»Das Ende der sozialistischen Staaten hatte dramatische Folgen«  

Gespräch P Mit Helga Hörz. Über den Kampf für Frauenrechte in der UNO, das langsame Absterben des Patriarchats und provinzielles Denken in der DDR  

Jana Frielinghaus 

In: junge Welt online vom 26.09.2015 

Wochenendbeilage 

 

Sie waren in der DDR eine vielbeschäftigte Frau: Professorin für Ethik an der Sektion Philosophie der Humboldt-Universität in Berlin, fast 15 Jahre lang Vertreterin der DDR bei den Vereinten Nationen und Mutter von drei Kindern. Wie überlebt man so eine Aufgabenvielfalt als Familie? Schließlich war auch Ihr Mann Professor … 

Durch gute Arbeitsteilung und Einbeziehung der Kinder in die Aufgaben. Wir haben ihnen immer erklärt, woran wir arbeiten und warum das wichtig ist. 

Und wir haben immer darauf gesehen, dass wenigstens einer von uns zu Hause ist. Denn Kinder haben eben oft ganz schnell mal ein Problem, das man mit ihnen besprechen muss und will, damit sie auch wieder herauskommen aus einer komplizierten Situation. 

Vor 40 Jahren fand in Mexiko die erste Weltfrauenkonferenz der UNO statt, danach gab es alle fünf Jahre Folgekonferenzen. Im UN-Jahr der Frau 1975 begann auch Ihre Tätigkeit in der Kommission »Zum Status der Frau« der Vereinten Nationen. Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen? 

Ich habe nach dem Studium im Berliner Glühlampenwerk als Jugendfunktionärin gearbeitet und dort festgestellt, wie viele Probleme wir noch haben bei der Einbeziehung der Frauen in die gesellschaftliche Entwicklung. Daraus ergab sich meine Doktorarbeit über die gesellschaftliche Rolle der Frau. Und daran gab es in der DDR ein breites Interesse, wohl auch, weil ich mich bemüht habe, sowohl Literatur auszuwerten als auch praktische Probleme aufzuzeigen, die in der Entwicklung neuer Formen des Zusammenlebens auftreten. Ich erhielt danach von fast allen Zeitungen der DDR Anfragen, musste für sie schreiben oder Interviews geben und habe viele Vorträge gehalten. Dadurch bin ich in das Blickfeld geraten – und auch durch meine Tätigkeit in der Internationalen Demokratischen Frauenföderation IDFF. Nachdem die Blockade überwunden und die DDR 1973 in die UNO aufgenommen worden war, kam ich in diese Auswahl und wurde dann 1975 vom ECOSOC, dem Wirtschafts- und Sozialrat der UNO in die Kommission gewählt. Vorgeschlagen hatte mich die DDR-Regierung. 

In der Kommission waren Sie an der Ausarbeitung der UN-Konvention über die Beseitigung aller Formen der Diskriminierung der Frau beteiligt (Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination Against Women, CEDAW). 

Welche Erfahrungen haben Sie hier einbringen können? 

Es war eine sehr komplizierte Arbeit, weil Menschen mit den verschiedensten kulturellen und ethnischen Prägungen aufeinandertrafen. Das musste ich bei allem berücksichtigen, was ich versuchte, in die Konvention einzubringen. 

Ich habe mich darauf konzentriert, dass in der Konvention der Zusammenhang von Menschen- und Frauenrechten hervorgehoben wird. Das habe ich auch geschafft, er ist Bestandteil der Präambel. 

In Diskussionsbeiträgen habe ich anhand der Erfahrungen mit der Schaffung vieler gesetzlicher Grundlagen für die volle Gleichberechtigung der Frauen aufgezeigt, wie die Entwicklung verlaufen kann, wie sie in unserem Lande verläuft – und dass es Probleme gibt, weil auch wir konfrontiert waren mit dem sehr stark verinnerlichten Rollenverständnis von Mann und Frau. 

Überkommene Vorstellungen darüber, wie die Arbeitsteilung zu erfolgen hat, spukten in den Köpfen, und heute spukt es verstärkt wieder: ein Menschenbild, das nicht mehr den Realitäten entspricht, aber Wurzeln in der Geschichte hat. 

Trotz vieler Kontroversen – es war zum Beispiel schwer, das Prinzip gleicher Lohn für gleiche Arbeit durchzusetzen, was wir aber geschafft haben – war die Konvention 1976 im Entwurf fertig, so dass sie in die UN-Gremien und die Vollversammlung gehen konnte. Der Staatsrat der DDR hat sie 1980 als zweites Land der Welt ratifiziert und damit mit 25 anderen Staaten zusammen die Voraussetzung für ihr Inkrafttreten geschaffen. Heute ist sie die UN-Konvention mit dem zweithöchsten Ratifikationserfolg und zwingt alle Länder, die ihr beigetreten sind – es sind 184 –, alle vier Jahre gegenüber dem Ausschuss für die Rechte der Frau, dessen Einrichtung die Kommission durchgesetzt hat, Rechenschaft abzulegen. Zwar gibt es oft auch geschönte Berichte, aber das Kontrollgremium ist durchaus in der Lage, dergleichen nachzuweisen und realistischere Darstellungen einzufordern. 

Welche Erfolge bei der Durchsetzung von Frauenrechten gab es während Ihrer Zeit bei der UNO? 

Durch die UN-Dekade der Frau von 1975 bis 1985 wurden die Frauen weltweit stark motiviert und aktiviert, auch durch die Weltkongresse. Durch diese Aktivitäten kamen viele Frauen aus der Vereinzelung heraus. Sie haben plötzlich gemerkt: Sie sind eine Kraft, die gegenüber den Regierungen Forderungen stellen kann. In Großbritannien ist zum Beispiel 1975 ein Lohngleichheitsgesetz durchgesetzt worden. 

Ein weiteres Beispiel für erfolgreiches Engagement von Frauen in der UNO, das sehr spontan entstanden ist: Zwei skandinavische Vertreterinnen haben sich am Küchentisch überlegt, dass man etwas tun muss gegen die atomare Gefahr, haben eine Deklaration gegen atomare Bewaffnung erarbeitet – und dafür innerhalb kurzer Zeit mehrere Millionen Unterschriften von Frauen aus aller Welt zusammenbekommen. Auf der zweiten Weltfrauenkonferenz in Kopenhagen 1980, bei der ich das Amt der ersten Vizepräsidentin »in charge of coordination« innehatte, wollten sie diese Liste dem damaligen UN-Generalsekretär Kurt Waldheim übergeben, und das sollte zunächst blockiert werden. Aber in meiner Funktion hatte ich die Möglichkeit, die Sache voranzubringen. Da wurde zum Beispiel gesagt, es ist kein Übersetzerteam vorhanden. Also organisierte ich ein Übersetzerteam für das Plenum, und so konnten diese Frauen die Unterschriften übergeben. 

Sie haben 1979 auch eine Deklaration zur stärkeren Einbeziehung von Frauen in den Friedenskampf in den UN-Sicherheitsrat eingebracht …  

Ja, das geschah im Auftrag der DDR-Regierung, und der Entwurf hatte die stärkere und gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an Friedensverhandlungen und -prozessen, aber auch ihre aktive Rolle bei der Überwindung von Kolonialismus und Rassismus zum Inhalt. Das ist auf viele Widerstände gestoßen, weil man immer wieder das Argument brachte, Frauen fehle die Qualifikation, was natürlich Unsinn ist, denn sie sind ja die Hauptleidtragenden in Kriegen. 

1982 wurde diese Deklaration nach vielen Diskussionen tatsächlich von der UN-Vollversammlung verabschiedet. Und ich meine, dass die Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrates, in der Konfliktparteien dazu aufgerufen werden, die Rechte von Frauen zu schützen und sie gleichberechtigt in Friedensverhandlungen, Konfliktbeilegung und Wiederaufbau einzubeziehen, auch auf der Erkenntnis basiert: Man kann die Frauen nicht einfach ignorieren. 

Sie waren im Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD) aktiv und heben in Ihren Büchern dessen Bedeutung für die Durchsetzung der Gleichberechtigung der Frauen in der DDR hervor. Im Internetlexikon Wikipedia heißt es, der DFD sei eine »Massenorganisation im Gefolge der SED« gewesen. Kritiker meinen, er gehörte eher zu den offiziellen Organisationen, die nicht berühmt dafür waren, Probleme wirklich zur Sprache zu bringen …  

Das entspricht überhaupt nicht den Tatsachen. Die – noch gesamtdeutsche – Gründung des DFD 1947 diente zunächst dazu, mit den Folgen des Krieges zurechtzukommen. Er hat sich unter anderem sehr stark dafür eingesetzt, dass die Schulen wieder in Betrieb genommen wurden, dass für die Kinder gesorgt wird, die durch den Krieg ihre Eltern verloren hatten. 

Und er hat Frauen an die Literatur herangeführt, indem in den Ortsgruppen Lesezirkel veranstaltet wurden. Ich finde, das sind große Verdienste. 

In den internationalen Beziehungen haben wir immer wieder Hilfsaktionen gestartet. Als wir zum Beispiel zu einer Konferenz nach Bangladesh reisten, waren zwei Maschinen mit Hilfsgütern aus der DDR vorausgeflogen. Es wurden unter anderem Nähmaschinen und andere Geräte geliefert, mit denen sich Frauen eine Existenz aufbauen konnten. Der DFD hatte viele Kontakte zu Frauen in Entwicklungsländern. Bei unseren Treffen mit Frauen aus diesen Ländern gab es großes Interesse an unseren Erfahrungen. Dabei war es mein Ansatz, immer auch auf Probleme aufmerksam zu machen, damit keine Illusionen entstehen. 

1975 war ich zusammen mit Hertha Jung, Mitglied der CDU der DDR, im DFD-Vorstand und Abgeordnete der Volkskammer, auf einem Seminar in London. 

Wir haben dort beide Rede und Antwort stehen müssen, erstens über Friedensaktivitäten und das Agieren von Frauen dabei – und zweitens, wie wir die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf umsetzen. Die Art, wie in der DDR die Betreuung von Kindern durch medizinisch und pädagogisch ausgebildete Kräfte gewährleistet wurde, hat unseren Gesprächspartnern ebenso imponiert wie die Tatsache, dass wir eine einheitliche Frauenorganisation besaßen, die in der Volkskammer vertreten war und ein gewichtiges Wort dabei mitzureden hatte, wie Gesetze auch im Interesse von Frauen formuliert werden mussten. Denn in allen Ländern, in denen ich als Vertreterin der IDFF oder der UNO war, wurde immer wieder das Problem der Zersplitterung der Frauenorganisationen angesprochen. Das machte es schwierig, gegenüber Regierungen Rechte durchzusetzen. 

Wenn ich von all diesen Aktivitäten zurückkam, hatte ich oft das Gefühl, dass in unserem Land ein gewisser Provinzialismus herrscht, der einfach nicht über die Grenzen hinausguckt und nicht sieht, wie groß die Probleme der Frauen in der ganzen Welt sind und dass man Defizite bei uns auch dazu ins Verhältnis setzen muss. 

Aber hatte diese Beschränktheit nicht auch mit dem für die meisten Bürger beschränkten Zugang zu Informationen zu tun? 

Das ist zwiespältig. Denn es wurde ja immer wieder in vielen Publikationen der DDR die Situation weltweit geschildert. Ja, es gab Einschränkungen im Reiseverkehr. Einige haben aber auch zu wenig die vorhandenen Informationsmöglichkeiten genutzt. 1989 habe ich erlebt, dass eine Vertreterin der Modrow-Regierung, die dort als Ministerin ohne Geschäftsbereich für Frauenfragen zuständig war und von der DDR-Akademie der Wissenschaften kam, nicht einmal deren Veröffentlichungen zu Problemen bei der Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frauen kannte. 

Diese Ministerin sagte mir 1990, ich sei eine Altlast und meine Weiterarbeit für die UNO nicht mehr zu verantworten. Obwohl sie diese Ansicht auch in den UN-Gremien sinngemäß zum Ausdruck brachte, wurde ich per Akklamation zur Präsidentin der Tagung zu Frauenfragen mit Weltkonferenzcharakter in Wien gewählt – eigentlich bis 1991. Aber meine Tätigkeit endete 1990, als die DDR aufhörte zu existierten. Mein Antrag an das Auswärtige Amt, wenigstens zur Amtsübergabe an die neue Präsidentin für einen Tag nach Wien reisen zu können, wurde abschlägig beschieden. Man sagte mir, ich könne ja privat reisen. 

Im Herbst 1989 gründete sich der Unabhängige Frauenverband UFV. Unter seinem Dach wollten sich viele Frauengruppen aus dem ganzen Land zusammentun. Viele von ihnen kritisierten, dass man in der DDR über fortexistierende patriarchale Gesellschaftsstrukturen nicht habe reden können. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf? 

Ich habe mich als Wissenschaftlerin immer auch mit Frauenfragen beschäftigt, und ich meine, dass es patriarchale Verhaltensweisen in der DDR tatsächlich sowohl bei Funktionären als auch in den Betrieben und in den Familien gab. Aber sie unterlagen Beschränkungen, weil der Gesamttenor der Gesellschaft dem entgegengesetzt war. Und der lautete, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Dass immer noch viele Funktionen von Männern besetzt waren, stimmt auch. Aber die DDR existierte nur 40 Jahre. Das ist historisch ein sehr kurzer Zeitraum. Bedenkt man das, haben wir enorm viel erreicht. Insofern finde ich es vereinfachend, wenn man diese Strukturen so betont. Man konnte sich, wenn man Benachteiligungen aufgrund des Frauseins nachweisen konnte, beschweren: bei der Gewerkschaft, bei der Presse, bei der Partei. 

Manche Frauen, das konnte ich als Vorsitzende des Frauenausschusses der Humboldt-Universität erleben, wollten sich aber gar nicht wirklich weiterqualifizieren. Ich habe etliche Absolventinnen immer wieder gedrängt, in Richtung Promotion oder Habilitation weiterzuarbeiten, aber viele von ihnen scheuten die Auseinandersetzung mit ihrem Ehemann, der dann in der Familie hätte mehr tun müssen. Einfach war die Neuregelung der Arbeitsteilung nicht, aber so etwas dem Staat anzulasten, finde ich unehrlich. 

1990 endete für Sie auch Ihre Tätigkeit an der Uni. Sie wurden damals gedrängt, in den Ruhestand zu gehen, nahmen dieses »Angebot« an und wurden dann mit erst 55 Jahren emeritiert. Wie haben Sie diese Zeit des Herausdrängens sogenannter Systemnaher aus dem Wissenschaftsbetrieb erlebt, und welche Gründe sehen Sie rückwirkend für diese Vorgehensweise? 

Die Abwicklung der DDR-Wissenschaftler geschah zum Beispiel an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Uni unter Leitung des Volkswirts Wilhelm Krelle, bis zum Mai 1945 SS-Sturmbannführer und glühender Nazi. Sein Leitspruch nach der »Wende« lautete: »Kein Marxist wird seinen Fuß über die Schwelle dieses Hauses setzen, solange ich hier das Sagen habe.« Wenn so jemand eingesetzt wird, um die »fachliche und politische Eignung« der bisher dort Lehrenden zu beurteilen, wird das Ziel klar. Die Erinnerung daran, dass unser Land eine Alternative zur Kapitaldiktatur war und dass sie durch Gewährleistung der sozialen Rechte gezeigt hat, dass man eben auch menschlich miteinander umgehen kann, sollte so weit wie möglich gelöscht werden. 

Ich selbst habe nie resigniert, merkte aber, dass viele Kollegen mit der Situation nicht zurechtkamen. Ich habe dann in Berlin-Mitte eine Diskussionsgruppe initiiert, in der wir über Ethik und Humanismus gesprochen haben. Wir haben eine Arbeit gemacht, die einige wieder aufgerichtet und aus der Isolation geführt hat. Als der Berliner Senat dafür keine Mittel mehr bewilligte, bin ich im Beirat der Volkssolidarität Berlin in die Bildungsakademie eingestiegen und habe sie 13 Jahre lang geleitet – mit wissenschaftlichen Vorträgen, Schriftstellerlesungen und Computerkursen. 

Wie schätzen Sie die Umsetzung der UN-Konvention zur Beseitigung der Frauendiskriminierung seit 1990 international ein? 

Es hatte dramatische Folgen, dass das Korrektiv weggefallen ist, das die Existenz der sozialistischen Staaten bildete. Es gibt seitdem in vielen Fragen Stagnation und auch Regression, was die Durchsetzung von Frauenrechten betrifft. 

Regression kann man gerade in den ehemals sozialistischen Ländern beobachten … 

Zugenommen hat dort insbesondere die Gewalt gegen Frauen, das Recht auf selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch wird in vielen dieser Länder beschnitten. Und die Frauen wurden massenhaft aus dem Arbeitsprozess gedrängt – was zu wachsender weiblicher Altersarmut führt. 

 

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Kein Einheitsmärchen  

Politische Klarheit und Konsequenz: Klaus Eichner hat ein Buch über die DDR-Kundschafterin Gabriele Gast herausgegeben  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 28.09.2015 

 

Gabriele Gast war von 1973 bis zur Verhaftung 1990 im Hauptquartier des Bundesnachrichtendienstes (BND) im bayerischen Pullach, zuletzt im Rang einer Regierungsdirektorin, und zugleich für die Hauptverwaltung Aufklärung des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (HV A), des Auslandsnachrichtendienstes des ostdeutschen Staates, tätig. Im Vorwort von Klaus Eichners Buch »Agentin in der BND-Zentrale. Gabriele Gast im westdeutschen Spionagezentrum« schreibt der letzte Chef der HV A, Werner Großmann, über sie: »Mit ihrem herausragenden Intellekt und ihrer konsequent kritischen Position bestimmte sie immer wieder das Profil und die Inhalte der Zusammenarbeit der DDR-Auslandsaufklärung mit der Quelle ›Gisela‹ mit.« 

Konsequenz in der politischen Haltung, das lässt sich nach Lektüre des Buches sagen, ist für sie bis heute charakteristisch. Der Titel ihrer 1999 erschienenen Erinnerungen »Kundschafterin des Friedens. 17 Jahre Topspionin der DDR beim BND« besagt das. Der nun vorliegende Band liefert genauere Aufschlüsse über ihr Denken, Gründe für ihre Urteile über Ereignisse und Personen, etwa für den Bruch mit Markus Wolf, den langjährigen Leiter der HV A. Sie habe es als Dolchstöße empfunden, wie er gegenüber der bundesdeutschen Justiz »liebedienerte« und sich selbst zum politischen Oppositionellen in der DDR stilisierte, der die Kundschafter faktisch zu »Narren« erklärte. Die Selbstzeugnisse, Briefe und Vortragspassagen, die Klaus Eichner, selbst als Experte für westliche Geheimdienste viele Jahre in der HV A tätig, zumeist mit knappen Kommentierungen und Überleitungen versehen hat, zeigen eine Intellektuelle, die sich nie ein X für ein U vormachen ließ. Wer die Welt sieht, wie sie ist, und die Fähigkeit hat zu sagen, was ist, steht selten für Krieg und Unterdrückung ein, sondern bekämpft sie zumeist. Das trifft auf Gabriele Gast zu. 

Um so schlimmer, was ihr von Gefährten widerfuhr. Es gab Verrat bereits im Januar 1990 und erbärmliches Verhalten des Freundes, Geliebten und Partners aus den Reihen der DDR-Aufklärung im Prozess gegen sie 1991. 

Klaus Eichner hat die sechs Kapitel des Buches mit einem Prolog (»Der BND im Visier der Spionageabwehr der DDR«) und einem Epilog versehen, in dem die Tätigkeit der Initiative »Kundschafter des Friedens fordern Recht« und der sie unterstützenden Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung (GRH e. V.) skizziert werden. In einem Anhang sind außerdem  u. a. Beiträge aus jW, Neues Deutschland und dem Buch Eichners zur NSA (»Imperium ohne Rätsel. Was bereits die DDR-Aufklärung über die NSA wusste«, 2014) nachzulesen. 

Ein zentraler Gegenstand des Bandes ist der juristische Umgang mit den enttarnten DDR-Kundschaftern nach 1990. Selten hat sich der sogenannte bundesdeutsche Rechtsstaat als Instrument politischer Rachsucht bloßgestellt wie in diesen Verfahren, deren Grundsatz die rechtliche Ungleichbehandlung von gleichen Delikten in Ost und West war. Eine von CDU/CSU und FDP vorgesehene allgemeine Amnestie hatte 1990 die SPD mit ihrer Bundesratsmehrheit verhindert. Nicht viel besser war, was die PDS-Bundestagsgruppe fünf Jahre später vorlegte. Gabriele Gast nahm auf einer Zusammenkunft von Kundschaftern und PDS-Abgeordneten am 25. März 1995 kein Blatt vor den Mund. Sie sei entsetzt über die »Gedankenverwirrung«, mit der Kundschafter und generell staatliches Handeln der DDR straffrei gestellt werden sollten: »Sie befinden sich nämlich damit genau in jenem Fahrwasser, in das der deutsche Rechtskonservatismus während der ganzen Nachkriegszeit die sozialistische Idee zu bugsieren suchte: in dem des Unrechts. (...) Sind Sie sich darüber im klaren, dass sie mit einer solchen Diktion implizit die Behauptung Bonns anerkennen, die DDR sei von A bis Z ein Unrechtsstaat gewesen?« 2015 lässt sich mit Blick auf den Thüringer Koalitionsvertrag von Linkspartei, SPD und Grünen sagen: Klar, diese Leute sind sich darüber im klaren. 

Die Willkürjustiz bedeutete für Gabriele Gast eine Verurteilung zu sechs Jahren und neun Monaten, 15 Monate davon Isolationshaft, also Folter. 

1995 geißelte die Kundschafterin aber nicht nur den »opportunistischen Zweck, der bei der Ausarbeitung dieses Gesetzentwurfs Pate stand«, sondern gleich noch eine andere juristische Sottise, über die in der Bundesrepublik seit 25 Jahren Schweigen herrscht: »Ist es rechtens, die KGB-Agenten in der Ex-DDR unbehelligt zu lassen, nur weil die Lubjanka zum Partnerdienst des BND mutierte? Oder soll man etwa an ein weiteres Vereinigungsmärchen glauben, wonach das KGB in der DDR nur auf offiziellem Parkett präsent gewesen sei oder gar bei seinem Rückzug nach Moskau seine Quellen im früheren ›Bruderstaat‹ den neuen Freunden in Pullach überlassen hat?« 

Das Buch ist eine Dokument politischer Klarheit und Konsequenz, wie es selten geworden ist. Gabriele Gasts Kampf um eine Rehabilitierung jener, die sich geheimdienstlich für die DDR engagierten, ist vor allem ein Eintreten für das, wofür dieser Staat einst entstand und lange Zeit stand. Die Gründe für eine Alternative sind heute mehr denn je gegeben, in ihren Worten: »Nichts bleibt, wie es ist.« 

Klaus Eichner: Agentin in der BND-Zentrale. Gabriele Gast im westdeutschen Spionagezentrum. Edition Ost, Berlin 2015, 253 Seiten, 14,99 Euro 

Am morgigen Dienstag, dem 29. September, stellen Gabriele Gast und Klaus Eichner das Buch um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie (Torstr. 6., 10119 Berlin) vor 

 

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Feindliche Übernahme  

Aufklärung im besten Sinne: Siegfried Wenzels Standardwerk über den »Wert der DDR« ist in einer Neuauflage erschienen  

Christa Luft 

In: junge Welt online vom 02.11.2015 

 

Macht es 25 Jahre nach dem Ende der DDR Sinn, ein Buch wiederaufzulegen, das wie in der Erstausgabe anno 2000 und in folgenden 16 Auflagen nach dem Wert des verblichenen Staates fragt? Ich meine: durchaus! Bis heute verhallen nicht die Stimmen derer, für die »total marode« und »bankrott« die gängigsten Attribute für dessen Beschreibung sind. 

Siegfried Wenzel, als langjähriger Stellvertretender Vorsitzender der Plankommission ein Insider, stellt die Frage, »ob die DDR als selbständiger Staat und ihre Volkswirtschaft in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre noch eine Perspektive hatten« (S.117). Bei der Antwort müsse man, so der Autor, nicht nur das ökonomische, sondern auch das politische Umfeld in Betracht ziehen. Er beschreibt sachlich den zum Teil sehr kritischen Zustand der DDR-Ökonomie und folgert, »die DDR war nicht pleite, aber sie hatte keine Perspektive« (S. 118). Seine Argumentation zu diesem scheinbaren Widerspruch ist lesenswert. Als einen Grund bietet er an, »dass die DDR für die Sowjetunion nur noch eine, vielleicht sogar eine etwas lästige Nebenrolle spielte« (S. 169). 

Wenzel schildert als Zeitzeuge das überstürzte Tempo bei der Vorbereitung der Währungsunion, dem entscheidenden Schritt zur deutschen Einheit. Er ruft Warnungen hochrangiger westdeutscher Experten in Erinnerung. Sie hatten, wie auch DDR-Fachleute – von der Bundesregierung allerdings ignoriert – die fatalen Folgen eines Crashkurses für Wirtschaft und Bevölkerung vorausgesehen und Übergangsfristen und Anpassungsmaßnahmen gefordert. Für Wenzel ist es daher ein Gebot historischer Wahrheit auseinanderzuhalten, was bei der schwierigen Nach-Wende-Entwicklung der ostdeutschen Wirtschaft als »Erblast« der DDR gelten kann und was Ergebnis falscher politischer Weichenstellung ist. Kritisch nimmt er die Privatisierungsorgie der Treuhand unter die Lupe. Mit Duldung der Bundesregierung habe sie im Interesse der westdeutschen Konkurrenz die »feindliche Übernahme« des DDR-Volksvermögens vollzogen. 

Die bedeutenden Transferleistungen von West nach Ost setzt er ins Verhältnis zu den Vermögenstransfers von Ost nach West, zum Steuerplus in den alten Bundesländern durch Beschäftigung hochqualifizierter, aus dem Osten abgewanderter Menschen und zu den Zusatzgewinnen von Westunternehmen aus der Überflutung des ostdeutschen Binnenmarktes und der Verdrängung früherer DDR-Unternehmen von den angestammten Ostmärkten. Ulrich Blum, westdeutsch sozialisierter langjähriger Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts Halle, kam nach ähnlicher Rechnung zu dem Schluss, die Ostdeutschen hätten die Einheit im Grunde selber bezahlt. 

Wenzel reduziert die Frage nach dem »Wert der DDR« nicht auf eine Finanzgröße. Er will gelebte zivilisatorische Errungenschaften gewürdigt wissen, die die gesellschaftliche Entwicklung des vereinten Landes hätten bereichern können (S. 151). 

Angehörige der jüngeren Generation finden bei Wenzel eine faktenreiche, nicht nostalgische, kritisch-selbstkritische Analyse der Entstehung und Zerstörung des in der DDR praktizierten Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells. Auch wer eine frühere Auflage des Buches kennt, zieht Gewinn aus der Neuerscheinung, einer ergänzten, aktualisierten Ausgabe. Der Wirtschaftshistoriker Jörg Roesler hat ein profundes, ausführliches Vorwort beigesteuert. Er widmet sich dem 2015 verstorbenen Buchautor, der im Zeitraum 1989/1990 für drei Ministerpräsidenten (Willi Stoph, Hans Modrow, Lothar de Maizière) verantwortungsvolle Arbeit leistete. Sie alle wussten ihn zu schätzen. War er etwa ein Wendehals? Nein! Das Grüßen von Gesslerhüten kam für Wenzel nie in Frage. Roesler fasst Debatten zu wirtschaftstheoretischen Problemen zusammen, an denen Wenzel nach der Erstauflage beteiligt war, so seine Polemik gegen die verbreitete Bezeichnung der DDR-Ökonomie als Mangelwirtschaft, die Auseinandersetzung mit der Mehrheitsmeinung von Wirtschaftshistorikern, die in der Planwirtschaft die Haupt-, wenn nicht die alleinige Ursache für das Zurückbleiben der DDR hinter der wirtschaftlichen Leistungskraft der Bundesrepublik sehen. Er warb dafür, privates Eigentum an Klein- und Mittelbetrieben auf lange Zeit als unentbehrlichen Bestandteil jeder Wirtschaftsordnung zu akzeptieren. Auch positionierte er sich in der unter Linken kontrovers geführten Debatte zur Rolle von Plan und Markt in einer zukünftigen Wirtschaftsordnung jenseits des Finanzmarktkapitalismus. Die Sichten eines theoretisch versierten Mannes mit reichen praktischen Erfahrungen – nicht alle muss man teilen – geben Anregungen für die Transformationsforschung. 

Siegfried Wenzel: Was war die DDR wert? Ergänzte, aktualisierte Ausgabe, mit einem Beitrag von Jörg Roesler. Das Neue Berlin: Berlin 2015, 383 Seiten, 17,99 Euro 

 

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