Prosa mit Haltung  

Vor zehn Jahren starb Harry Thürk. Er war einer der meistgelesenen Autoren der DDR  

Kai Köhler 

In: junge Welt online vom 24.11.2015 

 

 Um einen Schriftsteller kennenzulernen, hilft manchmal der Blick auf seine Feinde. Über Harry Thürk schrieben sie zum Beispiel folgendes: Ein »deutscher demokratischer Denunziant« sei er, so Die Zeit 1979 in einer Aburteilung des Romans »Der Gaukler«. Was Thürk produziere, sei »rote Kolportage« eines »fleißigen Genossen«, die »sehr oft an die entsprechenden Bücher und Filme aus dem Dritten Reich« erinnere. Und weil der Schriftsteller nach dem Anschluss der DDR immer noch seine Leser hatte, prägte Der Spiegel 1995, anlässlich einer Neuauflage des Kriegsbuchs »Die Stunde der toten Augen«, das Schlagwort vom »Konsalik des Ostens«, dessen »politpornographische Romane« immer noch Spitzenauflagen erzielten. 

 Manches davon ist Unsinn. Der Nazivergleich von 1979 ist einer platten Totalitarismusideologie geschuldet. Er wurde 1995 vom Spiegel, der sich an »Sprachbilder des Stürmer und der Prawda« erinnert wähnte, aufgegriffen und dadurch nicht richtiger. Bei Thürk findet sich kein Hass gegen irgendwelche Völker, und wo er Krieg schilderte, da beschrieb er ihn als die Tatsache, die er leider ist, aber niemals als Höhepunkt nationalen Lebens. Anders als der westdeutsche Bestsellerautor Heinz G. Konsalik propagierte er auch keine völkerpsychologischen Klischees. Vielmehr ist sein Werk, wie zu zeigen sein wird, auf bemerkenswerte Weise frei von dem, was als »Kampf der Kulturen« heute weite Teile des öffentlichen Bewusstseins prägt. 

 Die Verleumdungen rühren daher, dass Thürk in der Tat ein »fleißiger Genosse« war; fleißig, was die Quantität seiner Veröffentlichungen und seine Tätigkeit im Schriftstellerverband angeht, und Genosse durch die Parteilichkeit seiner Bücher. Der Vorwurf der »roten Kolportage« hat ihm vielleicht gefallen. Es ging ihm im Interesse der Inhalte stets darum, seine Romane und Dokumentationen spannend und leicht lesbar zu gestalten. 

Eine Millionenauflage beweist den Erfolg dieses Konzepts, was zur Folge hat, dass alle hier erwähnten Bücher, soweit sie nicht ohnehin wiederaufgelegt wurden, antiquarisch leicht erhältlich sind. Die zahlreichen Auslandsausgaben erschienen allerdings fast nur in sozialistischen Ländern. Ausnahmen sind lediglich je eine Übersetzung ins Finnische und ins Spanische und russische Ausgaben auch nach 1991. Im deutschsprachigen Westen erschienen nur die Antikriegsromane »Das Tal der sieben Monde« und, 23 Jahre nach der Publikation in der DDR, 1980 »Die Stunde der toten Augen«. Die Rezeption des Werks ist zwischen Ost und West scharf geteilt. 

 Thürk wusste Bücher sicher zu konstruieren, wollte sein Publikum bei der Sache halten und schrieb schnell. Dies führte dazu, dass nicht jede Formulierung gelungen ist. Zumal was der Spiegel als Darstellung von Frauen und Sexualität als Beispiele für Politpornographie zitiert, zeigt, wie Thürk es seinen Gegnern manchmal leichter machte als nötig. Seine Wahl von Genre und Stilebene bedeutete angesichts der Trennung von Hoch- und Unterhaltungsliteratur auch, dass literaturwissenschaftliche Beachtung eine Ausnahme blieb. 

 Kriegserlebnis Thürks Entscheidung, humanistische Inhalte massenwirksam zu verpacken, kann leicht durch seine Biographie erklärt werden. Dabei überrascht es nicht, dass Kriege in vielen seiner Werke eine große Rolle spielen, denn der 1927 geborene Autor gehört zu den zahlreichen späteren Schriftstellern, die noch kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs als Flakhelfer oder zur Wehrmacht eingezogen wurden; andere Beispiele sind Günter Grass, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger und Alexander Kluge, oder aus der DDR Hermann Kant und (mit dem Erlebnis der Flucht) Christa Wolf. Das biographische Unglück scheint in dieser spezifischen Form besonders prägend zu sein: Das Kriegserlebnis findet in einer Lebensphase statt, in der Jugendliche besonders aufnahmebereit sind. Es dauert andererseits nicht so lange, dass eine Gewöhnung eintritt, und kann so als außerordentlicher Einschnitt das ganze Leben konserviert werden. 

 Thürk kam zum Kampfeinsatz an die Ostfront. Nach kurzer Gefangenschaft bei einer Miliz kehrte er im Frühjahr 1945 in seine schlesische Heimat zurück, aus der er im folgenden Oktober umgesiedelt wurde. In Weimar machte er erste Schritte als Autor und arbeitete gleichzeitig als Zeitungsredakteur: 1948 begannen sowohl seine Mitarbeit im Arbeitskreis junger Autoren Thüringens als auch seine Tätigkeit für den sowjetischen Nachrichtendienst SNB. Diese Zweiheit von Fiktionalität und Dokumentarismus sollte prägend bleiben. 

 1953 begann seine lebenslange Beschäftigung mit Ostasien: Thürk reiste als Kriegsreporter nach Vietnam und nach Korea. 1956–58 folgte ein längerer Aufenthalt in Peking, als Berater der deutschsprachigen Zeitschrift China im Bild. Bis 1980 flog er immer wieder als Korrespondent nach Ostasien, meist nach Vietnam. Danach gestattete ihm seine Gesundheit keine größeren Anstrengungen mehr, da er in einen Einsatz des Entlaubungsmittels Agent Orange durch die US-Armee geraten war. Den Vorsitz des Schriftstellerverbands im Bezirk Erfurt/Gera, den er seit 1971 innehatte, gab er 1983 auf; aus der SED-Bezirksleitung Erfurt schied er 1984 aus, doch blieb er literarisch produktiv. Noch in den 1990er Jahren entstanden neben einer Reihe von Kriminalromanen mehrere Dokumentationen, die ostasiatische Kriege aufarbeiten. In den letzten Jahren vor seinem Tod begnügte er sich mit Notaten zum Zeitgeschehen; er starb vor zehn Jahren, am 24. November 2005.¹ 

 Objektivierung des Erfahrenen Thürk schrieb Prosa und für den Film; Theaterstücke und Gedichte fehlen im Werk. Für die DEFA entstanden zahlreiche Szenarien und (teils in Koautorschaft) einige Drehbücher; nach dem erfolgreichen Spielfilm »For eyes only – Streng geheim« von 1963, in dem ein Agent der DDR einen Angriffsplan der NATO durchkreuzt, sind in der Mehrzahl dieser Arbeiten Geheimdienstaktivitäten Thema. Das gilt auch für Verfilmungen von Thürks Romanen, so von »Des Drachens grauer Atem« (1975) im Jahr 1978: Der Held gerät in Bedrängnis, als er entdeckt, wie die CIA Profite aus dem thailändischen Rauschgifthandel abschöpft, um damit in Burma einen Bürgerkrieg anzufachen. 

 Die Arbeit für den Film erfordert einen hohen Grad an Objektivierung: Man muss Aktion und Gegenaktion entwerfen und sich vorstellen, wie Schauspieler – im Blickfeld der Kamera – das Gewollte verkörpern. Ein Roman dagegen erlaubt es, Gedanken und Gefühle der Personen direkt zu notieren. Mit »Die Stunde der toten Augen« (1957) knüpft Thürk zwar einerseits an seine Erlebnisse in der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs an, doch bedeutet schon die Wahl des Personals eine Verschiebung. Statt unerfahrener Rekruten treten Spezialisten des Tötens an, nämlich Fallschirmjäger einer Spezialeinheit, die immer wieder hinter der sowjetischen Front abgesetzt werden, um den Aufmarsch der Roten Armee zu sabotieren. 

 Mit drei Zentralfiguren verdeutlicht Thürk drei unterschiedliche Haltungen innerhalb dieser Elitetruppe. Der Unteroffizier Timm blickt auf eine bruchlose Karriere als Faschist zurück, vom SA-Schläger bis zum gewissenlosen Mörder als Soldat. Gleichzeitig weiß er, wann er die Disziplin seiner Gruppe lockern muss und wie er die Männer bei Laune hält: Sein Talent zur Menschenführung macht ihn zum effektiven Frontschwein. Den Zynismus teilt mit ihm sein Untergebener Zadorowski, ein ehemaliger Artist, der sich nach einer spontanen Widerstandshandlung vor der Gestapo in die Wehrmacht gerettet hat und der nun vor allem zu überleben versucht. Idealistischer ist dagegen der ehemalige Bibliothekar Bindig, der mehr als die anderen daran leidet, immer wieder zu töten; der ein wenig sensationsheischende Romantitel bezieht sich auf seine Angstvorstellungen. 

 Die Konstellation wurde zum Gegenstand ideologischer Kritik. Christa Wolf verwarf 1958 die erzählerische Konzentration auf unerfreuliche Einzelheiten und verlangte statt naturalistischer Details einen Realismus, der die wesentlichen Züge der historischen Entwicklung zeige. Gleichfalls in Neue Deutsche Literatur, der Zeitschrift des Schriftstellerverbands der DDR, attackierte Eva Strittmatter 1959 das Herangehen Thürks. Sie meinte, eine »harte Schreibweise« zu entdecken, geschult an nicht- oder antikommunistischen US-Autoren wie Norman Mailer oder Ernest Hemingway. In der undifferenzierten Fixierung auf Brutalitäten vermittle Thürk keine Einsichten in das gesellschaftlich Wesentliche. Vielmehr würden sich die jugendlichen Leser in der DDR mit den faschistischen Mördern identifizieren. 

 Die Kritik ist ein Beispiel für die falsche Anwendung richtiger Kategorien zur Unterscheidung von Naturalismus und Realismus. Zum einen ist festzustellen, dass die »harte Schreibweise« heute eher harmlos wirkt. 

Offensichtlich ist historisch bedingt, was in der Kunst brutal wirkt; und offensichtlich hat das nichts mit Lebenserfahrungen zu tun. Die meisten Leser von 1957 dürften Kriegsleichen gesehen haben, waren aber durch Literatur leicht zu erschrecken; Kinogänger von 2015, in vergleichsweise friedlichen Gesellschaften aufgewachsen, erfreuen sich an weitaus blutigeren Szenen, als Thürk sie schildert. Zum anderen begründet Thürk die Haltung seiner Figuren durchaus mit historischen Erfahrungen, und er zeigt, dass sie in den Tod führt. Wer sich dennoch mit ihnen identifiziert, muss Vorgeschichte und Handlungslogik des Romans ausblenden. 

 »Die Stunde der toten Augen« wurde aus Bibliotheken entfernt und erst dadurch rehabilitiert, dass die tschechische Übersetzung ein großer Erfolg wurde. Mit Ausnahme des Romans »Das Tal der sieben Monde«, der vermutlich vor Strittmatters Kritik skizziert wurde, beschäftigte sich Thürk als Buchautor mit ostasiatischen Themen, bis 1978 sein Hauptwerk »Der Gaukler« erschien. 

 Der Roman handelt von einem Schriftsteller; darum beginnt er in einem CIA-Büro, wo ein ehrgeiziger Nachwuchsagent Berichte über mögliche Dissidenten durcharbeitet. Sein Spürsinn trügt ihn nicht. In einer mehrjährigen Operation wird jener Wetrow, den er aussucht, zum weltweit bekannten unterdrückten Künstler und schließlich zum Nobelpreisträger aufgebaut. Der Geheimdienst nutzt, wie üblich im Metier, Gefühle und Hoffnungen von Kontaktpersonen, die instrumentalisiert und anschließend fallengelassen werden. Am wenigsten Skrupel hat Wetrow selbst, der ohnehin seine Umgebung nur im Hinblick auf seine eigenen Zwecke wahrnimmt und ansonsten einen geradezu pathologischen Hass auf alles Sowjetische pflegt. 

 Wetrow ist ganz offensichtlich nach dem Vorbild Alexander Solschenizyns gezeichnet. Wie dieser war er während der Stalinzeit inhaftiert, wie dieser feiert er einen ersten Erfolg mit einem Werk über diese Zeit; aus »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch« wird bei Thürk »Lagertag«, und auch die späteren Bücher Wetrows verweisen schon im Titel auf die Texte des sowjetischen Oppositionellen. Zudem sind die Personen, die Wetrow trifft, mehrfach nach realen Vorbildern geformt. Teils sind sie leicht verfremdet, teils treten sie unter Klarnamen auf, wie der Schriftsteller Alexander Twardowski, der in der Realität Solschenizyns Lagererzählung in der Literaturzeitschrift Novy Mir drucken ließ und im Roman Wetrow vergeblich davon zu überzeugen versucht, dass dieser seine Erfahrungen nicht zum Anlass für Empörung nehmen möge, sondern für historisches Verständnis. 

 Thürk will unterhalten und ein klares Weltbild vermitteln. Im Vordergrund stehen spannende Handlung, Faktennähe und Identifikationsmöglichkeiten. 

Letzteres führt dazu, dass die Figuren kaum Widersprüche aufweisen. An Wetrow ist kein sympathischer Zug zu entdecken; der Literaturwissenschaftlerin Cathérine Laborde dagegen, die ohne ihr Wissen als Kontaktperson der CIA fungiert, ist allenfalls eine gewisse Naivität vorzuwerfen. Das ist (verglichen mit »Die Stunde der toten Augen«) eine Schwäche des Romans, der dafür aber einen größeren Überblick über die Weltzustände vermittelt. 

 »Der Gaukler« bedeutete auch eine unmissverständliche Positionierung unter den Schriftstellern der DDR. Das poetologisch und politisch zentrale Gespräch zwischen Wetrow und Twardowski zeigt, dass Thürk keineswegs gegen Kritik überhaupt war. Allerdings forderte er, sich nicht von schlechten Erfahrungen überwältigen zu lassen und die Erscheinungen stets in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Dieser Zusammenhang war ohne die Frage: Wem nützt es? nicht sinnvoll zu denken. Thürk, für den Krieg stets ein wichtiges Thema blieb, hatte anders als viele seiner Kollegen begriffen, dass Frieden im Zeitalter der Systemkonkurrenz nicht mehr sein konnte, als dass keine militärische Auseinandersetzung geführt wurde. Die Vernichtung des Sozialismus war aber stets Ziel des Westens geblieben. 

 So etwas machte nicht beliebt – erst recht nicht, nachdem Thürk recht behalten und die friedliche Koexistenz zur feindlichen Übernahme der DDR geführt hatte. An den Rand gedrängt, griff der Autor auf seine Ostasienerfahrung und auf sein Talent für Handlungskonstruktion zurück. 

Zwischen 1991 und 2000 erschienen in jährlicher Folge zehn Kriminalromane um den Hongkonger Detektiv Lim Tok. Das exotische Setting ist nicht ohne Reiz und gleichzeitig vom Autor selbst relativiert: Das alte Hongkong verschwindet von Buch zu Buch immer mehr, austauschbare Hochhäuser ersetzen das enge Miteinander in Hütten und schmalen Gassen. 

 Das Exotische liegt freilich allenfalls im äußerlichen Rahmen. Über die Romane ist positiv zu sagen, dass sie der Logik des Genres folgen und keinem Kulturalismus erliegen. Personen verfolgen unter den je gegebenen Bedingungen ihre Interessen mit den geeigneten Mitteln. Abgesehen von ein paar Nebensächlichkeiten sind die Regeln des Kampfes universal gültig; das gilt in der britischen Kolonie wie für die chinesischen Kollegen, mit denen Lim Tok bereits vor der Übergabe der Stadt ans Mutterland manchmal zusammenarbeitet. 

 Dieser Universalismus wird da unstimmig, wo die Handlung die behauptete Gefährlichkeit der ortsüblichen Triaden, die unendlich brutaler seien als die Mafia, nicht einlöst. Im Ganzen bewegt sich Lim Tok in einer Welt, in der Freundschaft und Zuneigung noch etwas zählen und zynisch allenfalls die bald besiegten Gegenspieler agieren. Thürk erreicht nicht den Grad an Kälte, der die aktuelle Produktion sogar manchmal Hollywoods auszeichnet. 

Das spricht für die Verhältnisse in der DDR, in der Thürk seine literarischen Mittel entwickelt hat, nicht aber für den Grad an Realitätskenntnis, den diese Verhältnisse förderten. 

 Blicke auf Ostasien Dabei war Thürk ein Schriftsteller, der sich intensiv mit außereuropäischen Konflikten im 20. Jahrhundert beschäftigt hat. Der größere Teil seiner Bücher spielt in Ostasien. Bereits genannt wurde »Des Drachens grauer Atem« von 1975, in dem es um die Verwicklung der CIA in den thailändischen Drogenhandel geht. In »Operation Mekong« (1988) finanziert der US-Geheimdienst eine Killertruppe, die in Laos fingierte Beweise dafür beschaffen soll, dass Vietnam viele Jahre nach dem Krieg immer noch amerikanische Gefangene quäle. Der umfangreichste Roman Thürks ist dann »Taifun«. Diese (so der Untertitel) »Aufzeichnungen eines Geheimdienstmannes« umfassen 30 Jahre US-amerikanischer Einflussnahme auf die chinesische Geschichte, von der Spionage während der 1940er Jahre im Japanisch-Chinesischen Krieg bis zum Besuch des Präsidenten Richard Nixon in Peking 1972, der die antisowjetische Wendung Maos bekräftigte. 

 Da sich in den 1980er Jahren die Beziehungen der DDR zur Volksrepublik China wieder verbesserten, konnte das Buch nicht in Thürks Stammverlag für literarische Werke, Das Neue Berlin, erscheinen. Es kam dann 1988 im Mitteldeutschen Verlag heraus, der bis in die neueste Zeit Werke Thürks wiederaufgelegt hat. Neben »Taifun« gab es einige andere Texte Thürks, deren Inhalt in der DDR aus unterschiedlichen Gründen problematisch war. 

Der »Sommer der toten Träume« erschien darum erst 1993, nicht ohne Grund, denn die im Mai 1945 in Oberschlesien spielende Handlung stellt die Westverschiebung Polens als bösartige Willkür Stalins dar. 

 Auch der Dokumentarroman »Der lange Marsch«, ausgearbeitet erst 1998, vereinfacht die historischen Konflikte. Tatsächlich war Maos Rückzugsbewegung von 1934/35 wohl militärisch notwendig. Sie erfolgte gegen die Empfehlung der Komintern, deren Politik auf die Sicherung der Sowjetunion und auf ein Bündnis gegen das sich faschisierende Japan gerichtet war. Wo ein Spannungsverhältnis verschiedener wichtiger Ziele vorlag, da nimmt Thürk einseitig Partei für Maos Entscheidungen und macht Vertreter der Komintern lächerlich. 

 Formal allerdings ist das Buch interessant. Es repräsentiert ein Genre, das Thürk entwickelt und auf verschiedene Weisen angewendet hat. Alle seine dreizehn Dokumentarromane sind in Ostasien angesiedelt und haben Auseinandersetzungen zwischen 1900 und 1979 als Stoff. Kennzeichnend ist das Nebeneinander von historischen – häufig militärischen – Informationen und fiktiven individuellen Geschichten. Thürk hat dies pragmatisch mit Blick auf die Leser so begründet: »Die Leserresonanz hat ziemlich früh darauf verwiesen, dass rein dokumentarisch beschaffene Arbeiten nicht immer in dem gewünschten Maße Publikum erreichen. Ich habe daher […] eine Mischform zu entwickeln versucht: Fakten sind als Fakten erkennbar, verbindende Episoden tragen fiktiven Charakter. […] Wenn ein dokumentarisches Buch eine Art verbindender Handlung aufweist, wird es leichter lesbar.« 

 Die Dokumentarromane sind bis 1989 im Militärverlag der DDR erschienen, danach im Brandenburgischen Verlagshaus, das den Militärverlag übernommen hat und ebenfalls in seinem Programm zahlreiche Militaria verzeichnet. 

Thürks Bücher unterscheiden sich im Grad an Parteilichkeit. In vielen von ihnen steht der Autor stoffbedingt erkennbar auf einer Seite. Das gilt im Buch über den »langen Marsch« ebenso wie für »Dien Bien Phu«, das vom Sieg der Viet Minh über die französische Kolonialarmee 1954 handelt. In diese Gruppe gehört auch die gemeinsam mit Diethelm Weidemann erarbeitete Dokumentation »Indonesien ’65«. In dieser – so der Untertitel – »Anatomie eines Putsches« geht es um die von den USA wohlwollend begleitete Machtübernahme des indonesischen Militärs, in deren Verlauf Armee und verbündete islamistische Banden Hunderttausende von Kommunisten und angebliche Sympathisanten ermordeten. 

 Diese Bücher bringen auch heute noch gute Argumente gegen die Behauptung, der Kalte Krieg sei eine Auseinandersetzung humaner Demokratien im Westen und eines menschenfeindlichen Totalitarismus im Osten gewesen. Der Mitteldeutsche Verlag hat einige der Romane und Dokumentationen Thürks wiederaufgelegt. 

 Im Detail unterscheiden sich die Dokumentarromane in ihrem Aufbau. Im Indonesien-Buch zum Beispiel bleiben die fiktiven Szenen episodisch, in »Der lange Marsch« dagegen gibt es einen Ich-Erzähler, der die Ereignisse miterlebt; diesen Erzähler stellt Thürk bei der Konferenz von Tsunji im Januar 1935, bei der Mao faktisch die Macht in der chinesischen KP übernahm, als Wachposten auf, der deshalb mithören kann. In »Dien Bien Phu« gibt es sogar die Entwicklung einer Person – eines französischen Soldaten, der auf die Seite des Viet Minh wechselt. Wichtige Informationen werden in diesem Buch im Dialog vermittelt, was es lebendiger machen soll (aber den Nachteil hat, dass französische Generale sich Dinge erzählen, die ihnen eigentlich allen bekannt sein müssten). 

 Eine andere Haltung als in den bis hier genannten Dokumentarromanen nimmt Thürk in einer Reihe von Büchern ein, die den Pazifikkrieg zum Thema haben. Der Kampf zwischen Japan und den USA war der Kampf zweier Imperialismen. Folgerichtig geht es hier weniger um Parteinahme als um die Analyse der Kriegshandlungen. Zwischen »Pearl Harbour« (1965) und »Iwo Jima« (1996) hat Thürk diesen Krieg in sechs Büchern geschildert. 

 Eine Sonderrolle nimmt dabei »Nachts weint die Sampaguita« von 1980 ein. 

Hier geht es um den Kampf einer kommunistischen Guerilla auf den Philippinen gegen die japanische Besatzung und damit in einer Dreierkonstellation darum, wie die USA lieber auf Verbündete gegen Japan verzichten, als mit Linken zusammenarbeiten. Thürk schildert auch, wie die philippinische herrschende Klasse, die sich 1941 mit Japan arrangierte, nach 1945 im Bündnis mit den USA diejenigen liquidierte, die Widerstand geleistet hatten. 

 Sonst aber beschreibt Thürk den Kampf militärischer Profis gegen militärische Profis. Das wirkt für Pazifisten wenig attraktiv, geschieht allerdings nicht grundlos. So gelingt es Thürk, das Besondere militärischer Entscheidungsfindung und militärischen Raumdenkens zu vermitteln. Damit lernt man erstens einen Denkstil kennen. Zweitens verschwindet damit sentimentale Exotik: Statt palmblattbewedelter Sandstrände erscheinen Inseln, die Orte menschlicher Praxis sind. 

 Der dritte Gedanke ist ambivalent. Den Gegner als gleichrangig anzuerkennen und ihn dann totzuschlagen, das wirkt gemessen an einem Ideal, das verlangt, überhaupt nicht zu töten, geradezu pervers ritterlich. 

Allerdings begrenzt eine solche technische Sicht auf den Krieg den Hass – der Feind, wenn er auch bekämpft werden muss, bleibt doch Mensch. Indem Thürk den Planern beider Seiten die gleiche Rationalität zubilligt, unterläuft er das heute übliche Gerede von ganz unterschiedlichen Kulturen. 

 Thürk hat den Krieg erfahren, und er hat Ostasien erfahren. Sein Verdienst ist nicht zuletzt, dies in Bücher verwandelt zu haben, die gleichzeitig das Besondere ostasiatischer Geschichte im 20. Jahrhundert zeigen und auch seinen Chinesen, Japanern usw. die übergreifende Rationalität des Kämpfens zubilligen. 

 Anmerkung 

 1 Eine biographische Skizze findet sich bei Hanjo Hamann (Hg.): Harry Thürk. Sein Leben, seine Bücher, seine Freunde. Halle (Saale) 2007, S. 

11–37. Der Band beinhaltet auch ausführliche Angaben zu Literatur von und über Thürk sowie zu dessen Arbeiten für den Film und für das DDR-Fernsehen. Nützlich ist auch das Harry-Thürk-Forum (www.harrythuerk.de). 

 Kai Köhler schrieb auf diesen Seiten zuletzt am 30.10. zu den Revolutionssinfonien von Dmitri Schostakowitsch 

 

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