Damit es Heimat werde  

Vor 90 Jahren wurde der spätere Regisseur Konrad Wolf geboren. Viele seiner berühmten Filme handeln von der militärischen und humanistischen Rückeroberung des von Nazis verseuchten Deutschlands  

Ingar Solty

 

In: junge Welt online vom 20.10.2015 

 

  Er war 19, als er im Frühjahr 1945 als Offizier der Roten Armee und Staatsbürger der Sowjetunion nach Deutschland zurückkehrte. Erstere war ihm seine »Heimat«, das andere sein »Vaterland«, das ihn und seine Familie 1935/1937 ausgebürgert hatte. Später sollte aus diesem Mann einer der bedeutendsten Filmregisseure der DDR werden. Erst durch seine Tätigkeit machte er aus dem »Vaterland« seine »Heimat«. Die Rede ist von Konrad Wolf. Heute wäre er 90 Jahre alt geworden. 

  Der Krieg hatte ihn gewaltsam erwachsen gemacht. 22 Jahre später würde er den autobiographischen Film »Ich war neunzehn« drehen, eines der wichtigsten Dokumente der deutschen Filmgeschichte überhaupt. Er basierte auf einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase. In diesem Film wird geschildert, wie der junge Mann in sein Vaterland zurückkehrt und dabei zu begreifen versucht, wie der deutsche Faschismus entstehen, an die Macht kommen und sich bis zum Ende halten konnte. Warum Hitlerdeutschland die Sowjetunion, das Land seiner Kindheit, so stark zerstörte und versuchte, es in Blut zu ertränken. Und warum die Nazibarbarei nur von außen besiegt werden konnte. Überhaupt ist Wolfs künstlerisches Gesamtwerk von diesem ständigen Versuch zu verstehen geprägt. 

  Geboren wurde Wolf in Hechingen in Baden-Württemberg. Sein Vater war der Arzt und schon zu Lebzeiten weltberühmte Schriftsteller Friedrich Wolf, der in zweiter Ehe mit der Kindergärtnerin Else Dreibholz verheiratet war. 

Friedrich war ein moderner assimilierter Jude und parteipolitisch aktiver Kommunist. Konrad und sein zweieinhalb Jahre älterer Bruder Markus wuchsen in diesem kommunistisch-libertären Geist auf. Als ihr Vater für die KPD kandidierte, gehörten sie den »Pionieren« an, der Jugendorganisation der Internationalen Arbeiterhilfe. Sie betrieben Wahlkampf mit Farbtopf und Pinsel und sammelten für die Rote Hilfe. Konrad galt als das »wildere Kind«. Sein Bruder Markus, der später zum Chef und »Topspion« des DDR-Auslandsgeheimdienstes avancieren sollte, beschrieb den Einfluss dieser Zeit später so: »Mir scheint, dass damals bei meinem Bruder Konrad und mir der Grundstein für das weitere Leben gelegt wurde. Denn seitdem konnten wir uns ein Wirken außerhalb der Gemeinschaft, außerhalb eines Kollektivs Gleichgesinnter gar nicht mehr vorstellen. Dazu kam natürlich die Romantik, die man als Kind braucht. Und es war auch das erste bewusste Erleben der Klassenkämpfe der damaligen Zeit.« 

  Exil in Moskau  Nach der Machtübertragung an Hitler entkam Vater Friedrich Wolf nur durch Zufall seiner Verhaftung und floh auf Skiern über die Grenze nach Österreich und von dort in die Schweiz. An Deutschland wandte er sich mit Exilliteratur, und an seine Kinder, nach denen er sich sehnte, mit Märchen und Fortsetzungsgeschichten. Im Juni 1933 war die Familie in der Schweiz wieder vereint und floh über die Bretagne schließlich im März 1934 nach Moskau, weil in der Schweiz Kommunisten als »nicht ›asylwürdig‹« galten. 

  In Moskau gewöhnten sich Konrad und Markus schnell ein und »lebten das nach, was ihre Eltern ihnen vorlebten«. Denn, so seine Biographen Rolf Aurich und Wolfgang Jacobson,¹ »wie sollten sie deren Ideale in Frage stellen? Schon in Stuttgart (1928–1933, jW) waren sie mit auf die Straße gegangen, hatten früh begriffen, etwa in der Praxis des Vaters, der von den Armen kein Geld für die Behandlung nahm, dass sie ›Kommunischte‹ waren. Und dass ›Kommunischte‹ – wie ihr Vater – verfolgt wurden. 

Das hatten sie verinnerlicht, das hielt sie zusammen als eine gemeinsame Erfahrung, das verpflichtete sie – in kindlichem Glauben – für eine gemeinsame Sache. Die war verbunden mit dem roten Stern, der für eine bessere Welt und für einen neuen Menschen stand. Solche neuen Menschen wollten auch sie sein.« Ja, knapp 40 Jahre später resümierte Wolf selbst: »Und wenn ich doch zu einem deutschen Kommunisten wurde, dann verdanke ich das den deutschen Kommunisten und Antifaschisten, die mich in der Emigration erzogen haben, in erster Linie meinen Eltern.« 

  In Moskau besuchte Wolf zusammen mit den Kindern von Erich Weinert, Johannes R. Becher, Willi Bredel und Alfred Kurella die »Karl-Liebknecht-Schule«, die von zumeist deutschen Exilanten in reformpädagogischem Geist, mit innovativen Bildungskonzepten als auch mit erheblichen Freiräumen geführt wurde und wo eine »besondere Form von Gemeinschaft und Kooperation mit und zwischen Lehrern, Eltern und Schülern« herrschte. An der KLS übte Wolf nicht nur unter der Leitung von Ernst Busch ein Kindertheaterstück über den Spanischen Bürgerkrieg ein, sondern machte auch seine erste Bekanntschaft mit dem Film. In Gustav von Wangenheims Exilfilm »Kämpfer« spielte er zehnjährig eine kleine Rolle. Überhaupt nahm das Kino ihn gefangen. Der Revolutionär Tschapajew wurde zu seinem Winnetou; den gleichnamigen Film der Brüder Sergei und Georgi Wassiljew sah er immer und immer wieder. 

  Der junge Konrad Wolf wurde zum »fanatischen Kinogänger«. Zugleich begriff er aus den Augen eines Kindes die Kämpfe der kommunistischen Bewegung wie der Verteidigung der Spanischen Republik gegen den Faschismus durch die Internationalen Brigaden, als seine Kämpfe. Er malte ihnen Bilder oder nahm Anteil an den »spanischen Kriegswaisen, die in Leningrad ankamen und gleich weitergeschickt wurden in die Erholungsheime überall im Land«. Zugleich entwickelte sich seine Ästhetik allmählich in Auseinandersetzung mit dem sowjetischen Avantgardefilm ebenso wie beim Besuch von Theateraufführungen von Werken der Exilanten-Schriftsteller, einschließlich der neuen Stücke seines Vaters »Professor Mamlock« und »Floridsdorf«. 

  Gefahren unter Stalin  Indes wurde Konrads Leben auch durch die Zeit der stalinistischen Verfolgungen und Schauprozesse geprägt. Zunächst wurde sein Vater zum Opfer: Man setzte ihn Verdächtigungen aus, was ihm zu schaffen machte. Friedrich Wolf leitete 1937 über Wilhelm Pieck und Palmiro Togliatti seine Ausreise aus der »Menschenfalle«, wie er es nannte, ein. Er wollte, als Arzt den Interbrigadisten in Spanien in ihrem Kampf gegen die Franco-Faschisten nutzen. Damit entging er ein zweites Mal nur knapp einer Verhaftung – diesmal allerdings im Exil und durch die eigenen Leute. In Spanien kam Wolf jedoch nicht an; in Frankreich wurde er formaljuristisch als »Feindlicher Ausländer« unter entwürdigen Bedingungen inhaftiert, während wenig später in der Sowjetunion auch sein neuestes Stück abgesetzt und – nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 – auch die Herbert-Rappaport-Verfilmung von »Professor Mamlock« sofort verboten wurde. Wolf konnte nach einer Odyssee erst im März 1941 wieder nach Moskau zurückkehren. Als drei Monate später Nazideutschland den Nichtangriffspakt brach und die Sowjetunion überfiel, kam es erneut zur Trennung, weil Markus und Konrad schon eine Woche nach Kriegsbeginn evakuiert wurden. 

  Den Terror erlebte Konrad dabei trotz seiner Jugend hautnah: »Auch die Kinder begriffen wohl«, so Jacobsen und Aurich, »dass etwas geschah, was so eigentlich nicht geschehen durfte. Väter von Mitschülern verschwanden, auch Lehrer. Die politische Dimension blieb ihnen fremd, aber unter sich versuchten sie zu verstehen.« Geprägt war die Stalinismus-Zeit von der Verunsicherung, dem Virus des Misstrauens und dem Glauben, dass die Verhaftungen doch nicht ohne Grund geschehen würden – ein Glaube, der durch die Praxis der Selbstkritik und Selbstbezichtigung (zum Schutze der Partei) noch verstärkt wurde. 

  Zugleich aber war die Zeit auch eine der gelebten Solidarität zwischen den Familien der Exilkommunisten. Für die von Konrad verehrte Mutter war es selbstverständlich, auch die Geliebte des Vaters, Lotte Rayß, und ihre Tochter zu beherbergen und zu versorgen. Konrad übte die ihm vorgelebte Solidarität im Verhältnis zu Lothar Wloch – einem seiner zwei besten Freunde –, der, obwohl »doch noch eigentlich ein Kind«, in Folge der Verhaftung seines Vaters »mit einem Mal der Mann, der Beschützer seiner Mutter und seiner kleinen Stiefschwester« geworden war. Rührend und in kindlicher Treue kümmerte sich Konrad um den Freund und »bot ihm« dadurch »für eine Weile Sicherheit«. 

  Aus diesen Erfahrungen praktisch gelebter Solidarität und Menschlichkeit, wenn Genossen bei ihnen wohnten, soll später Wolfs oft bemerkte Großherzigkeit resultiert haben. Allerdings musste das bewusste Miterleben von Krise, Faschismus und Kommunistenverfolgung, Flucht ins Exil, stalinistischem Terror und erneuter Flucht des Vaters Auswirkungen auf die Persönlichkeitsbildung haben. 

  Deutsche? Tiere!  Dies hing auch mit dem immer näherrückenden Krieg zusammen. Mit 16 Jahren wurde Konrad zu Arbeiten an der Moskauer Ringbefestigung herangezogen und im Dezember 1942 gerade 17jährig eingezogen: »Kindheit und Jugend waren damit zu Ende. Konrad Wolf zog in die Welt, eine Welt, in der gemordet und gestorben wurde«, so seine Biographen. Immerhin: Es zeichnete sich ab, dass die Nazis die Sowjetunion nicht würden erobern können. 

  Schon früh erlebte Wolf die Greuel des Vernichtungskriegs der Nazis. 

Seine oft furchterregenden Erfahrungen, zu denen auch Massaker der mit Nazideutschland verbündeten ukrainischen Nationalisten gehörten, hielt er in seinen – an seine Mutter gerichteten – Kriegstagebüchern fest.² Seine Erinnerungen an die letzten Kriegswochen verarbeitet er, wie gesagt, in seinem epochalen Film. Mit Ausnahme der Parlamentärstätigkeit in der Festung Spandau, um die er gebeten hatte, die man ihm aber aus Sorge um sein Leben verwehrt hatte, ist dieser bis in die Details weitestgehend wahrheitsgetreu. 

  In der Sowjetarmee fand Wolf wieder enge Freunde: Wladimir Gall, an dem die Filmfigur Wadim angelegt ist, und Sascha Zigankow, der im Film Ziganjuk heißt und durch fanatische Nazis quasi noch in letzter Kriegssekunde erschossen wird. Allerdings: Sein Vater, der das Nationalkomitee Freies Deutschland mitgründete, suchte den patriotischen Anschluss an die deutschen Soldaten als Landsleute und Klassenbrüder. Konrad hingegen, der die Opfer des systematischen Verhungernlassens der slawischen Völker nach dem »Generalplan Ost« hautnah erlebte, erschienen die Deutschen wie Tiere. In sein Tagebuch notierte er am 18. Mai 1943: »Wie können diese Tiere überhaupt wagen, sich Menschen zu nennen?« Dabei kam er den Deutschen sehr nahe, weil er Kriegsgefangene verhörte. Mit den Informationen aus den Verhören wurden Flugblätter gedruckt, um den Wehrmachtssoldaten zu vermitteln, »wie gut man auf sowjetischer Seite über den Zustand des Gegners informiert sei«. Konrad schrieb seinem Bruder: »Ja, Mischa, ich habe Erfahrungen gesammelt mit Menschen, die Dich interessieren. Wie schmerzlich ist es oft, wenn man mit ihnen zu tun hat. 

Wie tief sind sie heruntergekommen. Ich lerne sie kennen, wenn sie noch ganz ›frisch‹ sind, das macht viel aus. Aber natürlich, im Vergleich mit denen von 1941 und 1942 sind es die ›reinsten Engel‹. Sie sind schon nicht mehr die Frechen, die in einem herausfordernden Ton sprechen. 

Die meisten von ihnen sind zu Schäfchen geworden. Aber es gibt auch noch viele von der ersten Sorte, und das sind Jugendliche. Ja, wir werden beide mit ihnen arbeiten müssen, aber offen gesagt, mache ich mir da keine Hoffnungen.« 

  Ein neues Deutschland  Zugleich hielt auch Konrad an der Notwendigkeit fest, Deutschland vom Faschismus zu befreien und hiernach ein neues, besseres Deutschland aufzubauen. Während die Rote Armee unaufhaltsam vorrückte, wandte er sich mit dem Lautsprecherwagen direkt an die deutschen Soldaten, um sie zum Aufgeben zu bringen – ein Auftrag, der ihn stolz machte, denn nun waren – so seine Biographen – »Worte seine Kugeln. Mit ihnen wollte er die Herzen treffen – und überzeugen. Da war er Revolutionär, kein Soldat.« 

  Aber das Hoffen auf ein Neues Deutschland fiel weiterhin schwer. In seinem Vaterland traf Konrad auf Leute, deren »Liebedienerei« er verabscheute. Die furchtbaren Kriegsverbrechen der Faschisten vor Augen notierte er schließlich: »Ich war in Majdanek, in Sachsenhausen, ich habe Warschau während des Aufstandes und danach erlebt. Berlin war für mich Sinnbild dessen, wo das alles herkam, das Leid, die Millionen Toten, der Wahnsinn, der Fanatismus. Berlin war keine Stadt mehr, es war ein Leichnam«. Und er setzte hinzu: »Viele meiner Bekannten hier, ja sogar Freunde denken wahrscheinlich, dass ich dies alles erlebe und die deutschen Städte, die Bevölkerung usw. bedauere. Ich sage ganz offen, nein, niemals werde ich das bedauern, denn ich habe gesehen, was sie in Russland getan haben, und verstehe, dass sie nur so vom Wunsch zu kämpfen geheilt werden können.« 

  Konrad sehnte sich nach Moskau zurück. Und tatsächlich »begrüßte« ihn während eines Vortrags im Herbst 1945 an der Universität Halle zu den »Perspektiven der deutschen Jugend unter der neuen, antifaschistisch-demokratischen Ordnung« auf der Tafel ein aufgemalter Galgen und das Wort »Vaterlandsverräter«. 

  »Die Entscheidung, in Deutschland zu bleiben«, so Aurich/Jacobsen, markierte »einen Einschnitt in Konrad Wolfs Biographie, denn er überbrückt mit seinem Entschluss die Differenz zwischen Vaterland und Heimat. Er entscheidet sich für das Vaterland im Sinne von Heimat. Es ist sein Versuch, den inneren Zwiespalt zu lösen. Auch durch Arbeit. Arbeit für das Vaterland, das Heimat werden soll. Konrad Wolf bleibt im Land der unbelehrbaren Faschisten, denen er bei seinen Verhören begegnet war – und für die er nur Verachtung empfand, allenfalls das Interesse eines Anthropologen.« 

  Die erste Zeit im Nachkriegsdeutschland beschreiben zwei Herausgeber eines opulenten DDR-Bandes zu Wolf als »Zwischen-Zeit, Zeit des Nicht-mehr und Noch-nicht«.³ Wie vielen jungen Menschen seiner Generation hatte der Krieg ihm seine Jugend geraubt, aber die erzwungenen Versäumnisse aus dieser Zeit musste er wettmachen. In Moskau nur bis zur neunten Klasse gekommen, holte er 1947/1948 sein Abitur nach. Unmittelbar nach dem Krieg hatte Wolf bei der neugegründeten Berliner Zeitung mitgearbeitet und war dann für die Sowjetische Militäradministration tätig gewesen. Hier begann sein Versuch, sein Vaterland zu begreifen, als er die Nazifilme – die Propagandastreifen ebenso wie die entpolitisierenden, Ablenkung bezweckenden Heimatfilme – zur Begutachtung zwecks weiteren Umgangs mit ihnen vor sich hatte. 

  Nach seinem Abitur wurde Wolf 1949 zum Staatlichen Allunionsinstitut für Kinematographie in Moskau zugelassen und lernte hier unter Grigori Alexandrow sowie Sergej Gerassimow und Michail Romm (»Der gewöhnliche Faschismus«) Regie. Während sein Vater 1950 als erster DDR-Botschafter in die Volksrepublik Polen ging, absolvierte Konrad in dieser Zeit seine Regieassistenzen in der DDR – bei Joris Ivens’ Dokumentarfilmen »Freundschaft siegt« (1951) sowie »Blaue Wimpel im Sommerwind« (1953) und bei »Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse« (1954) von Kurt Maetzig, mit dem sein Vater wenige Jahre zuvor die DEFA gegründet hatte. 

  Am 11. Juni 1955 heiratete Konrad, der drei Jahre zuvor auch DDR-Bürger geworden und in die SED eingetreten war, die Kostümbildnerin Annegret Reuter. Im selben Jahr schloss er seine Regieausbildung mit dem Diplomfilm »Einmal ist keinmal« ab – einer sozialistischen Komödie, die recht untypisch für Wolfs späteres Werk ist und auch längst nicht die Qualität seiner sonstigen Arbeiten erreichte. Danach entstehen 15 Filme unter seiner Regie, die national wie international gefeiert werden – und zwar auch im kapitalistischen Westen. 

  Sein Vater erlebte all dies nicht mehr, denn er starb 1953 in Lehnitz, wo heute eine Gedenkstätte an ihn erinnert. Er erlebte auch weder die Geburt seiner Enkelin Judith-Katharina (Catherine) im Juni 1956 noch seines Enkels Oleg, der später »Republikflucht« versuchte, ebenso wenig wie die Geburt seines Enkels Mirko aus der zweiten Ehe Konrads mit der Schauspielerin Christel Bodenstein. 

  Film als Annäherung  Diese Zeit der Familiengründung ist eine des steilen Aufstiegs. Denn gleich Wolfs erster Film »Genesung« (1956) wird auf dem 10. Internationalen Filmfestival in Edinburgh gezeigt und erhält auf der III. Internationalen Messe in Damaskus die Bronzemedaille. Der Durchbruch kommt dann ein Jahr später mit »Lissy« – einem einzigartigen (Sozial-)Psychogramm der einfachen kleinbürgerlichen Nazimitläufer, basierend auf einem Roman von F. C. Weiskopf. Der Film über Lissy, »die das Glück an der Seite eines aus Kleinbürgerverzweiflung bei der SA avancierenden Mannes so lange genießt, bis es fast zu spät ist«, wird auf dem – jenseits des Moskauers – wichtigsten Filmfestival der osteuropäischen sozialistischen Staaten in Karlovy Vary mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. Den Weg zum Verständnis der Wurzeln des Faschismus beschrieb Wolf dabei wie folgt: »Es war für mich zuerst und vor allem ein Prozess der Selbstbesinnung, der Selbsterkenntnis, war der Beginn eines langen Weges, der mich dazu führte, die Situation vieler, vieler meiner Landsleute zu verstehen, denen ich, als ich hierherkam, zunächst mit großer Fremdheit gegenüberstand. Und wahrscheinlich, ich nehme es an, wird dieser Weg nie ein Ende haben, nicht für mich zumindest.« 

  Auf »Lissy« folgen nun in kurzer Abfolge weitere Filmklassiker wie »Sonnensucher« (1957) über den umstrittenen und geheimen Uranabbau der Wismut AG (»Uran für den Frieden«). Später hoch gepriesen, weil er – ähnlich wie Werner Bräunigs verbotener Wismut-Roman »Rummelplatz« – das gesellschaftliche Klima zwischen menschlicher Deformation durch Faschismus und Krieg einerseits und hoffnungsvoller Aufbruchsleidenschaft bei den Bemühungen um den Sozialismusaufbau in den ersten Nachkriegsjahren andererseits einfängt. Er zeige zudem »erstmalig das durch den Krieg und Faschismus aufs äußerste belastete Verhältnis zwischen deutschen und sowjetischen Menschen im Film direkt«. Allerdings wird der Film zunächst zensiert und erst 1972 wieder gezeigt. An Wolfs kommunistischer Überzeugung ändert jedoch auch diese Erfahrung nichts. 

  1959 folgt dann »Sterne« – ein Film über die typischen Deutschen und den Holocaust, der u. a. beim XII. Internationalen Filmfestival in Cannes mit dem Sonderpreis der Jury und beim Internationalen Filmfestival der VII. 

Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Wien die Goldmedaille erhält. 

In der BRD darf der Film dabei im Gegensatz zum Gros der anderen DEFA-Filme gezeigt werden, allerdings ohne den Entschluss des Helden, für die bulgarischen Partisanen Waffen zu besorgen, nachdem er es nicht geschafft hatte, das jüdische Mädchen zu retten. Ein Jahr nach dem DDR-Gegenwartsfilm »Leute mit Flügeln« folgt dann 1961 mit »Professor Mamlock« die Verfilmung des großen Stücks seines Vaters über einen großbürgerlichen Juden, der zu spät begreift, dass die Nazis auch die assimilierten jüdischen »Leistungsträger« nicht verschonen. Drei Jahre später bleibt Wolf dem Genre Literaturverfilmung treu und verfilmt mit »Der geteilte Himmel« Christa Wolfs Schlüsselroman zur deutschen Teilung. Zudem wird Konrad als Nachfolger des verstorbenen Arbeiterschriftstellers Willi Bredel noch im selben Jahr zum Präsidenten der Akademie der Künste gewählt. Und auch nach »Ich war neunzehn« (1967) setzte er den Weg, literarische Vorlagen zu verfilmen – mit »Goya« (1971) nach dem Roman »Goya oder der arge Weg der Erkenntnis« von Lion Feuchtwanger und mit »Der kleine Prinz« fort. Danach wandte er sich 1974 mit »Der nackte Mann auf dem Sportplatz« wieder dem DDR-Gegenwartsfilm und dann mit »Mama, ich lebe« (1977) – einem Film über deutsche Kriegsgefangene, die sich entscheiden, die Waffe umzudrehen und mit der Roten Armee kämpfen – der Vergangenheitsaufarbeitung zu. 

  1977 führt ihn eine zweite Reise in die USA, wo vor ihm schon sein Vater auf dem historischen Ersten Schriftstellerkongress von 1935 gesprochen hatte. 1980 folgt dann sein letzter vollständiger Film und zugleich die vierte und letzte Zusammenarbeit mit Kohlhaase: »Solo Sunny«, ein Film über eine Außenseiterin und Sängerin in der DDR auf der Suche nach einem erfüllenden Leben. Konrad war zu diesem Zeitpunkt erst 55 Jahre alt. Und doch sollte er keinen weiteren Film mehr vollenden. Sein Großprojekt »Busch singt« über den drei Jahre zuvor verstorbenen »Barrikadentauber« Ernst Busch musste von anderen vollendet werden. Von den dazugehörigen »Sechs Filmen über die erste Hälfte des 20. 

Jahrhunderts« stammen noch fünf von Wolf. Eine Krebserkrankung beendete am 7. März 1982 das Leben des wohl wichtigsten und besten Filmregisseurs der DDR. 

  Und doch: Trotz der Lücke, die er hinterließ, sind seine Filme, seine Aufsätze und Reden, seine umfangreichen Korrespondenzen und seine eben erst durch Kohlhaase endlich vollständig der Öffentlichkeit präsentierten Kriegstagebücher ein Schatz, den junge Generationen immer wieder neu bergen werden. Weil sie wissen, dass die Fragen, die Wolf sein Leben lang beschäftigten und die er ästhetisch verarbeitete – Wie bewahrt man die Erinnerung an Faschismus und Krieg? Was sind die Triebkräfte der extremen Rechten? Und wie kämpft man für und wie baut man dann eine neue, bessere, menschliche Gesellschaft? –, nichts von ihrer Relevanz für die Gegenwart verloren haben. 

  Anmerkungen 

  1 Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen: Der Sonnensucher Konrad Wolf. Aufbau Verlag, Berlin 2005 

  2 Konrad Wolf: Aber ich sah ja selbst, das war der Krieg. Kriegstagebuch und Briefe 1942–1945. Herausgegeben von Paul Werner Wagner, Edition »Die Möwe«, Berlin 2016 (siehe jW vom 17.10., S. 10) 

  3 Barbara Köppe, Aune Renk (Hg.): Konrad Wolf. Selbstzeugnisse, Fotos, Dokumente, Berlin (DDR) 1985 

  Ingar Solty schrieb am 10.10.2015 über das geplante Freihandelsabkommen TTIP. 

 

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Aber ich sah ja selbst, das war der Krieg 

Zu Konrad Wolfs 90. Geburtstag wurde sein Tagebuch 1942–1945 vollständig publiziert  

Von Hilmar Franz | 

In: unsere zeit online vom 23. Oktober 2015  

 

Am 20. Oktober wäre Konrad Wolf (geb. 1925 Hechingen – gest. 1982 Berlin) 90 Jahre alt geworden. Die eigenen Erfahrungen als Heranreifender mit Faschismus und Krieg hat der bedeutende DEFA-Regisseur in einer Reihe seiner Filme künstlerisch verarbeitet. Diese Woche liefen sie im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur Berlin als retrospektive Schwerpunkte: „Ich war neunzehn" (DDR-Nationalpreis I. Klasse 1968), „Sterne" (Spezialpreis von Cannes 1959), „Mama, ich lebe" (FDGB-Kunstpreis 1977), dazu sein letzter realistischer Spielfilm über den Alltag in der DDR „Solo Sunny" (1980 mit Preisen von internationalen Filmfestspielen in Berlin und in Chicago bedacht). Biografisch orientierte Dokumentarfilme von Gitta Nickel und Lew Hohmann ergänzten, ebenso Gespräche mit prominenten Gästen und Lesungen. 

Das jetzt erstmals umfassend und in deutscher Übersetzung publizierte Kriegstagebuch 1942–1945 kam am 15. Oktober zum Premieren-Vortrag in die Akademie der Künste, deren umfangreiches Konrad-Wolf-Archiv über wertvolle dokumentarische und künstlerische Bestände verfügt. Am 90. Geburtstag wurde es noch ein weiteres Mal, im Russischen Haus, öffentlich gelesen: „Aber ich sah ja selbst, das war der Krieg". 

Dieser Titel zitiert gleich den zweiten Tageseintrag (20.3.1943) des einberufenen 17-Jährigen aus der 9. Klasse der deutschen Karl-Liebknecht-Schule in Moskau. Stalingrad hatte eben die Richtung des Krieges geändert. Konrad Wolf erlebte seine Feuertaufe in Kabardinka am Schwarzen Meer beim schweren Luftangriff eines Wehrmachtsgeschwaders. Er warf sich zu Boden, sah tiefe Bombentrichter, vor Trümmern eine elende alte Frau und bald zerfetzte Tote. Mit sporadisch begleitenden Aufzeichnungen gelangte er schließlich bis zum abrupten Abbruch in einem militärisch entscheidenden Moment der Oder-Überquerung an ein Ende (18.4.1945). Dieser Offizier Konrad Wolf unmittelbar hinter der Front der Roten Armee war inzwischen mehr als der anfängliche Übersetzer, Vernehmer von Gefangenen, für Sendungen und Flugblätter zuständig. Den langen Weg vom Kaukasus bis zur Einkreisung Berlins hatte er beim Stab seiner 47. Armee über Kursk, Warschau und Stettin mit dem internationalistischen Anspruch zurückgelegt, verblendete Deutsche mit Lautsprecheranrufen rechtzeitig zum Überlaufen zu bewegen. 

„Es war ein mühseliger Weg, den ich nie vergessen werde: Ich durchquerte und erlebte eine Stadt, die ein Trümmerhaufen voller Menschen war … Je länger dieser Weg wurde, umso schwerer fiel eine Antwort auf die Frage – kann sich dieses Land, dieses Volk jemals wieder erheben? Aber in dieser Frage lag schon eine Antwort an mich selbst, sehr leise noch und zaghaft – du kannst dich dieser Aufgabe nicht entziehen, die ersten Bande sind geknüpft … Aber der Weg war sehr lang!" („Heimkehr 45", 1966) 

2005 hatte die Akademie der Künste schon auszugsweise Einträge aus dem Kriegstagebuch und aus zeitnahen Briefen veröffentlicht, im Band 14 ihrer Archiv-Blätter. Die vollständige, in der Edition Die Möwe erschienene Publikation enthält noch weitere Briefe ins Moskauer Nachhause, sodann das eben zitierte Treatment „Heimkehr 45" als Wolfs nachträgliche Aufzeichnung aus dem Gedächtnis und, auf DVD, seinen darauf beruhenden Film „Ich war neunzehn". 

Herausgeber Paul Werner Wagner, Vorsitzender der Friedrich-Wolf-Gesellschaft, sieht im Ergebnis editorischer Arbeit Konrad Wolf als „Brückenbauer zwischen Russen und Deutschen". Torsten Musial, Leiter des Filmarchivs der Akademie der Künste Berlin, verweist auf umfangreiches weiteres Material aus der Zeit, da Wolf, noch keine Vierzig, bis zum frühen Tod mit 56 die DDR-Akademie der Künste präsidierte und dort auch film- und kulturpolitisch arbeitete. 

Korrespondenz nach Moskau 

Intensive Textbetreuungen leisteten der Russisch-Übersetzer Jürgen Schlenker und der sprachkundig beratende Zeitzeuge Moritz Mebel. Günter Drommer half sachkundig einzuordnen, denn er lektorierte schon einen Brief-Band von Markus Wolf und dessen autobiografisches Buch von 1989 über Konrads nicht realisiertes „Troika"-Filmprojekt. „Konis" jetzt vorliegende Briefe an die Jugendfreundin Zilja Woskressenskaja, an Eltern und Bruder „Mischa" (Markus) lesen sich in leicht verändertem Kontext des zwischenzeitlichen Hintergrunds 1942–1945, da die Freundschaft der drei ehemaligen Karl-Liebknecht-Schüler Konrad Wolf, Vitja Fischer und Lothar Wloch geografisch wie politisch weit versprengt war. Im direkten Gefolge stalinistischer Misstrauens- und Verfolgungswellen, gar einer Familienabschiebung nach Hitler-Deutschland, fanden sich drei eigentlich sozialismusbegeisterte Jugendliche auf verschiedenen Seiten der Kriegs-Barrikaden wieder. In der Nachkriegszeit erneuerte sich die Freundschaft der Männer-Troika. 

„Auf derselben Seite der Barrikade" kämpften im Krieg voneinander unabhängig „Jäcki" und „Koni". Sie lernten sich als russisch sprechende Absolventen der Moskauer Filmakademie Anfang der 50er Jahre kennen. Angel „Jäcki" Wagenstein, der jetzt 93-jährige Bulgare, gehört zu Wolfs ausgezeichneten Drehbuchautoren: „Sterne", „Der kleine Prinz", „Goya" (DDR/UdSSR) und war einst Partisan. Dieselbe Rote Armee, der Konrad Wolf 1945 nach dem Fall Bernaus vorübergehend als Stadtkommandant diente, hat Angel Wagenstein bei der kampflosen Befreiung Bulgariens vor der Hinrichtung durch deutsche Besatzer bewahrt. Wenn sich beide wieder und wieder der besonderen Richtung ihres Lebens besannen, stimmten sie Tschapajew zu Ehren das Lied vom „Schwarzen Raben" an. 

Akademiemitglied Wolfgang Kohlhaase, 85, ging auf die idealtypisch angestrebte Bewältigung des lebenslangen Themas Russen und Deutsche ein, als er über die vom Regisseur „besonders partnerschaftlich" gewünschte szenaristische Arbeit am Film „Ich war neunzehn" berichtete. Wolfs Augen- und Ohrenzeugenschaft schlug sich erst im Treatment „Heimkehr 45" und dann in längeren, genau beobachtenden Episoden des Films nieder. 

Saint-Exupéry-Verfilmung bald zugänglich? 

Nachzutragen bleibt das Schicksal von Konrad Wolfs und Angel Wagensteins Friedensfilm der besonderen Art: „Der kleine Prinz" erwachte am 14. Oktober aus dem Beinahe-Vergessen im Weißenseer Kino am Antonplatz. Die 1966 im Studio realisierte Produktion nach Antoine de Saint-Exupérys gleichnamigem Märchen verpasste wegen der von den Erben strittig verweigerten Urheberrechte am Buch den unmittelbar vorgesehenen Start im Farbfernsehen der DDR. Nur ein einziges Mal, offenbar aufgrund einer Ausnahmegenehmigung, wurde sie am 21. Mai 1972 aus Berlin-Adlershof gesendet. 2015 sind die Urheberrechte an dem Buch, soweit sie Antoine de Saint-Exupéry betreffen, in der Bundesrepublik und den meisten anderen Staaten der Welt erloschen. Das lässt Angel Wagenstein, Hauptdarstellerin Christel Bodenstein(-Wolf) und Moderator Paul Werner Wagner auf eine DVD hoffen. 

Wagenstein hielt sich beim Drehbuch eng ans französische Originalmanuskript von 1943. Die von Saint-Exupéry erdachte „unirdische" Begegnung, sein poetischer Appell mitten im Krieg um friedfertige Unterstützung und um wahrgenommene persönliche Verantwortung für andere, fußt auf authentisch erlebten Notlande-Situationen. Konrad Wolf rahmte sie mit friedlichen Luftaufnahmen über der französischen Mittelmeerküste. Dort ist der vom zurückeroberten Korsika aus startende Pilot Saint-Exupéry im freiwilligen Dienst für die Luftaufklärung am 31. Juli 1944 von einem deutschen Jagdflieger abgeschossen worden. 

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Zeitlose Erinnerung 

Konrad Wolfs Kriegstagebücher 1942–1945  

Von Hans-Günther Dicks | 

In: unsere zeit online vom 30.10.2015 

 

Wir leben in Friedenszeiten, so sagt man. Brauchen wir da ein Buch mit Kriegstagebüchern und Fronterinnerungen? „Konrad Wolf – Aber ich sah ja selbst, das war der Krieg" heißt ein jetzt im Verlag „Die Möwe" erschienener Band mit Zeitzeugnissen des 1982 verstorbenen DEFA-Regisseurs und Akademiepräsidenten Konrad Wolf, also eines ganz ungewöhnlichen „Frontberichterstatters", und schon dies sowie die ergänzenden Materialien legen es nahe, die erwähnte Frage klar mit Ja zu beantworten. Herausgegeben von Paul Werner Wagner in Zusammenarbeit mit der Konrad Wolf 

Aber ich sah ja selbst, das war der Krieg  

Kriegstagebuch und Briefe 1942–1945. 

Edition „Die Möwe" 

360 S. inkl. DVD „Ich war neunzehn", 19,80 Euro 

Akademie der Künste Berlin und erschienen zum 90. Geburtstag von Wolf (vgl. UZ vom 22.10.), enthält der 360 Seiten starke Band Wolfs Kriegstagebücher (in deutscher Übersetzung) aus den Jahren 1942–1945, in denen der mit seinen Eltern aus Nazideutschland Geflohene als 17-Jähriger Soldat der Roten Armee wurde und die letzte Phase des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung seines Vaterlandes erlebte. Ergänzt wird der Text durch eine Auswahl seiner Briefe nach Hause sowie eine Karte, die seinen Weg mit der Roten Armee vom Schwarzen Meer bis nach Bernau und Berlin nachvollziehen lässt. 

 

„Heute ist der zweite Jahrestag des Überfalls der Deutschen auf unser Land", notiert Wolf am 22. Juni 1943. Ist er nicht selbst ein Deutscher, Sohn des deutschen Schriftstellers Friedrich Wolf und geboren in Hechingen bei Stuttgart? Und „unser Land" ist ihm nicht Deutschland, dessen Naziregime seine Familie vertrieben hat, sondern die Sowjetunion, die den noch recht jungenhaften, russisch erzogenen Wolf für den Kampf gegen sein Vaterland rekrutiert. Später, im März 1945, seine Einheit kämpft bereits auf deutschem Boden, äußert er sich zur Frage, ob er angesichts der zerstörten deutschen Städte Mitleid empfinde: „Ich bekenne ganz offen – nein, das tut mir nie und nimmer leid, da ich selbst gesehen habe, was sie in Russland angerichtet haben, und deshalb verstehe ich, dass man sie nur so davon abbringen kann, jemals wieder Krieg zu führen." In Letzterem irrte Wolf leider; nach Bundeswehreinsätzen in aller Welt kann man seinen Optimismus über deutsche Friedfertigkeit heute nicht mehr teilen. 

Natürlich enthält ein solches Tagebuch – auch der Autor selbst sagt es – viel Belangloses und Banales, und Passagen über militärische Karrieren und Strategien sind nicht jedermanns Sache. Doch vielfach gibt es Bezüge, die ins Heute verweisen, und so regt die Lektüre auch jenseits ihres passagenweise recht trockenen Inhalts zu spannenden Betrachtungen an. Ein Flüchtling, der sich sein Recht zurückholt bei denen, die ihn vertrieben haben – was könnte angesichts der derzeitigen „Flüchtlingskrise" aktueller sein? Oder Wolfs wiederkehrende Gedanken über das Ausbleiben der zweiten, der von den Westalliierten erhofften Front – sind sie so fern von den taktischen Allianzen unserer Tage im „Kampf gegen den Terrorismus"? Aus Wolfs Worten spricht die Unsicherheit eines Jungen, dem der Krieg die Jugend, aber nicht seine humanistische Weltsicht geraubt hat. Seine liberale Erziehung stößt sich zwar immer wieder an den Zwängen militärischer Strukturen, aber ein Rebell ist er nicht. Da seine Familie bei Kriegsbeginn nach Alma Ata umgesiedelt wurde, sind ihm die Ängste vor derartigen Zwangsmaßnahmen nicht fremd. Von den Verdächtigungen und Prozessen in Moskau, die auch in seinem Umfeld Wirkung zeigen, dringen gelegentlich besorgte Andeutungen durch seine Notizen, aber die Verwüstungen beim Rückzug der deutschen Truppen stärken in ihm die Zuversicht, auf der richtigen Seite gekämpft zu haben. 

Da Wolf sein Kriegstagebuch am 18. April 1945 – er steht noch am Ufer der Oder – plötzlich abbricht, fehlen seine unmittelbaren Eindrücke über diese letzten Kriegswochen. Ein 1966 verfasstes Filmtreatment über diese Zeit, das auch seine kurze Rolle als Stadtkommandant in Bernau und die Verhandlungen um die Kapitulation der Festung Spandau umfasst, füllt diese Lücke bestens aus. Auf diesem Treatment basiert sein wohl bekanntester Film „Ich war 19" aus dem Jahre 1968. (Eine HD-DVD dieses Films liegt dem Band bei.) 

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