Jürgen-Kuczynski-Park

 

Dem Humanisten zu Ehren  

In Berlin gibt es endlich einen Jürgen-Kuczynski-Park. Fast zehn Jahre sträubten sich die Hauptstadtbehörden gegen die Würdigung des Antifaschisten  

Johannes Supe 

In: junge Welt online vom 04.09.2015 

 

Um 17.14 Uhr ist es endlich soweit. »Der Benennungsakt ist jetzt vollzogen«, sagt Jens-Holger Kirchner, Pankower Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung. Die Grünfläche am Berliner »Kreuzpfuhl«, Ortsteil Weißensee, heiße ab sofort Jürgen-Kuczynski-Park. Ein großer Jubel bricht unter den 150 Anwesenden aus. Doch dabei kann Kirchner es nicht belassen. Der Grünen-Politiker schiebt nach: »Eine Ehrung heißt ja nicht, dass man alles an einer Person gut findet.« 

Am Mittwoch wurde Jürgen Kuczynski posthum geehrt. Die Stadt Berlin benannte einen öffentlichen Platz nach dem Antifaschisten und bedeutenden DDR-Wissenschaftler. Gefordert wurde das seit über acht Jahren – doch die Behörden der BRD-Hauptstadt stellten sich lange quer. 

Es sei ein besonderer Tag, sagte Kirchner. Und er betonte: »Es geht bei dieser Ehrung nicht um nachgeholte Klassenkämpfe.« Im Gegenteil, Berlin habe endlich einen souveränen Umgang mit seiner Geschichte gefunden. Gar eine »hohe zivilisatorische Leistung« sei der Umbenennungsakt; ein Schritt von der »Ablehnung zur Aneignung«. Bis dahin sei es eben eine »lange, lange Geschichte« gewesen, sagte Kirchner. 

Bereits 2006 habe es die Überlegung gegeben, Kuczynski ehren zu wollen, erklärte Gretchen Binus, die noch unter Kuczynski promovierte. Im Februar 2007 stellten dann Freunde des Wissenschaftlers einen Antrag auf Ehrung Kuczynskis an das Berliner Bezirksamt Pankow. Schon damals war der Ortsteil Weißensee dafür angedacht; in direkter Nähe hatte Kuczynski bis zu seinem Lebensende (siehe Seitenspalte) gewohnt. 

Dann dauerte es. Der Pankower Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) spricht von einer langen »politischen Diskussion über eine nicht einfache Biographie«. Der DDR-Wissenschaftler war den BRD-Behörden unangenehm. 

Doch die Freunde Kuczynskis ließen nicht locker. 1.000 Unterschriften sammelten sie für ihr Anliegen. 2009 schlug dann die CDU vor, neben der Ehrung auch eine Denktafel aufzustellen – angedacht war ein antikommunistisches Machwerk. Ein Jahr später wurde das beschlossen. Doch auch danach dauert es noch fünf Jahre, bis sich die diversen Ausschüsse geeinigt haben. 

»Aufgrund seiner stets optimistischen Einstellung zum sozialistischen Experiment nach 1945 auf deutschem Boden vermittelte er für die einen das Prinzip Hoffnung, für die anderen galten seine Beiträge lediglich als Beschwichtigung der schwierigen Lebensverhältnisse in der DDR und dem Machterhalt des Staates«, heißt es nun auf der Tafel. 

Den Freunden Kuczynskis ist ohnehin das in Bronze gegossene Abbild des Wissenschaftlers wichtiger, das am Frei-Zeit-Haus des Parks angebracht ist. 

Gestaltet wurde das Kunstwerk von Harald Kretschmann. Den Soziologen, sagte Kretschmann, zeichne vor allem dies aus: seine humanistische Grundhaltung. 

 

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»Gemessen an ihm sind wir Scheuklappenwissenschaftler« 

In: junge Welt online vom 04.09.2015 

 

Zur Ehrung Jürgen Kuczynskis sprach am 2. September Hermann Klenner. 1956 erhielt Klenner seine erste Professur an der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität. Später folgte eine Professur an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Seit 1990 war er Honorarprofessor an der Humboldt-Universität, wurde dort 1992 emeritiert. Er war ein enger Weggefährte Jürgen Kuczynskis. Im folgenden dokumentiert jW Klenners Rede. 

Wann ist eine Ehrung richtig? Sie ist dann richtig, wenn derjenige, der ehrt, auch zugleich derjenige ist, der dadurch geehrt wird, dass er den zu Ehrenden ehrt. Jürgen Kuczynski ist ein Wissenschaftler – ich drücke es so aus, obwohl es wissenschaftlich falsch ist –, der ohne Vergleich ist. 

Die Visitenkarte eines Wissenschaftlers sind normalerweise seine Veröffentlichungen. Jürgen Kuczynski hat im Laufe seines Lebens 4.500 Veröffentlichungen auf seiner Liste zu verbuchen. Glauben Sie bitte nicht, dass ich ihn als Graphomanen dequalifizieren möchte. Das war er nicht. 

Arbeit, das war das Wichtigste in seinem Leben. »Labor est etiam ipse voluptas«, Arbeit ist die Freude, das Vergnügen, das Lebenswerte. 

40 Bände zur Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus, zehn Bände der Studien zu einer Geschichte der Gesellschaftswissenschaft – daneben schrieb Kuczynskis auch noch sechs oder sieben Bände Memoiren. In einer seiner Memoiren schreibt er – da war er bereits in hohem Alter –, dass, wenn er nicht mehr arbeiten könnte, er mit dem Gedanken spielt, den Freiheitsweg aus dem Leben zu wählen. Und in diesen Memoiren steht auch der große Protest seiner Frau Marguerite. 

Man kann über Jürgen nicht sprechen, ohne über seine Frau zu sprechen. 

Ihre Editionen aus der französischen Wissenschaftsgeschichte sind unüberholt. Sie selber hat einmal geschrieben: »Wenn ich eine Anmerkung zustande bringe, in der Zeit produzierst Du ein ganzes Buch.« Da muss was dran sein. 

Aber Jürgen war ja nicht nur ein großartiger Schreiber. Er war auch ein großartiger Redner. Er gehörte zu denen, die die Tugend des Freisprechens bewusst betrieben. Warum wohl? Nicht, weil er nicht lesen konnte, sondern weil er jemanden erreichen wollte. Er wollte wirken. Die Arbeit war für ihn kein Selbstzweck. Sie war ein politischer Zweck. 

Zu der wunderbaren Bronzestatue wurde nun eine Tafel mit Widersprüchen hinzugesetzt – auf Beschluss der Politik. Er habe Hoffnung für die einen bedeutet, steht dort, für andere sei er ein Totschweiger gewesen. Daran könnte man etwas aussetzen, etwa dass dann auch bei Friedrich dem sogenannten Großen stehen müsste, dass nur der Sieg in Aggressionskriegen ihn zum »Großen« machte. Doch muss ich sagen: Jürgen Kuczynski hat immer mit Widersprüchen gelebt, er hat sie sogar geliebt. Er hat sie auch verteidigt zu einer Zeit, als man gar nicht mehr sagen durfte, dass wir in der DDR Widersprüche haben. 

In seinen Memoiren sind viel brutalere politische Urteile über ihn enthalten, als auf dieser Tafel stehen. Es gibt eine Stelle bei ihm, wo er sagt: »Ich war ein vollständiger Versager.« Das zu einem Zeitpunkt, zu dem er hätte laut schreien müssen, dass die Führung der DDR unfähig ist, die Widersprüche der Gesellschaft zu erkennen. 

Alle Wissenschaftler sind eitel. Das sage ich, der ich selbst ein Wissenschaftler zu sein beanspruche. Aber Jürgen Kuczynski wusste auch: Er ist kein Genie. Er lebte nicht von einem Einfall in seinem Leben. Er lebte von der Permanenz seiner Arbeit. Im Jahre 94 – da war er bereits 90 Jahre alt – schreibt er: »Im nächsten Jahr muss ich wieder ein Buch veröffentlichen.« Er hatte ja sonst nichts zu tun. 

Er war eine singuläre Persönlichkeit. Es gibt in der deutschen Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts niemanden, der mit dieser Quantität aufwarten kann. Es gibt auch niemanden, der mit dieser Differenziertheit der Gegenstände aufwarten kann. Niemand ist in der Lage, Jürgen Kuczynski vollständig wissenschaftlich zu beurteilen. Wir sind ja alle nur, auch ich selbst, Scheuklappenwissenschaftler gemessen an ihm. 

Diese Universalität ist einmalig in der deutschen Wissenschaftslandschaft des 20. Jahrhunderts. 

Wenn ich allein die Titel seiner Monographien aufzählen würde, die er veröffentlichte, würde die mir zugebilligte Redezeit von zehn Minuten nicht ausreichen. Es behandelte ganz unterschiedliche Gegenstände. Er ist immer angeeckt. Am traurigsten bei seinen Freunden; bei denen, mit denen er glaubte, ein gemeinsames Ziel zu haben. So ist es ihm vor der Wende und nach der Wende ergangen. Es war ein Stück seines Lebensinhaltes, anzuecken. 

Einer seiner Memoirenbände endet mit einer Frage, die er an sich selbst stellt: »Bist du glücklich gewesen?« Die Antwort von ihm: »Ich war glücklich, entsprechend dem Maß der Zeitumstände, in denen ich gelebt habe.« Ich möchte auch eine Frage stellen. Er würde mich in der Frage unterstützen, nicht aber in der Antwort. Jürgen, warst du klug in deinem Leben? Und seine Antwort, die müsste sein: Ich war klüger, als die Zeitumstände es mir erlaubten. 

 

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Beim Begreifen fix sein  

Jürgen Kuczynski 

In: junge Welt online vom 04.09.2015 

 

Jürgen Kuczynski wurden am 17. September 1904 als Sohn einer jüdischen Familie in Elberfeld geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Berlin studierte er dort Philosophie, Finanzwirtschaft und Statistik. Die Jahre 1926 bis 1929 verbrachte er in den USA, kehrte dann aber nach Deutschland zurück und trat 1930 in die KPD ein. Mit der Partei kämpfte er – auch illegal – gegen den deutschen Faschismus. 1936 emigrierte er, wurde später Mitarbeiter des US-Geheimdienstes gegen Hitlerdeutschland, brachte es dann bis zum Rang des Oberst der US-Streitkräfte. 1946 trat er in die SED ein, im selben Jahr wurde er Professor der Universität Berlin und Leiter des dortigen Instituts für Wirtschaftsgeschichte. Zwischen 1949 und 1958 war er Abgeordneter der Volkskammer. 1968 wurde Kuczynski emeritiert. 

Kuczynski galt als Nestor der Gesellschaftswissenschaften in der DDR. Auch ein Institut für Wirtschaftsgeschichte gründete er. Er verfasste Tausende Publikationen, besonders hervorstechend: seine »Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus« in 40 Bänden. Nach dem Ende der DDR wohnte er weiterhin in Berlin-Pankow. Er verstarb am 6. August 1997. 

Der jW war Kuczynski kein Fremder. Nach der Zerschlagung des Sozialismus wurde er regelmäßiger Kolumnist dieser Zeitung. Seine mit der Schreibmaschine angefertigten Texte brachte er persönlich zur Redaktion, ließ den Fahrstuhl ungenutzt und stieg per Treppe in den vierten Stock des damaligen Gebäudes. »Lies mal, Genosse!« hieß es dann. Und: »Hast du noch Fragen?« Es gab zumeist keine mehr. Wenn doch, erklärte der Wissenschaftler geduldig; zumindest bis zur zweiten Nachfrage. Man müsse fix beim Begreifen sein, meinte er. 

Als junge Welt 1995 vor dem Aus stand und nur unter Mühen von der Belegschaft gerettet werden konnte, stand Kuczynski der Zeitung zur Seite. 

Er unterstützte Veranstaltungen der Beschäftigten, signierte dort Bücher. Bis zu seinem Tod schrieb er für jW. 

In einer seiner letzten jW-Kolumnen vom 10. Juni 1997 befasste sich Kuczynski mit dem »Programm von Maastricht«. Das EU-Vorhaben sollte zunächst lediglich Finanzangelegenheiten regeln. Die grassierende Arbeitslosigkeit in der Union zwang die Regierungen jedoch dazu, auch soziale Probleme anzugehen. Schon damals warnte Kuczynski: »Dagegen wandte und wendet sich die heute reaktionärste Regierung unter den europäischen Großmächten, die deutsche.« (jos) 

 

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