Endlich frei  

Vorabdruck. Das Ende des Zweiten Weltkriegs bewahrte die Häftlinge im KZ Ebensee vor dem sicheren Tod. Aus der bisher unveröffentlichten Autobiographie »Vor Tageslicht« von Horst Sindermann 

In: junge Welt online vom 10.08.2015 

 

  Horst Sindermann (5.9.1915–20.4.1990) war als Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands Deutschlands im Juni 1933 von den Nazis wegen illegaler Tätigkeit gefangengenommen worden. Er erhielt acht Monate Haft. Im März 1935 wurde er erneut festgenommen und schwer gefoltert. Er kam für sechs Jahre ins Zuchthaus Waldheim, anschließend in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Mauthausen und Ebensee (beide Österreich). Als KPD- und späteres SED-Mitglied war er nach dem Krieg Chefredakteur der Sächsischen Volkszeitung in Dresden, später der Volksstimme in Chemnitz und der Freiheit in Halle. Von 1955 bis 1963 leitete er die Abteilung Agitation und Propaganda im Zentralkomitee der SED. Sindermann übernahm von 1963 bis 1971 in Halle das Amt des Ersten Sekretärs der SED-Bezirksleitung. Nach einem Zwischenspiel (1973–1976) als Ministerpräsident war er von 1976 bis 1989 Präsident der Volkskammer. 

1990, wenige Wochen nach seinem Ausschluss aus der SED-PDS starb er. jW veröffentlicht einen Auszug aus Sindermanns Erlebnissen in den ersten Tagen nach der Flucht der SS aus dem KZ Ebensee. (jW) 

  Je näher das Ende der Nazis rückte, umso schlimmer wurde das Leben im Lager und desto herrlicher die Gegend, in die ich verschlagen wurde. Aus der Wachau war ich nun aufgestiegen in die Bergwelt am riesigen Ebensee, umgeben von Dreitausendern, die selbst im Frühjahr noch mit Schnee bedeckt waren. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Und nun verwehrte man mir auch noch, mich an den Schönheiten der Natur zu laben, weil ich in ein ganz dreckiges, verlaustes Barackenviertel gesteckt wurde. (…) 

  Die SS war nervös und ließ sich kaum noch im Lager sehen. 

Arbeitskommandos rückten nicht mehr aus – nur die mit schweren MG bestückten Wachtürme hielten das in Todeskrämpfen liegende Lager in Schach. Kein Mensch wusste etwas Genaues über die tatsächliche Lage an den Fronten. Die tollsten Gerüchte drangen von Ohr zu Ohr. Alles war sich im klaren darüber, dass jeder Kilometer, den die alliierten Armeen vorrückten, die Rettung des Lebens von Hunderten Menschen bedeutete. 

Peitschte irgendwo in der Ferne ein Schuss, richteten sich im Sterben liegende Menschen hoffnungsvoll empor, und das Rattern eines Eisenbahnzugs oder eines schweren Gefährts malte sich die Phantasie zu anrückenden amerikanischen Panzern aus, die jede Minute die Tore des Todeslagers sprengen mussten. 

  Im Laufe des 5. Mai befahl der Lagerführer »Antreten«. Alle Lagerinsassen versammelten sich auf dem Appellplatz, nachdem die letzten Tage ohne Appelle abgelaufen waren. Eine erschreckende Unruhe und Spannung beherrschte alle, und halb widerwillig, halb erwartungsvoll schleppten sich etwa 18.000 Elendsgestalten des Häftlingslagers zum Befehlsempfang. Am Tor stand der Lagerführer, von seiner Kamarilla umgeben, und sprach erregt auf die Dolmetscher ein. Grabesstille lag über dem Lager, die Stehenden reckten die Hälse, um die Worte vom Munde des SS-Offiziers zu lesen, und die am Boden liegenden Menschenbündel verhielten den Atem und versuchten, Wortfetzen zu erhaschen. 

  Dann gaben die Dolmetscher die Weisung der Lagerführung in acht verschiedenen Sprachen bekannt: Alle Häftlinge rücken sofort aus und werden in den Felsbunkern untergebracht, um ihr Leben zu schützen, da die SS gewillt sei, den Ort mit allen Mitteln vor dem anrückenden Feinde zu verteidigen … Nur wenige Sekunden währte noch die Todesstille, dann brach wie auf Kommando aus 18.000 Kehlen in acht verschiedenen Sprachen ein Schrei der Ablehnung. Alle hatten sofort begriffen, dass mit diesem Trick versucht werden sollte, 18.000 Menschen mit einem Druck auf den Zünder der Sprengladung im Felsbunker zu begraben. 

  Das Leben war uns in all den Jahren einen Dreck wert geworden; heute war es der Bettnachbar, morgen konnte ich es sein, der ins Gras beißen musste. 

Jahre hatten wir in dieser Situation gelebt. Die Berührung von eiskalten, entseelten Leibern war uns Gewohnheit geworden. Aber freiwillig ins Grab steigen? Niemals! Das Lager lief auseinander, die schwachen Finger kratzten die Steine aus dem harten Boden, und irre Augen suchten nach Deckung vor etwaigen MG-Garben. Der Tod zog für kurze Zeit beschämt seine Hände von den Gezeichneten, und es kochte, brodelte und wimmelte zwischen den Baracken. 

  Nun geschah das Unerwartete: Der Mut des kaltblütigen SS-Mörders zerrann in nichts vor der übermenschlichen Größe von 18.000 zerlumpten, verlausten, verkrampften und verhungernden Elendsgestalten. Aufgeregt verließ die erbärmliche Mordbande von Hitlersoldaten das Lager. Draußen hörten wir Kommandorufe und anspringende Motoren. Die SS-Posten verließen ihre Wachtürme und wurden von Volkssturm-Opas abgelöst, die ängstlich die Häftlinge angrienten und zu verstehen gaben, dass sie nicht gewillt seien, auf sie zu schießen. 

  Jetzt galt es, blitzschnell zu handeln, um diese aufgeregten, vor Entbehrung und Wut dem Wahnsinn nahen Menschenknäuel vor dem Chaos zu bewahren. Die besten Antifaschisten aller im Lager befindlichen Nationalitäten traten zusammen, bildeten ein internationales Lagerkomitee und versuchten, die einzelnen Nationalitäten zusammenzufassen. Inzwischen hatten die vom SS-Druck befreiten, jahrelang gequälten und ausgemergelten Menschenkinder die Baracken mit den letzten Proviantvorräten gestürmt und kurz und klein geschlagen, den von der SS als Mörder und Menschenschinder gedungenen Vorarbeitern den verdienten Lohn gegeben. 

  Die Nacht wurde zu einem Schwärmen und Krachen und Brüllen und Stöhnen, zum Rausche freiheitsahnender, jahrelang gedemütigter und entehrter Menschenseelen. Ein Vulkan brodelte und spie. Der 6. Mai kündigte sich mit Sonnenstrahlen und flimmerndem Lichte an. Um die zehnte Stunde des Vormittags war das Rattern von Panzerketten und das Heulen vielpferdiger Motoren zu hören. Alles strömte nach dem Lagertore, das die Häftlingswache weit geöffnet hatte. Dann ratterten sechs Panzerwagen in die Lagereinfahrt und bahnten sich ihren Weg bis zur Mitte des Appellplatzes. In verschiedenen Sprachen erscholl ein unbeschreiblicher Jubelruf befreiter Menschen. (…) 

  Horthy-Faschisten und Wendehälse  Inzwischen hatten die anderen Genossen beraten, wie wir den Ort verlassen und in Richtung Heimat abmarschieren sollten. Klar war, dass das nur in kleinen Gruppen geschehen konnte, denn die Verpflegung und etwaiger Transport mit Fahrzeugen war in großen Menschengruppen ungewiss. (…) Für uns war es wichtig zu wissen, wo wir waren und wo die Front der Alliierten verlief. Nach Auskünften von Ortsansässigen sollte es in den umliegenden Bergen von versprengten SS-Leuten wimmeln, und vor allem die ungarischen Horthy-Faschisten hatten die Gegend unsicher gemacht. Dann kamen uns wieder Gerüchte zu Ohren, dass die befreiten jugoslawischen Häftlinge und Zwangsarbeiter, besonders Slowenier, in einigen Orten der Umgebung die Macht übernommen hätten. Man konnte nicht behaupten, dass wir über die Lage an den Fronten gut informiert waren, ja nicht einmal über die Lage in unserer nächsten Umgebung waren wir informiert. Da wir aber nicht in Ebensee sitzen bleiben wollten und uns dort einem unbekannten Schicksal hingeben mochten, blies Fritz Große zum Aufbruch. Mit ihm gingen noch Helmut Behrend, Herbert Hilse, zwei sowjetische Genossen und ich. In welche Richtung? Wo die Rote Armee stand. Aber wo stand die Rote Armee? 

  Einige österreichische Genossen hatten uns geraten, zunächst in die nächstgelegene Stadt zu gehen, und das war Steyr. So nahe lag die Stadt gar nicht, und vor allem mussten wir über verflucht hohe Berge steigen, für uns Ausgemergelte eine Herausforderung sondergleichen. Hinzu kam, dass Fritz unterwegs einen bösen Durchfall bekam, der ihn noch mehr schwächte und unser Tempo verlangsamte. Wir marschierten mit äußerster Vorsicht auf Waldwegen, immer zwei Genossen als Aufklärer vorweg. Wir trafen zwar auf Horthy-Faschisten, aber die hatten mehr Angst vor uns als wir vor ihnen, und nachdem sie gemerkt hatten, mit wem sie zusammengetroffen waren, wollten sie sich uns anschließen, um uns als Alibi zu missbrauchen. 

  Das sollte uns noch einige Male passieren. »Widerstandskämpfer« in Räuberzivil sprachen uns an, klagten, wie sie unter den Nazis gelitten hätten, und umarmten uns als ihre Befreier. Das wir Waffen trugen, gab uns wahrscheinlich einen zusätzlichen Respekt, den unsere körperliche Verfassung nicht abgeben konnte. Wir durchschauten die Wendehälse und kollaborierten nicht. (…) 

  Im Toten Gebirge  Wir stellten erst später fest, dass das Gebiet, das wir durchquert hatten, in den irrsinnigen Berechnungen der Naziführer eine große Rolle spielte. Um Ischl und Ebensee und Goisern herum, im Toten Gebirge, wie die Landschaft heißt, hatten die Hitlerleute ihre »Alpenfestung« einrichten wollen. In den Felsschluchten und Wäldern, die wir durchstreift hatten, wollte sich die übriggebliebene Nazibande verstecken und auf die Stunde warten, in der sie den westlichen Alliierten ihre Dienste zum Kampf gegen den Weltbolschewismus andienen konnte. 

Deswegen die vielen deutschen Armeefahrzeuge auf den Waldwegen, deswegen das Rascheln und Huschen auf den Berghöhen. 

  Die großen Führer hatten ihren dümmlichen Vortrupp, die geistlosen Burschen, die wir so gut kannten, vorausgeschickt, ihnen die Alpenfestung als vorläufigen neuen Herrensitz herzurichten. Ob wir den Weg gegangen wären, wenn wir das alles gewusst hätten? Vielleicht wären wir mit anderen Genossen aus Süddeutschland in Richtung Salzburg gegangen, einfacher und kürzer der Weg. Aber der führte nicht zu den Russen ... Und noch eines wurde mir viel später bewusst: Die Amerikaner hatten einige Städte besetzt, aber das Tote Gebirge gemieden. Das war wohl Kriegskunst, von der ich nichts verstand. 

  Dafür verstanden die österreichischen Partisanen etwas von der Kriegskunst derer, die ein neues Leben wollten: Eben um das Tote Gebirge herum wirkte der Plieseis Sepp, der Salinenarbeiter aus Ischl, der Spanienkämpfer und entflohene Häftling aus dem KZ Dachau. In dieser Gegend hatte er die Besten seiner engeren Heimat um sich geschart; sie hatten Waffen gesammelt und Eisenbahnlinien lahmgelegt, Sendeanlagen außer Kraft gesetzt und sich geschworen: Aus dieser Alpenfestung kommen die Menschenschinder und Massenmörder nicht mehr heraus! 

  Unter GIs  Nun waren wir also bei den Amerikanern gelandet, richtiger natürlich: bei amerikanischen Truppeneinheiten in Steyr, im österreichischen Salzkammergut. Schon als wir uns der Stadt näherten, begegneten wir vielen amerikanischen Fahrzeugen, wobei uns besonders die dahinrasenden Jeeps auffielen. Sie fuhren meist in schnellem Tempo auf Straßenpassanten oder andere Autos zu, um im letzten Moment ruckartig auszuweichen. Es schien, als hätten die Jeeps den Gashebel und die Bremse irgendwo an der heruntergeklappten Windschutzscheibe, denn die Füße der Fahrer baumelten irgendwo über dem Lenkrad oder der Autotür, und es schien den Fahrern einen Heidenspaß zu machen, dadurch die Aufmerksamkeit der österreichischen Passanten zu wecken. Manchmal warfen sie irgendwelche Nahrungsmittel, Schokolade oder Kekse, aus dem fahrenden Auto und freuten sich, mit lautem Lachen und Rufen, wenn Frauen oder Kinder derartige Wurfgegenstände in der Luft auffingen. 

  Wir hatten nicht die Gelegenheit, an solchem Spiel, das man ansonsten nur mit Hunden treibt, teilzunehmen. Wir waren völlig konzentriert auf die Soldaten, die an allen Ecken auf Stühlen an der Straße saßen oder sonstwie herumlümmelten. Ab und zu beorderten sie vorübergehende Bürger gelangweilt zu sich. Das sollten wohl Kontrollen sein, mit denen sie wahrscheinlich Nazigrößen zu schnappen hofften. Wir wurden auch einige Male angerufen, wer wir seien und was wir wollten, und wir antworteten, wir seien aus dem »Concentration Camp Ebensee« und auf der Suche nach der amerikanische Kommandantur. Diese Begegnungen hatten den Vorteil, dass wir tatsächlich zu irgendwelchen Stabsoffizieren weitergeleitet wurden, deren Kontakt wir gesucht hatten. 

  Wir hatten uns untereinander verabredet, die Wahrheit zu sagen, wer wir seien, woher wir kämen und dass wir in unsere Heimat wollten. Das klappte alles gut, denn man glaubte uns, nur waren die Offiziere ratlos, was sie mit uns machen sollten. Unsere Heimat lag auf sowjetisch besetztem Gebiet, und sie hatten keine Veranlassung und wahrscheinlich auch (in der Kommandantur in Steyr) keine Möglichkeit, uns den Russen zu übergeben. 

Sie rieten uns, nach Süddeutschland zu gehen und uns dort irgendwo zu melden, wobei sie uns behilflich sein wollten. 

  Dann kam ein Deutsch sprechender amerikanischer Offizier, an dessen guter deutscher Aussprache man merkte, dass er aus Emigrantenkreisen stammen musste. Und tatsächlich, die Welt ist klein, kannte er Dresden sehr gut, nannte einige Musiker und Schauspieler und schien froh, hier auf Landsleute gestoßen zu sein, die, wie er bemerkte, an seiner Emigration keine Mitschuld trugen. Allerdings: Er hatte die strikte Weisung, uns nicht in sowjetisch besetzte Gebiete übertreten zu lassen. Mir erzählte er mit vielen Details, wie sehr die schöne Stadt Dresden zerstört sei und schlussfolgerte daraus, dass es wohl keinen so Verrückten gäbe, der diese Trümmerwüste wieder in eine Stadt verwandeln wolle. Also, es habe gar keinen Zweck, dahinzugehen, wo nichts mehr sei und was es nie wieder geben werde, lautete die Botschaft. (…) 

  Zu den Freunden  Wir trafen einen uns aus Mauthausen bekannten Häftling, der bei den Amis arbeitete. Da er im Lager nicht zu unserem Kreis gehört hatte, aber ein Deutscher mit einem roten Winkel war, fix und immer auf Draht, stuften wir ihn schon im Lager als einen Menschen ein, der wahrscheinlich mehrere politische Ansichten für mehrere Seiten vertreten hatte. Sein Ansehen bei den Amerikanern, seine allzugute Häftlingskleidung und seine Kontaktfreude machten uns wiederum stutzig, doch wir brauchten gerade diesen Kameraden aus dem KZ. Da er wusste, dass wir Kommunisten waren, wusste er natürlich auch, dass wir zu den Russen wollten. Er gab uns den Tipp, uns bei den Amerikanern zur Arbeit zu melden, denn sie suchten zuverlässige Arbeitskräfte für Getreidetransporte nach Steyr. 

Dieses Getreide wurde mit der Eisenbahn geholt, die Zugstrecke führe an der Enns entlang, und unterwegs, es ginge bergan, könnte man abspringen und über eine Brücke, die er uns beschrieb, zu den Russen laufen. Die Sowjetarmee sahen wir schon in der Nähe von Steyr, über dem Fluss, aber die einzige Brücke war verbarrikadiert und mit Panzern versperrt. 

  Wir gingen aber auf den Vorschlag unseres KZ-Kameraden ein, man konnte es ja probieren, und fuhren nach wenigen Tagen mit dem Zug zum Getreideabholen. Der Zug war von österreichischen Eisenbahnern besetzt, und nur einige Soldaten fuhren zur Kontrolle mit. Wir hatten all unsere Päckchen mitgenommen, was ein Außenstehender eigentlich als Quatsch bezeichnen musste, aber wir waren eben gründlich. Tatsächlich näherten wir uns, langsam fahrend, einer Art Hängebrücke oder Fußgängerbrücke, genau wie wir es beschrieben bekommen hatten, und durften nun den Absprung nicht verpassen, etwas hinter der Brücke, aufpassend, dass wir ein gutes Sprungfeld erwischten. 

  Unser Weg war mit guten Vorsätzen gepflastert, die Brücke aber nur mit Holz belegt, und mitten auf der Brücke standen sowjetische Soldaten, mit Schusswaffen im Anschlag. Wir mussten ihnen irgendwie komisch vorkommen, denn unsere Jubelrufe, nun endlich bei ihnen zu sein, beantworteten sie mit ziemlich energischen Stoi-Rufen. Auch Fritz’ freundliche Worte in russischer Sprache stimmten sie nicht freundlicher, und meine Illusion, hier mitten auf der Brücke über der Enns eine deutsch-sowjetische Freundschaftskundgebung zu erleben, zerstob in der rauhen Wirklichkeit. 

  Die Sowjetsoldaten waren bis hierher marschiert, hatten viele verloren und unsägliches Leid, Zerstörung und andere Schrecken gesehen, hatten Hunger, Frost, Hitze, Schmerzen ertragen – und nun trafen sie mitten auf einer Brücke über der Enns vier fremde Deutsche, die hofften, von ihnen umarmt zu werden. Mit einigem Verstand war der frostige Empfang völlig zu begreifen; aber wie hatte sich das Herz auf diesen Augenblick gefreut, diesem Augenblick entgegengefiebert. Und nun das. So sah sie aus, die Wirklichkeit, in der Mühsal und Wachsamkeit, aber auch Misstrauen und angestauter Hass das Verhalten bestimmten. Und das sollte ein Mensch in Minuten begreifen und verarbeiten. Und doch kamen uns die Tränen nicht vor Enttäuschung, sie kamen uns, weil endlich der siegreiche Oktober vor uns stand, nah zum Anfassen, zum Umarmen, auch wenn es dazu nicht kam. 

  Horst Sindermann: Vor Tageslicht. Autobiographie, mit einem Vorwort von Egon Krenz, 224 Seiten, mit Abbildungen, 17,99 Euro – auch im jW-Shop erhältlich. 

  Buchpremiere mit Egon Krenz und Michael Sindermann am 3. September 2015 in der jW-Ladengalerie, Torstraße 6 in Berlin-Mitte. Es moderiert Frank Schumann von der Eulenspiegel-Verlagsgruppe. 

 

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