Weichen für den Abriss gestellt 

Der Freundeskreis Palast der Republik, Mitglied im Ostdeutschen Kuratorium von Verbänden e. V., veröffentlichte am Sonntag zum 25. Jahrestag der Schließung des Palastes der Republik in Berlin eine Erklärung: 

In: junge Welt online vom 17.09.2015 

 

Am 19. September 1990 wurde der Palast der Republik unter dubiosen, bis heute nicht eindeutig geklärten Umständen für die Öffentlichkeit und die Palastmitarbeiter überraschend geschlossen. Damit wurde die politisch gewollte Beseitigung dieses Volkshauses der DDR mit seinen großartigen Möglichkeiten eingeleitet. Als regierungsamtliches und medial verbreitetes Argument für die Schließung wurde die Asbestbelastung benutzt. 

Glaubwürdig war es nicht. Medienberichten zufolge waren zirka 4.000 öffentliche Gebäude in Berlin mit Asbest belastet. Die Palastmitarbeiter durften das Haus nicht mehr betreten, die Abgeordneten der Volkskammer, mit der Sturzgeburt des sogenannten Einigungsvertrages beschäftigt, zogen in ein Gebäude, dessen Räume ebenso, wenn nicht noch höher mit Asbest belastet waren. Die Palastbesucher standen verständnislos vor verschlossenen Türen. Die Asbestbelastung lag in beiden Gebäuden jedoch im unteren Bereich der gesetzlich festgelegten Werte. 

Das alles geschah wenige Tage vor dem 3. Oktober, dem Tag der Einverleibung der DDR durch die Bundesrepublik Deutschland. Die politische Verantwortung dafür liegt bei der damaligen DDR-Regierung unter Lothar de Maizière. 

Deren erklärtes Ziel war es, sich selbst abzuschaffen. So entzog sich diese Regierung dem Vorwurf des Wahlbetrugs und des Hochverrats. 

Frühzeitig, im Jahre 1993, wurden von den CDU-Oberen die Weichen für den Abriss gestellt. Legitimiert waren sie dazu nicht. Beteiligt an dieser Absicht waren später auch führende SPD-Politiker und sogenannte Bürgerrechtler der DDR, deren blinder Hass auf alles, was die DDR an positiven Eigenschaften hervorbrachte, kaum zu übersehen war und ist. 

Dieses international anerkannte Volkshaus der DDR auf dem damaligen Marx–Engels-Platz im Zentrum Berlins war ihnen ein Dorn im Auge. Nichts sollte dort an die DDR erinnern, an den Staat, in dem das Großkapital Macht und Verfügungsgewalt verloren hatte. (...) Hunderte von Protestveranstaltungen, Mahnwachen und andere Veranstaltungen gegen den Palastabriss brachten die massenhafte Empörung der Bevölkerung zum Ausdruck. 100.000 Pro-Palast-Unterschriften wurden dem Bundestag übergeben. (...) 

Die politisch Verantwortlichen haben nach der »Wende« dieses zentrale Volkshaus mit seinen großartigen Möglichkeiten und seiner Einmaligkeit in Europa zu einem Schandmal gemacht. Durch den langjährigen Protest wurde es zum Mahnmal. Der vernichtete Palast der Republik ist heute aber auch zu einem Symbol des Protestes gegen den verfehlten Einigungsprozess in Deutschland geworden. Mit der Palastvernichtung und den Vorbehalten gegen das Projekt »Schloss/Humboldt-Forum« wird eine Blamage der Herrschenden dieses Landes erkennbar, deren nationale und internationale Dimension nicht zu übersehen ist. Auch in diesem Sinne lebt der Palast eben nicht nur in den Erinnerungen seiner Besucher, Mitarbeiter und Erbauer fort. 

Der Freundeskreis Palast der Republik wendet sich im Rahmen seines Wirkens als ein Träger dieses Protestes gegen jede Geschichtsentsorgung bzw. 

einseitige Geschichtsdarstellung, pflegt die Erinnerung an den Palast und betreibt Recherchen zum Thema vor und nach der Palastschließung, stellt Fragen und Forderungen. (...) 

Eröffnung der 25. Wanderausstellung des Freundeskreises PdR am 22.9., 18 Uhr, im Haus der Demokratie und Menschenrechte, 10405 Berlin, Greifswalder Str. 4. Ausstellung bis 29.10.2015, Werktags von 10–17 Uhr 

www.palastschaustelle.eu 

 

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Symbol der DDR  

Vor 25 Jahren fiel im Palast der Republik der letzte Vorhang  

Matthias Krauß 

In: junge Welt online vom 19.09.2015 

 

  Am 19. September 1990 erging der Schließungsbeschluss für den »Palast der Republik« in Berlin, noch erlassen vom Ministerrat der DDR. Die Begründung dafür wurde von der letzten DDR-Volkskammer gegeben und lautete: Asbestverseuchung. Wie sich später herausstellte, war diese Schließung der erste Schritt zur restlosen Vernichtung dieses Bauwerks zwischen Marx-Engels-Platz und Spreeufer. Bereits einen Tag danach demonstrierten 1.700 Arbeiter und Angestellte des Palasts vor dem Haus der Parlamentarier. An deren Zukunft hatte man im CDU-dominierten Ministerrat schon nicht mehr gedacht. 

  Von diesem Tag an glich der Palast einem Geisterhaus, was umso unwirklicher erschien, als er seit seiner Eröffnung am 25. April 1976 ein lebendiges, vielbesuchtes öffentliches Gebäude war. Das hat es wohl auf der Welt kein zweites Mal gegeben: Ein Landesparlament gemeinsam mit Kneipen und Diskotheken unter einem Dach. 

  Der Palast der Republik wurde zwischen 1973 und 1976 nach Plänen von Chefarchitekt Heinz Graffunder sowie Karl-Ernst Swora, Wolf-Rüdiger Eisentraut, Günter Kunert, Manfred Prasser und Heinz Aust auf dem Baugrund des im Krieg schwer zerstörten und später abgerissenen Stadtschlosses errichtet. Der Berliner Dom aus dem untergegangenen Kaiserreich spiegelte sich in den goldgelben Fenstern des Palastes. Schwedischer Marmor, belgisches Glas wurden verbaut, die Rolltreppen waren auch aus dem Westen. 

Gestalterisches Juwel war die »Gläserne Blume« im Foyer. Als Baukosten wurde eine knappe Milliarde DDR-Mark angegeben. 

  Diesem gewaltigen Bau lag das Konzept eines Volksheims oder Volkshauses zugrunde, das in der europäischen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts entwickelt worden war. Die DDR-Führung orientierte sich an der Sowjetunion, wo imposante Kulturhäuser zu Symbolen der neuen Staatsmacht wurden. In der DDR wurden Kulturhäuser oder Kulturpaläste zu einer eigenständigen Richtung der Architekturtheorie. 

  Das herausragende Exemplar für dergleichen Stein gewordene Idee war der Palast in Berlin. Im kleinen Saal tagte die Volkskammer. Der Große Saal war Schauplatz attraktiver Kultur- und Unterhaltungsveranstaltungen wie »Ein Kessel Buntes«. Der Saal war damals der modernste seiner Art in Europa. Hubeinrichtungen gestatteten verschiedene Höhen der Bühne für verschiedene Kongress- oder Konzertzwecke. Sechs schwenkbare Parketteile, absenkbare Deckenplafonds und flexible Trennwände ermöglichten eine äußerst variable Einrichtung und Bestuhlungen zwischen etwa 1.000 und 4.500 Plätzen. Die Größe des Saals war auf die Delegiertenzahl der SED-Parteitage abgestimmt. Aufführungen und Schauspiele anderer Art fanden im »Theater im Palast« (TiP) statt. 

  Das fast immer zugängliche Hauptfoyer bot Besuchern Unterhaltung mit Blas- und Popmusik, Tanzveranstaltungen und Modenschauen. Der Palast diente zur Austragung des »Festivals des politischen Liedes«. Trotz der Vielzahl gastronomischer Einrichtungen – Milchbar, Espresso- und Moccabar (1. 

Etage), Lindenrestaurant, Spreerestaurant, Palastrestaurant und Foyerbar, ferner Bierstube, Weinstube, Jugendtreff mit Diskothek und Spreebowling – mussten sich Besucher rechtzeitig anmelden oder Wartezeiten in Kauf nehmen. 

Das zweite und dritte Stockwerk beherbergte Galerien. Ständig ausgestellt waren 16 Monumentalbilder bekannter DDR-Künstler unter dem Motto: »Wenn Kommunisten träumen«. 

  Schon antike Herrscher pflegten die baulichen Hinterlassenschaften ihrer Vorgänger zu schleifen, zumindest dann, wenn sie sie als weltanschauliche Gegner empfanden. Von den Palästen des »Reformer«-Pharao Echnaton beispielsweise verschonten seine Nachfolger keinen. Die alten Mächte ließen nach dessen Tod den Pflug über die von ihm erbauten Tempel gehen. 

Der Palast-Schließungsbeschluss ist als Auftakt für einen solchen Akt zu verstehen. Der Palast der Republik war in seiner Funktion und seiner Konstruktion so sehr Fleisch vom Fleisch der DDR, dass ihm das gleiche Schicksal beschieden sein musste. 

  Gegner der Schließung vertreten die Auffassung, dass der angegebene Schließungsgrund (Emission von Asbestfasern) nur ein vorgeschobener war. 

Tatsächlich waren bis zu 5.000 Tonnen Spritzasbest beim Bau aufgebracht worden. Zum Zeitpunkt der Errichtung war dies ein international übliches Verfahren des vorbeugenden Brandschutzes. Wahr ist aber auch, dass in der DDR zu dieser Zeit der Einsatz von Spritzasbest schon verboten war. 

Asbestflächen wurden später noch versiegelt. Anfang der 80er Jahre bekamen Gefahrenstellen zusätzlich eine Latexschicht. In öffentlich genutzten Räumen wurde die Luft gefiltert. 1989, also im Zuge des Anschlusses der DDR, wurde ein Gutachten in Auftrag gegeben, das die »unverzügliche Asbestsanierung« nahelegte. Ohne Gegenbeweise antreten zu können: Es war die Zeit der merkwürdigen und politisch motivierten Gutachten. Mit dem Asbestargument hätte man damals sehr viele öffentliche Gebäude in Ost und West abreißen können. 

  Als die »Sanierung« beendet war, stand vom Palast nichts mehr als die Fassade, die Rohdecke, die Stahlkonstruktion und das Treppenhaus. 2003 beschloss der Bundestag den Abriss des Hauses. Der Protest dagegen war groß, wenn auch nicht groß genug. Es gründete sich das »Bündnis für den Palast«, der mit Ausdauer für die Wiedernutzung und gegen den Abriss protestierte. Mit dem »Zwischen Palast Nutzung e. V.« entstand noch das Beste und Wirkungsvollste, was damals möglich war: In der Fastruine wurden Führungen und Kunstveranstaltungen organisiert. Der Palast lebte noch einmal etwas auf. Ab 6. Februar 2006 wurde »zurückgebaut«. Es klang wie »zurückgeschossen«. Ein starkes und dunkles Symbol für alle Zeiten, war der Palast der Republik doch auch das Haus, in dem im Frühjahr 1990 die Einheit Deutschlands beschlossen worden war. 

 

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