Schrecken in Grenzen gehalten  

Gedanken zum 13. August: Hatte die Mauer etwa auch gute Seiten?  

Matthias Krauß 

In: junge Welt online vom 13.08.2015 

 

»Nichts was auf der Welt sich findet, ist so schlecht, dass die Welt nicht einen besonderen Nutzen daraus ziehe...« (Shakespeare) 

Die Berliner Mauer war nie etwas anderes als monströs. Eine solche Anlage wirkt von keiner Seite schön, sei sie bemalt oder nicht. Zwang und Bedrohung werden nicht auf Dauer eine positive Grundstimmung erzeugen. 

Vielleicht aber kann man sich am Jahrestag ihrer Errichtung dennoch unaufgeregt der Frage zuwenden, ob nicht das eine oder andere gute Haar an diesem übel beleumdeten Bauwerk gelassen werden kann. 

Wenn von positiven Wirkungen der Mauer zu sprechen ist, dann natürlich im Wissen, dass die Erbauer der Mauer die fast alle nicht im Sinn hatten, weil sie dies oft genug gar nicht im Sinn haben konnten. Im gesellschaftlichen Leben ist es wie im privaten: Man kann Pläne schmieden und Dinge zielbewusst einleiten – was dann aber wirklich am Ende herauskommt steht fast immer auf einem anderen Blatt. Wie Bertolt Brecht von den zwei Plänen dichtete: »Gehn tun sie beide nicht ...« 

Der Mauerbau entschärfte eine gefährliche Lage im Zentrum Europas. Auf Kosten der Ostdeutschen. Was 1961 eine weitere Destabilisierung der DDR mit 600.000 sowjetischen Soldaten im Land hätte bedeuten können, musste zum Glück niemand erfahren. Der Preis für diese »Stabilität« war der Mauerbau, und er war hoch, sicher. Was aber immer Schreckliches dabei oder danach geschah – es hielt sich (in doppeltem Sinne) in Grenzen. 

Die Mauer – auch das zählt zu ihren positiven Auswirkungen – war eine Bestandsgarantie für Westberlin. Das versteht heute nur noch, wer sich die damalige Angst vergegenwärtigt, die Russen würden einfach mal über die Straße des 17. Juni oder die Heerstraße einmarschieren und die Amerikaner nicht so blöd sein, für die paar Westberliner »Krauts« den dritten Weltkrieg zu riskieren. Mit der Mauer war diese Befürchtung gegenstandslos, denn niemand wird eine Stadt, die er »erobern« will, zuvor noch mit einer Mauer umgeben. Westberlin war danach sicher, konnte mit seinem Fernsehsender SFB weiter via Wetterbericht dem Revanchismus Zucker geben und Deutschland in den Grenzen von 1937 servieren. 

Jahrzehntelang jeden Abend. Man fragt sich beiläufig, wann dieser Sender, bzw. seine Nachfolgeorganisation RBB, dafür endlich einmal um Entschuldigung bittet. Die Leidtragenden des Mauerbaus waren weniger die Westdeutschen, die ja nach ein paar Stockungen weiter hin- und herfahren konnten. Es wäre mithin zu viel von Ex-DDR-Bürgern verlangt, positive Gefühle gegenüber der Mauer zu hegen. Und doch bestand punktuell Grund dazu, und keineswegs unter allen Gesichtspunkten waren die Ostdeutschen Leidtragende. Ein schillerndes Beispiel: Die Contergan-Katastrophe in der Bundesrepublik. Die bewachte Grenze verhinderte, dass sie auch die DDR infizieren konnte. Ihr Zentraler Gutachterausschuss für den Arzneimittelverkehr hatte das Präparat abgelehnt. In der Bundesrepublik kamen Tausende verkrüppelte Kinder zur Welt, in der DDR nicht. 

Die Mauer hat auch verhindert, dass sich Zustände wie in der Bundesrepublik in der DDR breitmachen konnten. Übrigens auch ihre Zustände auf dem Gebiet des Verbrechens. Die DDR wurde von der UNO zu den zehn Staaten mit der geringsten Kriminalitätsbelastung der Erde gezählt. 

Die Rate für Mord und Totschlag der Bundesrepublik lag mindestens um das Doppelte, eher aber um das Dreifache über den vergleichbaren DDR-Werten. 

Niemand kann diese Dinge sicher berechnen, aber man kann mit Fug und Recht behaupten, dass mehrere tausend Menschen mehr ermordet worden wären, wenn die bundesdeutschen Verhältnisse schon 1961 auf das Gebiet Ostdeutschlands vorgedrungen wären. Dass dies eben nicht geschah, muss man wohl oder übel ein Resultat der Mauer nennen. 

Wenn von den Vorteilen der Mauerzeit die Rede sein soll, dann doch von den für diese geschichtliche Phase entscheidenden Dingen. Erstens: Die Mauer war ein Symbol des innereuropäischen Friedens, solange sie stand, hat der Krieg um Europa einen Bogen gemacht. An dieser Stelle ist Willy Brandt recht zu geben: »Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.« Zweitens: Beiden deutschen Staaten gelang es im Schatten der Mauer, in ihren jeweiligen Bündnissystemen für die eigenen Bürger den höchsten Lebensstandard zu erklimmen. Mit Blick auf die Ereignisse vor 1945 muss man das wohl unverdient nennen. Und schließlich drittens: Während der Mauerjahre schafften es beide deutschen Staaten, das Bild vom schrecklichen Deutschen in den Hintergrund zu drängen und sich einen anerkannten und gleichberechtigten Platz auf der internationalen Bühne zu verdienen. Sowohl die BRD als auch die DDR taten dies, jeder auf seine Weise. Es hat – mithin – in der deutschen Geschichte schrecklichere Zeiten gegeben als die der Mauer. 

Das Bauwerk hat etliche Quadratkilometer innerstädtisches Terrain gefressen, viel Land, das ohne sie vor 50 oder 60 Jahren einfach stadtpolitisch verbraucht worden wäre. Inzwischen ist Behutsamkeit Trumpf, angesichts einer Freifläche rollt nicht gleich der Betonmischer an. Die Mauer hat das grüne Band hinterlassen, das sich heute durch Berlin und um den Westteil der Stadt zieht. Dieses Band ist ihr eigenes ziviles Denkmal, eine Art Abschiedsgruß. Es könnte Anlass sein, zu einem versöhnlichen Ende zu finden. Denn bei allem Verwerflichen: Der Vorgang »Mauer« ist doch im großen und ganzen friedlich abgelaufen. »Doch«, um es wieder mit Brecht zu sagen: »Die Verhältnisse, sie sind nicht so«. 

 

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Erich Honecker: Der 13. August 1961  

Erich Honecker, Aus meinem Leben  

 

 Vom 3. bis zum 5. August 1961 fand in Moskau eine Beratung der Ersten Sekretäre der Zentralkomitees der kommunistischen und Arbeiterparteien der Staaten des Warschauer Vertrages statt, der auch Vertreter von Bruderparteien aus anderen sozialistischen Ländern Asiens beiwohnten. Im Einvernehmen mit der KPdSU schlug die SED vor, die Grenzen der DDR gegenüber Berlin-West und der BRD unter die zwischen souveränen Staaten übliche Kontrolle zu nehmen. Diesem Vorschlag stimmte die Moskauer Beratung einmütig zu.  

Vom damaligen Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates der DDR, Walter Ulbricht, wurde mir die Vorbereitung und Durchführung der hierfür erforderlichen Aktion übertragen. Die notwendigen Maßnahmen und die Entwürfe der Einsatzbefehle für die Nationale Volksarmee, die Organe des Ministeriums für Staatssicherheit und des Ministeriums des Innern, für die Bereitschaftspolizei, die Volkspolizei und die Kampfgruppen der Arbeiterklasse sowie die Anweisungen für die zentralen staatlichen Institutionen, für das Verkehrswesen, das Bauwesen und andere wirtschaftsleitende Organe wurden ausgearbeitet. Später konnten wir befriedigt feststellen, daß wir nichts Wesentliches unberücksichtigt gelassen hatten. Zur unmittelbaren Leitung der Operation richtete ich meinen Stab im Berliner Polizeipräsidium ein. Dort stand ich in ständiger Verbindung mit den Kommandeuren und Stäben der bewaffneten Kräfte, den Bezirksleitungen der SED Berlin, Frankfurt an der Oder und Potsdam, den zentralen Staatsorganen, dem Berliner Magistrat und den Räten der Bezirke Frankfurt an der Oder und Potsdam.  

Am 11. August 1961 erklärte die Volkskammer der DDR, daß eine ernste Gefahr für den Frieden in Europa besteht. Sie beauftragte den Ministerrat der DDR, alle Maßnahmen vorzubereiten und durchzuführen, die zur Sicherung des Friedens notwendig sind. Daraufhin faßte der Ministerrat am folgenden Tage den Beschluß, die noch offene Grenze zwischen dem sozialistischen und dem kapitalistischen Europa unter zuverlässige Kontrolle zu nehmen.  

Als ich am Nachmittag des 12. August 1961 zum Döllnsee fuhr, sah ich beiderseits der Straßen, daß sich die Motorisierten Schützenverbände unserer Volksarmee schon in ihren Bereitstellungsräumen befanden. Um 16.00 Uhr unterzeichnete der Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates der DDR, Walter Ulbricht, die von uns vorbereiteten Befehle für die Sicherungsmaßnahmen an der Staatsgrenze der DDR zu Berlin-West und zur BRD. Am späten Abend, eine Stunde vor Beginn der Operation, trat der von mir geleitete Stab im Berliner Polizeipräsidium zusammen. Anwesend waren die Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees der SED Willi Stoph, Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates der DDR, und Paul Verner, die Mitglieder des Zentralkomitees der SED Heinz Hoffmann, Minister für Nationale Verteidigung, Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, Karl Maron, Minister des Innern, und Erwin Kramer, Minister für Verkehrswesen, sowie Willi Seifert, Stellvertreter des Ministers des Innern, Fritz Eikemeier, Präsident der Volkspolizei Berlin, und Horst Ende, Leiter des Stabes des Ministeriums des Innern. Um 0.00 wurde Alarm gegeben und die Aktion ausgelöst. Damit begann eine Operation, die an dem nun anbrechenden Tag, einem Sonntag, die Welt aufhorchen ließ.  

Gemäß den Einsatzbefehlen rückten die Verbände der Nationalen Volksarmee und die Bereitschaften der Volkspolizei in die ihnen zugewiesenen Abschnitte. Auch die Kampfgruppen in Berlin und in den an Berlin-West grenzenden Bezirken Potsdam und Frankfurt an der Oder bezogen ihre festgelegten Einsatzpunkte. Unsere bewaffneten Kräfte erhielten von den in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräften Unterstützung, deren Oberbefehl am 10. August 1961 Marschall der Sowjetunion I. S. Konew übernommen hatte.  

An diese spannungsgeladenen Tage und Stunden erinnert sich Heinz Hoffmann, seit Juli 1960 Minister für Nationale Verteidigung der DDR: »Ich weiß noch, wie wir damals die Stäbe und Verbände der Volksarmee – durch bestimmte Truppenbewegungen getarnt – heranführten. Erich Honecker rief mich nachts an, gab mir die >X-Zeit< und sagte: >Die Aufgabe kennst du! Marschiert !< Wir waren kaum an der Grenze, da war auch Erich Honecker da und überzeugte sich, ob unsere Panzer und anderen Einheiten an der richtigen Stelle standen. Er sprach nicht nur mit mir und anderen leitenden Offizieren, sondern – wie das seine Gewohnheit ist – an Ort und Stelle mit den Soldaten und erläuterte ihnen, warum wir diese Maßnahmen durchführen mußten.«  

Binnen weniger Stunden war unsere Staatsgrenze rings um Berlin-West zuverlässig geschützt. Ich hatte vorgeschlagen, direkt an der Grenze die politische und militärische Kampfkraft der Arbeiterklasse einzusetzen, das heißt Werktätige aus sozialistischen Betrieben in den Uniformen der Kampfgruppen. Sie sollten mit Bereitschaften der Volkspolizei unmittelbar die Grenze zu Berlin-West sichern. Falls es notwendig werden sollte, hatten die Truppenteile und Verbände der Nationalen Volksarmee und die Organe des Ministeriums für Staatssicherheit sie aus der zweiten Staffel zu unterstützen. Nur bei einem etwaigen Eingreifen der NATO-Armeen sollten die in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräfte in Aktion treten.  

Wie der Verlauf der Ereignisse bestätigte, bestanden die bewaffneten Kräfte der DDR ihre Bewährungsprobe hervorragend. Dennoch war dies keine rein militärische Operation. Vielmehr erforderten die Sicherungsmaßnahmen umfangreiche politische, ideologische, wirtschaftliche und organisatorische Aktivitäten. Wir hatten – ohne zunächst in aller Öffentlichkeit über konkrete Aufgaben sprechen zu können – die gesamte, damals von Paul Verner geleitete Berliner Parteiorganisation der SED mobilisiert. Innerhalb von Stunden war das Berliner Verkehrsnetz umzustellen und der Stadtbahn- und Untergrundbahn-Verkehr von und nach Berlin-West zu unterbrechen.  

Das konnte nur gelingen, wenn die Werktätigen der Reichsbahn und der Berliner Verkehrsbetriebe im Vertrauen auf ihre Arbeiterpartei und Arbeiterregierung alle Anweisungen diszipliniert verwirklichten, und das taten sie. Obwohl Tausende Werktätige zum Schutz der Staatsgrenze aufgezogen oder als Agitatoren tätig waren, mußte der 14. August 1961 in der Hauptstadt zu einem Montag mit guten Produktionsergebnissen werden. Die Stadt wollte versorgt sein wie gewohnt. Das Leben sollte so normal wie möglich weitergehen.  

Quelle: Erich Honecker, Aus meinem Leben, Frankfurt am Main und Ost-Berlin 1980, S. 203ff.  

via trend online  

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