Dialektischer Realismus  

Grundbegriff für eine Kunstgeschichte der DDR. Zum Tod des Kunsthistorikers Peter H. Feist  

Peter Michel 

In: junge Welt online vom 04.08.2015 

 

  Der Verlag Kiepenheuer & Witsch gab 1990 ein Lesebuch mit Texten von 100 überwiegend in der noch existierenden DDR lebenden Autoren heraus. Diese Aufsätze waren nach dem 9. November 1989 geschrieben oder aktualisiert worden. Sie schienen sehr zeitgemäß, blieben jedoch als nicht vernetzte Einzelstücke ein zeitgeschichtliches Sammelsurium, das hier und dort zwar Anregungen für eine Geschichte der Kunst in der DDR geben konnte, aber selbst keine historische Abhandlung war. Manch einer der Verfasser nutzte die Gelegenheit, seine Anpassung an die sich anbahnenden neuen Machtverhältnisse eilig publik zu machen. 

  Peter H. Feist veröffentlichte dort, später auch in der Zeitschrift Bildende Kunst publizierte, systematisierende Überlegungen, die bereits damals Wichtiges für eine künftige DDR-Kunstgeschichtsschreibung vermittelten. Schon zu jener Zeit warnte er in seinem Text eindringlich davor, das kulturelle Erbe der DDR unbedacht preiszugeben, denn jeder Bilderstürmerei folge zwangsläufig nach einem gewissen Zeitraum erschrockenes Bedauern über Irrtümer und Verluste. Es zeige sich, »dass eine ganze Menge von Kunst aus der DDR zumindest einigen der international (oder in der BRD) als gültig gehandhabten Kriterien und Messlatten standhielt«. Zugleich sei die Frage nach Eigenständigem und daher Bewahrenswertem wichtig, das sich gegen die »nivellierende Flut globaler Einheitsmoden« herausbildet hatte. 

  Der Wert der DDR-Kunst  Zu untersuchen sei ebenso, »wie weit oder auch wie lange Künstlern, ihren Schaffensweisen und Werken eine DDR-Spezifik erhalten bleibt, wenn sie die Kunstverhältnisse der DDR verlassen haben«. 

Zu ihren Merkmalen gehöre ein »ausgeprägtes, feines Empfinden für Soziales, für alle Konsequenzen aus der Tatsache, dass Menschen nicht anders denn als soziale Wesen existieren. In Folge ergab sich ein Kunstkonzept, das die Kunst nicht hermetisch vom ›Außerkünstlerischen‹ abgrenzt, sondern ihr Eingreifen und Wirken, mithin auch ihre Möglichkeit, erlebt und verstanden zu werden, deutlich favorisiert«. Äußerlich Plakativem habe immer auch eine engagierte Kunst gegenübergestanden, die nicht nur half, »die Realität in ihrer Widersprüchlichkeit tiefer eindringend zu erfassen«, sondern auch die Fähigkeit zu eingreifendem Handeln stärkte – auch »als Teil einer internationalen ›linken‹ Kultur, im Weiterarbeiten an einer Alternative zu Kapitalherrschaft und Imperialismus«. Die Kunstverhältnisse der DDR, so schrieb er, hätten dazu beigetragen, ein Geschichtsbewusstsein und ein Zukunftsbild zu fördern, »in dem Antifaschismus, internationalistische Solidarität, vor allem mit der Dritten Welt, Friedenserhaltung und – freilich sehr spät – die Aufmerksamkeit für Ökologie als hohe Werte galten«. »Künstler aus der DDR haben die figurative Kunst (…) gekräftigt. Sie bereicherten diese vor allem um Varianten eines (…) dialektischen Realismus, der nicht mehr in herkömmlicher Weise erscheinungsgetreu operiert, sondern phantasievoll die Inhalte ins Spiel bringt.« Diese Art zu schaffen »bildete zeitweise eine Ermutigung für Künstler, beispielsweise in der BRD, der allgegenwärtigen Dominanz nichtrealistischer Kunstkonzepte standzuhalten«. 

  Feist verwies damals auch darauf, dass wichtige Erfahrungen der klassischen Moderne – zum Beispiel aus Expressionismus und Verismus – aufgegriffen und revitalisiert wurden. Auf dem Gebiet des tief und differenziert in Physiognomie und Psyche eindringenden Porträts, das einige Theoretiker schon endgültig an die Fotografie abgetreten hatten, sei es zu international bemerkenswerten Arbeiten gekommen. Das heißt in einer angeblich »kollektivistisch« ausgerichteten Gesellschaft habe sich die Kunst um Individualität bemüht, und die Darstellung des dialektischen Widerspruchsverhältnisses von Typus und Einzelnem, Alltag und Epoche sei in Praxis und Kunsttheorie kein fruchtloses Unterfangen gewesen. Ebenso seien in der DDR – beispielsweise durch Simultanbilder und andere Raum-Zeit-Montageverfahren – eigenständige Leistungen hervorgebracht worden, »um sozialhistorische Zusammenhänge und Prozessverläufe auf neue Weise bildkünstlerisch zu erhellen«. Auch habe sie sich stilistisch fast immer entschiedener, als es zeitweise in anderen sozialistischen Ländern geschah, gegen die Übernahme des »Schdanow-Stils auf Repin-Basis«¹ und Entsprechendes in der Plastik gesperrt. Es sei ihr engagierter, etwas bewirken wollender, geschichtsbewusster Realismus, den die Kunst der DDR als Wert und Herausforderung in eine größere gesamtdeutsche und gesamteuropäische Szene einzubringen habe. Hinzu kämen »Elemente der Kunstverhältnisse, der Art, wie die neuzeitliche ›Kulturpflicht‹ der Gesellschaft und ihrer staatlichen, kommunalen und kooperativen Organisationsformen wahrgenommen wird und wie sich demokratische Selbstorganisation des Kulturprozesses vollzieht«.² 

  Seit der Veröffentlichung dieser Gedanken ist ein Vierteljahrhundert vergangen. Was damals folgte, waren Ignoranz und Verdrängung – bis hin zu Vandalenakten gegen Kunstwerke –, war die Symbiose von Borniertheit und Unverstand, wie sie sich am nacktesten in der Ausstellung »60 Jahre – 60 Werke« anlässlich des 60. Jahrestages des Beschlusses über das Grundgesetz der BRD im Frühjahr 2009 zeigte. Dort fehlten in der DDR entstandene Werke völlig. Als Argumente dafür gaben die Kuratoren an: In der DDR habe es keine Freiheit gegeben, Kunst könne nur in Freiheit gedeihen, also gab es in der DDR keine Kunst. Schirmherrin dieser Schau war Bundeskanzlerin Angela Merkel. 

  Die andere Moderne  In seinem Text von 1990 spricht Feist u. a. von dem Begriff »dialektischer Realismus«. Dieser Terminus, den bereits der Kunstkritiker des KPD-Parteiorgans Rote Fahne, Alfred Durus, um 1930 herum in die Diskussion eingeführt hatte, war in der offiziellen Kulturpolitik der DDR suspekt, weil er angeblich der »Entpolitisierung« diente. Man hielt bis kurz vor ihrem Ende stets am Dogma vom »sozialistischen Realismus« fest. Doch Feist war einer der ersten, die aus der Analyse des tatsächlichen Verlaufs der Kunstprozesse ihre theoretischen Schlussfolgerungen zogen. Er schlug bereits in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre vor, mehrere Arten realistischer Gestaltung zu benennen: »Erstens den Gestaltungstyp des unmittelbaren Realismus, dessen stilistische Spannweite von der impressiven Darstellung bis zur veristischen reicht. Zweitens den Typ des expressiven Realismus, der mit verschiedenen Graden der Formintensivierung, auch dem Verfahren des Archaismus, operiert. Drittens den Typ des konstruktivistischen Realismus. 

(…) Viertens den Gestaltungstyp eines metaphorischen oder imaginativen Realismus, in dem auch ausgesprochen phantastische Züge auftreten können.« Er ließ außerdem die Möglichkeit offen anzuerkennen, »dass bestimmte (…) Aussagen (…) auch mit (den in angewandter und dekorativer Kunst bereits eingeführten Assoziationswirkungen) abstrakter Gestaltung zu erzielen sind«.³ Damit war eine Tür geöffnet, um die tatsächliche Vielfalt und Weite der in der DDR entstehenden Kunst auch kulturpolitisch zu akzeptieren, denn es gab immer wieder Rückfälle in dogmatische Denkweisen. 

  Natürlich wusste Feist, dass von den meisten Künstlern theoretisches Schubladendenken nicht akzeptiert wurde, doch er stärkte mit diesem Systematisierungsversuch auch jüngeren, eigenwilligeren Künstlern den Rücken, die es nicht immer leicht hatten, sich durchzusetzen. Wenn er nach der politischen »Wende« nun eindeutig von »dialektischem Realismus« sprach, so war das nur die logische Fortsetzung solcher Überlegungen. Denn die Einheit und der Kampf der Gegensätze, der dialektische Zusammenhang von Inhalt und Form, von Wesen und Erscheinung, von Wirklichkeit und Möglichkeit … – alles das begleitet auch heute ernsthafte künstlerische Schaffensprozesse, wenn auch in der kapitalistischen Gesellschaft andere, marktwirtschaftliche Bedingungen herrschen und hemmen. 

  Voller Selbstbewusstsein führte Feist für das spezifische Erscheinungsbild weltweit anerkannter Werke der bildenden und angewandten Kunst der DDR die Bezeichnung »die andere Moderne« ein. Er besetzte diesen Terminus für uns und überließ ihn nicht jenen, die heute mit höchstem Aufwand Belangsloses empormanipulieren. Die klassische Moderne – also die neuen künstlerischen Strömungen zwischen Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts – war Vorbild und Anregung für viele Maler, Graphiker, Bildhauer, Graphikdesigner, Kunsthandwerker usw. in der DDR. Bis in die Gegenwart wird aber mit diesem Begriff Schindluder getrieben, auch mit der Bezeichnung »Avantgarde«, deren eigentlicher Inhalt verfälscht wird. Feist schätzte Künstler, die nicht an dünkelhaftem Hochmut gegenüber dem Betrachter leiden, die ihn ernst nehmen und den Dialog mit ihm suchen, die sich nicht von ihm entfernen, sondern seine Erfahrungen nutzen und ihn fordern. 

  »Die andere Moderne« ist als Bezeichnung für in der DDR entstandene Kunst heute zu einem gängigen Begriff geworden, ebenso wie die von ihm eingeführte Bezeichnung »Epochenbild« für Gemälde – vor allem Simultanbilder, z. B. von Willi Sitte oder Ronald Paris –, die sich mit übergreifenden, viele Menschen bewegenden Fragen auseinandersetzen. Solche und weitere von Feist entwickelte wissenschaftliche Leistungen sind es, die sein Werk über sein Leben hinaustragen werden. Denn sie durchdringen die Kunst des vor 25 Jahren »angeschlossenen« Landes, ihre Entstehungsbedingungen und ihre Wurzeln. Darüberhinaus geben sie Anregungen für ein künftige linke Kunst und Kunsttheorie. 

  Lebensweg  Wer war Peter H. Feist, der am 26. Juli 2015, drei Tage vor seinem 87. Geburtstag, in Berlin starb? Viele bezeichnen ihn als Nestor der Kunstwissenschaft in der DDR. Es fällt auf, dass eine ganze Reihe von Künstlern und Kunstwissenschaftlern, die in der DDR in vorderster Reihe standen, aus Böhmen stammen: u. a. die Maler Willi Sitte, Walter Womacka und Willi Neubert und die Kunstwissenschaftler Rudolf und Karl Max Kober. 

Auch Feist gehört dazu. Geboren wurde er am 29. Juli 1928 in Warnsdorf (heute Varnsdorf in der Tschechischen Republik). Seine Eltern waren Ärzte. 

Als Jugendlicher wurde er in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges als Flakhelfer eingesetzt. 

  Nach der Umsiedlung seiner Familie holte er in Wittenberg 1947 sein Abitur nach und studierte anschließend bis 1952 Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie an der Martin-Luther-Universität Halle. Seine Diplomarbeit beschäftigte sich mit der Kunst des frühen Mittelalters. Bis 1958 blieb er an dieser Universität als Assistent und Oberassistent von Wilhelm Worringer am Kunsthistorischen Institut. Nach seiner Promotion zog er nach Berlin um, wurde an der Humboldt-Universität Oberassistent und habilitierte mit einer Schrift zum französischen Impressionismus. 1967 wurde er Dozent, 1968 Professor mit Lehrauftrag und 1969 ordentlicher Professor an der Sektion Ästhetik und Kunstwissenschaften. Ab 1977 leitete er den dortigen Wissenschaftsbereich Kunstwissenschaft. Neben einer ordentlichen Mitgliedschaft in der Akademie der Künste war Feist ab 1968 auch Mitglied des Zentralvorstandes des Verbandes Bildender Künstler der DDR und ab 1974 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR. Von 1982 bis zu seinem Vorruhestand 1990 leitete er das Institut für Ästhetik und Kunstwissenschaften dieser Akademie. Er war aktives Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V. Außerdem wirkte er in der nationalen Sektion der AICA, der UNESCO-Organisation der Kunstkritiker, als Präsident. Seine Gastvorlesungen führten ihn nach Prag, Sofia, Moskau, München, Stockholm, Uppsala und Lund, auch nach Finnland, Indien und Burma. 

  Als ich 1974 die Chefredaktion der Zeitschrift Bildende Kunst übernahm, begegnete ich ihm zum ersten Mal. Er war bereits ein langjähriges Mitglied des Redaktionskollegiums und blieb es bis zum Ende. Was mir auffiel, waren seine ruhige Art und seine wohlüberlegten Ratschläge, die einen förderlichen Einfluss auf die Planung der monatlichen Hefte hatten und die auch halfen, manche kulturpolitische Klippe zu umschiffen. In seiner Person vereinigte sich ein enzyklopädisches Wissen mit einem unaufdringlichen, beinahe bescheidenen Auftreten. Er vermied beim Sprechen und Schreiben bombastische Formulierungen, erzeugte logische Klarheit durch eine ausgereifte Stilistik; sein Gedankenführung kam mit wenigen Fremdwörtern aus. Insofern war er nicht nur als Kunsthistoriker, sondern auch als Verfasser von Texten – als Sprachpfleger – ein Vorbild. In manchem Streit bewährte er sich als Ruhepol. 

  Seine besondere Neigung zur Kunst der Bildhauerei kam schon in einer seiner ersten Buchpublikationen, dem Bändchen »Plastiken der Deutschen Romanik«, zum Ausdruck, der 1958 im Verlag der Kunst Dresden erschien. Es folgten im Seemann Verlag Leipzig die Bände »Auguste Renoir« (1961) und »Prinzipien und Methoden marxistischer Kunstwissenschaft: Versuch eines Abrisses« (1966). Dem Impressionismus wandte er sich immer wieder zu, u. 

a. in seinen Büchern »Impressionistische Malerei in Frankreich« (1970), »Renoir 1841–1919. Ein Traum von Harmonie«, das 1987 im Taschen Verlag Köln erschien, »Impressionismus. Die Erfindung der Freizeit« (1993) und »Malerei des Impressionismus 1860–1920« (1997). Er veröffentlichte 1986/87 eine zweibändige »Geschichte der deutschen Kunst. 1760–1848 und 1848–1890«, nahm 1996 das Thema der Bildhauerei in seinem Buch »Figur und Objekt. Plastik im 20. Jahrhundert« wieder auf und arbeitete am »Metzler-Kunsthistoriker-Lexikon« mit, das 1999 in Stuttgart herauskam und 200 Porträts deutschsprachiger Autoren aus vier Jahrhunderten vorstellt. Sein Essay »Die Formen der Kassandrarufe«, den er für die 2004 im Verlag Arte Misia Press Berlin erschienene exzellente Monographie über Heidrun Hegewald schrieb, gehört zum Besten, was über diese Malerin, Graphikerin und Schriftstellerin veröffentlicht wurde. Für das Lexikon »Künstler in der DDR«, das im Jahr 2010 als Projekt der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde (GBM) im Verlag Neues Leben erschien und etwa 7.000 Künstler erfasst, schrieb er das Vorwort. Darin heißt es: »Die Fülle und Vielgestaltigkeit der im Osten Deutschlands entstandenen und rezipierten Kunst kann ebenso wenig als ein weißer Fleck auf der Landkarte der Weltkunst im 20. Jahrhundert behandelt werden wie der soziale und politische Versuch, der hier unternommen wurde, zu einer bloßen Fußnote der Geschichte entwürdigt werden sollte.«⁴ 

  Engagement in der GBM-Galerie  Nach 1989/90 fühlte er sich mit zahlreichen, für realistische Kunst offenen Galerien und Vereinigungen eng verbunden. 2001 schrieb er einen engagierten »Epilog« gegen die Entscheidung des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, eine lange geplante Willi-Sitte-Ausstellung zu verbieten. Er gehörte zu den Begründern des Freundeskreises »Kunst aus der DDR«, der am 19. Mai 2004 innerhalb der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde e.V. (GBM) ins Leben gerufen wurde, und eröffnete 2003 und 2011 Ausstellungen mit Malerei und Graphik von Ronald Paris in der GBM-Galerie. 

Mit diesem Maler verband ihn – wie auch mit Willi Neubert, Willi Sitte und Walter Womacka – eine besondere Freundschaft. Zur Vorbereitung der Exposition von 2011 holte ich ihn, dem das Laufen immer schwerer fiel, aus seinem Pankower Haus zu einem gemeinsamen Besuch im Rangsdorfer Atelier von Ronald Paris ab. Die Gespräche vor den Bildern und im sommerlichen Garten sind mir in guter Erinnerung. Je älter Feist wurde, umso mehr rückten wir zusammen. 

  Seine Eröffnungsreden waren Glanzpunkte in der GBM-Galerie. Heute denke ich, dass ihm dieses Gebrauchtwerden trotz seiner gesundheitlichen Probleme gut tat. 2007 hielt er die Laudatio für den Karikaturisten Harald Kretzschmar, 2011 für den Berliner Künstler Hans Vent und 2014 für den Städtemaler Konrad Knebel. 2012 hatte er dasselbe für die von ihm sehr verehrte Emerita Pansowová getan. Wie subtil er Kunst beurteilen konnte, hörte man auch aus seinen Worten für diese Bildhauerin heraus: »Seit dem 19. Jahrhundert verachten viele Künstler das Porträtieren, weil es angeblich die künstlerische Freiheit einschränke. (…) Emerita Pansowová bleibt hingegen beim Porträtieren, und sie findet den spannenden, fruchtbaren Ausgleich zwischen der notwendigen erkennbaren Ähnlichkeit mit der dargestellten Person und andererseits einer Formung, die erkennen lässt, dass es sich um ihre eigene, persönliche Ansicht handelt. Sie will nicht, dass man ihre Ansicht für die einzig richtige hält, was sehr oft das Bestreben von Künstlern oder auch von Auftraggebern ist. Sie gestaltet so, dass das Bildnis als eine noch unabgeschlossene Annäherung wirkt und auch unter wechselndem Lichteinfall lebendig zu pulsieren scheint.«⁵ 

  Es war nicht nur eine Dankesgeste dieser Künstlerin für einen klugen Laudator, dass sie den Wunsch äußerte, Peter H. Feist zu porträtieren. 

Es war vielmehr die Achtung vor einer Lebensleistung. So stand also der Kunsthistoriker der Bildhauerin Modell. Sie wird sich auch nach seinem Tod mit dieser Arbeit weiter beschäftigen. Der Dargestellte wird das Endergebnis nicht mehr sehen können. Emerita Pansowová schrieb mir: »Was mir bleiben wird, ist sein Vertrauen; das wird mich auf meinem Weg immer begleiten. Er wird für viele von uns unvergessen bleiben – mit großer Achtung vor einem Leben und Wirken im Dienst der bildenden Kunst.« 

  Anmerkungen  1 Der sowjetische Politiker Andrej A. Schdanow (1896–1948) hatte in seinen theoretischen Arbeiten den Maler Ilja Repin als alleiniges leuchtendes Vorbild für den sozialistischen Realismus Stalinscher Prägung gefeiert. 

  2 Alle Zitate aus: Peter H. Feist: DDR-Kunst: Was bleibt? Prämissen für eine neue Kunstgeschichtsschreibung, in: Bildende Kunst, Heft 7/1990, S. 

55–57 

  3 Peter H. Feist: Aktuelle Tendenzen in der sozialistisch-realistischen Kunst der DDR, in: Bildende Kunst, Hefte 7 und 8/1976 

  4 Lexikon. Künstler in der DDR, hg. von Dietmar Eisold, Verlag Neues Leben, Berlin 2010, S. 8 

  5 Aus der Laudatio von Prof. Dr. Peter H. Feist zur Eröffnung der Ausstellung mit Werken von Emerita Pansowová in der GBM-Galerie, in: Akzente, Monatszeitung der GBM, 167. Ausgabe, Januar/Februar 2013, S. 6 

 

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