Neue Betrachtungen zur Mauer  

Wenn die Teilung Deutschlands ihren Preis hatte – die Einheit hatte ebenfalls einen: Seit dem Öffnen der Grenze hat der Krieg wieder sein Haupt erhoben  

Matthias Krauß 

In: junge Welt online vom 03.08.2015 

 

Ferienarbeit im Lokomotivbaubetrieb LEW Hennigsdorf, Mitte der 70er Jahre. 

In der Frühstückspause sitzen die Schüler vor der Halle, am Ufer der Havel und essen ihre Currywurst. Ein paar Meter hinter dem anderen Ufer verläuft die Grenze zu Westberlin. Davor, direkt an der Wasserkante, laufen die Hunde an ihrer Kette. Jeder Köter hat einen Abschnitt zu bewachen. Einmal am Tag fährt ein Boot der Grenztruppen vorbei. Die Soldaten werfen den jaulenden Biestern Fleischbrocken hin. Sonntags müssen sie fasten, da sind sie dann besonders scharf, erzählen die Arbeiter. 

Ja, es war skurril, monströs, heute unvorstellbar, in Einzelfällen auch mörderisch, was sich mit der Berliner Mauer verband, deren Bau im August 1961 begann. Bei all dem aber war sie keineswegs das Schlimmste, was die deutsche Geschichte zu bieten hat, und man sollte auch am »Jahrestag« nicht wieder so tun. Mit den wirklichen nationalen Katastrophen wie Krieg, Hunger, schlimmster Entbehrung, Vertreibung von Millionen, Faschismus hat die Mauer nichts zu tun, da reicht sie mit ihrem Negativpotential nicht im entferntesten heran. Zur Zeit ihres Baus und auch in der Zeit ihres Bestehens geschahen auf der Welt die fürchterlichsten Dinge, nicht aber in Deutschland. Die Deutschen wurden in dieser Zeit Lebensstandardweltmeister. 

Inwieweit war es die Mauer, die hier das Schlimmste verhindert hat? 

Der Mauerbau stoppte das Ausbluten der DDR. Die offene Grenze hat diesem kleinen Staat einen wirtschaftlichen Verlust von 100 Milliarden Dollar eingetragen. Es gab 1961 zehn Prozent weniger Ärzte als 1949. Und in der gleichen Zeit hatte die DDR 20.000 Ärzte ausgebildet. Von zehn DDR-Bürgern war zuvor einer in den Westen übergesiedelt. Aber die neun anderen waren noch da, und viele von ihnen wollten nicht länger in einem Fass ohne Boden verbleiben. Deshalb gab es 1961 bei einem nicht geringen Teil der DDR-Bevölkerung auch Zustimmung zur Abriegelung. Wie sich am Ende aber herausstellte, konnte die DDR mit Mauer ebensowenig existieren wie ohne sie. 

Es hat an der Berliner Mauer in 28 Jahren 136 Tote gegeben. 25 Menschen wurden von westlicher Seite aus erschossen. Welches Gewicht man diesen schlimmen Ereignissen auch im Rückblick gibt – dabei lässt sich nicht davon absehen, dass diese Mauer nicht einfach eine x-beliebige Grenze war. 

Sie war die Trennlinie zweier einander feindlich gesinnter Weltsysteme, die mit Atomwaffen aufeinander angelegt hatten. Eine solche Grenze kann man nicht nach den gleichen Maßstäben beurteilen wie die zwischen Frankreich und der Schweiz. Auch wäre es in diesem Zusammenhang angezeigt, vergleichend die Opfer in den Blick zu nehmen, welche die Grenze zwischen der Bundesrepublik einerseits und Frankreich, den Niederlanden und Belgien andererseits gefordert hatte. Die gab es nämlich auch. 

Mit dem Fall der Berliner Mauer wurde die deutsche Ostgrenze EU-Außengrenze. Während es an jener zu Zeiten der DDR und der Volksrepublik Polen 40 Jahre lang keine Toten gegeben hatte, wurden seit 1990 mindestens 150 festgestellt. Diese Angaben machen die Behörden im Bewusstsein, dass die meisten Leichname gar nicht gefunden wurden, weil die Wasser der Neiße und Oder sie in die Ostsee gespült haben. Der Todesstreifen in Berlin wurde beseitigt, der Todesstreifen entlang der Oder geschaffen. 

Für die Westdeutschen war die Mauer eine Unbequemlichkeit, eventuell noch ein Kostenfaktor. Für die Ostdeutschen bedeutete die Mauer mehr, mit ihrem Bau am 13. August 1961 begann eine herbe Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit. Das muss man ja nun wirklich nicht loben, aber dies stimmt auch: Zwischen 1961 und 1989 haben ca. 486.000 DDR-Bürger per Ausreiseantrag und völlig ungefährdet die DDR verlassen und sind in die Bundesrepublik übergesiedelt. Und dabei sind die rund 30.000 freigekauften Häftlinge noch nicht einmal mitgezählt worden. 

Wenn die Spaltung ihren Preis hatte – die Einheit hatte und hat auch einen. Wenige Tage, nachdem die Mauer gestürmt worden war, kehrte der Krieg nach Europa zurück. Es schien, als hätte er nur noch auf den Mauerfall gewartet, um erneut sein Mörderhaupt über dem Kontinent erheben zu können. So komisch es klingt: Neben vielem anderen war die Berliner Mauer auch ein Garant für den innereuropäischen Frieden. 

Im Rahmen der deutschen Einheit zwischen 1871 und 1945 vollzogen sich die größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte. Staatlich getrennt dagegen und auch im Schatten der Mauer vermochten die Deutschen sich wieder Achtung zu erarbeiten und gleichberechtigt an den Tisch der internationalen Gemeinschaft zurückzukehren. Das ist entscheidend für die Bewertung der Jahre der Mauer. 

 

__________________________