Stoßkraft der Reformation  

1835 erschien in Hamburg Heinrich Heines »Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland«. 

Martin Hundt 

In: junge Welt online vom 29.08.2015 

 

  »Der Gedanke geht der That voraus, wie der Blitz dem Donner.« Diesen Kernsatz plazierte Heinrich Heine wirkungsbewusst an den Schluss seines vor nunmehr 180 Jahren geschriebenen Pamphlets »Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland«. Dabei steht die in Hegel gipfelnde klassische deutsche Philosophie für den Gedanken, eine künftige gründliche gesellschaftliche Revolution für die Tat: »Der Gedanke geht der That voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig, und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. (…) Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte. Jetzt ist es freilich ziemlich still (…)«. Dennoch meinte Heine: Kant sei ein weit größerer Revolutionär als Robespierre gewesen. 

  Seinen ob solcher revolutionären Prophezeiungen gewiss schockierten Zeitgenossen – und ganz sicher nicht nur ihnen – leitete Heine auf rund 100 Seiten aus der Geschichte der deutschen Literatur (in der er Lessing besonders hervorhob) und vor allem aus der Geschichte der europäischen Philosophie (Spinoza!) mit tiefer Sachkenntnis ab: Es sei gerade die Reformation gewesen, die eine geistige Entwicklung in Bewegung setzte, gipfelnd in der klassischen deutschen Philosophie Kants, Fichtes und Hegels, die unerhörte Potentiale in sich berge. »Mich dünkt, ein methodisches Volk wie wir, musste mit der Reformazion beginnen, konnte erst hierauf sich mit der Philosophie beschäftigen, und durfte nur nach deren Vollendung zur politischen Revoluzion übergehen. Diese Ordnung finde ich ganz vernünftig.« Seinen französischen Lesern rief er zu: »Wir hatten Emeuten (Rebellionen, jW) in der geistigen Welt eben so gut wie Ihr in der materiellen Welt, und bei dem Niederreißen des alten Dogmatismus echauffirten wir uns eben so sehr wie Ihr beim Sturm der Bastille.« 

  Hier waren, wenn auch in einem Wirbel geist- und kenntnisreicher Formulierungen listig verborgen, Kerngedanken für das Programm einer Oppositionsbewegung enthalten. Doch diese kam in der Gestalt des Jung- und besonders Linkshegelianismus erst einige Jahre später, und vor allem erkannte sie nicht die Bedeutung von Heines Schrift – eine Tragik, die sich in anderer Form wiederholen sollte. 

  Wie ist Veränderung möglich?  Dabei hatte Heine gewissermaßen als Einstimmung auf seine »Geschichte der Religion und Philosophie …« dieser die umfangreiche Arbeit »Die romantische Schule« vorausgeschickt, eine Literaturgeschichte ganz eigener Art. In ihr steht schon manche Formulierung und Wertung, die sich dann in dem späteren Werk zur deutschen Geistesgeschichte als philosophisch-politische Spitze wiederfindet. Auch die Linkshegelianer Ernst Theodor Echtermeyer und Arnold Ruge hatten erkannt, dass die konservativen Kräfte aus der damals in Deutschland aktuellen Literatur reichlich Material für politische Polemik und Programmatik gewinnen konnten. Sie veröffentlichten 1840 in den Hallischen Jahrbüchern als Manifest die große Artikelserie »Der Protestantismus und die Romantik« – jedoch ohne Bezug auf die wesentlich tiefere Behandlung dieses Themas durch Heine! »Romantik« meinte aber bei Heine und bei den Junghegelianern gleichermaßen die damalige reaktionäre Verherrlichung des katholischen Mittelalters durch staatliche, staatskirchliche und einige publizistische Kräfte. 

  Der jahrhundertealte Spruch »Historia docet« (die Geschichte lehrt) ist selten so tief und so schön verwirklicht worden, wie in Heines Pamphlet. 

Aber gerade an ihm zeigt sich auch, dass es eigentlich heißen müsste: Die Geschichte könnte uns lehren. Denn in der Tat ist sie randvoll mit Beispielen, wie ihre Lehren in den Wind geschlagen wurden, und die Wirkungsgeschichte von »Zur Geschichte der Religion und Philosophie …« liefert dafür ein weiteres trauriges. 

  Wie sehr jedoch solche Gedanken damals »in der Luft lagen«, zeigt die kaum bekannte Tatsache, dass Heine in einem Entwurf, einem dann nicht verwendeten Arbeitsmanuskript, schrieb: »Nicht im einzelnen Menschen offenbart sich der ganze Gott, sondern in der Gesamtheit der Menschen«. 

Und gerade dieser Gedanke war eine Grundidee von David Friedrich Strauß’ Buch »Das Leben Jesu«, das 1835/36 erschien und die junghegelianische Bewegung auslöste. Von dem Ruge in den Hallischen Jahrbüchern schrieb, diese ganze Bewegung folge den Grundgedanken von Strauß’ Werk. 

  Mit seiner Schrift trat Heine der in der Zeit des Biedermeier weitverbreiteten Ideologie entgegen, die Deutschen seien romantisch, versonnen, »tatenarm«, jeder politischen Initiative abhold. Die dunklen 1820er Jahre waren zu Ende. Und neue aufmunternde Ideen, hochaktuell in einer Situation, nachdem im Juli 1830 der revolutionäre Teil der Bevölkerung von Paris die Monarchie der Bourbonen hinweggefegt hatte, was ein lebhaftes Echo in verschiedenen Teilen Deutschlands fand. Zwar wurden die vereinzelten heroischen Aktionen in Leipzig, Aachen, Göttingen, das Hambacher Fest von 1832 und in Württemberg sogar der Keim einer Militärverschwörung schnell niedergeschlagen, und die seit 1813 bestehende Forderung nach einer preußischen bzw. deutschen Verfassung musste vorläufig wieder verstummen (sie wurde erst 1848 wirklich laut). 

Aber es ergaben sich Fragen nach Zielen und Möglichkeiten für eine Veränderung der drückenden politischen und sozialen Verhältnisse. 

  Wer konnte sie beantworten? Politische Parteien und Gewerkschaften gab es noch nicht. Die kleine Organisation der Handwerksgesellen »Bund der Geächteten«, die Literaten des »Jungen Deutschlands«, allen voran Heine, und auch die Mitglieder des rhein-pfälzischen »Preß- und Vaterlandsvereins« waren ins Exil vertrieben. Statt Pressefreiheit herrschte in den Staaten des Deutschen Bundes uneingeschränkt dümmlich-rigide Zensur. 

  Von den Junghegelianern verkannt  In dieser Situation fiel den fortschrittlichen Vertretern von Philosophie und Literatur die Aufgabe zu, die Rolle der Opposition zu übernehmen und mit ihren Mitteln, indirekt, »durch die Blume«, in philosophischen Kategorien verborgen neue Einsichten zu vermitteln und neue Ziele zu formulieren. Das erwies sich als ungeheuer kompliziert, da gerade die Schriften der beiden mit Abstand kompetentesten Köpfe für diese Aufgabe – Hegel und Heine – nicht nur ebenfalls der Zensur unterlagen, sondern auch höchst unterschiedlich, um nicht zu sagen konfus beurteilt wurden. In Hegel sah man in weiten Kreisen nur den konservativen »preußischen Staatsphilosophen«, in Heine einen »undeutschen« Franzosenfreund mit viel zu laxer Moral. Tatsächlich aber war er, wie Engels später formulierte, lange Zeit der einzige, der das revolutionäre Wesen der Hegelschen Philosophie verstand. 

  Wie um diese Aussage im voraus zu belegen, erschien 1838 in den Hallischen Jahrbüchern, die sich fortschrittliche Junghegelianer als eigenes Organ geschaffen hatten, eine (allerdings bald abgebrochene) Artikelserie des Mitherausgebers Arnold Ruge über Heine, die alle Vorurteile der »nationalen« Burschenschafter bediente. Heine konnte sich nicht enthalten, in einer späteren »Vorrede« zu seinem Werk dazu zu bemerken: »Der Türhüter der Hegel’schen Schule, der grimme Ruge, behauptete einst steif und fest, oder vielmehr fest und steif, daß er mich mit seinem Portierstock in den Hallischen Jahrbüchern todt geschlagen habe, und doch zur selben Zeit ging ich umher auf den Boulevards von Paris, frisch und gesund und unsterblicher als je. Der arme, brave Ruge! Er selber konnte sich später nicht des ehrlichsten Lachens enthalten, als ich ihm hier in Paris das Geständniß machte, daß ich die fürchterlichen Todtschlagblätter, die Hallischen Jahrbücher, nie zu Gesicht bekommen hatte (…).« 

  Wesentlich gravierender als Ruges Lapsus war es jedoch, dass die führenden Junghegelianer um ihn, Strauß und Echtermeyer – Eduard Gans, der eine größere Übersicht hatte und enger Mitarbeiter Hegels war, starb schon 1839 – nicht erkannten, dass ein fundamentaler programmatischer Ausgangspunkt für ihre Bewegung bereits seit vier Jahren vorlag, nämlich Heines »Zur Geschichte der Religion und Philosophie …«. Es liegt wahre Tragik darin, dass diesem Nichtverstehen die Erkenntnis des Baumeisters der Reaktion, des Fürsten Klemens Wenzel von Metternich, gegenüberstand. Der hatte bei der Begründung des Verbots des »Jungen Deutschlands« am 31. 

Oktober 1835 – ausgerechnet dem Reformationstag – nach dem Lesen von Heines »Meisterwerk« geschrieben: »Heine ist der größte Kopf unter den Verschworenen.«¹ 

  Sein wunderbar kluges und zudem phantastisch geschriebenes, aphoristisch sprühendes Pamphlet war Ende 1834 in Paris in der Revue des deux mondes erschienen, kurz darauf auch in einer englischen Zeitschrift. Aber die Anfang 1835 bei Hoffmann & Campe im zwar von preußischer, aber nicht hanseatischer Zensur freien Hamburg erschienene deutsche Ausgabe (im Sammelband »Der Salon«) war »redigiert«. Und zwar so stark, dass Heine in einem späteren Vorwort schrieb: »Als die erste Auflage dieses Buches die Presse verließ, und ich ein Exemplar desselben zur Hand nahm, erschrak ich nicht wenig ob der Verstümmelungen, deren Spur sich überall kund gab. 

Hier fehlte ein Beiwort, dort ein Zwischensatz, ganze Stellen waren ausgelassen, ohne Rücksicht auf die Übergänge, so dass nicht blos der Sinn, sondern manchmal die Gesinnung selbst verschwand.«² 

  Ein Teilabdruck in der in Paris erscheinenden Zeitschrift Der Geächtete im Januar 1835 erreichte natürlich kaum einen deutschen Leser. Aber ein aktives Bundesmitglied, der Schweizer Klavierbauer Wolfgang Strähl, widmete ihm seitenlange Kommentare, die allerdings stark vom Literaturkritiker Ludwig Börne beeinflusst waren und leider jegliches Verständnis für literarische Ironie vermissen lassen. Ohne zeitgenössische Wirkung blieben auch die klugen, in Heines Sinn argumentierenden, aber 1845 schon zu spät kommenden Artikel des Leiters des »Bundes der Gerechtigkeit«, Hermann Ewerbeck, in den nahezu unbekannten Blättern der Zukunft aus Paris. 

  »Geistliche Waffen« der Reformation  Der theoretische Kern von Heines Arbeit lag in der These, erst die Reformation habe durch ihren Bruch mit der römisch-katholischen Papstkirche in breitem Maße die Möglichkeit des Lesens gedruckter Bücher, selbständigen Denkens, unbegrenzter wissenschaftlicher Forschung, freier individueller Tätigkeit eröffnet. 

Sie befreite die Menschen von der Angst vor der Hölle, von dogmatischen Denkverboten und unmenschlichen Sittengesetzen, von Beichtzwängen und Zunftbeschränkungen, indirekt auch von Bibelwahrheiten wie des Umkreisens der Sonne um die Erde, der gesamten »Schöpfung« in nur sechs Tagen und einer angeblichen Dauer der Erd- und Weltgeschichte von maximal 6.000 Jahren. »Die unterdrückten Bauern«, schrieb Heine, »hatten in der neuen Lehre geistliche Waffen gefunden, mit denen sie den Krieg gegen die Aristokratie führen konnten; die Lust zu einem solchen Kriege war schon seit anderthalb Jahrhundert vorhanden.« Und die klassische deutsche Philosophie von Kant, Fichte und Hegel nannte Heine die »letzte Konsequenz des Protestantismus«. Hegel hatte das auf die Reformation zurückgehende Prinzip der Geistesfreiheit als »die Fahne«, bezeichnet, »unter der wir dienen und die wir tragen«. 

  Diese hohe Wertschätzung der Reformation teilten auch Marx und Engels. 

Kurz und bündig, wie es seine Art war, formulierte Engels noch im Alter, Ende 1884: »Reformation – Lutheranische und Kalvinistische – Revolution Nr. 1 der Bourgeoisie« (MEW, Band 21, Seite 402). Aber schon Jahrzehnte vorher war 1848 im »Manifest der Kommunistischen Partei« zu lesen gewesen: »Die Ideen der Gewissens- und Religionsfreiheit sprachen nur die Herrschaft der freien Konkurrenz auf dem Gebiete des Gewissens aus.« In der Beurteilung der Reformation erwiesen sie sich ebenfalls als treue Schüler Hegels, der in seiner Geschichtsphilosophie die Auffassung entwickelt hatte, eine bürgerliche Revolution könne nur dann wirklich grundlegend und erfolgreich sein, wenn ihr eine Reformation vorausging. 

Dies waren die letzten Gedanken vor seinem zu frühen Tode im Jahr 1831, die er auch in einer gewissen Enttäuschung über die Entwicklung im katholischen Frankreich nach der Julirevolution 1830 entwickelt hatte. 

  Heine war in Berlin unmittelbarer Schüler Hegels gewesen. In Paris verteidigte er seinen Lehrer gegen Börne, der geschrieben hatte: »Die Reformation war die Schwindsucht, an der die deutsche Freiheit starb, und Luther war ihr Totengräber.«³ Die erbitterte Fehde zwischen Börne und Heine, die einen ganzen Berg literaturwissenschaftlicher Deutungen hervorbrachte, lag keinesfalls in persönlichen oder literarischen Meinungsverschiedenheiten, sondern in den zwei miteinander verbundenen Grundfragen, ob die Reformation ein revolutionäres Wesen hatte und ob Hegels Philosophie den Keim einer Revolution in sich barg oder ein Deckmäntelchen des preußischen Absolutismus war. 

  Der Streit um die richtige Einschätzung der Reformation zog sich dann auch noch durch die gesamte Geschichte der Umwandlung des »Bundes der Gerechtigkeit« in den »Bund der Kommunisten« 1846/47 sowie durch dessen Programmdiskussion, aus der 1848 das »Manifest der Kommunistischen Partei« hervorging. Diese Tatsache ist in den bisherigen Darstellungen dieses wichtigen Ereignisses kaum angedeutet worden. So wurde nicht verstanden, warum Heinrich Bauer, einer der führenden Köpfe des »Bundes der Gerechtigkeit«, der von 1836 bis 1842 in Paris gelebt hatte und sehr wohl Heines »Zur Geschichte der Religion und Philosophie …« kennen konnte, von Ende Juli bis Mitte September 1846 im Londoner »Kommunistischen Arbeiterbildungsverein« eine Diskussion über die Frage leitete: »Was hat mehr Nutzen für die Menschheit hervorgebracht, die Reformation des 16. Jahrhunderts oder die Französische Revolution von 1789?« Obgleich leider kein Bericht oder gar Protokoll dieser Diskussion überliefert ist, war sie zweifellos ein direktes Echo auf Heines Argumentation. Und schon am 23. Juni 1845 hatte Karl Schapper im selben Kreis erklärt: »Wir sind Vorkämpfer für die Freiheit des Individuums, wie unsere Vorväter es für die Religionsfreiheit waren (…).«⁵ 

  Gerade weil die Reformation in den theoretischen Kämpfen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine so zentrale Rolle spielte, war es von größter Bedeutung, Klarheit über ihr Wesen zu erlangen. Damit sie in den Dienst des Fortschritts treten konnte, war herauszuarbeiten, was – im Gegensatz zur damaligen, von feudalen Landesfürsten gegängelten evangelischen Staatskirche – der wahre, ursprüngliche, mit der Renaissance und der bäuerlichen Bewegung vor dem Bauernkrieg eng verbundene Protestantismus war. Um diese historische Klärung rang der heute nahezu vergessene Historiker Karl Hagen in seinem Hauptwerk »Deutschlands literarische und religiöse Verhältnisse im Reformationszeitalter«, dem jedoch die verdiente Wirkung versagt blieb und bleibt. Obwohl Hagen bei Ruge brieflich um eine Rezension in den Jahrbüchern bat, ist keine erschienen. Wieder wurde eine Chance verspielt. 

  Aus vielen Stellen ihrer Werke und Briefe lässt sich herauslesen, dass Echtermeyer, Hagen und Karl Friedrich Köppen, Marx’ bester Freund in Berlin, auf eine zweite, verbesserte Auflage der Reformation hofften, wie Marx und Engels auf eine zweite des Bauernkrieges. 

  Der Mensch, das höchste Wesen  Als die Jahrbücher in Deutschland verboten wurden, versuchte Marx mit dem nach dem Lapsus wieder klarer denkenden und nun in Paris auch mit Heine zusammenarbeitenden Ruge, ihre Fortsetzung als Deutsch-französische Jahrbücher. Es ist bekannt, dass nur ein Doppelheft erscheinen konnte, aber kaum, dass Marx auch Hagen um Mitarbeit bat und von dessen Ankunft in Paris gesprochen wurde. 

  In den Deutsch-Französischen Jahrbüchern veröffentlichte Marx in seiner »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung« – bei der man, wenn man genau liest, förmlich spürt, dass er Heines Pamphlet von 1834 gerade noch einmal studiert hatte –, den genialen Überleitungssatz von der Reformation bis zur Forderung des Kommunismus: »Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist (…)« (MEW, Bd. 1, S. 385). 

  Inmitten des Ringens um eine Fortsetzung der Jahrbücher, damals in engstem geistigen Austausch und freundschaftlichen Kontakt mit Heine, schrieb Marx im Frühjahr 1844 seine »Ökonomisch-philosophischen Manuskripte«, die er als »Kritik« bezeichnete, deren »Geburtsstätte« in »der Hegelschen Dialektik und der deutschen Philosophie überhaupt« liege (MEW, Ergänzungsband, I. Teil, S. 469). Eines der wesentlichen Kennzeichen dieser Arbeit ist es, dass zu den theologischen und philosophischen Fragestellungen nun auch ökonomische hinzutraten. Doch auch hierzu hatte Hegel in seiner von Marx damals intensiv analysierten Rechtsphilosophie schon wichtige Ausgangspunkte geliefert (worauf zuerst Georg Lukács hinwies). 

  Marx’ »Ökonomisch-philosophischen Manuskripten« war jedoch ein noch schlechteres Schicksal als Heines Pamphlet beschieden, nämlich fast vergessen, erst 1932 veröffentlicht, zunächst sogar aus der Marx/Engels-Werkausgabe ausgeschlossen und schließlich 1973 in einem Ergänzungsband nachgeliefert zu werden. 

  Anders als die revolutionäre Bewegung vom Anfang des 19. Jahrhunderts verfügte die spätere Arbeiterbewegung mit dem »Manifest der Kommunistischen Partei« über ein Programm, das in revolutionärer Weitsicht und Klarheit der Forderungen den Heineschen Vorläufer übertraf und ihm auch in der Sprachgewalt in nichts nachstand. Aber es kam 1848 zu früh für sie, da das Industrieproletariat erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Massencharakter annehmen konnte. 

  Das Missverstehen oder Ignorieren entscheidender historisch-gesellschaftlicher Lehren der Geschichte wiederholte sich jedoch auch beim »Manifest«, indem ausgerechnet seine Grundidee falsch verstanden wurde. Friedrich Engels, Anfang 1894 vom italienischen Sozialisten Giuseppe Canepa befragt, was die Grundidee der kommenden sozialistischen Epoche sei, antwortete mit dem Satz des »Manifests«: »(…) eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist« (MEW, Bd. 39, S. 194). Er hätte sich ebensogut auf Marx’ »Das Kapital« berufen können, in dem zu lesen ist, dass das »Grundprinzip (…) einer höheren Gesellschaftsform (…) die volle und freie Entwicklung jedes Individuums ist« (MEW, Bd. 23, S. 618). Wir Bürger der DDR aber lernten und verstanden jahrzehntelang genau umgekehrt, gerade nur die Assoziation sei die Bedingung für freie persönliche Entwicklung. Erst 1979 wies der Schriftsteller Stephan Hermlin in seinen Memoiren »Abendlicht« auf die richtige Lesung hin. Die Diskussion über dieses alles andere als wortklauberische, sondern lebenswichtige Problem ist bei weitem noch nicht ausgestanden. 

  Es wäre wohl töricht anzunehmen, die Vorstellungen Hegels und Heines, Köppens und Hagens, Bauers und Schappers, Marx’ und Engels’ über die Reformation würden in den offiziellen Reden anlässlich des bevorstehenden 500. Jahrestags von Luthers Thesenanschlag eine wesentliche Rolle spielen. 

Aber es bleibt uns ja unbestritten der Gedanke Goethes zum damals 300. 

Jahrestag der Reformation: 

  Auch ich soll gottgegebne Kraft   Nicht ungenutzt verlieren   Und will in Kunst und Wissenschaft   Wie immer protestieren. 

  Anmerkungen  1 Zitiert nach Heinrich Heine: Säkularausgabe. Berlin/Paris 1972, Bd. 8, S. 554 

  2 Ebd., S. 126. Das Originalmanuskript wurde ein Opfer des großen Hamburger Brandes von 1842. 

  3 Ludwig Börne: Menzel der Franzosenfresser, in: Sämtliche Schriften, Bd. 3, Düsseldorf 1964, S. 924 

  4 Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien, Bd. 1. Berlin 1970, S. 1.029 

  5 Ebd., S. 218 

  6 Karl Hagen: Deutschlands literarische und religiöse Verhältnisse im Reformationszeitalter, 3 Bde. Erlangen 1841–1843 

  Martin Hundt war Professor für Geschichte der Arbeiterbewegung am Institut für Marxismus-Leninismus in Berlin, Mitarbeiter an der Historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA). Mitglied der Leibniz-Sozietät. Er ist Autor des Artikels »Linkshegelianismus« in dem vor kurzem erschienenen Band 8/II des »Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus«. 

 

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