Nach einer Idee von Josef Stalin  

Die »neuen« Länder in Ostdeutschland sind nicht 25, sondern 70 Jahre alt  

Matthias Krauß 

In: junge Welt online vom 12.10.2015 

 

Zu den unausweichlichen Gesellschaftsspielen, mit denen der gutmütige Zeitgenosse im laufenden Jahr belästigt wird, gehören die Siegesfeiern zum 25. Gründungsjubiläum der sogenannten neuen Länder. Der Jubel aber darüber, dass sich 1990 nun der Volkswille durchgesetzt und mit der Länderbildung die »undemokratische« Gliederung Ostdeutschlands in DDR-Bezirke abgeschafft worden ist, trägt ein sehr dummes Gesicht. 

Denn diese neuen Länder, wie sie vor einem Vierteljahrhundert gebildet wurden, sind allesamt eine Kreation von Generalissimus Josef Stalin. Und sie haben auf allem andern als einem demokratischen Weg das Licht dieser Welt erblickt. 1945 hatte die sowjetische Besatzungsmacht eine Gliederung ihrer Zone vorgenommen und damit die heutigen Länder (»Provinzen«) Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen gebildet. Diese Neugliederung hatte Stalin in Auftrag gegeben, und er zeichnete die Ergebnisse auch ab. Die im Osten entstanden übrigens noch vor den meisten westdeutschen Ländern, und so gesehen sind die »neuen« älter als die meisten »alten«. Es gäbe also, wenn die landsmannschaftlichen Partys schon sein müssen, mindestens genausoviel Grund, den 70. Jahrestag der neuen Länder zu begehen wie den 25.    

Im brandenburgischen Landtag sprach Grünen-Fraktionschef Axel Vogel wahrheitsgemäß davon, dass Brandenburg durch die »sowjetische Besatzung gegründet worden war«, wie es der in Bochum Geborene formulierte. Damit seien die »Diktaturerfahrungen« nur kurz unterbrochen worden, denn es hätten 1946 demokratische Wahlen stattgefunden, »bevor in der Deutschen Demokratischen Republik die Demokratie beerdigt wurde«. 

Auf die Ländergründung kann sich diese Demokratieannahme jedenfalls nicht beziehen. Die ging auf einen Befehl der Besatzungsmacht zurück. Weder im Osten noch im Westen hatten die Deutschen bei der Gründung der heutigen Bundesländer großartig mitzureden, es handelte sich ausschließlich um Verfügungen der Besatzungsmächte. Die Darstellung, dass 1990 mit der Rückgewinnung der Länder in Ostdeutschland ein historisches Unrecht beseitigt und einer angestammten Aufteilung demokratisch wieder Geltung verschafft worden sei, ist also irreführend. Die Bildung der Länder 1945 war genausowenig demokratisch wie ihre Abschaffung und Ersetzung durch Bezirke in der DDR 1952. Letztere könnte man als den Ausdruck des Willens interpretieren, sich von den Vorschriften des Besatzungsrechtes zu lösen. 

Weshalb die Demokraten 1990 nun nichts Eiligeres zu tun hatten, als den Gebietsanordnungen der Sowjets wieder Geltung zu verschaffen – wer weiß das schon? 

Jetzt so zu tun, als ob diese Länder die gleichsam natürliche politisch-geographische Erscheinungsform der in ihnen lebenden »deutschen Stämme« wären, ist nicht haltbar. Thüringen als geschlossenes Gebiet entstand ohnehin erst 1920, und seine Hauptstadt Erfurt sowie große Teile des heutigen thüringischen Nordens gehörten schlicht zu Preußen. Für das Land Sachsen (ab 1919 und seit 1990 wieder »Freistaat«) gab es zwar mit dem Königreich gleichen Namens ein historisches Vorbild. Allerdings hatten die Sowjets 1945 nicht das Sachsen aus der Zeit, bevor der Wiener Kongress 1815 seine Grenzen neu zog, wiederbelebt. Andernfalls hätten die heute im Land Brandenburg liegenden Städte Belzig, Finsterwalde, Senftenberg und Lauchhammer beispielsweise vor 70 Jahren (und damit heute wieder) sächsisch sein müssen. Beim Land Brandenburg selbst müssen die meisten Zweifel angemeldet werden, was die angebliche historische Kontinuität angeht. Denn das frühere Gebiet Brandenburgs im 1947 vom Alliierten Kontrollrat der vier Besatzungsmächte in Deutschland aufgelösten Freistaat Preußen zog sich sehr weit über den Fluss Oder Richtung Osten hin. Und die brandenburgischen »Kernlande« Altmark und Neumark, d. h. die Geburtsstätten Brandenburgs, sind überhaupt nicht Bestandteil des heutigen Bundeslandes. 

Die Altmark wie auch die Stadt Havelberg gehören zum Bundesland Sachsen-Anhalt. Bei dem hat man das Gefühl, es sei dadurch entstanden, dass seine Nachbarn willkürlich ihre Grenzen zogen. Was übrigblieb, erhielt das neue Etikett Sachsen-Anhalt verpasst. Eine historische Entsprechung für dieses Land gibt es jedenfalls nicht, Stalin hat es gleichsam erfunden. Auch im ostdeutschen Norden war nach dem Zweiten Weltkrieg an den historischen Gegebenheiten erheblich herumgefeilt worden. 

Die von der Sowjetunion geschaffene (heutige) Gebietslage hat mit der geschichtlichen wenig oder gar nichts zu tun. Mecklenburg bestand bis zum Ende der Monarchie in Deutschland 1918 aus zwei Großherzogtümern, Vorpommern war mal schwedisch, mal preußisch. Aber es kam ja laut alliiertem Beschluss 1947 auf die Abschaffung Preußens an, und dem war die sowjetische Besatzungsmacht zuvor schon dadurch nachgekommen, indem sie dessen Gebiete westlich der Oder auf verschiedene neue Länder verteilte. 

Würden die Regierungen in den »neuen« Ländern halbwegs bei der historischen Wahrheit bleiben, dann müssten sie anlässlich der großartigen 25-Jahr-Feiern nun dem Genossen Stalin für seine Weitsicht und seine kluge Gebietsaufteilung danken. Sie kamen jedenfalls 1990 komplett auf seine Pläne zurück und ließen sie bis heute fast ohne beziehungsweise mit nur geringfügigen Veränderungen gelten. Stalins Idee kann, ließe sich schließen, in ihren Augen nicht so schlecht gewesen sein. Bei ostdeutschen Kabinetten ist allerdings weder ein Ausbruch von Wahrheitsliebe zu erwarten, noch ein Akt, der so etwas wie Souveränität, Gelassenheit oder heitere Haltung gegenüber der Geschichte durchschimmern lassen würde. 

 

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