»Das war eine gewaltige Umwälzung«  

Gespräch mit Hans Watzek. Über die Bodenreform im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands 1945 und die Restauration der alten Verhältnisse nach 1990 

In: junge Welt online vom 19.09.2015 

Wochenendbeilage 

 

»Junkerland in Bauernhand«: Im September 1945 wurde im brandenburgischen Kyritz die Bodenreform proklamiert – eines der großen sozialen und politischen Projekte der Nachkriegszeit. Ihre Familie erhielt damals auch fünf Hektar Land ... 

... dazu noch eine Kuh, ein Pferd, ein paar Schweine. So wurden wir Neubauern. 

Und 45 Jahre später kämpften Sie als Landwirtschaftsminister in der Modrow-Regierung der DDR um den Erhalt der Reform. Ganz schön was los in Ihrem Leben. 

Das stimmt – und vergessen Sie das Dazwischen nicht. Es ging immer um Bauern, Boden und Geschichte. 

1945 im Herbst waren Sie 13 Jahre – woran erinnern Sie sich? 

Das war der erste Sommer nach dem Krieg – ich habe das Gefühl von Unruhe und Umbruch, wenn ich daran denke. Ende Juli kamen wir in Könnern in Sachsen-Anhalt an – aus Nordböhmen zwangsumgesiedelt. Das war eine Katastrophe: aus der Heimat herausgerissen zu werden. Mein Vater hat dann als Landarbeiter geschuftet. Ich habe mitgearbeitet. Die Bodenreform war eine Chance. Er hat sofort gesagt, jawoll, jetzt zuschlagen. Es war eine sehr harte Zeit, aber es war ein Anfang. 

Für wen? 

Für die, die bisher keine Zukunft hatten: Landarbeiter, Tagelöhner, Gutsknechte und viele Umsiedler. Ich würde sagen, ein großer Teil der in der SBZ, der Sowjetischen Besatzungszone, lebenden Flüchtlinge und Umsiedler aus Polen, der Tschechoslowakei oder Bessarabien profitierte von der Bodenreform. 

Ein Programm der Menschlichkeit. 

Auf jeden Fall – und der Notwendigkeit auch. In der Betrachtungsweise gibt es übrigens noch deutliche Unterschiede zwischen Ost und West. Nach einem Vortrag sagte mir ein Kieler Professor: Wissen Sie, Herr Watzek, Sie reden immer von sozial und gerecht. Aber das ist doch bloß die Gier der Menschen gewesen, die da die Bodenreform haben wollten. Da habe ich geantwortet: Ja, wissen Sie überhaupt, wie es den Leuten damals gegangen ist? Die wollten leben. Das war das Entscheidende! 

Es gibt auch Zahlen dazu? 

Insgesamt 3,3 Millionen Hektar gingen an neue Besitzer – das war eine gewaltige Umwälzung aller bisherigen Verhältnisse auf dem Lande: Großgrundbesitzer mit mehr als 100 Hektar Fläche, Kriegsverbrecher und aktive Nazis wurden entschädigungslos enteignet. Der höchste Anteil an der enteigneten landwirtschaftlichen Nutzfläche war in Mecklenburg, in Sachsen-Anhalt, der geringste in Thüringen und Sachsen. In Prozenten: In der Ostzone 28,3 Prozent, in den Westzonen 2,7. 

Wie sehen Sie das, wenn Sie in die damalige Zeit hineingucken? 

Zumindest hatten wir nach der Ernte Weizen, um Brot zu backen. Wir hatten Kartoffeln, die wir selber geerntet haben. Wir kochten aus Zuckerrüben Sirup und aus Mohrrüben Marmelade und haben im selben Kessel aus Zuckerrüben Schnaps gebrannt. Es war eine Überlebenschance. Ich kann mich erinnern, dass es ab und zu mal Fleisch am Wochenende gab. 

»Junkerland in Bauernhand« – welchen Wert hatte das für die zukünftige Entwicklung? 

Also ich würde sagen, erstens ist die Kaste der Großgrundbesitzer und ihre Klientel beseitigt worden. Es gibt Diskussionen darüber, warum man nicht einige hat ungeschoren davonkommen lassen. Das ist aus heutiger Sicht durchaus diskutabel. Aber damals wäre das nicht nur ökonomisch und sozial ein Stachel im Fleische gewesen, sondern vor allem im Denken der Menschen, die einen Epochenumbruch zu bewältigen hatten. Ich finde auch, eine solche revolutionäre Umgestaltung muss man mit aller Konsequenz machen. 

Was hat sich im Alltag verändert? 

Naja, nichts Sensationelles – eine bestimmte Form der Zusammenarbeit hat sich entwickelt. Zum Beispiel die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB; jW), die ja einen erheblichen Teil des Maschinenparks der Gutsbesitzer übernommen hatte, organisierte praktisch durch die gemeinschaftliche Nutzung der Technik auch gleichzeitig eine Art der gemeinschaftlichen Arbeit. Ich glaube, da hat sich ein neues Verhalten und ein neues Denken entwickelt. Sie haben erkannt, hier gibt es bestimmte Vorteile, vor allem sozialer Natur, in der Gemeinschaftsarbeit lässt es sich besser wirtschaften. Der Kiechle (Ignaz Kiechle, CSU, von 1983 bis 1993 Bundesagrarminister; jW), in der »Wende« mein Ansprechpartner aus dem Westen, der sagte: Herr Watzek, das wird alles wieder, wie wir es wollen. Nein, es wurde nicht, wie sie es wollten. Es war doch ein neues Denken vorhanden. 

Eine geschichtliche Erfahrung, die Leute individuell gemacht haben? 

Ja. Dass eben die Bäuerin auch im Sommer mal Urlaub machen konnte, wenn notwendig. Dass sie in Babyurlaub gehen konnte. Dass viele Genossenschaften selbstverständlich soziale Einrichtungen hatten und Ferienheime. Die sozialen Bedingungen machten das Leben leichter. 

Sie lernten und studierten Landwirtschaft, wurden LPG-Chef, Institutsdirektor und 1990 Landwirtschaftsminister in der Modrow-Regierung. 

Erzählen Sie von Ihrer LPG. 

Das war in der Zeit, als in der sozialistischen Landwirtschaft eine Menge in Produktion und Versorgung schieflief. Der schnelle und teilweise mit Zwang durchgesetzte Übergang zu Genossenschaften überforderte die Bauern. 

Damals hieß es an Hochschulen und Institutionen: Geht raus in die Praxis. 

Ich ging mit Kollegen und Kolleginnen von der Hochschule für Landwirtschaft Bernburg aufs Land, kam im Sommer 1962 in die LPG »12. Juli Brietzig«, eine Genossenschaft mit niedrigem Produktionsniveau, so hieß das. 

Wieso »12. Juli«? 

Das Datum der II. Parteikonferenz 1952, wo Walter Ulbricht den Aufbau des Sozialismus verkündete mit all den politischen Folgen bis zum 17. Juni 1953. Es war die erste LPG im damaligen Bezirk Neubrandenburg. Neben Neubauern gab es dort auch viele Altbauern, die der Genossenschaft sehr skeptisch gegenüberstanden, weil eben vieles nicht klappte. Ich war in den zehn Jahren seit Bestehen der LPG der neunte Vorsitzende. Wir kamen dann aber schnell vorwärts, und innerhalb von zwei, drei Jahren war diese LPG stabil. 

Was haben Sie denn richtig gemacht? 

Ich habe in erster Linie versucht, mit den Bauern zu sprechen. Sie hatten Erfahrungen, sie wussten über den Boden Bescheid, über die Produktionsbedingungen. Und: Du musstest auch in die Kneipe gehen und dein Bier mit den Bauern trinken. Ich habe mir dann Leute gesucht, die in den Brigaden mitgezogen haben. Im Winter machten wir Schulungen, und so qualifizierten sich besonders die Bäuerinnen. Es ging vorwärts – vier Jahre später wurde ich an das Bezirksinstitut für Landwirtschaft berufen. 

Am Institut war ich fast 25 Jahre. Im November 1989 bin ich dann zum Minister in der Modrow-Regierung berufen worden – eine Ja-oder-nein-Entscheidung über Nacht. 

Da war das Hauen und Stechen um Besitz in und Eigentum der DDR schon im Gange? 

Ja, klarer Fall. Ich kann mich gut daran erinnern, dass die Alteigentümer sehr bald Morgenluft witterten und »ihr Land« forderten. Es war wie nach dem Krieg wieder eine chaotische Zeit. Es war der zweite Umbruch für mich, aber diesmal sah die gesellschaftliche Zukunft finster aus. Wir, die Mitglieder der Modrow-Regierung, hatten zu tun, die Produktion weiterzuführen und die Versorgung der Bevölkerung zu sichern. Und es ging in meinem Ressort um Entscheidungen, die die Struktur der Landwirtschaft betrafen, dazu gehörte die Veränderung des LPG-Gesetzes – und das hatte sehr viel mit dem Boden aus der Bodenreform zu tun. Die Zeit saß uns im Nacken. 

Was hieß das? 

Weg mit der führenden Rolle der SED und weg mit der Einengung der Eigentumsrechte des einzelnen LPG-Mitglieds. Jeder wurde wieder voller Eigentümer, ohne die Einschränkungen aus der DDR. Dazu muss man aber auch sagen, dass der individuelle Bodenbesitz immer im Grundbuch eingetragen war, und auch das Erbrecht wurde nie aufgehoben. Das wird in der heutigen historischen Bewertung ja oft verschwiegen. 

Ihr Vater zum Beispiel hatte das Recht, seine fünf Hektar an Sie zu vererben? 

Natürlich. Das Erbrecht war nicht ausgesetzt. Das Land durfte aber nicht verkauft, nicht verpachtet, nicht geteilt und nicht beliehen werden. Unter anderem, um Spekulationen auszuschließen. Das heißt, das Erbrecht blieb, wurde aber gewissermaßen durch Schutzregelungen im Interesse der LPG überlagert. 

Damit war 1990 Schluss? 

Genau, diese Sonderregelungen von 1945 wurden beseitigt, und damit wurde das Bodenreformeigentum nach Zivilgesetzbuch der DDR gleichgestellt. Dann hatten wir ein weiteres Gesetz eingebracht, das direkt die Bodenreformflächen betraf, also das Land, das sich im staatlichen Bodenfonds der DDR befand. Das Gesetz sollte den Vorrang für die Genossenschaften bei der Privatisierung dieses staatlichen Bodens sichern. 

Das ist dann liquidiert worden, es passte den neuen Machthabern nicht ins Konzept. 

Enteignung der LPG durch die kalte Küche? 

Das kann man so sagen. Wenn wir das nicht kurz vor dem Ende der Modrow-Regierung verhindert hätten, wäre es, glaube ich, zum Chaos gekommen. Wir haben uns am 6. März in einem Paper an Michail Gorbatschow als den damaligen Staatspräsidenten der UdSSR gewandt. Es wurde ja schnell sichtbar, welche existentiellen Probleme sich aus der Einheit per Anschluss für die DDR-Bürger in bezug auf ihr Eigentum ergeben werden. Ein großes Kapitel dabei war eben das Landeigentum aus der Bodenreform. In der DDR sind Realitäten geschaffen worden, die nicht mehr korrigierbar waren. 

Unser Brief ist allerdings vom Ministerpräsidenten der UdSSR, nicht von Gorbatschow, beantwortet worden. Alle unsere Positionen wurden akzeptiert. 

Damit hatten wir eine, was die Bodenreform betraf, gesicherte Position. 

Dementsprechend heißt es im Einigungsvertrag, Anlage III: »Die Enteignungen auf besatzungsrechtlicher bzw. besatzungshoheitlicher Grundlage (1945 bis 1949) sind nicht mehr rückgängig zu machen.« Ein Tatsachenbeleg ... 

... der Geschichte.  

Genau: Geschichte umzufrisieren klappte nicht in diesem Fall. Der Umgang mit der Bodenreform war ganz sauber geregelt. Allerdings mit dem Vorbehalt, dass eine zukünftige deutsche Regierung über Entschädigungen entscheiden könne. Eine Intervention von Helmut Kohl. 

Zuckerbrot für Alteigentümer? 

Ich denke, ja. Zumindest sollte die Möglichkeit offenbleiben, um ihnen doch was ... 

... in den Rachen zu schmeißen? 

Ihnen etwas zukommen zu lassen. Klare Interessenpolitik. Aber die Bodenreform musste akzeptiert werden. 

Bis heute wird bestritten, dass das eine Bedingung des Einigungsvertrages war? 

Da muss man folgendes sagen: Die Intervention begann sofort. Aber: Es war der Einigungsvertrag! Immerhin ein völkerrechtliches Dokument, mit der genannten Anlage 3. Die Haarspaltereien gingen los: Bundesfinanzminister Theo Waigel zum Beispiel forderte neue Lösungen. Am schlimmsten war der FDP-Justizminister Edzard Schmidt-Jortzig. Dann meldete sich ein englischer Historiker – alles Versuche, die Dokumente juristisch anzugreifen. Und schließlich Gorbatschow, der sich 1995 im Berliner ICC hinstellte – und plötzlich nichts Genaues mehr wusste. Da kann ich nur lachen. 

Tatsache ist – und Juli Kwizinski, damals Botschafter der UdSSR in Bonn, Chef der Truppe in den Zwei-plus-vier-Verhandlungen, bestätigt es: Es gab einen Beschluss der KPdSU, der diese grundsätzlichen Regelungen enthält. 

Mit der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Strasbourg vom Oktober 2004 ist es ja nun endgültig. 

Klare Verhältnisse. 

Ja. Nachdem der Bundesgerichtshof in Karlsruhe auch nein gesagt und sich eben berufen hat auf Entscheidungen der Siegermächte in den Zwei-plus-vier-Verhandlungen, ist der Braten gegessen. Immer mal wieder wird den Alteigentümern ein bisschen Honig ums Maul geschmiert. Einmal gab es das EALG, das Entschädigungs- und Ausgleichsleistungsgesetz, was ja eine bestimmte Wiedergutmachung sein sollte, in dem die Alteigentümer begrenzt Boden vergünstigt kaufen konnten – ein Zuckerchen für die Leute zu Beginn der letzten Legislatur mit der FDP. Da heute Ackerboden teilweise das Doppelte und Dreifache kostet wie vor Jahren, wurde – selbstverständlich auf dem berühmten demokratischen Wege – durchgesetzt, dass Angehörige bestimmter Kreise Land zu den alten Bedingungen kaufen konnten. Zu den niedrigen Preisen. 

Wie nett und profitabel.  

Ja, und Ackerfläche wird dadurch wiederum reduziert als Grundlage unserer Ernährung. Da wird viel angeboten, um Boden zu kaufen. Das bringt Profit und Macht – und ist eine Katastrophe. In Bayern wurde im letzten Jahr schon, noch ein Extremfall, der Hektar Boden für 60.000 Euro verkauft. 

Sie übertreiben? 

Überhaupt nicht. Es ufert aus. Das hat Ursachen. Erstens: Jeder Landwirt, jede Genossenschaft ist bemüht, aus Gründen der Konkurrenzfähigkeit, Effizienz und Rentabilität den Betrieb zu erweitern. Im Gegensatz zu den naiven Grünen, die Zehn-Hektar-Betriebe propagieren. Quatsch – Betriebe müssen größer werden, sonst haben sie keine Überlebenschance in dieser kapitalistischen Gesellschaft! Zweitens: Kapitalkräftige Leute suchen Anlagen mit hoher Rendite. Boden ist die beste Anlage in dieser Gesellschaft. Es ist günstiger, Boden zu kaufen als Aktien! 

Es sei denn, es gibt eine Bodenreform. 

Ja, das ist dann der berühmte Strich durch die kapitalistische Rechnung. 

Sonst ist es sicher: Der Pachtpreis zieht ständig an, die Rendite steigt und steigt. Man muss gar nichts machen. Eine der besten Lösungen, um Kapital zu vermehren.  

Kein Wunder, dass die sogenannten Alteigentümer scharf auf Land sind. 

Kann man verstehen. Das fing sofort 1990 an. Unglaublich, mit welcher Energie gegen die Bodenreform agiert wurde. Ich bin in vielen Gremien gewesen und habe entsprechende Diskussionen unter anderem mit Manfred Graf von Schwerin gehabt, Chef der »Aktionsgemeinschaft Recht und Eigentum e. 

V.«, einer der Wortführer. Dann gab es diese Gruppe in Hannover, »Studenten für den Rechtsstaat« mit einer Gräfin an der Spitze. 

Natürlich hatten die Lobbygruppen in den Parlamenten. Ganze Medienkampagnen wurden initiiert, um die öffentliche Meinung im Osten zu drehen. Es ging wie immer um Profit und Prestige. Tenor: Die selbstlosen Grafen und Großgrundbesitzer kommen endlich zurück, und alle Ossis auf dem Lande freuen sich. 

Rührende Geschichten. Das konnte man dann als Zeitungsartikel, als Bild, als Film konsumieren? 

Interessenpolitik auch mit schönen bunten Bildern, ja klar. Bis heute. 

Aber: Es ist entschieden. 

Was hat es mit dem Vorwurf der »roten Barone« auf sich? 

Das war, genau besehen, eine geschickt gebaute Rufmordkampagne mit dem Ziel, nach der »Wende« entstandene Genossenschaften auszubooten – nicht nur als konkurrierende Agrarproduzenten, sondern als Eigentümer von Land. 

Was hätte es bedeutet, wenn das Bodenreformland 1990 an die Alteigentümer zurückgegangen wäre? 

Damit wären alle Genossenschaften und alle anderen Formen der Produktion erst mal in Frage gestellt worden. Es hätte ein wirtschaftliche Chaos gegeben. Denn in allen landwirtschaftlichen Betrieben gab es Bodenreformeigentum. Eine Rückübertragung dieses Landes an die Alteigentümer hätte alle Betriebe an den Rand der Existenz gebracht. Die wären mehr oder weniger den Bach runtergegangen. Ebenso gravierend: Der politische Mainstream in der BRD hätte sich wahrscheinlich noch mehr nach rechts verschoben. Stellen Sie sich mal die Folgen vor – auch und besonders angesichts aktueller Konflikte –, wenn konservative, rechte Kräfte in den Bundestag gekommen wären. Ich kannte den damaligen Chef des Bauernverbandes der BRD, ein Großgrundbesitzer. Was denken Sie, wie die politisch ticken? Übrigens: Eines der Hauptargumente von Edwin Hoernle – verantwortlich für den Bereich Agrarpolitik der KPD in der Emigration – in seinem Exil in Moskau für die Bodenreform war, die Alteigentümer nicht nur ökonomisch zu entmachten, sondern ihnen damit auch politisch das Ruder aus der Hand zu nehmen. 

Das entspricht auch dem Potsdamer Abkommen von 1945. 

Das Potsdamer Abkommen schreibt keine konkreten Details zur Bodenreform vor. Aber es bezieht sich in seinen Regelungen für Nachkriegsdeutschland auf die vier großen »D«: Denazifizierung, Demokratisierung, Dekartellisierung und Demilitarisierung. Und da ordnet sich die Bodenreform ein. 

Sie gehört zum Fundament demokratischer Verhältnisse? 

Ja. In denen Großgrundbesitzer, ostelbische Junker und preußischer Adel als Protagonisten nationalkonservativer Entwicklungen keinen Einfluss mehr haben. Viele negative Entwicklungen der Weimarer Republik sind durch diese Kräfte mitbestimmt worden: Kapp-Putsch, Reichswehr, dann 1933 die Einsetzung Hitlers als Reichskanzler durch Hindenburg. Eine konzertierte Aktion, an der maßgeblich auch Adel und Großgrundbesitzer beteiligt waren. Die waren meistens als Lobbyisten für die rechte Seite im Geschäft. 

Die Bodenreform ist ein Akt historischer Gerechtigkeit? 

Ja, auf jeden Fall. 

Das Gespräch führte Burga Kalinowski 

 

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