Im Westen totgeschwiegen  

Vor 40 Jahren fand in Ostberlin ein von der UNO unterstützter Kongress von Frauenorganisationen aus aller Welt statt. Medien der BRD ignorierten das Treffen  

Florence Hervé 

In: junge Welt online vom 23.10.2015 

 

  Wenige Monate nach der UN-Weltfrauenkonferenz in Mexiko fand vom 20. bis 24. Oktober 1975 ein bemerkenswerter internationaler Kongress in Berlin statt. 2.000 Delegierte und Gäste aus 140 Ländern, die 84 nationale und internationale Organisationen repräsentierten, waren in die Hauptstadt der DDR gekommen. Das Treffen wurde von der Organisation der Vereinten Nationen (UNO) unterstützt. 

  Für manche der 18 Delegierten aus der alten Bundesrepublik wurde der Kongress zu einem Erlebnis der internationalen Frauensolidarität. Die Begegnung mit südafrikanischen Anti-Apartheid-Aktivistinnen, mit Chileninnen im Kampf gegen die Pinochet-Diktatur, unter ihnen die Witwe des ermordeten Präsidenten, Hortensia Bussi de Allende, mit Vietnamesinnen, die ihren Sieg über die US-Invasoren feierten, und mit der US-Bürgerrechtlerin Angela Davis – dies allein war überwältigend. 

  Umso überraschter waren die westdeutschen Frauen, als sie zu Hause feststellten, dass der Kongress in den BRD-Medien totgeschwiegen wurde. 

Dass er in der DDR stattfand, war suspekt, und im Vorfeld hatte es Weisungen der SPD-Führung an ihre weiblichen Mitglieder gegeben, nicht daran teilzunehmen. Totgeschwiegen wurde auch, dass der Vorschlag, ein UN-Jahr der Frau auszurichten – Ausdruck und Ergebnis der wachsenden Aktivitäten der Frauen zugleich –, von der Internationalen Demokratischen Frauenföderation (IDFF) eingebracht worden war. Unter dem Motto »Gleichberechtigung–Entwicklung–Frieden« sollte es dazu beitragen, weltweit Gleichberechtigung zu verwirklichen, die Teilhabe der Frauen an der ökonomischen, sozialen und kulturellen Entwicklung zu fördern und ihren Beitrag zum Frieden anzuerkennen. 

  Um diesen Zielen näherzukommen, bildeten sich in vielen Ländern Vorbereitungskomitees, so auch in der Bundesrepublik die »Initiative Internationales Jahr der Frau ’75«. Unter den 31 Frauen aus Betrieben, Politik, Frauenbewegung, Kunst und Wissenschaft, die sie ins Leben gerufen hatten, waren die Schauspielerin Lil Dagover, die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz, die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Alma Kettig, die ehemalige Widerstandskämpferin Doris Maase, die Journalistinnen Ingeborg Küster und Elly Steinmann sowie Mary Tucholsky. In einem Aufruf vom Januar 1975 forderten sie u. a. gleiche Entlohnung und Sicherung ihrer Arbeitsplätze sowie die gesetzliche und eigenständige soziale Sicherung für die Frauen. 

1976 ging aus diesem Kreis die Demokratische Fraueninitiative (DFI) mit 100 lokalen Gruppen hervor. Sie gab ab Mai 1980 den Rundbrief Wir Frauen heraus, der sich ab 1982 zu der gleichnamigen Zeitschrift weiterentwickelte. 

  Aus dem UN-Jahr der Frau wurde eine ganze Dekade. Im Dezember 1979 wurde die Konvention der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeglicher Diskriminierung der Frau verabschiedet, unter maßgeblicher Mitwirkung der IDFF. Als nicht regierungsgebundene Organisation genoss sie beratenden Status beim wirtschaftlichen und sozialen Rat der UNO und der UNESCO und arbeitete mit einer Reihe von UN-Kommissionen und Spezialorganisationen zusammen. Die IDFF war am 1. Dezember 1945 als linksfeministische Organisation von Frauen gegründet worden, die gegen den Faschismus gekämpft hatten, unter ihnen Dolores Ibárruri, Eugénie Cotton und Marie-Claude Vaillant-Couturier. Sie alle verband der gemeinsame Wille: Nie wieder Krieg! Im Kalten Krieg gehörte die IDFF zu den Organisationen, denen vorgeworfen wurde, »von Moskau gesteuert« zu sein, weil in ihr Vertreterinnen aus der DDR, der Sowjetunion und anderen sozialistischen Ländern gleichberechtigt mitwirkten. Sie wurde von ihrem Gründungssitz in Paris verdrängt und siedelte nach Ostberlin über, wo sie bis 1989 blieb. 

Auch heute existiert die IDFF noch, allerdings mit wesentlich weniger Mitgliedern, in Form vieler nationaler Gruppen. 

 

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Feminismus und die Philosophie des Leibes 

In: junge Welt online vom 23.10.2015 

 

Berlin. Der Feminismus und die Philosophie des Leibes sind Thema einer Ringvorlesung, die im Rahmen des Offenen Hörsaals im Wintersemester 2015/2016 an der Freien Universität Berlin stattfindet. 

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland stellen Ergebnisse aus der interdisziplinären phänomenologischen Forschung aus feministischer Perspektive vor. Fragen der Vorträge werden etwa sein: »Wenn das Erleben immer leiblich ist, welche Rolle spielt dabei das Geschlecht?« oder »Wie gehen gesellschaftliche Machtverhältnisse, Normen und Diskurse in die Beschreibungen des eigenen Erlebens ein?« Die Phänomenologie vertritt ein Wissenschaftsprogramm, das sich in seinen Anfängen als Bewegung verstand und antrat, die Philosophie stärker an die Lebenswirklichkeit heranzurücken. Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen wie die Geschlechterforschung nutzen phänomenologische Kategorien und entwickeln sie praktisch und theoretisch weiter. Seit über zwei Jahrzehnten bietet die Freie Universität Vorlesungen im Rahmen des Offenen Hörsaals einem breiten Publikum an. (jW) 

Seit dem 20. Oktober, jeweils Dienstags, 18.15 bis 20.00 Uhr, Habelschwerdter Allee 30, Freie Universität Berlin, Institut für Philosophie, Vortragsraum im Untergeschoss, Programm: www.kurzlink.de/offener-Hoersaal 

 

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