Agitprop für eine bessere Welt  

Vor 75 Jahren fand man den Leichnam des KPD-Politikers, Antifaschisten, Medienmachers und Organisators  

Willi Münzenberg. 

In: junge Welt online vom 17.10.2015 

 

Ken Merten 

  »Man glaubt in jenen Kreisen, es genüge, die kapitalistische Welt anzuschreien, um sie sterben zu lassen.« Willi Münzenberg, 1926 

  Die Zeitungsmeldung vom 22. Oktober 1940 trägt die Ortsmarke Saint Marcellin, eine Gemeinde im französischen Dauphiné: »Zwei Bergjäger fanden am Fuß einer Eiche im Wald von Caugnet die Leiche eines Mannes. Der Tod scheint schon vor mehreren Monaten eingetreten zu sein. Der Unbekannte hat sich wahrscheinlich erhängt, da noch ein Teil eines Strickes um seinen Hals geschlungen war. Die Gendarmerie von Saint Marcellin untersuchte den Fall und stellte fest, dass der Tote ein gewisser Willi Münzenberg war, 51 Jahre alt, ein in Erfurt geborener Schriftsteller.« Den Leichnam hatte man am 17. Oktober gefunden, gestorben war Münzenberg aber vermutlich bereits um den 21. Juni, eine Woche nach der Besetzung von Paris durch die faschistische Wehrmacht. 

  An den »Schriftsteller« Willi Münzenberg, erinnert heute keiner mehr. 

Dabei hatte er 1912, da war er 23 Jahre alt, begonnen, in rascher Folge »Theaterstücke für Arbeiterbühnen« zu schreiben, deren eines, »Die Kommune«, bei der Premiere in Zürich panische Tumulte auslöste, als echte Gewehrsalven abgefeuert wurden. Münzenberg befielen wohl rasch Zweifel an seinem Talent. »Er selber erkannte glücklicherweise sehr bald, dass seine Begabung nicht auf diesem Gebiet lag«, notierte jedenfalls seine Biographin und Lebensgefährtin Babette Gross (1898–1990). Das ging soweit, dass man ihn im Nachhinein zum funktionalen Analphabeten stempelte. 

Kein Zweifel bestand indes an seinem Organisationstalent, seiner unermüdlichen Solidarität mit der internationalen Arbeiterklasse und seinem Willen, sich der Medien Film und Fotografie als Träger kommunistischer Propaganda zu bedienen. Münzenberg, das war der »rote Hugenberg«, der für die Kommunistische Partei ein Medienunternehmen aufbaute, das hinter dem des deutschnationalen Erzfeindes zum größten der Weimarer Republik wurde. 

  Die erste Gefahr  Wie vielen anderen Antifaschistinnen und Antifaschisten setzte Peter Weiss (1916–1982) in seiner »Ästhetik des Widerstands« auch Münzenberg ein Denkmal. Dessen Schicksal verfolgte er in allen drei Bänden seines Essayromans, von den Jugendjahren bis zu dessen Tod. 

  »Der Vater kommt, das war die erste Gefahr, die er kennengelernt hatte«, heißt es im zweiten Band. Wilhelm »Willi« Münzenberg, am 14. 

August 1889 in Erfurt zur Welt gekommen, war Sohn eines thüringischen Gastwirtes. Der aggressive Alkoholiker drohte im Suff wieder und wieder, mit dem Gewehr auf die Familie zu schießen, und tatsächlich feuerte er auf Willis älterem Bruder, der sich daraufhin auf und davon machte. Willis Versuche, ebenfalls auszubüxen, scheiterten. Letztlich schoss sich der Vater selbst »eine Ladung Schrot in den Kopf« (Weiss). 

  Nach der Schule, die Willi nur unregelmäßig besuchen konnte, begann er eine Ausbildung zum Barbier, brach diese aber ab und arbeitete schließlich in einer Erfurter Schuhfabrik. Die Barbierlehre, in der die Lehrlinge zu Nutzvieh degradiert wurden, und der harte Fabrikalltag zeigten ihm, dass Ausbeutung und Unterdrückung nicht allein dem nunmehr toten Vater vorbehalten waren. Der Kontakt zu anarchistischen Kreisen und der klassenkämpferischen Gruppe »Propaganda« machte Münzenberg klar, dass das Kuschen, das er von Haus aus gewohnt war, kein Heilmittel war. Er lernte, dass die Gewalt, die er unter dem Vater erlitt und die er später als Prolet zu erdulden hatte, nicht ewig währen muss. Spuren hinterließ sie indes allemale. Bei Weiss lesen wir: »Häng dich auf, du Faulpelz, rief der Vater, und warf ihm einen Strick zu. [...] Da steht er mit dem Strick in der Hand, in der verräucherten Kneipe in einem Dorf namens Friemar, gelegen an der Nesse, [...] Dann klettert der Fünfjährige mit dem Strick die Stufen empor. Er verkriecht sich auf dem Dachboden. Niemand kommt ihm nach. Nichts ist dieses Leben wert, das ist die erste Lehre für ihn, der später sein ganzes Leben dafür einsetzte, dem Leben andrer einen Wert zu geben.« 

  Früh reifte Münzenberg zum Organisator. Nachdem er begonnen hatte, sich politisch zu betätigen und deshalb in Erfurt keine Anstellung mehr fand, verschlug es ihn 1910 als Wandergesellen nach Zürich. Dort lernte er als Mitglied des Zentralvorstands der Sozialistischen Jugend Wladimir Iljitsch Lenin in dessen Schweizer Exil kennen, zu einem Zeitpunkt, als sich die Zweite Internationale an der Frage zerlegte, ob sie den Weltkrieg in die Revolution umwandeln, ihn aussitzen, oder – wie die SPD-Führung entschied – sich an seiner Mordbrennerei beteiligen sollte. Münzenberg nahm den Standpunkt der Revolutionäre ein: Nach Deutschland zurückgekehrt, schloss er sich dem Spartakusbund an und wurde Gründungsmitglied der KPD. Er half, die Kommunistische Jugendinternationale aufzubauen und wurde 1919 zu ihrem Vorsitzenden. 

  Internationale Solidarität  Als 1921 das junge, bürgerkriegsverheerte Sowjetrussland unter einer Hungersnot litt, gründete Münzenberg, von Lenin beauftragt, die Internationale Arbeiterhilfe (IAH), das Herzstück des »Münzenberg-Konzerns«. Die IAH rief das Proletariat der kapitalistischen Länder dazu auf, mit Geld- und Sachspenden Solidarität mit den Arbeitern und Bauern der Sowjetunion, Chinas und der geknechteten Kolonien zu üben, und organisierte diese Hilfe. Von linksradikaler Seite erntete die IAH den Vorwurf, als »Arbeitersuppenküche« und »rote Heilsarmee« die potentiellen Revolutionäre bloß zu beköstigen, wo sie andernfalls auf die Barrikaden gestiegen wären. Doch Hungerrevolten sind keine Revolutionen. 

  »Man glaubt in jenen Kreisen, es genüge, die kapitalistische Welt anzuschreien, um sie sterben zu lassen«, antwortete Münzenberg auf solche Vorhaltungen in einer Broschüre zum fünfjährigen Bestehen der IAH. Aus der Arbeiterklasse sollte in Zeiten von Krisen und Katastrophen, die sie auszubaden hatte, eine sich ihrer selbst bewusste Klasse werden. Eine, die nicht vor Hunger rebelliert, sondern organisiert aufbegehrt, eine, die verstehen lernt, das sie sich selbst hilft, wenn sie dem hungernden Arbeiter im Ural und der von Krieg bedrohten Arbeiterin am Jangtse hilft. 

Dietmar Dath übersetzte das 2014 in seinem Essay »Klassenkampf im Dunkeln« für diejenigen, die in der bürgerlichen Postmoderne sozialisiert wurden und sich mit den Begriffen der Arbeiterbewegung schwertun, in den Terminus »statistischer Egoismus«. 

  Die IAH führte fortschrittliche Kräfte des Bürgertums und der Sozialdemokratie mit denen des Kommunismus zusammen. Münzenberg gelang es, die vorrangig intellektuelle Philantropie und den humanistischen Antimilitarismus bürgerlicher Kreise mit der internationalen Klassensolidarität auf der Grundlage von Marx, Engels und Lenin zu verbinden. Der kommunistische Verleger blieb dieser Bündnisorientierung auch später treu. Auf seine Initiative hin versammelten sich im französischen Exil ab 1935 kommunistische, sozialdemokratische und bürgerliche Hitlergegner und bildeten einen »Ausschuss zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront«, der nach dem Treffpunkt, dem gleichnamigen Pariser Hotel, Lutetia-Kreis genannt wurde. 

  Münzenberg schuf auf diese Weise den zur Organisation bereiten Sympathisanten von gesellschaftlichem Gewicht: Den Fellow-traveller, den Poputschik, den Weggefährten – jene »für den Kommunismus bis heute unentbehrliche, großenteils aus den Reihen der Intellektuellen stammende Hilfstruppe, die, ohne Mitglieder der kommunistischen Parteien zu sein, diesen jedoch tätige Sympathie entgegenbringen und sie durch öffentliche Bekenntnisse moralisch unterstützen«, schrieb Babette Gross. 

  »Erobert den Film«  Selbst vertraut mit den Anfängen des bürgerlichen Kinos, der effektheischenden Filme voller Trivialitäten, Mord und Erotik, die die Kassen füllen sollten, war Münzenbergs Kampf, anders als der eines großen Teils der Sozialdemokratie vor dem Burgfrieden, schon früh keiner gegen, sondern um den Film. »Werten wir den Film nach den großen propagandistischen, kulturellen Möglichkeiten, die er in sich trägt«, zitierte er Clara Zetkin im 1925 erschienenen Pamphlet »Erobert den Film« und forderte, dass es in den Kommunistischen Parteien keine Untergliederungen mehr geben dürfe, die »den Film nicht in großzügigster Weise bei ihrer Propaganda verwenden«. 

  Den propagandistischen (lies »postideologisch«: öffentlichkeitswirksamen) Effekt des bewegten Bildes entdeckte Münzenberg durch den internationalen Austausch zwischen proletarischen Filmgesellschaften in der Weimarer Republik und den »Meschrabpom Rus«-Studios der Sowjetrepubliken. Die sogenannten »Hungerfilme« brachten erstmals menschliches Elend in einer drastischen Unmittelbarkeit einem anderen, nicht direkt betroffenen Teil der Welt so nahe, wie es kein Zeitungsbericht je gekonnt hätte. Ergänzend dazu waren russische Spielfilme und die Arbeiter Illustrierte Zeitung, die ab 1921 im Neuen Deutschen Verlag erschien, gegen die russophobe und antisowjetische Propaganda der reaktionären Alfred-Hugenberg-Medien gerichtet. Vor allem die mit John-Heartfield-Illustrationen versehene AIZ betrieb Gegenpropaganda durch ihr breitgefächertes Bildmaterial zum Aufbau des Sozialismus im ehemaligen Zarenreich. 

  Münzenberg gelang mit der Belebung einer auf marxistischen Grundlagen stehenden Filmindustrie, was Antonio Gramsci als Doppelschritt zur Schaffung einer neuen Kultur bezeichnete: auf »bereits entdeckte Wahrheiten« zurückzugreifen, um sie zu »vergesellschaften«. Das junge Medium Film, so erkannte Münzenberg, ließ sich ebenso wenig missachten wie das Bedürfnis nach einer eigenen, sozialistischen Kultur. Der Rückgriff auf Kulturgüter der bürgerlichen Gesellschaft, die es zu überwinden galt, wurde zur Notwendigkeit. 

  Dolchstöße  Münzenberg mochte erfolgreich sein, sonderlich beliebt war der KPD-Reichstagsabgeordnete und Verleger der Berliner Tageszeitung Welt am Abend schon zu Weimarer Zeiten nicht. Die von Lenin erkannte Eigenschaft Münzenbergs, emsig und gleichzeitig selbständig zu arbeiten, geriet oftmals mit dem Parteiprozedere in Konflikt, das Münzenberg später dann an der KPdSU-geführten Komintern als Stalins »absolutistische Machtvollkommenheit« anprangerte. Er erfuhr nicht nur Anfeindungen seitens der Sozialdemokratie, die in Münzenberg einen Konkurrenten sah, der für seine Medien fähige Köpfe aus ihren Reihen gewann. In seiner eigenen Partei und im Kommunistischen Jugendverband gab es solche, die behaupteten oder raunten, dass sich das ZK-Mitglied nicht an das Einkommensmaximum für Parteiangehörige halte. Babette Gross widersprach dem Vorwurf in ihrer »Politischen Biographie« von 1967: »Während parteilose Redakteure seiner Blätter Gehälter bekamen, die denen in ähnlichen bürgerlichen Betrieben angepasst waren, bekam Münzenberg als Sekretär der IAH etwa 500 Mark im Monat. Seine Diäten als Reichstagsabgeordneter kassierte die Partei und erstattete ihm zur Deckung seiner Spesen monatlich 100 Mark zurück. Einzig das Freibillett 1. Klasse auf allen deutschen Eisenbahnen bildete einen nicht zu unterschätzenden finanziellen Vorteil.« 

  Nach der Machtübertragung und der Installation der Naziapparate zerfiel der »Münzenberg-Konzern«. Nur Bruchstücke konnten ins Ausland überführt werden. Münzenberg, der anfangs selbst noch die fehlerhafte »Sozialfaschismus-These« mitgetragen hatte und ein Verteidiger der Politik Josef Stalins war, brach nach den Moskauer Prozessen (in deren Folge auch er in die sowjetische Hauptstadt bestellt wurde, sich dem aber entziehen konnte) mit der Führung der KPdSU. 1938 wurde er aus der Partei ausgeschlossen, hatte aber zuvor selbst schon seinen Austritt erklärt. 

Moskau habe den Sozialismus verraten, einen »russischen Dolchstoß« ausgeführt, schrieb er im September 1939 nach der Unterzeichnung des Ribbentrop-Molotow-Paktes und übernahm damit die Metapher der Deutschnationalen, mit Hilfe derer der Verrat am 1918 »im Felde unbesiegten« kaiserlichen Heer angezeigt wurde. 

  Im französischen Exil festigte sich Münzenbergs Überzeugung, dass die »beiden Diktaturstaaten« gleichermaßen verdammungswürdig seien. Was ihm da in jener Zeit entfuhr, lässt sich heute selbst in Kreisen des rechten Bürgertums nur noch selten vernehmen: »Der Hauptkriegstreiber steht heute in Moskau und heißt Stalin«, schrieb er in der Zukunft am 6. Oktober 1939, jener Zeitung, die deutsche Migrantinnen und Migranten verschiedenster politischer Ausrichtungen zu einer Volksfront abseits von Moskau einlud, daran aber scheiterte. Dieses letzte große Propagandaprojekt überlebte wie sein Gründer den faschistischen Einmarsch in Frankreich nicht. 

  »Propaganda als Waffe«  Nach 1968 versuchte man Willi Münzenberg neu zu entdecken. 1972 wiederveröffentlichte der im Umfeld linksradikaler Kleingruppen gegründete März-Verlag die unter Münzenbergs Namen 1937 im Exil erschienene Abhandlung »Propaganda als Waffe« in gekürzter Fassung. 

Sie sollte Handwerkszeug sein im Kampf gegen die restaurative Bundesrepublik. Der Text, dessen Titel einer Publikation der Nazipropagandaorganisation »Deutsche Gesellschaft für Wehrpolitik und Wehrwissenschaften« entlehnt ist, entlarvte – auch unter Rückgriff auf Hitlers »Mein Kampf« und Schriften von Joseph Goebbels – die nazifaschistische Propaganda »als größte, lauteste« bürgerliche Demagogie, die es schaffte, »den Anhängern den Himmel als Hölle« und, so Hitler in »Mein Kampf«, umgekehrt »das elendste Leben als Paradies« vorzugaukeln. 

  Münzenberg, dessen gegenpropagandistische »Braunbücher« nach dem Reichstagsbrand als Reclam-Bände getarnt nach Deutschland geschmuggelt wurden, untersuchte mit »Propaganda als Waffe« das Vorgehen der Nazis, »die so viele Methoden und Mittel vom Gegner«, auch von Münzenberg selbst, übernahmen. Die faschistische Demagogie verkehrte den Inhalt in sein Gegenteil und zielte im gegenaufklärerischen Sinne darauf ab, den »kleinen Mann« mit Illusionen einzulullen: »Die Hitlerpropaganda bringt es fertig, ihre Anhänger sehen oder glauben zu lassen, was sie zu sehen oder zu glauben wünscht. Sie sagt: ›Ein bewaffnetes Deutschland hat alle Nahrung.‹ ›Ein waffenloses Deutschland wird verhungern.‹« 

  Tatsachenverdrehung, Begriffsumkehr, Verschwörungswahn und willkürliche wie beliebig austauschbare und kombinierbare Feindbildkonstruktionen (»jüdischer Marxismus«) verschleierten den Bruch mit allen gemachten sozialen Versprechen. Der Kapitalismus wurde nicht durch eine »nationalsozialistische« »Jedem das Seine«-Gesellschaft ersetzt. Die »deutsche Volksgemeinschaft« blieb eine Ausbeuterordnung, die sich daran machte, wieder Krieg zu führen. Die Zerstörung Guernicas durch die deutsche Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg 1937 war für Münzenberg, bevor das geplante, industrielle Morden in den Gaskammern begann, bereits die Konsequenz der Nazihetze: »Zur totalen Propaganda gehört der Terror.« 

  Der Führerkult und Hitlers Antihumanismus, zu dem gehörte, Intellektuelle (»bürgerliche Schlauköpfe«) und Schriftsteller (»Gecken und schriftstellernde Ritter«) zu verunglimpfen, widersprachen Münzenbergs aufklärerischer Auffassung von progressiver Propaganda. Früh geriet der Kommunist selbst zur Zielscheibe der Nazis. Unter der Überschrift »Pestherd des kommunistischen Untermenschentums« setzte der Völkische Beobachter in seiner Berliner Ausgabe vom 5. März 1933, im Vorfeld der Reichstagswahlen, ein Foto des angeblichen Reichstagsbrandstifters Marinus van der Lubbe (1909–1934) neben das des emigrierten KPD-Mannes Münzenberg. Bildunterschrift: »Die Anführer bringen sich in Sicherheit, während die Mitglieder für die ›Weltrevolution‹ missbraucht werden«. 

  Vereinnahmungen  In Sicherheit konnte sich Willi Münzenberg vermutlich nie wiegen. Von welchem Feind oder falschen Freund er im Juni 1940 ermordet wurde, sofern man die zumindest fragwürdige Suizidvermutung ausklammert, konnte bis heute nicht zweifelsfrei geklärt werden. Eindeutige Antworten gab auch der »Erste internationale Willi-Münzenberg-Kongress« nicht, wenngleich der Historiker und Mitorganisator Bernhard H. Bayerlein in einem vorab geführten ND-Interview zu verstehen gab, dass er sowjetische Agenten im Verdacht habe. 

  Die Frage Selbsttötung oder Mord durch wessen Hand auch immer stand derweil gar nicht im Mittelpunkt der Mitte September in Berlin abgehaltenen Veranstaltung. Den Ausrichtern Neues Deutschland und Rosa-Luxemburg-Stiftung ging es offensichtlich um etwas anderes. Der Linkspartei ist an der Konstruktion einer Traditionslinie jenseits von SPD und KPD gelegen. Da kommt Münzenberg gerade recht, dessen Vita solcherlei Bedürfnissen zu entsprechen scheint. Es gelte, hieß es im Vorfeld der Tagung, dessen Potential »für eine Neubestimmung der Geschichte der Arbeiterbewegung zwischen sozialdemokratischem Reformismus und stalinistischer Orthodoxie« auszuloten. 

  Zugleich macht man Münzenberg zum posthumen Verfechter einer reformierten EU und zum Bündnispartner des ehemaligen griechischen Finanzministers Gianis Varoufakis, der Ende August eine »gemeinsame Koalition von Helsinki bis Lissabon, von Dublin bis Athen« vorschlug, die das Ziel habe, aus einem Europa des »Wir, die Regierungen« ein Europa des »Wir, die Menschen« zu machen. »Willi Münzenberg hätte das bestimmt gefallen«, gab sich ND-Chefredakteur Tom Strohschneider vor Beginn der Konferenz in einem ND-Beitrag überzeugt. Und Bayerlein, von Hermann Weber einst in die Mysterien der Kommunismusforschung eingeführt, sekundierte im erwähnten Interview: »Münzenberg hätte einen Appell für Syriza gestartet«. 

  Der Kommunist der 20er und 30er Jahre muss hier als Maskottchen für eine Position der Gegenwart herhalten, die innerhalb der Linkspartei gegen diejenigen gerichtet ist, die den Ausstieg aus Euro und EU als mögliche Option erachten. Der nationalstaatliche Weg, soll das heißen, ist ein Holzweg, wusste schon Münzenberg. Sein letztes Projekt, die Zeitschrift Zukunft, sei, schrieb Strohschneider, »das Ergebnis der unerschütterlichen Überzeugung Münzenbergs« gewesen, »dass gesellschaftliche Emanzipation keine Frage nationalstaatlich begrenzter Veränderungen mehr sein kann, sondern nur noch als europäische Befreiung denkbar ist«. Demzufolge führte auch für ausgepresste und dem Diktat der Troika unterworfene Länder der Peripherie wie Griechenland und Portugal kein noch so schmaler Pfad aus der EU. 

  Der ND-Chefredakteur schaffte es, die Aktivitäten Münzenbergs in dessen letzten beiden Lebensjahren zur »praktischen Essenz des politischen und journalistischen Wirkens« zu überhöhen und dessen Tätigkeiten in den vorangegangenen rund 19 Jahren in der kommunistischen Bewegung mit keiner Silbe zu erwähnen. Das ist gewollt und soll signalisieren: Münzenberg ist unser. Das degradiert ihn zum Werbemännchen für einen bestimmten politischen Standpunkt. Eine Auseinandersetzung mit seiner Strategie der »Öffentlichkeitsarbeit« ist damit nicht verbunden. 

  Ob sich der unermüdliche Kämpfer gegen Faschismus, Imperialismus und Krieg ausgerechnet für die trübe Perspektive einer Reform des Kapitalkonstrukts EU hergegeben hätte, darf bezweifelt werden. Er wollte etwas anderes. In Abwandlung des Eingangszitats ließe sich mit Blick auf die Kongressveranstalter sagen: »Man glaubt in jenen Kreisen, es genüge, die kapitalistische Welt anzuflehen, auf dass sie freundlicher werde«. 

  Der Autor ist freier Mitarbeiter der jungen Welt. 

 

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