Der Krisenmonat  

Im August 1990 verleibten sich Monopole aus der BRD die ostdeutschen Energiekombinate ein, die Bauern der DDR gingen in Massen auf die Straße, weil sie ihre Produkte nicht mehr los wurden und die Regierung de Maizière bröckelte  

Jörg Roesler 

In: junge Welt online vom 14.08.2015 

 

  Im August 1990 sollte nach Meinung der Regierungen in Bonn und Berlin in den deutschen Medien, Ost wie West, eigentlich nur ein Thema für Schlagzeilen sorgen – die Fortschritte bei der Vorbereitung der politischen Vereinigung beider deutscher Staaten. Die Weichen für die wirtschaftliche Vereinigung waren bereits zweieinhalb Monate zuvor, am 18. 

Mai, mit der Unterzeichnung der Vertrages über die »Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion« zwischen BRD und DDR gestellt worden. Seit dem 1.7.1990 kamen seine Bestimmungen in der ostdeutschen Wirtschaft zur Anwendung. Die Verhandlungen über die politische Einheit, geführt von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (BRD) und Staatssekretär Günther Krause (DDR) waren im Juli mit zwei Gesprächsrunden angelaufen und befanden sich im August in ihrer entscheidenden Phase. Am 6.8.1990 konnte der erste Entwurf eines Einigungsvertrages vorgelegt werden. Zum Ende des Monats sollte er in zwei weiteren Verhandlungsrunden bis zur Paraphierung gebracht werden. Doch für Schlagzeilen sorgten im August – nicht nur in der ostdeutschen Presse – ganz überwiegend andere Themen, zum Erstaunen und zum Missfallen der Regierenden. 

  Hoteleinkauf  Ärger gab es zuallererst mit der Treuhandanstalt (THA). 

Die erste Einrichtung dieses Namens, die von der Regierung unter Hans Modrow und dem runden Tisch im März 1990 eigentlich als Behörde zum Schutz des Volkseigentums geschaffen worden war, gab es bereits nicht mehr. 

Der bis dahin noch geltende Beschluss des Kabinetts Modrow zur Organisation und zu den Zielen der THA wurde am 30. Juni aufgehoben. Am nächsten Tag, dem 1.7.1990 sollte die zweite Treuhandanstalt, vor allem als Privatisierungsbehörde konstruiert, ihre Arbeit aufnehmen. Die erste THA war hauptsächlich damit beschäftigt gewesen, den Volkseigenen Betrieben (VEB) die in der Marktwirtschaft üblichen Organisationsformen Aktiengesellschaft (AG) und Kommanditgesellschaft (KG) zu geben. Die neue Treuhand machte bei der juristischen Umwandlung nicht mehr viel Federlesens: Den noch bestehenden VEB’s wurden die Bezeichnungen AG bzw. 

KG über Nacht verordnet. Auch sonst ging es rasch voran. Am 7. Juli konnte der Minister für besondere Aufgaben, Rudolf Seiters, Bundeskanzler Helmut Kohl mitteilen, dass der Ministerrat der DDR den Verwaltungsrat der neu gebildeten Treuhandzentrale in Berlin besetzt und dessen Führung dem Vorstandsvorsitzenden der Hoesch AG, Detlev Karsten Rohwedder, übertragen habe. Der Posten des Präsidenten der Treuhandanstalt ging an den Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bundesbahn, Rainer Maria Gohlke. Am 30. 

Juli konnte dass Bundeskanzleramt erste Erfolge melden: »Bisher wurden knapp 9.000 Anträge auf Unternehmensprivatisierung gestellt, in gut 1.100 Fällen ist bereits die Privatisierung von Betrieben erfolgt«. 

  Diesen anfänglichen Optimismus über die Tätigkeit der Behörde wollte im August in deren Führungsetagen niemand mehr so recht teilen. Entgegen ersten Erfolgsmeldungen kam man mit der Verscherbelung der Treuhandbetriebe nicht voran. Da half auch kein gemeinsamer Appell vom Ministerpräsidenten der DDR und vom Bundeskanzler der BRD, als Lothar de Maizière Kohl in dessen Urlaubsdomizil am Wolfgangsee besuchte und beide die bundesdeutsche Unternehmerschaft fast anflehten, zuzulangen, um damit der ostdeutschen Wirtschaft unter die Arme zu greifen. Die westdeutschen Konzerne waren schon vor und erst recht nach dem Fall der kommerziellen Schranken zwischen Ost- und Westdeutschland bereit, die DDR mit ihren Waren zu beliefern. Aber die nunmehr weitgehend ihres Absatzes verlustig gehenden ostdeutschen Betriebe aufzukaufen, das verbot in der Regel ihre unternehmerische Erfahrung. Nur in zwei Fällen kam es im August zu großen Privatisierungen, die Schlagzeilen machten. Und beide Male erfolgten die Verkäufe nur formal über die Treuhandanstalt, eigentlich aber an ihr vorbei. 

  Der erste Fall war die Interhotel-Privatisierung. Die noch von der ersten Treuhand in eine AG umgewandelte prestigeträchtige DDR-Kette hatte von der seit Februar 1990 bestehenden Möglichkeit, mit einem Unternehmen aus dem Westen ein Jointventure zu bilden, Gebrauch gemacht. Die Interhotel AG und die westdeutsche Steigenberger GmbH hatten eine gemeinsame Holding gegründet, die ihrerseits sofort nach der Währungsunion von der nunmehr möglich gewordenen Privatisierung Gebrauch gemacht hatte und mit den 34 Interhotels der DDR über die Treuhandanstalt Pachtverträge abschloss. Die THA – auch im August noch mit ihrem organisatorischen Aufbau beschäftigt – bemerkte zu spät, dass die Pachtverträge zu Konditionen abgeschlossen worden waren, die die Behördenspitze und deren Auftraggeber nur als ungünstig einschätzen konnten. Offensichtlich war es den ostdeutschen Hotelchefs und den Managern der westdeutschen Steigenberger AG gelungen, ihre Vorstellungen über gemeinsames Wirtschaften weitgehend zu realisieren. Ende August dokumentierte die Zeit den Deal und sorgte damit für ein ungünstiges Urteil über die Treuhandanstalt in der deutschen Öffentlichkeit. 

  Energiemonopoly  Das zweite große Verfahren, das im August 1990 seinen Abschluss fand und ebenfalls in der Öffentlichkeit auf Kritik stieß, betraf die Energieproduzenten in der DDR, die mit drei BRD-Branchenunternehmen als Einstieg in die Privatisierung einen Geschäftsbesorgungsvertrag abgeschlossen hatten. Die Verhandlungen zwischen den westdeutschen »großen drei«: Rheinische Elektrizitätswerk AG (RWE), Bayernwerk AG und PreußenElektra AG waren bereits im April 1990 mit dem Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit der Regierung de Maizière begonnen worden. Was die »großen drei« so eifrig werden ließ, war der sichere Markt, den sie sich aneignen konnten, wenn die ehemaligen beiden Kombinate für Braunkohlekraftwerke (KBK) und Verbundnetz (KVE) in ihr Eigentum übergingen. Das war ein sicheres Geschäft. Denn es gab nur eine – auch erst seit kurzem in Betrieb befindliche – Energietrasse zwischen Ost- und Westdeutschland, über die bestenfalls ein kleiner Teil des ostdeutschen Bedarfs aus dem Westen befriedigt werden konnte – ganz anders als im Falle der meisten Produktionsmittel und Konsumgüter, die mit Beginn der Währungsunion ungehindert von westdeutschen Konzernen in den Osten geliefert werden konnten. 

  Kleinere bundesdeutsche Energieunternehmen wie die Hamburgischen Electricitätswerke (HEW) wünschten ebenfalls vom ostdeutschen Markt zu profitieren. HEW wandte sich an das Amt für Wettbewerbsschutz (AfW) der DDR. Das nach bundesdeutschem Vorbild geschaffene ostdeutsche Kartellamt prüfte den Fall und machte aus seinen Bedenken gegenüber dem Privatisierungsabkommen, auch als Stromvertrag bezeichnet, keinen Hehl: »Das staatliche Monopol wird letztlich durch ein privates ersetzt, selbst unter Berücksichtigung energiewirtschaftlicher Besonderheiten, ohne dass die in den Strukturen angelegten Wettbewerbsmöglichkeiten genutzt werden.« 

  Das AfW mahnte die Beteiligung anderer bundesdeutscher Energieverbundnetzunternehmen am Stromvertrag an. Bedenken gegen die Beibehaltung einer zentralistischen Organisation der ostdeutschen Verbundunternehmen äußerten auch die meisten Abgeordneten der Volkskammer, nachdem drei sächsische regionale Branchenbetriebe zusammen mit der Energieversorgung Schwaben AG dem Parlament eine Aufspaltung der ehemaligen Energiekombinate nach Ländern vorgeschlagen hatten. Die weiteren Verhandlungen zwischen RWE, Bayernwerk AG und PreußenElektra AG – letztere schlossen sich später zu E.on zusammen – einerseits und dem Ministerium andererseits, dessen Part im August sukzessive von der Treuhandanstalt übernommen wurde, fanden unter Einspruch der Kommunen, von SPD und Bündnis 90/Grünen statt. Auch Umweltschutzorganisationen wie BUND und »Robin Wood« protestierten gegen das Stromvertragsprojekt und stellten eigene Konzepte vor. Nach zähen Verhandlungen einigten sich die streitenden Unternehmen darauf, dass die »großen drei« 75 Prozent des Grundkapitals übernehmen sollten. Die restlichen 25 Prozent wurden zu je 6,25 Prozent an kleinere Verbundunternehmen übertragen. Für die Geschäftsbesorgung der ostdeutschen Energiebetriebe waren die »großen drei« allein verantwortlich. Damit war der sicherste ostdeutsche Markt mehrheitlich unter drei bundesdeutschen Monopolunternehmen aufgeteilt. 

  Schnäppchenjäger  Letztlich hatten sich die kleineren Energieverbundunternehmen aus der BRD doch noch einen Anteil an der ostdeutschen Beute erkämpfen können. Wie hoch aber war der Anteil der fast 30.000 Beschäftigten der beiden ehemaligen Energiekombinate? Die Leitungen der Betriebe, die sich der Vertrauensfrage ihrer Belegschaften gestellt hatten, hatten im Frühjahr 1990 – vom Gewerkschaftsgesetz der Modrow-Regierung ermutigt – zusammen mit den Betriebsgewerkschaftsleitungen eigene Mitbestimmungs- und Miteigentümervorstellungen entwickelt. Als die Treuhandprivatisierung anlief, wurden beide bisherigen Betriebsrepräsentanten in eine Zuschauerrolle gedrängt. Einer von ihnen, der bei den Verhandlungen der um ihre Anteile feilschenden Westunternehmen dabei sein durfte, berichtete darüber später: »Das war dann eine Diskussion, wo die Ostdeutschen überhaupt nichts zu sagen gehabt hatten. Wir sind überhaupt nicht gefragt worden zu diesem Stromvertrag. Ich weiß gar nicht, wozu wir eigentlich da waren!« 

  Nicht mehr ein Miteigentum, wie es die Modrow-Regierung und der runde Tisch bei der Gründung der ersten Treuhand beabsichtigt hatten, aber immerhin ein Mitspracherecht der Belegschaften durch die Gewerkschaftsvertreter, die sie gewählt hatten, war bei der Privatisierung der ehemaligen VEB vorgesehen – wenn auch ganz auf bundesdeutsche Art. 

Laut Verordnung der Behörde sollte die Veräußerungsarbeit vor Ort von verschiedenen auf Industriezweigbasis organisierten Aktiengesellschaften, geleistet werden. Die zu gründenden Treuhand-Aktiengesellschaften wären unter das bundesdeutsche Mitbestimmungsgesetz von 1976 gefallen. Die »Arbeitnehmer«-Vertreter im Aufsichtsrat hätten bei den Entscheidungen über Privatisierung, Sanierung oder Stillegung ihres Unternehmens mitreden und -entscheiden können. Am 15. August hatte Treuhandpräsident Gohlke ein entsprechendes Dekret in Kraft gesetzt, das allerdings, wie die Fälle Interhotel- und Energieunternehmen erkennen ließen, kaum praktische Wirkung hatte. 

  Um die Gründung der Aktiengesellschaften wurde weiter hart gerungen und gestritten. Der Widerstand von der »Arbeitgeber«-Seite gegen deren Installierung war beträchtlich. Der Behördenpräsident konnte sich in dieser wie auch anderen Fragen, die Organisation betreffend, nicht durchsetzen. Am 20. August schmiss Rainer Maria Gohlke, nach nicht einmal zwei Monaten, die Arbeit hin. Die Privatisierung sei »schwieriger, als er sich es vorgestellt habe«. Die Wirtschaft der DDR sei ein »Chaos«, konnte man von ihm in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Tag darauf erfahren. 

  Die Industriebetriebe der DDR waren, wie das Geschehen um die Treuhand zeigte, im Juli und August weitgehend sich selbst überlassen und ersten Schnäppchenjägern aus dem Westen mehr oder minder ausgeliefert. Und das, obwohl sich die ostdeutschen Unternehmen, wie es in einem für die Mitglieder des Kabinettsausschusses Deutsche Einheit vom 9. August angefertigten Papier hieß und Woche für Woche deutlicher wurde, »in einem schwierigen Umstrukturierungsprozess« befanden. Die Industrieproduktion entwickelte sich rückläufig, »weil Arbeitskräfte in die Bundesrepublik abgewandert und Erzeugnisse vielfach kaum noch absetzbar sind«. Entsprechend dem schrumpfenden Absatz sank die ostdeutsche Industrieproduktion. Gegenüber Juni war sie im Juli auf zwei Drittel des Niveaus im Monat vor der Währungsunion gesunken. Im August, das war unschwer vorauszusehen, würde es zu weiteren Produktionseinstellungen und zur Reduzierung der Fertigung fast auf die Hälfte der Erzeugung im Vergleich zum Juni kommen. Größter Eigentümer der DDR-Industriebetriebe war seit dem 1.7.1990 die Treuhandanstalt, »die größte Industrieholding der Welt«, wie sie in der Presse genannt wurde. Insofern trug sie nicht nur für die organisatorischen Pannen, sondern auch für die Krise in der Industrie die Verantwortung. Das Desaster schrieb man in der Presse ihrem Präsidenten Gohlke zu. Sein Rücktritt hinterließ die ihm anvertrauten Industrieunternehmen in einer schweren Krise. 

  Wutbauern  Negativschlagzeilen machte im August 1990 allerdings nicht nur die DDR-Industrie, sondern auch die dortige Landwirtschaft. Dabei glaubte die Regierung de Maizière, alles geregelt zu haben, als sie – schon Anfang Juli – ein »Gesetz zur Förderung der agrarstrukturellen und agarsozialen Anpassung der Landwirtschaft der DDR an die soziale Marktwirtschaft« auf den Weg gebracht und sich der Hilfe des Bundeslandwirtschaftsministers Ignaz Kiechle versichert hatte. Doch im Fernsehen waren im August Bilder von Bauern zu sehen, die mit der Forke ihre Schweine totschlugen. Der Markt war ihnen weggebrochen: Der im eigenen Land, weil der Westen nach Wegfall der Einfuhrzölle seit dem 1.7.1990 nun auch ganz legal und völlig ungehindert mit seinen Schweinefleischprodukten das Land zwischen Elbe, Saale und Oder überschwemmen konnte. Die LPG-Bauern mussten erkennen: Die Westprodukte waren nicht besser als die einheimischen, sogar teurer, aber schöner verpackt, und das zog. Der Absatz in den Ländern Osteuropas, in das die LPG-Bauern noch im ersten Halbjahr 1990 850.000 Schweine exportiert hatten, brach nach dem 1.7.1990 zusammen, weil nach Übernahme der D-Mark in der DDR die Abnehmer in Polen, der Tschechoslowakei, Rumänien usw. mit einem Male Devisen aufbringen sollten, um ihre traditionellen Importe aus der DDR zu bezahlen – wozu sie nicht in der Lage bzw. nicht willens waren. 

  Die LPG-Bauern waren verzweifelt und wütend. Sie hätten entsprechend dem Plan gesät und gefüttert, nun solle, so ihre Forderung, die Regierung auch für die Abnahme ihrer Produkte sorgen. Es blieb nicht bei Worten. Es gab Demonstrationen, wie schon im Frühjahr. Am 13. August trugen 4.000 Bauern ihre Sorgen und Forderungen vor dem Berliner Reichstagsgebäude vor, in dem Politiker der DDR und der BRD zusammengekommen waren. Doch das war nur der Vorgeschmack. Am nächsten Tag kamen 50.000 Bauern, vielfach auf Traktoren und Mähdreschern, organisiert von den Bauernverbänden in der DDR, nach Berlin auf den Alexanderplatz und demonstrierten unter schwarzen Fahnen. Die Bauern waren nicht zimperlich. Es fielen harte Worte. Selbst die Anfang Juli beschlossene Wirtschaftseinheit wurde von ihnen in Frage gestellt. Landwirtschaftsminister Peter Pollack (parteilos), der die aufgebrachte Menge zu beruhigen versuchte, bekam ihren Zorn voll zu spüren. »Die Masse hat gejohlt, gepfiffen, mit Eiern und Tomaten geschmissen. Die waren überhaupt nicht bereit, Argumente zu hören«, berichtete er später. »Er wurde ja fast massakriert«, erinnerte sich Günther Krause. Ministerpräsident de Maizière hatte seinen Staatssekretär Pollack zu Hilfe geschickt. »Sein Auto wurde demoliert. 

Also musste ich ungefähr eine halbe bis dreiviertel Stunde vor tobenden Bauern sprechen. Meine Sekretäre haben dann an mir 16 Eiereinschläge und 12 Tomaten als Treffer gezählt. Das konnte man so an den Beulen im Gesicht ausmachen und an den Kleidungsstücken«, berichtete Krause danach. 

  Die Bauernproteste auf dem Alexanderplatz, für die Regierenden die bisher deutlichsten Zeichen einer durch die Währungsunion eingeleiteten Wirtschaftskrise in der DDR, brachten für Ministerpräsident de Maizière das Fass zum Überlaufen. Noch am gleichen Abend feuerte er Pollack. 

Finanzminister Walter Romberg (SPD) musste ebenfalls gehen. Auch dem Rücktrittsgesuch von Wirtschaftsminister Gerhard Pohl (CDU) wurde entsprochen. Am 19. August nahmen die Regierungschefs der SPD-geführten Länder der Bundesrepublik, darunter Johannes Rau (Nordrhein-Westfalen) und Oskar Lafontaine (Saarland) zu den Entlassungen de Maizières vom 15. 

August Stellung. Sie rügten die »ungenügenden Vorkehrungen zur Anpassung der DDR-Landwirtschaft an die Europäische Gemeinschaft.« Dem Ministerpräsidenten warfen sie vor, »die DDR-Koalition leichtfertig und willkürlich gebrochen« zu haben und monierten: »Unter den von der Bundesregierung zu verantwortenden Bedingungen verschärft sich die wirtschaftliche und soziale Lage für die Menschen in der DDR von Stunde zu Stunde.« 

  Ministerrücktritt  Am Tag darauf legten die im Kabinett de Maizière verbliebenen Minister der SPD, Regine Hildebrandt (Arbeit und Soziales), Markus Meckel (Auswärtige Angelegenheiten) sowie drei weitere Ressortchefs ihre Ämter nieder. Die Wirtschaftskrise war zur politischen Krise geworden. 

  Der Premier war bemüht, die Regierungskrise zu kaschieren. Er benannte keine neuen Minister, sondern beauftragte die Staatssekretäre der betreffenden Ressorts mit der Geschäftsführung, was die Bevölkerung am 21. August aus der Presse erfahren konnte. Über die Wirtschaftskrise konnte er zwar nicht so einfach hinweggehen, versuchte aber seine und die Bonner Regierung reinzuwaschen. Schuld an den jetzigen Problemen in der DDR seien nicht die 143 Tage soziale Marktwirtschaft, sondern 15.000 Tage sozialistische Planwirtschaft. 

  Viele DDR-Bürger sahen das anders. Der Ruf der am 18. März mit großer Mehrheit in die Regierung gewählten Koalitionsparteien war schon vor der Kabinettskrise ramponiert. Waren im Mai, einen Monat nach der Regierungsbildung und zwei Monate vor der Währungsunion noch 56 Prozent der DDR-Bürger gemäß einer Umfrage des Infas-Meinungsforschungsinstitut der Ansicht gewesen, dass die Mannschaft de Maizières ihre Aufgaben »überwiegend gut« bewältige, so war dieser Anteil bis Mitte August auf 27 Prozent gesunken. Die Verhandlungen zwischen BRD-Innenminister Wolfgang Schäuble und dem – am 15. August körperlich nicht ernsthaft lädierten – Staatssekretär Krause um den Einigungsvertrag gingen indes munter weiter. Die Meinung des »Volkes der DDR« über ihre Regierung und deren Bonner Partner spielten dabei keine Rolle. Am 30. August um 13.15 Uhr unterzeichneten Schäuble und Krause im gut abgesicherten Kronprinzenpalais in Berlin Unter den Linden 3 den Einigungsvertrag. 

 

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Schrumpfendes Land  

Unterschiede zwischen Metropolregionen und Kommunen vergrößern sich. Ruhrgebiet und Osten abgehängt 

In: junge Welt online vom 14.08.2015 

 

Die Schere zwischen ländlichen und Metropolregionen öffnet sich weiter. 

Zu dem Schluss kommt eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. 

Während die Bevölkerungszahl in den Großstädten von 2008 bis 2013 um 2,8 Prozent gestiegen ist, ging die Bevölkerungszahl in Städten mittlerer Größe und Kleinstädten zurück, in Ost- deutlich stärker als in Westdeutschland. Besonders stark schrumpften Gemeinden in dünnbesiedelten ländlichen Gebieten. Die Wissenschaftler haben für die Analyse die Bevölkerungsdaten aller Gemeinden in Deutschland und weitere sozio-ökonomische Kennzahlen ausgewertet, die über die Entwicklung der Kommunen Auskunft geben. 

Unter den Großstädten verzeichneten Münster (plus 8,9 Prozent), Frankfurt am Main (7,6), Darmstadt (7,3) und München (sieben) von 2008 bis 2013 den größten Zuwachs an Neubürgern. Die ostdeutschen Großstädte Leipzig (sieben), Potsdam (6,3) und Dresden (5,8) gehören ebenfalls dazu. 

Nur wenige Großstädte, vor allem im Ruhrgebiet, haben zwischen 2008 und 2013 Bevölkerung verloren. 

Unter den Städten mittlerer Größe (20.000 bis 100.000 Einwohner) ist der Anteil der schrumpfenden Kommunen deutlich größer. Ein starkes Wachstum verzeichneten vor allem die Städte im Umland der Metropolen. Teltow (plus 14,9 Prozent) bei Berlin, Remseck am Neckar (8,8) bei Stuttgart sowie Dachau (acht Prozent), Olching (7,8) und Unterhaching (7,7) bei München gehören zu den am schnellsten wachsenden Mittelstädten. Ein hohes Minus wiesen hingegen solche in den ehemaligen industriellen Zentren Ostdeutschlands auf. Die drei am stärksten schrumpfenden Kommunen Hoyerswerda (Sachsen), Bitterfeld-Wolfen (Sachsen-Anhalt) und Eisenhüttenstadt (Brandenburg) verloren zwischen 2008 und 2013 ein Zehntel ihrer Bevölkerung. 

In den kleineren Gemeinden im ländlichen Raum hat sich zwischen 2008 und 2013 die Zahl der Erwerbsfähigen weiter verringert. Dieser Trend wird verstärkt durch die Abwanderung junger Menschen in die Großstädte. Die Entwicklung verschärft den Fachkräftemangel, der bereits heute in vielen Regionen spürbar ist. 

»Die Metropolen haben eine enorme Sogwirkung. Wissens- und wertschöpfungsintensive Branchen sind dort konzentriert und haben Vorteile im Wettbewerb um Fachkräfte. Die strukturschwachen Regionen laufen Gefahr, wirtschaftlich weiter zurückzufallen. Die Sicherung gleichwertiger Lebensbedingungen wird in diesen Regionen eine der Hauptaufgaben sein«, sagte BBSR-Direktor Harald Herrmann bei der Vorstellung der Studie in Berlin. 

Laut der Bevölkerungsprognose des BBSR wird die Einwohnerzahl in Deutschland bis 2035 leicht auf 78,2 Mio. Menschen sinken und gleichzeitig die Alterung der Bevölkerung weiter fortschreiten. Die regionalen Unterschiede sind aber groß: Einer immer größer werdenden Gruppe schrumpfende Kommunen steht eine sinkende Zahl wachsender Städte gegenüber. »Um die Bevölkerungszahl langfristig konstant zu halten, müsste Deutschland jedes Jahr Wanderungsgewinne von ca. 400.000 Personen erzielen. Bevölkerungswachstum wird ohne Zuwanderung über einen längeren Zeitraum nicht möglich sein«, sagte Herrmann. (jW) 

Eine unter www.bbsr.bund.de abrufbare Karte ermöglicht die Abfrage für jede Gemeinde in Deutschland 

 

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Das Land verödet 

Besonders Ostdeutschland ist vom Bevölkerungsrückgang betroffen 

Von Simon Poelchau 

 

Die Menschen zieht es vom Land in die Stadt. In den schrumpfenden Regionen hierzulande wird dies zu einem ernsthaften Problem. 

Ohne Zuwanderung sieht Harald Hermann schwarz. »um die Bevölkerung langfristig konstant zu halten, müsste Deutschland jedes Jahr Wanderungsgewinne von circa 400 000 Personen erzielen«, warnte der Direktor des Bundesinstituts für Bau, Stadt- und Raumforschung (BBSR) bei der Vorstellung einer Studie seines Instituts zu schrumpfenden Städten am Donnerstag in Berlin. Ansonsten, so seine Prognose, werde die Einwohnerzahl in Deutschland bis zum Jahr 2035 auf 78,2 Millionen Menschen zurückgehen und die Alterung der Bevölkerung fortschreiten. 

Die Regionen hierzulande werden demnach ganz unterschiedlich vom Bevölkerungsschwund betroffen sein. 

In: Neues Deutschland online vom 14.08.2015 

Weiter unter:  

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/981147.das-land-veroedet.html 

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