Der Kriegs- und Führerideologe  

Vorabdruck aus dem PapyRossa Verlag in Köln: Martin Heidegger verteidigt in seinen »Schwarzen Heften« das faschistische Herrschaftsprinzip  

Alfred J. Noll 

In: junge Welt online vom 09.12.2015 

 

 2014 wurden die ersten »Schwarzen Hefte« Martin Heideggers (1889–1976) in der Gesamtausgabe seiner Werke veröffentlicht. Es handelt sich dabei um Tagebücher des Freiburger Philosophen aus den Jahren von 1931 bis 1975. 

Alfred J. Noll, Jurist und Professor für öffentliches Recht und Rechtslehre in Wien, hat die bisher herausgegebenen Tagebücher wie auch Heideggers relevante Schriften analysiert und publiziert seine Überlegungen nun im Kölner Verlag Papyrossa unter dem Titel »Der rechte Werkmeister. Heidegger und die ›Schwarzen Hefte‹«. Sein allgemeines Fazit: »Durch die Veröffentlichung dieser Notizen wird nicht nur in nicht mehr hinwegzudisputierender Weise belegt, was schon bisher gewiss war, dass nämlich Martin Heidegger ein bekennender, aktiver Nationalsozialist war. 

Belegt und in erschreckender Weise vor Augen geführt ist nun auch, dass Heidegger stets Antisemit und durchgängig Faschist war. Das konnte man natürlich vorher auch schon wissen. Jetzt aber ist es eine nicht mehr abzustreitende Gewissheit. Damit ist in der Diskussion um das Werk von Heidegger eine Zäsur geschaffen.«  

  jW hat aus Nolls fundierter Arbeit zur Sprache Heideggers und zu dessen Behauptung einer existentialistischen Grundeinstellung des Menschen als »Sein zum Tode« das Kapitel mit der abschließenden politischen Darstellung der Auffassungen des »Meisters aus Deutschland« ausgewählt, um daraus einen Auszug zu publizieren. Obwohl ein wenig redaktionell bearbeitet, haben wir die Verwendung des Nazijargons »Nationalsozialismus« im Artikel beibehalten, möchten aber darauf hinweisen: Es war Faschismus, was zwischen 1939 und 1945 in Deutschland herrschte, dieser war weder national noch sozialistisch. (jW)  

  Es ist durchaus erstaunlich, dass sich das öffentliche »Erschrecken« über Heideggers »Schwarze Hefte« durchweg nur auf die antisemitischen Eintragungen Heideggers beschränkt. (Der engen Heidegger-Schülerkreis ausgebildete, jW) Rainer Marten hat ganz recht, wenn er schreibt: »Ich finde es schade, dass jetzt in den ›Schwarzen Heften‹ alle nur nach den nächsten Juden-Stellen suchen, die freilich allesamt unsäglich sind. Da soll man genauer lesen. Die Philosophie ist das Problem. Dieser existentiale Solipsismus, diese radikale Vereinzelung und dieses mystifizierte Nicht-Gott-Sein bis hin zum letzten Gott, der nur ein deutscher sein kann! Das geht eben nur, wenn die anderen keine Rolle spielen, wenn das Leben nichts gilt«.1 Noch viel überraschender, weil bisher in diesem Ausmaß und in dieser Intensität nicht bekannt, scheint mir aber zu sein, in welchem Ausmaß sich Heidegger in den »Schwarzen Heften« als Kriegs- und Führerideologe und Verharmloser des Naziregimes zeigt.  

  Vor 1945 betreibt Heidegger eine konsequente und vollmundige Verteidigung von Führerstaat und Diktatur, von Barbarei und Kriegseintritt, von Manipulation und Deutschtümelei: Rücksichtslos bestimmt Heidegger das nationalsozialistische Terrorsystem zunächst als »notwendig« und unabdingbar; deswegen sei es auch völlig unangebracht, daran Kritik zu üben oder dagegen »kurzfristige ›Opposition‹« (GA 94, 472)2 zu betreiben. Das »Haftenbleiben an Mißständen«, also das Aufzeigen von Terror und Vernichtung, würde nur den Blick trüben (GA 94, 486). Das Naziregime sei in seinem Wesen »geschichtlich«, deshalb müsse es mit Unbedingtheit verteidigt werden. Dass es zu Ausschreitungen geistiger und physischer Art komme, dass Gewalttätigkeit herrsche, das sei nicht weiter verwunderlich, und man soll sich dabei nicht aufhalten. Man solle sich nicht darüber wundern, dass die »Verwandlung des Menschen« so langsam vonstatten gehe (GA 95, 116), handle es sich doch bei der nationalsozialistischen Bewegung um eine »geschichtliche«. Die sich abzeichnende »Entscheidung zwischen dem Seienden und dem Seyn« sei als »geschichtliche Bestimmung eines Volkes« zu lesen (GA 95, 117), und dies wird von Heidegger vorbehaltlos unterstützt. Die »völkische Weltanschauung« habe im Rahmen dieser »geschichtlichen« Bewegung ihre »eigene Notwendigkeit«, sie könne »ihren ›totalen‹ Charakter unmittelbar und leicht kenntlich und einleuchtend machen« (GA 94, 446) – und sie habe deshalb auch ihre volle Berechtigung.  

  Lob auf das »Führertum«   Die immer wieder vorgetragene Behauptung, Heidegger habe sich spätestens 1934 vom Nationalsozialismus distanziert, ist falsch. Heidegger hat sich von den »Umgangsformen« der NSDAP distanziert, er lehnte an ihr gewisse »pöbelhafte« Züge ab, die sich mit seinem traditionellen Habitus als bildungsbürgerlicher Denker nicht in Übereinstimmung bringen ließen und die er als Ausdruck der waltenden »Machenschaften« zu erkennen vermeinte – an der seinsgeschichtlichen Berechtigung der NSDAP kamen Heidegger keinerlei Zweifel.  

  Heidegger tritt alsbald für die »Entfachung des Kampfes« (GA 95, 203) ein. Er baut darauf, dass schon im Ersten Weltkrieg »der Frontgeist sich sammelte« (GA 95, 370) – und dass es jetzt gelte, diesen »Frontgeist« geordnet auszunützen. Da dies nicht ohne weiteres erfolgen könne, bedürfe es der propagandistischen Einwirkung auf das Volk, der Manipulation des Volkes. Viel sei jetzt, nach der Festigung nationalsozialistischer Herrschaft, nicht mehr nötig, und insofern sei das Thema selbst auch nicht mehr so beachtlich. Heidegger vergisst aber nicht hinzuzufügen, dass die offenkundige Manipulation der Massen vor allem nicht durch eine »nachgetragene« Moral in Zweifel gezogen werden dürfe (GA 95, 190).  

  Heidegger redet den Zweiten Weltkrieg herbei. Er rechtfertigt ihn durch die behauptete Notwendigkeit der »Besinnung und Suche der anfänglichen Ereignung durch das Seyn« (GA 95, 192). Wobei von ihm expressis verbis erklärt wird, dass der Krieg nicht das Schreckliche sei (GA 95, 200) – viel schlimmer noch sei ein »bloßes Hintreiben auf die Beruhigung eines Ausgleichs« (GA 95, 194). Der Friede sei ohnedies nur eine Zeit »bloßer Verträglichkeit zum Zwecke des beruhigten Geschäftemachens und der Störungslosigkeit des Geltungsdrangs« (GA 95, 235). Und der bereits stattgefundene Weltkrieg wäre noch »eine zu kleine Not« (GA 94, 510) gewesen. Der neue Weltkrieg aber immerhin »könnte gar ein Aufbruch des Seyns werden«, der endlich »das Bisherige in seiner Leere enden läßt« (GA 95, 62).  

  Das »Führertum« wird von Heidegger hochgelobt, weil nur im Führer die Masse zu sich selbst komme. In den »Schwarzen Heften« finden wir mit einer Vielzahl von Wortwendungen eine denkerische Anbindung Heideggers an den Führerkult. Die Eindeutigkeit, mit der Heidegger 1933/34 in der Öffentlichkeit aufgetreten ist, findet man in den privaten Eintragungen nicht. Aber diese Notizen sind umgekehrt in ihrer oft unentschiedenen und für Missverständnisse zugerichteten Art nachgerade darauf angewiesen, im Kontext ihrer Niederschrift gedeutet zu werden. Im Februar 1934, also kurz vor der Niederlegung des Rektorats, erklärte er vor dem Freiburger Studentencorps: »Jede Wissenschaft ist politisch; politisch in dem Sinne, daß das Wissen in jeder Frage, in jeder Antwort im Volk begründet ist. 

Nur dann kann der wahre Volkswille als gemeinschaftliche Haltung aller Stände, fest und unmittelbar zusammengewachsen mit dem Staatswillen, entstehen. Das ist der Sinn, der in den Worten des Führers liegt: ›Die Führung für das Volk und das Volk für die Führung‹«. (Der konservative Berliner Politikwissenschaftler, jW) Alexander Schwan hat schon Ende der 1980er Jahre die Verbindungen nachgezeichnet: »Die Wissenschaft hat sich der Philosophie und mit dieser der neuen politischen Bewegung einzureihen und zu fügen. Nur mit Hilfe der führerbetonten, autoritären, diktatorischen Politik der Nationalsozialisten konnte Heidegger erreichen, dass die Wissenschaft sich auch dem Geheiß seines Philosophierens zu unterwerfen hatte – so glaubte er illusionär und vermessen. Und nur wenn sich die Wissenschaft unter dem politischen Führerprinzip als ›Kampfgemeinschaft der Lehrer und Schüler‹ konstituierte und in ›Führung‹ und ›Gefolgschaft‹ strukturierte, konnte auch aus der Führung des Philosophen etwas werden. Hier sind persönliche, philosophische und politische Interessen miteinander verquickt.«3  

  Das Soziale als das Entfremdete   Zwar würden der Begriff und die Bedeutung von »Rasse« durch die vulgär-nationalsozialistische Bewegung falsch eingeordnet, aber Heidegger zufolge könne es am Begriff selbst keinen Zweifel geben. Man sollte daher auch keine »alltäglichen kurztragenden Einwände« dagegen erheben, denn von dieser Bewegung (also der NSDAP) »kann der Denkende [sic!] und der um das Wesen des Deutschen Kämpfende nie ›groß‹ genug denken« (GA 95, 318). Das Deutschtum rechtfertigt bei Heidegger alles (GA 96, 31). Niemals dürften deshalb die »Stützen der Gewalt ›moralisch‹ abgewertet werden«. Und nur ein Diktator besitze die Fähigkeit, sich »durch keine Verführung aus der Bahn drängen (zu) lassen«. Er müsse deshalb »bis in alle Wesensfolgen bejaht« werden (GA 95, 431). Wobei das »Hinrichten« nichts sei, über das man sich »romantisch entrüsten dürfte« (GA 95, 6) – immerhin gehe es um den »äußersten Existenzkampf« (GA 96, 263). Heidegger verteidigt Hitler bis zuletzt – und darüber hinaus.  

  Seine »Kritik« am Vulgärnationalsozialismus richtet sich nirgends gegen die spezifisch nationalsozialistischen Inhalte dieser »Bewegung«, sie verbleiben durchgehend im Rahmen einer ungesellschaftlichen Kulturkritik, wie wir sie aus (Heideggers frühes Hauptwerk, jW) »Sein und Zeit« schon kennen: Das In-der-Welt-Sein ist als Sein im »Man« (im Unpersönlichen) bezeichnet und stellt die Grundform »des Zerfalls« der Existenz dar. Das gesellschaftliche Sein des Menschen ist folglich auch die Entfremdung. Das Soziale, das ist das Entfremdete. Diese Auffassung der Rolle des sozialen Lebens der Menschen bringt Heidegger immer wieder zum Ausdruck. Er sagt: »Dieses Miteinandersein löst das eigene Dasein völlig in die Seinsart der ›Anderen‹ auf, so zwar, daß die Anderen in ihrer Unterschiedlichkeit und Ausdrücklichkeit noch mehr verschwinden. In dieser Unauffälligkeit und Nichtfeststellbarkeit entfaltet das Man seine eigentliche Diktatur. Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt, wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt; wie ziehen uns aber vom ›großen Haufen‹ zurück, wie man sich zurückzieht, wir finden ›empörend‹, was man empörend findet« (Sein und Zeit, S. 126 f.).  

  Es sind bloße Surrogate der Kollektivität, denen Heidegger hier auf der Spur ist. Für Heidegger ist die Gesellschaft per se lediglich eine wechselseitige Nachahmung von Individuum zu Individuum, die Herrschaft der »Schicklichkeit«, in der die Individualität verloren geht. Er sieht in der Gesellschaft nur die Herrschaft der Standards – und die stößt ihm auf, auch und sogar dann, wenn er die Herrschaft des »Man« in und durch die nationalsozialistische Bewegung konstatiert. Es ist unrichtig, dass Heideggers Verhältnis zum Nationalsozialismus »ambivalent« geblieben wäre. Er stand eben nicht »philosophisch im Gegensatz zur totalitären Ideologie«4, sondern er stand philosophisch vor dem NS-Regime, und er hatte einige kulturkritische Vorbehalte gegen den alltäglichen Ablauf nationalsozialistischer Machtausübung. (…)  

  Nach 1945: »Deutschland ein KZ«   Die Lektüre der »Schwarzen Hefte« beweist im wesentlichen die Richtigkeit einer Einschätzung, die der zu früh verstorbene (Literaturkritiker der Wochenzeitschrift Die Zeit, jW) Paul Hühnerfeld schon Anfang der 1960er Jahre gegeben hat: »Wer […] Heideggers innerer Entwicklung heute nachgeht, wer die mannigfachen Sentiments und Ressentiments, die seine Philosophie trotz seiner scheinbaren ›Objektivität‹ durchkreuzen, analysiert, wer die tiefen und dunklen Gründe seines Lebens zu durchleuchten versucht, der kann die Hinwendung des Freiburger Denkers zum deutschen Faschismus nicht als Tagesirrtum empfinden. Sie war vielmehr folgerichtig und notwendig. – Die gemeinsamen Wurzeln des deutschen Faschismus und des Heideggerschen Denkens liegen zu klar vor jedem, der sehen kann. Es war derselbe Irrationalismus, dieselbe gefährliche Romantik, gemischt mit Nationalismus und Intoleranz gegen den Andersdenkenden. In den Nationalsozialisten stellte das missgeleitete Deutschland seine skrupelloseste Massenbewegung, in Heidegger sein subtilstes Genie. Ihr Unterschied ist in der Tat gewaltig – es ist der Unterschied zwischen Massenhysterie und schöpferischem Individualismus. Aber es ist dennoch nur ein Unterschied des Niveaus und nicht der Art«5.  

  Nach 1945 rechtfertigt Heidegger das NS-Regime, relativiert die Verbrechen der Nationalsozialisten und hält weiterhin am »geistigen Nationalsozialismus« mit aller Entschiedenheit fest. Die Alliierten und die Weltöffentlichkeit seien völlig unfähig zu begreifen, was sie angerichtet hätten. Aber auch die Deutschen könnten nicht verstehen: Sie seien in einem Ausmaß vom »Nihilismus« befallen, demgegenüber »alle Massivität der Henkersknechte und der Kz« verblasse (GA 97, 59). Die Sieger und auch die Deutschen hätten nichts gelernt. Die auch von Heidegger wahrgenommenen »Greuel des Nationalsozialismus« seien vergleichsweise unwesentlich (GA 97, 98), und irgendwann wird es Heidegger zufolge trotz der Niederlage dann doch noch dazu kommen können, dass die Nazizeit »als Willen zum Willen im Sinne eines Weltprozesses gesehen wird« (GA 97, 129).  

  Der angestrengte und nicht immer völlig entschlossene Versuch, nach 1945 in Deutschland wieder demokratische Verhältnisse herzustellen, wird von Heidegger als gleich irrig denunziert »wie das wilde Wollen des Nationalismus« (GA 97, 99). Jetzt, unmittelbar nach 1945, sei »das deutsche Volk und Land ein einziges Kz – wie es ›die Welt‹ allerdings noch nie ›gesehen‹ hat« (GA 97, 100). Es sei jetzt schlimmer als zu Zeiten der »Verwilderung des Nationalsozialismus« (GA 97, 100). Alle Welt sei gegen Deutschland und die Deutschen, die Welt sei erfüllt von einem »Vernichtungswillen« – und dennoch sei im Verborgenen »mehr ›Haltung‹ und ›Heldenmut‹, als das ganze ›demokratische‹ Geschrei vermuten läßt« (GA 97, 146). Man werde noch dahinterkommen, dass es richtiger gewesen wäre, die »totale Organisation« der Nazis sich vollenden zu lassen, »als nur verspätet ein planetarisches Naserümpfen über ›Faschismus‹ zu inszenieren und den geschichtlichen Augenblick zu verpassen« (GA 97, 150).  

  Als Postfaschist predigte Heidegger Quietismus, Ruhe, Enthaltung des Geistes von politischer Aktion: »Jede Art Polemik verfehlt im voraus die Haltung des Denkens. Die Rolle eines Widersachers ist nicht die Rolle des Denkens. [...] Das Denken verleiht unmittelbar keine Kräfte zum Handeln« (Was heißt Denken?, S. 49 und S. 161). Der nachhitlerische Heidegger sah also anders aus als der hitlerische. Die herrschenden Eliten mussten sich nach 1945 taktisch zurückziehen, um ihre erschütterte Position konsolidieren und neue Verwirrungen vorbereiten zu können. Die nazistische Expansion war gescheitert. Unter nazistischen Aspekten konnte man das irregeführte Volk nicht zur politischen Aktion entbehren. Die Deutschen wurde daher vordem mit deutschnational-völkischer Tendenz als »metaphysisches Volk« apostrophiert. Dessen Aufgabe war es, »die Geschichte des Abendlandes in den ursprünglichen Bereich der Mächte des Seins zu stellen [...], indem der Anfang ursprünglicher wieder angefangen wird, und zwar mit all dem Befremdlichen, Dunklen, Ungesicherten, das ein wahrhafter Anfang mit sich führt« (Einführung in die Metaphysik, S. 29 f.).  

  Aristokratisches Denken   Vom Weg des Denkens sagte Heidegger später: »Vielleicht ist es jedoch überhaupt nicht angebracht, ihn öffentlich sichtbar zu machen« (Was heißt Denken?, S. 165). Heideggers Denken blieb esoterisch nur denen vorbehalten, die als Eingeweihte seiner »verschworenen Gemeinschaft« angehörten. Beifällig wurde von ihm vermerkt, dass »Heraklit von den Vielen als den Hunden und Eseln spricht« (Einführung in die Metaphysik, S. 101 f.). Die Barbarei musste durchgesetzt werden. Darum bedurfte es eines aristokratischen Führerkults, einer Denunzierung des »gesunden Menschenverstandes«, einer Herabwürdigung des Menschen als Menschen, um die Wenigen als einzig berufene »Hüter des Seins« auszuzeichnen, weil, wie es hieß, »das Sicheinlassen auf das Denken in sich etwas Seltenes und wenigen vorbehalten bleibt« (Was heißt Denken?, S. 86).  

  Heidegger behauptete gerne, das Denken befinde sich noch keineswegs in einem besonders fortgeschrittenen Zustand. Die anfänglich allein richtigen Wege seien jahrhundertelang verschüttet gewesen: »Wir sind noch nicht in dem gemäßen Raum, um über die Freiheit nachzudenken und auch nur davon zu reden, solange wir auch gegenüber dieser Vernichtung der Freiheit den Blick verschließen« (Was heißt Denken?, S. 159).  

  Offensichtlich kann man nicht zu jeder geschichtlichen Zeit über Freiheit nachdenken, das Nachdenken über Freiheit wird hier denkgeschichtlich zeitlichen Einschränkungen unterworfen. Freiheit wird von einer bestimmten »Reife« des Menschen abhängig gemacht und soll solange ausgeschlossen bleiben, bis dieses Reifestadium erreicht ist. Der aristokratische Zug dieses Denkens ist evident. Denn das Denken, das nicht über die Freiheit nachdenkt, wird nie die Reife erlangen, sich zu befreien, also seine Freiheit gegen die Widerstände und Schranken einer schlechten Wirklichkeit durchsetzen. Heidegger positionierte sich durch derartige Aussagen als eminent autoritärer Denker, weil er die erst in diesem Denken zu erlangende Reife als Vorbedingung für das Denken selbst setzte. »Heidegger weiß nicht, was Freiheit ist«, notierte (der Schweizer Existentialphilosoph, und insofern aus derselben Denkrichtung kommende, jW) Karl Jaspers6 – was nicht heißt, dass Jaspers es (vor 1938) gewusst hätte.  

  Heideggers seinsgeschichtliche Haltung führt ihn zu einer Kriegsideologie, sein Denken rechtfertigt den Nationalsozialismus, verharmlost ihn und treibt Heidegger selbst nach 1945 zu einem widerwärtigen Revanchismus. (Der freischwebende Philosoph und Jaspers-Schüler Manfred Thiel dazu, jW) »Heidegger war Nationalsozialist in prototypischer Weise, d.h. gerade in der unheilvollsten Eigenkonsequenz des Nationalsozialismus. Ohne Übertreibung lässt sich sagen: Deutschland und ganz Europa ist an dem ›Geist‹ Heideggers durch den Zweiten Weltkrieg ruiniert worden. Man kann ohne weiteres auf Grund genauer Analyse sagen: Erst wer Heidegger verstanden hat, begreift das Unheil, das der Nationalsozialismus bedeute und heraufgebracht hat, und wer Heidegger verstanden hat, kann sich über dieses Unheil nicht mehr wundern.«7 – Und die Lektüre der »Schwarzen Hefte« belegt aufs neue (so der Heidegger-Schüler und konservative Hegel-Experte Hans-Georg Gadamer, jW), »that Heidegger still remained sufficiently a Nazi after the war« (dass Heidegger auch nach dem Krieg Nazi genug blieb).8  

  Anmerkungen  

  1 Rainer Marten (2015): Heidegger denkt gegen das Leben, in: Hohe Luft, Heft 3, S. 75 ff. – Solipsismus ist ein Prinzip, wonach sich jedes Individuum selbst zum Maßstab macht (jW).  

  2 Das Sigel »GA« steht für »Martin Heidegger Gesamtausgabe«. Sie erscheint im Verlag Vittorio Klostermann und ist auf 102 Bände angelegt. 

Die erste Zahl bezeichnet den Band der Ausgabe und die zweite die Seitenzahl darin. Die Bände 94 bis 97 sind mit »Überlegungen« überschrieben. (jW)  

  3 Alexander Schwan (1989): Politische Philosophie im Denken Heideggers). 

Opladen (2., erweiterte Auflage, 1. Auflage 1965)  

  4 Ebd., S. 214  

  5 Paul Hühnerfeld (1961): In Sachen Heidegger. Versuch über ein deutsches Genie. München (1. Auflage 1959)  

  6 Karl Jaspers (2013): Notizen zu Heidegger, hg. von H. Saner. München  

  7 Manfred Thiel (1977): Martin Heidegger. Sein Werk – Aufbau und Durchblick. Heidelberg  

  8 Hans-Georg Gadamer (1992): On Education, Poetry, and History. Applied Hermeneutics, hg. von D. Misgeld/G. Nicholson. Albany  

 

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