Unser Untergrund  

Zwei Bücher berichten vom verdeckten Krieg gegen die DDR und die BRD  

Otto Köhler 

In: junge Welt online vom 11.01.2016 

 

Die starke Hand fasst die Ratte mit untermenschlichem Antlitz am Nacken, der mit Hammer und Sichel gebrandmarkt ist. Dazu der Befehl: »Rattenbekämpfung ist nationale Pflicht.« Dieser Klebezettel über die nationale Obliegenheit der Liquidation von Ratten, 1951/52 vielfach in der DDR verteilt, lag auch einem Brief an einen SED-»Spitzel« bei, der ein feinsinniges Gedicht enthielt: »Wir werden Dich nicht vergessen, Genosse! / Bis zu dem Tag, da wir vor Dir stehn. / Denke schon heute daran, Genosse! / Einmal wird Dir das Lachen vergehn. (…) Du meinst, wir finden Dich nicht, Genosse! / Doch – denn wir kennen Dich genau. / Wir kennen Dich und Deine Adresse, Genosse! / Deinen Namen, Dein Kind und Deine Frau.« Hinter diesem zweckdienlichen Hinweis folgte die unmissverständliche Warnung: »Auch Du bist bei uns registriert!« 

Solch bedeutungsvolle Gebrauchslyrik ist abgedruckt in Enrico Heitzers umfangreicher (Promotions-) Studie »Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU). Widerstand und Spionage im Kalten Krieg 1948-1959«. Unnachsichtige Rattenbekämpfung durch die von der CIA finanzierte deutsche KgU hatte ihre Tradition und ihre Traditionshüter. Bald nach seiner viel zu vorzeitigen Entlassung aus dem sowjetischen Internierungslager hatte die Kampfgruppe einen Spezialisten eingestellt: Carl-Wolfgang Beutel, der im Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda im Ressort »Aktivpropaganda gegen die Juden« mit seinem Chef Eberhard Taubert den Kampfbegriff »Ratten und Schmeißfliegen« entwickelte, den letzterer, nachdem er seine Tätigkeit für Volksaufklärungsminister Joseph Goebbels umständehalber beendet hatte, als Berater an Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß weiterreichte, der ihn – zeitbedingt nicht ganz so erfolgreich wie Goebbels – zur Bekämpfung von Linksintellektuellen einsetzte. 

Eine VerbrechergruppeManches war schon während der Tatzeit des Kampfes gegen die »Unmenschlichkeit« nicht ganz unbekannt. Heitzer, der umfangreiches Quellenmaterial aus den Akten von KgU, CIA und des Ministeriums für Staatssicherheit ausgewertet hat, zitiert den Spiegel, der schon 1958 die KgU als »späten Werwolf« bezeichnete und damit – »polemisch« – die Organisation »in eine Reihe mit der nationalsozialistischen Guerilla-Truppe aus SS-Leuten und fanatisierten Hitlerjugendlichen« stellte. Er zitiert Martin Niemöller, der 1952 sagte: »Ich halte diese Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit für eine Verbrechergruppe. Ich halte die Leute für Verbrecher, die andere Leute anstiften und für sich arbeiten lassen, obgleich sie wissen, dass diese Leute geschnappt und eingesperrt werden.« 

In seinem eigenen Urteil gibt sich der Autor zurückhaltend: »Gleichwohl war die KgU wichtig im Kampf gegen die Diktatur in der DDR.« Mit und durch die Menschen, die sich bereit erklärten, als V-Leute in der DDR tätig zu sein, habe »die KgU bis in die Mitte der 50er Jahre zu den härtesten Gegnern des SED-Regimes und der Sowjets in Ostdeutschland« gehört. 

So ist der Vermerk auf Seite 4 zu erklären: »Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.« Aber die Fakten, die Heitzer über die KgU ermittelt hat, sind stärker als dieser Druck, stärker als seine Sozialisation (er war in seiner Adolszenz von 1996 bis 1998 Mitglied der Bundeswehr). Und so schätzt der in der DDR geborene Autor ein: »Mancher Teilbereich der Organisation gibt – auch retrospektiv – ein durchaus fragwürdiges Bild ab. Diese Bereiche überschatten alle anderen Bereiche der Organisation. Das beginnt bei den als dilettantisch zu bezeichnenden Versuchen, ohne wirkliche Schulungsaktivitäten Sabotage- oder Stay-behind-Netze aufzubauen, und endet weder bei der Tötungsvorbereitung, der Ausspähung von innenpolitischen Gegnern, dem Einsatz von Minderjährigen noch beim Zurückschicken von Flüchtlingen mit nachrichtendienstlichen Aufträgen.« 

So hat die »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit«, wie Autor Heitzer ausdrücklich hinzufügt, »aus Sicht des Autors die Grenze zu terroristischem Handeln überschritten, weil sie erkennbar zivile Todesopfer in Kauf nahm. Sie war offen für Radikale und Gewalttäter und versuchte mit diesen für Freiheit einzutreten.« 

Das ganze Repertoire dieser Freiheit: Brandlegungen, Brückensprengungen, Giftanschläge. Sorgfältig und nicht ohne eine gewisse Degoutanz hat Heitzer, der Nachgeborene, aus Unterlagen des MfS, der KgU und den, wie er vermerkt, »mehrfach gesäuberten« Akten der CIA so manches zusammengetragen, was wir über den Kampf gegen die Unmenschlichkeit noch nicht wussten. Ein Parzival, der sich zum Fragen verführt. 

Gegen »rote Pest«Während die »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« für »die Zone« zuständig war, wurde 1950 vornehmlich für Westdeutschland mit Hilfe der CIA die Untergrundorganisation Bund Deutscher Jugend (BDJ) aufgebaut. Kern der Terroristentruppe waren Offiziere der Wehrmacht und der SS — der militärische Arm nannte sich Technischer Dienst. Diese Entstehung des BDJ als »ehrgeiziges Netzwerk der CIA« ist der Ausgangspunkt des Buches »Die Partisanen der NATO« von Erich Schmidt-Eenboom und Ulrich Stoll, das die Stay-Behind-Organisationen in Deutschland 1946 bis 1991 untersucht. Finanziert wurde der BDJ auch aus Mitteln des Bundes und der Firmen Coca-Cola, Salamander, Erdal, Reemtsma und Bosch. Der BDJ markierte Häuser und Läden bekannter Kommunisten und vermeintlicher Kollaborateure mit Banderolen »Ich bin ein Landesverräter. 

Ich unterstütze die Kommunisten« und »Wehrt Euch gegen rote Pest«. Und dann gab es auch Proskriptionslisten gegen Sozialdemokraten, die im Fall eines sowjetischen Einmarsches liquidiert werden sollten. Es kam zu Ermittlungen mit dem Ende, dass die Bundesanwaltschaft feststellte, erklärtes Ziel des BDJ sei, »gegen totalitäre Bestrebungen jeder Art« zu arbeiten. Die Voruntersuchung habe »nicht den mindesten Anhalt« dafür ergeben, dass der BDJ »andere abweichende Zwecke« verfolge. 

Auf den jeweiligen Generalbundesanwalt war stets Verlass, auch als es später galt, das Oktoberfestattentat (13 Tote, 200 Verletzte) aufzuklären, das zwei Monate nach dem Bombenanschlag der italienischen Stay-Behind-Gruppe »Gladio« auf den Bahnhof von Bologna 85 Tote und 200 Verletzte kostete. 

In Westdeutschland hatte schon vor dem Ende des BDJ längst der Bundesnachrichtendienst eine neue zwecks »unorthodoxer Kriegführung aufgebaute Stay-Behind-Organisation« geschaffen, die als Bundeswehreinheit getarnt war. Aufgrund neuen Quellenmaterials berichten Schmidt-Eenboom und Stoll über die Entwicklung der deutschen Stay-Behind-Gruppen bis zu ihrer mutmaßlichen Auflösung 1991. 

Ob sich die Autoren mit der Wahl des Verlages, der auch für die Bundeswehr tätig ist, einen Gefallen getan haben, ist fraglich. Für das wichtige Kapitel »Die historischen Wurzeln der Stay-Behind-Organisationen in Nachkriegsdeutschland« gab es – wie die Verfasser versichern – »nicht genug Raum«. Es wurde deshalb »als Bonusmaterial« auf die Website von Schmidt-Eenbooms Forschungsinstitut für Friedenspolitik gestellt (www.geheimdienste.info/texte.htm). 

Eines aber darf sich der Verlag gutschreiben: Der Publizist Stefan Aust (St. Pauli-Nachrichten, (Röhl-)Konkret, DasDa, Panorama, Spiegel, heute oberster Chef der Welt-Gruppe) hat – wie dem Buch zu entnehmen ist – bereits als Dreizehnjähriger, 1959, die Personalführung der deutschen Stay-Behind-Organisation übernommen. Das haben allerdings nicht die Autoren herausgefunden, sondern ein findiger Verlagslektor, der aus einem Aust ohne Vornamen auf Seite 151 – im Register »Aust, Stefan (Publizist)« gemacht hat. Im übrigen wurden die Namen der im Buch erwähnten Personen nach Belieben im Register verzeichnet oder nicht verzeichnet. Oder hat sich der Lektor vielleicht doch etwas gedacht, als er ins 17 Spalten umfassende Register den SS-Obergruppenführer Hans-Adolf Prützmann nicht aufnahm? Von ihm heißt es im Buch auf Seite 17, dass er von Heinrich Himmler am 19. September 1944 zum Leiter der Werwolf-Organisation ernannt wurde. Vor allem von seiner Tätigkeit handelt das Kapitel, das im Buch keinen Raum fand. 

 

__________________________ 

 

Wichtige Gegenstimmen  

Ein Sammelband mit Erinnerungen von MfS-Angehörigen  

Ernst Braumann 

In: junge Welt online vom 21.01.2016 

 

Seit den Rufen »Stasi in die Produktion« sind mehr als 25 Jahre vergangen. Die Aufregung der ersten Jahre nach 1990 hat sich gelegt, Politik, Wissenschaft und Justiz haben vieles »aufgearbeitet«, das vermeintlich oder tatsächlich mit dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in Zusammenhang stand, und eine Art Kanon geschaffen, der nun das Meinungsbild über die Sicherheitsarchitektur der DDR bestimmt – Irrtümer eingeschlossen. Einher damit ging eine relativ simple, wenngleich eingängige, Einteilung in Gute und Böse, in Opfer und Täter. 

Parallel bemühten sich frühere Angehörige des MfS von Beginn an, diesem Mainstream ihre Positionen entgegenzusetzen. Zeitzeugen sind – auch mit ihrer subjektiven Sicht – für die Forschung unschätzbare Quellen. Dies trifft umso mehr auf jene Bereiche eines Staates zu, die sich – auch in westlichen Demokratien – der öffentlichen Betrachtung weitgehend entziehen. Wer, wenn nicht die Beschäftigen selbst, vermag zu berichten, wie innere Prozesse, kollegiales Mit- und Gegeneinander, Vorbilder und Führungsverhalten funktionierten, wie sich Anspruch und Wirklichkeit, Selbst- und Fremdbild beeinflussten? 

Nach »Die Sicherheit« (2002), »Fragen an das MfS« (2010) und »Unbequeme Zeitzeugen« (2014) haben Wolfgang Schwanitz und Reinhard Grimmer mit »Wir geben keine Ruhe« wieder eine beachtliche Zahl und Vielfalt von Zeitzeugenberichten zusammengeführt. Dem früheren Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit und Leiter des kurzlebigen »Amtes für Nationale Sicherheit« 1989/1990 ist es zusammen mit dem langjährigen Offizier des MfS-Grundsatzbereichs gelungen, mehr als 30 Autoren der Jahrgänge 1923 bis 1957 zur Mitarbeit zu bewegen. Die meisten waren, teilweise über Jahrzehnte, für das MfS tätig. Sie berichten aus so unterschiedlichen Aufgabenbereichen wie der Spionage- und Funkabwehr, dem Personen- wie dem Wirtschaftsschutz, der Auslandsaufklärung, der Untersuchungsarbeit und der Ermittlung von Naziverbrechern. Darüber hinaus schildern sie ihre Motivation, sich für die DDR, ihren politischen Anspruch und die Arbeit für ihr Sicherheitsorgan bewusst zu engagieren. 

Einige Autoren sind bereits verstorben wie Bernhard Riebe. Dennoch nahmen die Herausgeber auch seinen Beitrag über die Militärabwehr mit auf. Karl Rehbaum, Führungsoffizier bedeutsamer Quellen des MfS im Westen, zeichnet den bemerkenswerten Lebenslauf des Inoffiziellen Mitarbeiters (IM) »Winter« alias Siegfried Wenzel nach unter dem Titel »Von Vietnam zur NATO-Zentrale in Brüssel«. Er lässt realsozialistische Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen durchblicken, die ideell in der DDR, physisch aber eher im Ausland unterwegs waren. Gleiches beschreibt anschaulich auch der in Australien lebende Reinhard Kluge: Über 30 Jahre war er für die Deutsche Seereederei Rostock in aller Welt und auf vielen Meeren unterwegs. 

Waren in Vorgängerbänden und gerade in »Die Sicherheit« die Texte oft in einer bürokratischen Sprache gehalten, fällt in diesem Buch der lockere, persönliche Stil der meisten Beiträge sehr angenehm auf. So liest sich Rudolf Herz’ Schilderung der von ihm miterlebten Operation der »Hauptverwaltung Aufklärung« (HV A) in Chile wie ein Krimi. Ebenso spannend und zugleich nachdenklich stimmend sind die Aufsätze von Dieter Skiba und Reiner Stenzel. In einer Organisationseinheit, die in der Bundesrepublik ihresgleichen vermissen ließ, waren sie »Naziverbrechern auf der Spur« bzw. verhörten den SS-Mann Josef Blösche. Neue Perspektiven erschließen sich, wenn Achim Kopf über Vernehmungen aus Sicht des Vernehmers berichtet und Marita Schmidt bekennt, sie war »Passkontrolleurin aus Leidenschaft«. Natürlich dürfen Darstellungen über westliche Dienste nicht fehlen. So finden Leser interessante Details, wenn sich Kurt Plache an Ermittlungen zu einem Militärspion erinnert oder Bernd Trögel über Zugänge in den Verfassungsschutz berichtet. Dass er den als »Dienstleister der HV A« beschreibt, sagt schon viel. 

Technische Aspekte der Arbeit des MfS werden selten beschrieben. Vielleicht lässt sich dieses Manko beheben, wenn sich mehr Zeitzeugen des sogenannten Spezialfunkdienstes zu Wort melden. Hier wenden sich einige Autoren bereits diesem Gegenstand zu. 

Das Buch ist auch lesenswert, weil es neben den Sachdarstellungen persönliche Ansichten der Verfasser vermittelt, darunter ihre Reflexion der sogenannten Wende. So werden politische Veränderungen der Jahre 1989/90 als »vollzogene Konterrevolution«, eine »25 Jahre andauernde Menschenjagd auf die Inoffiziellen Mitarbeiter« und der Anschluss der DDR in begrifflicher Nähe zu einer »Okkupation« (durch die alte Bundesrepublik) gesehen. An solchen Aussagen wird sich mancher stören – für die Nachwelt sind auch sie authentische Quellen von Zeitzeugen aus dem Jahr 2015. Es werden wohl nicht die letzten sein, kündigen (drohen?) die Verfasser am Ende des Buches doch an: »Wir geben keine Ruhe!« 

 

__________________________