Die Wende von Moskau  

Vor 80 Jahren endete der VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale in der sowjetischen Hauptstadt. Die dort gefassten Beschlüsse leiteten einen strategischen Kurswechsel ein  

Reiner Zilkenat 

In: junge Welt online vom 20.08.2015 

 

Am 20. August 1935 endete der VII. Kongress der Kommunistischen Internationale in Moskau. Sieben Jahre waren seit der letzten Tagung der Kommunistischen Parteien vergangen. Inzwischen hatte die Welt ihr Gesicht verändert. Dem Faschismus war es gelungen, in Deutschland, dem bedeutendsten kapitalistischen Land in Europa, ein Terrorregime bisher nicht gekannten Ausmaßes zu errichten. In Italien hatte Mussolini seine Macht konsolidiert. In anderen Staaten, darunter in Frankreich und in Spanien, war die faschistische Gefahr mit Händen zu greifen. Es stellten sich angesichts dieser Entwicklungen neue Anforderungen der Strategie und Taktik der kommunistischen Parteien. Deren Politik musste sich von unrealistischen Einschätzungen der Lage in den Ländern des Kapitals verabschieden und dabei nüchtern die Kräfteverhältnisse auf der internationalen Ebene wie in den einzelnen Ländern analysieren. Worum ging es dabei? 

Revolution als NahzielIn den Beschlüssen des VI. Kongresses der KI und der Tagungen ihres Exekutivkomitees (EKKI) dominierten Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre gravierende Fehleinschätzungen. Ausgangspunkt war die auf dem VI. KI-Kongress getroffene Feststellung, dass die relative Stabilisierung des Kapitalismus bald beendet sein werde. Daraus wurde jedoch die fehlerhafte Schlussfolgerung gezogen, dass in absehbarer Zeit der Kampf um die Herstellung der Diktatur des Proletariats in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern auf der Tagesordnung stünde. 

Nach dem Beginn der Weltwirtschaftskrise zur Jahreswende 1929/30 mit ihren katastrophalen sozialen Folgen fühlte sich die Führung der KI darin bestätigt, eine zutreffende Analyse der Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie vorgelegt zu haben. Allerdings unterlag sie zwei fundamentalen Irrtümern, die ihre Erwartungen einer nahenden proletarische Revolution betrafen: Zum einen unterschätzte sie die Ressourcen des Kapitalismus, die es ihm ermöglichten, auch aus seiner bis dahin schwersten Krise Auswege zu finden. Die Wirtschaftskrise, so zeigte sich, führte durchaus nicht zu einer irreparablen Existenzkrise der bürgerlichen Gesellschaft. Zum anderen überschätzten die kommunistischen Parteien ihren Einfluss auf die Werktätigen und deren Bereitschaft, sich von der als »sozialfaschistisch« denunzierten Sozialdemokratie ab- und den Kommunisten zuzuwenden. Damit einher gingen ab 1930/31 der sukzessive Aufbau eigener, kommunistischer Gewerkschaften sowie die Vernachlässigung der Arbeit in den reformistischen Verbänden und unter der werktätigen Bauernschaft, den Kleingewerbetreibenden und Intellektuellen. Eine wesentliche Rolle bei der Herbeiführung revolutionärer Situationen sollten Massenstreiks spielen, die bis zu nationalen Streiks und schließlich zur Auslösung der proletarischen Revolution führen sollten. 

In dieser Konzeption konnte es keinen Platz für notwendige Zwischenschritte und Übergangsformen auf dem Weg in den Sozialismus als kurz- und mittelfristige Ziele geben, sondern es ging unmittelbar »ums Ganze«. 

Als die Arbeiterbewegung am 30. Januar 1933 ihre bis dahin schwerwiegendste Niederlage mit der Machtübertragung an die faschistische NSDAP und ihren »Führer« Adolf Hitler erlitt, musste die gesamte politische Strategie und Taktik der KI und ihrer Parteien auf den Prüfstand gestellt werden. Es ging jetzt vor allem um einen Neuansatz im Kampf gegen den Faschismus. 

Die Gefahr des Faschismus …Seit dessen Entstehung waren die Kommunisten darum bemüht, die Ursachen und das Wesen des Faschismus zu erklären. 

Diese neuartige Erscheinung imperialistischer Politik und Ideologie, die im Gefolge des Ersten Weltkrieges entstanden war, 1922 in Italien an die Schalthebel der Macht geriet und in Deutschland seit 1929/30 zu einer gewaltigen Massenbewegung heranwuchs, hatte viele Gesichter. Der Faschismus wies eine Vielfalt von Erscheinungsformen auf, seine Anführer bedienten sich aber stets einer schrankenlosen pseudosozialistischen Demagogie und standen in einigen Ländern mitgliederstarken Parteien und Milizen vor. In anderen kapitalistischen Staaten, wie in den USA oder Großbritannien, spielte der Faschismus dagegen nur eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Zugleich waren die faschistischen Parteien und Organisationen oft durch schwerwiegende innere Auseinandersetzungen geprägt, so dass die marxistische Analyse dieser neuen Erscheinung in der politischen Arena alles andere als einfach war. Ungeachtet dessen stellte sich die Frage nach dem Klassencharakter des Faschismus, mit welcher politischen Strategie ihm zu begegnen sei und auf welchen Ebenen und mit welchen Methoden sein Masseneinfluss zurückzudrängen war. 

Besonders in denjenigen Staaten, in denen der Faschismus noch nicht über den beherrschenden politischen Einfluss verfügte und die bürgerlich-parlamentarische Demokratie ungeachtet aller Halbheiten und Defizite noch existierte, musste von den kommunistischen Parteien alles Erdenkliche unternommen werden, um eine Entwicklung wie in Italien und in Deutschland zu verhindern. Dort wiederum galt es für IKP und KPD, eine erfolgversprechende politische Strategie des illegalen Kampfes zu entwickeln und umzusetzen. Eine Fülle von anspruchsvollen Aufgaben wartete also auf die 510 Delegierten des VII. Kongresses der KI. Es ging um nicht weniger, als dem Faschismus zukünftig den Weg zur Macht zu verbauen und alles zu unternehmen, um das Ende der Terrorregimes in Deutschland und Italien vorzubereiten. Letzteres besaß eine besondere Dringlichkeit wegen der offensichtlichen Bedrohung des Weltfriedens durch die Politik Hitlers und Mussolinis, hinter denen mächtige und skrupellose Interessenvertreter des Finanzkapitals ihrer Länder standen. 

… und sein WesenIn fast allen bürgerlichen Darstellungen zum VII. 

KI-Kongress ist im Zusammenhang der dort getroffenen Analyse des Faschismus von der »Dimitroff-Formel« die Rede. Die Lektüre der beiden ausführlichen Reden des bulgarischen Kommunisten und Generalsekretärs der KI Georgi Dimitroff, die er zum Thema Faschismus hielt und die eine Fülle von Gedanken und nicht zuletzt selbstkritischen Analysen enthalten, lassen die These von der »Dimitroff-Formel« und der hier angeblich verkündeten »Agententheorie« als haltlos erscheinen.¹ 

Dimitroff führte in seinem Referat am 2. August 1935 aus: »Der Faschismus an der Macht, Genossen, wie ihn das XIII. Plenum des EKKI richtig charakterisiert hat, ist die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.«² Und er fügte sogleich hinzu: »Die reaktionärste Spielart des Faschismus ist der Faschismus deutschen Schlages.« Der Generalsekretär der KI hatte hiermit die objektiv ungewöhnlich schmale Klassenbasis des Faschismus an der Macht umrissen. 

Nicht einmal für das Finanzkapital in seiner Gesamtheit, sondern für seine besonders chauvinistischen und imperialistischen Teile erledigten die Faschisten ihre politischen Geschäfte. Konnten sich daraus nicht Bündniskonstellationen ergeben, die bis in bestimmte Teile der Bourgeoisie hineinreichten? 

Im weiteren Verlauf seiner Argumentationen warnte Dimitroff vor Vereinfachungen und Schematisierungen bei der Analyse des Faschismus. Er führte aus: »Die Entwicklung des Faschismus und der faschistischen Diktatur selbst nehmen in den verschiedenen Ländern verschiedene Formen an, je nach den historischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, je nach den nationalen Besonderheiten und der internationalen Stellung des betreffenden Landes.« 

In seinem Schlusswort zur Diskussion seines Referates wurde Dimitroff in diesem Zusammenhang noch deutlicher: »Es wäre ein grober Fehler, irgendein allgemeines Entwicklungsschema des Faschismus für alle Länder und alle Völker aufstellen zu wollen. Ein solches Schema würde uns nicht helfen, sondern uns hindern, den wirklichen Kampf zu führen.« Und er fügte den Gedanken hinzu: »Abgesehen von allem anderen führt es dazu, dass jene Schichten der Bevölkerung unterschiedslos ins Lager des Faschismus gestoßen werden, die, wenn man in richtiger Weise an sie herangeht, auf einer bestimmten Entwicklungsstufe im Kampf gegen den Faschismus eingesetzt oder wenigstens neutralisiert werden können.« Und zu den Voraussetzungen des Machtantritts der Faschisten äußerte sich Dimitroff in folgender Weise: »Genossen, man darf sich den Machtantritt des Faschismus nicht so glatt und einfach vorstellen, als fasste irgendein Komitee des Finanzkapitals den Beschluss, an dem und dem Tag die faschistische Diktatur aufzurichten. Tatsächlich gelangt der Faschismus gewöhnlich in gegenseitigem, zuweilen scharfem Kampf zwischen dem Faschismus und den alten bürgerlichen Parteien oder einem bestimmten Teil dieser Parteien zur Macht; im Kampf sogar innerhalb des faschistischen Lagers selbst (…) Alles das verringert indessen nicht die Bedeutung der Tatsache, dass vor der Errichtung der faschistischen Diktatur die bürgerlichen Regierungen in der Regel verschiedene Etappen durchlaufen, die den Machtantritt des Faschismus vorbereiten und unmittelbar fördern.« Wer dächte angesichts dieser Worte nicht an die Brüning-, Papen- und Schleicher-Kabinette der Weimarer Republik, die im Zeitraum vom März 1930 bis zum Januar 1933 die Regierungsgeschäfte führten? 

Problem MassenanhangVon besonderer Bedeutung war ferner die Frage, weshalb es den Faschisten in Deutschland, Italien, Österreich und anderen Ländern gelingen konnte, einen Massenanhang zu gewinnen und in Deutschland am Ende der Weimarer Republik die wählerstärkste Partei zu werden. Dimitroff führte hierzu aus: »Dem Faschismus gelingt es, die Massen zu gewinnen, weil er in demagogischer Weise an ihre brennendsten Nöte und Bedürfnisse appelliert. Der Faschismus entfacht nicht nur die in den Massen tief verwurzelten Vorurteile, sondern er spekuliert auch auf die besten Gefühle der Massen, auf ihr Gerechtigkeitsgefühl und mitunter sogar auf ihre revolutionären Traditionen.« 

Und die Jugend, die zu einem Hauptreservoir des Faschismus und seiner Organisationen in Deutschland und Italien wurde? Dimitroff äußerte hierzu die folgende Überlegung: »Der Faschismus siegte auch deshalb, weil es ihm gelang, in die Reihen der Jugend einzudringen, während die Sozialdemokratie die Arbeiterjugend vom Klassenkampf ablenkte, das revolutionäre Proletariat aber nicht die notwendige Erziehungsarbeit unter der Jugend entfaltete und dem Kampf für ihre besonderen Interessen und Forderungen nicht die genügende Aufmerksamkeit zuwandte.« Und weiter: »Der Faschismus setzte bei dem unter der Jugend besonders scharf ausgeprägten Drang zur Kampfaktivität an und zog einen beträchtlichen Teil in seine Kampftrupps. Die neue Generation der männlichen und weiblichen Jugend hat nicht die Schrecken des Krieges durchgemacht. Sie verspürt am eigenen Leibe die ganze Schwere der Wirtschaftskrise, der Arbeitslosigkeit und des Zerfalls der bürgerlichen Demokratie. Bedeutende Teile der Jugend, die keine Perspektiven für die Zukunft sahen, waren für die faschistische Demagogie empfänglich, die ihnen für den Fall des Sieges des Faschismus eine verlockende Zukunft ausmalte.« 

Einen bedeutenden Platz im Referat und im Schlusswort Dimitroffs nahm die wachsende Kriegsgefahr ein. Faschismus an der Macht, das wurde auf diesem Kongress immer wieder hervorgehoben, bedeutet Krieg. 

Internationale LageIn welchem Zustand befanden sich die internationalen Beziehungen im Jahre 1935? Existierte tatsächlich die Gefahr eines erneuten Weltkrieges? In Nazideutschland hatten im Jahre 1935 zwei Mitteilungen der Reichsregierung große Besorgnisse in ganz Europa ausgelöst. Am 26. Februar wurde ein Erlass veröffentlicht, der den Aufbau einer Luftflotte unter dem Kommando von Hermann Göring beinhaltete. Nur kurz darauf, am 16. März, wurde die allgemeine Wehrpflicht durch das »Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht« eingeführt. In diesem Gesetz war zugleich davon die Rede, dass insgesamt zwölf Armeekorps mit 36 Divisionen aufgestellt würden. Tags darauf erklärte der Reichswehrminister Generaloberst Werner von Blomberg in öffentlicher Rede den Zweck dieses Gesetzeswerkes: Es komme darauf an, dem Beispiel der im Weltkrieg getöteten Soldaten nachzueifern; ihren »Glauben und Willen gilt es in die Herzen unserer Jugend zu senken, damit wir das Werk vollenden, zu dem unsere Toten die Grundsteine legten.«³ Ihr Werk vollenden? Was anderes sollte dies bedeuten, als den zweiten Griff zur Weltmacht vorzubereiten? 

Schließlich wurde am 18. Juni 1935 ein Flottenabkommen zwischen Großbritannien und dem faschistischen Deutschland unterzeichnet, das der deutschen Marine eine Gesamttonnage von 35 Prozent der britischen Flotte zugestand. Und Italien? Am 3. Oktober 1935 begann das Mussolini-Regime einen Aggressionskrieg gegen Abessinien. Dabei wurden große Mengen Giftgas, auch gegen die Zivilbevölkerung, eingesetzt. Die italienische Luftwaffe bombardierte immer wieder Lazarette und Krankenhäuser sowie Städte und Dörfer. Am Ende waren diesem mit unerhörter Grausamkeit geführten Krieg bis zum Mai 1936 vorsichtig geschätzt etwa 500.000 Abessinier zum Opfer gefallen. 

Bei der Betrachtung der Kriegsgefahren kam hinzu, dass seit 1931 der japanische Militarismus, dessen Sympathien für die Faschisten in Berlin und Rom kein Geheimnis darstellten, durch seinen Überfall in der Mandschurei für eine äußerst labile Lage auf dem asiatischen Kontinent gesorgt und auch wiederholt Kampfhandlungen mit sowjetischen Truppen provoziert hatte. Insgesamt war also der Kampf gegen den Krieg aufs engste mit dem antifaschistischen Kampf verbunden. 

Im Fokus stand dabei besonders die Sowjetunion. »Der deutsche Faschismus«, führte Dimitroff aus, »spielt die Rolle des Stoßtrupps der internationalen Konterrevolution, des Hauptbrandstifters des imperialistischen Krieges, des Initiators eines Kreuzzuges gegen die Sowjetunion.« 

Palmiro Togliatti, der spätere Generalsekretär der IKP, hielt auf dem Kongress ein Referat zur internationalen Lage und zur Kriegsgefahr, die vor allem vom deutschen Faschismus ausgehe. Die Hauptrichtung seiner militärischen Aggressionen werde vorrangig im Osten Europas liegen, und er werde eine Vernichtung der Sowjetunion anstreben. Wesentlich war Togliattis Unterscheidung zwischen solchen kapitalistischen Staaten, die ein Interesse an einem Krieg hätten, in dessen Ergebnis es zu einer Neuverteilung von Territorien und Interessensphären zu ihren eigenen Gunsten kommen solle, und solchen kapitalistischen Staaten wie z.B. Großbritannien, die aus einer militärischen Konfrontation keine wesentlichen Vorteile ziehen könnten. Noch stärker ausgeprägt als im Ersten Weltkrieg werde es, so Togliatti, in einem solchen Krieg keine Unterscheidung zwischen Front und Heimat mehr geben. Die moderne Militärtechnik werde die Zivilbevölkerung ebenso mit Zerstörung und Tod überziehen wie die Soldaten an den Fronten. 

Was aber musste geschehen, um eine möglichst umfassende Front in den einzelnen Ländern gegen den Faschismus und die von ihm ausgehenden Kriegsgefahren aufzubauen? Welche Neuansätze in der Strategie und Taktik der KI waren notwendig zu entwickeln und anzuwenden? 

Das VolksfrontkonzeptDimitroff entwickelte auf dem VII. Kongress der KI das Konzept zur Herstellung einer Volksfront im Kampf gegen den Faschismus. Die entscheidende Achse bei der Realisierung einer aus verschiedenen politischen Kräften bestehenden, klassenübergreifenden Volksfront sei die Einheitsfront der Arbeiterklasse. Im Gegensatz zu den bisherigen realitätsfremden Auffassungen der KI orientierte Dimitroff auf die Aktionseinheit auch »von oben«, auf »gemeinsame Aktionen der Anhänger der Parteien und Organisationen der zwei Internationalen, der Kommunistischen und der II. Internationale«. In der Resolution wurde für die Aufnahme von Verhandlungen zwischen den Führungen der KI und der II. 

Internationale plädiert. Die Folge einer solchen Politik wäre, dass die Einheitsfront der beiden Strömungen der Arbeiterbewegung »einen mächtigen Einfluss auf die katholischen, anarchistischen und unorganisierten Arbeiter ausüben, sogar auf diejenigen, die vorübergehend ein Opfer der faschistischen Demagogie geworden sind. Die machtvolle Einheitsfront des Proletariats würde einen ungeheuren Einfluss auf alle anderen Schichten des werktätigen Volkes ausüben, auf das Bauerntum, auf das städtische Kleinbürgertum, auf die Intellektuellen.«⁴ 

Im Zusammenhang dieser neuen Konzeption der KI war es notwendig, mit der bisher geübten Praxis einer Diffamierung der sozialdemokratischen Parteien und der von ihnen geführten Gewerkschaften als »sozialfaschistisch« zu brechen sowie die Politik einer Konstituierung »roter Verbände« in Konkurrenz zu den reformistischen Verbänden zu beenden. Worum es dabei grundsätzlich ging, war in der Resolution mit folgenden Worten formuliert: »Die wirkliche Herstellung der Einheitsfront erheischt von den Kommunisten die Überwindung des selbstgefälligen Sektierertums (…), das im jetzigen Zeitpunkt in einer Reihe von Fällen schon keine ›Kinderkrankheit‹ der kommunistischen Bewegung mehr, sondern ein eingewurzeltes Laster ist. 

Dieses Sektierertum, das den Grad der Revolutionierung der Massen und die Illusionen darüber schuf, dass es bereits gelungen sei, dem Faschismus den Weg zu versperren, während die faschistische Bewegung weiter anstieg, züchtete faktisch Passivität gegenüber dem Faschismus.« 

Die Überwindung eines derartigen Sektierertums war dringend notwendig, um erfolgreich andere Klassen und Schichten der Bevölkerung für die Herstellung einer antifaschistischen Volksfront zu gewinnen. In Frankreich war bereits am 27. Juli 1934 ein Einheitsfrontabkommen zwischen der FKP und der Sozialistischen Partei Frankreichs abgeschlossen worden, dem sich später die Radikalsozialisten und die Gewerkschaften anschlossen. Im April und Mai 1936 trugen diese Aktivitäten Früchte: Die Volksfront ging aus den Wahlen zur Nationalversammlung siegreich hervor und stellte mit dem Sozialisten Léon Blum an der Spitze den Regierungschef. Bereits im Februar 1936 siegte auch in Spanien die Volksfront und übernahm die Regierungsgeschäfte. 

Defizite und GrenzenDie Durchsetzung der auf dem VII. KI-Kongress beschlossenen neuen Politik verlief nicht ohne schwerwiegende Auseinandersetzungen und Konflikte. In der KPD gab es bis in das Politbüro hinein Skepsis und Ablehnung. Tatsächlich erwies sich die Richtigkeit der in der Resolution zum Referat Dimitroffs getroffenen Feststellung über die »Verwurzelung des Sektierertums« in den eigenen Reihen. Die Möglichkeit, zusammen mit einigen kapitalistischen Staaten und mit bürgerlichen Kräften eine Antikriegsfront gegen den Faschismus aufzurichten, erschien nicht wenigen Parteifunktionären als beinahe »revisionistisch«. Auch die Position, dass in den Ländern des Kapitals nicht die Alternative zwischen der Herstellung sozialistischer Verhältnisse und der bürgerlichen Demokratie, sondern zwischen der Aufrichtung des Faschismus und der Verteidigung der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie bestehe, traf nicht nur auf Zustimmung. Ebenso wurde über die Haltung zur Sozialdemokratie gestritten. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass beide Strömungen der Arbeiterbewegung fast zwei Jahrzehnte lang in einer schwierigen, gar feindseligen Beziehung zueinander standen, die in Deutschland durch die Erfahrungen mit zum Teil militant-antikommunistischen sozialdemokratischen Führern geprägt war. 

Im übrigen waren in den Reden und Resolutionen des Kongresses immer wieder Anklänge an die zu überwindenden sektiererischen und realitätsfernen Anschauungen früherer Jahre anzutreffen. Zum Beispiel führte Wilhelm Pieck in seiner Eröffnungsrede aus, dass »die Verwesung des Kapitalismus schon so weit vorgeschritten ist, dass eine ernstliche Verbesserung der Lage des Kapitalismus unmöglich ist«. Auch die Anschauung, bei der beschlossenen Einheits- und Volksfrontpolitik handle es sich um eine neue Taktik auf der Basis der auf dem VI. KI-Kongress gefassten Beschlüsse, nicht aber um eine strategische Konzeption, war durchaus noch verbreitet. 

Am Ende zählte, dass in Frankreich, Spanien, in Chile und anderen kapitalistischen Ländern der Faschismus aufgehalten bzw. sein Machtantritt verzögert werden konnte. 

Anmerkungen 

1 »Agententheorie« ist die despektierlich zu verstehende Bezeichnung für die auf die Ausführungen des VII. Weltkongresses zurückgehende marxistisch-leninistische Faschismustheorie. Damit soll unterstellt werden, dass nach dieser Auffassung die faschistischen Führer nichts weiter seien als Agenten bzw. Marionetten des Großkapitals; Anm. d. Red. 

2 Alle Zitate des Referats sind entnommen aus Georgi Dimitroff: Gegen Faschismus und Krieg. Ausgewählte Reden und Schriften. Hrsg. von Rolf Richter, Leipzig 1982 

3 Dokumente zur deutschen Geschichte 1933–1935. Hrsg. von Wolfgang Ruge u. Wolfgang Schumann, Berlin 1977, Nr. 107, S. 106 

4 Siehe VII. Kongress der Kommunistischen Internationale. Gekürztes stenographisches Protokoll, Moskau 1939, S.574 f. 

Reiner Zilkenat ist Vorsitzender des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung e.V. Zuletzt schrieb er auf diesen Seiten am 31. Juli 2015 zur Kriegszieleingabe des Schwerindustriellen Gustav Krupp einhundert Jahre zuvor.  

 

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