Der Rüstungskommandeur  

Als Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion besaß Albert Speer innerhalb des Machtzirkels der Nazis während des Krieges eine herausragende Stellung, die ihm kaum einer streitig machen konnte  

Dietrich Eichholtz 

In: junge Welt online vom 22.08.2015 

 

  An diesem Samstag begeht Dietrich Eichholtz seinen 85. Geburtstag. Gut drei Jahrzehnte lang erforschte der marxistische Historiker die »Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939–1945«. Sein Opus magnum umfasst drei Bände, deren erster 1969 und deren letzter 1996 im Akademie Verlag zu Berlin erschien. 2003 erfolgte ein Nachdruck im Münchener Saur-Verlag, der seit 2006 Teil des Verlags de Gruyter ist. Die jW-Redaktion würdigt Eichholtz’ Leistung, indem an dieser Stelle ein kurzer Auszug aus dem dritten Band wiedergegeben wird. Im Mittelpunkt steht dabei NS-Rüstungsminister Albert Speer bzw. dessen Machtfülle, die ihn oftmals in Konkurrenz zu anderen hochrangigen Funktionären von Partei, SS und Staat brachte. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von de Gruyter. Abgesehen von der ersten wurde auf den Abdruck der übrigen Fußnoten des Originaltextes verzichtet. Alle weiteren Anmerkungen sind erklärende der Redaktion (jW) 

  Die tatsächliche, wenn auch nicht unangefochtene Führung der deutschen Kriegswirtschaft lag, solange die Wirtschaft überhaupt funktionsfähig und lenkbar blieb, beim Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion. 

»In den rüstungswirtschaftlichen Angelegenheiten ... hört alles auf mein Kommando«, konnte Speer noch bis in den Winter 1944/45 hinein mit Berechtigung sagen. Der Apparat des Ministeriums war 1944 stark angeschwollen und kompliziert, funktionierte aber bis zum einzelnen Betrieb. Wohl hätte die Person des Ministers bei Ausfall ersetzt werden können; aber der eingespielte riesige Mechanismus der Wirtschaftslenkung war nicht durch einen anderen Apparat, etwa den des Reichswirtschaftsministeriums, zu ersetzen. Erst recht kein Gedanke daran, dass einer der politischen Apparate, etwa die SS, an seine Stelle treten konnte. 

  Das hatte auch Hitler begriffen, und ebenso wie Speer ihm in beschämend unkritischer Weise ergeben war dafür, dass er ihn von Anfang an protegiert und schließlich zum Minister gemacht hatte, so war Hitler in den letzten Kriegsjahren auf den Minister und seine Rüstungsorganisation zwingender angewiesen als auf irgendeine andere zivile Organisation oder Dienststelle, eingeschlossen Himmlers SS, Goebbels’ Propagandamaschinerie und der gesamte Parteiapparat. 

  Das gegenseitige Abhängigkeits- und Vertrauensverhältnis zwischen beiden bildete den sicheren Machtrückhalt des Ministers in der politischen Führung und blieb auch in Krisen wie im Frühjahr 1944 und nach dem 20. 

Juli unerschüttert. Allein Speer hatte, außer den Militärs, bis zuletzt die Möglichkeit, regelmäßig ausführlichen Vortrag bei Hitler zu halten. 

Diese »Führerkonferenzen« waren reguläre Arbeitsbesprechungen, und die erwirkten unzähligen, unmittelbaren »Führerentscheidungen« dienten dem Minister als eines seiner wichtigsten Machtmittel. 

  Seit dem Erscheinen der Erinnerungsbücher Speers hat es die Wissenschaft schwer, gegen die Legendenbildung anzugehen, die aus diesen zu Hunderttausenden von Exemplaren verbreiteten Werken erwächst. (…) 

  Widersprüche im Machtapparat  Wohl musste es desto eher zu Widersprüchen und Auseinandersetzungen im NS-Machtapparat kommen, je mehr Vollmachten auf wirtschaftspolitischem und – direkt oder indirekt – auch auf sozialpolitischem Gebiet der Rüstungsminister an sich zog. Hinter der allgemeinen bürokratischen und Machtkonkurrenz und der nicht selten damit verknüpften ideologischen Argumentation verbargen sich durchaus substantielle Interessenkonflikte. 

  Die SS verfügte in den Konzentrationslagern über ein bedeutendes Arbeitskräftepotential und war zugleich an bevorzugter Ausrüstung ihrer Waffen-SS- und Totenkopfformationen mit Waffen und Gerät interessiert. 

Nachdem ihr Plan, in den KZ-Lagern auf der Basis der Häftlingsarbeit einen eigenen Wirtschafts- und Rüstungskonzern größten Stils zu gründen, schon 1942 im wesentlichen gescheitert war, fanden sich in der Folgezeit andere Lösungen für dieses Problem. Die SS erhielt vom Rüstungsminister eine bestimmte Menge Waffen zusätzlich dafür, dass sie der Rüstungsindustrie arbeitsfähige Häftlinge zur Verfügung stellte. Die Industriellen, die diese Häftlinge bis Oktober 1944 selber beim Wirtschaftsverwaltungshauptamt (der SS), danach über das Rüstungsministerium anforderten, lieferten ihr außerdem »auch irregulär« Waffen. 

  Die leitenden Organe der NSDAP, besonders die Gauleitungen, waren auf andere Weise mit Rüstung und Kriegswirtschaft verbunden. Als oberste politische und ideologische regionale Instanz fühlten sie sich verantwortlich für die Auswirkungen der Rüstung auf die Bevölkerung. Die Gauleiter, als Reichsverteidigungskommissare und als Reichsstatthalter zugleich die höchste politische und behördliche Autorität in der Region, wachten argwöhnisch über ihre Kompetenzen in allgemein wirtschaftlichen, in arbeits- und sozialpolitischen und in Versorgungsfragen. Umfassende Vollmachten hatten sie im Verteidigungsfall (Luftverteidigung; Grenzverteidigung). 

  Bei dieser Konstellation waren mancherlei Interessenkonflikte und Auseinandersetzungen in der Kriegswirtschaft vorprogrammiert. Aber nicht solche Konflikte bestimmten das Bild, sondern die Übereinstimmung aller Beteiligten in den militärischen und politischen Zielen und die Vereinigung der Anstrengungen für die Rüstung. Wichtig war hierbei, dass Hitler den Speerschen Kurs immer wieder bestätigte. Wichtig war der augenscheinliche Erfolg der Rüstung. Ausschlaggebend aber war letzten Endes der Zwang der Kriegslage, der die Organisation des Rüstungsministeriums unangreifbar machte. 

  Für Speer hingegen war es zur Zeit der Abfassung seiner Erinnerungen schon zur Obsession geworden, nachträglich sein Wirken als Kampf mit den finsteren Mächten der SS und der Partei zu definieren.¹ Sein eher psychologisches als wissenschaftliches Problem bestand darin, dass er, seinerzeit selbst eine der höchstrangigen Stützen des Regimes, von Hitler protegiert und von Himmler, wenn auch mit Missgunst, hofiert, mit eben dieser Vergangenheit »abrechnen« wollte. 

  Die erwähnten Konflikte gewannen eine gewisse Tragweite in bestimmten Phasen der letzten anderthalb Kriegsjahre. Ihr Charakter, ihr Verlauf und ihre Wirkung sind genauer nur unter Berücksichtigung der jeweiligen politischen und Kriegsumstände zu bestimmen. 

  Erfolgskurs  Seit der ersten großen, propagandistisch breit ausgeschlachteten Erfolgsschau des Ministers auf der Sportpalastveranstaltung am 5. Juni 1943 war es mit seinem Ansehen in der Öffentlichkeit steil bergauf gegangen. Im September/Oktober verzeichnete er einen außerordentlichen Machtzuwachs mit der Übernahme der Kompetenzen des Reichswirtschaftsministeriums »auf dem Gebiet der Rohstoffe und der Produktion in Industrie und Handwerk«. Ein umfangreiches Stillegungs- und »Umsetzungs«konzept sollte nun in der Wirtschaft in Angriff genommen werden. 

  Der Erfolgskurs des Ministers bot genügend Zündstoff für die komplizierten internen Auseinandersetzungen, die zu dieser Zeit einsetzten. 

Himmler, als im August 1943 neu ernannter Innenminister gerade mit zusätzlicher Machtfülle ausgestattet, zeigte tätiges Interesse daran, die verbliebenen Positionen des Reichswirtschaftsministers in seine Einflusssphäre einzubeziehen. Die internen Bestrebungen der beteiligten SS-Chargen, auf lange Sicht das Wirtschaftsministerium als Gegengewicht zu dem übermächtigen Rüstungsministerium, mit dem Ziel der »Schwächung der Position Speer«, zu stabilisieren und sich für die Nachkriegszeit eine Basis für ihre abseitigen, mit NS-Ideologie durchtränkten wirtschaftspolitischen Vorstellungen zu bewahren, blieben indessen auf akademische Erörterungen und propagandistische Bemühungen beschränkt und schlugen zu keinem Zeitpunkt auf die kriegswirtschaftliche Realität durch. 

  Zugleich erbot sich Himmler mit Erfolg bei Hitler, die Unter-Tage-Verlagerung der Raketenproduktion (V 2) in eigene Regie zu übernehmen und mit KZ-Häftlingen zu realisieren. Später, im Frühjahr 1944, führten die SS-Baustäbe unter Hans Kammler auch zahlreiche Unter-Tage-Großbauten für den Jägerstab² durch. Auftraggeber waren und blieben indessen stets Organe des Rüstungsministeriums. Die SS fungierte wie eine Auftragsfirma, zwar in exponierter Stellung, aber nicht unähnlich den vielen anderen Baufirmen, die im In- und Ausland im Rahmen der Organisation Todt³ tätig waren. Die Zuständigkeiten waren freilich kompliziert, da Kammler hauptsächlich und unmittelbar Himmler, ferner seinem Amtschef Oswald Pohl, in bezug auf die Rüstungsbauten dem Rüstungsminister und de jure sogar auch Göring unterstand. »Das musste doch zu Kollisionen führen«, meinte der Vorsitzende des Schwurgerichts im KZ-Dora-Prozeß in Essen (1968); »... oder zur Zusammenarbeit«, erwiderte der Zeuge Speer damals trocken. »Man hat alles versucht, um zu einer engen Zusammenarbeit zu kommen.« 

  Nur bei der V-2-Rakete übernahm die SS im unterirdischen Mittelwerk außer dem Ausbau der Produktionsstätte auch die »Fertigung« insoweit, als sie KZ-Häftlinge als Arbeitskräfte zur Verfügung stellte und bewachte. Die Kontrolle der Produktion oblag dem Sonderausschuss A 4, ihre Leitung der Direktion der vom Rüstungsministerium gegründeten Mittelwerk GmbH. 

  Mit dem Angebot Himmlers, das unterirdische V-2-Werk mit Häftlingen zu bauen und zu betreiben, waren für den Rüstungsminister die Fragen der benötigten zusätzlichen Arbeitskräfte und der gewünschten absoluten Geheimhaltung gelöst. Speer kann in seinen späteren Betrachtungen keinen schlüssigen Beweis dafür anführen, dass ihm die Beauftragung Himmlers und Kammlers, wie er behauptet, missfallen habe, wo die Entscheidung Hitlers ihm doch »grundsätzlich nur (hätte) willkommen sein können.« Er dramatisiert den Vorgang auf diesem damals unbedeutenden und bis heute meist weit überschätzten Sektor der Rüstung unter Vorgriff auf Ereignisse, die erst in den letzten Kriegswochen eintraten. Schließlich entfällt seinem Erinnerungsvermögen, bei aller späten Kritik an den »skandalöse(n) und zudem noch produktionshemmende(n) Zustände(n)« im Mittelwerk, das er am 10. Dezember 1943 besuchte, sein begeistertes Lob für die »wirklich einmalige Tat« Kammlers, »die unterirdischen Anlagen in Nie(dersachswerfen) aus dem Rohzustand in einer fast unmöglich kurzen Zeit von zwei Monaten in eine Fabrik zu verwandeln, die ihresgleichen in Europa kein annäherndes Beispiel hat und darüber hinaus selbst für amerikanische Verhältnisse unübertroffen dasteht.« 

  Hoffen auf Himmlers Macht  Als Innenminister war Himmler unmittelbarer Vorgesetzter der Gauleiter in ihrer staatlichen Funktion als Reichsverteidigungskommissare geworden. In dieser Eigenschaft versuchte ihn Speer im Herbst 1943 zu seinem Verbündeten zu machen, um mit seiner Hilfe die geplanten radikalen wirtschaftlichen Maßnahmen des »Totalen Krieges« in den Gauen durchzusetzen. Der Rüstungsminister »hoffte auf Himmlers Macht«, wie er es später ausdrückte, um »den fortschreitenden organisatorischen Zerfall der einheitlichen Reichsverwaltung gegen Bormann auf(zu)halten«. 

  Am 6. Oktober 1943 griff er in seiner Rede in Posen die Gauleiter unvermittelt an und warf ihnen vor, seine Politik des »Totalen Krieges« nicht hinreichend zu unterstützen, sie sogar zu sabotieren. Mit Hinweis auf seine Verabredungen mit Himmler (»Eiserner Pakt« Himmler – Speer) und mit dem Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) drohte er ihnen mit Himmlers Exekutive. Doch Himmlers Unterstützung blieb aus, und Speers Frontalangriff blieb ohne Erfolg. Der Widerstand der Gauleiter scheint sich zeitweise versteift und sogar bei Hitler Wirkung gezeitigt zu haben. 

  In den folgenden Monaten, besonders in der Zeit der Abwesenheit Speers vom Amt (Februar bis April 1944), zeigte es sich, wie festgefügt und wie unentbehrlich für die deutsche Kriegführung die Rüstungsorganisation des Ministers war. Obwohl sie Angriffe von verschiedenen Seiten, aus der NS-Führung und aus dem Ministerium selbst, abzuwehren hatte und Speer später sogar – ohne ausreichenden Beweis – behauptete, Himmler habe ihn während seiner Krankheit umbringen lassen wollen, überstand sie diese kritische Zeit nicht nur, sondern legte den Grundstein für außerordentliche Produktionserfolge, von denen die Leistungen des Jägerstabes nur der spektakulärste war. Auch in den Gauen sorgten sowohl die zähe Arbeit der Rüstungsinspektionen, Rüstungskommissionen usw. als auch – als ein durchschlagendes Argument – die katastrophalen Auswirkungen der alliierten Luftangriffe dafür, dass in den Gauleitungen die Einsicht in die Notwendigkeiten des »Totalen Krieges« zunehmend Platz griff. 

  Der Sommer 1944, eine Zeit schwerster Niederlagen zu Lande und verheerender Angriffe aus der Luft, war zugleich der Kulminationspunkt der Macht des Rüstungsministers. Die Rüstungsproduktion erreichte ihren Gipfel während des Krieges. Der wiederhergestellte enge Kontakt zu Hitler erwies sich als Dreh- und Angelpunkt, von dem aus der Rüstungsminister seine Stellung souverän behauptete. Er manövrierte in dieser Zeit Göring in der Luftrüstung aus, drängte Sauckel in eine untergeordnete Position ab, half Goebbels als neuem »Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz« in den Sattel und neutralisierte weitgehend auch Himmler und Bormann, denen es nach dem 20. Juli nicht gelang, das Ministerium und seine Industrieorganisation zu diskreditieren, und Freunde und Mentoren des Ministers, wie Vögler und Hermann Bücher, in den Strudel der Verdächtigungen und Verfolgungen nach dem Attentat zu ziehen. 

Hitler gab Speer die Gelegenheit, zwei Wochen nach dem 20. Juli vor den Gauleitern über die Erfolge und Perspektiven der Rüstung zu sprechen, und erhöhte sein Prestige noch in ungewöhnlicher Weise dadurch, dass er selbst am folgenden Tag (4. August) vor dem gleichen Kreis in seinem Hauptquartier Speers Leistung und die Bedeutung seiner Arbeit hervorhob. 

  Noch einmal, Ende September 1944, spendete Hitler in einem »Appell« an die Rüstungsbetriebe offiziell der von Speer »aus der Industrie organisch geschaffene(n) Selbstverantwortung« Anerkennung und Lob, nachdem der Minister sich ihm gegenüber ausführlich gegen politische Verdächtigungen seiner industriellen Mitarbeiter durch Goebbels und Bormann und gegen unkontrollierte Eingriffe der Gauleiter in die Rüstung gewandt hatte. 

  »Rettung der Substanz«  Der wichtigere Teil der Speerschen Denkschrift vom 20. September bestand indessen in dem Versuch, angesichts der zunehmend chaotischen Zuständigkeiten, besonders in den grenznahen Gauen, »klare Befehlswege« zu schaffen. Es sei notwendig, den Rüstungsminister zu ermächtigen, in allen Fragen der Rüstung und Kriegsproduktion »an die Gauleiter unmittelbar die notwendigen Weisungen zu erteilen«; vor allem müssten »die Gauwirtschaftsberater ... für die Dauer des Krieges bei mir mit den Gauamtsleitern für Technik zusammengefasst sein«. Partei und Deutsche Arbeitsfront (DAF) dürften nicht direkt in die Betriebe hineinregieren, sondern müssten sich »ausschließlich der mir unterstehenden Organe bedienen. ... Der Betriebsführer muss ausschließlich für die Fertigung in seinem Betrieb die volle Verantwortung übernehmen.« Hitler reagierte, wie beschrieben, ausweichend, da Bormann protestierte. Immerhin beschäftigte das Problem die Gauleitungen eine Zeitlang. 

  In den folgenden Monaten, als die alliierten Luftangriffe das deutsche Verkehrswesen weitgehend lahmlegten, als die Ardennenoffensive scheiterte und schließlich das oberschlesische Industrierevier von der Roten Armee besetzt wurde, verloren die internen Divergenzen und Konflikte zwischen Rüstungs-, SS- und Parteidienststellen – wiewohl vielfach in gespenstischer Weise fortgeführt und mit wechselndem Erfolg ausgetragen – ihren Sinn. 

  Der Regulierungsmechanismus der deutschen Kriegswirtschaft zerbrach Anfang 1945. Teile dieses Mechanismus blieben unter den sogenannten Rüstungsbevollmächtigten des Ministeriums in Funktion, bis sie wegen Verkehrszusammenbrüchen und Mangel an Rohstoffen, Zulieferungen und Treibstoff leerliefen oder vom Gegner überrollt wurden. Der Rüstungsminister, für dessen persönliche Sicherheit in den Turbulenzen des auseinanderfallenden Reiches inzwischen »einige zuverlässige Frontoffiziere« des Heeres sorgten, sah sich beschäftigungslos, bis er in den letzten Kriegswochen mit Energie eine für die deutsche Wirtschaft bedeutungsvolle letzte Aufgabe, die »Rettung der Substanz« vor Hitlers Vernichtungsbefehlen, übernahm. 

  Anmerkungen 

  1 So entstand als sein letztes - fragwürdigstes - Werk statt eines ursprünglich geplanten Buches über die deutsche Rüstung des Zweiten Weltkrieges ein ganzer Band über das »schwierigste Kapitel« dieses Themas, seine »Auseinandersetzungen mit der SS« (Speer, Der Sklavenstaat, S. 13). Sein eigenes Erleben im Krieg war hier schon gut 35 Jahre lang von Eindrücken überlagert, die er während des Nürnberger Prozesses und beim nachträglichen Studium von NS-Akten gewonnen hatte. Matthias Schmidt (»Albert Speer: Das Ende eines Mythos. Speers wahre Rolle im Dritten Reich«, Bern/München 1982, S. 20 f.) berichtet, dass beim Druck der »Erinnerungen« der damalige Chef des Ullstein-Verlags, Wolf Jobst Siedler, und Joachim C. Fest Speer beraten und ihm wohl auch, »zumindest teilweise«, die Feder geführt haben. Ähnlich mag »Der Sklavenstaat« entstanden sein; hier wird die Beratung schon bei der Themenwahl eingesetzt haben. 

  2 Vom Reichsluftfahrtministerium und vom Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion am 1. März 1944 gegründetes Leitungsorgan innerhalb der deutschen Luftrüstung; Anm. d. Red. 

  3 Die Organisation Todt (OT) war eine nach militärischem Vorbild organisierte Bautruppe, die den Namen ihres Führers Fritz Todt (1891–1942) trug. Die 1938 gegründete Organisation unterstand ab März 1940 diesem auch als Reichsminister für Bewaffnung und Munition (sowie dem Nachfolgeministerium unter Speer). Sie wurde nach Kriegsbeginn vor allem für Baumaßnahmen in den von Deutschland besetzten Gebieten eingesetzt; Anm. d. Red. 

  4 Martin Bormann (1900–1945) war seit Mai 1941 Leiter der Parteikanzlei der NSDAP im Rang eines Reichsministers, und ein wichtiger Vertrauter Hitlers; Anm. d. Red. 

  5 Fritz Sauckel (1894–1946) seit 1927 NSDAP-Gauleiter in Thüringen und von 1942 bis 1945 Generalbevollmächtigter für die Zwangsarbeit unter Hitler; Anm. d. Red. 

  6 Albert Vögler (1877–1945) war der erste Vorstandsvorsitzende der 1926 gegründeten Vereinigten Stahlwerke AG, des damals größten europäischen Stahlkonzerns. Diese Position hatte er bis 1935 inne. 

Anschließend wechselte er in den Aufsichtsrat des Unternehmens, dem er bis zu seinem Tod angehörte. Von November 1933 bis Kriegsende 1945 gehörte Vögler als Gast der NSDAP-Fraktion dem Reichstag an. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Vögler unter Speer im Rüstungsministerium und war als Generalbevollmächtigter des Reichsministers für die Rüstungs- und Kriegsproduktion im Ruhrgebiet zuständig; Anm. d. Red. 

  7 Hermann Bücher (1882–1951) war seit 1930 und bis 1947 alleiniger Vorstandvorsitzender der AEG; Anm. d. Red. 

  Nachdruck aus: Dietrich Eichholtz: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 – 1945, Band III 1943–1945, Teil 1, De Gruyter Saur, München 2003, Seiten 71 bis 78 

 

__________________________ 

 

Gegen Junker und Faschisten  

Dem Imperialismusforscher Dietrich Eichholtz zum 85. 

Rüdiger Hachtmann 

In: junge Welt online vom 22.08.2015 

 

Dietrich Eichholtz ist der Historiker zur deutschen Kriegswirtschaft des Zweiten Weltkriegs, auch für zumindest die meisten »Westhistoriker« (wie mich). Kennengelernt habe ich Dietrich zunächst aus der Ferne, Mitte der 80er Jahre, durch die Lektüre des zweiten Bandes seiner »Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft«. Wie sehr mir dieser Band gefiel, habe ich um 1985 in einer inzwischen eingestellten Zeitschrift mit dem umständlichen Namen Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der Arbeiterbewegung (IWK) zu formulieren versucht. Dietrich Eichholtz’ voluminöses Werk ist keine trocken-wirtschaftshistorische Abhandlung. 

Seine Darstellung ist voller Mitgefühl für die nach vielen Millionen zählenden zivilen Fremdarbeiter sowie die zur Industriearbeit gezwungenen Kriegsgefangenen und die KZ-Häftlinge, die noch furchtbarer geschunden wurden. So wie in der »Deutschen Kriegswirtschaft« die Opfer nicht hinter abstrakten Sätzen verschwinden, sowenig verschweigt Eichholtz die Skrupellosigkeit und nackte Profitsucht der Täter, die über Berge von Leichen zu gehen bereit waren. Die immer noch modische Tendenz zur Verharmlosung unternehmerischen Handelns, die Nazipolitik und Kapitalinteressen in apologetischer Absicht fein zu trennen sucht, ging und geht ihm ab. In allen drei Bänden: Der erste (1939 bis 1941) erschien 1969, der zweite (1941 bis 1943) 1985, der dritte (1943 bis 1945) nach der »Wende« 1996. Wiederaufgelegt wurden sie 1999 in einer – leider recht teuren – fünfbändigen Kassette im Münchener Saur-Verlag. 

Persönlich kennengelernt habe ich Dietrich Eichholtz im September 1991 – auf einem anderen Kontinent, nämlich während eines »Annual Meeting« der German Studies Association in Los Angeles. Dorthin hatte uns der Ururenkel des badischen 1848er-Revolutionärs Gustav Struve, unser gemeinsamer Bekannter Walter Struve, eingeladen. Wie unsere Vorträge dort diskutiert wurden, weiß ich nicht mehr. Unvergessen blieb uns beiden und einem dritten Kollegen jedoch die gemeinsame anschließende viertägige Tour durch die landschaftlichen Schönheiten Kaliforniens: unter glühender Sonne durch das Death Valley und danach durch den kaum minder eindrucksvollen Yosemite-Nationalpark. Noch heute denke ich auch gern an eine heftige Kontroverse zwischen Dietrich und mir zurück, über den Spanischen Bürgerkrieg – während wir im Mietwagen in der Abenddämmerung unter den riesigen Mammutbäumen des Nationalparks fuhren. 

Gegenstand unserer Kontroverse waren die scharfen Konfliktlinien zwischen der KP Spaniens, deren Politik Dietrich verteidigte, und der linkssozialistischen Partido Obrero de Unificación Marxista (POUM), der meine »historische« Sympathie galt und gilt. Der Streit war heftig – ohne dass unsere entstehende Freundschaft Schaden nahm. Wir haben uns seitdem oft über alles Mögliche gestritten – aber nicht zerstritten, sondern voneinander gelernt. 

Lernen konnte man von Dietrich immer schon. Neben der »Deutschen Kriegswirtschaft« gehören Aufsätze wie »Die Vorgeschichte des ›Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz‹«, erschienen 1973 im Jahrbuch für Geschichte, zu den Standardwerken der Geschichtsschreibung über das Naziregime. Auch der Blick etwa in seine Pionierstudie über die – nach dem Leiter der ernährungsphysiologischen Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Arbeitsphysiologie Heinrich Kraut benannte – »›Krautaktion‹. Ruhrindustrie, Ernährungswissenschaft und Zwangsarbeit 1944« in dem von Ulrich Herbert herausgegebenen Sammelband »Europa und der ›Reichseinsatz‹. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Deutschland 1938–1945«, 1991 erschienen, lohnt die Lektüre immer noch. 

Über seine zahlreichen Arbeiten und Dokumentationen zur NS- und Weltkriegsgeschichte – darunter »Der Weg in den Zweiten Weltkrieg« (1989, gemeinsam mit Kurt Pätzold), »Positionen, Probleme und Polemiken der Faschismusforschung« (1980) oder die »Anatomie des Krieges« (1969, gemeinsam mit Wolfgang Schumann) – hinaus hat Eichholtz noch ein weiteres, vielen heutigen Historikern leider unbekanntes Standardwerk geschrieben: seine Dissertation A über »Junker und Bourgeoisie vor 1848 in der deutschen Eisenbahngeschichte«, in der es wesentlich auch um die preußischen Eisenbahnarbeiter im Vormärz ging. Wie sehr diese Arbeit damals Maßstäbe gesetzt hat, wird jedem bewusst, der die Geschichte des Vormärz und der Revolution von 1848/49 nicht kulturalistisch verengt, sondern in den – damals noch nicht zu einer kohärenten Klasse verschmolzenen – Unterschichten eine wesentliche Triebkraft der historischen Entwicklung sieht. 

Die schäbige Behandlung vieler DDR-Historiker nach der »Wende« ist inzwischen auch im Westen häufiger kritisch kommentiert worden. Anzumerken ist, dass es daran schon früh auch eine Art praktische Kritik gab. Für Dietrich Eichholtz wurde das in den 70er, 80er und 90er Jahren sehr renommierte, inzwischen leider (ebenfalls) geschlossene Geschichtsinstitut der Technischen Universität Berlin bis zu seiner Pensionierung 1995 zur neuen Heimstatt als Historiker. Er gehört darüber hinaus zu den Vertretern seines Fachs, die sich durch arrogante Umgangsformen nicht entmutigen ließen und trotz nicht gerade günstiger materieller Bedingungen die Kraft fanden, weiterhin produktiv zu bleiben. Zu den von ihm herausgegebenen Bänden zählen »Verfolgung, Alltag, Widerstand – Brandenburg in der NS-Zeit« (1993) oder – bereits nach seiner Verrentung – »Krieg und Wirtschaft 1939 bis 1945« (1999). Mit seinen neuesten, teilweise gemeinsam mit Titus Kockel verfassten und im Leipziger Universitätsverlag erschienenen Studien (2005 bis 2007) ist es ähnlich wie mit den Theaterstücken von Bert Brecht: Sie scheinen wie für die Gegenwart geschrieben zu sein – zuletzt der »Krieg um Öl. Ein Erdölimperium als deutsches Kriegsziel« (2006). Wie mir Dietrich unlängst verriet, wird ihn wohl auch nach seinem 85. Geburtstag am 22. 

August der Zweite Weltkrieg und dessen Ende nicht loslassen. 

 

__________________________