dass seine Kritiker förderte und sie bis in die Kreise hoher Wissenschaftlichkeit führte –, musste feststellen, dass die neue kapitalistische Gesellschaft nach 1989 „einen beträchtlichen Prozentsatz der erwerbsfähigen Bevölkerung als nicht brauchbar" ausgesondert habe: Das waren zum größten Teil nicht die Kritiker dieser neuen Gesellschaft, sondern die, die sie herbeidemonstriert hatten.

Folgt man diesen unterschiedlichen Argumentationen der Wissenschaftler, wird eines deutlich: Sie liefern durchweg Argumente, dass es sich 1989 um die Wiederherstellung alter Besitzverhältnisse und nicht um eine „friedliche Revolution" handelte – eine Revolution verlangte nach Organisationsformen und gesellschaftlichen Entwürfen, die verwirklicht werden sollen, nicht nach der D-Mark –, dass eine reformierte DDR verhindert werden sollte, wie sie noch im Herbst 1989 möglich schien, dass der „Beitritt der ‚neuen Länder‘ zur Bundesrepublik" (Engler) schnell erzwungen werden sollte.

Ergeben sich zu diesen wie auch zu anderen Beiträgen des quantitativ gewichtigen Bandes durchaus Anknüpfungspunkte zur Diskussion, so fällt der Aufsatz der französischen Wissenschaftlerin Sandrine Kott „Kurzer Triumph, langer Abschied – Vom ‚Bitterfelder Weg‘ zur ‚Kulturarbeit ohne Kultur‘" deutlich heraus: Hier ist klarer und entschiedener Widerspruch angesagt; der Titel, der die Kunst in der Kultur der DDR negiert, lässt es ahnen. Die Autorin wurde in Paris promoviert und habilitiert, hat Untersuchungen zur Sozialgesetzgebung im deutschen Kaiserreich und anderes vorgelegt. Bei dem hier behandelten Gegenstand hat sie sich auf eine unzulässig geringe Materialgrundlage gestützt, die weder repräsentativ noch für den Gesamtvorgang aussagekräftig sind und zudem willkürlich ausgewählt. Das ist schlimm, denn es stellt ihre wissenschaftliche Reputation in Frage; schlimmer ist, dass ihre wissenschaftliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Thema so groß war, dass sie vorhandenes und leicht zugängliches Material nicht zur Kenntnis genommen hat. Nicht einmal die in Lille (Frankreich) 2011 veröffentlichte umfangreiche Dokumentation zu dem Thema „Culture ouvrière/Arbeiterkultur", herausgegeben von Dominique Herbet, dort hätte sie zu ihrem Thema wichtige Ergebnisse finden können.

Die wissenschaftlich ausgewiesene Kulturwissenschaftlerin hat grundlegende wissenschaftliche Methoden vernachlässigt – Arroganz, Oberflächlichkeit oder Voreingenommenheit? Es ist wohl vor allem Letzteres. Der Einstieg macht das deutlich: Obwohl die Verfasserin soziale Prozesse des 19. Jahrhunderts untersucht und festgestellt hat, dass die Sozialgesetzgebung um 1880 im deutschen Kaiserreich auf breite gesellschaftliche Vorgänge und nicht nur auf die Gesetzgebung von oben zurückging, lässt sie vergleichbare geschichtliche Entwicklungen beim aktuellen Thema außer Betracht und dekretiert die Bitterfelder Konferenz als „ein dezidiertes Bekenntnis zum Konzept einer genuin ‚sozialistischen Kunst‘" Sie lenkt keinen Blick auf die Vorgänge Jahre zuvor, in denen sich Zirkel schreibender Arbeiter wie seit 1953 Deuben, Schwarza und Bitterfeld ohne Konferenz, sondern als Bedürfnis entwickelten. Weil es vor der Bitterfelder Konferenz schreibende Arbeiter gab, konnte die Bewegung entstehen; ihre Traditionen reichten in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts und zurück bis in die Zeit des Sozialistengesetzes.

Hinzu kam, dass die Häuser für Volkskunst und der Mitteldeutsche Verlag der nach Betreuung strebenden Schreibinteressierten nicht Herr wurden. Dass mit der Bitterfelder Konferenz ein groß angelegter Bildungsprozess für Werktätige eingeleitet wurde, der bei den schreibenden Arbeitern allenfalls beiläufig auch Kunstwerke zum Ziel hatte, aber zuerst Verständnis für Kunst anstrebte, ist der Autorin nicht aufgefallen. Sie hat, wie es scheint, auch die Dokumente der Bitterfelder Konferenzen nicht gelesen und nicht die Aussagen bedeutender Zirkelleiter und Schriftsteller wie Edith Bergner und Friedrich Döppe. Dass eine „Blütezeit der Reportage" der Konferenz gefolgt sei, hat sie einschlägigen Publikationen westdeutscher Autoren entnommen, die ähnliche Kenntnisse wie sie hatten; ein Blick in die ersten Bände der Buchreihe „Ich schreibe" (1960 ff.), nicht zu verwechseln mit der Fachzeitschrift für schreibende Arbeiter „Ich schreibe", die die Autorin auch nicht kennt, hätte sie eines Besseren belehrt. Diese Bände sammelten Gedichte und autobiografische Erinnerungen, Erzählungen bewältigten die Vergangenheit des Zweiten Weltkrieges und beschrieben den Neuaufbau. Die „Deubener Blätter" (1961), später vier Bände umfassend, beschrieben Lern- und Bildungsprozesse. Die Bewegung schreibender Arbeiter sei das „Paradebeispiel" des Bitterfelder Weges gewesen; Kotts Meinung nach im „Zentrum" habe das Brigadetagebuch gestanden. Das Brigadetagebuch hatte indessen nur sehr mittelbar damit zu tun, denn es war eine gewerkschaftliche Empfehlung für die Wettbewerbsführung und ein Dokument der gemeinsamen ökonomisch orientierten Leistung. Mit Literatur hatte es sehr wenig zu tun; allenfalls als Material und so wurden auch Auszüge in die Anthologien aufgenommen. Eine „‚sozial nützliche‘, neue Kunst" war es niemals, es war Wettbewerbsdokument.

Die irrige Annahme verführte die Autorin dazu, Bitterfelder Weg und gewerkschaftliche Arbeit gleichzusetzen; von einem Zentralhaus für Kulturarbeit, Bezirkskabinetten für Kulturarbeit und ihren Aufgaben ist keine Rede. Zugehörige Beiräte beim Ministerium für Kultur sind ihr unbekannt. Von den Zirkeln schreibender Arbeiter nennt die Autorin einen aus Berlin, der in zentralen Statistiken von 1985 nicht geführt wurde. Dieser Zirkel war ein Zusammenschluss von Brigadetagebuch-Schreibern. Ihre Materialgrundlage besteht aus wenigen zufälligen Berliner Dokumenten: Den Zirkel wählte sie aus, weil die dazugehörige Brigade – niemals gehörte eine Brigade zu einem Zirkel – 1964 aufgelöst worden sei. Die profilbestimmenden Zirkel in Berlin, der in der Druckerei des „Neuen Deutschland" und der im Haus der DSF, kennt die Autorin nicht; Analysen, die auswiesen, dass die Situation in Berlin „nicht dem Niveau der Hauptstadt angemessen" sei, wurden nicht ausgewertet. Die Bezirke, in denen die Bewegung schreibender Arbeiter besonders leistungsstark und in Großbetrieben wirksam war – Halle, Dresden, Karl-Marx-Stadt –, werden nicht genannt.

Die Zirkel waren ein Zusammenschluss auf völlig freiwilliger Grundlage ohne jede Bedingung und Verpflichtung. Die Liste dessen, was in diesem Zusammenhang mitzuteilen wäre – von den Organisationsformen über die speziellen Bildungseinrichtungen wie die Elementarschule mit eigenen Lehrplänen bis zu mehrerer Ausgaben des „Handbuchs für schreibende Arbeiter", das über die schreibenden Arbeiter hinaus große Verbreitung erlebte, ist lang; nicht ein einziger Posten wird von der Autorin erwähnt, wie auch keine einzige Anthologie, keine Buchveröffentlichung, kein Autorenname, obwohl sich manche inzwischen einen großen Namen gemacht haben wie der Träger des Deutschen Buchpreises von 2014, Lutz Seiler.

Die Rolle der Zirkelleiter, ausgewiesene Wissenschaftler, Journalisten und Schriftsteller, wird reduziert auf angeblich meistens weibliche „Klubleiterinnen und Bibliothekarinnen", die das kulturelle Leben in den Betrieben aufrechterhalten hätten. Die zahllosen Leerstellen in diesem Beitrag entstanden, weil auf Material mit „DDR-offizieller Darstellung" verzichtet und die Literaturgeschichte zur DDR-Literatur als „offizielle DDR-Literaturgeschichte" bezeichnet, entsprechend willkürlich ausgewählt und uminterpretiert wurde. Verwendet wurden auch nicht Zentralhaus-Analysen, die Fachzeitschrift, die Dokumente der Volkskunstkonferenzen, die bedeutende Konferenz 1984 in Unterwellenborn mit ihrer zweiteiligen Dokumentation, geschichtliche Abrisse und die statistischen Materialien der Bezirkskabinette, die literatursoziologischen Untersuchungen (Sommer/Löffler u. a.: Leseerfahrung Lebenserfahrung, 1983) usw.

Bei der Beurteilung des Bitterfelder Weges ist es methodisch zwingend, mit Beteiligten zu sprechen, wie es andere Wissenschaftler, der US-Amerikaner William James Waltz für seine Dissertation „The Movement of Writing Workers in the German Democratic Republic" (2014) und die Germanistin Anne Sokoll, in den zurückliegenden Jahren für ihre grundlegenden Veröffentlichungen zum Bitterfelder Weg taten. Beide Autoren wurden von Sandrine Kott auch nicht zur Kenntnis genommen. So wundert es nicht, dass die von westlichen Kulturwissenschaftlern stereotyp vorgetragene Behauptung vom Ende des Bitterfelder Weges wiederholt wird; bei Kott beginnt das Ende sogar schon 1961. Die von ihr behauptete Absage an „eine ausschließlich politisch engagierte Laienkunst" hat aber nie stattgefunden, weil es die Forderung nach dieser Laienkunst nie gegeben hat.

Von den literarischen Leistungsvergleichen „Ein gutes Wort zur guten Tat" hat die Autorin noch nie etwas gehört, sonst hätte sie den Begriff der Laienkunst nicht in den Mund genommen. Die Zahl der Zirkel nahm ihrer Meinung nach ab und sank angeblich schon 1975 auf 270; sie sagt aber kein Wort zu den seit den siebziger Jahren zahlreich werdenden Zirkeln schreibender Schüler und Jugendlicher, die Zirkel der Polizei, NVA usw., die in den Statistiken des Zentralhauses nicht erfasst wurden; sie sagt auch nichts zu den sich hinzugesellenden Gruppen wie Lyrikclubs, Poetenseminare, Bezirkszentren für Autoren usw. Von Zirkeln, die bis in das neue Jahrtausend hinein bestanden und bestehen, weiß sie ebenfalls nichts.

Die Arbeiterfestspiele werden wegen an ihnen geäußerter Kritiken erwähnt, der FDGB-Kunstpreis geradezu diffamiert. Die intensive Beziehung der Schriftsteller zu den Zirkeln und dem Bitterfelder Weg erscheint lediglich in der Bemerkung, Peter Hacks sei froh gewesen, kein FDGB-Literaturpreisträger zu sein; der Grund für diese Äußerung wurde nicht erfragt. Christa Wolfs nachdrückliches Bekenntnis zum Bitterfelder Weg, „dass viele von uns, dem vielgeschmähten ‚Bitterfelder Weg‘ folgend, in Betrieben waren, Freundschaften schlossen, Einblick bekamen in ökonomische Prozesse und Widersprüche", fehlt ebenso wie auch vergleichbare Aussagen Heiner Müllers, Joachim Rähmers und vieler anderer. Dafür war die Autorin beständig auf der Suche nach Konfliktsituationen und Enttäuschungen; sie wurden dann als Beispiel für die Gesamtsituation genommen. Einzelne richtige Ergebnisse werden uminterpretiert, bis sie in dieses Raster passten. Es ist kein Wunder, dass die „Hypothese" der Autorin am Schluss geradezu widersinnig ist: Die betriebliche Kulturarbeit sei durch einen „erweiterten Kulturbegriff" entideologisiert worden, weil es „zahlreiches Konfliktpotential zwischen Gewerkschaftlern und Künstlern, zwischen Arbeitern oder Leitungskadern" usw. gegeben habe; eine „harmlose Sozial- und Freizeitpolitik" sei dafür angestrebt worden. „Diese Praxen bewirkten eine trügerische Stabilisierung des Regimes, aber im Grunde trugen sie jeden Tag dazu bei, seine Legitimität zu untergraben." Danach waren die Kulturpolitik der DDR und wohl letztlich der Bitterfelder Weg am Zusammenbruch der DDR schuld. Das sollte man ihnen nun wirklich nicht anlasten.

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Neuland unterm Pflug  

Drei Landwirte aus der DDR berichten von den Vorzügen der »Zwangskollektivierung«  

Eric Baron 

In: junge Welt online vom 08.02.2016 

 

Katrin Rohnstock wird nicht müde, die ökonomischen Grundlagen, auf denen die DDR basierte, zu hinterfragen, um zu prüfen, ob daraus auch Ansätze für zukünftige Wirtschaftsmodelle gewonnen werden können. Nachdem sie mit »Jetzt reden wir« ehemalige Kombinatsdirektoren aus der Industrie zu Wort kommen ließ, begibt sie sich nunmehr auf das Feld der Landwirtschaft – schließlich nannte sich die DDR Arbeiter- und Bauernstaat. 

In ihrem neuen Buch »LPG – Zwangskollektivierung oder Zukunftsmodell?« bündelt sie drei Lebensberichte ehemaliger LPG-Vorsitzender. Im Vorwort fragt die Autorin, inwieweit genossenschaftliche Produktion in der Landwirtschaft nicht auch heute ein probates Mittel wäre, »den großen Lebensmittelkonzernen nicht allein die Hoheit über unsere Nahrungsmittelproduktion zu überlassen.« Eine hehre Aufgabenstellung, der jedoch die teils sehr persönlichen Lebenserinnerungen nicht immer gerecht werden können. Aber sie geben einen tiefen Einblick in den Alltag auf dem Lande nach dem Zweiten Weltkrieg. Durch eine Bodenreform unter dem Motto »Junkerland in Bauernhand« wurde in der sowjetischen Besatzungszone der Landadel als soziale Schicht dauerhaft beseitigt. Bauernhöfe mit über 100 Hektar Land wurden samt Tieren und Maschinen entschädigungslos enteignet und an Kleinbauern verteilt. 

Die wirtschaftliche Situation in der jungen DDR schrie geradezu nach großflächiger Landwirtschaft, um Nahrungsmittel effizienter produzieren zu können. Die Parzellierung durch die Bodenreform erwies sich schnell als kontraproduktiv. Dass nur kurze Zeit später, wieder »von oben« angeordnet, die Bauern aufgefordert wurden, sich in LPGs zusammenzuschließen, stieß auf heftigen Widerstand. Da jedoch der »Anschein der Freiwilligkeit«, wie es Bernd Büttner in einem Kapitel ausdrückt, gewahrt werden sollte und zunächst vor allem die weniger produktiven Bauernhöfe dem Ruf in die LPG folgten, wurden subtilere Methoden des Zwangs durchgeführt, wie die Erhöhung des Abgabesolls der sich verweigernden Einzelbauern oder die gezielte Förderung derjenigen, die in die LPG eintraten. Mit Agitationstrupps und Propagandawagen versuchte die Partei, »Überzeugungsarbeit« in den Dörfern zu leisten. 

Dieser Kampf um die Kollektivierung zog sich bis 1960 hin. »Es gab nur zwei Alternativen, sich dem permanenten Druck zu entziehen: in den Westen gehen – oder in die LPG«, erinnert sich Hans Müller in seinem Lebensbericht. Jeder der drei ehemaligen LPG-Vorsitzenden kann mit Episoden aus dieser Zeit aufwarten. 

Gleichwohl wuchs schnell, nicht nur bei den Führungskräften, die Einsicht, dass eine genossenschaftliche Bewirtschaftung effektiver sei als die kleinbäuerliche. Insbesondere die Geschichte von Hans Müller aus Mecklenburg zeigt, dass sich Genossenschaften durchaus auch basisdemokratisch gründen konnten und auf diese Weise allmählich von unten zu wachsen begannen. Hier vor allem sind jene Zukunftsansätze zu finden, von denen Katrin Rohnstock in ihrem Vorwort spricht. Ansonsten taucht der Leser der gesammelten Lebensberichte tief in den bäuerlichen Alltag ein, nimmt mit Bernd Büttner an »Fleischaktivsitzungen« teil oder lässt sich von Ernst Junghanns über das »periodische Abferkelsystem« und die »technische Besamung« aufklären. Von Junghanns stammt auch die wunderschöne Stilblüte: »Als Besamer versuchte ich meine Kenntnisse auch an die Lehrlinge weiterzugeben.« 

Alle drei Protagonisten dieses Buches setzen jedoch mit ihren Lebensberichten ein Gleichheitszeichen in die polemisch gestellte Titelfrage: Zwangskollektivierung UND Zukunftsmodell soll es heißen. Bernd Büttner bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt, »dass ohne die Herrschaft der SED und ohne Druck eine so schnelle sozialistische Entwicklung nicht möglich gewesen wäre«. 

 

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Wege zum Sozialismus  

Februar 1946: Das erste Heft der Theoriezeitschrift Einheit erscheint  

Reiner Zilkenat 

In: junge Welt online vom 06.02.2016 

 

Zu den Ergebnissen der »Sechziger-Konferenz«, zu der sich am 20. und 21. Dezember 1945 in Berlin je 30 Funktionäre der KPD und SPD getroffen hatten (siehe jW vom 19./20.12.2015), gehörte der Beschluss, eine theoretische Zeitschrift herauszugeben. Es ging darum, dass Vertreter beider Arbeiterparteien zentrale programmatische und politische Fragen in ihren Beiträgen behandeln und dabei den Charakter der neuen Partei herausarbeiten und zur Diskussion stellen sollten. 

Im Februar 1946 erschien die erste Ausgabe dieser Zeitschrift mit dem Titel Einheit – Monatsschrift zur Vorbereitung der Sozialistischen Einheitspartei. Je vier prominente kommunistische (Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, Franz Dahlem, Anton Ackermann) und sozialdemokratische Autoren (Otto Grotewohl, Max Fechner, Gustav Dahrendorf und Helmut Lehmann) hatten zur Feder gegriffen. 

Das Spektrum der behandelten Themen war weit gefächert. Sie betrafen Fragen der innerparteilichen Demokratie, die ideologischen Grundlagen der neuen Partei, das Verhältnis der Arbeiterklasse zur Demokratie. Walter Ulbricht formulierte Thesen über den Hitlerfaschismus, Otto Grotewohl behandelte das Kommunistische Manifest im Lichte aktueller politischer und ideologischer Entwicklungen. Bemerkenswert ist die kameradschaftliche und sachliche, oft auch selbstkritische Tonlage aller Beiträge. Die Betonung der großen Verantwortung beider Parteien angesichts der materiellen und geistigen Trümmer nach zwölf Jahren Faschismus steht im Mittelpunkt. 

Allerdings war es ein zwölf Seiten langer Artikel als Abschluss des Heftes, der für besonderes Aufsehen und rege Diskussionen sorgte: Anton Ackermanns Beitrag zum Thema »Gibt es einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus?« 

Ackermanns PositionAnton Ackermann, 1905 als Arbeiterkind im Erzgebirge geboren, war Mitglied des Zentralkomitees und des Politbüros der KPD. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges und in der Zeit unmittelbar danach war er maßgeblich an der Formulierung der Nachkriegsplanungen seiner Partei beteiligt. 

Ackermann warnte in seinem Aufsatz davor, die geistige Hinterlassenschaft des Faschismus in den Köpfen von Millionen Menschen zu unterschätzen. Vor allem trieb ihn die Frage um, auf welche spezifische Weise dereinst in Deutschland der Sozialismus errichtet werden könnte und welche Etappen und Übergangsformen dafür nötig seien. 

Bereits auf den Brüsseler und Berner Konferenzen der KPD (1935 und 1939) hatte sich nicht zuletzt Wilhelm Pieck selbstkritisch mit der Strategie und Taktik seiner Partei in der Weimarer Republik befasst und dabei auch das Verhältnis der Kommunisten zur bürgerlich-parlamentarischen Demokratie neu akzentuiert. Ackermann knüpfte daran an. Zwar gehe es zunächst um den Aufbau einer antifaschistisch-demokratischen Republik, aber die sozialistische Perspektive war dadurch nicht zu den Akten gelegt worden. 

Ackermann kam letztlich zu der Erkenntnis, dass die spezifischen ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Traditionen und Besonderheiten bei der Ausarbeitung einer erfolgversprechenden Strategie und Taktik der Kommunisten bislang nicht angemessen berücksichtigt worden seien. Das am Modell der Oktoberrevolution orientierte Verständnis der KPD vom Aufbau des Sozialismus bedürfe starker Modifikationen. Zwar existierten einige allgemeine Gesetzmäßigkeiten für den Übergang zum Sozialismus, demgegenüber müssten aber die national unterschiedlichen Bedingungen in den Blick genommen werden. Dies beziehe sich nicht zuletzt auf die Frage nach den Möglichkeiten, den Sozialismus zu erkämpfen, ohne dass es zu großangelegten Gewaltaktionen und zum Bürgerkrieg kommt. 

Ackermann nennt folgende Voraussetzungen, um eine solche Entwicklung zu ermöglichen: die konsequente Entnazifizierung des Verwaltungsapparates, eine demokratische Bodenreform, die Zerschlagung der Trusts, Konzerne und Banksyndikate, weitgehende Mitbestimmungsrechte der Werktätigen in Betrieb und Wirtschaft. Und schließlich: die Schaffung der Sozialistischen Einheitspartei. Denn »nur die Vereinigung der KPD und SPD und damit das Anwachsen der Kräfte des Sozialismus auf eine Millionenschar aktiver Mitstreiter kann die Garantie schaffen, dass nicht das reaktionäre Großbürgertum, sondern die Arbeiterschaft und das werktätige Volk den Gang der weiteren Entwicklung bestimmen.« 

Maßstab Sowjetunion?Bei alledem tauchte sehr schnell die Frage auf: Wo bleibt hier das »Modell Oktoberrevolution«, welche Bedeutung haben die Erfahrungen beim Übergang und beim Aufbau des Sozialismus in der UdSSR? Ackermann hatte in seinem Beitrag durchaus diejenigen Erfahrungen der sowjetischen Genossen gewürdigt, die auch für Deutschland Geltung beanspruchten. Dies betraf nicht zuletzt die Existenz einer in ihren Zielen klaren, revolutionären Partei der Arbeiterklasse. Zugleich hob er aber bedeutsame Unterschiede zwischen der Lage in Russland in der Zeit der Oktoberrevolution und in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg hervor: Unter anderem sei Russland »in ökonomischer Beziehung weit hinter den fortgeschrittenen Ländern zurückgeblieben«; die Arbeitsproduktivität sei niedrig gewesen; die Industrie schwach entwickelt, die Arbeiterklasse zahlenmäßig gering. In Deutschland verhalte es sich – trotz der großen Menschen- und materiellen Verluste als Ergebnis des Krieges – dagegen anders. Diese und andere Unterschiede in den ökonomischen und politischen Strukturen könnten sich »in der Richtung auswirken, dass im Verhältnis zu den Opfern, die vom russischen Volk für den Aufbau des Sozialismus gebracht werden mussten, unsere Anstrengungen relativ geringer sein werden.« Es bestehe die Möglichkeit, »den inneren politischen Kampf weniger opferreich zu gestalten und die Entfaltung der sozialistischen Demokratie zu beschleunigen«. 

Er habe, so konstatierte Anton Ackermann abschließend, lediglich einen Anfang für die Aussprache über einen »besonderen deutschen Weg zum Sozialismus« gemacht. Und tatsächlich eskalierte die Auseinandersetzung um seine im Heft 1 der Einheit unterbreiteten Gedanken und Vorschläge. In den darauffolgenden Jahren zeigte es sich, dass Ackermanns Ideen zum Übergang und zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft in den Stürmen des Kalten Krieges für die SED nicht länger als diskussionswürdig angesehen wurden und ihr Urheber keinen politischen Einfluss mehr auszuüben imstande war. 

 

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