Eine Frage der Macht  

Frau Thiering führte Protokoll: 70 Jahre Bodenreform und ein Gedenken mit Doppelcharakter im märkischen Ackerbürgerstädtchen Kyritz  

Matthias Krauß 

In: junge Welt online vom 08.09.2015 

 

Vergangene Woche hatte die Partei Die Linke zu einem Symposium ins Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium zu Kyritz geladen. Siebzig Jahre nach dem Auftakt zur Demokratischen Bodenreform in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone tobt der Kampf um die Deutungshoheit über dieses prägende Ereignis bis heute. Es geht um nichts weniger als die hierzulande heiligste aller heiligen Kühe: das (private) Eigentum. 

Im August 1945 hatte der damalige KPD-Politiker Wilhelm Pieck, später erster Präsident der DDR, im brandenburgischen Ackerbürgerstädtchen den Beginn dieser Reform verkündet. In der Folge wurden Großgrundbesitzer, Naziaktivisten und Großbauern mit mehr als 100 Hektar Landeigentum entschädigungslos enteignet; zugunsten von Landarbeitern, Flüchtlingen und Kleinbauern. Ein Drittel allen Ackerlandes in Ostdeutschland wechselte den Besitzer, die Zahl der selbständigen Landwirte wuchs im selben Maße. 

Dem märkischen Junkertum, deutschnational und meist dem Faschismus nahestehend, wurde bei dieser Gelegenheit wirtschaftlich das Rückgrat gebrochen. 

In der ersten Reihe bei der Veranstaltung saß die 94jährige Vera Thiering, die vor 70 Jahren als Protokollantin Zeugin des folgenreichen Schrittes war. »Ich hatte damals gar nicht gewusst, wer Wilhelm Pieck war. 

Meine einzige Sorge war, dass dabei nicht so schnell gesprochen wird«, sagte sie den rund 80 Veranstaltungsteilnehmern. Frau Thiering schilderte, wie angesichts von vielen Flüchtlingen und verlassenen Großgrundbesitztümern die Bodenreform Menschen eine Perspektive bot und zugleich die Grundlage für die Ernährung der Bevölkerung schuf. 

Kein Kyritzer Schüler war beim Symposium der Linkspartei zugegen. Die Lernenden des Gymnasiums waren von ihren Lehrern verpflichtet worden, an diesem Tag im örtlichen Kulturhaus der Darstellung von Rainer Potratz, eines Vertreters der brandenburgischen »Aufarbeitungsbeauftragten«, zu lauschen. Motto: »Sowjetische Vorgaben und Motive für die Bodenreform«. Im Vorfeld des Jubiläums hatten die Konzernmedien in üblicher Einseitigkeit dieses Ereignis verunglimpft. Statt die auf breitere gesellschaftliche Basis gestellten Eigentumsverhältnisse auf dem Land zu würdigen, machten sie sich zu Verteidigern der vermeintlichen Opfer. »Bodenreform war Unrecht«, schrieb die (auch) in Kyritz erscheinende Märkische Allgemeine Zeitung. »Tausende verloren ihr Land sowie ihr Hab und Gut«, jammerte der Prignitzer, der unweit von Kyritz sein Verbreitungsgebiet hat. 

Mit keinem Wort wurde von diesen Zeitungen erwähnt, welch enormer Schub an Gerechtigkeit und Demokratisierung dem ostdeutschen Land durch diese Bodenreform zuteil wurde. Sie beendete einen Zustand, der schon in der Bibel verdammt wurde (die sonst gerne von den Verteidigern des Rechts der Junker und Großgrundbesitzer zitiert wird): »Wehe denen, die ein Haus an das andere ziehen und einen Acker zum anderen bringen, bis das kein Raum mehr da sei, weil sie alles Land besitzen« (Jesaja 5,8). 

Im Unterschied zur heute vorherrschenden öffentlichen Parteinahme für die enteigneten Exfeudalherren und Großbauern in den Medien, besteht in der historischen Wissenschaft inzwischen ein Konsens, dass diese Reform auf alliierten Kontrollratsbeschlüssen basierte und ein wichtiger Beitrag zur Demilitarisierung, Entnazifizierung und Demokratisierung der Gesellschaft gewesen ist, unterstrich Professor Siegfried Kuntsche bei der Veranstaltung der Linken. Auch wenn inzwischen unbestritten sei, dass das »Rahmengesetz für die Bodenreform aus Moskau stammte«, widerspreche das dem demokratischen Grundcharakter der Reform nicht. Widerlegt sei auch die These, die Reform sei mit dem Spätziel der »Kolchosenbildung« durchgesetzt worden. Kuntsche verwies darauf, dass in den damaligen Parteien in Ostdeutschland weitgehend Übereinstimmung darüber herrschte, Großagrarier zu entmachten und alle Hofbesitzer zu bestrafen, die sich Verbrechen gegenüber Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern schuldig gemacht hatten. Einzig die CDU wollte die Enteigneten entschädigen. Der Wissenschaftler nannte auch »Negativzüge« der Bodenreform, als Begleiterscheinung oder, wie man heute sagen würde »Kollateralschäden«: die Ausweisung der Enteigneten, Schematismus, Entzug von Resthöfen von Antifaschisten, Elemente von Eigennutz der damals Handelnden. 

Den heutigen Eigentumsfragen auf dem Lande widmete sich die Bundestagsabgeordnete Kirsten Tackmann, die zu dieser Podiumsdiskussion geladen hatte. Angesichts der Tatsache, dass gegenwärtig das Land in immer größerem Umfang »meistbietend verkauft« werde, »gehört der Boden eigentlich in gesellschaftliche Hand«, sagte sie. Die Bodenreform habe seinerzeit korrigiert, was auf dem ostdeutschen Land »schiefgelaufen« sei. »Heute läuft es wieder schief.« Und man möge sich nichts vormachen: »Was wir hier diskutieren, ist eine Machtfrage.« Ob eine Bodenreform nach den Maßgaben der von 1945 heute eine Lösung für die Probleme in der Landwirtschaft wäre, lautete eine Frage. Das Podium war sich darin einig, dass für einen solchen Schritt im heutigen EU-Europa alle Voraussetzungen fehlen und auch demnächst fehlen werden. Und doch: »In Schottland, wo inzwischen aller Boden 400 Familien gehört, treten solche Fragen wieder in den Vordergrund«, sagte Tackmann. In Ecuador bekomme nur derjenige Bauer Land, der sich zur Mitarbeit in einer Kooperative verpflichte, wo Technik effektiv eingesetzt werden könne. 

Die Bodenreform habe zurückgedreht, was in den Jahrhunderten zuvor an rechtswidriger Aneignung durch die Grundbesitzer erfolgt sei, sagte Helmut Scholz, Europaabgeordneter der Linken. Die heutige Preisentwicklung für Ackerland nannte er alarmierend: »Der Acker bleibt, das Geld verfällt.« 

 

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