Es ist wieder da  

Und alle reden drüber: Zum bevorstehenden Erscheinen der wissenschaftlichen Edition von Adolf Hitlers »Mein Kampf«  

Kurt Pätzold 

In: junge Welt online vom 07.01.2016 

 

 Seit Wochen schon wird es als das Buchereignis zu Jahresbeginn 2016 angekündigt: das Erscheinen einer wissenschaftlich kommentierten Ausgabe der von Adolf Hitler verfassten Hetzschrift »Mein Kampf«. Sie ist im Münchener Institut für Zeitgeschichte erarbeitet worden und wird dort am morgigen 8. Januar vorgestellt werden. Mit Jahresbeginn hat sich die juristische Situation geändert. Am 31. Dezember 2015, 70 Jahre nach Hitlers Todesjahr, waren die Urheberrechte an seinem Buch erloschen. Bis zuletzt war der bayerische Staat der Rechteinhaber. Dessen Finanzministerium hatte sich beständig geweigert, Lizenzen zu erteilen und war gegen Raubdrucke ausländischer Verlage auch gerichtlich vorgegangen. 

Diese Praxis blieb nicht ohne Widerreden, zu denen der Verweis gehörte, dass damit der Verbreitung ohnehin nicht Einhalt geboten werden könne, denn der vollständige Text sei doch im Internet für jedermann zugänglich. Nun ist eine neue Rechtssituation entstanden, Nachdrucken stehen juristische Hürden nicht mehr im Wege. Es sei denn, es wären neue geschaffen worden. Dafür hatte sich die Konferenz der deutschen Justizminister eingesetzt. Eine unkommentierte Verbreitung der Schrift sollte auch nach Ablauf der urheberrechtlichen Schutzschrift verhindert werden. Ob einschlägige Gerichte dem folgen werden, ist unentschieden. 

Allerdings bietet der Paragraph 130 des Strafgesetzbuches, der Volksverhetzung verbietet und mit Strafen von drei Monaten bis zu fünf Jahren bedroht, eine Grundlage für das Ansinnen der Justitminister. So oder so, Besucher von Buchhandlungen werden 2016 einer Ausgabe von »Mein Kampf« begegnen, einer zweibändigen, die nicht nur den Text sondern dazu erhellende Erläuterungen und Kommentare aus der Feder von Historikern bietet. Damit wird so etwas wie ein neues Kapitel seiner Geschichte eröffnet.  

  Ungenießbarer Wälzer   In den Orten, welche die alliierten Armeen im Reichsgebiet 1945 erreichten, verschwand das Druckwerk nicht nur aus den Buchhandlungen, sondern auch aus öffentlichen Bibliotheken und ebenso aus den privaten Bücherschränken einer ungezählten Masse von »Volksgenossen« mitsamt ihren Mitgliedsausweisen, Abzeichen und Orden der verschiedensten nazistischen Organisationen und deren Uniformstücken, den Bildern des »Führers«, den Hakenkreuzfahnen und allerlei anderen Devotionalien des verbrecherischen Regimes. Die Behausungen der Mehrheit der Deutschen wurden entbräunt.  

  Unter den entsorgten »Mein Kampf«-Büchern waren solche, die der Eigentümer käuflich erworben hatte und andere, die ihm – beispielsweise anlässlich seiner Verheiratung oder einer Ehrung – zum Geschenk gemacht worden waren. Unter ihnen befanden sich gelesene und ungelesene und mit Sicherheit auch einige, die einzig angeschafft waren, unwillkommene Besucher zu überzeugen, dass hier ein wirklicher »Nationalsozialist« lebte. Natürlich musste jeder sogenannte NS-Führer, vulgo Bonze, in seinem Bücherschrank oder auf seinem Bord eine Ausgabe von »Mein Kampf« stehen haben. Sie gehörte gleichsam zur Wohnungseinrichtung. Wie viele das Buch wirklich lasen, wie viele sich nur mit mehr oder weniger langen Auszügen bekannt gemacht hatten, ist nicht festzustellen und bis heute Stoff für weit auseinandergehende Urteile geblieben. Die jährlich ansteigenden Auflageziffern, die der Münchener Eher-Verlag, der Zentralverlag der NSDAP, ermittelte, geben darüber keine verlässliche Auskunft. Spätere und aktuelle Schätzungen von Forschern lassen meist außer acht, dass das Lesen umfänglicher Druckerzeugnisse nicht zu den Gewohnheiten und zur Routine breiter bäuerlicher und proletarischer Schichten in Deutschland gehörte. Und »Mein Kampf« war so etwas wie ein Wälzer. Eine 1942 gedruckte ungekürzte Ausgabe, vom Jenaer Oberbürgermeister einem Paar mit den besten Wünschen »für eine glückliche und gesegnete Ehe« überreicht, zählt 781 Seiten Text plus 28 Seiten Personen- und Sachregister. Im Anhang bot der Verlag das »Buch der Deutschen« in einer kartonierten, einer Volks-, einer Dünndruck- und in zwei Geschenkeditionen an, die billigste für 5,70, die teuerste für 24 Reichsmark.  

  Bei Schätzungen der Leserzahl muss wohl auch berücksichtigt werden, dass »Mein Kampf« nicht so sehr wegen seines geistigen Anspruchs, aber doch wegen seiner Themen und seines Stils schwerer zu lesen war als beispielsweise die drei Winnetou-Bände des Karl May oder die Romane der Hedwig Courths-Mahler. Vom Vergnüglichen zu schweigen. Und die Antwort auf die Frage wird dadurch weiter verkomplifiziert, dass viele Deutsche auf den verschiedensten Wegen mit Inhalten des Buches konfrontiert wurden. Die jüngsten durch Auszüge in ihren Lesebüchern für den Deutschunterricht. 

Andere durch die Tagespresse, dritte während Schulungen, an denen sie freiwillig oder genötigt teilnahmen.  

  Beschäftigung mit der Hetzschrift   Weder die alliierten Militärregierungen in den vier deutschen Besatzungszonen noch, später, Organe in den beiden deutschen Staaten (Parlamente, Regierungen, Gerichte) haben den Besitz, den Verleih und den Verkauf von »Mein Kampf« verboten und unter Strafe gestellt. Auf dem Markt der gebrauchten Bücher war das Werk zu erhalten, und da die Nachfrage überschaubar blieb und andererseits doch eine beträchtliche Zahl von Exemplaren dem Feuer und den Mülltonnen entgangen war, hielt sich – bis heute – der Preis für einen Band aus zweiter oder dritter Hand in Grenzen, sofern es sich nicht um Prachtausgaben oder gar ein Buch mit der Widmung des Autors handelte. In den Bibliotheken wissenschaftlicher Einrichtungen war »Mein Kampf« zwar aussortiert, doch wer beispielsweise Student an der Berliner Humboldt-Universität war, konnte, so er sein Interesse auswies, den Band im Hause der benachbarten Staatsbibliothek ausleihen.  

  Es vergingen dann einige Jahre, bis wissbegierige Deutsche sich mit »Mein Kampf« bekannt machen konnten, ohne sich deshalb durch das Original quälen zu müssen. Forschende Historiker und Journalisten vom Fach machten sich über den Text her, referierten in eigenen Publikationen mehr oder weniger kompakt und kritisch dessen Inhalt und schilderten die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Buches. Schon 1966 erschien in München von Werner Maser (1922–2007), einem einstigen Wehrmachtsoffizier und Verfechter von Hitlers Präventivkriegsthese gegen die Sowjetunion, das Buch »Hitlers Mein Kampf. Entstehung, Aufbau, Stil, Änderungen, Quellen, Quellenwert, kommentierte Auszüge«, das seitdem Auflage um Auflage, zuletzt 2015, erlebte. Gleiches gilt für Christian Zentners (geb. 1938) zuerst 1974 in München veröffentlichten Band »Adolf Hitlers Mein Kampf. 

Eine kommentierte Auswahl«. Für beide Historiker, Publizisten und Journalisten gilt, das sie Außenseiter in der westdeutschen Historikerzunft waren und blieben. Zwischen ihren Publikationen erschien 1968 das weniger beachtete Buch von Karl Lange (1893-1983), einem außerplanmäßigen Professor der Technischen Hochschule Braunschweig, »Hitlers unbeachtete Maximen. Mein Kampf und die Öffentlichkeit«. 2000 wurde in München »Hitlers Mein Kampf. Eine Interpretation« von Barbara Zehnpfennig (geb. 1956), einer Politikwissenschaftlerin, die nach pädagogischer Tätigkeit an der Hochschule der Bundeswehr Hamburg nun eine Professur in Passau bekleidet, veröffentlicht. 2009 erschien zuerst in Paris, dann in deutscher Übersetzung »Mein Kampf. Histoire d’un livre« des Journalisten. Dokumentarfilmemachers und Schriftstellers Antoine Vitkine (geb. 1977). 2010 kam Swantje Krämers »Hitlers Weltanschauung in ›Mein Kampf‹. Von der Genese zur Manifestation« in den Buchhandel. 

Diese Form der Information und Auseinandersetzung erhielt sich. Sven Felix Kellerhoff (geb. 1971), Redakteur der Zeitung Die Welt, gab 2015 »›Mein Kampf‹. Die Karriere eines deutschen Buches« heraus.  

  Einen anderen Zugang boten selbstredend die Hitler-Biographien, bei deren Abfassung kein Autor um »Mein Kampf« herumkam. Das gilt schon für die erste umfassende des damals in Oxford Lehrenden Alan Bullock (1914–2004), die 1952 in Großbritannien erschien und ein Jahr drauf übersetzt in Düsseldorf. Die wurde erst zwei Jahrzehnte später, 1973, durch die Veröffentlichung von Joachim Fests (1926–2006) profundem Band »Adolf Hitler. Eine Biographie« vom ersten Platz verdrängt, der mit einer nach Hunderttausenden Exemplaren zählenden Gesamtauflage das Bild vom »Führer« jedenfalls in einer breiten Bildungsschicht der Bundesrepublik geprägt haben dürfte. In welcher Weise, das beschrieb Fest selbst, indem er als sein Anliegen die Bewertung der von Bullock nach seiner Ansicht ungenügend gewichteten Rolle der Ideologie angab. Konkurrenz erwuchs dem voluminösen Band erst durch den Briten Ian Kershaw (geb. 1943), einen Historiker, der bis zu seiner Emeritierung an der Universität Sheffield lehrte. Dessen Hitler-Biographie kam in zwei Bänden 1998 und 2000 in London und in deutscher Sprache in Stuttgart heraus.  

  Auch konservative Historiker meldeten sich zu Wort; mit »Adolf Hitler. 

Eine politische Biographie« etwa Rainer Zitelmann (geb. 1957), ein Sympathisant der Neuen Rechten, der aus dem sozialen Demagogen einen sozialen Revolutionär machen wollte. 1991 hat die in Genf lehrende, inzwischen emeritierte Marlis Steinert in Frankreich eine Hitler-Biographie publiziert, die 1994 in deutscher Übersetzung erschien. 2002 legte Ralf Georg Reuth (geb. 1952), Korrespondent der Welt am Sonntag und ein Biographienschreiber von Rommel bis Merkel, eine weitere »politische Biographie« Hitlers vor. 2013 gab der Zeit-Redakteur Volker Ullrich (geb. 

1943), der schon mit literarischen Lebensbildern Bismarcks und Napoleons hervorgetreten war, den ersten Band einer auf zwei Bände berechneten Biographie »Adolf Hitler. Die Jahre des Aufstiegs 1889 – 1939« heraus.  

  Bis auf den heutigen Tag ist die Kette der Lebensbeschreibungen des »Führers« nicht abgerissen. Thomas Sandkühler (geb. 1962), Professor für Geschichtsdidaktik an der Berliner Humboldt-Universität, hat 2015 »Adolf H. – Lebensweg eines Diktators« vorgelegt. Ebenfalls im eben zu Ende gegangenen Jahr erschien von Peter Longerich (geb. 1955), Professor an der Universität London, nahezu 1.300 Seiten umfassende Band »Hitler. 

Biographie«, die einen Rezensenten zu der Frage animierte, ob die faschistische Herrschaft eine One-Man-Show gewesen sei, außerdem zu der Bemerkung, der Autor habe den »Führer« zu einem »allgegenwärtigen Kontrollfreak« gemacht. Etwa 250.000 Bundesbürger konnten sich nach 1990 aber auch auf ganz andere Weise mit »Mein Kampf« bekanntmachen. Serdar Somuncu (geb. 1968), ein deutscher Schriftsteller, Schauspieler und Kabarettist türkischer Herkunft zog ab 1996 mit einer szenischen Lesung aus Hitlers Buch, die den Titel »Nachlass eines Massenmörders« trug, durch deutsche Lande und bestritt 1.428 Auftritte, nicht ohne auch auf Provokationen von Neonazis zu stoßen.  

  Grenzenloser Judenhass   Kurzum, die Tatsache, dass »Mein Kampf« nicht neu gedruckt werden durfte, hat das Wissen über seine wesentlichen Inhalte und die Herstellung eines kritisch-ablehnenden Verhältnisses zur Naziideologie hierzulande nicht aufgehalten. Die These, das Buch sei tabuisiert worden, erscheint angesichts der Beschäftigung vieler Historiker mit seinem Inhalt und den daraus hervorgegangenen, sich durchaus an ein breiteres Lesepublikum wendenden Publikationen und von deren mitunter vielen Auflagen, gelinde gesagt, kühn. Dabei war in den Jahrzehnten deutscher Zweistaatlichkeit die auf den Autor und das Buch gelenkte Aufmerksamkeit in der Bundesrepublik erheblich größer als in der Deutschen Demokratischen Republik. Das besaß seine letzte Ursache darin, dass die Rolle von Personen und Ideologien im marxistischen Geschichtsverständnis erheblich anders und geringer bemessen wird als in den Strömungen der bürgerlichen Historiographie.  

  Eine umfassende Untersuchung der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit der faschistischen Ideologie, dem Inhalt und der Geschichte von Hitlers Buch bis in die Gegenwart der Bundesrepublik haben Historiker und Geschichtsdidaktiker in dem von Christian Kuchler, Professor für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften in Aachen, herausgegebenen Band »NS-Propaganda im 21. Jahrhundert. Verbot und öffentliche Auseinandersetzung« 2014 vorgelegt.  

  Wer sich auf diese Weise über Hitlers Schrift informierte, wusste in aller Regel dies: 1. Der Autor sah seinen Weg in die Politik von einer nicht näher gekennzeichneten Vorsehung bestimmt und seine Schritte als ein schweres Opfer für die deutsche Nation. Bis in seine Kriegsreden hinein hat er diese Version wiederholt und seinen schweren Verzicht auf ein ihm eigentlich bestimmtes Künstlerdasein beschrieben. 2. Dieses Buch hatte ein von grenzenlosem Judenhass Getriebener geschrieben, der keine Bedenken kannte, sich zu dieser Haltung zu bekennen und dadurch auch deren denkbare Konsequenzen zu umreißen. 3. Der Gegenpart des Juden war der Arier, eine angebliche Rasse, der aufgrund ihrer unvergleichlichen Eigenschaften erlaubt sei, auf dem Erdball jeden Anspruch zu erheben und durchzusetzen, bis hin zur Zuteilung von Lebensrechten an die Nichtarier. 4. Die wiederum höchststehende Gruppe unter den Ariern waren die von den Germanen herkommenden Deutschen, die Hitler während des Krieges dann zu den Beschützern aller Welt vor der Versklavung durch Bolschewiken und Juden erklärte. 5. Diese Höchststehenden unter den Hochstehenden hatten sich zu vermehren, verfügten jedoch jetzt schon über zu wenig »Lebensraum«. Den müssten sie auf dem Wege von Kriegen erweitern, wofür ihnen wiederum das Schicksal vor allen anderen die Ostrichtung gewiesen habe.  

  Wer das begriffen hatte, wusste auch, dass sich ein Deutschland unter diesem Führer vom Rest der Welt isolieren und gegen andere Staaten in den Krieg ziehen würde. Viele zeitgenössische Kritiker meinten, dass das ihre Landsleute doch erkennen müssten und keine Lust verspüren würden, sich auf diesen Mann und sein Programm einzulassen. Diese Haltung bemaß jedoch den Zustrom an Gefolgsleuten zu sehr an den über weite Passagen einen Antihumanisten entlarvenden Inhalt von »Mein Kampf«. Doch an der Wende zu den dreißiger Jahren war der Text nicht das Lockmittel, mit dem Hitler und seine politischen Komplizen Millionen Menschen einzufangen verstanden.  

  Edition erklärt Diktatur nicht   Nun also wird von dem in Sachen Faschismusforschung seit Jahrzehnten hochaktiven Münchener Institut für Zeitgeschichte eine nach allen Regeln wissenschaftlicher Edition gestaltete Ausgabe von »Mein Kampf« erscheinen. Das hat das finanziell und personell aufwendige Unternehmen vor Jahren schon gestartet und mit ihm zeitweilig fünf Wissenschaftler befasst. Als Herausgeber zeichnen Christian Hartmann (geb. 1959), seit 1993 Mitarbeiter des Instituts und während dieser Zeit als Hauptmann der Reserve u. a. pädagogisch tätig gewesen an der Münchener Hochschule der Bundeswehr und der Hamburger Führungsakademie der gleichen Armee, des weiteren Thomas Vordermayer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München, dessen Inhaber der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Andreas Wirsching (geb. 1959) ist, der ein eigenes Verdienst um die Publikation hat, Othmar Plöckinger (*1965), ein österreichischer Historiker und Salzburger Gymnasiallehrer, der auf die Mitarbeit u. a. durch seine Publikation »Geschichte eines Buches. Adolf Hitlers ›Mein Kampf‹ 1922–1945«, München 2006, besonders vorbereitet war, und Roman Töppel, freier Historiker.  

  Dass das Unternehmen nun an dieses Ende gebracht ist, verdient umso mehr Anerkennung, als es nicht an Schwierigkeiten und auch an Widersachern fehlte. Das zwang dazu, es immer wieder auch zu begründen und zu rechtfertigen. Und in der Tat ist die Frage nach der Legitimität nicht von der Hand zu weisen: War ein derartiger Aufwand für dieses Ziel gerechtfertigt? Dass die Fachleute im engeren Sinne, die Faschismusforscher, sie bejahen ist nicht verwunderlich. Sie, eine Kleingruppe, erhalten eine kritische Bilanz bisheriger Forschungen geliefert und mit ihr ein willkommenes Angebot an Erklärungen, Erläuterungen und Entschlüsselungen von Hunderten Details. Sie ersparen sich künftig weitläufige eigene Recherchen. Doch die Öffentlichkeit? Für sie bestehe der Gewinn, wird erklärt, darin, dass dem Mythos, der um Hitlers Buch gewoben sei, der Boden weitgehend entzogen werde. Hier wird unterstellt, dass das Buch Hitlers heute von falschen Vorstellungen gleichsam eingenebelt und dadurch interessant gemacht sei. Deren Beseitigung stelle einen Gewinn dar. Die Mythos-These wird aber nirgendwo beschrieben, und es bleibt ungesagt, worauf sie sich stützt. Befragungen könnten sie leicht bestätigen oder auch widerlegen, wenn beispielsweise Abiturjahrgänge oder Studentenkohorten gefragt würden, ob ihnen bekannt ist, dass Hitler ein Buch geschrieben hat und was sie von diesem Buch wissen. Solange da kein fester Boden gewonnen ist, bleibt der aufklärerische Anspruch Phantom und dazu Rechtfertigung für den finanziellen Beitrag, den das bayerische Finanzministerium zeitweise für den Fortgang der Arbeiten ausgeworfen hatte.  

  Die abenteuerlichste These, mit der die Herausgabe aber begründet wird, behauptet, das kritische Studium des Buches ergäbe so etwas wie einen Schlüssel zum Verständnis des »Nationalsozialismus« und der Zeit der faschistischen Diktatur. Mit ihr lässt sich der erneute Rückzug auf eine Person, auf Hitler, den Diktator, den Verbrecher usw. begründen. Das bedient alle jene ideologischen Kräfte hierzulande, die sich hartnäckig weigern, die faschistische Partei, die Bewegung und das Regime als Ausgeburten, als eine Möglichkeit der staatlichen Organisation der bürgerlichen Gesellschaft zu sehen, sondern sie als in sie eingedrungene Fremdkörper ausgeben. Neue Einsichten in die Geschichte des Aufkommens, der »Machtergreifung« und der Herrschaft des Faschismus sind von dieser Edition nicht zu erwarten. Dies sei nicht gegen das Unternehmen, aber gegen den Mythos gesagt, der um sie schon vor ihrem Erscheinen gesponnen wurde.  

 

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